Heinz-Walter Hoetter

Fünf verschiedene Kurzgeschichten

1. Das Brot des alten Künstlers

 

 

Nach dem Tod eines alten Künstlers machte sich sein einziger Sohn daran, der extra aus den USA angereist war, den gesamten Hausstand seines verstorbenen Vaters aufzulösen.

 

Im Arbeitszimmer fand er, neben zahlreichen wertvollen Dingen, in der Ecke eines verstaubten Schrankes die Hälfte eines vertrockneten Brotes, das im Laufe der Zeit so hart wie Stein geworden war.

 

Der Sohn fragte schließlich die Haushälterin des alten Künstlers, den sie bis zu seinem Tod betreut hatte, warum sein Vater dieses ungenießbare, versteinerte Brot im Schrank aufbewahrt hat.

 

Die Haushälterin erinnerte sich nach einer Weile an eine seltsame Begebenheit, die mit diesem halben Brot im Zusammenhang stand.

 

Ihr Vater hat mir die Geschichte von diesem Brot mal erzählt, als ich es beim Abstauben seines Schrankes in besagter Ecke fand und fast in den Müll geworfen hätte. Nun, als er endlich aus dem Krieg in seine Heimatstadt zurück gekehrt war, wurde ihr Vater plötzlich schwer krank. Ein guter Freund aus der Gegend, der ein wohlhabender Arzt war, schickte ihrem Vater schließlich ein frisch gebackenes Brot, damit er etwas zu essen hatte. Aber anstatt es selbst zu essen, schenkte er das Brot einer armen Frau aus der Nachbarschaft, die einsam und allein in einer Dachkammer wohnte. Doch diese Frau brachte das Brot zu ihrer Tochter, die mit ihren zwei kleinen Kinder in einem halb zerstörten Haus lebte, das sich auf der gleichen Straßenseite befand. Als die junge Frau davon hörte, dass das Brot von dem schwerkranken Heimkehrer kam, den sie von früher her kannte und wusste, dass er schon vor dem Krieg als Künstler tätig gewesen war, schnitt sie das Brot in zwei Hälften und gab die andere Hälfte an den kranken Spender zurück, damit auch dieser in Zeiten der Not etwas zu essen habe. Ihr Vater wurde bald wieder gesund, auch dank seines wohlhabenden Freundes, der ja selbst ein Arzt war und der für seine medizinischen Dienste nichts verlangte. Beide kannten sich schon sehr lange, eigentlich seit der Zeit, als sie noch zusammen auf dem Gymnasium waren. Später besuchten sie sogar gemeinsam die Universität. Erst der schreckliche Krieg trennte ihre Wege. Nun, als ihr Vater schließlich die eine Hälfte des Brotes wieder in seinen Händen hielt, war er sehr gerührt und sagte mir, solange noch Menschen unter uns leben, die so handeln, müssen wir uns keine Bange um die Zukunft zu machen. Tja, und so legte er das Brot in diesen Schrank, weil er es immer wieder anschauen wollte, wenn er mal nicht mehr weiter wusste und die Hoffnung verlor.“

 

ENDE

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

***

 

2. Das furchtbare Schicksal der Betty Lou


 

Eine junge Frau und ein junger Mann kannten sich schon seit der Schulzeit und liebten sich so sehr, dass sie nie mehr auseinander gehen wollten.

 

Sie schworen sich daher ewige Treue und wollten für immer zusammen bleiben, egal was auch immer kommen würde.

 

Eines Tages kam die junge Frau mit Tränen geröteten Augen zu ihrem Geliebten und sah ihn tieftraurig an.

 

Ihr Freund nahm sie sofort liebevoll in die Arme und fragte seine Geliebte, warum sie denn so weine.

 

Mit Tränen erstickter Stimme sagte sie zu ihm: „Liebster, ich bin krank. Ich bin so sehr krank, dass ich wohl in absehbarer Zeit sterben werde.“

 

Du machst mir schreckliche Angst, Schatz. Du bist doch mein ein und alles. Sag' mir einfach, was für eine Krankheit du hast. Vielleicht gibt es für dich doch noch eine Rettung.“

 

Ich war letzte Woche mit meinen Eltern zusammen in der Stadt bei einem Spezialisten, der bei mir eine akute Leukämie diagnostiziert hat. Es ist eine sehr seltene Erkrankung. Leider wurde bisher noch kein geeigneter Stammzellenspender gefunden, der mir die Chance auf ein neues Leben geben könnte. Ich habe solche Angst, Liebster. Was soll ich nur tun?“

 

Ich werde ab jetzt jeden Tag bei dir bleiben und mit dir zusammen die Hoffnung auf einen Spender nicht aufgeben. Sie werden bestimmt einen finden. Du wirst wieder gesund. Lass' uns zusammen zu unserem Schöpfer beten, damit er Gnade walten lässt. Ich will dich nicht verlieren!“

 

Die beiden jungen Menschen blieben noch lange zusammen. Sie selbst ging erst spät am Abend nach Hause zu ihren Eltern, die sich schon große Sorgen um ihre einzige Tochter gemacht hatten.

 

Es vergingen quälende Wochen und der jungen Frau ging es immer schlechter. Alle dachten, sie würde bald sterben.

 

Doch dann geschah das Wunder, woran keiner mehr geglaubt hatte. Es wurde ein Spender gefunden, der mit seinem Blut das Leben der jungen Frau rettete.

 

Eine Zeit lang sah es so aus, als ob es ihr tatsächlich wieder gut ging und ein ganz normales Leben führen konnte, bis zu dem Tag, als sie plötzlich zusammenbrach.

 

Im Krankenhaus konnten die Ärzte eine äußerst bedrohliche Erkrankung der Nieren feststellen, die bereits ein tödliches Stadium erreicht hatte.

 

Der junge Mann wich seither nicht von der Seite seiner Liebsten, die er immer wieder unter Tränen liebkoste, bis ihn die Ärzte von ihr wegnehmen mussten.

 

Am nächsten Tag stand er wieder an ihrem Bett und hielt die Hand seiner todkranken Geliebten. Plötzlich schlug sie die Augen auf und blickte ihn voller Sanftmut an. Dann flüsterte sie ihm leise zu: „Mein Schatz! Wenn ich sterbe, dann musst du mir versprechen, dass du auch ohne mich weiterlebst und immer gut auf dich aufpasst. Ich werde zu dir kommen, wenn du an mich denkst und mich in der Not brauchst.“

 

Ihr Freund brach in Tränen aus, ergriff die beiden schlaff gewordenen Hände der jungen Frau und küsste sie sanft auf ihre blass gewordenen Lippen. Er hörte noch, wie sie plötzlich noch einmal tief durchatmete und kaum hörbar zu ihm sagte, dass sie ihn so sehr liebe. Dann starb sie.

 

Die herbei gerufenen Ärzte konnten trotz aller Bemühungen ihr Leben nicht mehr retten.

 

Eine Woche später wurde das junge Mädchen auf dem Alten Friedhof der Stadt beerdigt. Das Grab war voller Blumen und wunderschön. Als alle Trauergäste gegangen waren, stand ein junger Mann noch lange neben dem geschmückten Grabhügel und weinte still vor sich hin. Schließlich lehnte er sich vor und küsste das Bild seiner über alles geliebten Freundin.

 

 

Unter dem Fotos stand der Name eines lachenden Mädchens in großen Buchstaben:

 

B E T T Y L O U

 

***

 

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

3. Das schöne Mädchen Mary Lou

 

Ein ziemlich warmer Tag neigte sich langsam dem Ende zu. Dunkle Wolken bedeckten jetzt den beginnenden, nächtlichen Himmel. Sie zogen nur langsam und gemächlich vorbei, als wollten sie damit beweisen, dass sie alle Zeit der Welt nur allein für sich hätten. In der Ferne tauchten in unregelmäßigen Abständen immer wieder heftige Blitze den Wetter leuchtenden Horizont in ein gespenstisches Grau. Ein Gewitter kündigte sich offenbar an.

 

Ich saß schon seit geraumer Zeit in meinem kleinen Garten unter einer alten, knorrigen Eiche und starrte mit schläfrigem Blick über die ruhige Wasseroberfläche eines nah gelegenen Badesees, der, von dichten Büschen und hohen Bäumen sporadisch umgeben, still und verlassen vor mir lag.

An einer schmalen, hölzernen Anlegestelle dümpelten einige kleine Segelschiffchen träge vor sich hin. Der Wind trieb unablässig die herein kommenden Wellen vor sich her, die im fahlen Restlicht des untergehenden Tages wie feine Silberstreifen glänzten.

 

Wie lange ich so dagesessen bin, weiß ich nicht mehr. Ich spürte auf einmal, wie sich die Umgebung um mich herum sukzessive auf geheimnisvolle Weise zu verändern begann, und ich wusste schon bald nicht mehr, ob ich träumte oder schon eingeschlafen war. Auch hatte ich auf einmal das komische Gefühl, dass sich jemand in meiner Nähe befand. Ich schaute deshalb vorsichtshalber nach allen Seiten. Der Blick meiner müden Augen konnte aber nichts erkennen.

 

Oder etwa doch?

 

War da nicht etwas?

 

Ich bemerkte auf einmal eine schattenhafte Gestalt, die schnell auf mich zukam. Im nächsten Moment war ich wieder hellwach. Dann erblickte ich sie.

 

Ein wunderschönes Mädchen stand plötzlich direkt vor mir und sah mich erwartungsvoll an.

 

Erschrocken zuckte ich zusammen.

 

Sie war nicht sehr groß, aber mir fiel sofort ihre gute Figur auf, die wohlgeformt war. Außerdem hatte sie lange schwarze Haare und die Konturen ihres schönen, makellosen Körpers wechselten ständig ihre Farben, die wie die Farben eines Regenbogens leuchteten.

 

Ich wunderte mich über diese Erscheinung und erinnerte mich plötzlich an ein junges Mädchen von früher, das mal auf einer kleinen Feier in einem ähnlich bunten Kleid mit mir zusammen getanzt hat. Das lag aber schon sehr, sehr weit zurück.

 

Sie schaute mich jetzt abermals intensiv an und ihre Augen verwandelten sich dabei jedes Mal von einem goldenen Leuchten hin bis zu einem tiefen Schwarz.

 

Ein gewisses Unbehagen stieg jetzt langsam in mir hoch, weil ich mir die ganze Sache nicht richtig erklären konnte. Die Sache kam mir auf einmal unheimlich vor.

 

Zwischendurch rieb ich mir immer wieder ungläubig mit beiden Händen durchs Gesicht und blickte argwöhnisch die vor mir stehende, geisterhaften Erscheinung an. Dann wollte ich etwas sagen, doch meine Stimme versagte. Ich bekam keinen einzigen Laut heraus, obwohl ich mich anstrengte und die Lippen unaufhörlich bewegte. Schließlich zitterte ich am ganzen Körper wie Espenlaub.

 

Geduldig, ja fast mitleidsvoll, schien das junge Mädchen vor mir auf den richtigen Moment zu warten. Dann berührte sie meine rechte Hand und im nächsten Augenblick beruhigte ich mich wieder. Sie kam noch näher auf mich zu, ja so nah, dass ich ihr jetzt direkt ins Gesicht sehen konnte.

 

Und tatsächlich erinnerte ich mich wieder.

 

Instinktiv klammerte sich mein Bewusstsein an den letzten Rest der Wirklichkeit, aber am Ende befreiten sich meine menschlichen Sinne wie von selbst ihrer irdischen Fesseln.

 

Immer mehr ließ ich mich auf das Spiel der Phantasie ein und je mehr ich das tat, desto klarer und deutlicher nahm ich gewahr, dass das schöne Mädchen vor mir reale Gestalt annahm.

 

Dann stand sie leibhaftig vor mir.

 

Im nächsten Augenblick fing sie auch schon an zu sprechen. Offenbar kannte sie mich gut, denn sie duzte mich sofort.

 

Oh, ich habe den Eindruck, dass dich etwas bedrückt. Du siehst so traurig aus. Was ist mit dir los?“

 

Verwundert blickte ich sie an. Ihre melodische Stimme beendete mit einem Schlag alle meine Zweifel, ich würde das alles hier nur träumen, denn ihre Gegenwart war keine Fata Morgana. Nein, sie war durch und durch real oder auf geheimnisvollem Wege irgendwie real geworden. Mir war das im Augenblick auch völlig egal.

 

Wer bist du? Woher kommst du?“ hörte ich mich fragen.

 

Sie lächelte mich vielsagend an.

 

Ich komme aus einer längst vergangenen Zeit. Tja, und es gibt so viele Namen, wie es Menschen auf dieser Erde schon gegeben hat. Nun, meiner ist nur einer davon. Aber du darfst ruhig Mary Lou zu mir sagen, natürlich nur, wenn du es magst“, flüsterte sie mir mit leiser aber deutlich hörbarer Stimme zu.

 

Ich lehnte mich jetzt verdutzt mit dem Rücken zurück an den Baum und blickte hinauf in die mächtige Krone der alten Eiche, wo eine unendliche Zahl grüner Eichenblätter leise im Wind rauschten. Ich konnte mich des seltsamen Eindrucks nicht erwehren, dass sie mir lustig zuwinkten.

 

Dann wurde ich plötzlich nachdenklich. Zweifel kamen an dem auf, was ich gerade erlebte. Ich träume ja nur einen schönen Traum, dachte ich so vor mich hin und suchte in dieser geheimnisvollen Situation nach Worten, die ich aber nicht fand.

 

Das schöne Mädchen Mary Lou schaute mich nur die ganze Zeit an. Sie beugte sich dabei leicht zu mir vor. Unter ihren sanften Augen zeichneten sich leichte Schatten ab, und ihre schwarzen Haare fielen ihr plötzlich ins Gesicht, die sie aber sofort mit einer schnellen Handbewegung wieder nach hinten streifte.

 

Was wolltest du mir sagen, Liebster? Sprich es aus!“ sagte sie zu mir mit aufforderndem Ton. Ihre sanfte Stimme berührten auf wundersame Weise meine Seele.

 

Ich riss mich zusammen, denn dieses Wort hat schon einmal jemand zu mir gesagt, doch diese Person war schon lange tot.

 

Wie bist du hierher gekommen?“ fragte ich sie völlig abwesend.

 

Ist das denn so wichtig für dich? – Ich musste einfach kommen. Ich wollte mich davon überzeugen, dass es dich noch gibt. Du erkennst mich anscheinend nicht richtig. Deine Erinnerungen sind verblasst. Wir haben einige wunderschöne Jahre gemeinsam miteinander verlebt – und ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass du mich vergessen hast. Gerne denke ich an die Zeit zurück, als wir noch zusammen waren und gemeinsam unser junges Glück genossen. Doch das ist schon lange her. Für dich muss es wie eine Ewigkeit sein. Und kannst du dich noch an das schöne Lied erinnern, das dir immer so gefallen hat, wenn wir zusammen getanzt haben, weil es meinen Namen trug, den Namen Mary Lou?“

 

Ich erschrak jetzt bis in die letzte Faser meines alt und schwach gewordenen Körpers. Das junge Mädchen vor mir war offenbar Mary Lou, meine große Jugendliebe aus längst vergangener Zeit.

 

Eine Menge Fragen gingen mir auf einmal kreuz und quer durch den Kopf. Ich war völlig verwirrt. Warum hatte ich sie nicht gleich erkannt? Ich schämte mich ein bisschen deswegen. Dann blickte ich konzentriert in ihr makelloses Gesicht und musterte sie von oben bis unten. Sie war es tatsächlich. Sie sah immer noch hinreißend schön aus. Ihre schwarzen Haare waren so weich wie Seide, ihre Augen sahen mich verführerisch an und ihr weicher Mund war leicht geöffnet, als erwartete er jeden Moment einen Kuss von mir.

 

Aber Mary Lou war doch schon längst tot, schoss es mir plötzlich in den Kopf, gestorben bei einem Autounfall im Jahr 1969.

 

Du hättest nicht kommen sollen. Die Erinnerungen an diese schöne Zeit schmerzen mich noch heute“, sagte ich mit bebender Stimme.

 

Das weiß ich. Aber ich bin trotzdem hier, wie du siehst.“

 

Sie brachte ein Lächeln zustande und sah mir dabei abermals tief in die Augen.

 

Mit ernstem Gesichtsausdruck sprach sie weiter.

 

Ich war ja so einsam, so einsam wie du. Außerdem bin ich gekommen, um dir etwas zu sagen.“

 

Dann sag’ es“, antwortete ich ihr.

 

Plötzlich setzte sie sich spontan zu mir auf die Gartenbank.

 

Nun, ich bin hergekommen, um dir zu sagen, dass ich all die zurückliegenden Jahre oft an dich gedacht habe. Ja, ich habe dich immer geliebt. Leider habe ich das viel zu spät bemerkt. Weist du, damals war ich noch jung und unerfahren und du warst etwas Neues für mich. Und wir hatten ja auch unseren Spaß zusammen gehabt, nicht wahr? Wie oft habe ich an diese schöne Zeit zurückgedacht. Leider kam alles ganz anders. Rückblickend muss ich allerdings zugeben, dass es wohl meine Schuld gewesen war, dass unsere junge Liebe von damals in die Brüche ging. Wenn da nicht Frank gewesen wäre. Du weist schon, was ich meine...“

 

Ich nickte fast automatisch und in Gedanken erinnerte ich mich zurück an jene fernen, heißen Sommertage, wo ich mit ihr zusammen an einem Badesee lag. Die warme Sonne, das kühle Wasser..., ihr junger, begehrenswerte Mädchenkörper. Wir umarmten uns. Aus dem Transistorradio erklang gerade das Lied Mary Lou, von Ricky Nelson. Wir küssten uns innig und lachten immer wieder darüber, dass sie den gleichen Namen hatte wie der Song, den wir gerade hörten. Lange Zeit waren wir einfach unzertrennlich.

 

Ein paar Jahre später lernte Mary Lou durch Zufall Frank kennen, der einige Tage zu Besuch bei einem Schulfreund war. Als sie ihn das erste Mal sah, verliebte sie sich sofort Hals über Kopf in ihn. Ich bekam kurzerhand den Laufpass von ihr, was für mich damals eine besonders schmerzliche Erfahrung gewesen ist. Trotz dieser Geschichte blieben wir gute Freunde.

 

Die Jahre vergingen dahin wie im Flug.

 

Dann kam dieser verhängnisvolle Samstag im Juni 1969. Er schlich sich immer deutlicher in mein Gedächtnis zurück.

 

Auf der Autobahn brausten Hunderte von Autos an uns vorbei, als gälte es, ein Rennen zu gewinnen. Auf den zwei gegenüberliegenden Fahrspuren das gleiche Spiel. Weder die Geschwindigkeitsbegrenzungen noch der strömende Regen hielten die Fahrer davon ab, vom Gas runter zu gehen. Im Gegenteil! Jeder starrte nur noch nach vorne und erhöhte die Geschwindigkeit, um ja keinen überholen zu lassen.

 

Mary Lou war damals mit ihrem neuen Freund Frank auf der total überfüllten Autobahn unterwegs. Er fuhr mit seinem alten Opel-Kombi auf der rechten Fahrspur. Ich immer mit meinem vollbesetzten VW 1200 hinterher. In meinem Wagen saßen alles ehemalige Schulfreunde von mir. Unser gemeinsames Ziel: eine bekannte Tanzbar im Ruhrgebiet.

 

Dann geschah es.

 

Plötzlich geriet das Fahrzeug unmittelbar vor Frank ins Schleudern, krachte in die Leitplanken und blieb hoffnungslos – oder Gott sei Dank? – darin hängen. Bruchteile von Sekunden vergingen. Mein Freund reagierte automatisch: Blick in den Rückspiegel, abbremsen und anhalten. Nicht ganz einfach bei dem Verkehr. Chaotisches Blinken und schrilles Gehupe der nachfolgenden Fahrer und Raser. Ich lenkte meinen VW vorsichtig an der Unfallstelle vorbei, schaute noch seitlich aus dem Fenster und sah, wie Frank und Mary Lou erschrocken aus ihrem Wagen stiegen. Was dann passierte, habe ich nie vergessen können.

 

Im nächsten Augenblick wurden beide von einem schweren Sattelschlepper überrollt, der ungebremst von hinten in die Unfallstelle raste. Der Fahrer des LKW’s muss wohl hinter seinem Lenkrad eingeschlafen sein. Mary Lou und ihr Freund Frank waren auf der Stelle tot. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich im strömenden Regen bis zur nächsten Notrufsäule gelaufen bin und um Hilfe gerufen habe. Etwa Fünfzehn Minuten später waren Notärzte, mehrere Rettungswagen, die Polizei, die Feuerwehr, und was weiß ich noch alles, zur Stelle. Leider kamen sie alle zu spät.

 

Später, als die herbeigerufenen Bestatter Frank und Mary Lou behutsam in die bereit gestellten Bergungswannen legten, stand ich einsam und verloren wie versteinert im Regen hinter der Autobahnleitplanke und weinte hemmungslos. Meine Tränen vermischten sich mit dem Regen, der um mich herum auf den Boden prasselte. Das war das letzte Mal, das ich Mary Lou gesehen habe. Sie lag da, als wäre sie nur eingeschlafen.

 

Auch jetzt ließ ich den Tränen wieder freien Lauf, die ich die ganze Zeit verbissen und voller Stolz zurückgehalten hatte.

 

Dann hörte ich, wie Mary Lou zu mir sprach.

 

Es tut mir alles so furchtbar leid. Ich war deine einzige große Jugendliebe und habe dich schrecklich enttäuscht. Wirst du dich jemals wieder mit mir versöhnen können? Ich hoffe es inständig. Ich möchte mit dir zusammen sein, so wie es früher einmal war. Vielleicht entdecken wir ja unsere Liebe neu und geben ihr eine neue Chance. Lass’ mich bitte nicht zu lange in der Einsamkeit zurück, denn ich muss bald wieder gehen. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Folge mir einfach, wenn du mich nach all dem, was geschehen ist, noch immer liebst. Zwinge dich nicht dazu, denn das würde unserer Liebe nur Schaden zufügen.“

 

Ihre Worte drangen tief in mein Herz. Ich hörte sie noch immer, auch als es um mich herum schon ganz still geworden war.

 

Wieder veränderte sich die Umgebung, als träte ich in eine andere Wirklichkeit.

 

Ich saß immer noch auf der Gartenbank unter der mächtigen Eiche und hatte nicht mitbekommen, wie sich das junge Mädchen Mary Lou nach und nach immer mehr auflöste, bis sie völlig verschwunden war.

 

Die Wolken hatten sich mittlerweile aufgelöst. Dafür leuchteten die Sterne am pechschwarzen Firmament wie funkelnde Diamanten um die Wette.

 

Hatte ich nur eine Halluzination erlebt? War alles nur ein Traum gewesen?

 

Als ich gerade aufstehen wollte, hörte ich plötzlich diese sanfte Stimme. Es war die Stimme des schönen Mädchens Mary Lou.

 

Komm endlich!“ flüsterte sie mir zu. „Komm, ich warte auf dich.“

 

Langsam und schwerfällig erhob ich mich von der Bank, griff mit zitternden Händen nach meinem krummen Spazierstock, verließ den Garten und ging in dunkler Nacht mühsamen Schrittes hinunter an den einsam da liegenden See.

 

Am Ufer angekommen, winkte mir plötzlich Mary Lou aus der Mitte des Sees zu. Von irgendwoher drang die Melodie eines Liedes in meine fast taub gewordenen Ohren.


“Hey, hey, hello Mary Lou, schau mich an,

und sag mir bitte einmal, I Love You,

Hey, hey, hello Mary Lou, lach mir doch zu,

so wie ein Sonnenschein Mary Lou...“

 

 

Mittlerweile hatte sich die Dunkelheit über das Wasser gelegt.

 

Kein Mensch aus der Umgebung sah mich, als ich Schritt für Schritt immer tiefer ins Wasser ging, bis schließlich die Wellen leise über meinem Kopf zusammenschlugen.

 

***

 

In einer anderen Dimension, weitab jeder irdischen Realität.

Als ich meine Jugendliebe Mary Lou endlich nach so langer Zeit wieder liebend in die Arme schloss, war ich wie auf wundersame Weise zu einem jungen Mann geworden.

 


ENDE

 

© Heinz-Walter Hoetter


 


 


 


 

4. Nur ein Spielzeug


 


 

Androiden


Die Frage nach der Möglichkeit von intelligenten Maschinen entstand schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und wird bis heute diskutiert. Angesichts der rasanten technologischen Entwicklung wird es bald soweit sein, dass die Menschheit über Computer verfügt, deren Gedächtnis- und Rechenleistung es mit derjenigen des menschlichen Gehirns aufnehmen kann.

Intelligente Maschinen. Besäße eine solche Maschine Bewusstsein? Wie entsteht eigentlich Bewusstsein? Wir wissen über dieses Phänomen noch zu wenig, um in näherer Zukunft zielgerichtet „bewusste Maschinen“ konstruieren zu können. Was ist aber, wenn unsere Computer erst einmal so raffiniert geworden sind, dass wir nicht mehr unterscheiden können, ob wir mit einer Maschine oder mit einem Menschen kommunizieren? Könnten wir ihnen da noch eine gewisse Form von Bewusstsein absprechen?

Und wo führt diese Entwicklung in Zukunft hin, wenn eines fernen Tages Roboter oder Androiden über neuronale Netzwerke verfügen, die das Verhalten der Neuronen eines menschlichen Gehirns nachahmen?

Werden diese hochkomplexen, empfindungsfähigen Maschinenwesen dann irgendwann einmal dazu fähig sein, träumen zu können?


 

***

 

Letzte Nacht träumte ich davon, ich wäre wieder auf dem herrlichen Landgut, dort, wo ich bei den reichen Leuten wohnte, die so viele Kinder hatten. Eine Allee mit alten Bäumen, in der beginnenden abendlichen Dämmerung schimmernd, die Pferde, die hinter einem Holzzaun stehen und aussehen wie Scherenschnitte. Und dann das schöne Gutshaus umgeben von grünen Wiesen inmitten der heran kriechenden Schatten. Es sind Abendschatten nach einem Tag voll sengender Sonne, deren heiße Glut ich immer noch spürte. Ich konnte sogar die vielen Kinderstimmen hören, glockenhell in der frischen Abendluft, und sehe ihre fröhlichen Gesichter, die böse Gedanken dahinter nicht vermuten lassen würden.

Sie spielen und lachen und gemeinsam gehen sie auf Verfolgungsjagd, bis einer von ihnen laut ruft: „Da ist er, der Verräter! Fangt ihn!“

Einige aus der Gruppe drehen sich zu mir herum.

Ich schreie. Es sind Schreie der Gewissheit, dass es wieder geschieht und alles von vorne beginnt.

Fernes Donnergrollen setzte ein, als Vorbote von Regen. Düster aussehende Wolken ziehen am blitzenden Horizont herauf. Das hält die Kinder aber nicht davon ab, ihre Verfolgungsjagd abzubrechen.

Die dunklen Abendschatten werden länger und schwärzer. Gleichzeitig wird das Spiel der Kinder noch ausgelassener und wilder.

Ich spurtete los und laufe mit großen Schritten auf den Schutz des nah gelegenen Waldes zu, versuche zu entkommen. Die Horde der großen Jungen und Mädchen rennt hinter mir her, besessen von der wahnsinnigen Lust, mich zu fangen, um mich dann endlich fesseln zu können.

Wir haben ihn gleich“, ruft jemand direkt hinter mir mit keuchender Stimme.

Ich schreie wieder, als sich einige meiner Verfolger auf mich stürzen. Im Wald ist es jetzt ganz finster, den ich nicht mehr ganz erreichen konnte. Dort hätten sie mich nicht gefunden.

Das letzte Licht der untergehenden Sonne am Horizont wird von schweren Gewitterwolken geschluckt. Ich wehre mich nicht mehr, lasse alles über mich ergehen, weil ich einfach keine Kraftreserven mehr habe. Dann packen mich meine Verfolger und zerren mich brutal mit.

Ihr sollt mich los lassen! Bitte! Ich habe euch doch nichts getan!“ rufe ich in meiner Verzweiflung.

Schweig!“ zischte mich der Anführer der Gruppe böse an, schlug mir mit der flachen Hand so heftig ins Gesicht, dass mein Kopf nach hinten wirbelte und meine weiche Kunsthaut hässliche Risse bekam.

Übertreib’ nicht, Mollek!“ sagte eines der Mädchen. „Wir wollen ihn nicht verletzen. Vater wird darüber nicht gerade erfreut sein. Du weißt, was er uns gesagt hat.“

Der große Junge beachtete seine Schwester zuerst nicht, sondern grinste sie nur hämisch an. Dann sagte er missmutig zu ihr: „Spielverderberin! Wir sagen einfach, dass er einen Unfall hatte. Vater wird sich damit zufrieden geben.“

Ich dachte über das Gehörte nach. Warum tun sie das ausgerechnet mit mir? Vielleicht deshalb, weil ich nur ein Spielzeug für sie bin?

Innerlich habe ich mich bereits mit meinem Schicksal abgefunden. Aber ich spüre so etwas wie Angst in mir, obwohl ich eigentlich keine Emotionen haben dürfte. Ich möchte etwas sagen, will sprechen, bleibe aber stumm. Meine Programmierung verhindert jede Selbstverteidigung und gegenüber menschliche Wesen darf ich keine Gewalt anwenden.

Zünden wir ihn an!“ ruft ein anderer Junge aus der Gruppe und hat plötzlich Streichhölzer in der Hand.

Das große Mädchen schüttelt den Kopf und stellt sich schützend vor mich.

Nein, nein! Er ist noch nicht verurteilt. Lasst ihn in Ruhe!“ sagte sie mit warnender Stimme. „Außerdem ist doch alles nur ein Spiel“, ruft sie den grölenden Burschen zu.

Ich werde trotzdem niedergestoßen und mit trockenem Gras überworfen. Der Junge mit den Streichhölzern zündet es an. Rauch steigt empor, und dann lecken kräftige bläulich gelbe Flammen an mir empor.

Macht sofort das Feuer aus!“ schreit das Mädchen. „Schnell, sonst wird er verbrennen.“

Wieder hörte man ein heftiges Donnergrollen, das diesmal ganz nah zu sein scheint. Ein heftiger Windstoß erfasst die lodernden Grasbüschel und wirbelt sie durch die Gegend.

Gefesselt liege ich im hohen Gras. Überall um mich herum brennt es auf einmal. Das Feuer ist außer Kontrolle geraten und lässt meine Haut schmoren, die mir bald in langen Fetzen am metallenen Laufskelett herunterhängt.

Der Verräter soll in der Hölle schmoren! Er gehört nicht zu uns! Er ist nur eine dreckige Maschine“, schreien die Kinder aufgebracht durcheinander, die mich jetzt mit Hass erfüllten Blicken anstarren. Dann bildeten sie einen Kreis um mich herum.

Durch den beißenden Qualm kann ich auf einmal tanzende Gestalten erkennen. Die Flammen schlagen immer höher. Und jetzt höre ich mich plötzlich selbst in Todesangst laut schreien. Es sind grauenhafte Schreie, die sich tief in mein Gedächtnisspeicher eingegraben haben und von denen ich weiß, dass sie eigentlich nicht zu meiner primären Programmierung gehören dürften. Ich habe mich wohl auf irgendeine unerklärliche Art und Weise verändert und werde meinen menschlichen Erbauern anscheinend immer ähnlicher.

Ich höre die Kinder, ich sehe sie springen, lachen und schreien. Dann, von einer Sekunde auf die andere sind sie plötzlich fort. Ein heftiger Regenschauer setzt abrupt ein. Ich sehe nichts mehr, es wird dunkel um mich herum.

***

Schreiend erwache ich in meiner stabilen Panzerglasbox, immer wieder verfolgt von diesen schrecklichen Erinnerungen. Ich höre eine ruhige Stimme neben mir und sehe in das Gesicht eines älteren Servicetechnikers der Cyborg Corporation, der mich kopfschüttelnd von oben bis unten nachdenklich betrachtet. Hinter ihm steht ein vornehm gekleideter Mann in einem hellen Anzug, von dem ich weiß, dass er mein Besitzer ist.

Tja, Mister Holland. Der Androide hat ganz schön was abbekommen. Tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass ein großer Teil seiner Kunsthaut stark verbrannt ist und von Grund auf erneuert werden muss. Ich bedaure sehr, dass Ihre Kinder ihn so zugerichtet haben. Die Reparatur wird einige Zeit in Anspruch nehmen und Ihnen einen ziemlichen Batzen Geld kosten. Wollen Sie ihn denn überhaupt noch reparieren lassen?“

Ich denke nicht. Nehmen Sie den Androidenjungen einfach wieder mit. Für meine Kinder ist er nur ein Spielzeug wie jedes andere auch. Irgendwie scheinen sie keinen Respekt vor diesem kleinen Roboter zu haben. Ich begreife einfach nicht, warum sie ihn ständig quälen wollen. Es wird daher wohl besser sein, wenn ich ihn an die Cyborg Corporation zurückgebe.“

Der Servicetechniker nickte mit dem Kopf, griff mir darauf hin in den Nacken und drückte sanft auf einen verborgenen Sensor unterhalb des Haaransatzes. Noch im gleichen Moment begann der Abschaltprozess. Ein heller Lichtschein in meinen Augen blitzte kurz auf, dann wurde es dunkel um mich herum.

Tief in meinem Gedächtnisspeicher allerdings lebten meine Erinnerungen weiter. Ich konnte nichts dagegen tun.

 

ENDE

 

(c)Heinz-Walter Hoetter


 

 

 

 

5. Tapio, der Waldgeist


 


 

Ich befand mich im Sommer 1961 zusammen mit meinen Eltern in einer ziemlich abgelegenen Herberge irgendwo weit im hohen Norden Europas, ganz in der Nähe eines großen Waldgebietes, das sich bis zum Horizont, und weit darüber hinaus, erstreckte.

Etwa zwei Tage nach unserer Ankunft hatte ich ein äußerst seltsames Erlebnis, das ich bis heute nicht vergessen habe.

Wir waren tagsüber wandern, und als die Nacht hereinbrach und der Vollmond wie eine riesige Laterne die Umgebung hell erleuchtete, schaute ich wie gebannt in den funkelnden Sternenhimmel hoch über mir, ohne dabei an die Zeit zu denken.

Schon mein Vater und meine Mutter hatten immer zu mir gesagt, dass Kinder nie allein in den Wald gehen sollten, weil dort schlimme Gefahren lauerten oder „Wilde Männer“ in ihm ihr Unwesen trieben.

Doch ich lachte als Junge nur über die mahnenden Worte meiner Eltern und ließ sie einfach reden, denn ich empfand gerade die nächtliche Dunkelheit als etwas sehr Geheimnisvolles, das auf mich einen starken mystischen Reiz ausübte.

Im Schutz der Dunkelheit fühlte ich mich komischer Weise sicher und geborgen, und so machte ich mich dann schließlich auf, in den nächtlichen Wald zu gehen, ohne Angst natürlich, denn für mich gab es keine bösen Geister, Kobolde, Zwerge, wilde Männer oder ähnliches.

Ich streifte mir also meine warme Wolljacke über, stieg aus dem Fenster im ersten Stock, hangelte mich an den starken Ästen einer großen Eiche ab, die direkt vor der Herberge stand und marschierte geradewegs los.

Ein wundervolles Gefühl von unendlicher Freiheit kam in mir hoch. Es schien, als wartete das ganze Universum auf mich, das es zu entdecken galt.

Als ich in den nah gelegenen Wald trat, spürte ich sofort das Magische an ihm, und er riss mich immer weiter in sich hinein, bis ich schließlich an eine weite Lichtung kam, die wegen der hohen Bäume vom hellen Mondlicht allerdings nur fahl ausgeleuchtet wurde.

Ich schaute angestrengt in alle Richtungen, aber alles sah irgendwie gleich aus. Schattenhaft und düster schaute mich der schwarze Waldrand am Ende der Lichtung an.

Große Augen wie eine Eule müsste man haben, dachte ich so für mich, um alles gut genug erkennen zu können. Im gleichen Augenblick stolperte ich aber schon über eine dicke Wurzel und landete im Dreck des feuchten Waldbodens, der an dieser Stelle mit hohen Farnen bewachsen war.

Ich hustete und prustete wie verrückt, richtete mich aber gleich wieder auf und ärgerte mich über meine eigene Ungeschicklichkeit.

Dann hörte ich plötzlich ein verdächtiges Geräusch. Es kam aus dem Dickicht direkt vor mir. Etwas kam auf mich zu, denn es raschelte immer lauter.

Vielleicht ein Hase oder ein anderes Waldtier? Ich konnte es nicht sagen.

Ich stand da, überlegte hin und her und versuchte mich zu konzentrieren. Das Geräusch kam näher und näher und wurde immer lauter, was mich zu noch größerer Aufmerksamkeit bewog, indem ich das Unterholz vor mir intensiv beobachtete. Erkennen konnte ich jedoch nichts.

Ach was, es wird nur ein Tier sein, beruhigte ich mich selbst und ging schließlich langsam weiter.

In Gedanken versunken schritt ich über die ausgedehnte Lichtung. Der schwarze Nachthimmel mit dem silbrig leuchtenden Mond lag über mir, als wolle er mir den Weg zeigen, mich führen und begleiten bis hin zu einem verzauberten Ort im Wald, den noch kein Mensch zuvor gesehen hatte.

Um mich herum war absolute Stille, kein Windhauch regte sich.

Wieder hörte ich dieses seltsame Rascheln im Unterholz, und so langsam musste ich mir eingestehen, machte mir dieses unheimliche Geräusch wirklich Angst. Am liebsten wäre ich auf der Stelle weggerannt, doch ich konnte nicht, denn plötzlich war ich wie gelähmt und bekam kaum noch Luft vor lauter innerer Angespanntheit.

Ich fing an zu zittern, die Kälte des Waldes legte sich um meinen Körper. Ich spürte immer deutlicher, wie etwas auf mich zukam, was mein ganzes Leben verändern sollte.

Auf einmal hörte ich diese zierliche Stimme.

"Hallo, nächtlicher Wanderer. Was machst du um diese Zeit noch im Wald? Hast du keine Angst vor bösen Geistern?"

Ich drehte mich erschrocken um, schaute zu Boden und sah ein kleines männliches Wesen vor mir stehen, das mich freundlich anschaute. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte, denn es war eine Begegnung der außergewöhnlichsten Art, die nur ganz wenigen Menschen zuteil wird.

"Hab keine Angst mein Junge, ich bin dein Freund."

Und wer bist du“, fragte ich mit stockender Stimme zurück und kniete mich zu der kleinen Kreatur herunter.

"Hm, ich bin der Waldgeist, sozusagen dein Freund und Helfer in der Nacht. Immer wenn dich was bedrückt, wenn du traurig oder einsam bist und niemand mit dir reden will, kannst du nach mir rufen. Dann komme ich, um dir zu helfen."

"Wie heißt du denn, mein kleiner Freund?" fragte ich und lächelte dabei ein wenig verlegen.

"Ich heiße Tapio und bin der gute Waldgeist. Ich bin der Herr über die Tiere und Pflanzen, die hier leben."

Dieser Tapio war so ein niedlicher kleiner Kerl, dass ich ihn am liebsten gleich mit nach Hause genommen hätte. Doch dies war ein kindliches Wunschdenken meinerseits, denn meine Eltern hätten sicherlich einen riesengroßen Schrecken bekommen, wenn sie Tapio sehen würden, was ich dem kleinen Kerl wirklich ersparen wollte.

Der Waldgeist Tapio grinste jetzt, als könne er meine Gedanken lesen. Schließlich kletterte er auf mein Bein, hielt sich daran fest und strahlte über beide Ohren.

"Du bist wirklich ein netter Junge, einer derjenigen, die ich am liebsten habe. Wie ich sehe, magst du den Wald und seine Geheimnisse, obwohl du nicht an die Existenz von Waldgeistern glaubst. Nun, es gibt uns, wie du siehst. - Trotzdem bist du sehr rücksichtsvoll. Die anderen tun mir oft weh, sie trampeln auf mich herum, zerstören alles was schön ist, doch du, du bist mir gegenüber friedlich gestimmt. Du achtest den Wald und seine Lebewesen."

Ich wusste was er damit sagen wollte.

Die meisten jungen Menschen hatten nur Unsinn im Kopf. Sie ärgerten die Tiere im Wald, rupften sinnlos Pflanzen raus und warfen ihren Müll überall hin. Die Erwachsenen machten es ihnen ja vor und gingen häufig mit schlechtem Beispiel voran.

Aber Tapio war der Herrscher des Waldes. Er überwachte das rege Treiben im Wald und bestrafte so manch schandvollen Frevler auf seine Art. Manchmal recht böse, wie er offen zugab.

Ich jedoch hatte von nun an einen echten Freund gefunden, nämlich den Waldgeist Tapio.

Er erzählte mir in dieser Nacht noch viele sagenhafte Geschichten rund um seinen großen, geheimnisvollen Wald. Irgendwann muss ich aber dann doch wohl eingeschlafen sein und am nächsten Morgen fanden mich meine völlig entsetzten Eltern schlafend unter der mächtigen Eiche vor, zugedeckt mit einer dicken Schicht trockenem Heu, das von einer nah gelegenen Wiese stammte.

Wie das Heu dahin gekommen war, konnten sie sich nicht erklären und auch die übrigen Gäste der Herberge waren darüber sehr verwundert.

Doch ich schaute nur hinüber zum fernen Waldrand, dachte lächelnd wissend an Tapio, den Waldgeist, und behielt das Geheimnis für mich.

Bis heute.

 

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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