Heinz-Walter Hoetter

Drei ungewöhnliche Kurzgeschichten

Eine unglaublich wahre Geschichte

 

1. Der Mann aus der Zukunft, der Jesus rettete

 

***

 

Jesus hat immer sehr deutlich davon gesprochen, dass er wiederkommen wird. Wann genau das sein wird, wissen wir Menschen nicht.

 

Aber es gibt Wesen aus dem All, die das wissen.

 

 

***

 

Der Zeitreisende befand sich in einem geschmeidigen Panzeranzug, der mit einem Schutzhelm ausgestattet war, der eine klare Sicht nach vorne durch ein großes Visier aus mehrfach beschichtetem Hartglas ermöglichte.

 

Alle seine Sinne waren auf höchste Konzentration ausgelegt. So stand er mehrere Minuten lang in einer futuristisch aussehenden Halle, testete nacheinander akribisch alle Funktionen seiner Ausrüstung, bis er schließlich mit festen Schritten auf den flimmernden Transmitterbogen in der Mitte der Halle zuging, der ihn später auch wieder zurück in die Zukunft seiner Zeit befördern sollte, wenn er seine Mission in der Vergangenheit erfüllt hatte.

 

 

 

***

 

 

 

Ein gleißend heller Lichtschein durchflutete die Umgebung und wurde schnell größer und größer. Es roch nach elektrischer Entladung, wie nach einem starken Blitzeinschlag.

 

Eine große Person trat aus dem pulsierenden Licht hervor, die, geschützt durch einen gepanzerten Raumanzug, den vibrierenden Energiebogen verließ.

 

Zuerst blieb sie regungslos stehen, drehte sich schließlich nach allen Seiten verwundert um, als würde sich ihr Verstand weigern, die ungeheuerliche Tatsache zu akzeptieren, was soeben geschehen war. Dann trat sie behutsam einen weiteren Schritt vor.

 

Im nächsten Moment schloss sich hinter ihr das knisternde Energieportal, das wenige Sekunden später mit einem scharfen Zischgeräusch in sich zusammenfiel, bis es schließlich in einem immer kleiner werdenden Lichtpunkt verschwand, eine wabernde Rauchfahne hinter sich herziehend.

 

Jetzt brach eine wahre Flut von Sinneseindrücken über den Zeitreisenden herein. Ein Gefühl des Triumphs kam in ihm hoch, das ihn zu übermannen drohte. Sein Verstand bewegte sich hart an der Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn. Doch er riss sich zusammen. Er hatte den gefährlichen Zeitsprung ohne jeden Schaden überstanden.

 

Trotz einer mehrere Sekunden lang anhaltenden Schwäche, die er als Zeichen der vorausgegangenen Anspannungen deutete, empfand er eine vollkommene Genugtuung über das gerade Geschehene.

 

Dann warf er einen kurzen Blick auf die klobige Multifunktionsanzeige, die sich am linken Handgelenk seines Panzeranzuges befand. Ihm wurde sofort klar, dass ihm ab jetzt nur zehn bis fünfzehn Minuten Zeit blieben, um sich auf den Weg zu seinem anvisierten Ziel zu machen.

 

Es wurde also höchste Zeit.

 

Die Navigationseinheit an seinem linken Arm war ein technisches Wunderwerk in Miniformat und wies dem Zeitreisenden den Weg zur Schädelstätte, die außerhalb der Mauern der Stadt Jerusalem lag. Der Platz hieß auf hebräisch „Golgatha“. Es war der Ort, wo man den Juden Jesus Christus hinrichten wollte, der sich in aller Welt als Sohn Gottes ausgab und nun dafür sterben sollte. Der Zeitreisende wusste aber genau, dass er ganz unmittelbar in der Nähe seines Zieles in der Vergangenheit angekommen war. Der vorprogrammierte Zeitsprung war ohne Probleme gelungen.

 

Draußen wurde der Himmel plötzlich tief dunkel. Eine düstere Wolkenwand erhob sich am Horizont und kam schnell näher. Eine bedrückende Atmosphäre machte sich breit. Alles wirkte finster, bis auf die unmittelbare Umgebung der drei Kreuze, die in einem seltsam anmutenden Lichtstrahl standen, auf die der Zeitreisende unverzüglich zulief. Er musste sich beeilen.

 

Am Hügel Golgatha angekommen, sah er eine leblose Gestalt am mittleren Kreuz hängen, die eine Dornenkrone auf dem Kopf trug, der stark blutete, weil er mit tiefen Wunden übersät war. Hände und Füße wurden anscheinend an dem breiten Holzbalken mit großen Nägeln durchschlagen. Die schlimmen Verletzungen erregten bei dem Zeitreisenden tiefe Abscheu. So etwas hatte er noch nie zu Gesicht bekommen. Auch an den Füßen ran überall Blut am aufgerichteten Balken herunter. Außerdem roch es ziemlich übel nach Schweiß und Exkrementen. War das der Mann, den er suchte? Den historischen Angaben zufolge musste er es sein, dachte sich der Zeitreisende.

 

Langsam schritt er unbemerkt die sanfte Anhöhe des Hügels hinauf. Zwei römische Soldaten standen neben einigen Frauen in einiger Entfernung des Hinrichtungsplatzes. Sie hantierten mit einem Kleidungsstück herum. Offenbar waren sie sich nicht einig, wer es bekommen sollte. Sonst waren keine anderen Menschen mehr zugegen. Jedenfalls im Moment nicht. Die Gelegenheit war also günstig, unbemerkt an die Kreuzgruppe zu gelangen. Mit der rechten Hand aktivierte er jetzt die Tarnkappe, die um seinen gesamten Panzeranzug die Illusion eines alten Umhanges erzeugte. Niemand würde seine wahre Gestalt darunter erkennen können.

 

Der Mann aus der Zukunft näherte sich vorsichtig und so unauffällig wie möglich des in der Mitte stehenden Kreuzes, das höher und wuchtiger war als die übrigen zwei anderen daneben. Es wies eine leichte Schräglage nach vorne auf. Das Gesicht des Mannes, der sich Jesus Christus nannte, war von ihm abgewandt und es schien, als würde der Kopf leblos auf der Schulter des gemarterten Menschen liegen. Blut tropfte aus seinen langen, von Dornen durchdrungenen Haaren und aus tiefen Wunden seines geschundenen Leibes.

 

Weder die beiden Soldaten noch die auf dem Boden hockenden Frauen beachteten den Fremden aus einer anderen Zeit. Sie schauten noch nicht einmal zu ihm hinüber, obwohl er jetzt direkt neben dem Gekreuzigten stand, der keinen einzigen Laut von sich gab. Offensichtlich war dieser Christus schon gestorben. Es sah jedenfalls danach aus.

 

Trotz seiner Tarnkappe, die seinen Panzeranzug verbarg, war der Zeitreisende vorsichtig und vermied jede noch so kleine Auffälligkeit.

 

Sollten ihm allerdings die anwesenden Personen aus irgendwelchen Gründen Schwierigkeiten bereiten, müsste er sie wohl oder übel mit seiner gefährlichen Destruktionswaffe unschädlich machen, zwar nicht gleich töten, dafür aber in eine tiefe Bewusstlosigkeit versetzen, um durch eine kurzfristig erzeugte Schockwelle im Gehirn die Erinnerungen dieser Menschen zu löschen. Der Gedanke an eine eventuelle Notlage, in der er zu diesen unschönen Maßnahmen greifen müsste, verursachten in ihm eine mulmiges Gefühl. Er wollte auf seiner Mission keine Lebewesen verletzen. Das war seiner Spezies fremd.

 

Plötzlich erschrak der Zeitreisende, denn der vermeintliche Tote bewegt sich etwas. Der Mann in dem wallenden Gewand wich augenblicklich zurück und drückte im nächsten Moment einen Sensor am linken Arm.

 

Wieder setzte ein kurze Gefühl des Triumphs ein, welches den Zeitreisenden wie eine Welle der Begeisterung übermannte. Doch er riss sich sofort wieder zusammen. Schnell wich die aufkommende Freude einer gespannten Konzentration. Ehe er seinen Emotionen freien Lauf lassen durfte, musste die gesamte Rückkehrphase reibungslos verlaufen. Er wollte seine wichtige Mission nicht durch eigene Disziplinlosigkeit gefährden.

 

Im nächsten Augenblick schob er auch schon gekonnt den kleinen Zellaktivator in eine der offenen Wunden am Körper des Gekreuzigten, der zusätzlich noch mit einem Peilsender ausgestattet worden war. Der eingepflanzte Zellaktivator würde schon bald seine Arbeit aufnehmen und anfangen, alle Zellen des schwer verletzten Körper zuverlässig wieder zu regenerieren, sodass der Eintritt des Todes dieses gekreuzigten Jesus damit verhindert werden konnte.

 

Endlich war es soweit. Der Mann aus der Zukunft hatte seine Mission perfekt abgeschlossen und verließ augenblicklich die grauenvolle Hinrichtungsstätte auf gleichem Weg, den er vorher schon gekommen war. Etwas später durchschritt er abermals den flimmernden Transmitterbogen, der sich vor ihm exakt zum vereinbarten Zeitpunkt und am vorbestimmten Ort laut zischend aufgebaut hatte, um damit nun in seine Zeit wieder zurückkehren zu können.

 

 

***

 

 

Er ist nicht mehr da!“ riefen die Frauen entsetzt, als sie den Leichnam Jesu nicht mehr in der Höhle vorfanden, wo sie ihn salben wollten. In großer Furcht verließen sie den Ort schleunigst, denn sie wussten nur zu genau, dass die Auferstehung Jesu lange zuvor von den Propheten angekündigt worden war. Sie verbreiteten das unglaubliche Ereignis, welches sie erlebt hatten, in ihrem Dorf aus dem sie gekommen waren.

 

***

 

Ich bin wirklich beeindruckt von ihrem überaus gelungenen Einsatz, Commander. Sie haben Jesus gerettet, den wir ohne Schwierigkeiten aus dieser engen Höhle in unsere Zeit holen konnten, dank unserer perfekten Transmittertechnik. Er liegt noch immer im medizinischen Zentrum unseres Planeten und wird dort rund um die Uhr behandelt. Seine Verletzungen waren erheblich. Dank des Zellaktivators aber, den Sie im Körper dieses Mannes so wagemutig untergebracht haben, der bereits sterbend am Kreuz hing, haben wir ihn am Leben halten und damit retten können. Auch der Peilsender hat seine Arbeit sehr gut gemacht. Mit seiner Hilfe konnten wir diesen Jesus aus der Höhe holen und ihn in unsere Zeit teleportieren. Sie haben wirklich gute Arbeit geleistet, Commander. Jesus wird auf jeden Fall wieder ganz gesund werden. Unsere Ärzte sind hervorragende Spezialisten. Wenn die Zeit reif ist, werden wir Jesus auf die Erde zurück schicken, um die Menschheit vor ihrem Unglauben und ihrer Selbstzerstörung zu bewahren. Wir dürfen diese Kreaturen auf dem Planeten Terra nicht enttäuschen, denn sie glauben immer noch daran, dass Jesus eines Tages wieder auf die Erde zurück kommen wird, um sie zu erlösen.“

 

So soll es sein und so wird es kommen, Oberster Religionsrat. Alle Vorbereitungen sind bereits getroffen. Die entsprechenden Maßnahmen dazu habe ich erst vor ein paar Tagen angeordnet. Nach irdischer Zeitrechnung sind bereits mehr als zweitausend Jahre vergangen, was aber nicht für uns gilt. Unsere Spezies kennt keine Zeit.“

 

Sehr gut, Commander! Sie können übrigens Jesus besuchen, der sich im Paradiesgarten im Zentrum unseres Planeten aufhält. Sie werden sehen, dass er nicht einen Tag gealtert ist und noch immer so jung aussieht, wie wir ihn damals in der Höhle nach seiner Kreuzigung vorgefunden haben. Was diese Dinger alles bewirken können, ist unglaublich. So ein Zellaktivator lässt uns einfach nicht älter werden. - Oh, ich muss mich beeilen. Mein Raumschiff steht bereit, um mich nach Hause zu meiner Familie zu bringen. Man will Sie übrigens befördern, was ich so gehört habe. Das nur nebenbei bemerkt. Nochmals alles Gute! So, jetzt muss ich aber gehen, sonst verpasse ich noch wirklich mein Raumschiff. Wir sehen uns bald wieder, Commander.“

 

ENDE


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

***


 


 

2. Eine „glückliche Zukunft“ für jeden Bürger


 

Ein international tätiger Pharmakonzern konnte nach jahrzehntelanger intensiver Forschung dem höchsten Vorstand endlich brauchbare Resultate vorlegen, die eine Substanz betraf, welche nach Verabreichung, bei geringsten Anzeichen von Lustlosigkeit, Niedergeschlagenheit, Unzufriedenheit oder Aggression, den betreffenden Menschen ein immens gesteigertes und lang anhaltendes Glücksgefühl bescherte. Versuche an freiwilligen Testpersonen verliefen zur höchsten Zufriedenheit der beteiligten Labormediziner, jedoch wurden die Versuchsergebnisse aus ganz bestimmten Gründen vorerst streng geheim gehalten.

 

Die Experten erkannten nämlich gleich die ungeheuren Möglichkeiten dieser pharmazeutischen Erfindung und nachdem die Politiker davon Wind bekamen, verlangten diese die schnellstmögliche Produktrealisierung, da gerade sie ein besonders großes Interesse an der dauerhaften Verfestigung ihrer Macht hatten.

 

Glückliche Menschen waren zufriedene Menschen. Man konnte sie einfach besser regieren. Auch die Verbreitung unerwünschten Gedankengutes würde man ebenfalls auf ein Minimum reduzieren können, brächte man dieses neue Medikament erst unters Volk, dachten sich die Herrschenden.

 

Ein schnell, aber heimlich ausgehandelter staatlicher Auftrag verhalf dem Pharmakonzern zu einem gewaltigen Milliardengeschäft.

 

Es war ein perfekter Deal.

 

Man erfand daher in kürzester Zeit eine vollautomatisch arbeitende Vorrichtung, die dazu in der Lage war, winzig kleine Kügelchen dieser hochwirksamen Substanz gezielt auf jede vorbeigehende Person abzuschießen, wobei die Reichweite dieses Gerätes bei mehreren hundert Metern lag.

 

Einmal abgefeuert, durchschlugen diese mikroskopisch kleinen Nanokugeln ohne nennenswerten Widerstand jede noch so geartete Kleidung und drangen dabei tief in die untersten Hautschichten des Menschen ein, ohne dass die betroffenen Personen etwas davon bemerkten, außer vielleicht ein kleines Jucken oder leichtes Piksen. Die Wirkung des verabreichten Medikamentes trat allerdings sofort ein und hielt, je nach Dosierung, mehrere Tage und Wochen an.

 

Es dauerte nicht mehr lange, da ging man dazu über, an allen nur denkbaren Orten so genannte „Spenderautomaten“ zu installieren, die mit hochempfindlichen Emotionssensoren und superschnell schießenden Injektionspistolen ausgestattet waren. Sogar die Bevölkerung unterstützte die Installierung dieser Messinstrumente aktiv mit, endlich einmal nicht genau wissend, was sie erwartete.

 

Zum ersten Mal seit bestehen menschlicher Gesellschaften und ihrer politischen Systeme würde wirklich jeder Bürger ohne Gewaltanwendung in den Genuss einer Maßnahme kommen, die sein eigenes Glücksgefühl, ohne nennenswerte Nebenwirkungen zu haben, extrem steigerte.

 

Ausgenommen davon waren natürlich jene systemtreue Personen, denen die Kontrolle und die Wartung der millionenfach vorhandenen Vorrichtungen oblag. Diesen Heloten wurden einfach winzige Chips eingepflanzt, damit die Emotionssensoren auf sie nicht reagieren.

 

Die gerechte Verteilung der glücklich machenden Narkotika garantierte die eingebaute Automatik, die permanent in Verbindung mit den empfindlichen Emotionssensoren ihre Funktion versah. Jede vorbeikommende Person wurde heimlich von unsichtbaren Laserstrahlen abgetastet. Menschen, die nur die geringsten Anzeichen von Depression oder Aggression zeigten oder sich gemeinsam in Räumlichkeiten aufhielten, bewirkten zum Beispiel eine sofortige Aktivierung der injizierenden Schussapparatur. Die Dosis der verabreichten Narkotika war immer so bemessen, dass sie, völlig ungefährlich für die Gesundheit des Menschen, stets die optimalste Wirkung garantierte.

 

Jeder würde sich künftig in einem unaufhörlich heiteren Gemütszustand befinden.

 

Lediglich die Zerstörung der Apparatur oder Teile davon stand unter Strafe und hatte die Einweisung in spezielle Häuser zur Folge.

 

Eine „glückliche Zukunft“ für jeden Bürger stand somit nichts mehr im Wege.

 

ENDE

 

© Heinz-Walter Hoetter


 


 


 

***


 

3. Die Story von Stella Born

 


Draußen war es noch dämmerig. Die Kirchturmuhr schlug gerade vier Uhr morgens. Fahl weiße Nebelschwaden hingen zwischen den Häusern der Stadt und kein einziger Laut war zu hören.

In einer kleinen, schäbig aussehenden Nebengasse stand ein altes Haus mit schmutziger Fassade und schmalen Fenstern, wo oben im 2. Stock in einem der Zimmer gerade das Licht eingeschaltet wurde.

Eine junge Frau verschloss soeben eine ziemlich überladene, reich verzierte, rotbraune Vitrine, bevor sie die weinroten Samtvorhänge wieder vollständig vor die geschliffenen Glasscheiben zog.

Stella Born stand noch lange vor der Vitrine. Ihre dunkel glänzenden Augen starrten die ganze Zeit wie gebannt auf das alte Möbelstück, das aus ganz bestimmten Gründen extra in einem kleinen separaten Zimmer in ihrer Wohnung stand.

Plötzlich ging ein Ruck durch den schlanken Körper der hübschen Frau, wobei gleichzeitig ein befriedigtes Lächeln über ihren roten Mund huschte. Dann zog sie sich zurück in ihr Schlafzimmer, zog sich aus, legte sich schlafen und dachte daran, dass das Warten bald ein Ende haben würde.

***

Stella Born hatte in dieser Stadt so gut wie keine Freunde. Es gab nur wenige Menschen, mit denen sie hin und wieder flüchtig verkehrte. Tagsüber arbeitete sie allein als Verkäuferin in einem Kiosk außerhalb der Stadt in der Nähe eines großen Flughafens.

Doch sobald sie mit den Notwendigkeiten ihrer Arbeit fertig war, kehrte sie in ihre Wohnung zurück, zog die Vorhänge zu und verbarg die Sicht nach drinnen und draußen, sodass in den Räumen ein dämmeriges Licht herrschte. Dann ging sie hinüber in den separaten Raum, wo die alte Vitrine stand, schaltete die silbrig farbenen Kerzenleuchter links und rechts davon ein, welche ein seltsam eigentümliches Licht verstrahlten, das in der Tat irgendwie beklemmend wirkte.

Aus einem geheimen Versteck holte die junge Frau, so wie sie es immer tat, einen dreieckigen Schlüssel hervor, schob die weinroten Samtvorhänge zur Seite und öffnete mit dem seltsam geformten Ding die Vitrine, dessen geschliffene Glasscheiben mit einem leisen Surren zur Seite glitten. Anschließend griff sie nach einer der vielen schwarzen Kugeln, die dort fein säuberlich platziert waren, schob sie durch die Vagina in ihren Unterleib und wartete eine Weile ab, bis der runde Gegenstand seinen Bestimmungsort erreicht hatte. Dann verschloss sie die Vitrine wieder sorgfältig und verließ den kleinen Raum.

***

Einmal im Monat, meist samstags, zog Stella Born, besonders zurechtgemacht, bis spät in die Nacht los, um mit einer bestimmten Art von Männern Bekanntschaft zu machen, die für sie von nahezu elementarer, lebenswichtiger Bedeutung waren. Aus diesem Grunde tauchte sie auch nie zweimal in den von ihr ausgewählten Lokalen oder Bars auf. Auch veränderte sie immer wieder ihr gesamtes Erscheinungsbild, denn niemand sollte wissen, wer sie wirklich war.

In abwechslungsreicher, stark weiblich betonter Aufmachung zog Stella Born stets genau jene Blicke der begehrlich interessierten Männer auf sich, die sie ebenfalls vorrangig bevorzugte. Die Auswahl war jedes mal mehr als genügend.

An diesem Samstag hatte sich die junge Frau eine kleine, aber sehr gut besuchte Bar in der etwa 45 Kilometer entfernten Nachbarstadt ausgewählt. Obwohl sie eine strikte Nichtraucherin war, suchte sie sich grundsätzlich gerne starke Raucher aus, immer in der Hoffnung, unter diesen zusätzlich überraschende, verborgene Gegebenheiten zu entdecken.

Schon bei den ersten sich anbahnenden Gesprächen fand Stella Born schnell heraus, ob sich ihre Hoffnungen und Vermutungen als richtig oder falsch erwiesen. Sie verstand es einfach hervorragend, ihre Eroberungen zielstrebig auszukundschaften, um sie danach zu überreden, mit ihr ein Gläschen mehr als nötig zu trinken.

Die meisten Männer ließen sich nur allzu gerne von ihr dazu überreden, manchmal ging das sogar schneller, als ihr lieb war, denn sie musste auf jeden Fall vorsichtig sein, um kein Aufsehen zu erregen. Alles musste ganz normal aussehen, so wie es unter den Menschen eben allgemein üblich war.

***

Der Mann am Klavier machte gerade eine Pause, als Stella Born auf der gegenüberliegenden Barseite einen etwas älteren Herrn bemerkte, der gelangweilt auf seinem Hocker am Tresen saß. Sie beschloss sofort, ihm deutliche Signale zu senden. Mittlerweile wurde die Luft im Raum immer rauchiger, sodass der jungen Frau die Augen weh taten. Aber sie ließ sich nichts anmerken und konzentrierte sich auf ihr baldiges Opfer.

Plötzlich erhob sich der Mann und steuerte direkt auf sie zu.

Der Unbekannte hatte einen gut geschneiderten, beigefarbenen Anzug an. Sein Gesicht war gebräunt, seine Haaren grau meliert. Er machte auf Anhieb einen sehr sympathischen Eindruck auf die junge Frau. Nur die rechte Hand steckte in einem schwarzen Lederhandschuh, was darauf hindeutete, dass er eine Prothese trug. Stella Born durchfuhr sofort ein leichtes Zittern. Bingo, dachte sie für sich.

Dann stand er direkt vor ihr, stellte sich bei ihr höflich vor und lud sie sogleich freundlich zu einem Drink ein. Sie nahm seine Einladung lächelnd dankend an und stellte sich ebenfalls vor. Sein Name war übrigens Georg Fischer.

Im weiteren Verlauf des Abends erzählte ihr neuer Bekannter, dass er zurzeit beruflich als Geschäftsführer eines großen Supermarktes tätig sei und mehrere Jahre seines Lebens in Asien gearbeitet hatte. Auch berichtete er davon, dass er vor einigen Jahren einen schweren Flugzeugabsturz mit seiner Privatmaschine überlebt habe, wobei er seinen rechten Unterarm verlor. So ging das den ganzen Abend weiter und Stella Born wusste schon bald, dass er ihr noch heute Nacht ins Netz gehen würde.

***

Der Barraum hatte sich inzwischen fast geleert, als Stella und Georg leicht angeheitert noch einige Male zusammen tanzten, bevor sie gemeinsam das Rauch geschwängerte Lokal verließen.

Es ergab sich schon fast von selbst: Stella lud ihren neuen Freund zu sich ein.

Georg war von dieser schönen Frau und ihrem vielsagenden Angebot sofort angetan. Wie sehr hatte er als behinderter Mann, der bereits das fünfzigste Lebensjahr überschritten hatte, sich so eine schlanke, intelligente und noch dazu sehr gutaussehende Frau gewünscht? Er verspürte einen zunehmenden Drang, noch heute Abend Sex mit ihr zu machen.

Angeregt kamen die beiden schließlich in Stellas Wohnung an. Georg war von der geschmackvoll eingerichteten Wohnung seiner neuen Freundin angenehm überrascht. Alles war bis aufs Kleinste aufeinander abgestimmt, fast so, als hätte jemand alle Möbel bis auf den Millimeter genau in Beziehung gebracht. Lediglich auf die seltsamen Bilder an den Wänden konnte er sich keinen Reim machen. Obwohl seine Kunstkenntnisse nicht die schlechtesten waren, fand er die bildlichen Darstellungen menschlicher Körperteile, die sich in sehr skurrilen Formen darstellten, doch überaus befremdlich. Einzelne Augen schienen den Betrachter von den Bildern runter regelrecht zu verfolgen.

Stella Born lächelte vielsagend, als sie bemerkte, dass ihr Freund ein nachdenkliches Gesicht machte und ihre Bilder dabei anstarrte, enthielt sich aber jeder Erklärung. Sie nahm Georg einfach an die Hand und zog ihn rüber ins Wohnzimmer, tranken gemeinsam Kaffee und sahen sich dabei verliebt in die Augen. Georg beschloss daher, alle weiteren Aktivitäten seiner neuen Freundin zu überlassen, lehnte sich entspannt nach hinten mit geschlossenen Augen und genoss die Küsse und die aufregende Fummelei seiner neuen Geliebten an seinem Geschlechtsteil.

Dann war es nur noch eine Sache von wenigen Augenblicken, bis beide im Bett lagen und ihre nackten Körper aneinander schmiegten. Georg war dankbar für jeden Moment, den er mit Stella auf diese erotische Art und Weise verbringen konnte. Während er tief in sie eindrang, flüsterte sie ihm die schönsten Dinge ins Ohr. Für eine Weile versank die Welt für die beiden ringsum vollständig, sodass sie weder Zeit noch Raum fühlten. Sie spürten nur sich selbst.

***

Als Georg wieder aufwachte, es mochten wohl mehr als vier oder fünf Stunden vergangen sein, befand er sich nicht mehr im Bett seiner Geliebten, sondern irgendwo in einer dunklen Kammer. Völlig nackt saß er auf einem sich metallisch anfühlenden Boden. Sein Körper zitterte wie Espenlaub.

Angestrengt lauschte er in die Stille hinein. Erst jetzt bemerkte er, dass seine Handprothese fehlte. Eine unbestimmte Angst kroch in ihm hoch. Seine Gedanken kreisten um die Frage, was hier eigentlich los war.

Plötzlich wurde eine kleine Klappe über seinen Kopf geöffnet und das Gesicht von Stella wurde sichtbar.

Ihre Stimme klang plötzlich ganz anders, nicht mehr so schmeichelnd sanft wie in der Bar und später in ihrer Wohnung beim Sex, sondern rau und unpersönlich.

"Entschuldige, aber was soll ich sagen, lieber Georg? Du hast mich in der Tat auf zweierlei Art glücklich gemacht. Ich hatte einerseits wirklich guten Sex mit dir und andererseits spendest du mir gleich mit den Überresten deines Körpers wieder Leben. Weißt du eigentlich wo du dich gerade befindest? Ich habe dich in einen speziellen Materieverdichter gesteckt, der dich gleich zu einer kleinen schwarzen Kugel pressen wird. Es kommen noch einige weitere, wichtige Substanzen hinzu, die ich zusammen mit dieser fantastischen Maschine aus meinem havarierten Raumschiff retten konnte, bevor es schließlich für immer im Meer versank. Ich konnte auch noch ein automatisches Notsignal absetzen, aber es wird noch etwas dauern, bis meine Leute kommen und mich von hier wegholen werden von der Erde. Sie sind mittlerweile unterwegs. Bis zu meiner Rettung muss ich mich allerdings zwangsweise mit einer ganz bestimmen Art von Bio-Energie versorgen, die ich nur aus höher entwickelten Kreaturen gewinnen kann. Dazu gehört nun mal auch ihr, eine Kreatur, die sich so hochtrabend als Homo sapiens sapiens bezeichnen. Euer Gehirn ist eigentlich mehr nur ein kranker Wasserkopf, weiter nichts. Aber insgesamt seid ihr für mich sehr reich an wertvollen Elementen und Stoffen, die man eigentlich überall im Universum findet, z. B. Kohlenstoff. Ach ja, deine Handprothese nehme ich übrigens als Souvenir mit, sozusagen als Andenken für meine Zeit hier auf dem Planeten Terra. Und schreie bitte nicht so laut, wenn du zusammen gepresst wirst. Es hat sowieso keinen Sinn, Georg. Hier hört dich keiner. - So, ich schließe jetzt die Klappe und schalte den Materieverdichter ein, der sich übrigens in einem alten, verlassenen Bergwerk befindet, wo ihn kein Mensch finden wird. Wenn meine Rettungscrew da ist, verschwindet auch dieses Ding von hier. Ich freue mich schon darauf, dich bald als Energiekugel in meinen Händen zu halten, mein Guter. Du sicherst mein Überleben damit, jedenfalls für eine bestimmt Zeit. Ich bin dir wirklich zu großem Dank verpflichtet, mein Freund. Ich werde immer an dich denken, wenn ich dann wieder bald Zuhause sein werde. Was ich noch sagen wollte. Deine Handprothese bekommt einen Extraplatz in meiner Vitrine, weil sie mir besonders gut getan hat, als du mich damit befriedigt hast. Jetzt mache ich aber Schluss! Ich muss den Prozess der Verdichtung endlich in Gang setzen. Ende der Vorstellung, mein kleiner Perversling."

Starr vor Angst versagte die Stimme von Georg Fischer. Er konnte nicht schreien. Jeder Versuch blieb in seiner trockenen Kehle stecken. Er begriff auch nicht, wie ihm geschah, als sich die Kammer mit einem Gas zu füllen schien.

Kurz darauf fiel die geöffnete Klappe mit einem dumpfen Knall zu. Ein knirschenden Geräusch verriet, dass Stella sie verriegelte. Nur wenige Sekunden später wurde der Körper von Georg Fischer von ungeheuren Gravitationskräften zusammen gepresst und mit einigen anderen zugeführten Stoffen zu einer kleinen schwarzen Kugel geformt, die schon bald durch eine qualmende Öffnung des Materieverdichters in die Hände der jungen Frau fiel, die ein außerirdischer Cyborg war und aus einer anderen Galaxie kam. Hier auf der Erde musste sie eine menschliche Gestalt annehmen, um überhaupt unauffällig überleben zu können.

Nun, nach irdischer Zeitrechnung würde der weibliche Cyborg Stella Born noch etwa ein Jahr warten müssen, bis die Rettungsmannschaft endlich die Erde erreicht haben würde.

Was aber ist schon ein Jahr angesichts der Tatsache, dass sie bereits seit mehr als 120 Jahren auf ihre Rettung wartete?

 

ENDE

(c)Heinz-Walter Hoetter


 

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