Norbert Schimmelpfennig

Die Fee Henriette und die Hinrichtungen

Henriette war eine ganz einfache Fee. Was jedoch niemand wusste, war, dass sie hinter dieser Einfachheit ein Geheimnis verbarg. Denn ihr Name war ihr etwas mehr als dreihundert Jahre zuvor von zwei älteren Feen gegeben worden, nachdem sie gerade aus einer Blüte geschlüpft war.

Eine dieser älteren Feen lebte lange in England am Hof von Henry VIII, konnte aber erst bei dessen sechster Frau verhindern, dass sie hingerichtet wurde. Und die andere lebte in Frankreich, wollte König Henry IV beschützen, war aber gerade abwesend, als sich ein Attentäter auf den König stürzte.

Die neu geschlüpfte Fee mit dem Namen „Henriette“ sollte dann also Personen, die „Henry“ oder ähnlich hießen, vor Hinrichtungen beschützen oder von Hinrichtungen abhalten, und sich dabei möglichst unauffällig verhalten.

 

Seitdem waren nun mehr als dreihundert Jahre vergangen. In letzter Zeit war für die Fee diese Aufgabe besonders schwierig geworden. Seit mehr als fünf Jahren herrschte Krieg, und inzwischen hatte die Fee eine ebenso graue Farbe angenommen wie die Stadt mit ihren vielen Trümmern, dem Schutt und der Asche.

 

Das Augenmerk der Fee Henriette fiel nun auf einen Mann in einer abgestandenen braunen Uniform, der zu einer Gruppe Männer unterschiedlichen Alters sprach, die sich in einer Straße inmitten mehrstöckiger Häuser aufgereiht hatten.

Einer von ihnen fragte den Anführer in der braunen Uniform, der sich vor seiner Ansprache erst lange räuspern musste:
„Also, Herr Hinrichsen, wie sollen wir nun verfahren?“

Dieser sagte nun:
„Erst einmal begrüße ich euch alle an diesem Morgen des 2. Mai 1945! Offiziell sollen wir unser Viertel gegen die Russen verteidigen …“

„Die sind schon mitten in Berlin!“, rief einer aus, worauf Herr Hinrichsen fortfuhr:
„Aber ist ja sinnlos geworden!“

 

Währenddessen marschierte ein paar Straßen weiter ein Trupp der SS, und deren Anführer erklärte seinen Leuten:
„Die Kampfdisziplin in dieser Stadt scheint nachzulassen. Also: Jeden, der sich weigert zu kämpfen, sofort niederschießen!“

 

Ein weiterer Mann aus Herrn Hinrichsens Truppe fragte:
„Ist es sicher, dass bald jemand die Kapitulation unterzeichnet?“

„Ja, das wird in den nächsten Tagen geschehen“, erklärte Herr Hinrichsen. „Also geht heim!“

Er selbst machte kehrt, und nach und nach taten dies immer mehr von seinen Leuten.

 

Nun sah die Fee Henriette ihre Stunde gekommen, fast auf den Tag genau 335 Jahre nach dem Attentat auf Henry IV von Frankreich. Denn Herr Hinrichsen und ein Teil seiner Männer bewegten sich geradewegs auf den Trupp der SS zu. Da musste sie schleunigst verhindern, dass es zu weiteren Hinrichtungen kam!

Sie flog auf die SS zu und streute hellgrauen Feenstaub über sie aus. Dieser Feenstaub betäubte die Männer, versetzte sie in eine Art euphorischen Rausch, so dass sie Hinrichsens Leute unbehelligt heimgehen ließen.

Da jubelte Henriette die Fee, unhörbar für die Menschen.

 

Berlin erklärte an diesem Tag noch die Teilkapitulation, für das gesamte Deutsche Reich wurde die Kapitulation fünf Tage später unterzeichnet.

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