Hans Fritz

Mensch bleibt Mensch

Wer gegen das Regime rebelliert muss mit einer Verhaftung rechnen. Ein selbsternanntes ‘Hohes Gericht’ fällt ein Urteil. Das den Aufmüpfigen unterstellte Verbrechen: Aufruf zum Ungehorsam gegenüber der Regierung. Nur in Ausnahmefällen ist eine Rechtsbeihilfe zugelassen. Später verzichten die getreuen Diener der Herrscher gänzlich auf einen Urteilsspruch und erteilen lediglich den Befehl zur Inhaftierung im berüchtigten Lager. Nein, wir befinden uns nicht auf der Erde, sondern auf dem fernen, einst von Erdenmenschen eroberten Planeten Tambosirk.

Peltonuk Thurtiner ist stolzer Bürger der Stadt Egewapob auf dem Kontinent Pojassod. Er zählt sich selbst zur Kategorie lästiger Mensch, der sich in ebenso zynischen wie durchaus treffenden Glossen zur Entwicklung eines modernen, allerdings sehr umstrittenen Waffensystems geäussert hat. Der Lohn - zehn Jahre Lager.

Das berüchtigte Lager samt seiner fensterlosen und im Übrigen auf die Schnelle zusammengeschusterten Flachbauten ist das augenfällige Symbol eines neuen totalitären Regimes. Sitz des Regimes ist die ‘Burg’, der palastähnliche Bau im Norden der Metropole Moghsunda auf dem Hauptkontinent. Lagerkommandant ist der peitschenschwingende ehemalige Anführer einer gefürchteten ultranationalen Schlägertruppe.

Die inhaftierten 143 Männer werden tagtäglich mit Hilfe zweier kaum fahrtüchtiger Motorwagen zu einem Flussufer gekarrt, wo sie einen Damm aufschütten sollen, der weder jemals geplant wurde, noch von irgendeinem besonderen Nutzen sein könnte.

Der nördliche Teil des Lagers grenzt an eine Grossgärtnerei, in welcher vorwiegend diverse Sorten Stängelgemüse angebaut werden. Peltonuk schaut gerne hinüber, sobald er ein paar freie Minuten geniesst. Da steht eine offensichtlich noch junge Frau, bekleidet mit purpurrotem Kittel und grüner Haube. Möglicherweise eine Aufseherin, da sie anderen Frauen zuwinkt und Befehle zu geben scheint. Sie nähert sich so oft wie möglich dem Zaun und schaut zum Lager hinüber. Vielleicht ist der Ehemann, der Vater oder wer auch immer da eingepfercht. Peltonuk winkt ihr zu. Sie erwidert den Gruss, indem sie ein blaues Tuch schwenkt. Die Szene wiederholt sich ein paar Mal. Dann meidet Peltonuk den Blick über den Zaun. Schliesslich wartet zuhause eine Frau auf seine Rückkehr.

Die Haft ist vorüber und auf mancherlei Umwegen glückt Peltonuk die Rückkehr in die Heimat. Da ist das Haus. Immer noch an acht Partien vermietet, wie die Namensschilder ankündigen. Anstelle von P. Thurtiner steht da jetzt ein anderer, sehr exotisch klingender Name. Peltonuk klingelt. Eine ältere Dame in braunem, schmuddeligen Umhang öffnet. «Guten Tag. Thurtiner ist mein Name. Ich habe früher hier gewohnt, zusammen mit meiner Frau. Wissen Sie zufällig etwas über ihren Verbleib? Ich war im Lager, hatte keinen Kontakt –« «Tut mir leid. Ihre Frau hatte vor zwei Jahren einen schrecklichen Unfall, auch das Töchterchen kam dabei ums Leben –« Peltonik findet keine Worte und hastet die Treppe hinunter. Im nahen Park setzt er sich auf eine Bank und bemerkt nicht den heftig einsetzenden Regen. Völlig durchnässt sucht er Zuflucht in einem alternden Gebäude, halb Pension, halb Obdachlosenheim. Er bleibt mehrere Wochen. Eine neue Arbeit findet der ehemalige Maschinenbautechniker nicht. Einem aus dem Moghsunda-Lager schenkt niemand Vertrauen, obwohl sich die Zeiten zugunsten der Menschen, die öffentlich Kritik an der alten Regierung geübt hatten, geändert haben.

Peltonuk fasst den Entschluss seine Heimatstadt zu verlassen und nach Moghsunda zurückzukehren. Zurück ins Lager, das laut Tagespresse noch nicht ganz aufgelöst sein soll. «Wer ausersehen ist sein Leben in der Hölle zu beenden, sollte keinen Ausweg suchen». So oder so ähnlich hatte sich einst ein Mithäftling geäussert. Nach Wochen voller Abenteuer gelingt ihm die Rückkehr nach Moghsunda.

Auf dem Weg zum Lager begegnet ihm eine ganz in Rot gekleidete junge Frau. Sie schiebt einen Kinderkorbwagen. «Sie sind doch, du bist doch -?» «Ah, der Zaungucker. Was führt Sie hierher zurück? Haben Sie etwa Sehnsucht nach dem Lager?». Wortlos wendet sich Peltonuk ab. Während dem Rest des öden Tages irrt er auf dem Gelände des ehemaligen, mittlerweile verlassenen und nicht mehr eingezäunten Lagers umher. Tags darauf will ihn die junge Frau spätabends vor dem Haupteingang zum Gartenbaubetrieb gesehen haben. Das gibt sie bei einer Behörde zu Protokoll, als auf allen vier Kontinenten erfolglos nach ihm gefahndet wird. Den Anstoss zur Fahndung gab übrigens die Pension in Egewapob, wo Peltonuk für ein paar Wochen Quartier bezogen hatte. Dort müsste er nämlich eine Rechnung von dreitausend Tambosirk-Punkten begleichen. Beim Eintreiben von Aussenständen kennt man auch auf fernen Planeten keine Gnade.

Die Extranachrichten der Tagespresse erreichen Peltonuk wohl nicht mehr. Da heisst es: Vom neu eingerichteten obersten Gerichtshof wurde der Ex-Lagerkommandant V. T. zu lebenslanger Haft, die Oberaufseherin des Frauenarbeitsdienstes Lelia S. zu vier Jahren Haft verurteilt.

Notabene - die beiden abgesetzten Ex-Regierungschefs erfreuen sich samt ihrem Gefolge im Schatten der ‘Burg’ ihrer selbstverordneten Immunität.

 

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Hans Fritz).
Der Beitrag wurde von Hans Fritz auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  • Autorensteckbrief
  • hansfritzgmx.ch (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Hans Fritz als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

The power of butterflies - Geschichten und Gedichte zum Thema Liebe von Jürgen Berndt-Lüders



Die Kraft der Liebe führt und verführt uns ein Leben lang. Der Autor schwelgt in Empathie.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Hans Fritz

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Im Schatten der tambosirkischen Pyramide von Hans Fritz (Fantasy)
Eternal Love - Band 1 von Tim Klostermann (Fantasy)
Are you crying? von Andrea G. (English Stories)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen