Heinz-Walter Hoetter

Fünf Horror Geschichten

1. Schachspiel des Todes


 

 

Der Horror ist nichts für schwache Nerven.“


 

***


 

Im letzten Stockwerk des Museums machte Alissa die geschwätzige Reiseleiterin auf eine seltsame Tatsache aufmerksam, dass sich immer mehr Mitglieder der Reisegruppe entweder absichtlich entfernt hatten oder auf andere Weise irgendwo in dem unübersichtlichen Labyrinth der Gänge und Säle verloren gegangen seien. Aufgetaucht ist seitdem niemand mehr. Die Betreuerin der Reisegruppe, eine etwa 40jährige gut aussehende Dame mit langen schwarzen Haaren und einem extrem körperbetonten Kostüm, kümmerte sich die ganze Zeit mehr um einen reichen, grau melierten Mitfünfziger, als um die zurückgebliebenen Nachzügler der Gruppe.

Bei der Führung der Touristen durch die alten Gemäuer einer teilweise wieder aufgebauten Kleinstadt aus dem 21. Jahrhundert plauderte die Reiseleiterin ununterbrochen über die in dieser Abteilung des Museums untergebrachten Attraktionen, anstatt zusammen mit der Betreuerin auf die desorientierten Leute aufzupassen, die jetzt wahrscheinlich irgendwo herumirrten und keine Ahnung davon hatten, wo sie sich befanden.

Das gewaltige Museum bestand aus über fünfundzwanzig Stockwerken und war mehr als zehnmal so lang wie ein Fußballstadion. Ganz oben, wo sich Alissa jetzt mit der Reisegruppe befand, herrschte vollkommene Stille. Hier waren die elektronischen Riesenrechner aus einer längst vergangenen Zeit untergebracht, die einstmals von mittelalterlichen Computeringenieuren und künstlerisch begabten Informatikern ersonnen, gebaut und programmiert worden sind.

Das 18jährige Mädchen Alissa blieb einfach stehen und betrachtete die beeindruckende Schönheit dieser uralten Geräte, die schon längst in die Annalen der menschlichen Kulturgeschichte eingegangen waren. Man sah sie als äußerst wertvolle Stücke an, von denen es nur noch sehr wenige auf der Erde gab. Einige dieser elektronischen Ungeheuer funktionierten sogar noch.

Nach einer Weile des stummen Staunens und neugierigen Betrachtens wollte sich Alissa an die Reiseleiterin wenden, um einige Fragen an sie zu richten. Doch mittlerweile hatte sich die Gruppe von Touristen in unbekannter Richtung entfernt und nun stand sie selbst völlig allein mitten in der großen Museumshalle für altertümliche Computer, von denen etwa dreißig dieser grauen mannshohen Metallkästen wie eine Kompanie erstarrter Robotersoldaten in mehreren versetzten Reihen hintereinander aufgebaut waren. Das Mädchen konnte sich für einen Augenblick nicht des Eindrucks erwehren, von den stillen Maschinen beobachtet zu werden, deren bunte Kontrolllämpchen für den Bruchteil einer Sekunde mehrmals hintereinander schwach aufleuchteten.

Alissa bekam es mit der Angst zu tun und versuchte die Reisegruppe wiederzufinden, doch nachdem sie die nächste Halle erreicht hatte, wo ebenfalls mehrere Korridore zusammenliefen, verfehlte sie die Richtung und irrte in den Räumlichkeiten herum, deren hohe weißgrau marmorierten Wände mit wissenschaftlichen Apparaturen aller Art vollgestopft waren. Die jahrhundertealten Gerätschaften füllten die Innenräume der nachgebauten Laboratorien aus, wo einstmals Wissenschaftler am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts in ähnlich aussehenden Labors wichtige Experimente durchführten.

Die Zeit war natürlich an den kostbaren Sammlungen nicht spurlos vorübergegangen. Trotz chemischer Konservierungsmittel rosteten die Stahl- und Blechteile an einigen Stellen langsam vor sich hin. Sogar der Kunststoff war davon nicht ausgenommen, der immer wieder von einem unbekannten Mikroorganismus befallen wurde, der besonders die Farbe beseitigte, die auf vielen Artefakten als Oberflächenschutz aufgebracht war.

Alissa sah sich nach allen Seiten um. Von ihrer Gruppe war nirgends etwas zu sehen. Nach einer halben Stunde erfolglosen Suchens gab das Mädchen auf und beschloss, auch wegen der unheimlichen Atmosphäre dieses trotz seiner atemberaubenden Größe sonderbar stillen Ortes, auf eigene Faust zum Aufzug zurückzukehren, um ins Erdgeschoss hinunterzufahren. Dort unten wartete vor den gewaltigen steinernen Säulen des Museums auf einem weitläufigen Parkplatz ihr Touristenbus, der nicht ehr wegfuhr, bis alle seine Passagiere wieder vollzählig an Bord waren.

Der Weg zum nächst gelegenen Aufzug war durch auffällig gelbe Hinweistafeln an den Wänden gekennzeichnet und Alissa brauchte nicht lange, da erreichte sie am Ende eines schmalen mit Ornamenten reich verzierten Korridors eine hell beleuchtete Aufzugskabine, deren elektrisch betriebene Schiebetür weit offen stand. Das Mädchen ging hinein, stellte sich in die rechte Ecke und drückte auf den runden Knopf mit einem großen E darauf. Leise surrend setzte sich der Schließmechanismus in Bewegung bis die Kabinentür ganz geschlossen war. Dann sauste der Aufzug nach unten, der nach kurzer Fahrt aber zwischen zwei Stockwerken plötzlich stehen blieb. Alissa betätigte automatisch den Notruf gleich neben der Stockwerkstastatur und wartete auf eine Antwort. Nach etwa einer knappe Minute des ungeduldigen Wartens drang aus den über den Etagenknöpfen angebrachter Lautsprecher eine sanfte männliche Stimme.

Hallo Alissa! Möchtest du einmal etwas ganz besonderes erleben? Wir hätten da was für dich, was dir bestimmt gefallen würde.“

Wer spricht da mit mir? Und was soll diese komische Fragerei?“

Willst du die Frau eines Königs werden, die erste Dame in seinem Königreich? Na, wie wäre es damit? Ja oder nein? Es liegt ganz an dir, Alissa! Warte nicht zu lange mit der Entscheidung. Der Aufzug setzt seine Fahrt nach unten bald wieder fort und dann werde ich dich nicht mehr fragen können.“

Sie scherzen doch nur mit mir?“

Nein!“ sagte die Männerstimme noch sanfter. „Du kannst es wirklich werden.“

Und wie?“

Nichts leichteres als das. Wir suchen gerade eine geeignete Person für die Stelle als Königin. Die frühere Königin musste leider abdanken. Der gesamte Hofstaat erwartet dich.“

Wo?“

Mach schnell! Die Aufzugskabine setzt ihre Fahrt gleich fort. Drücke einfach auf den blauen Knopf. Alles andere überlasse mir. Die „bunte Veranstaltung“ geht in ein paar Minuten weiter. Wir warten auf dich.“

Als die unbekannte männliche Stimme das Wort „bunte Veranstaltung“ ausgesprochen hatte, wurde Alissa mit einem Schlag klar, die anfangs von dem geheimnisvollen Vorschlag überrascht worden war, dass hinter dem Sprecher nur eine ganz gezielte Touristenattraktion stecken könne, die vom Reiseveranstalter zu Unterhaltungszwecken organisiert wurde. Das junge Mädchen liebte solche Überraschungen und warum sollte sie da nicht mitmachen? Vielleicht fand das ganze Schauspiel in den alten Ruinen der Kleinstadt aus dem 21. Jahrhundert statt, wo sie heute schon mal mit der Reisegruppe durchgegangen war. Nicht selten hörte sie von malerischen Schlössern, die es damals gegeben haben soll, in denen noch echte Königinnen und Könige mit ihrem gesamten Hofstaat untergebracht waren. Wiewohl sich Alissa in der Chronologie vergangener historischer Epochen nicht sehr gut auskannte, freute sie es doch bei dem Gedanken an ein amüsantes Spiel, zumal sie es von den Höhen eines königlichen Thrones aus bewundern durfte, wenn ihre Zusage bald geschähe.

Das Mädchen drückte schnell mit dem rechten Zeigefinger auf den blauen Knopf und sogleich setzte sich der Aufzug mit einem fast unmerklichen Ruck wieder nach unten in Bewegung. Allerdings fuhr die Kabine am Erdgeschoss vorbei, wo das Zählwerk die Ziffer „Null“ anzeigte, bis sie schließlich zur Etage des sechsten unterirdischen Stockwerks hinunterfuhr und dort anhielt. Alissa wunderte sich über diesen Umstand, glaubte sie doch, dass es im Museumsgebäude gar nicht so viele Keller geben könne. Dann öffnete sich surrend die Schiebetür wieder und das Mädchen verließ das helle Innere des Aufzugs und trat hinaus auf einen reich mit Ornamenten und Bildern verzierten Korridor, wo sich am anderen Ende eine weitere Tür befand, die nur leicht angelehnt war. Alissa stieß sie auf und sah in einen Saal hinein, wo sich in der Mitte eine Schar Touristen aufhielt. Die Gruppe bestand aus all jenen Personen, die bei der Museumsbesichtigung hinter der Reisegruppe zurückgeblieben waren und sich im Gebäude verirrt hatten. Als sie das etwas verängstigte Mädchen sahen, fingen sie an zu lachen und auch Alissa lächelte ihnen zu. Jedenfalls hatte sie ihre Freunde wieder und bekam auf einmal große Lust dazu, sie zu umarmen und abzuküssen.

Kaum war sie allerdings ein paar Schritte im Saal gelaufen, wäre sie beinah vor Schreck erstarrt. Denn gerade in dem Moment, als sie über das unverhoffte Wiedersehen der verloren geglaubten Gruppenmitglieder vor lauter Erleichterung tief durchatmete und darüber nachdachte, dass ihr kleines Abenteuer glimpflich ausgegangen war, wurde einem der wartenden Männer mit dem kräftigen Schlag einer mit beiden Händen fest umklammerten Axt krachend der Schädel gespalten, sodass der Erschlagene nach allen Seiten Blut spritzend zu Boden sank. Am anderen Ende des Saales schoss plötzlich eine stählerne Tentakel aus der dunklen Ecke, griff sich mit einer Art Fleischerhaken den leblosen Körper und zog ihn an die Wand, wo schon ein stinkender Haufen fürchterlich zugerichteter Leichen herumlagen. Die abgeschleppte Leiche hinterließ einen hässlich aussehenden roten Streifen Blut.

Alissa brachte vor Entsetzen den Mund nicht mehr zu. Sie wollte schreien, aber ein schmerzhafter Krampf unterdrückte jeden noch so leisen Ton aus ihrer verkrampften Kehle. Instinktiv lief sie zurück zum Ausgang des Saales, wo sich der Korridor zum rettenden Aufzug befand. Das Mädchen strauchelte, fiel auf den harten Boden, rappelte sich in Panik sofort wieder hoch und torkelte weit nach vorne gebeugt auf die offene Tür zu. Aber eine fremde Kraft schien ihre Muskeln zu beherrschen, die sie am Weiterlaufen hinderte. Dann rissen irgendwelche mechanischen Arme ihre Kleider vom Leib bis sie nackt mit dem Rücken vor den verzweifelten Menschen stand, von denen einige hysterisch lachend auf einen weiteren Schlag mit der unheimlichen Axt warteten. Alissa konnte nicht glauben, dass das, was sie hier erlebte, Wirklichkeit sein sollte.

Das Mädchen wurde plötzlich von den herumfahrenden Armen am Kopf gepackt und in eine aufrechte Haltung gezwungen. Dann kam eine schaufensterpuppenähnliche Gestalt auf sie zu, die sie in ein langes, reich mit goldenen Spitzen besetztes Kostüm kleidete. Seltsamerweise war sie ihr dabei behilflich, obwohl sich alles in ihrem Kopf vor Entsetzen dagegen sträubte. Alissa konnte trotz der körperlichen Fixierung den Kopf frei bewegen. Sie schaute nach allen Seiten und bemerkte voller Erstaunen, dass ihr etwas bewusst wurde. Der Blick für die blutige Situation wurde von Sekunde zu Sekunde klarer und sie sah Dinge, die ihr vorher gar nicht aufgefallen waren.
Einmal abgesehen von dem erstaunlichen Verhalten der auf ihre Hinrichtung wartenden Menschen, die unablässig lächelten, teils apathisch dastanden oder hysterisch herumtanzten, fielen dem jungen Mädchen andere sonderbare Einzelheiten an ihrem unnatürlichen Aussehen auf. Alle trugen diese komischen Gewänder, die der Kleidung des früheren Altertums ähnelten. In ihren Händen trugen sie entweder einen Dreizacken, blitzende Schwerter, mit Eisenzacken besetzte Streitkolben oder Speere.

Wenige Minuten später ereignete sich ein neuer Zwischenfall, der Alissa das Blut in den Adern gefrieren ließ. Eine mit einem Speer bewaffnete Frau schleuderte vor ihren Augen diesen mit ungeheurer Kraft von sich und durchbohrte damit die Brust eines jungen Mannes, sodass die Spitze der Waffe hinten aus seinem Rücken fuhr. Er kippte mit einem gurgelnden Laut zur Seite und blieb zuckend auf dem Boden liegen. Die Frau trat mit federnden Schritten zu ihm hin und riss mehrere Male an dem Speer herum, bevor sie ihn aus dem grässlich blutenden Leib zog. Der Mann schrie vor Schmerzen und bäumte sich im Todeskampf noch einmal auf bevor er leblos wegsackte und starb. Wieder schoss die Harpune aus der dunklen Ecke, bohrte sich in die Eingeweide des toten Mannes und zog den schlaffen Körper rüber an die Wand zu den anderen Leichen.

Während Alissa so dastand und bis auf den Kopf kein anderes Körperteil bewegen konnte, zog der Haken zwei weitere entsetzlich verstümmelte Menschen in die Leichenecke. Dann kehrte Stille ein. Unter der Last vor Angst beinahe ohnmächtig, umkreiste das Mädchen auf ein geheimnisvollen Befehl hin den Rest der Touristengruppe, bis sie an eine Stelle kam, wo sie die Nische mit einem schwarzen Computer darin entdeckte. Das zweite Elektronengehirn bemerkte sie früher und ein anderes, das auf der gegenüberliegenden Seite in einer abgedunkelten Ecke stand, dessen Gehäuse weiß angestrichen war.

Alissa ging langsam ein Licht auf. Mit aller Macht trat sie mit beiden Füßen unter Aufbringung des Restes ihres freien Willens gegen die Metallwand des weißen Computers, aus dem im gleichen Augenblick ein dünner Rauchfaden herausschoss, gefolgt von einer Serie lauten Knackens. Dann gab es einen Kurzschluss. Die Lichter im Saal gingen aus und man konnte den Geruch der brennenden Kabelisolierung riechen. Noch einmal schaltete sich das Saallicht ein und erst jetzt erkannte das junge Mädchen, dass der Boden des Saales ein riesiges Schachbrettmuster bedeckte, wo auf den schwarzen und weißen Feldern die vor Angst schwitzenden Touristen wie Gespenster herumstanden. Eine Notbeleuchtung schaltete sich automatisch ein als das Deckenlicht des Saales vollends erlosch. Dann kam ein Reparaturteam aus mehreren Roboterpuppen, die eine Zeit lang brauchten, bis wieder alles ordnungsgemäß funktionierte. Nur das Saallicht blieb so, wie es war. Dann setzten die Computer das Schachspiel fort.

Das Schachbrett hatte eine Seitenlänge von etwas zehn oder zwölf Metern. Im Schein der trüben Notbeleuchtung verblassten die weißen Felder ein wenig, doch blieben sie weiterhin sichtbar. Alissa verstand nun, warum die mechanischen Diener sie in ein Kostüm gesteckt hatten, das von Kopf bis Fuß weiß war. Sie war die Dame, die weiße Königin. Diese Tatsache stimmte sie im ersten Augenblick optimistisch: Sie befand sich zur Zeit nämlich am Rand des Schachbretts auf der Seite des schwarzen Computers

Noch befanden sich auf dem Schachbrett zwanzig Leute. An der Wand lagen die Leichen der übrigen zwölf, die bereits aus dem Schachspiel ausgeschieden waren. Die Touristen trugen die unterschiedlichsten Helme und Hüte auf dem Kopf und waren derart gekleidet, dass man sie als Schachfiguren erkennen konnte. Jeder trat in seiner Rolle auf. Die meisten der Unglücklichen schauten ängstlich nach allen Seiten, hatten aber mittlerweile begriffen, dass sie ihren Part als Schachfigur nach den Regeln des Schachs spielen mussten, wenn sie nicht von der Axt oder einer anderen Waffe getötet werden wollten. Bislang hatte wohl jeder geglaubt, dass er durch einen Stoß umkommen oder selbst zu einem vom Computer frei gewählten Zeitpunkt einen Stoß versetzen müsse. Ihnen wurde aber immer mehr bewusst, dass ihr Schicksal vor allem von der aktuellen Lage auf dem Schachbrett abhing.

Alissa war dem weißen Computer zugeordnet worden, der in der auszutragenden Partie die Reihenfolge vieler Schachzüge richtig vorausgesehen hatte. Deshalb war es ihm auch möglich gewesen, das Mädchen vorzeitig zur Teilnahme an der „bunten Veranstaltung“ einzuladen.
Als sie zusagte und später den Saal betrat, wurde sie sofort dem „mechanischen Willen“ der unsichtbaren Kraft untergeordnet und musste dann, als weiße Dame verkleidet, einige Zeit später gehorsam den Platz eines Mannes einnehmen, der vom Schachbrett abtrat, als sie vor ihm erschien. Dieser Mann spielte die Rolle des „weißen Bauern“, der es aufgrund der richtigen Schachzüge des weißen Computers bis zur achten Linie geschafft hatte, wo die Weißen das Recht besaßen, ihren Bauern durch eine andere Figur ihrer Wahl zu ersetzen, was dann auch geschehen war.

Kurz nach dieser entscheidenden Spielwendung erhielt Alissa von einer mechanischen Hand, die aus dem Dunkeln des Saales hervorschoss, nicht nur eine goldene Krone auf den Kopf, sondern auch eine Armbrust in die Hände gedrückt. Daraufhin wandte sie sich der Mitte des Schachbretts zu und von einem plötzlichen Impuls getrieben, drückte das Mädchen auf den Abzug der Waffe. Sie hörte das Schwirren der Sehne, konnte aber nicht erkennen, welches Ziel ihr abgeschossener Pfeil traf, weil sie die Augen noch vor dem Schuss schloss. Das schlanke Geschoss bohrte sich ausgerechnet in den Hals jener Frau, die zuvor den jungen Mann mit dem Speer grausam niedergemetzelt hatte. Nach dieser tödlichen Aktion zwangen die unsichtbaren Kräfte Alissa zum Verlassen des besetzten Feldes und sie nahm die Position ihre Opfers ein. Auch diesmal wehrte sich das Bewusstsein des jungen Mädchens gegen den permanent vorhandenen fremden Willen, aber ihre Muskeln gehorchten anderen Gesetzen.

Die Antwort des schwarzen Computers dauerte nicht lange. Mit dem Schwert seines Bauern schlug er dem weißen Springer den Kopf ab, der von einem älteren Herrn mit einem Dreizack in den Händen gespielt wurde. Alissa kannte ihn von der Busfahrt her, da er neben ihr am Fenster Platz genommen hatte. So kamen sie beide automatisch ins Gespräch.

Der Schlag des schwarzen Bauern, ein ehemaliger Boxer, wurde mit derart großer Kraft geführt, dass dem Alten nach dem Hieb die gezackte Waffe im hohen Bogen aus der Hand fiel und in die Abdeckung des weiß farbigen Computers schlug, hinter der etwas zersplitterte. Auf einem seiner Monitore erschienen einige Störlinien und im gleichen Augenblick wechselte Alissa, die weiße Königin, zum Nachbarfeld rüber, aber schon nach wenigen Sekunden eines fürchterlichen Zitterns in den Gliedmaßen wegen verließ und auf ihren vorherigen Platz zurückkehren musste. Das junge Mädchen wusste jetzt, dass der weiße Computer in einem früheren Spielabschnitt offenbar seine Königin bzw. Dame verloren oder, wie man vielleicht sagen würde, um der Verbesserung der Lage seiner Figuren auf dem Schachbrett willen bereitwillig geopfert hatte.

Jetzt allerdings waren schon sehr viele Figuren abgeräumt worden und keine der beiden Parteien besaß ein zahlenmäßiges Übergewicht, das heißt, keine verfügte über eine größere Anzahl von Spielfiguren, was für eine Meisterpartie typisch war. Ob die Weißen durch die Wiedergewinnung ihrer Königin oder Dame ein Übergewicht bekommen hatten, war bei der makaberen Lage nur sehr schwer abzuschätzen. Die Angst ließ eine genaue Analyse des Spiels nicht zu.

Plötzlich flackerte am schwarzen Computer ein rotes Lämpchen. Seine Kameraobjektive richteten sich auf die weiße Königin. Der weiße Computer spulte im gleichen Moment das letzte Stück der Aufzeichnung des Spiels um, zeigte mit dem Pfeil die Störungsstreifen auf dem Monitor an und ließ das Mädchen Alissa mit den Füßen auf das von ihr besetzte Feld stampfen, worauf der Schwarze, als ob er die Ursache der Störung nicht zu Kenntnis genommen hätte, die Reihe der Warnsignale wiederholte.

Es war klar, dass der schwarze Schachspielcomputer unter Berufung auf die bekannten Spielregeln gegen den schändlichen Entschluss seines Gegenspielers protestierte, der mit seiner Königin/Dame einen unüberlegten Schachzug gemacht und diese kurz danach schnell wieder zurückgezogen hatte, wohingegen sich der Weiße mit der augenblicklichen Unpässlichkeit durch die eingetretene Beschädigung mit dem Dreizack entschuldigte.

Das Spiel kam zum Stillstand. Erst als eine mechanische Hand, gesteuert von dem dritten Schiedsrichtercomputer, aus dem hinteren dunklen Teil des Saales mit einem schweren Hammer drohend auf den weißen Computer zufuhr, war dieser dazu bereit, sich an die harten Spielregeln zu halten. Alissa bekam den Befehl, auf das umstrittene Feld zurückzukehren. Noch während sie ihren erzwungenen Standortwechsel vornahm, dachte sie darüber nach, dass ihr während der Stadtbesichtigung ein Komponist aufgefallen war, der mehrmals gedankenversunken die Gruppe verloren hatte, bevor er ganz verschwand. Nun defilierte dieser Mann, den Helm des Turmes auf dem Kopf, an dem jungen Mädchen vorbei und blieb drei Felder weiter stehen, wo er die schwarze Königin/Dame verteidigte, die von seiner Freundin gespielt wurde, die eine bekannte Opernsängerin war. Auf der Schulter trug sie eine Waffe und wartete auf den Zug der Weißen.

Alissa blickte zu ihr hinüber und bemerkte ihren flehentlichen Blick. Die Opernsängerin war vor lauter Angst der Ohnmacht nahe. Trotzdem nahm das Mädchen die Armbrust hoch, spannte den Kolben und zögerte aber aus unbekannten Gründen noch etwas. Der Gedanke war erschreckend und absurd genug, dass der weiße Computer sich deswegen für den Austausch der schwarzen Königin/Dame entschieden hatte, damit nach ihrem Tod der schwarze Turm in einer etwas schlechteren Position zu stehen käme. Dann zwangen die feindliche Kräfte Alissa dazu den tödlichen Pfeil abzuschießen, der die Freundin des Komponisten direkt zwischen die Augen traf und tief in ihr Gehirn eindrang. Durch die Wucht des Schusses wurde der Schädel der Opernsängerin in zwei Hälften gespalten, was zur Folge hatte, dass sich ein entsetzlich aussehender Blutschwall über ihren zusammengesackten Körper ergoss und das Schachbrett an dieser Stelle in einem häßlich aussehenden Rot färbte.

Im Bewusstsein des Mädchens trat eine unheimliche Leere ein. Sie empfand es so, als hätte sie in einen Spiegel geschossen und sich dabei selbst getroffen.

Dann erblickte sie das vor Schmerz ergraute Gesicht des Komponisten, der mit ansehen musste, wie der Leichnam seiner lieben Freundin am Fleischerhaken weggezogen wurde und auf den Haufen der übrigen verstümmelten Toten landete. Ein paar Sekunden später drehte sich der schwarze Turm zu Alissa rüber und bewegte sich auf sie zu. Sein schwerer Axthieb fuhr nur wenige Zentimeter an ihrem Kopf vorbei und trennte ihr den rechten Arm ab. Die weiße Königin/Dame stürzte zusammen mit dem schwarzen Turm auf das blutverschmierte Schachbrett, wo beide regungslos liegen blieben.

***

Alissa wachte auf. Im gleichen Augenblick verspürte sie statt Schmerzen am Arm eine wohltuende Kühle auf der Haut. Zuerst sah sie den blauen Himmel, der nur an wenigen Stellen mit Wolken bedeckt war und sich bis zum Horizont erstreckte. Das Mädchen setzte sich hin. Sie erblickte das weite Meer, wo sich an einem wunderschönen weißen Strand sanfte Wellen brachen. Über ihr war ein roter Sonnenschirm gespannt und ihr brauner Körper steckte in einem rosafarbenen Badeanzug. Der Wind zerzauste ihre langen blonden Haare. Überall sonnten sich Menschen und Kinder spielten lustig mit ihren Strandbällen.

Ein Weile schaute Alissa in die Ferne. Etwas behinderte ihre Aussicht. Sie bemerkte die Leitungen, die von ihrer Stirn zum Apparat in ihrer Urlaubstasche führte. Sie nahm den schweren Metallring vom Kopf, wickelte das Kabel um ihn herum und legte das Gerät auf die Stranddecke. Sie musste sich wenige Minuten besinnen, bevor sie ganz wahrnahm, wo sie sich eigentlich befand. Obwohl sie schon mit einigen Aufnahmen vertraut war, konnte sie es noch immer nicht ganz glauben, dass das gerade Erlebte nur eine gespenstische Illusion gewesen war, die man als kleine elektronische Speicherwürfel samt dazugehörigem Abspielgerät in sog. Traumläden entweder käuflich erwerben oder gegen eine entsprechende Gebühr ausleihen konnte.

Ein etwa 20jähriger Mann mit einem enorm gut durchtrainierten Körper trat auf Alissa zu. Er beugte sich zu ihr runter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Dann nahm er den kleinen Kubus aus dem Apparat und zeigte ihr die farbige Plakette mit der Aufschrift „Schachspiel des Todes“.

Na, wie hat dir die Illusion gefallen, Alissa?“

Es ist ein Alptraum!“ rief sie aus. „Wie konntest du so etwas Schreckliches nur kaufen?“

Du wolltest dir doch eine Horrorillusion reinziehen. Tu jetzt nicht so, als sei ich daran Schuld, wenn dir das Ganze an die Nerven gegangen ist.“

Endet denn jede Geschichte mit dem Tod des Zuschauers? Man hat mir zum Schluss den Arm mit einer Axt abgetrennt und bin wohl elendig verblutet.“

Ja, ausnahmslos.“ antwortete der kräftige Mann in der schwarzen Badehose. „Auch dann, wenn die Projektion plötzlich unterbrochen wird, kommt der Held oder die Heldin augenblicklich durch irgendeinen Unfall um. – Aber sollten wir jetzt nicht lieber etwas schwimmen gehen und uns schöneren Dingen zuwenden, Alissa?“

Ja, du hast Recht!“ sagte das Mädchen und hielt dem jungen Mann beide Hände hin, damit er sie hochziehen konnte. Dann fuhr sie fort: „Komm, lass uns zum Strand runtergehen. Ich brauche eine kleine Erfrischung.“

Auf dem Weg zum Meer hatte Alissa den seltsamen Eindruck, dass der weite Strand aussah wie ein riesiges Schachbrettmuster. Ängstlich schmiegte sie sich an den jungen Mann, der ihr Freund war und schwor sich, nie wieder eine Horrorillusion anzusehen.


 


 

Ende

(c)Heinz-Walter Hoetter


 


 


 


 

2. Der Jäger


 

"Das Opfer ist des Jägers Tod."

***


Es ging auf den Abend zu. Die dunklen Schatten der riesigen Bäume wurden länger und länger, verschwanden jedoch schlagartig, als die Sonne von einer großen Wolkenwand knapp über dem Horizont verschluckt wurde.

 

Der Jäger Georg Palmer fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Er schaute aufmerksam nach allen Seiten. Dann nahm er sein Strahlengewehr vom dreirädrigen Robotmobil und klemmte es mürrisch unter den rechten Arm. Er tat das nur ungern, weil die Müdigkeit von ihm langsam Besitz ergriff, und er ausgerechnet jetzt noch mehr Gewicht bergauf zu schleppen hatte, als ihm lieb war.

 

Das Roboterfahrzeug wurde nie müde; nun, das war bei einem solchen Ding ja auch nicht anders zu erwarten. Den ganzen Tag hindurch hatten sie zusammen einen Hügel nach dem anderen abgesucht. Jetzt schmerzten seine Füße von der andauernden Überanstrengung, aber an eine kleine Verschnaufpause war im Moment trotzdem nicht zu denken.

 

In dieser Gegend standen zudem noch viele Bäume dicht an dicht und ihre Äste reichten oft bis zum Boden hinunter, sodass Palmer die meiste Zeit gebückt dahin laufen musste; der flinke Roboter dagegen hielt leicht mit ihm Schritt. Er stellte seine Achshöhe je nach Bedarf einfach niedriger. Auch machte ihm die hohe Laubschicht keine Schwierigkeiten. Seine breiten Ballonräder fuhren einfach darüber hinweg.

 

Die grün leuchtenden Instrumente auf der Anzeigentafel lieferten ihm ununterbrochen Informationen aus der näheren Umgebung, weshalb Georg Palmer die ganze Zeit unter Anspannung stand. Er beäugte jeden Strauch und jeden Baum gleich zweimal, bevor er weiterging. Aber während der letzten halben Stunde war die Fährte, die er verfolgte, immer mehr verblasst. Palmer wollte sich deshalb auf dem Kamm des nächsten Hügels ein wenig ausruhen und wies den Dreiradroboter an, auf der erhöhten Lichtung vor ihnen anzuhalten. Hier war die Laubschicht der Bäume besonders dünn, was das Gehen erleichterte.

 

Palmer war schon viel zu lange über den braun goldenen Blätterteppich gelaufen, der das Vorwärtskommen ziemlich erschwert hatte. Auch seine Nackenmuskulatur tat ihm weh, weil er die meiste Zeit Oberkörper und Kopf wegen der tief hängenden Äste gesenkt halten musste, was auf Dauer sehr unangenehm war.

 

Endlich erreichte er die Anhöhe, wo sein quirliges Robotergefährt schon auf ihn wartete. Palmer atmete die frische Luft ein paar Mal tief ein und wieder aus. Schließlich schaute er sich um. Die Rundumsicht war von hier oben einfach großartig; das düster wirkende Land war zerklüftet und so gut wie unbewohnt, aber dafür hatte Palmer jetzt kein Auge übrig.

 

Plötzlich gab sein Roboter eine Infrarotwarnung und wies mit seinem dünnen Antennenstab auf eine mannsgroße Wärmequelle direkt vor ihnen im Gelände hin. Fast gleichzeitig entdeckte auch Palmer den Mann, der halb versteckt hinter einer mächtigen Eiche stand und offenbar Angst vor Palmer und dem Roboter hatte. Unsicher beobachtete der Fremde die herum kurvende Maschine, die mit einer kleinen Strahlenkanone auf ihn zielte.

 

Als Georg Palmer die Hand vorsichtig zum Gruß erhob, erwiderte der Unbekannte hinter dem Baum ihn nur zögerlich. Es vergingen ein paar Sekunden des gegenseitigen Schweigens, dann rief der Jäger seinen Namen und gab zusätzlich noch seine persönliche Kennzahl durch. Gleiches tat der Mann hinter dem Baum. Der intelligente Dreiradroboter prüfte umgehend die Information in seiner Datenbank, gab nach wenigen Augenblicken sein OK und bewegte sich mit Palmer zusammen auf die wartende Person zu.

 

Dann waren sie auf gleicher Höhe. Erst jetzt sah der Jäger ganz nebenbei die kleine Holzhütte, die hinter dem Fremden auf einer baum- und strauchlosen Rodung stand. Die beiden Männer schüttelten einander freundlich die Hände, und der andere gab sich mit seinem Namen Jack Flemming zu erkennen.

 

Ich bin der zuständige Forstaufseher für diese Region“, stellte er sich vor und zeigte gleichzeitig auf sein eingeschaltetes Funkgerät.

 

Ich wurde von der Zentrale davon unterrichtet, dass Sie sich hier in der Gegend aufhalten, Mr. Palmer. Ich weiß auch, dass Sie ein Jäger sind.“

 

Palmer schaute den Forstaufseher argwöhnisch an und sagte dann mit forschender Stimme: „Dann hat man Sie sicherlich schon davon unterrichtet, dass ich hinter einem Werwolf her bin.“

 

Hinter einem Werwolf, der ahnungslose Menschen anfällt, sie tötet und dann frisst? Hier in meinem Gebiet? Nun ja, es hat Gerüchte von schrecklich zugerichteten Leichen gegeben. Keiner weiß genau, von wem die stammen. Vielleicht ist da was wahres dran, vielleicht auch nicht. Richtig ist, dass sich in dieser Gebirgs- und Waldregion viele herum schleichen, die hier nichts zu suchen haben, seit ein großer Teil der einheimischen Bevölkerung in die Städte abgewandert ist. Der riesige Raumflughafen in Slateport City bietet den Leuten einen sicheren Arbeitsplatz und viel Geld. Alle wollen da hin, weil er viel Abwechselung bietet. Die unterschiedlichsten Lebensformen aus allen Ecken des Universums scheinen sich dort zu treffen. Von den möglichen Gefahren spricht keiner, die von den fremdartigen Lebewesen ausgehen können. Aber niemand macht sich darüber Gedanken. Soll mir auch egal sein.“

 

Im Ton des Mannes schwang ein wenig Enttäuschung mit, da er es offensichtlich bedauerte, dass die einheimischen Bewohner die natürliche Gegend hier verlassen hatten, um in die große Stadt mit ihrem gewaltigen Raumschiffhafen zu ziehen, wo das Leben für sie angeblich angenehmer und aufregender sein soll.

 

Doch dann fuhr er schnell mit seiner Rede fort und blickte dabei nach oben in den dämmrig gewordenen Himmel.

 

Auf jeden Fall haben Sie sich genau den richtigen Zeitpunkt ausgewählt. Die Nacht ist gut für die Jagd auf einen Werwolf, sollte es so eine Bestie hier überhaupt geben.“

 

Wie meinen Sie das?“ fragte Palmer energisch zurück.

 

Wir haben heute Vollmond. Die Werwölfe erreichen dann ihre größte Macht, wenn der Mond voll am nächtlichen Himmel steht“, gab der Forstaufseher zur Antwort und tat so, als kenne er sich mit diesen fürchterlichen Monstern gut aus.

 

Palmer musste dem Mann trotzdem Recht geben, und genau deshalb wurde er seine innere Unruhe nicht los. Er war davon überzeugt, dass es diesen Werwolf wirklich gab.

 

Der dreirädrige Roboter hielt sich derweil in der Nähe der beiden Männer auf und drehte seine Antenne in alle Richtungen. Plötzlich setzte sich das Gefährt schaukelnd und holpernd in Bewegung. Palmer, der Jäger, folgte dem Roboter bis zum Rand einer kleinen Felswand hinter der Holzhütte, wo er neben der Maschine stehen blieb.

 

Dort ist das Tal der verschwundenen Wanderer. Leider kann man von hier aus den Fluss nicht erkennen, an dessen Ufer man angeblich einige grässlich verstümmelte Leichen gefunden haben will“, erklärte der Forstaufseher Jack Flemming, der lautlos hinter Palmer getreten war und ihn deshalb ein wenig erschreckte. Er mochte es nicht, wenn man ihm zu nah auf die Pelle rückte.

 

Was Sie nicht sagen. – Haben Sie denn schon mal einen Werwolf leibhaftig zu Gesicht bekommen oder ist Ihnen in der letzten Zeit irgend jemand aufgefallen, der ein Werwolf sein könnte, Flemming?“

 

Mmh...! Heute früh sah ich jemanden kommen. Ja. – Sein Name ist Gyfal Berinsky. – Zuerst kam er alleine, dann waren plötzlich mehrere da“, erwiderte der schlanke Forstaufseher grübelnd. Sie alle identifizierten sich allerdings mit ihren Kennzahlen. Aber ich habe mit keinem von ihnen gesprochen; sie sagten auch nichts zu mir. Ich empfand das als ungewöhnlich, doch dachte ich mir, dass diese Leute wohl schon einen Grund dafür hätten. Vielleicht wollten sie nur in Ruhe gelassen werden. Mehr nicht! Das soll’s ja auch geben.“

 

Kannten Sie die Leute vielleicht? Oder einige von ihnen?“ fragte Palmer neugierig.

 

Was heißt kennen? Ich kenne viele hier aus dieser Gegend. In den Wäldern trifft man tagsüber immer wieder auf irgendwelche Touristen, mit denen man redet. Darunter sind auch Männer, die sich manchmal mehrere Monate hier in dieser waldreichen Naturlandschaft aufhalten. Sie streifen überall herum. Sogar in den Bergen habe ich schon welche von ihnen angetroffen. Einige sehen tatsächlich ziemlich verwildert aus und tragen eine lange Mähne. Man könnte wirklich Angst vor ihnen bekommen. Jedoch taten sie mir niemals etwas zuleide. Außerdem bin ich gut bewaffnet.“

 

Aber Sie fürchten sie trotzdem und würden des Nachts lieber keinem dieser Typen begegnen wollen. Es könnte ja ein Werwolf unter ihnen sein – oder?“

 

Ich sagte ja schon, dass hier gewisse Gerüchte im Umlauf sind, die auch mir Angst einflößen. Man sagt ja, dass diese Ungeheuer nicht menschlich sind und über Kräfte verfügen, welche die unseren weit übersteigen“, antwortete Flemming und fuchtelte mit seinen Armen beschwörend in der Luft herum.

 

Diese Drecksviecher kann man töten. Wir verfügen über widerstandsfähige und kampferprobte Roboter und besitzen sehr effektive Waffen. Eine ernstliche Bedrohung sind sie eigentlich nicht", sagte der Jäger abschätzig.

 

Flemming sah Palmer plötzlich mit ernstem Gesichtsausdruck an.

 

Sind Sie sich da so sicher? Sie reden wie diese verwöhnten Stadtmenschen aus Slateport City mit ihrem riesigen Raumschiffhafen weiter oben an der Küste. Der wachsende Wohlstand lässt die Leute degenerieren. Wie lange sind Sie denn schon hier und pirschen hinter diesem vermeintlichen Werwolf her, Palmer?“

 

Seit mehr als zwei Woche. Einmal meinte ich schon, ich hätte ihn getroffen, als ich meine Strahlenwaffe auf ihn abgeschossen habe. Er sah aus wie ein alter Mann mit sehr langen grauen Haaren und kantigen Gesichtszügen und langen Reißzähnen. Er lief in Richtung ihres Gebietes.“

 

Ich habe niemanden gesehen. Egal wie auch immer. Bleiben Sie und essen Sie mit mir! Es wird sowieso gleich dunkel und ich brauche mal einen Menschen, mit dem ich reden kann.“

 

Ok, einverstanden! Ich hole nur meinen Roboter zurück und postiere ihn draußen vor dem Eingang Ihrer Hütte, falls Sie nichts dagegen haben. Er wird gut auf uns aufpassen. Sein Verteidigungsmodus schaltet sich automatisch ein, sobald seine Infrarotsensoren etwas Ungewöhnliches bemerken sollten.“

 

Wenn Sie damit Ihr Sicherheitsgefühl befriedigen können, soll es mir recht sein, Palmer“, gab der Forstaufseher spontan zur Antwort und aß genüsslich ein Stück eines wilden Tieres, das er fast roh hinunter schluckte.

 

Georg Palmer fühlte sich davon angewidert und verzehrte dafür lieber seine eigenen Rationen aus dem Robotermobil, das sich jetzt wie ein stählernes Denkmal vor dem Eingang der Holzhütte postiert hatte. Die gefährlich wirkende Strahlenkanone bewegte es dabei langsam nach allen Seiten, als würde es damit die gesamte Umgebung nach Feinden absuchen.

 

Glauben Sie, dass es diese Werwölfe auch schon woanders gibt“, fragte Flemming plötzlich den verblüfften Jäger.

 

Sie meinen in den Städten – oder?“

 

Ja“, nickte Flemming.

 

Möglich. Man hat schon davon gehört. Genaues weiß man nicht. Einen Fall soll es aber bereits oben an der Küste gegeben haben. Dort fand man am Strand zwischen den abgestellten Fischerbooten die menschlichen Überreste einer schrecklich zugerichteten jungen Männerleiche. Die Bestie hat nur noch die blanken Knochen und ein paar Fetzen Fleisch übrig gelassen.“

 

Teufel noch mal, Palmer. Das sind ja richtige Gruselgeschichten, die Sie mir da erzählen. Mir wird angst und bange.“

 

Plötzlich flackerte das Deckenlicht in der Hütte, was störend wirkte.

 

Der Stromgenerator macht manchmal Schwierigkeiten. Nichts besonderes. Wir wollen aber jetzt lieber nicht über Werwölfe und andere Ungeheuer sprechen“, bat Flemming und stopfte sich die nächste Portion rohes Fleisch zwischen die Zähne. Palmer sah einfach weg und hätte fast gewürgt. Dann kam er auf das Thema Werwölfe zurück.

 

Zusammen mit den Robotern werden wir sie alle jagen und erledigen“, sagte er zuversichtlich und deutete auf seine gefährliche Strahlenwaffe hin, die neben ihm am Tisch lehnte.

 

Kann schon sein. Aus Ihnen spricht die reine Jägerseele“, sagte Flemming, machte dabei ein ziemlich säuerliches Gesicht und schaltete etwas unhöflich sein Handphon ein, als wollte er Palmers Worte einfach ignorieren.

 

Wenig später tat es ihm Palmer nach. Die Vermittlung meldete sich sofort, und er bat darum, an die Satellitennachrichten angeschlossen zu werden. Man sagte ihm allerdings, er solle die Vermittlung in einer Stunde wieder anwählen, weil die Leitung überlastet sei.

 

Flemming dagegen hatte einen spannenden Spielfilm eingeschaltet. Offenbar benutzte er eine andere Satellitenverbindung. Palmer konnte von seinem Platz aus die Bilder auf dem Monitor des Forstaufsehers nur verzerrt sehen. Er stand deshalb auf und ging zur Hüttentür.

 

Der Roboter stand draußen, ignorierte ihn jedoch. Über der gesamten Rodung lag ein merkwürdiges Licht; es herrschte tiefes Zwielicht, denn der Mond ging gerade auf und sein gespenstischer Schein ergoss sich auch über den vor ihm liegenden Hügel, der jetzt einen düsteren Eindruck auf ihn machte. Der Jäger war erstaunt darüber, wie schnell der Tag vergangen war. Er wurde sich plötzlich seiner eigenen Existenz bewusst, die nur eine begrenzte Lebensspanne umfasste. Dieser nach innen schauende Blick war für ihn ein wenig ungewohnt, sodass er sich auf einmal selbst davor ängstigte, noch dazu in dieser mondhellen Nacht, die ihm irgendwie unwirklich vorkam. Er dachte darüber nach, dass es nun höchste Zeit sei, den Werwolf, oder was es auch immer zu sein pflegte, aufzuspüren, um ihn zu töten, damit er so schnell wie möglich zur Stadt zurückkehren kann.

 

Als er so draußen vor dem Eingang der Hütte stand, hörte er, wie Flemming hinter ihm herankam.

 

Es tut mir leid, Palmer“, sagte er, „dass ich vorher so unhöflich zu Ihnen war, obwohl ich mich eigentlich doch darüber gefreut habe, Sie bei mir zu haben. Ich gebe zu, dass ich eigensinnig und engstirnig bin. Wissen Sie, ich bin die Städter nicht gewöhnt. Das ängstigt Sie wohl ein bisschen. Sie dürfen deshalb nicht beleidigt sein. Ich hoffe nicht, dass Sie glauben könnten, ich selbst sei vielleicht ein Werwolf, nur weil ich hier draußen so gerne in der Wildnis lebe und rohes Fleisch esse. Das tue ich nicht immer, was Sie mir ruhig glauben dürfen.“

 

Ich könnte Sie einem Bluttest unterziehen, sofern Sie dem zustimmen würden, Flemming. Dann wären alle Zweifel zwischen uns beiden ausgeräumt.“

 

Der Jäger griff instinktiv nach seiner Strahlenwaffe und hielt sie mit beiden Händen fest umklammert.

 

Nur so für alle Fälle“, bemerkte er nebenbei.

 

Flemming starrte ihn an und sagte dann: „Kann ich verstehen, Palmer. Sie glauben also, der Werwolf könnte hier in der Gegend sein? Vielleicht ist er Ihnen sogar gefolgt, anstatt Sie ihm? Könnte es sogar sein, dass er Sie angelockt hat, ohne dass Sie es selbst bemerkten? Was meinen Sie?“

 

Sie sagten ja vorhin schon, dass Vollmond ist. Er ist mit Sicherheit hier ganz in meiner Nähe“, gab ihm Palmer zur Antwort.

 

Irgendwo zwischen den Bäumen hinter der Rodung erklang ein unheimlicher Schrei, der gleich mehrmals hintereinander wiederholt wurde.

 

Flemming bat den Jäger wieder in die Hütte zu kommen und die Tür zu schließen. Dann stellte er eine Flasche Wein und zwei Gläser auf den Tisch, den sie zusammen tranken.

 

Wollen Sie heute noch den Werwolf töten oder was sie dafür halten, Palmer?“

 

Wenn er sich mir zeigt oder es nur den Anschein hat, dass er sich in dieser Gegend herumtreibt, will ich ihn in dieser Nacht noch töten. Mein Roboter wird mir dabei helfen. Danach gehe ich in die Stadt zurück.“

 

Palmer, du irrst. Es gibt keine Werwölfe. Die Menschen glauben an so viele unsinnige Dinge und sogar daran, dass es diese Bestien gibt. Aber ich weiß es besser. Glauben Sie mir.“

 

Palmer runzelte die Augenbrauen und blickte mit wachsendem Argwohn zum Forstaufseher hinüber, der ihn plötzlich mit seltsamen Blick anstarrte.

 

Aber damit will ich nicht sagen, dass es keine Ungeheuer oder Monster gibt, die Menschen jagen, sie töten und danach sogar gierig auffressen. Doch, doch..., es gibt sie“, sagte Flemming mit einem seltsam grunzenden Ton in seiner Stimme.

 

Georg Palmer bemerkte ausgerechnet in diesem Augenblick mit Entsetzen, wie sich alles vor seinen Augen zu drehen begann und die Arme seltsam schwer wurden. Irgendwas stimmte hier nicht. Der Wein war manipuliert. Er griff nach seinem Glas und schlug es mit letzter Kraft vom Tisch. In Panik versuchte er sich noch aufzurichten, um an seine Strahlenwaffe zu gelangen, was ihm jedoch nicht mehr möglich war. Er rutschte im nächsten Augenblick kraftlos wie eine Gummipuppe wehrlos vom Stuhl und fiel der Länge nach polternd auf den Holzfußboden, wo er mit paralysiertem Körper liegen blieb.

 

Trotzdem konnte er die grunzenden Worte Flemmings noch deutlich hören, wenngleich sie sich wie ein fernes Echo anhörten.

 

Ach Palmer, wissen Sie eigentlich, dass Sie mir wie eine Fliege ins Netz gegangen sind? Wie ich schon sagte, es gibt sie wirklich, diese schrecklichen Monster. Niemand hat sie eigentlich je direkt zu Gesicht bekommen und wenn doch, dann hat es keiner von ihnen überlebt. Man erzählt sich eine Menge unheimlicher Geschichten über diese Bestien. Ich glaube sogar Hunderte von Geschichten, die alle von dieser schrecklich bösartigen Kreatur berichten, die keine menschliche sein soll. Manche behaupten sogar, sie könne die Gestalt von Menschen annehmen und sich von einer Sekunde auf die andere in ein mit langen Zähnen und scharfen Klauen ausgestattetes Ungeheuer verwandeln, das wie eine aufrecht gehende Echse aussieht und eine Schuppenhaut hat. Es spuckt schwarzen Eiter aus, der so giftig sein soll, dass jedes Lebewesen augenblicklich daran stirbt. Wenn es sein Opfer gefressen hat, verschwindet es wieder unauffällig und taucht lange Zeit nicht mehr auf. Ich persönlich halte es für ein Alien, das aus den unergründlichen Tiefen des Alls hin und wieder den Planeten Erde besucht, um auf Jagd zu gehen. Tja, aber genug der vielen Worte. Ich werde dich jetzt töten und dann fressen, Palmer. Deine Jagd ist hier auf jeden Fall zu Ende. Ein für allemal!“

 

Georg Palmers Blick nahm verschwommen wahr, wie Flemming sich langsam Schritt für Schritt in eine echsenartige Kreatur mit riesigen Reißzähnen verwandelte und wenige Augenblicke später eine schwarz aussehende Flüssigkeit über ihn ausspie. Er wollte noch schreien, brachte aber, weil schon im Todeskampf liegend, keinen Ton mehr über die Lippen.

 

Die Bestie grunzte zufrieden, als sie die Leiche des Jägers gierig in Stücke riss und genüsslich verspeiste. Nur die Knochen blieben übrig. Dann holte die hässliche Kreatur einen silbrig glänzenden Bumerang aus der geöffneten Tischschublade hervor, drückte mit seiner Pranke sanft eines der kryptischen Zeichen auf der metallenen Oberfläche und löste sich kurz darauf wie ein verblassendes Bild langsam auf. Wenige Augenblicke später war die blutrünstige Gestalt im Nichts verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.

 

***

 

Unter den zahlreichen Passagieren eines gewaltigen interstellaren Raumschiffes befand sich auch ein großer hager aussehender Mann in einer schwarzen Raumfahreruniform. In seiner rechten Hand hielt er ein silbrig glänzendes Artefakt, das aussah wie ein Bumerang.


„Persönliches Eigentum“ stand als amtlicher Vermerk auf einem kleinen ovalen Zettel, den eine freundlich lächelnde Mitarbeiterin der intergalaktischen Fluggesellschaft auf den silberfarbenen Gegenstand aufgeklebt hatte.

 

Als der Mann in seiner Passagierkabine angekommen war, legte er die Rückenlehne seines Sitzplatzes zurück und verdunkelte den kleinen Raum, um sich vor fremden Blicken zu schützen.

 

Nach einer Weile war er eingeschlafen und manchmal war es so, als würde sich sein menschlicher Körper, wenngleich auch unmerklich für wenige Sekundenbruchteile nur, in die hässliche Gestalt eines echsenartigen Monsters verwandeln.

 

 

ENDE

 

 

©Heinz-Walter Hoetter


 


 


 

3. Die Realtraum AG


 


Träume haben unfehlbare Auswirkungen auf unser Leben.


 


***


Ein fürchterlicher Schrei ließ den alten Steve McCamlan um drei Uhr nachts im Bett hochfahren.

Draußen peitschte der Regen auf das Dach und trommelte unablässig gegen das geschlossene Schlafzimmerfenster seines gemütlich eingerichteten Hauses, das er sich vor knapp acht Jahren als Altersruhesitz von einer unverhofften Erbschaft gekauft hatte. Das Anwesen befand sich in einer äußerst ruhigen Wohngegend und war rundherum von einem schönen gepflegten Garten umgeben. Die weitläufig angelegte Siedlung wurde durch eine holprige Asphaltstraße in zwei Hälften geteilt, die an ihrem Ende, vor einem kleinen Buchenwäldchen, als Sackgasse in einem breiten Rondell mündete.

 

McCamlan warf die wärmende Bettdecke zur Seite, setzte sich auf und lauschte.

Dann rief er nach seiner Frau.

Susan...?“

 

Erst jetzt fiel McCamlan ein, dass seine Frau gar nicht zu Hause, sondern tags zuvor in aller Herrgottsfrüh zu ihrer etwas jüngeren Schwester in die nah gelegene Stadt gefahren war. Sie wollte erst am Wochenende wieder zurück kehren. Etwas verlegen kratzte sich der alte Mann an seine runzlige Stirn, nachdem er seinen Irrtum bemerkt hatte. So was war ihm schon lange nicht mehr passiert

 

Dann lauschte er noch einmal.

 

Da draußen muss auf jeden Fall etwas gewesen sein. Es klang wie der Schrei eines verletzten Menschen. Vielleicht kann ich vom Wohnzimmerfenster aus etwas erkennen. Ich schau' sicherheitshalber mal nach. Man weiß ja nie, ob jemand in Gefahr ist und Hilfe braucht“, murmelte McCamlan halblaut vor sich hin.

Der Alte konnte seine Neugier jetzt einfach nicht mehr bändigen. Schließlich schlüpfte er in die warmen Filzpantoffeln, ging mit schlürfenden Schritten hinüber ins Wohnzimmer und zog das schwere Fensterrollo hoch. Dann schob er vorsichtig die Gardine zur Seite, um freien Blick nach draußen zu bekommen. In diesem Moment schoss plötzlich ein greller Blitz vom dunklen Nachthimmel herunter, der Sekunden später von einem lauten Donnerschlag gefolgt wurde.

 

McCamlan zuckte vor Schreck zusammen, blickte dennoch unbeirrt weiter aus dem Fenster und beobachte angestrengt die schlecht beleuchtete Straße vor seinem Grundstück. Eine Serie von heftigen Blitzen folgten kurz hintereinander. Sie ließen für einige Augenblicke die Nacht zum Tage werden. Fast zeitgleich bemerkte er plötzlich eine regungslos da stehende Person auf dem schmalen Fußgängerweg, die dicht an seinem Gartenzaun lehnte und offenbar schon seit längerer Zeit sein Haus beobachtete.

Erschrocken und leicht irritiert über diesen seltsamen nächtlichen Besuch ließ McCamlan abrupt die Gardine los, stellte sich etwas abseits hinter den bodenlangen Vorhang, wo man ihn nicht sehen konnte und hoffte insgeheim, dass er sich vielleicht nur getäuscht hat.

Er dachte darüber nach, was zu tun sei. Dann ging er hinüber zum Wohnzimmerschrank und holte aus der rechten oberen Schublade seine Halogentaschenlampe, die dort für Notfälle hinterlegt war. Anschließend nahm er wieder den gleichen Platz am Wohnzimmerfenster ein und ließ den hellen Lichtkegel der Taschenlampe durch den prasselnden Regen an der Innenseite des Straßenzauns seines Grundstücks entlangfahren.

 

Da!

 

Der alte McCamlan ließ den unruhig zitternden Lichtkegel zurück huschen. Er hatte sich also doch nicht geirrt. Die dunkle Gestalt stand immer noch wie erstarrt vor dem Zaun und blickte unverwandt direkt zu ihm herüber. Ein mulmiges Gefühl stieg jetzt in dem Alten hoch, denn er war ganz allein im Haus. Irgendwie machte ihn das hilflos und total unsicher. Er wünschte sich in diesem Moment, seine Frau Susan wäre jetzt bei ihm.

Steve McCamlan riss sich trotz steigender Nervosität zusammen. Ihm war mehr oder weniger klar, dass nur ein Verrückter oder ein Einbrecher auf die absurde Idee kommen könne, so spät in der Nacht, noch dazu bei diesem Unwetter, draußen herumzulaufen, um andere Leute durch ihr irres Verhalten zu erschrecken. Bei diesem Gedanken fing der alte Mann an zu schwitzen, denn er musste sich eingestehen, dass seine Situation im Augenblick mehr als nur beängstigend war.

Dann erinnerte er sich plötzlich daran, dass er ja noch einen Trommelrevolver besaß, der seit vielen Jahren stets gut gepflegt zusammen mit einer vollen Schachtel Munition im Safe seines Arbeitszimmers lag. Jetzt ärgerte sich McCamlan darüber, dass er nicht gleich darauf gekommen war. Wenigstens konnte er sich damit wirksam verteidigen, wenn es brenzlig werden sollte.

 

Sofort kam ihm eine Idee, die er sogleich in die Tat umsetzen wollte.

Er verließ das Wohnzimmer, ging durch den langen Gang hinüber in sein Arbeitszimmer und holte den Revolver samt 9mm-Munition aus dem Safe. Nachdem er die Waffe geladen hatte ging er wieder in den Flur zurück, zog sich die Gummistiefel an und nahm den Regenponcho von der Garderobe, den er sich locker über die Schulter legte. Keine fünf Minuten später stand er draußen vor der Haustür mitten im strömenden Regen und marschierte zielstrebig durch den Eingangsbereich seiner Garageneinfahrt rauß auf die Straße, wo der unheimliche Fremde noch immer auf dem schmalen Gehweg am Zaun seines Grundstücks verharrte.

Etwa zwei Meter vor der regungslos da stehenden Gestalt blieb McCamlan vorsichtshalber stehen. Dann hob er die Waffe und zielte auf ihren Körper. Als ob sie ihn erst jetzt bemerkt hätte, drehte sich die Person plötzlich zu ihm herum, sodass der alte Mann ihr direkt ins Gesicht sehen konnte.

Den Revolver immer noch im Anschlag machte McCamlan instinktiv einen Schritt zurück, denn der Unbekannte war ein Mann, der etwa so groß war wie er. Sein hageres Gesicht sah knöchern und eingefallen aus, als hätte er seit mehreren Wochen schon kein richtiges Essen mehr zu sich genommen. Der Fremde machte auf den Alten einen ziemlich erbarmungswürdigen Eindruck, was ihn dazu bewog, ihn direkt anzusprechen.

Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?“ fragte er den völlig durchnässten Mann, der irgendwie nach faulendem Humus roch. McCamlan war einigermaßen verblüfft darüber, als dieser ohne Umschweife sofort antwortete. Seine Stimme klang tief und hallte ein wenig nach.

Sieh mal einer an! Der alte McCamlan bedroht mich mit einem Schießeisen. Pah...! Willst du mich vielleicht damit umbringen oder was? Steck' das Ding lieber gleich wieder weg! Damit kannst du bei mir sowieso nichts ausrichten, mein Guter.“
Dann tat er so, als wolle er einen Schritt nach vorn machen, um seiner Aufforderung Nachdruck zu verleihen.

Steve McCamlan riss sofort den rechten Arm mit der Pistole in der Hand nach oben. Seine Worte überschlugen sich fast, als er den Unbekannten dazu aufforderte, keinen Schritt weiterzugehen.

Ok, ist ja schon gut! Nur nicht aufregen, McCamlan! Bleib' ganz ruhig! Ich muss zugeben, dass ich mich schon irgendwie darüber wundere, wie stark deine Emotionen noch sind, obwohl du doch schon längst tot bist.“

Der Alte stutzte nach diesen makaberen Worten des Fremden, der ihm jetzt irgendwie Angst einjagte. Seine Nerven lagen blank. Hatte der Kerl da vor ihm nicht gerade behauptet, er, McCamlan, sei längst tot?

Wie kommen Sie überhaupt dazu, mich für tot zu erklären, Sie Spinner! Wer sind Sie eigentlich und was wollen Sie von mir? Ich mag diese Art von dummen Spielchen nicht. Verschwinden Sie lieber, und zwar gleich auf der Stelle, bevor ich Sie noch aus Versehen erschieße, Sie unsympathischer Zeitgenosse.“

Sein Gegenüber kicherte plötzlich wie eine alte Hexe. Dann schaute er McCamlan direkt in die Augen und sagte mit warnender Stimme: „Schau' mich an, alter Mann! Was denkst du eigentlich wer ich bin? Sehe ich aus wie ein Verbrecher oder denkst du von mir vielleicht, ich sei verrückt? Weit gefehlt, mein Lieber! Ich bin der Tod und bin gekommen, um dich zu holen. Ein für allemal! Die meisten Menschen tun in meiner Gegenwart immer so, als ob sie mich nicht kennen würden..., selbst dann, wenn sie schon längst steif und kalt geworden sind wie du. - Merkst du das denn nicht?“

Steve McCamlan wurde plötzlich leichenblass im Gesicht. Die provozierenden Worte des Unbekannten, der sich ihm gegenüber als der personifizierte Tod ausgab, hatten ihn nicht nur zutiefst schockiert, sondern versetzten ihn auch in eine leichte Panik, die er nur schwer unter Kontrolle halten konnte. Die Situation ähnelte einem Albtraum, der sich zu verselbständigen drohte. Doch McCamlan behielt die Nerven.

 

Wenn ich tot sein soll, warum steh' ich dann hier draußen vor Ihnen im Regen und halte eine Pistole in der Hand? Können Tote vielleicht reden? Ich bin doch nicht irrsinnig! - Also lebe ich.“

Ach, McCamlan, schau doch mal richtig hin! Alles nur Einbildung! Der Regen geht durch dich hindurch, weil du ein körperloser Geist bist. Ein schwaches Abbild dessen, was du einmal warst. Mehr nicht! - Flüchtig wie Gas. Aber das geht den meisten Verstorbenen so. Sie glauben immer noch ganz fest daran, sie würden körperlich existieren und empfinden das auch so. Sie leben in einer Welt des Überganges, weil sie nicht loslassen wollen oder nicht loslassen können. Mach' also endlich Schluss mit dem Selbstbetrug und akzeptiere deinen eigenen Tod! Und wenn ich dich immer noch nicht davon überzeugt haben sollte, dann geh' mit mir in dein Haus. Dort zeige ich dir, dass du schon lange steif wie ein kalter Fisch in deinem Bett liegst und bereits langsam von den Würmern aufgefressen wirst. - Komm' mit, wenn du keine Angst vor dem Anblick deiner eigenen Leiche hast!“

Der alte Mann blickte nun skeptisch an sich runter. Tatsächlich musste er schockiert feststellen, dass die Regentropfen quer durch ihn hindurch schlugen und genau dort, wo er mit seinen vermeintlichen Gummistiefeln stand, im hohen Bogen spritzend auf dem Boden prasselten.

Ungläubig ging er zurück in sein Haus. Sofort suchte er das Schlafzimmer auf und trat mit zögerlichen Schritten an sein Bett, wo er sich selbst mit weit aufgerissenen Augen tot liegen sah. Ekel erregende Würmer und klebrige Maden krochen bereits überall in und auf seiner Leiche herum. Der verwesende Mund war wie zu einem stummen Schrei weit geöffnet.

Der Tod stand plötzlich wieder neben dem alten Mann. Verständnisvoll legte er dem stumm da stehen McCamlan die knöcherne Skeletthand von hinten auf die Schulter und sagte mit sonorer Stimme: „Na, was hab' ich dir gesagt? Du hast mir eben nicht glauben wollen. Jetzt hast du dich selbst davon überzeugen können, dass du wirklich gestorben bist. Der Tod lügt nicht und scherzt auch nicht bei seiner Arbeit. Komm' also mit! Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“

Der alte McCamlan fing an zu zittern wie Espenlaub, schlug plötzlich wie wild um sich und schrie dabei laut um Hilfe. Dann, mit einem Schlag, wurde es finster um ihn herum.


***

Eine Sirene erklang. Der Traumwächter ließ seinen prüfenden Blick über die einzelnen Kontrolllämpchen des mattgrünen Schaltpultes der Horrorabteilung für Realvisionen gleiten und sah sofort, dass im Raum Nr. XII etwas nicht stimmte. Ein älterer Klient lag in der geschlossenen Halluzinationsbox und schlug wie wild mit beiden Armen um sich. Er schrie verzweifelt laut um Hilfe.

Der Assistenzandroide klinkte sich aus seiner Wartevorrichtung und raste in die dezent abgedunkelte Abteilung für Alb- und Horrorträume. Mit ein paar Handgriffen öffnete er die schalldichte Luke der Box Nr. XII und gab dem alten McCamlan ohne lange zu zögern eine Beruhigungsspritze. Zwischenzeitlich war auch der Psychiater und Neurologe Dr. Mantell eingetroffen, der heute als Bereitschaftsarzt für diese Sektion eingeteilt war.

McCamlan hatte sich mittlerweile aus dem Körper angepassten Schalensitz erhoben und saß jetzt aufrecht mit schweißnassem Gesicht vor dem Nervenarzt, der ihn besorgt beobachtete.

Was ist passiert, Mister Camlan? War der Horrortrip zu real für Sie? Ich möchte höflichst darauf hinweisen, dass Sie selbst die Einstellung „extrem“ gewählt haben. Sie hätten besser auf uns hören und erst mit der niedrigsten Stufe anfangen sollen. Trotzdem möchte sich unser Team bei Ihnen entschuldigen. Wir sind natürlich daran interessiert, dass Sie auch weiterhin ein zufriedener Kunde unserer Realtraum AG bleiben und bieten ihnen daher für ihre nächste Session einen kostenlosen Sextrip mit einer 23jährigen Traumfrau an. Na, was sagen sie dazu?“

 

Ist schon Ordnung, Dr. Mantell. Ich nehme ihr Angebot dankend an. Das nächste Mal werde ich mich an ihre Ratschläge halten. Übrigens dürfen sie die elektronischen Aufzeichnungen meines Albtraumes vernichten. Der Trip war schrecklich..., einfach zu real. Darauf lasse ich mich in Zukunft nicht mehr ein. - Sowas möchte ich nicht noch einmal erleben."

Der Sektionsarzt nickte verständnisvoll und rief auf Wunsch von Mister McCamlan eines dieser geräuschlosen Transmissionstaxen, das bereits draußen wartete als McCamlan das gläserne Prachtgebäude der Realtraum AG verließ. Die Seitentür öffnete sich vollautomatisch und der alte Mann nahm auf dem weich gepolsterten Rücksitz gemütlich Platz. Sanft und geräuschlos schloss sich die Einstiegstür wieder. Dann fuhr das Taxi leise surrend davon.

Am Steuer saß eine knöcherne Gestalt in einem schwarzen, nach faulendem Humus stinkenden Anzug, die der alte Steve McCamlan wegen der getönten Scheiben beim Einsteigen in das Fahrzeug aber nicht sehen konnte.

Kurz darauf drang ein fürchterlicher Todesschrei aus dem davon brausenden Taxi, der allerdings im lauten Stadtverkehr unterging und von niemandem mehr gehört wurde.

 


Ende


©Heinz-Walter Hoetter


 


 

 

 

4. Das Monster treibt wieder sein Unwesen


 

 

Draußen herrschte ein erbarmungsloser Frost. Lange Eiszapfen hingen überall von den weit verstreut liegenden Gebäuden unterschiedlichster Bauformen und den Ästen der skurril aussehenden Bäume. Die weite Landschaft war mit einer dicken Schneeschicht überzogen, an einigen Stellen hatten die vergangenen, heftigen Schneegestöber die weiße Pracht meterhoch aufgetürmt.

Ich befand mich allerdings nicht auf der Erde.

Die wuchtige Schleusentür eines großen, igluartigen Hauses öffnete sich mit einem zischenden Geräusch. Warme Luft drang nach außen und kondensierte schlagartig zu einer flüchtigen Wolke aus feinen Eiskristallen.

Lazar Tarock hatte offenbar schon gewusst, dass ich kommen würde und den Öffnungsmechanismus der metallenen Haupteingangstür rechtzeitig in Gang gesetzt.

Wenn man einen Hundertjährigen besucht, erwartet man in der Regel einen alten Mann zu begegnen, der sich mehr oder weniger mit seiner Sterblichkeit bereits abgefunden hat und genau aus diesem Grunde eigentlich einen gewissen Grad an innerer Ruhe, Gelassenheit und schicksalsbedingter Resignation ausstrahlen sollte. Man spricht zwar nicht gern darüber, aber man kann zum Beispiel am leeren Blick der Augen und am gebrochenen Klang der Stimme hören, dass bei alten Menschen so eine Art Weltverdrossenheit oder das resignierende Gefühl von Lebensüberdruss vorherrschte, als gäbe es nichts, aber rein gar nichts mehr, was noch zu überraschen imstande gewesen wäre.

Lazar Tarock jedoch war zu meiner großen Überraschung ein reines Energiebündel, der jetzt mit entschlossenen Schritten zur geöffneten Schleusentür herauskam und zielstrebig durch den tiefen Schnee auf mich zuschritt. Sein eng anliegender, wärmender Ganzkörperanzug ließ ihn wie ein Raumfahrer aussehen.

Dann stand er vor mir. Bevor er sprach, atmete er eine kleine Nebelwolke aus und nahm mich konzentriert in Augenschein.

Sind Sie der legendäre Mike Storm?“ fragte er mich mit fester, sonorer Stimme und hielt mir spontan die rechte Hand zum Gruß hin.

Ja..., Mr. Tarock, der bin ich. Aber das mit dem ‚legendär’ lassen wir lieber mal weg.“

Na ja, auch gut. Nun kommen Sie schon herein junger Mann! Sie werden hier draußen noch erfrieren. Warum haben Sie keinen Thermoanzug an?“

Ich zögerte etwas.

Ich kam mit einer Schneeraupe. Die sind innen gut beheizt und der Weg zu Ihnen war nicht weit. Der Raumflughafen Telstar One liegt ja gleich mehr oder weniger um die Ecke“, erwiderte ich ihm.

Sie sind ziemlich leichtsinnig, mein Freund. Hier auf dem Planeten Lanthea sinken die Temperaturen bisweilen schon mal schlagartig auf Minus 60 Grad. Da sollten Sie so einen Ganzkörperanzug immer dabei haben. – Schon aus Sicherheitsgründen, wenn Ihnen was am eigenen Leben liegt.“

So gesehen haben Sie das Recht auf ihrer Seite“, gab ich schnell etwas verlegen zu und ging an Mr. Tarock vorbei in das kuppelartige Haus, dessen gemütlich eingerichteten Räume mich überraschten. Als ich das Ende des langen Röhrenganges durchquert hatte, stand ich plötzlich in einem Wohnraum vor einem brennenden Kaminfeuer. Knisternd stoben rotglühende Funken nach oben in den Abzug.

Der alte Lazar Tarock war mir unmittelbar gefolgt, ging schließlich hinüber zu einem Schrank und öffnete eine kleine Minibar. Dann sah er zu mir hinüber.

Nehmen Sie doch Platz, Mr. Storm! – Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“

Unbedingt“, gab ich auf der Stelle zur Antwort.

Er förderte einen Dekanter mit dunkelrotem Landwein zutage und als ich ihm meine Hilfe anbot, beharrte Mr. Tarock darauf, dass ich sitzen bleiben und mich entspannen solle.

Wie ich erfahren konnte, hatten Sie einen langen Flug“, sagte er mit Bestimmtheit und entfernte den Korken, schenkte zwei Gläser ein, reichte mir eins rüber und brachte ein Toast aus.

Auf alle, die in der interstellaren Raumflotte Dienst tun“, rief er aus und trank einen kräftigen Schluck aus dem Glas. Dabei strahlte er mich an, um mir zu zeigen, dass er sehr genau wusste, was er einmal gewesen war, und das die Leute ihn dafür zu schätzen wussten, dass er sich nicht davor scheute, alles über den Haufen zu werfen oder alte, überkommene Zöpfe abzuschneiden, wenn es die jeweilige Situation erforderlich gemacht hätte.

Also Mr. Storm“, fuhr Mr. Tarock fort, “es ist mir eine große Freude, Sie kennen zu lernen. Einen so großartigen Raumfahrer, noch dazu einen so jungen, hier bei mir zu Hause zu haben, kann ich kaum glauben. Ich kann Ihnen nur sagen, ich hätte einiges darum gegeben, dabei gewesen zu sein, als Sie Ihre Entdeckung gemacht haben. – Die Energiekristalle vom Planeten Cristall I. Alle Achtung! Eine großartige Entdeckerleistung, die die Raumfahrt grundlegend verändert hat. So jung und schon so erfolgreich. Man glaubt es kaum.“

Ich wehrte bescheiden ab. Die ganze Sache hatte sich sowieso anders abgespielt. Aber was soll’s? Die Leute erzählten die Geschichte immer wieder anders. Von Planet zu Planet. Ich hatte einfach keine Lust mehr dazu, sie wahrheitsgemäß zu korrigieren.

Mr. Lazar Tarock war ein gepflegter alter Herr, nicht groß, dafür aber sehr schlank und außerordentlich sehnig. Seine wachen Augen waren von einem tiefen Blau und er besaß die aufrechte Haltung einer Person, die halb so alt sein dürfte wie er. Seine Haut war braun und fast ohne Falten, sein Haar war weiß und seine Stimme klang klar und kraftvoll. Dieser alte Mann strahlte immer noch einen unbändigen Lebenswillen aus.

Lazar Tarock stellte den Dekanter auf einen kleinen Rolltisch ab, wo wir ihn alle beide erreichen konnten. Dann setzte er sich in einen bequemen Ledersessel, der gleich rechts neben mir stand. Der alte Mann räusperte sich ein wenig, blickte zu mir herüber und kam gleich zur Sache.

Ich nehme mal an, Sie kommen wegen meines Sohnes Orpheus.“

Richtig, Mr. Tarock.“

Auf einem Bücherregal und auf einem Nebentisch standen einige eingerahmte Fotos. Auf etlichen davon konnte man das Gesicht eines verwegenen Mannes mit weißem Backenbart erkennen. Wir sahen beide hinüber zu den Bildern und betrachteten sie eine zeitlang.

Ich verstehe“, antwortete er mir nach einer Weile des Schweigens. „Das ist schon in Ordnung und die ganze Sache ist auch gar nicht so kompliziert, wie Sie vielleicht denken mögen. Wissen Sie, mein Sohn hat die berühmten KI’s entwickelt, installiert und gewartet. Dreißig Jahre lang hat er für die intergalaktische Raumflotte gearbeitet, ehe er sich ein eigenes Raumschiff zugelegt hat und auf eigene Faust Erkundungsreisen zu unbekannten Planeten unternahm. – Aber ich denke mal, das wissen Sie bereits.“

Ja.“

Bitte erlauben Sie mir dennoch die Frage, Mr. Storm, warum Sie das alles interessiert? Hat es wohl möglich irgendwelche Probleme mit meinem Sohn Orpheus gegeben?“

Nein“, antwortete ich ihm. „Ich versuche nur herauszubekommen, was seinerzeit auf der Trident II passiert ist.“

Mr. Tarock brauchte einen Augenblick, um diesen Gedanken zu verarbeiten. Er schien sich nach innen zu kehren.

Das hat Orpheus sich auch immer wieder gefragt.“

Davon bin ich überzeugt“, erwiderte ich.

Das war eine ziemlich sonderbare Geschichte. Ich habe bis heute nicht verstanden, was genau passiert ist. Deshalb wüsste ich auch nicht, wie ich Ihnen helfen könnte.“

Der Wein ist sehr gut. Darf ich mir noch ein Glas einschenken?“ fragte ich Mr. Tarock. Ich wollte aber auch andererseits das Gesprächstempo etwas drücken.

Aber natürlich. Nur zu, junger Mann. Tun Sie sich keinen Zwang an.“

Danke. Der ist für Murphy.“

Murphy war ein hervorragender Kommandant gewesen. Ein Vorbild für alle jungen Raumfahrer“, sinnierte der alte Mann.

Das ist richtig. Er war auf dem ersten Schiff, das am Ort des Geschehens eintraf. Er und Lord Blake – Murphy war der 1. Kommandant auf der Poseidon - waren die Männer, die die Trident II nach den mörderischen Ereignissen entdeckt haben. Doch dann wurde Murphy ermordet. Seine Leiche wurde nie gefunden.“

Für einen kurzen Moment spiegelte sich Bedauern in den Augen des Hundertjährigen.

Hat Ihr Sohn Orpheus je mit Ihnen darüber gesprochen oder Ihnen davon erzählt, was da draußen passiert ist? Die Trident II war sein Raumschiff.“

Nein, einmal abgesehen von seinen persönlichen Gefühlen.“

Was hat er gefühlt?“

Anscheinend Angst. Nichts als reine Angst, die sich bei ihm bis ins schier grenzenlose Entsetzen steigerte.“

Ich bemerkte, wie der alte Mann den Kopf schüttelte und innerlich vor seinem geistigen Auge über die Jahre hinweg in die Vergangenheit zu blicken schien.

Ich weckte nur ungern schmerzhafte Erinnerungen, aber da gab es den Verdacht, dass Orpheus späterer Tod kein Unfall gewesen war.

Was denken Sie, warum man Ihren Sohn möglicherweise ermordet hat? Hatte es möglicherweise was mit der Entdeckung auf seinem Schiff zu tun?“ fragte ich mit der gebotenen Zurückhaltung.

Der alte Mr. Tarock bemerkte meine Vorsicht.

Ist schon in Ordnung. Ich bin über den Tod meines Sohnes schon lange hinweg. Sie wollen wissen, ob man ihn ermordet hat?“

Ich nahm einen Schluck Wein zu mir, setzte das Glas vorsichtig ab und sah Mr. Tarock direkt ins Gesicht. Seine Augen blinzelten plötzlich wie eine sprungbereite Katze. Diese Reaktion hatte ich eigentlich nicht erwartet. Ich tat so, als würde ich nichts bemerkt haben.

Was denken Sie?“ fragte ich ihn mit gespielter Ahnungslosigkeit.

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich weiß es ehrlich nicht.“

Ich hakte nach.

Wer konnte durch seinen Tod etwas gewinnen?“

Auch darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben, Mr. Storm. Mein Sohn war ein Abenteurer. Er kannte die Gefahren da draußen in den unendlichen Weiten des Alls. Er blickte dem Tod trotzig ins Antlitz. Ich bewunderte seinen Mut, der jedoch auch mit einer Portion Angst gepaart war. Er sagte immer, dass es keinen Mut ohne Angst geben würde. Ich machte mir auf der anderen Seite natürlich auch Sorgen um ihn. Wer tut das nicht als Vater?“

Der alte Mann machte eine kurze Pause, trank einen Schluck Wein und beendete seine Rede mit einer Frage.

Darf ich fragen, ob der Tod meines Sohnes etwas mit dem Geschehen auf seinem Raumschiff zu hat?“

Ich bin mir noch nicht ganz sicher, aber vor ein paar Tagen hat jemand die Zuleitungen der Antigravitationsspulen an meinem Gleiter sabotiert. Ich kann von Glück sagen, dass ich den Schleudersitz noch rechtzeitig bedienen konnte, bevor der trudelnde Gleiter auf dem Boden aufschlug und explodierte. Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe. Die Suchmannschaften fanden mich schließlich bewusstlos am Rande eines Eismeeres. Fast hätten mich die Eiswölfe gefressen.“

Mr. Tarocks Augen weiteten sich. Er sah mich an, ehe er wieder irgendwohin in weite Ferne zu starren schien. Seine Worte klangen etwas abwesend.

Das ist alles schon sehr merkwürdig. Ich bin froh darüber, dass Sie den Absturz heil überstanden haben und es Ihnen gut geht, Mr. Storm.“

Der Hundertjährige füllte unsere Gläser nach und brachte diesmal einen Toast auf mich aus.

Ich wünschte, Sie wären bei meinem Sohn Orpheus gewesen. Er würde bestimmt noch leben“, sagte er wehmütig und eine Träne rann über seine Wange. „Es ist viel über die Verbrechen auf der Trident II geredet worden. Sogar mein eigener Sohn geriet in Verdacht“, fuhr er verbittert fort und ich sah, wie er in seinen Erinnerungen wühlte.

Er machte wieder eine kleine Pause, bevor er weitersprach.

Und Sie denken wirklich, es gibt einen Zusammenhang zu Orpheus Tod?“ fragte er mich schließlich.

Die Falten um seinen Mund und seine Augen schienen sich dabei noch tiefer in die Haut zu graben. Sein Gesicht veränderte ein wenig die Farbe.

Aber sicher, Mr. Tarock“, antwortete ich ihm.

Er überlegte eine Weile, und was er auch immer sagen wollte, er sprach es jetzt nicht aus.

Ich machte mir ein paar Notizen. Ich hatte mir schon vor langer Zeit angewöhnt, dass es besser war, nicht die ganzen Gespräche aufzuzeichnen, weil das bewirkte, dass die Leute Hemmungen bekamen, frei zu sprechen.

Hat es vor dem Tod Ihres Sohnes irgendwelche Drohungen oder Warnungen gegeben, Mr. Tarock?“

Er nippte an seinem Wein und stellte das Glas behutsam auf den kleinen Rolltisch zurück.

Nein. Es gab nichts dergleichen. Es hat keinen Grund gegeben, dass ihm jemand ein Leid zufügen wollte. Nach dem Geschehen auf seinem Raumschiff Trident II allerdings schien er irgendwelche Geheimnisse zu verbergen. Er hatte sich verändert und wurde immer verschlossener. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

Ich hatte das komische Gefühl, er wünschte sich sogleich, er könnte die letzten Bemerkungen zurückziehen; aber es war zu spät, und so zuckte er nur mit den Schultern.

Mr. Tarock, warum glauben Sie, dass Ihr Sohn Geheimnisse hatte?“

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und dachte über meine Frage nach.

Wie ich schon sagte, er hatte sich verändert“, antwortete er schließlich.

Inwiefern?“

Ich kann das schwer in Worte fassen. Es kam mir so vor, als hätte jemand Besitz von ihm ergriffen. Er führte auch immer mehr Selbstgespräche, gerade so, als spräche er mit jemanden. Ich dachte anfangs, dass es nur eine vorübergehende Erscheinung bei ihm sei, aber da hatte ich mich geirrt. Es wurde noch schlimmer und bald stammelte er nur noch unverständliche Worte. Es klang wie eine fremde Sprache, die nur er verstand.“

Ich grübelte etwas.

Die Veränderungen in seinem Verhalten sind also erst nach der Trident II-Geschichte eingetreten, sagten Sie?“

Ja“, antwortete Mr. Tarock.

Für die nächste Frage wollte ich mir etwas mehr Zeit nehmen und überlegte mir, wie ich anfangen sollte. Schließlich legte ich spontan los.

Wo waren Sie zum Zeitpunkt des Geschehens auf der Trident II, Mr. Tarock.“

Der alte Mann erhob sich plötzlich, trat an den Kamin und stocherte ein paar Mal im Feuer herum.

Ich war damals auf Indianapolis, einer Außenstation im Alpha System. Die liegt im Musari-Sektor, außerhalb des Andromeda Nebels. Mein Sohn hatte mich Monate vorher dort abgesetzt und vorübergehend da ebenfalls Station gemacht. Wir waren eine kleine Gruppe ehemaliger Veteranen aus dem technischen Support. Wir hatten gemeinsame Interessen, und wir haben uns alle recht gut verstanden.“

Ich machte mir abermals ein paar Notizen. Auch dort, auf der Außenstation Indianapolis, hatte es ähnlich schreckliche Morde gegeben.

Wann haben Sie die Außenstation wieder verlassen, Mr. Tarock?“

Ich bin schon am nächsten Tag irdischer Zeitrechnung wieder abgereist. Ich weiß nicht warum ich das tat. Ich hatte so ein komisches Gefühl, vielleicht deshalb, weil ich ahnte, dass ich wohl eine lange Zeit von meinem Sohn nichts mehr hören würde. Nun, Sie müssen bedenken, dass er sich da draußen in der Unendlichkeit an Bord der Trident II befand und schon vorher monatelang zusammen mit seiner Crew unterwegs gewesen war. Sie waren auf dem Weg zu irgendeinem Zielort, ich weiß nicht mehr, zu welchem, und Orpheus testete gerade eine neue Generation von KI’s an Bord seines Schiffes. Ich nahm noch während des Fluges zur Trident II Kontakt zu ihm auf und habe von ihm fast täglich gehört. Irgendwann hat er mir eine verschlüsselte Botschaft zukommen lassen und darin geäußert, dass irgendwas seltsames auf der Trident II passiert sei, aber dass alles wieder in Ordnung kommen würde. Er schrieb, vermutlich wäre nur die Kommunikationsanlage ausgefallen. Dann hörte ich vorläufig nichts mehr von ihm.“

Und als Sie schließlich die Trident II erreichten, hat er Sie da weiterhin auf dem Laufenden gehalten?“

Nur bis auf das, was Sie schon wissen. Er wurde plötzlich von Tag zu Tag verschlossener und sprach nur noch mit sich selbst. Die ganze Crew bekam Angst vor ihm. Er wurde unberechenbar.“

Während Ihres Aufenthaltes auf dem Schiff Ihres Sohnes sind sechs Passagiere der Trident II so gut wie spurlos verschwunden. Hat er Ihnen nichts davon erzählt? Nicht einmal andeutungsweise?“ fragte ich argwöhnisch und verzog dabei die Mine etwas säuerlich.

Ja, ich habe davon gehört. Sozusagen auf Umwegen. Das war wirklich ärgerlich. Mein Sohn spielte die ganze Sache herunter. Er wollte wohl eine Panik verhindern. Immerhin befanden sich weit mehr als dreihundert Leute auf seinem Raumschiff. Er schien sich auch nicht sonderlich darüber aufgeregt zu haben. Einige andere Crewmitglieder haben mir später erzählt, dass irgendwas Furchtbares auf der Trident II passiert sein musste. Es gab anscheinend eine Reihe von bestialischen Morden an fünf oder sechs Besatzungsmitgliedern. Man fand lediglich nur noch einige verstreut herumliegende, blutverschmierte Knochen an den jeweiligen Orten dieser entsetzlichen Taten. Mehr kann ich darüber nicht sagen. “

Ich wusste auf einmal nicht mehr, wie ich meine nächste Frage loswerden sollte. Deshalb fragte ich Mr. Tarock, ob sein Sohn im Umgang mit anderen Leuten ehrlich gewesen war.

Soviel ich weiß, hat sich Orpheus stets korrekt benommen. Aber Unehrlichkeit und Korruption kann man bei keinem Menschen ganz ausschließen“, gab er mir zur Antwort.

Hätte er sich denn kaufen lassen? Was meinen Sie?“

Um möglicherweise etwas Unmoralisches oder Böses zu tun? Orpheus? Nein, das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen. Er war eine ziemlich starke Persönlichkeit und voller Selbstbewusstsein.“

Aber ganz ausschließen würden Sie es nicht?“

Ich sagte Ihnen doch schon, Mr. Storm, dass man Unehrlichkeit und Korruption bei keinem Menschen ganz ausschließen kann. Das gilt auch für das Böse. Es steckt in jedem als Keim in uns.“

Ich zog aus meiner wasserdichten Seitentasche sechs Bilder hervor auf denen die Gesichter einiger Crewmitglieder der Trident II zu sehen waren.

Kennen Sie vielleicht zufällig einige dieser Personen, Mr. Tarock?“

Er studierte sie und schüttelte nach einer Weile den Kopf.

Auf dem Langstreckenraumschiff meines Sohnes gab es eine eingeschworene Kernmannschaft, die für den sicheren Flugbetrieb der Trident II unerlässlich war. Die Gesichter dieser Männer und Frauen könnte ich unter Tausenden sofort herauspicken. Das übrige Mannschaftspersonal wechselte aber ständig, weil es entweder Kolonisten oder freie Raumfahrer waren, die manchmal nur für die Dauer einer einzigen Mission angeheuert wurden. Die Personen auf den Fotos kenne ich daher nicht. Sie sind mir unbekannt.“

Sind Sie sich da ganz sicher, Mr. Tarock?

Ja natürlich. Es müssen Leute sein, die auf den unteren Decks oder im Maschinenraum der Antimateriegeneratoren gearbeitet haben. Ich hielt mich in der Regel, wenn ich hin und wieder mal auf der Trident II war, meistens auf der Kommandobrücke meines Sohnes auf. Ich kam nur ganz selten mit der übrigen Mannschaft in Kontakt.“

Hm, na gut. Ich glaube, das war’s dann, Mr. Tarock. Ich möchte Ihnen danken, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mit mir zu reden“, sagte ich. „Auch für den Wein, der mir außerordentlich gut gemundet hat. Ich fühle mich wie neugeboren.“

Ja, der Wein verändert oftmals den Charakter des Menschen. Und dieser Wein stammt vom Sonnenplaneten Ischcolon, im Raumquadraten Delta, falls dieser Ihnen ein Begriff ist. Aber schon gut, Mr. Storm. Ich habe mich sehr darüber gefreut, Sie mal ganz persönlich kennen gelernt zu haben. Wer weiß, wie viel Zeit mir noch bleibt.“

Ach was, Mr. Tarock. Machen Sie sich wegen Ihres Alters keine allzu großen Sorgen. Unsere hervorragenden Biogenetiker können das Leben eines Menschen glatt verdoppeln.“

Sie haben gut reden, junger Mann. Was wissen Sie schon vom Alter und Älterwerden?“

Ich erhob mich leicht benommen aus meinem Ledersessel. Mir wurde plötzlich etwas schwindlig und wäre beinahe über den kleinen Rollwagen gestürzt, der mir den Weg versperrte.

Geht’s Ihnen nicht gut, Mr. Storm?“, fragte mich der Alte und grinste mich dabei herablassend an.
Irgendwas ging in mir vor, ich wusste aber nicht was. Ich kam nicht dahinter.

Mittlerweile war es draußen schon dunkel geworden.

Wir kamen zur offenen Schleusentür heraus, blieben für einen Moment in der frostigen Luft stehen und gingen dann schnurstracks zu meiner abgestellten Schneeraupe hinüber. Die Innenheizung hatte sich bereits automatisch eingeschaltet, die Front- und Seitenscheiben waren deshalb schnee- und frostfrei.

Ich verabschiedete mich von dem alten Mann, der sich Lazar Tarock nannte und wünsche ihm noch ein langes Leben. Dann setzte ich mich, noch immer leicht benommen, hinter den klobigen Steuerknüppel meines Schneefahrzeuges und fuhr damit zurück zum Raumflughafen Telstar One, der etwa acht Kilometer von meinem derzeitigen Standort in westlicher Richtung lag.

Als ich wieder im meinem Hotel war, ging es mir schon wieder viel besser. Ich stellte umgehend eine verschlüsselte Video- und Tonverbindung mit der Zentrale des Raumflottengeheimdienstes (RGD) her.

Nur wenige Sekunden später blickte ich in das Gesicht meines Führungsoffiziers Oberst Stanislav Poronovsky.

Mein Gott, Storm! Ich dachte schon, es gibt Sie nicht mehr. Wo haben Sie bloß solange gesteckt? Sie sind mir vielleicht ein Draufgänger. Und was Ihre geheimen Daten anbelangt, habe ich diese bereits im Labor auswerten lassen. Sie sind eine einzige Sensation! Wir haben auch eine genetische Fernprobe von Mr. Tarocks Körperzellen gemacht. Es gibt keinerlei Zweifel darüber, dass Lazar Tarock nicht ‚der’ Lazar Tarock ist, den wir von früher her kennen. Wir haben aufgrund der biogenetischen Untersuchungsergebnisse der von Ihnen sichergestellten Gewebezellen nachweisen können, dass es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um jenes Monster handelt, so eine Art Reptil oder ähnliches, das für die bestialischen Fressmorde auf der Trident II verantwortlich ist. Es mordet wohlmöglich überall, wohin es kommt. Dieses Biest hat unseren Ermittlungen nach offenbar sowohl den echten Lazar Tarock, als auch seinen Sohn Orpheus gefressen. Dann nahm es die Gestalt vom alten Tarock an, und konnte auf diese Weise unerkannt entkommen. Dieses Ding scheint jede x-beliebige Gestalt eines Menschen annehmen zu können und ist dazu in der Lage, jedes Individuum täuschend echt zu imitieren. Dabei infiziert es den befallenen Wirtskörper nach und nach mit seiner eigenen DNS und verändert ihn innerhalb nur weniger Minuten in seinen eigenen, ursprünglichen Körper. Das ist einfach phantastisch. Wir konnten es zuerst selbst nicht glauben, aber die Resultate der Biogenetiker sind eindeutig. Die Ergebnisse stellen einen gewaltigen Fortschritt in der Biogenetik dar. Wir wissen jetzt um das Geheimnis der Metamorphose dieses Monsters. Stellen Sie sich einmal vor, welche ungeahnte Tragweite diese neu gewonnenen Erkenntnisse für die gesamte Menschheit haben werden. Nicht auszudenken! – Ach übrigens, dass Sie den Mut hatten, in die Höhle des Löwen zu spazieren, macht Sie für eine neuerliche Beförderung reif. Ich schlage daher vor, Sie beenden die geheime Mission und zünden den ferngesteuerten Sprengsatz, den Sie in Tarocks Haus heimlich reinschmuggeln konnten. Der Körper des Monsters wird durch die Hitze des Thermosprengsatzes bis zur Unkenntlichkeit verbrennen. Bestätigen Sie diesen Tötungsbefehl und senden Sie uns den Code X, wenn Sie ihn ausgeführt haben. Ende der Übermittlung. – Oberst Stanislav Poronovsky, Raumflottengeheimdienst.“

Nur wenige Augenblicke später jagte ich Tarocks Kuppelhaus aus einer Entfernung von mehr als acht Kilometer mit einem ferngezündeten Sprengsatz in die Luft. Es war eine fürchterliche Detonation, die man noch bis Telstar One hören konnte. Danach stieg eine gewaltige Stichflamme hinauf in den dunklen Nachthimmel von Lanthea. Eine Weile betrachtete ich versonnen den hell lodernden Lichtschein am fernen Horizont und sendete kurz darauf den Code X an die Zentrale des Raumflottengeheimdienstes, der ihn umgehend verschlüsselt bestätigte. Dann wurde die Verbindung endgültig gekappt.

Nachdem ich mich etwas frisch gemacht hatte, ging ich zum Videophon und orderte eine Einzelkabine für einen einfachen Langstreckenraumflug zurück zum Planeten Terra im Sonnensystem SOL.

Mein neuer Körper fühlte sich noch etwas sonderbar an, denn er war im Vergleich zum alten Body von Mr. Tarock relativ jung und angenehm unverbraucht. Auch der Name Mike Storm ging mir noch etwas schwer über die Lippen. Aber ich würde mich schon noch daran gewöhnen. Auf dem Flug zur Erde war ja Zeit genug dafür.


***


Unter den zahlreichen Passagieren eines gewaltigen interstellaren Raumschiffes befand sich auch ein großer hager aussehender Mann in einer schwarzen Raumfahreruniform. In seiner rechten Hand hielt er ein silbrig glänzendes Artefakt, das aussah wie ein Bumerang.

Persönliches Eigentum“ stand als amtlicher Vermerk auf einem kleinen ovalen Zettel, den eine freundlich lächelnde Mitarbeiterin der intergalaktischen Fluggesellschaft auf den silberfarbenen Gegenstand aufgeklebt hatte.

Als der Mann in seiner Passagierkabine angekommen war, legte er die Rückenlehne seines Sitzplatzes zurück und verdunkelte den kleinen Raum, um sich vor fremden Blicken zu schützen.

Nach einer Weile war er eingeschlafen und manchmal war es so, als würde sich sein menschlicher Körper, wenngleich auch für wenige Sekundenbruchteile nur, in die hässliche Gestalt eines echsenartigen Monsters verwandeln.


ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

5. Mr. Georg Konrad, LEWIS und die Würmer

 

Einsam kreist ein tropfenförmiges Raumschiff im Orbit eines fremden Planeten.

 

***

 

Der Androide war fast zwei Meter groß und sah aus wie ein Mensch, zumindest was seine äußere Erscheinung betraf. Auf seiner glatten Brustplatte stand sein Name: LEWIS.

 

Ansonsten hatte er nichts Menschliches an sich. Diese künstlichen Dinger waren eben nicht mehr und nicht weniger als eine hoch effiziente und äußerst komplexe Maschine mit einer programmierten Identität, die man ihnen tief in ihrem elektronischen Gehirn eingegeben hatte.

 

Der Kunstmensch stand vor einem nackten Mann, der bewusstlos auf einer Behandlungsliege vor ihm lag und offenbar dringend Hilfe benötigte.

 

Der Roboter beugte sich nach vorne und übte einen sanften, rhythmischen Druck auf jenen Teil der Brust aus, die den Herzschlag und den Atmungsvorgang anregte.

 

Einige Augenblicke später.

 

Der Bewusstlose zuckte etwas zusammen, stieß ein schwaches, unbewusstes Ächzen aus, das von einem leichten Hustenanfall begleitet wurde. Der Körper, der offenbar so gut wie tot gewesen war, kämpfte sich jetzt seinen Weg ins Leben zurück.

 

Der nackte Mann atmete auf einmal tief ein, sein Herzschlag normalisierte sich und die Augenlider flatterten nicht mehr. Der Androide beendete seine Massage und presste dem Bewusstlosen eine Sauerstoffmaske auf Mund und Nase.

Es dauerte nicht lange, da erlangte der Mann auf der Liege wieder das volle Bewusstsein.

 

Langsam öffneten sich die Augen des Nackten, der sich aufrichten wollte, aber von dem Androiden in die Liegehaltung zurück gedrückt wurde. Plötzlich schrie der Mann gepeinigt auf. Im gleichen Moment platzierte ihm der Roboter eine goldfarbene Elektrode auf seine rechte Schläfe und der Patient beruhigte sich wieder.

 

Dann starrte er den Androiden an, der ihm die Atemmaske von Mund und Nase nahm.

 

Sir“, wie geht es Ihnen? Können Sie mich hören? Verstehen Sie mich, wenn ich mit Ihnen rede?“

 

Der Nackte lächelte müde. Dann sagte er: „Ja, ich verstehe dich, mein Freund. – Was ist mit mir geschehen, LEWIS?“

 

Mr. Konrad, sie haben sich mehr als eine Woche im Zustand des Scheintods befunden. Etwa fünfundneunzig Prozent aller Personen, die sich in dieser Lage befanden, erlitten nach ihrer Wiederbelebung eine Totalamnesie. Viele wurden verrückt. Sie scheinen da eine große Ausnahme zu sein, denn ihr momentaner Zustand ist fast wieder normal. Sie haben mich sofort wiedererkannt, Sir.“

 

Georg Konrad setzte sich jetzt mühsam auf. Die Bewegungen seiner Glieder bereiteten ihm zwar noch Schmerzen und es kostete ihm einige Überwindung, sich ganz aufzurichten, aber er biss die Zähne zusammen. Dann rutschte er von der Behandlungsliege. Der Androide LEWIS griff ihm unter die Arme und half ihm hochzukommen.

 

Wo ist dieses schreckliche Biest von diesem verfluchten Planeten, LEWIS?“ frage er plötzlich den Androiden.

 

Sie haben es mit einer Strahlengranate erledigt, Sir. Aber den Schädel haben wir noch“, entgegnete der Roboter und deutete mit ausgestrecktem Arm auf die wuchtige Stahltür des Quarantäneraumes am anderen Ende des bogenförmigen Ganges hin.

 

Ich bin froh, dass ich noch kein Frühstück zu mir genommen habe, LEWIS. – Wollen wir uns die Reste dieses Ungeheuers nicht einmal aus der Nähe ansehen?“

 

Wenn es Ihnen nichts ausmacht, Sir. Ich habe nichts dagegen. Ich bin ja bei Ihnen. Kommen Sie mit!“

 

***

 

Aus der Nähe betrachtet war der Schädel mehr als scheußlich. Ein widerlich aussehendes Gebilde, so ekelerregend und abstoßend, dass man keine Worte dafür fassen konnte.

 

Das riesige Maul, eingefroren im Griff des Todes, besaß dunkelblaue, wulstige Lippen, die aussahen, als bestünden sie aus weichem Gummi. Sie waren in unregelmäßigen Abständen mit dicken Pusteln besetzt, die eher den Eindruck machten, als seien sie Saugnäpfe, etwa solche von der Sorte, mit denen unwiderruflich die Beute festgehalten wird, sobald das Opfer fliehen wollte.

 

Offenbar musste das grauenhafte Wesen seine Nahrung nicht zerkauen. Dafür war an beiden Seiten des Maules rollenartiges Muskelgewebe zu erkennen. Handelte es sich dabei um Zungen oder um Tentakel, die sich ausfahren ließen, um die Beute damit zu fangen und zu den Saugnäpfen zu transportieren, wo das unglückliche Opfer festklebte, bevor das Maul es ganz verschlang?

 

Der Raumfahrer Georg Konrad, der sich bis jetzt auf das „Gesicht“ des Ungeheuers konzentriert hatte, warf einen Blick auf das am Kopf anschließende Gewebe, wo noch ein paar abgetrennte Organe lose heraus hingen.

 

Sieht aus wie der Teil ein großen Wurmes, LEWIS.“

 

Georg Konrad hielt sich die Nase zu.

 

Teufel noch mal, die Überreste stinken ja wie eine verfaulte Leiche“, würgte er gequält hervor. Er bemühte sich mit aller Kraft, nicht zu erbrechen.

 

Mr. Konrad“, versuchte der Androide zu erklären, „diese Kreatur da hat über der Oberlippe ohne Zweifel ein Augenpaar. Ich habe den komischen Eindruck, dass sie uns noch beobachten. Dieses Biest ist in der Tat das allerabscheulichste Wesen, das ich je im Universum gesehen habe.“

 

Nicht nur das, LEWIS. Sieh nur, da sickert etwas aus der großen Wunde, wo der Kopf vom Rumpf abgetrennt worden ist. Ich möchte mir das mal ansehen.“

 

Der Androide drehte sich um und schaute dorthin, wo Mr. Konrad hindeutete.

 

Tropfenweise quoll eine braune, halbfeste Körperflüssigkeit, vermischt mit Schleim, Blut und Fleischresten aus dem abgetrennten Kopf und schien sich auf geheimnisvolle Weise zu einer kleinen Pfütze zu formieren.

 

Georg Konrad zwang sich dazu, über das Gewirr der abgerissenen Organe zu steigen und hinter den grässlichen Schädel zu treten…und hinzusehen.

 

Der Anblick entsetzte ihn zutiefst. Der Innenraum des Schädels war so gut wie leer. Die Gehirnmasse auf dem Innenboden der Knochenschale stellte nur einen kleinen Teil des Fleisches dar, das sich hier eigentlich befinden sollte.

"Wo war der Rest des Kadavers? Vielleicht noch in diesem Raum, was ich…"

 

Der Beweis blieb nicht lange aus. Georg Konrad kam nicht mehr dazu, den Satz zu beenden.

 

Der Androide LEWIS war plötzlich leise von hinten herangetreten und hielt ihn ohne Vorwarnung brutal mit seinen kräftigen Armen fest. Sich dagegen zu wehren, war zwecklos.

 

Mr. Konrad“, sagte LEWIS mit monoton gleichgültiger Stimme, „wie ich Ihnen schon sagte, gehören wir zu den allerabscheulichsten Wesen, die es je im Universum gegeben hat und immer noch gibt. Wir sind wirklich monströse Kreaturen. Selbst eine einzige noch lebende Zelle von uns ist dazu in der Lage, ein anderes Lebewesen zu befallen und zu infizieren. Wir machen auch nicht Halt vor euren Androiden, denn unsere Gene dringen in sie hinein, besetzen ihre Leiterbahnen und programmieren sie einfach um. Wir unterwerfen eure seltsamen elektronischen Freunde quasi unserem genetischen Willen und benutzen sie für unsere Zwecke. Aber leider können wir uns nur in einem lebendigen Wirtskörper vermehren. Tot nützt er uns nicht. Wir konnten Sie glücklicherweise reanimieren und am Leben erhalten. Und jetzt Mr. Konrad dienen Sie uns als Wirtskörper für eine neue Generationen von Würmern. Zuerst werden unsere Larven Ihr Gehirn auffressen und dann den Rest Ihres Körpers, bevor sie schlüpfen. – Halten Sie also still und schauen Sie zu, wie die noch lebensfähigen Überbleibsel unseres zellularen Gewebes in Ihren Körper eindringen. Und wenn wir hier fertig sind, benutzen wir Ihr Raumschiff, um damit zur Erde zu fliegen. Unsere Wurmrasse wird sich zu einem wahrhaft gigantischen Volk vermehren, denn eure Erde hält ideale Lebensbedingungen für uns bereit.“

 

Der starke Roboter drückte plötzlich den Kopf des Raumfahrers auf den kalten Metallboden und öffnete mit der rechten Hand gewaltsam seinen Mund, wo Sekunden später eine schleimig-schlängelnde Fleisch- und Blutspur wabbernd darin verschwand.

 

Nachdem das geschehen war, trug der Androide Mr. Konrad zurück durch den Gang hinüber zur Krankenstation, wo er ihn auf eine Behandlungsliege legte und mit Gurten an Händen und Füßen festschnallte.

 

Dann trat der Androide abrupt einen Schritt zurück und erstarrte plötzlich wie zu einer Salzsäule, gerade so, als hätte man ihn kurzgeschlossen.


Die Würmer aber würden ihn erst dann wieder aktivieren, wenn sie sich in ihrem Wirtskörper zum Schlüpfen fertig entwickelt hätten, um schließlich mit LEWIS Hilfe das gekaperte Raumschiff dahin fliegen zu lassen, wo sich in der Milchstraße die Erde des Menschen befand.



ENDE

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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