Gisela Welzenbach

Schwieriger Lebensbeginn

Es war einmal in München

Meine Geschichten und Erinnerungen an die Münchner Stadt, in der ich in den 60er und 70er Jahren aufgewachsen bin, sind sowohl die Geschichten meiner Kindheit und Jugend und der Menschen um mich herum. Ebenso über Veränderungen/Entwicklungen, die seit den 60er Jahren in der Stadt und auch in meinem Umkreis stattfanden möchte ich erzählen.

Und meine Erinnerungen beziehen sich nicht nur auf München sondern betreffen auch noch andere Orte in Bayern aus vergangener Zeit.

Ich bin sehr froh darüber, dass ich meine Kinder- und Jugendzeit im Münchner Stadtteil Lehel verbringen durfte.

Es war noch a bisserl ein anderes Lehel als heutzutage. Die Miete war noch in einem normalen Rahmen, so dass einem in der Tasche mehr blieb als nur das Nötigste zum Leben, obwohl man damals weniger verdiente. Es reichte dann sogar, auch mal ab und zu in eine der damals noch viel mehr vorhandenen gemütlichen bayerischen Wirtschaften zu gehen, ohne den Pfennig dreimal umdrehen zu müssen und vielleicht für ein bisserl Kultur. Na ja, a paar reiche Leit hat's da freilich schon auch gegeben in unserem Lehel.

Meine meist schönen Erinnerungen an eine gemütlichere, charmantere, liebenswerte und nicht gar so schnelllebige Zeit bleiben. Und ich gebe diese gerne an meine Tochter Diana weiter und an alle, die diese Zeilen vielleicht lesen werden.

Die Familie damals

Am 23. April 1957 erblickte ich als Münchner Kindl das Licht der Welt.

Es ist der Tag des Bieres, als ein paar Jahrhunderte vorher (anno 1516) das Herzogtum Bayern per Landesverordnung das Reinheitsgebot erlassen hat, also am „Tag des Bieres“. Passt doch für ein Münchner Kindl, gell?

Und es ist auch der Tag des Buches. Ein paar Jahrhunderte zuvor wurden nach einer katalanischen Tradition am Namenstag des Volksheiligen St.Georg Rosen und Bücher verschenkt. Die UNESCO hat nach dieser Tradition 1995 einen weltweit eingerichteten Aktionstag für das Lesen, die Bücher und auch für die Rechte ihrer Autoren eingerichtet.

Hinein geboren wurde ich auch in eine Zeit des Wirtschaftswunders der noch jungen Bundesrepublik Deutschland und neun Jahre nach der Währungsreform 1948. Im Jahr 1957 wurde die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) bestehend aus den Ländern Deutschland, Frankreich, Italien und den Beneluxstaaten gegründet.

Das Wirtschaftswunder allerdings kam bei meinen Eltern erst mal nur sehr bedingt an. Meine Mutter war Straßenbahnschaffnerin und mein Vater bei der Bereitschaftspolizei. Um heiraten und einen auch nur einigermaßen bewohnbaren Hausstand schaffen zu können, musste er erst mal Schulden machen. Er bekam einen Kredit von 300,-- Mark.

Mein Papa verdiente damals als junger Polizist sehr wenig. Er hat mir mal gesagt, dass es so um die 50,-- DM waren. Meine Mama verdiente als Schaffnerin etwas mehr. Aber beide waren gezwungen zu arbeiten, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Zudem mussten sie auch Schicht arbeiten. Also hatten sie sehr unterschiedliche Arbeitszeiten.

Eine Wohnung konnten sie sich noch nicht leisten geschweige denn auch die dazugehörige Einrichtung. Sie wohnten daher in einer alten Villa in Milbertshofen in einem Zimmer zur Untermiete. Vorher wohnte meine Mutter noch bei ihrer ältesten verheirateten Schwester, der Tante Friedl. Sie schlief (meine Mutter) damals in der Wohnküche. Und ich kam dann auch noch so mehr oder weniger unverhofft dahergepurzelt bevor sie noch geheiratet haben. Wie es halt oft zu dieser Zeit der Fall war.

Es blieb ihnen nun bei diesen Verhältnissen nichts anderes übrig als mich nach meiner Geburt erst mal in einer Münchner Kinderheim zu geben. Dieses Heim wurde von Ordensschwestern geführt und die Kleinen wurden wirklich rührend umsorgt.
Nach den Erzählungen gab es eine Ordensschwester – Schwester Alma - die sich meiner ganz besonders angenommen hat, weil sie mich so gerne mochte.
Man hat mir erzählt, dass ich, als ich drei Wochen alt war, so krank war, dass man mich schon aufgegeben hat.

Ich lag sogar schon im sogenannten „Totenkammerl“, also in einem separaten Raum. Natürlich wurde ich weiterhin versorgt. Meine Eltern wussten zwar, dass ich krank war. Aber man hat sie im Unklaren darüber gelassen, wie schlecht es tatsächlich um mich stand. Keiner wusste so genau, was mir denn eigentlich fehlte. Selbstverständlich hofften sie inständig, dass ich wieder gesund wurde. Was man damals eben noch nicht wusste war, dass meine Eltern eine Blutunverträglichkeit hatten und dass dies für ein Kind lebensgefährliche Auswirkungen hat.
Schwester Alma, welche sehr an mir hing, ist jeden Tag in die Kapelle gegangen und hat für mich zur Muttergottes gebetet, damit ich wieder gesund werde. Das hat offensichtlich geholfen, denn ich wurde wieder gesund. Eigentlich wie ein kleines Wunder.

Da meine Mutter durch ihren Schichtdienst bei der Straßenbahn leider nur an wenigen Sonntagen im Jahr frei hatte, konnte sie mich nicht oft besuchen, ähnlich ging es auch meinen Vater durch seinen Beruf. Und die Besuchszeiten im Heim waren eben nur am Sonntag. So fuhr also die älteste Schwester meiner Mutter, die Tante Friedl – zusammen mit meinem Cousin Werner, der damals ja noch ein Schulbub war – des öfteren zu mir ins Heim zu Besuch. Darüber war Werner allerdings nicht so begeistert, weil sich meine Tante halt mehr um mich kümmerte bei diesen Besuchen als um ihn. Sie hat es mir mal erzählt und ich musste darüber lachen.

Mit neun Monaten kam ich dann zu meinen Großeltern mütterlicherseits in den Bayerischen Wald, worüber ich später noch erzählen werde. Im Jahr 1961, als ich knapp vier Jahre alt war, konnten meine Eltern eine 3-Zimmer- Wohnung in der Lerchenfeldstraße nahe am Englischen Garten im Lehel beziehen und mich endlich zu sich holen. Mein Opa war leider verstorben und da meine Oma so ganz allein gewesen wäre im Bayerischen Wald, zog sie zusammen mit mir nach München.

Was gut war, da meine Eltern ja weiterhin arbeiten mussten und meine Oma auf mich aufpassen konnte. Im Laufe der Zeit wurde ich dann bei meinen Eltern und im Lehel heimisch und wuchs dort auf. Meine Oma teilte mit mir das dritte Zimmer, wo sie sich mit ihren alten Schlafzimmermöbeln, die sie aus dem Bayerischen Wald mitgebracht hatte, einrichtete. Ich schlief mit ihr in dem alten Doppelbett.

Ich blieb kein Einzelkind. Als meine Schwester Sigrid im Dezember 1965 geboren wurde, sollte das dritte Zimmer zu einem Kinderzimmer umfunktioniert werden. Das Problem war allerdings, dass meine Oma nicht mehr die Jüngste und zwei Kinder, also ein Schulkind und ein kleines Baby ihr zum Beaufsichtigen einfach zu viel war. Und man hat auch festgestellt, dass der Platz ohnehin nicht ausreichte mit den Möbeln von der Oma. Sie zog in den Bereich eines großen Gärtnereigeländes in der Schleißheimer Straße, wo auch ihr Sohn, mein Onkel Walter, mit seiner Frau Anni wohnte, von denen ich später auch noch a bisserl was erzählen werde. Die Oma war froh, dass sie in deren Nähe sein konnte.

Leider war auch Sigrid so wie ich durch die Blutunverträglichkeit unserer Eltern schwer krank. Zum Glück war die Medizin dann soweit, dass sie das erkannte und meine Schwester bekam gleich nach ihrer Geburt einen Blutaustausch. Sigrid war sechs Wochen in der Klinik und erholte sich zum Glück.

Da die Oma nicht mehr bei uns wohnte, ich zur Schule ging und meine Mutter, so gern sie daheim geblieben wäre, weiterhin ganztags im Schichtbetrieb wegen der sonst sehr knappen finanziellen Mittel als Schaffnerin arbeiten musste, kam auch meine Schwester zeitlich begrenzt in dasselbe Kinderheim wie ich. So bewohnte ich quasi das Kinderzimmer erst mal allein. Damals wie heute müssen viele zu zweit arbeiten, weil es sonst nicht zum Leben reicht.

Kindergeld gab es zu der Zeit erst ab dem zweiten Kind in Höhe von damals 25,-- Mark. Ab dem Jahr 1975 gab es dann Kindergeld auch für das erste Kind. Da wurde ich aber bereits volljährig und arbeitete bei der Stadtverwaltung München. Mein Vater verdiente damals einfach zu wenig, um den Lebensunterhalt alleine stemmen zu können mit einer Familie mit zwei Kindern.

Nach ca. einem Jahr in dem Heim erboten sich mein Onkel Walter (der Bruder von meiner Mama) und Tante Anni, die Sigrid während der Woche bei sich aufzunehmen. Dies war möglich, weil Anni wegen ihres kleinen Sohnes Jürgen, der ein Jahr jünger als Sigrid ist, Heimarbeit machen konnte. Am Wochenende war meine Schwester regelmäßig daheim. Es war für etwa für eineinhalb Jahre. Da die Familie in der Gärtnerei wohnte, war das auch schön für die Kinder. Am Ende des Gärtnereigeländes war auch ein Zugang zum anschließenden Park.

Unter der Woche hatte ich den Hausschlüssel um den Hals gehängt und ging nach der Schule nach Hause, wo ich meistens erst mal allein war. Man nannte dies ein „Schlüsselkind“. Ich machte meine Hausaufgaben und spielte danach entweder draußen mit meinen Freundinnen oder bei schlechtem Wetter daheim. MüZwischenzeitlich war dann schon auch mal meine Mutter zu Hause wenn es der Dienst erlaubte. Als meine Schwester zweieinhalb Jahre alt war, war sie ganz zu Hause und kam in den Kindergarten.

Unsere Familie vergrößerte sich noch um meinen Bruder Andreas, der im Februar 1968 auf die Welt kam. Dieser war vollkommen gesund. Natürlich fiel mir die Aufgabe zu, auf meine viel jüngeren Geschwister aufpassen zu müssen. Das mochte ich nicht immer, da dadurch meine freie Zeit eingeschränkt war.

Später kam einmal im Jahr für eine Weile immer meine Oma väterlicherseits aus Wunsiedel und kümmerte sich um uns Kinder. Das war dann für mich eine schöne freie Zeit, ohne Aufpassen auf meine Geschwister.

Meine Mutter hörte nach der Geburt meines Bruders als Schaffnerin auf, um halbtags bei der Hauptpost zu arbeiten. Sie legte ihre Arbeitszeit auf den Nachmittag bis in den Abend hinein, damit sie zumindest bis über Mittag hinweg zuhause sein konnte bis ich von der Schule nach Hause kam. Zum Glück war dies dann möglich.

 

 

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