Heinz-Walter Hoetter

Wieder vier Kurzgeschichten

Kurzgeschichten der besonderen Art


 

  1. Das Abenteuer der beiden Kinder Mary Ann und Steven Parker

  2. Hades

  3. Hazan, der Zauberlehrling

  4. Der Agent des Teufels


 

***


 

1. Das Abenteuer der beiden Kinder

Mary Ann und Steven Parker


 

Der junge Steven Parker schaute in Gedanken verloren zum Küchenfenster hinaus. Draußen dämmerte gerade ein neuer Morgen. Langsam wurde der Himmel heller.

Steven war schon sehr früh aufgestanden, weil er einfach nicht mehr schlafen konnte. Er musste die ganze Zeit über seinen Traum nachdenken, den er in der zurückliegenden Nacht gehabt hatte. Es war ein sehr sonderbarer Traum gewesen, an den er sich jetzt wieder ganz genau erinnern konnte. Der Zauberer Merlin hatte ihn besucht und im Traum zu ihm gesagt: „Ich warte auf euch. Der magische Kreis ist wieder da.“

Steven war gerade erst vierzehn Jahre alt geworden und wohnte weit draußen am Stadtrand einer großen Millionenstadt mit seinen Eltern und seiner ein Jahr jüngeren Schwester Mary Ann in einem schönen Bungalow mit großem Garten.

Ganz in der Nähe befand sich ein weitläufiges Waldgebiet mit vielen kleinen Seen. Manche von ihnen lagen versteckt und weit abgelegen. Der Junge wusste genau, an welcher Stelle im Wald der magische Kreis schon mal erschienen war, wenn Merlin ihn im Traum besuchte. Aber oft, wenn sie nach ihm suchten, war er nicht da. Steven war deshalb stets sehr traurig gewesen, denn er dachte sich, dass Träume wohl nicht immer wahr werden können. Manchmal aber, wenn Mary Ann und er es fast nicht mehr aushalten konnten vor lauter Traurigkeit, dann wünschten sich beide den magischen Kreis herbei, weil sie genau wussten, dass es ihn wirklich gab.

Verträumt schaute Steven weiter zum Fenster raus.

Plötzlich ging die Esszimmertür auf und seine Schwester Mary Ann kam herein.

„Guten Morgen, mein großer Bruder. Du bist schon sehr früh aufgestanden, was? Hat dich Merlin etwa wieder im Traum besucht?“

„Wie kommst du da drauf, Mary Ann?“

„Ich habe jedenfalls von Merlin geträumt. Er sagte zu mir, dass er auf uns warte. Außerdem sei der magische Kreis wieder da.“

„Das habe ich auch. Ich wollte es dir nur nicht gleich verraten“, sagte Steven zu seiner Schwester uns sah sie lächelnd an.

„Ehrlich? Er hat es dir auch gesagt, dass der magische Kreis wieder da ist?“

„Ja, hat er. Ich gehe nach dem Frühstück sofort los und suche im Wald nach der Stelle, von der ich geträumt habe. Kommst du mit, Mary Ann?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht ist doch nur alles Unsinn. Wir sind schon so oft enttäuscht worden, dass ich keine große Lust mehr habe, meinen Träumen zu folgen. Aber trotzdem gehe ich noch ein letztes Mal mit. Wenn es diesmal wieder nichts wird, dann gehe ich nie wieder mit dir nach Merlin und seinem magischen Kreis suchen.“

„Es stimmt ja, Mary Ann, dass sich viele Träume nicht erfüllt haben. Wir sind schon oft enttäuscht worden. Aber diesmal habe ich das komische Gefühl, dass da etwas dran ist. Merlin hat zu uns beiden gesprochen. Es muss etwas Wichtiges sein, wenn er uns beide davon erzählt hat, dass der magische Kreis wieder da ist.“

Nachdem beide ihr Frühstück zu sich genommen hatten, packten sie ihre Rucksäcke, verstauten darin ihren Proviant, dazu noch ein paar andere Dinge und verabschiedeten sich wie immer artig von ihren Eltern.

„Ihr wollt also spazieren gehen? Nun ja, von mir aus“, sagte die Mutter zu ihren beiden Kindern und ermahnte sie eindringlich. „Aber bis zum Mittagessen seid ihr pünktlich wieder da. Habt ihr verstanden? Und kommt mir ja nicht auf den Gedanken woanders herumzulaufen als bis zu dem kleinen See mit dem schroffen Felsen, von dem ihr mir erzählt habt. Ab und zu ruft ihr uns über das Handy an. Schließlich müssen wir immer wissen, wo ihr seid. Es könnte ja mal etwas passieren. Und jetzt geht endlich! Wie gesagt, bis zum Mittagessen seid ihr wieder da.“

„Keine Angst, Mama. Wir kommen pünktlich zurück. Du musst dir wegen uns keine Sorgen machen. Ich lasse das Handy eingeschaltet. Sollte etwas Außergewöhnliches passieren, drücke ich sofort auf die grüne Taste, und schon bin ich mit euch verbunden“, antwortete Steven. Dann gingen seine Schwester und er los.

Der Vater schaute kurz über seine Zeitung und nickte dazu.

Bald waren Steven und Mary Ann durch die Haustür nach draußen verschwunden. Die Mutter war ihnen hinterher gegangen und schaute ihren Kinder nach.

Steven drehte sich noch einmal um.

„Wir sind bald wieder zu Hause, Mama!“ rief er und winkte ihr zu. Mary Ann tat es ihm nach.

Der Himmel war blass blau. In der Nacht waren graue Wolken aufgezogen, und es hatte etwas geregnet. Durch den Regen war die Luft gereinigt und frisch gemacht worden. Das tat den beiden jungen Spaziergängern richtig gut. Fröhlich marschierten sie dahin.

An einer Straßengabel schlugen beide den Weg zum Wald in Richtung des kleinen Sees mit den großen, schroffen Felsen ein. Nach etwa einer Stunde Fußmarsch waren sie da. Gleich neben der großen Eiche, die sich hinter dem Felsen befand, sollten sich Merlin mit dem magische Kreis befinden.

Vorsichtig traten Mary Ann und Steven hinter dem Felsen hervor und blickten hinüber zur der großen Eiche. Ihnen stockte der Atem. Sie konnten es kaum fassen. Da stand der Zauberer Merlin tatsächlich leibhaftig neben einem hell leuchtenden Kreis auf dem Boden und schaute die beiden Kindern lachend an. Offenbar hatte er sie schon erwartet.

„Kommt nur rüber zu mir, Kinder!“ rief er ihnen zu.

Im Licht des beginnenden Tages sah der Zauberer mit seinem spitzen Hut und dem weiten Umhang irgendwie ehrfürchtig aus. Wie ein Priester. In der rechten Hand hielt er einen lange Stab aus Holz.

Steven lächelte etwas verlegen. Als er und Mary Ann vor dem Zauberer Merlin standen, sagte er zu ihm: „Wir beide haben von Ihnen geträumt. Das ist noch nie vorgekommen. Deshalb haben wir uns auf den Weg gemacht.“

„Ich weiß“, antwortete der Zauberer Merlin und fuhr fort. „Ich habe euch ja den Traum geschickt. Gut, dass ihr gekommen seid. Diesmal brauche ich nämlich eure Hilfe. Die böse Hexe Mandragora ist wieder da. Sie arbeitet ständig gegen mich und versucht, mir das Leben schwer zu machen, nur weil ich sie einmal für ein Jahr in eine tiefe Felsenhöhle zusammen mit einen Drachen eingesperrt habe. Sie hatte das damals mehr als nur verdient. Sie war sehr böse zu mir und hat mir Schaden zugefügt. Dabei war ich noch gnädig gewesen und habe sie nur mäßig bestraft. Ich wollte ihr nur eine ordentliche Lektion darüber erteilen, wer hier der größte Zauberer im Land ist und das Sagen hat. Offenbar hat die alte Dame das immer noch nicht ganz verstanden. Seit der Strafzauber vorbei ist, greift sie mich schon wieder an. Noch schlimmer, als beim ersten Mal. Ich habe ihr bei einer günstigen Gelegenheit den Flugbesen wegnehmen können, deshalb muss sie sich erst einmal einen neuen besorgen. Das kann Wochen dauern. Genau aus diesem Grund habe ich im Augenblick Ruhe vor ihr.“

„Und was müssen wir tun, Merlin?“

„Ich lasse euch mit Hilfe des Zauberkreises durch die Zeit reisen, zurück in die Zeit der echten Piraten. Es geht an einen ganz bestimmten Ozean. Außerdem gebe ich euch ein kleines Buch mit, das Bilder von vielen Geräten enthält. Wenn ihr das Buch aufschlagt und mit dem Zeigefinger auf eine der Zeichnungen tippt, dann wird daraus in Sekundenschnelle ein realer Gegenstand. Bei größeren Gegenständen würde ich euch empfehlen, etwas Abstand zu nehmen oder auf eine kleine Anhöhe zu steigen. Ich möchte nicht, dass euch z. B. ein U-Boot oder eine Lokomotive zerquetscht.“

Merlin überreichte Mary Ann das Zauberbuch mit den vielen Dingen. Dann sprach er weiter.

„Damit ich endlich die böse Hexe Mandragora für immer loswerde, müsst ihr mir die Gebeine eines alten Seemannes vom Meeresgrund holen. Ich selbst darf das nicht tun. Die magischen Zauberregeln wollen es so, dass das nur zwei unschuldige Kinder machen dürfen. Einzig und allein das Buch darf ich euch zur Unterstützung mitgeben, mehr nicht. Geht jetzt beide in den magischen Kreis, der euch direkt an den Ozean bringen wird. Wenn ihr wieder zurück wollt, dann sucht im Buch der Dinge nach einem kreisförmigen Ring oder etwas, was rund ist wie ein Kreis. Er wird euch dabei helfen, in eure Zeit und zu mir zurückzukehren. Ich wünsche euch viel Glück. Und nun geht!“

Steven und Mary Ann traten in den magischen Kreis und im nächsten Augenblick standen sie am Ufer eines weiten Ozeans, dessen hohe Wellen sich rauschend im goldgelben Sand verliefen.

„Wow!“, jauchzte Mary Ann, „Das ist ja echt krass. Wir stehen plötzlich an einem richtigen Meer.“

„Ja, was glaubst du denn?“ sagte Steven und setzte sich schnell eine Mütze auf.

Der Wind begann nämlich zu blasen. Dann sah er zu seiner Schwester, die das Zauberbuch mit den Dingen in der Hand hielt.

„Mary Ann, gib mir das Buch! Ich möchte nachschauen, ob wir darin die Zeichnung eines U-Bootes finden.“

Gemeinsam schlugen sie die ersten Seiten des Buches auf. Und siehe da, schon auf der vierten Seite fanden sie die Abbildung eines kleinen U-Bootes.
Steven tippte mit dem Finger darauf und mit einem lauten Knall stand plötzlich ein U-Boot mit geöffneter Turmluke vor ihnen im Wasser. Allerdings leider nur zur Hälfte. Die andere Hälfte befand sich auf einem Riff.

„Was ist das denn für ein komisches Gerät, Steven?“ fragte Mary Ann.

„Hier in dem Buch steht, dass man damit die Ozeane erforscht. Damit kann man bis auf den Grund jeden Meeres tauchen. Ein ideales Gerät also, um die Gebeine eines alten Seebären zu bergen. Legen wir also los, Mary Ann. Wir müssen aber noch ein bisschen warten, bis die Flut einsetzt. Dann kann ich das Mini-U-Boot aus dem Riff ins offene Meer steuern. Trotzdem können wir schon einmal einsteigen und uns auf unsere Plätze setzen. Die Flut wird bestimmt bald kommen.“

Steven und Mary Ann stiegen ins das kleine U-Boot, schlossen hinter sich die Einstiegsluke und nahmen vorne auf den beiden Plätzen in der Glaskuppel Platz.
Steven saß auf dem Platz mit dem Steuerknüppel. Mary Ann war für die Kontrolle der Funktionen zuständig.

Das U-Boot war wirklich sehr eng. Steven suchte nach dem Hauptschalter. Nach einer Weile fand er ihn gleich hinter seinem Sitz. Er legte den roten Hebel um und ein Gebläse schaltete sich ein.

„Aha, die Luft wird gefiltert und mit neuem Sauerstoff angereichert, damit man hier drinnen nicht ersticken muss“, sagte Steven zu Mary Ann, die plötzlich mit dem ausgestreckten Zeigefinger der rechten Hand nach vorne aus der Glaskuppel an den Strand deutete. Man konnte die Felsen schon fast nicht mehr sehen, so hoch stand das Wasser.

„Sieh mal, Steven, die Flut umspült schon das ganz U-Boot. Wir sollten die Motoren einschalten und loslegen.“

Steven legte einen weiteren Schalter um. Im gleichen Moment surrten zwei Elektromotoren, die ihre Kraft auf zwei Schiffsschrauben übertrugen. Das Mini-U-Boot machte einen Satz nach hinten und glitt langsam vom Riff herunter. Es blubberte an der gesamten Außenwand des U-Bootes, als es langsam in den Tiefen des Meeres versank.

***


Mary Ann schaute zum Fenster hinaus. Sie versuchte sich zu orientieren.

„Schalte die Außenscheinwerfer ein, damit wir besser sehen können“, rief Steven seiner Schwester zu.

Direkt über ihrem Kopf befanden sich eine Reihe von grünen Knöpfen, mit denen man die Beleuchtung einschalten konnte. Mary Ann drückte einen nach dem anderen und kurz darauf gingen vorne und hinten am U-Boot eine Menge Lichter an. Jetzt konnte man schon fast bis auf den Grund des Meeres sehen, weil das Wasser an dieser Stelle sauber und klar war.

„Das hast du richtig super gemacht, Schwesterchen. Ich habe mittlerweile den Computer eingeschaltet und ein Bild von der Umgebung rein bekommen. So wie es aussieht, bewegen wir uns vom Riff weg. Ich gehe jetzt noch weiter runter, damit wir den Meeresboden besser sehen können. Die Steuerung ist ganz einfach. Ich muss den Steuerknüppel nur nach vorne drücken, dann neigt sich das Boot nach unten. Ziehe ich ihn zu mir her, fährt es wieder hoch Richtung Oberfläche. Links und rechts funktionieren genauso, wie bei einem Lenkrad. Das ist wie bei einem Computerspiel, alles kinderleicht.“

Mary Ann schien ihrem Bruder gar nicht zuzuhören. Sie schaut auf einmal wie gebannt nach draußen. Vor dem Fenster schwebte eine verzauberte, farbenprächtige Landschaft vorbei. Auch Steven hatte es mittlerweile bemerkt und steuerte das kleine U-Boot an roten, gelben und blauen Korallen vorbei – an kleinen Hügeln, steil abfallenden Hängen, sanften Tälern und dunklen Höhlen. Überall schwammen Fische der verschiedensten Arten und Farben umher.

„Das ist ja ein märchenhafter Ort. So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Ich glaube, dass wir hier unten schon bald das finden werden, wonach wir suchen, Mary Ann“, sagte Steven.

Seine Schwester nickte mit dem Kopf und betrachtete weiterhin fasziniert die Unterwasserwelt.

Plötzlich tauchte vor ihnen eine dunkle Wand auf.

„Was ist denn das?“ fragte Steven.

„Sieht aus wie ein altes Segelschiff. Sieh’ mal, da liegen noch eine Menge alter Kanonen im Sand, die überall mit Muscheln bedeckt sind“, rief seine Schwester aufgeregt.

„Ich werde das U-Boot ein bisschen näher heran steuern. Wenn wir Glück haben, stoßen wir schon bald auf die Gebeine eines alten Seemannes, die wir dann mit den Greifarmen des Bootes einsammeln können. Wir haben richtiges Glück gehabt, so schnell hier unten auf dem Meeresboden ein uraltes Segelschiff gefunden zu haben. Dafür braucht man normalerweise Monate. Oder hast du vielleicht auf einen Suchzauber getippt, Mary Ann?“

„Ich habe nur ein bisschen nachgeholfen, liebes Brüderchen. Denke bitte daran, dass wir gegen Mittag wieder zuhause sein müssen. Unsere Eltern würden sich große Sorgen machen, kämen wir zu spät.“

„Du hast Recht. Ich habe einfach nicht mehr daran gedacht, weil ich mich zu sehr von der schönen Unterwasserwelt habe ablenken lassen. Wir sollten jetzt ein wenig schneller machen und nach den Überresten eines alten Seebären suchen“, sagte Steven und steuerte das Mini-U-Boot noch näher an das düster da liegende Segelschiff, das noch recht gut erhalten ausschaute.

Schon nach einer Weile wurden sie fündig. Gleich neben dem abgebrochenen Ruder fanden sie die Knochen eines Mannes. An dem Schädel des Toten hafteten noch die Reste eines Ledertuches. Neben den bleichen Hüftknochen lag ein krummer, verrosteter Säbel.

„Das muss einer von der Besatzung gewesen sein. Wir werden die Gebeine mit dem Greifer einsammeln und in den Frachtraum bringen. Dann verstauen wir sie in eine Holzkiste und schon haben wir es geschafft. Dann fahren wir zurück zum Strand und lassen uns vom magischen Kreis an den Ort in unsere Zeit bringen, wo Merlin auf uns wartet.

Und in der Tat. Schon bald war die Arbeit erledigt und Steven kehrte mit dem Mini-U-Boot langsam zur Wasseroberfläche zurück.

Als sie oben angekommen waren, konnten sie endlich die Luke wieder öffnen und frische Meeresluft strömte ins Innere des U-Bootes.

„Ah, ich muss erst einmal richtig tief durchatmen“, sagte Steven zu Mary an und fühlte sich danach viel wohler, obwohl das Mini-U-Boot auf den Wellen herumtanzte wie ein Flaschenkorken. Steven steuerte das Boot auf eine kleine Insel zu, die plötzlich vor den beiden Kindern aufgetaucht war. Kurz bevor sie allerdings den Strand erreichten, setzten die Elektromotoren aus. Die Batterien waren leer, sie lieferten keinen Strom mehr.

„So ein Mist aber auch“, rief Steven. Er ärgerte sich darüber, dass sie den Rest bis zu der kleinen Insel durchs Wasser gehen mussten.

„Ich fürchte, wir müssen mit der Kiste durchs Wasser gehen. Halt du das Zauberbuch mit den Dingen nach oben. Es darf nicht nass werden. Wenn wir auf der Insel sind, suchen wir im Zauberbuch nach einem magischen Kreis. Damit kehren wir zurück. Doch vorher müssen wir noch ein Stück durchs Wasser laufen“, sagte Steven.

„Ja, es geht leider nicht anders. So ein Pech aber auch, dass ausgerechnet jetzt die Batterien ausfallen müssen. Ich hoffe nur, dass unsere Eltern nichts davon merken werden, wenn wir mit nassen Klamotten nach Hause kommen“, antwortete Mary Ann ihrem Bruder.

„Wir sind schon ganz dicht am Strand. Das Wasser ist hier nicht mehr allzu tief. Also springen wir rein. Das U-Boot müssen wir leider zurücklassen. Vielleicht wird es aufs offene Meer getrieben und schließlich irgendwann sinken“, sagte Steven und schob die Kiste mit den Gebeinen des alten Seemannes vor sich her durchs Wasser. Schon bald hatten die beiden das rettende Ufer erreicht. Unter einer Palme suchten sie Schutz vor der heißen Sonne, die gnadenlos vom blauen Himmel brannte.

Mary Ann schlug derweil das magische Zauberbuch mit den Dingen auf und suchte nach dem Zeichen eines magischen Kreises. Erst auf der letzten Seite wurde sie fündig. Gott sei Dank, dachte sie und tippte mit dem Zeigefinger auf die Zeichnung. Von einer Sekunde auf die andere entstand direkt vor ihnen im Sand ein magischer Kreis, der hell wie das Licht einer Neonlampe leuchtet.

„Gehen wir hinein, Mary Ann. Ich ziehe die Kiste hinter mir her. Das ist eine Arbeit für echte Männer.“

Stevens Schwester kicherte ein wenig über die blöden Worte ihres Bruders. Dann stand sie auf und trat zusammen mit Steven in den magischen Kreis. Schlagartig waren sie zusammen mit der Holzkiste verschwunden.

***

Die Strahlen der Morgensonne fielen über das Land. Steven hielt sich die Hand vors Gesicht und suchte nach Merlin. Der stand plötzlich neben ihnen.

„Das habt ihr richtig prima gemacht. Ich danke euch für eure wertvolle Mithilfe. Ich werde die böse Hexe Mandragora in einen alten, einarmigen Seemann verwandeln und zurück in die Zeit der Piraten schicken, als sie die Meere noch unsicher machten. Ihre Zauberkräfte werde ich vorsorglich versiegeln, damit sie mir nie wieder Schaden zufügen kann. Endlich werde ich Ruhe vor ihr haben. Das ist euer Verdienst, meine Kinder. Das nächste Mal, wenn ich euch in euren Träumen besuche, dann erhaltet ihr eine schöne Fantasiereise ins Land der Spielsachen. Ihr werdet begeistert sein. Verlasst euch drauf! Es wird eine Reise sein, die ihr nie vergessen werdet. Geht jetzt erst mal nach Hause. Eure Eltern werden sicherlich schon auf euch warten.“

Der Zauberer Merlin nahm das Zauberbuch mit den Dingen wieder an sich, ging mit der Holzkiste auf die große uralte Eiche zu und verschwand darin wie ein Gespenst. Noch einmal drehte er sich ein letztes Mal um und winkte den beiden Kindern zu. Dann war er weg.

„So, jetzt aber schnell nach Hause, Mary Ann. Komm, wir beeilen uns! Das Mittagessen wird schon fertig auf dem Tisch stehen. Wir wollen unsere Eltern nicht warten lassen.“

„Ja, mein großer Bruder, ich komme ja schon. Aber ohne Merlin hätten wir nicht so ein aufregendes Abenteuer erlebt – oder?“

„Stimmt, Schwesterchen. Und Merlin wird uns sicherlich bald wieder in unseren Träumen besuchen, denn er hat es uns versprochen. Ich bin mal gespannt, wie es im Spielzeugland so zugeht. Auch das wird bestimmt wieder ein tolles Abenteuer werden.

Mary Ann nickte mit dem Kopf und beeilte sich, mit den großen Schritten ihres Bruders mithalten zu können.

***

„Hallo Mama, wir sind wieder da!“ rief Mary Ann, nachdem sie die Haustür geöffnet hatte. Steven schlich hinter ihr ins Haus.

„Zieht eure Schuhe aus und wascht euch die Hände! Dann kommt beide in die Küche, wo das Essen schon auf dem Tisch steht. Vater ist nicht da. Er ist bei Onkel Albert und kommt ein bisschen später. Also ihr zwei, beeilt euch ein wenig, sonst wird das Essen kalt“, rief die Mutter, die am Küchenherd stand und gerade eine schmackhafte Rahmsoße anrührte.

„Machen wir doch, Mama“, riefen Steven und Mary Ann fast im Duett, gingen schnell auf ihre Zimmer, um sich umzuziehen, denn ihre Kleider waren immer noch nass.




©Heinz-Walter Hoetter

 

 

***

 

 

2. Hades


 


 

Bist auch du auf ihn vorbereitet, wenn er kommt, der alte Mann, der sich HADES nennt?

 

***

Auf dem Friedhof wohne ich, wo die Geister der Toten um mich sind. Jede Nacht treibt es mich heraus aus dem ewig finsteren, nach Moder und Verwesung stinkendem Totenreich – empor in die Welt der Lebenden. Dann verlasse ich mein unsichtbares Grab und streife unerkannt und ruhelos durch ihre großen Städte oder weit abgelegenen Orte, ständig auf der Suche nach jenen verderbten Menschen, die sich trotz ihrer schändlichen Taten in vermeintlicher Sicherheit wähnen, und mit denen die Verstorbenen allzu oft noch eine Rechnung offen haben. Nun, ich tue ja nur das, was meine ureigenste Aufgabe ist...“

 

 

***

 

Flüchtige Nebelschwaden durchzogen die still und einsam da liegenden Straßen der friedlich schlafenden Stadt. Kein einziger Laut war draußen zu hören.

 

Nur der Dieselmotor eines alten Mercedes 190 D lief leise im Leerlaufbetrieb vor sich hin. Am Steuer der ehemaligen Nobelkarosse saß eine gut gekleidete, aber schon etwas in die Jahre gekommene Dame, die mit ihrem schweren Wagen auf einem abgelegenen Parkplatz, direkt gegenüber eines großen städtischen Friedhofes stand und hier, an diesem unfreiwilligen Ort, eigentlich nur ein wenig ausruhen wollte. Der Grund dafür war ein gesundheitlicher.

 

Sie hatte eine lange, strapaziöse Autobahnfahrt hinter sich. Vielleicht zuviel für eine Frau ihres Alters. Kurz nach dem Verlassen der letzten Ausfahrt spielte plötzlich ihr Kreislauf verrückt, was sie dazu zwang, die Weiterfahrt vorsichtshalber für eine kleine Erholungspause zu unterbrechen. Das würde schon reichen – dachte sie jedenfalls.

 

Das Autoradio spielte gerade einen dieser neumodischen Schlager, der gedämpft aus den Lautsprechern drang. Elli Windhaus, so hieß die knapp fünfundsechzig Jahre alte Frau, hörte aber nicht hin, lehnte sich dafür lieber bequem und entspannt in den Sitz zurück, atmete mehrmals hintereinander langsam und tief durch und starrte dabei zur Frontscheibe hinaus.

 

Ihr Blick wanderte durch den leichten Nebel, durchdrang ihn und blieb schließlich an einer großen runden Bogenlampe hängen, die sich über den Eingang des ihr gegenüber liegenden Friedhofes erhob und eine verschwommene Lichtinsel bildete.

 

Gleich neben dem mächtigen Eisentor, des düster und unheimlich wirkenden Friedhofseinganges, befand sich ein hoher, kreisförmig angelegter Brunnen aus graufarbigem Naturstein, bestückt mit einigen kopfartigen Wasserspeiern, die allerdings nachts nicht in Betrieb waren.

 

Als Elli Windhaus die wasserlosen, in Stein gehauenen Köpfe erspähte, erschrak sie fürchterlich. Sie kniff die Augen zusammen und sah mit angestrengtem Blick über den Parkplatz hinüber zum Friedhof. Der Nebel hatte sich etwas verflüchtigt. Das trübe Licht der Bogenlampe reichte aus, um die Umgebung der Anlage gut beobachten zu können.

 

Hatte sich einer der Steingesichter nicht gerade bewegt oder stand da jemand am Brunnen und schaute schon eine ganze Weile zu ihr herüber?

 

Elli Windhaus umklammerte krampfhaft das breite Lenkrad, bis die Gelenkknochen ihrer Finger weiß hervortraten. Dann zog sie sich daran hoch und richtete sich in dem lederbespannten Sitz stangengerade auf.

 

Du bist total übermüdet und ein wenig überspannt von der langen, eintönigen Fahrt auf der Autobahn“, murmelte sie halblaut vor sich hin. „Jetzt witterst du schon Gespenster“, sagte sie mit abwesendem Blick, wobei sie jetzt nicht mehr murmelte, sondern mit lauter Stimme redete. Sie wollte sich offenbar selbst Mut zusprechen. Jemand oder etwas huschte über den Parkplatz wie ein schneller Schatten. Dann war einige Minuten lang nichts mehr zu sehen.

 

Plötzlich kratzte jemand am Seitenfenster. Es war ein scheußliches Geräusch, das eindeutig von der Türscheibe an ihrer Fahrerseite kam. Es klang, als ob jemand mit dem Fingernagel über eine glatte Schiefertafel fahren würde.

 

Die alte Dame drehte reflexartig ihren Kopf herum und schaute zum Wagenfenster hinaus. Im gleichen Moment erschrak sie so heftig, wie nie zuvor in ihrem Leben. Sie stieß einen spitzen Schrei aus, der von Angst und Entsetzen geprägt war.

 

Ein Horrorgesicht starrte sie an.

 

Direkt vor der Wagentür stand ein buckliger alter Mann. Er war von großer Gestalt, schwarz und dunkelgrau gekleidet. Ein alter Hut bedeckte seinen Kopf. An den Seitenrändern traten strähnige, grauweiße Haare hervor, die ihm bis zu den krummen Schultern herunterhingen.

 

Das faltige Gesicht des Alten war so ausgemergelt, dass es fast wie ein abgekochter Totenschädel wirkte. Die lederartige Haut hatte eine weißgraue Farbe angenommen. Die Augen, wenn es denn welche waren, lagen tief in den Höhlen. Die krumme Nase sprang wie ein riesiger Geierschnabel vor und auf dem knöchernen Kinn hafteten einige trockene Erdkrumen. Die krallenartigen Hände besaßen lange, sichelartige Fingernägel, die vor Schmutz nur so starrten.

 

Mrs. Elli Windhaus hatte in ihrem Leben schon viele verwahrloste Menschen gesehen, aber dieser bucklige alte Mann musste wohl ein ganz besonders schlimmes Exemplar eines obdachlosen Stadtstreichers sein, dachte sie.

 

Dann kratzte die Horrorgestalt abermals an der Scheibe und zwar derart heftig, dass es der alten Frau durch Mark und Bein ging. Im nächsten Augenblick klopfte sie mit ihren schrecklichen Krallen auch schon am Fenster der Fahrertür.

 

He, Sie da drinnen im Wagen! Haben Sie ein paar Cent für mich? Es muss ja nicht viel sein. Nur eine kleine, milde Gabe für einen alten Penner, dem es bestimmt nicht so gut geht, wie Ihnen. Ist es Ihnen überhaupt schon mal in Ihrem Leben schlecht gegangen? Ich bin mir sicher, dass sie noch nie irgend einen Mangel erleiden mussten. – Warum sagen Sie nichts? Hat es Ihnen etwa die Sprache verschlagen?“

 

Die alte Dame war kurz davor, auf die Hupe zu drücken, um sich wenigstens auf diese Art und Weise auf dem hier so einsam da liegenden, nächtlichen Parkplatz für jemanden da draußen bemerkbar zu machen. Vielleicht würde man ihr zu Hilfe eilen, hoffte sie insgeheim.

 

Wieder klopfte die schrecklich aussehende Gestalt an die Türscheibe.

 

Was ist mit Ihnen? Können Sie nicht sprechen? Wollen Sie mir nichts geben? Haben Sie denn kein Erbarmen mit einem alten Mann, der kurz vor dem Verhungern steht?“

 

Elli Windhaus riss sich zusammen. Trotz ihres Alters hatte sie einen gut durchtrainierten, drahtigen Körper und von solch einem dahergelaufenen Penner wollte sie sich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Nicht umsonst nannte man sie die mutige Elli, die sehr energisch und bestimmt auftreten konnte.

 

Langsam kurbelte die alte Dame die Scheibe herunter.

 

Wer sind Sie?“ fragte sie ohne Umschweife. „Was wollen Sie von mir? Ein Almosen? Mitten in der Nacht und ausgerechnet von mir? So eine Frechheit! Nicht davon zu sprechen, dass Sie mit Ihrem absurden Verhalten andere Leute in Angst und Schrecken versetzen. Wenn Sie mich noch länger belästigen, rufe ich nach der Polizei. Wohnen Sie überhaupt in dieser Stadt?“

 

Der Fremde grinste ein wenig.

 

In gewisser Hinsicht ja, sehr verehrte Misses. Ich wohne dort im Friedhof, wo die Geister der Verstorbenen ihr Unwesen treiben. Auch der Geist ihres verstorbenen Mannes, des armen Mr. Arnie Windhaus, den man tot im Keller fand und angeblich von der steilen Kellertreppe gestürzt sein soll, wandert ruhelos über den Friedhof und wartet auf seine Frau, die ihm zum Verhängnis wurde.“

 

Der Unheimliche schlug plötzlich krachend mit der flachen Hand auf das blecherne Wagendach.

 

Sie haben ihn auf dem Gewissen – nicht wahr? Geben Sie es zu! Sie waren es, der ihn von hinten angestoßen hat, so dass er das Gleichgewicht verlor und sich beim Sturz von der Kellertreppe das Genick brach. Arnie ist Ihnen aber trotzdem nicht böse. Er ist eben nicht nachtragend. Er will nur, dass Sie zu ihm zurückkommen. Er hat Ihnen schon gleich nach seinem Tod verziehen, wenn Sie das überhaupt wissen wollen. Aber solange Sie nicht bei ihm sind, findet er keine Ruhe, und es treibt ihn heraus aus seinem feuchten Grab. In der Nacht und im Nebel sind die Geister der Verstorbenen unterwegs. Sie gehen um und suchen jene auf, die im Diesseits noch eine Rechnung mit ihnen offen haben. – Der Friedhof hält sie nicht auf. Und wenn sie es nicht selbst können, beauftragen sie einen wie mich, der sich dann um die Sache kümmert.“

 

Elli Windhaus erschrak zutiefst. Ihr Gesicht lief leichenblass an.

 

Der schreckliche Alte schien tatsächlich so etwas wie einen sechsten Sinn zu haben. Woher wusste er nur von dieser schlimmen Geschichte? Ihr Mann Arnie Windhaus war ein Tyrann gewesen, der ihr das Leben im Laufe der zurückliegenden Jahre immer mehr zur Hölle gemacht hatte. Früher war er anders gewesen. Doch dann veränderte er sich schlagartig immer mehr. Es muss wohl an seiner Krankheit gelegen haben. – Sie selbst nahm aktiv am Leben teil, besuchte regelmäßig ihre Freundinnen und Freunde, ging mit ihnen ins Theater oder sie veranstalteten untereinander gemeinsam kleine Kaffeekränzchen. Nach seinem schlimmen Schlaganfall war Arnie gehbehindert und konnte sich nicht mehr lange auf seinen zunehmend wackliger gewordenen Beinen halten.

Er verlangte von ihr, trotz einer Pflegehilfe, die mehrmals in der Woche vorbeikam, dass sie bei ihm zuhause blieb, was sie nicht wollte. Seit der Zeit wuchs der Groll in ihm gegen sie und bald gab es keinen Tag, an dem sie sich nicht wie die Kesselflicker stritten. Dann kam der verhängnisvolle Tag, von dem sie sich wünschte, es hätte ihn nie gegeben.

 

In Gedanken erinnerte sie sich.

 

Ihr Mann Arnie stand vor der geöffneten Kellertür ihres gemeinsamen Hauses und wollte gerade das verrostete Schloss ölen. Er hasste quietschende Schlösser. Sie kam rein zufällig vorbei und sah ihm bei der Arbeit zu. Dann, wie von einer bösen Macht und einem inneren unheimlichen Drang getrieben, stieß sie ihn von hinten an, sodass er augenblicklich das Gleichgewicht verlor, die sechs Meter hohe, steil nach unten abfallende Steintreppe laut schreiend kopfüber runterfiel und im dunklen Keller mit gebrochenem Genick liegen blieb. Als sie voller Entsetzen bemerkte, was sie getan hatte, rief sie sofort telefonisch nach dem Notarzt, der jedoch später nur noch Arnies Tod feststellen konnte. Alle glaubten ihr, dass es ein schlimmer Unfall gewesen war. Niemand dachte auch nur im Entferntesten daran, dass Elli Windhaus ihren Mann umgebracht haben könnte. Im Laufe der zurückliegenden Jahre verdrängte sie dieses schlimme Ereignis immer mehr, wobei sie soweit ging, bis sie bald selbst der Überzeugung erlag, keine kaltblütige Mörderin zu sein, sondern nur eine Frau war, die instinktiv aus einem gewissen Selbstinteresse heraus gehandelt hatte, um ihr eigenes Leben zu schützen. Im Gefängnis wäre sie langsam zugrunde gegangen. Das wusste Mrs. Windhaus nur zu gut. Also schwieg sie eisern darüber, was wirklich geschehen war.

 

Endlich riss sie sich zusammen und schüttelte jeden Gedanken darüber ab.

 

Sie blickte die Horrorgestalt durchs offene Fahrerfenster an und musterte sie von oben bis unten. Der zerlumpte, ausgemergelte Mann tat ihr auf einmal irgendwie leid. Sie empfand plötzlich keine Angst mehr vor ihm, sondern spielte jetzt mit dem Gedanken, dass es sich wohlmöglich um den Totengräber des Friedhofs handeln müsse, der sich ausgerechnet in dieser Nacht aus irgendwelchen zweifelhaften Gründen nur einen üblen Scherz mit ihr erlaube. Vielleicht hatte er auch nur zuviel Alkohol getrunken, der ihm jetzt die Sinne verwirrte.

 

Der herunter gekommene Kerl roch allerdings scheußlich nach Schweiß und Morast, als ob er selbst schon eine Leiche war. Hygiene schien für ihn ein Fremdwort zu sein. Die alte Dame rümpfte die Nase. Dann öffnete sie resolut die Fahrertür und stieg beherzt aus.

 

Mrs. Windhaus war trotz ihres Alters sehr sportlich, ob sie aber im Ernstfall gegen einen rabiaten Mann ankommen würde, wusste sie selber nicht. Doch sie wich nicht so schnell zurück, wenn eine Gefahr oder irgendwelche Probleme auftraten. Diese Eigenschaft zählte zu ihrem Charakter.

 

Warum erzählen Sie mir diesen ganzen Unsinn“, fragte sie ruhig und ließ den penetrant stinkenden Kerl nicht aus den Augen.

 

Groß und hager überragte er sie um ein ganzes Stück. Elli Windhaus war keine große Frau. Das musste sie auch jetzt wieder zur Kenntnis nehmen. Hätte er sich auch nur ein wenig gerade gestreckt, wäre der unheimliche Alte weit über Einsachtzig gewesen.

 

Ich erzähle Ihnen kein Unsinn“, ertönte es heiser und krächzend aus seinem fast zahnlosen Mund. „Der alte Hades erzählt niemals Unsinn. Ihr verstorbener Mann hat es mir selbst erzählt. Er muss es doch wohl am Besten wissen. Außerdem kann ich in die Vergangenheit sehen, und ich kenne auch die Zukunft. Ich kann in den Menschen lesen wie in aufgeschlagenen Büchern. Auch in Ihrem Buch des Lebens kann ich lesen, Mrs. Windhaus. Abgründe an Bosheit, Hinterlist, Heimtücke und schlimmste Verworfenheit sind die meisten Menschen. Nur ganz wenige unter ihnen sind von edler Gesinnung. Man kann sie suchen wie die sprichwörtliche Stecknadel im Heuhaufen. – Böse und falsch zu sein, das sind jene Eigenschaften der Menschen, die man am häufigsten bei ihnen antrifft.“

 

Was Sie nicht sagen? Sieh mal einer an! Da werden Sie wohl von sich selbst auf die anderen schließen – oder?“ gab Mrs. Windhaus sofort resolut kontra. Sie war schließlich nicht auf den Kopf gefallen. Sie ließ ihrem Gegenüber keine Chance und redete sofort weiter.

 

Natürlich weiß ich, das die Menschen keine Engel sind, und die Welt ist auch kein Paradies. Aber so schlecht, wie Sie glauben, ist die Menschheit nun auch wieder nicht.“

 

Ich lese in Ihrem kranken Herzen, meine hochverehrte Dame, die Sie doch immer sein wollen...“, murmelte der Alte undeutlich vor sich hin. Seine krallenartigen Finger bewegten sich, als ob sie Formeln und Symbole in die Luft schreiben würden.

 

Seine Stimme erhob sich plötzlich.

 

Sie haben Ihren Mann getötet. Er war anfangs deswegen schwer enttäuscht von Ihnen. Aber er hat Ihnen verziehen, als er erkannte, dass Sie von Rachegedanken wegen seines ungerechten Verhaltens getrieben wurden. – Trotzdem gibt es für Ihre mörderische Tat keine Entschuldigung. – Nein, auch Sie sind nicht rein. Keiner ist es...“

 

Der unheimliche Mann schien tatsächlich ihre Gedanken lesen zu können.

Elli Windhaus zuckte mehrmals hintereinander zusammen, denn sie hatte das komische Gefühl, dass ihr Herz auf einmal heftig zu pochen anfing. Sie konnte jeden einzelnen Schlag Ihres Herzens bis zum Hals spüren. Beklommenheit stieg in ihr auf, als leichte Brustschmerzen einsetzten. Ein übler Brechreiz kam in ihr hoch. Ihre Wahrnehmungen verzerrten sich etwas. Sie versuchte diese beängstigenden Tatsachen bewusst zu überspielen. Plötzlich dachte sie an ihren verstorbenen Mann, der sich wie von selbst unaufhörlich in ihr eingetrübtes Bewusstsein drängelte. In der Tat: Nach dem schrecklichen Vorfall hatte sie erkennen müssen, dass sie ihren Arnie immer noch liebte – trotz allem, was passiert war.

 

Sie riss sich abermals mit aller Kraft zusammen.

 

Sie übertreiben ganz schön. Das gefällt mir nicht. Sie haben nicht das Recht dazu, sich in anderer Leute Leben einzumischen. Niemand hat das Recht dazu – auch Sie nicht. Hier, ich gebe Ihnen ein bisschen Geld, damit Sie mich endlich in Ruhe lassen“, antwortete Mrs. Windhaus und warf dem Alten ein großes Geldstück entgegen.

 

Im gleichen Augenblick öffnete sich, wie von Geisterhand bewegt, das eiserne Friedhofstor. Nebelschwaden wehten hindurch.

 

Ach, Sie können einem leid tun. Ich will in Wirklichkeit kein Geld von Ihnen“, krächzte die zerlumpte Gestalt und schlug gegen die Hand von Mrs. Windhaus. „Sie sind dem Tod geweiht, und der steht direkt vor Ihnen. – Haben Sie das denn noch gar nicht bemerkt? Wo bleibt Ihr viel gerühmter Verstand für das Reale, Mrs. Windhaus? Schauen Sie nur, wer dort am offenen Tor steht! Es ist Arnie, ihr Ehegatte! Er ruft Sie, und wird Sie jetzt zu sich holen. Sie können keine Flucht mehr ergreifen. Es ist zu spät!“

 

Der Alte mit dem Horrorgesicht kreischte plötzlich übergangslos wie von Sinnen und fuchtelte mit einem langen Stock herum, den er aus seinem zerlumpten Gewand gezogen hatte. Elli Windhaus stand wie unter Schock und konnte sich nicht mehr bewegen. Ihre Glieder schienen gelähmt zu sein. Sie wurde von seiner Aktion vollkommen überrascht. Im nächsten Moment stach die unheimliche Gestalt auch schon mit dem spitzen Stock zu, der tief in das Herz der alten Dame drang. Er durchbohrte es einfach, ohne das auch nur eine Verletzung zu sehen war oder ein Tropfen Blut floss. Die Frau riss die Augen weit auf, griff sich mit beiden Händen instinktiv an die Brust und kippte dann mit einem grenzenlosen Entsetzen im Gesicht wie eine leblose Gummipuppe vornüber auf den harten Teerbelag des Parkplatzes. Sie war schon tot, als sie mit einem hässlich knirschenden Geräusch mit dem Kopf voraus der Länge nach dumpf auf den Boden aufschlug, wo sie regungslos liegen blieb.

 

***

 

Ihr armer Körper schaut so schrecklich mitgenommen aus. Blut läuft ihr aus Mund und Nase“, sagte Mr. Arnie Windhaus zu dem alten Mann, der sich Hades nannte. „Ich kann nur hoffen, dass du ihr keine Schmerzen zugefügt hast.“

 

Sie hat nichts von all dem gespürt. Sie hatte einen schnellen Herztod. Du hast es ja selbst so gewollt. Ich erledige meine Arbeit immer so, wie man sie mir aufgetragen hat“, antwortete Hades ruhig.

 

Ich weiß. Wo ist sie jetzt? Ist sie hier?“

 

Ja! Ihr körperloser Geist steht vor deinem Grab, das jetzt euer gemeinsames sein wird“, sagte der alte Mann mit dem aschfahlen Totengesicht und deutete mit seiner knöchernen rechten Hand auf ein großes Grabdenkmal am Rande eines breiten Friedhofsweges. „Sie hofft, dass du bald kommst und ihr gegenüber Worte des Verzeihens aussprechen wirst. Sie will es selbst von dir hören. Sie hat ihre Tat schon längst bereut und freut sich darauf, dich endlich wiederzusehen. Alles wird wieder gut! Lass’ sie also nicht zu lange warten. Das Friedhofstor schließt sich bald wieder. Die Ewigkeit wartet nicht gerne...“

 

Ja, die Trauer hat ihre Zeit, aber alles muss einmal zu Ende sein. Die Narben meiner Seele werden heilen, und ganz bestimmt auch ihre“, sagte Mr. Windhaus hoffnungsvoll seufzend.

 

Eure kranken Seelen werden im Jenseits von allen Sünden gereinigt. Es ist ein Ort der absoluten Reinheit und Unversehrtheit. Niemand kommt dort hin, bevor er nicht vom irdischen Bösen vollständig gereinigt und erlöst worden ist. – Geh’ jetzt! Ich kann diese Welt nicht verlassen. Ich gehöre zu ihr. Im ewigen Leben hat der Tod nichts zu suchen.

 

Als sich das eiserne Friedhofstor im wallenden Nebel leise schloss, sah man zwei menschenähnlich aussehende Seelen im tiefen Frieden innig umschlugen vereint vor einem Grab stehen. Sie haben sich gegenseitig ihre bösen Taten vergeben. Ein Engel mit großen weißen Flügeln erschien plötzlich aus einem hellen Lichtkranz und nahm beide mit hinüber in die andere Welt, wo der Friede ewig währt.

 

***

 

Am frühen Morgen entdeckten zwei zufällig vorbeikommende Passanten die erstarrte Leiche von Mrs. Elli Windhaus, die in einer großen Blutlache noch immer vor ihrem Mercedeswagen lag, dessen Fahrertür weit offen stand.

 

Der Notarzt konnte nur noch den Tod der alten Frau feststellen. Die schnell herbei gerufene Kriminalpolizei ging zuerst von einem Gewaltverbrechen aus, was sich jedoch nach eingehender Obduktion der Leiche in der hiesigen Gerichtsmedizin als unhaltbar erwies. Die alte Dame hatte sich offenbar mit der langen Autobahnfahrt zuviel zugemutet und war an einem plötzlichen Herzversagen gestorben. Sie konnte das Fahrzeug offenbar noch verlassen, um frische Luft zu schnappen. Kurz darauf muss sie wohl zusammengebrochen sein, fiel schließlich auf das Gesicht, wodurch sie sich eindeutig noch einen Schädelbruch mit einer großen Platzwunde am Kopf zugezogen haben muss, hieß es in der beweiskräftigen Erklärung des Gerichtsmediziners zur Todesursache. Fremdeinwirkung konnte daher zwingend ausgeschlossen werden. Damit war der Fall erledigt.

 

So und nicht anders hat sich alles zugetragen.

 

 

***

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

ich habe euch diese seltsam anmutende Geschichte nur erzählt, um euch darauf vorzubereiten, wenn er eines Tages auch mal bei euch aufkreuzt. Ich meine damit diesen alten Mann mit dem Totengesicht, der sich HADES nennt. Ihr werdet ihn in der Regel nicht rechtzeitig erkennen und wenn doch, dann ist es schon zu spät gewesen.

 

Ich weiß, wovon ich rede. Dort, wo ich arbeite, begegnet er mir immer wieder, jedenfalls öfters, als mir lieb ist.

 

Dann erzählt er mir seine gruseligen Geschichten, wenn er mich unauffällig tagsüber bei der Arbeit besucht. Nur ich kann ihn sehen.

 

Na ja, eines schönen Tages wird er auch mich holen. Was soll's? Das ist der Lauf der Welt. Den Tod kann man nicht aufhalten. Er trifft jeden von uns (im wahrsten Sinne des Wortes).

 

Und wenn der alte Hades kommt? Tja, dann lass’ ich mir vorher von ihm noch eine schaurig-schöne Geschichte erzählen. Und wenn er dann damit fertig ist, gehen wir zusammen ein letztes Mal zum Friedhof, der ein Ort ohne Wiederkehr auch für mich ist. Denn selbst ein Totengräber kommt am Tod nicht vorbei.

Ist doch so – oder?

 

© Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

***

 

 

3. Hazan, der Zauberlehrling


 

Hazan sprang aus seinem Bett und stolperte halbnackt und verschwitzt zum offenen Fenster. Die Nacht war ungewöhnlich schwül gewesen, doch jetzt nahte ein Sturm heran, wie er ihn nie zuvor gesehen hatte.

Der Horizont versank in einer tiefen, grauschwarzen, furchterregenden Finsternis aus der ohne Unterlass Blitzstrahl auf Blitzstrahl hernieder fuhr. Das grelle Aufflackern der Blitze bewegte sich zuerst langsam entlang des Horizonts, doch dann kam das Gewitter plötzlich näher und näher, bis heftige, ohrenbetäubende Donnerschläge die Grundfesten des großen Bauwerkes erschütterten. Wie er hier hingekommen war, das konnte er sich selbst eigentlich nicht erklären. Er war einfach da, und damit hatte es sich.

Der heulende Wind fegte mit heftigen Böen über das flache Dach, rüttelte überall an den klappernden Fensterläden und es schien, als ritten Dämonen auf den düster dahin ziehenden Regenwolken wie wilde Furien um die Wette.

Hazan bekam es mit der Angst zu tun und beeilte sich damit, das offene Fenster wieder zu schließen. Der Regen schlug prasselnd herein. Aber vorher mussten noch die beiden hölzernen Fensterläden rein geholt und in der Mitte mit einem Holzbalken fest verriegelt werden. Hazan fingerte mit nassen Händen nach den Eisenhaken draußen an der Fenstermauer, drückte sie herunter und löste auf diese Art und Weise einen Fensterladen nach dem anderen, um ihn anschließend nach innen zu ziehen.

Dabei kam es ihm fast so vor, als wollten ihn unsichtbare, bösartige Windgeister vehement daran hindern, sich vor den gnadenlosen Gewalten des fürchterlichen Unwetters in Sicherheit zu bringen.

Endlich hatte er es geschafft, wenngleich auch unter großen Anstrengungen, beide Fensterläden mit einer Hand festzuhalten, um sie, nur wenige Augenblicke später, geschickt mit einem kleinen Querbalken in der Mitte zu sichern. Durch die Ritzen der schrägen Lamellen pfiff der nasskalte Wind, was Hazan dazu veranlasste, auch das innere der Glasfenster zu schließen.

Die Stille im Zimmer stellte sich augenblicklich ein. Irgendwie unheimlich, dachte er und kam sich plötzlich vor wie in einem Gefängnis.

"Seltsam, wie bin ich hier bloß hingekommen", fragte er sich mit halblauter Stimme und dachte angestrengt darüber nach. Eine schlüssige Antwort darauf fand er aber nicht.

Er konnte seine Gedanken einfach nicht auf diese Frage konzentrieren. Deshalb dachte er nicht weiter darüber nach. Doch irgendwie schlich eine böse Ahnung in ihm hoch, die ihn schier verzweifeln ließ.

Hazan riss sich jetzt zusammen und konzentrierte sich auf das, was sich gerade in seiner unmittelbaren Gegenwart abspielte.

Schnell warf er sich den langen Mantel über, setzte die braun lederne Kopfhaube auf und verband sie mit den zwei locker herunter hängenden Schnüren durch einen Schleifenknoten direkt unter seinem Kinn. Dann öffnete er die Tür und trat nach draußen in den Schutz des Vordaches, das durch eine Anzahl wuchtiger Säulen aus Moos beflecktem Stein abgestützt wurde. Hazan ging hinüber zur klobigen Eisenbrüstung, hielt sich daran fest und spähte leicht nach vorne gebeugt hinaus in die Sturm gepeitschte, Regen durchwühlte Gewitterlandschaft.

Hier und da rissen an manchen Stellen die pechschwarzen Gewitterwolken auf, die immer wieder von innen durch gewaltige Blitzentladungen erhellt wurden. Nur schemenhaft erblickte Hazan den unsteten Vollmond, der es tatsächliche hier und da schaffte, sich für kurze Momente dahinter zu zeigen.

Der dämonenhafte Sturm brauste beinahe von allen Seiten her gegen das große Gebäude. Hazan musste sich mit aller Gewalt an dem nassen Geländer der Eisenbrüstung festhalten, damit er nicht von den heftigen Sturmböen in die dunkle, geisterhaft anmutende Nacht hinausgefegt wurde.

Aus der nachtschwarzen Wolkendecke direkt über ihm stieß plötzlich ein infernalisches Lichtzucken herab, so nah, dass er die Hitze spüren konnte. Dann folgten noch zwei weitere Erscheinungen dieser Art, wodurch die Umgebung um ihn herum in ein schwarz-weißes Licht getaucht wurde. Es entstand der düstere Eindruck, als bestünde die tobende Landschaft um ihn herum aus mattem Silber und geschmolzenem Blei, aus der tausendfache Fratzen hervorquollen.

Ein mächtiger Blitzstrahl traf jetzt das obere Ende des Daches und versprühte ein Feuerwerk glühender Funken in alle Richtungen. Dann folgte ein ohrenbetäubender, vernichtender Donnerschlag, der alles übertönte, sogar das Heulen des gewaltigen Sturmes.

Hazan erschrak so heftig, dass er sich ängstlich zu Boden warf und starr vor Schreck liegen blieb. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete er, wie direkt vor ihm unter dem Dach ein knisterndes Feuer ausbrach. Mehr als die Hälfte der Dachplatten waren einfach verschwunden. Die lodernden Flammen griffen trotz Regen und Sturm rasend schnell um sich und fanden im trocken gebliebenen Dachstuhl reichlich Nahrung. Immer höher schlugen die Flammen in den nächtlichen Sturmhimmel. Es war die reinste Apokalypse.

Ein heißer Brandgeruch strich über sein Gesicht. Hazan sprang augenblicklich auf, doch seine Knie versagten im gleichen Moment den Dienst. Offenbar hatte er sich beim Fallenlassen auf den Boden verletzt. Trotzdem versuchte er hüpfend weiterzukommen.

Abermals zuckten kurz hinter einander grellweiße Blitze, begleitet von heftigen Donnerschlägen, vom rasenden Himmel herunter.

Hazan war wie gelähmt vor Angst. Das schreckliche Unwetter nahm einfach kein Ende. Ein Frösteln breitete sich auf auf seinem Kopf aus und kroch langsam über seinen Rücken hinab bis zu den Zehenspitzen. Er stieß jetzt einen tiefen, von Hilflosigkeit gepeinigten Schrei aus, der allerdings im unablässigen Heulen des Sturmes unterging. Dann sank er langsam auf die Knie, streckte seine Arme aus wie ein kleines Kind, das sich nach Vater und Mutter sehnt.

Ganz plötzlich wusste er auch, warum er hier war. Die Erinnerung daran kam spontan zurück.

"Meister, hol' mich hier raus! Ich bereue zutiefst! In Zukunft werde ich dir immer ein getreuer Lehrling sein und deinen Anweisungen bedingungslos folgen. Ich gebe zu, dass ich einen großen Fehler gemacht habe. Habe Erbarmen mit mir, großer Magier!"

Schluchzend und bebend am ganzen Körper kamen Hazan diese verzweifelten Worte nur schleppend über seine zitternden Lippen. Dann schaute er sich nach allen Seiten um, in der Hoffnung, dass ihn der Meister erhört hatte.

Würde er ihm verzeihen und kommen?

Hazan bereute zutiefst und wartete, was geschehen würde.


 

***

 

Das kugelförmige Konstrukt schwebte über dem brennenden Dach des großen Gebäudes. Es drehte sich wie im Zeitlupentempo darüber hinweg und glitt leicht wie Seide dahin.

Hazan musterte das seltsame Ding mit halb zugekniffenen Augen. Obwohl er es genau kannte, verfolgte er es mit großem Interesse. Die Außenhülle war aus einem unglaublich dunklen Metall und von solcher Schwärze, dass es sich sogar vor dem Unwetter umtobten, pechschwarzen Nachthimmel abhob.

Die seltsame Kugel hing plötzlich direkt über ihm wie ein riesenhafter Ballon. Kurz darauf öffnete sich leise eine mannshohe, oval geformte Einstiegsschleuse. Einen Moment lang tat sich nichts

Dann ertönte eine mächtige Stimme, die von überall her zu kommen schien.

"Kein richtiger Zauberlehrling kann je ein richtiger Meister werden, wenn er sich nicht an die altehrwürdigen Regeln und Vorschriften der Magie hält. Lass' dir das eine Lehre sein, mein lieber Hazan! Mein strafender Zauber hat dich hier in diese Welt gebracht und du schafftst es nicht einmal, wieder aus ihr herauszukommen. Du musst noch viel lernen! Aber ich übe heute weise Nachsicht mit dir und hoffe, du hast aus deinen schlimmen Fehlern gelernt. Als Magier und Zauberer trägst du mal eine große Verantwortung. Damit spielt man nicht! Das nächste Mal lasse ich gewiss länger auf mich warten und werde dich über das gebührende Maß hinaus in noch schlimmeren Welten schmoren lassen, bis ich dich von meinem Strafzauber befreie. Denke das nächste Mal daran, Zauberlehrling Hazan! - So, und nun steig' in die Kugel und die Sache ist vergessen. Es warten noch harte Jahre des Lernens und Übens auf dich. Die Magie ist eine strenge Lehrmeisterin, sie verlangt äußerste Disziplin und verzeiht keine Fehler. Ich erwarte dich noch heute in der großen Halle, wo die anderen Zauberlehrlinge schon auf dich warten. Wir wollen gemeinsam ein üppiges Mahl zu uns nehmen."

Die mächtige Stimme verstummte so plötzlich wie sie gekommen war.

Als Hazan erleichtert durch die offene Einstiegsschleuse schritt, schien sich das schreckliche Unwetter schlagartig zu verziehen und die Welt wurde abermals auf den Kopf gestellt.

Bevor die düstere Gewitterlandschaft nach und nach von der Bildfläche verschwand, hatte sich die Einstiegsluke auch schon wieder geschlossen.

Aber draußen schien plötzlich die Sonne, als wäre nichts geschehen.

Hazan machte sich schleunigst auf den Weg nach Hause, wo der Meistermagier und die übrigen Zauberlehrlinge bereits auf ihn warteten. Er freute sich besonders auf das gute Essen im Kreise seiner Mitschüler und Freunde.


 

©Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

 

4. Der Agent des Teufels


 

Ich stand vor der brennenden Hütte. Der Rauch wehte zu mir herüber und brannte in meinen Augen. Es roch nach verkohltem Holz und verbranntem Menschenfleisch. Ich musste unwillkürlich würgen und hätte mich beinahe übergeben, als ich die toten, aufgedunsenen Leiber der entsetzlich zugerichteten Menschen sah.

 

Aber noch viel schlimmer war der Umstand, dass sich die schrecklichen Bilder in meinem Kopf festgesetzt hatten. Ich wurde sie einfach nicht mehr los. Sie waren wie gespenstische Schatten, die mich überall hin verfolgten. Besonders in meinen nächtlichen Träumen wurde ich von den verzweifelten Todesschreien der Männer, Frauen und Kinder immer wieder heimgesucht, die im infernalischen Kugelhagel der Projektilwerfer zu Hunderten dahin gemäht wurden. Nicht alle waren gleich tot, sondern starben langsam und qualvoll vor sich hin.

Ihre fürchterlichen Schreie, ihr klägliches Wimmern, Jammern und Stöhnen endete erst, als der gnadenlose Flammenwerfer kam und ihnen den Rest gab.

 

Ich wollte mir eine Zigarette anzünden, griff nach der klobigen Schachtel in meiner rechten Jackentasche und zog mit zitternden Händen eine daraus hervor. Beim Anzünden wäre mir beinahe der Glimmstengel vor lauter innerer Unruhe, Angespanntheit und Nervosität wieder aus den Händen gefallen. Ich riss mich zusammen, hielt das Feuerzeug ruhig und sog einen Augenblick später genüsslich den Rauch der glühenden Zigarette in mich hinein. Mittlerweile war mir kalt geworden. Ich knöpfte mir daher meine Jacke bis oben zu und ging eilig davon. Ein festes Ziel hatte ich nicht...

 

 

***

 

 

Ich war der beste meines Jahrgangs gewesen, hatte nach Beendigung meines Studiums der Politikwissenschaften eine Anstellung bei der Regierung bekommen und frönte eigentlich ein ganz normales Junggesellendasein. Dann machte man mir von oberster Stelle eines Tages dieses außergewöhnliche Angebot, das mein ganzes Leben verändern sollte. Im Grunde genommen war ich ein Mensch, der das Abenteuer liebte. Die Bezahlung war ungewöhnlich gut. Jedenfalls besser als alles, was ich bisher in meinem Leben verdient hatte. Also sagte ich zu. Warum auch nicht? Wer jung und zielstrebig ist, einen hohen Lebensstandart pflegte, Karriere machen und aufsteigen möchte, der kann einfach nichts anderes als dieser einmaligen Offerte zuzustimmen.

 

So bekam ich einen äußerst lukrativen Posten im Sicherheitsministerium, quasi als Agent, war häufig im Außeneinsatz und weckte schon nach kurzer Zeit die Aufmerksamkeit meiner Vorgesetzten wegen meiner sehr guten Leistungen.

 

Schnell stieg ich in der Hierarchie nach oben, bis ich eines Tages in eine geheime Abteilung abkommandiert wurde, wo ich erfuhr, wie naiv, dumm, einseitig und eingeschränkt mein bisheriges Verständnis von der Welt gewesen war. Ich habe Geheimnisse erfahren, die sogar hochrangige Regierungsvertreter, bis hin zum Präsidenten, verborgen blieben, und ich hatte Beweise für Dinge gesehen, die ich bislang für unmöglich gehalten hatte.

 

Jenseits der tagtäglichen Realität in der Gesellschaft gab es noch eine Welt, die von ganz anderen Gesetzen beherrscht wurde. In dieser unsichtbaren Welt tobte ein unerbittlicher Kampf der Kräfte des Guten gegen die finsteren Mächte des Bösen.

 

Ich war darauf nur wenig vorbereitet und zum ersten Mal in meinem Leben fragte ich mich, ob ich diesen ungewöhnlichen Aufgaben auch tatsächlich gewachsen war.

 

Aber wie kann man sich an den Wahnsinn gewöhnen? An das viele Elend und das entsetzliche Leid, das den unglücklichen Kreaturen widerfuhr?

 

Einfach weiterleben wie bisher und so tun, als sei alles normal und in bester Ordnung? Mein Innerstes sträubte sich zwar dagegen, aber ich akzeptierte den Horror der Gegenwart so wie er war.

 

Gedankenverloren stand ich da und rauchte nervös meine Zigarette, bis plötzlich Stan River, einer meiner Kollegen aus der internen Sicherheitsabteilung, mit dem Flammenwerfer auftauchte. Er steckte in einem feuerfesten Schutzanzug und schob sein Visier hoch.

 

Hey du! Bist du nicht Leon Walker? Geh mal aus dem Weg, Kumpel! Ich muss noch ein paar vergessene Leichen einäschern. Die Planierraupe kommt auch gleich und schiebt hier alles unter die Erde. Außerdem wird mir die Zeit ein wenig knapp. Ich muss mich beeilen! Wenn ich die Arbeit hier erledigt habe, kann ich endlich Feierabend machen. Bin schon seit fast 24 Stunden auf den Beinen. Aber was sein muss, das muss eben sein. – Was ist mit dir, Mann? Was stehst du hier eigentlich so herum wie Falschgeld und schaust mir dabei zu, wie ich diesen Haufen menschlichen Schrotts einäschere? Tut dir etwa dieser Abschaum leid, der hier überall herumliegt? Denk nicht darüber nach! Hat sowieso keinen Sinn. Geh lieber aus dem Rauch raus, sonst kriegst du bald tagelang Kopfschmerzen. Das aggressive Zeug reizt die Bronchien, ist für die Lunge schädlich und verursacht Brechreiz. So, jetzt verschwinde hier mal! Ich lass gleich das Feuer aus dem Rohr.“

 

Ich drehte mich um und ging ein paar Schritte zur Seite. Ich musste dabei an das denken, was wir in den Dorfhütten gefunden hatten und danach den armen Kreaturen angetan haben. Es war im Prinzip reiner Mord. Mein Magen schien auf einmal zu rebellieren. Dann übergab ich mich.

 

Was habe ich dir gesagt!“ schrie Stan River durch sein herunter geklapptes Visier. „Andererseits scheinst du ein richtiges Weichei zu sein, Leon Walker.“

 

Halt doch deine Klappe, Mann! Dir ist es am Anfang auch nicht besser ergangen“, fluchte ich zurück.

 

Mach dir keine Sorgen. Ich gebe ja zu, dass die ersten Einsätze dieser Art jedem ganz schön an die Nieren gehen. Aber man gewöhnt sich schneller an diesen Scheiß, als man denkt. Hier, trink erst mal einen Schluck Wasser. Das wirkt Wunder“, sagte Stan River.

 

Ich ergriff seine Wasserflasche, die er irgendwo aus einer der Taschen seines feuerfesten Anzuges hervorgezaubert hatte und trank mechanisch.

 

Dieser Stan River konnte sich kaum vorstellen, wie es in meinem Innern aussah. Mir wurde einfach nur schlecht dabei, wenn ich daran denken musste, wie dieser junge Kerl so total unbefangen auf das Grauen des Todes um ihn herum reagierte. Ich fragte mich, ob ich nicht eines Tages genauso werden würde wie er. Er schien ansonsten ein guter Mensch zu sein, obwohl das, was er gerade tat, auf mich irgendwie böse wirkte. Die Grenze zwischen dem Guten und dem Bösen verwischte hier an diesem Ort des grenzenlosen Gemetzels eines mehr als unheimlichen Krieges.

 

Anderseits wusste ich auch, dass das, was meine Kollegen und ich getan hatten, ganz einfach sein musste. Es war zwingend erforderlich. So dachten wir alle. Die Gewährleistung der Sicherheit des Gesellschaftssystems war unsere oberste und vordringlichste Aufgabe. Um sie zu garantieren, war jede Schweinerei legitim.

 

Schon in der Operationsbasis wurde den neu angekommenen Agenten gesagt, dass es bei den zu erwartenden Einsätzen höchst unappetitlich zugehen würde. Nur wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht, worum es eigentlich genau ging. Erst viel später wurde uns von einem Mitarbeiter des Sicherheitsministeriums mitgeteilt, dass wir als Agenten des Staates überall auf der Erde eingesetzt werden könnten, der Hauptfeind aber nicht die Menschen wären, sondern jene Kreaturen, die man gemeinhin als Dämonen bezeichnet. Sie befallen die Menschen, schlüpfen in ihre Körper und setzen sich in ihnen fest wie gefährliche Bakterien. Der vom Dämon okkupierte Mensch wird zu einem willenlosen Automaten. Er hat keine Kontrolle mehr über seinen Körper oder seinen Geist und tut alles, was der Dämon will. In seinem fremden Körper schleicht er wie ein Zombie in der Nacht herum, weil er ständig auf der Suche nach Menschenfleisch ist und daher jeden tötet, der seinen Weg kreuzt. Ich dachte zuerst daran, als mir mein Vorgesetzter davon erzählte, dass er mir nur einen dieser dummen Witze erzählt. Dem war aber nicht so. Sie Sache war eine todernste.

 

Und jetzt stand ich hier vor den qualmenden und stinkenden Überresten eines Dorfes und wünschte mir, ich hätte mir die Sache mit dem Wechsel meines Postens damals besser überlegt. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich war in eine Welt geraten, die mich gefangen hielt und nicht mehr los ließ. Die Brücken hinter mir waren abgerissen. Bisweilen wähnte ich mich in einem Horrorfilm, nur mit dem Unterschied, dass das hier live und total real war.

 

Nun, ganz offiziell hieß es, dass eine gefährliche, hochansteckende Seuche ausgebrochen war. Allein die bloße Erwähnung löste soviel Entsetzen unter der einheimischen Bevölkerung aus, dass niemand unsere harten „Quarantäne-Maßnahmen“ irgendwie infrage zu stellen wagte. Das betroffene Gebiet wurde einfach großräumig abgeriegelt, und wir konnten mit unserer dreckigen Arbeit beginnen. In Wirklichkeit war aber keine gefährliche Seuche irgendwelcher Art ausgebrochen, sondern etwas ganz anderes hatte die Bewohner des Dorfes im wahrsten Sinne des Wortes „befallen“. Hier hatten Dämonen gewütet und die Menschen zu willenlosen Zombies gemacht. Wir haben sie alle töten müssen – einen nach dem anderen – und ganz zum Schluss mit Feueröl aus einem Flammenwerfer verbrannt. Allerdings konnte niemand von uns wissen, ob die Dämonen auch wirklich vernichtet wurden oder ihren Wirtskörper schon vorher verlassen hatten, bevor wir sie töteten. Das erklärte mitunter auch die grausamen Szenen, in denen mich Menschen plötzlich aus großen, weit aufgerissenen Augen ansahen und offenbar nicht wussten, wie ihnen oder was mit ihnen geschah. Manche standen nur apathisch herum und ergaben sich willenlos ihrem Schicksal. Trotzdem mussten wir sie vernichten. Ein schrecklicher Anblick, der mich immer wieder an meine „heroische Aufgabe“ zweifeln ließ.

 

Eine Stimme hinter mir brüllte auf einmal hektisch los. Es war die Stimme unseres Einsatzleiters, Mac Marshall.

 

Verdammt noch mal! Da kommen noch welche. Seht euch das nur an! Kommt mir fast so vor, als hätten wir einige von diesen Dreckskerlen aufgescheucht. Alle Mann in Verteidigungsstellung! Macht schnell Männer, bevor sie euch den Arsch aufreißen!“

 

Angesichts der drohenden Gefahr kehrten meine Aggressionen zurück, die meine instinktiven Lebensgeister wachrüttelten. Meine Zweifel waren wie verflogen. Ich lud meine modifizierte Schnellfeuerwaffe durch, die auch Sprengmunition verschießen konnte. Die Wirkung war bei einem direkten Treffer verheerend. Wurde ein Gegner von ihr getroffen, riss es ihn in Tausend Stücke.

 

Ich spürte, wie das Adrenalin durch meine Blutbahn rauschte. Es verdrängte zusätzlich meine düsteren Gedanken. Im Augenblick zählte nicht der moralische Zweifel, sondern nur das Hier und Jetzt. Es ging um Leben und Tod.

 

Alle Agenten hatten den Befehl bekommen, nur auf die Köpfe der angreifenden Zombies zu schießen. Das Gehirn war der Sitz des Dämons. Von hier aus durchdrang er den Körper des Besessenen über seine Nerven- und Blutbahnen, ähnlich wie die Haarwurzeln eines Baumes. War der Kopf erst mal getroffen, starb der befallene Mensch augenblicklich und der Dämon verschwand aus seinem Körper. Nur so konnte er mit einem Spezialgerät eingefangen und schließlich ein für allemal vernichtet werden.

 

Kommen Sie klar, Leon Walker?“ fragte mich Mac Marshall und deutete auf die anrückenden Gestalten. Sie näherten sich von Osten, und ein anderes großes Rudel kam von Norden auf uns zu. Ich schätzte die Meute auf mehr als einhundertundfünfzig Männer und Frauen, die sich jetzt gierig auf uns stürzten.

 

Ich dachte wieder an die Hütten im Dorf, an die vielen Menschen, die wir töten mussten. Jetzt geht das alles wieder von vorne los, dachte ich so für mich, starrte in die Richtung der anrückenden Untoten und richtete meine Waffe auf sie.

 

Einige Einheimische kannten diese gespenstischen Wesen, wenn man überhaupt von Wesen reden konnte. Sie fraßen Menschen bei lebendigen Leib auf und tranken auch ihr Blut. Davon lebte der Dämon, solange er in dem Körper der Unglücklichen zuhause war.

 

Die Zombies kamen näher und näher. Als sie in Schussweite waren, gab unser Einsatzleiter den Befehl zum Feuern. Im gleichen Moment schossen wir aus allen Rohren. Mein erstes Magazin war bald leer. Ich lud nach und feuerte weiter ohne Unterlass. Ein Zombie nach dem anderen fiel zu Boden. Wenn ich schlecht traf, standen manche wieder auf. Dann musste ich ein zweites Mal auf sie schießen und hielt genau auf ihre Köpfe, die von der Wucht der explodierenden Geschosse platzten wie faule Kürbisse.

 

Die ganze Situation hatte etwas albtraumhaftes an sich. Es waren mehr Zombies als wir dachten, die irgendwo da draußen offenbar auf uns gewartet hatten. Doch am Ende waren wir die Sieger und standen vor einen Berg von zerfetzten und stinkenden Leichen. Da Stan River nicht mehr da war, musste ein anderer seine Arbeit übernehmen und die Überreste der menschlichen Kadaver verbrennen. Der Gestank von verbranntem Fleisch war bestialisch. Zwei schwere Planierraupen schoben die letzten verkohlten Reste später in eine dafür eigens ausgehobene Grube, gossen noch zusätzlich Salzsäure über die bleckenden Knochen und den blutigen Fleischresten und schoben eine Menge Erde darüber.

 

Die grausige Arbeit war bald getan, und der Tag ging langsam zu Ende. Nein, für mich starb er und ein Teil von mir mit ihm.

 

Ich hatte manchmal den komischen Eindruck, in einem realen Albtraum zu leben, der mich gefangen hielt und aus dem es kein Entrinnen für mich gab.

 

 

***

 

 

Das Hochhaus brannte. Fassungslos sahen die Bewohner des Stadtteils zu, wie ein Stockwerk nach dem anderen Feuer fing. Die Flammen loderten bald überall. Der Geruch von ätzendem Rauch war selbst noch weiter unten in den Straßenschluchten deutlich wahrzunehmen.

 

Diese verfluchten Terroristen brennen alles nieder“, schrie ein Passantin mit aufgeregter Stimme. „Ja“, rief ein Mann neben ihr mit erhobener, geballter Faust. „Sie zerstören alles, weil sie uns hassen bis aufs Blut. Diese Verbrecher laufen doch überall frei herum und keiner verhaftet sie. Warum greift unsere Polizei nicht ein?“, fragte er ratlos mit lauter Stimme in die Runde und reckte seine Fäuste gegen das brennende Hochhaus. Ein dunkles, zustimmendes Raunen ging durch die gaffende Menge, die ihm zuhörte.

 

In einer der mittleren Etagen des Hochhauses hatten die Dämonen, die als religiöse Terroristen auftraten, ein Massaker unter den Teilnehmern einer Firmenveranstaltung angerichtet. Es war ein brutaler Vergeltungsschlag aus purer Rache, wie wir wussten. Das taten sie immer, wenn wir sie bekämpften und töteten. Das gegenseitige Abschlachten und Morden nahm einfach kein Ende.

 

Wir landeten mit Hubschraubern auf dem Dach des Hochhauses und drangen zu ihnen durch. Es gab kein Pardon. Die Attentäter wurden, bis auf ihren Anführer, alle getötet. Ihm wurde eine elektrische Fessel angelegt und durch regelmäßige Stromstöße unter Kontrolle gehalten. Solange der Körper des Menschen noch lebte, war der Dämon nicht dazu bereit, ihn zu verlassen. Er wusste außerdem, dass man ihn mit dem Spezialgerät einfangen und vernichten würde. Also wartete er erst einmal ab, was wir vorhatten.

 

Als ich an ihn herantrat, um seine Elektrofesseln zu überprüfen, sah er mich aus tief dunklen Augen hasserfüllt an.

 

Unerwartet stieß der Dämon eine düstere Prophezeiung aus, die mich zutiefst erschreckte. Dann schien er sich auf mich zu konzentrieren und fing mit leiser Stimme an zu sprechen.

 

Wir können euch vielleicht nicht alle erwischen oder besiegen, aber wir werden jeden einzelnen, der euch etwas bedeutet, töten, egal ob Männer, Frauen oder Kinder, bis ihr den Tag verflucht, an dem ihr es gewagt habt, uns zu bekämpfen. Die Mächte des Bösen werden nie aufhören euch zu verfolgen. Aber ich mache dir hier und jetzt ein Angebot. Schlage dich auf unsere Seite und werde einer von uns. Du wirst sehen, wie mächtig wir sind. Wir können dir mehr bieten, als deine verlogene Regierung, deine kranke Gesellschaft in der du lebst. Eigentlich vegetierst du dahin wie ein verhungernder Wolf. Komm zu uns! Mach mit! Das Böse ist nicht so wie du denkst. Es ist für den, der für uns ist, die schönste aller möglichen Welten. Ach ja, was ist denn schon der Unterschied zwischen gut und böse? Tötet ihr, die vermeintlich Guten, nicht auch unschuldige Menschen? Und was machen eure Politiker? Sie versprechen euch Wohlstand und Freiheit, aber in Wirklichkeit unterdrücken sie euch. Das, was du das Gute nennst ist unfähig und zurückhaltend, weil es schwach ist. Es erzeugt auch nur Elend und Leid. Nur will das keiner wahrhaben. Schau dir die Welt an! Das Böse, wie ihr es nennt, ist eifrig und strebsam. Es will sich übertragen und erreicht es auch. Es ist fortschrittlich, faszinierend und steckt jeden an, der es einmal kennen gelernt hat. Lass dich anstecken vom Bösen und mache mit! Du wirst es nicht bereuen, Leon Walker.“

 

Man wird mich genauso jagen wie jeden von euch. Auch das Gute hat Macht. ist konsequent und gefährlich. Ihr macht die Menschen zu Zombies, zu willenlosen Werkzeugen. Das können wir nicht zulassen. – Egal wie auch immer. Am Ende werde ich von meinen eigenen Leuten getötet und für immer vernichtet. Ist dir das eigentlich klar, Dämon?“

 

Das mag sein. Aber es gibt noch einen anderen Weg. Wer aus innerem Antrieb und freien Willen heraus mitmacht, der bleibt das, was er ist. Er wird noch viel mächtiger sein als der Dämon selbst. Dämon und Mensch vereinigen sich zu einer kooperierenden Einheit. Glaub mir, es gibt schon viel mehr von diesen Menschendämonen, als dir lieb ist. Aber es sind immer noch viel zu wenig, um die Welt erobern zu können. Wir erleiden natürlich auch Rückschläge. Also, berühre mich aus freiem Willen damit ich gefahrlos in deinen Körper wechseln kann und du wirst sehen, dass das, was ich dir soeben gesagt habe, auch stimmt. Nach der Berührung erschießt du meinen Wirtskörper, damit es so aussieht als hättest du mich besiegt. Niemand wird etwas bemerken. Du kannst sagen, dass du mich mit dem Spezialgerät eingefangen und vernichtet hättest. Man wird dir Glauben schenken, weil du in einer hohen, respektablen Position arbeitest. Tu es also! Gleich jetzt, mein Freund! Worauf wartest du noch?“

 

Ich war von dem Dämon wie hypnotisiert. Für mehrere Sekunden muss ich wohl wie versteinert dagestanden haben, als plötzlich ein Schuss fiel. Dann fuhr ich unvermittelt hoch und ging ohne ein Wort zu sagen davon.

 

 

***

 

 

Ich stellte an mir vorerst keine sichtbare Veränderung fest, als ich mich am nächsten Tag bei meinem Vorgesetzten vom Dienst abmeldete. Doch kaum hatte ich das Gebäude der Sicherheitszentrale verlassen, als ich diesen abrupten Wechsel in meinem Innersten spürte. Die Kräfte, die in mir zu wirken begannen, mochten für die Augen anderer verborgen bleiben, doch sie zerrten an meinem Geist und verursachten ein anhaltendes Kribbeln am ganzen Körper.

 

In der Nacht hielten mich unruhige Träume gefangen. Immer wieder wurde mein Geist an die Oberfläche meines Bewusstseins gespült, nur um gleich wieder fort zudriften. Wilde Eindrücke prasselten auf mich ein, manchmal hörte ich Schüsse, dann wieder urzeitliche Schreie und das nervenzerfetzende Geheul von Sirenen, ohne dass ich hätte sagen können, was Wirklichkeit und was Traum war.

 

Wirklichkeit und Traum. Sie verschmolzen ineinander. Ich konnte beides bald nicht mehr voneinander unterscheiden.

 

 

***

 

Ich fuhr keuchend im Bett hoch. Meine Überlebensinstinkte ließen meine beiden Arme noch oben fahren, als wollte ich mich gegen einen Angriff verteidigen. Doch da war niemand, der mich angriff. Ich war völlig allein.

 

Verwundert sah ich mich um. Ich lag in einem bequemen Bett ganz allein in einem improvisierten Krankenzimmer. Die Größe des Raumes und die geschmackvolle Einrichtung ließen keinen Zweifel daran aufkommen, dass ich nicht gerade bei armen Leuten untergekommen war. Wo immer ich mich auch befand, offensichtlich hatte man mich nicht in ein normales Krankenhaus eingeliefert.

 

Ich schlug die Decke zurück und bemerkte dabei, dass mir jemand einen teuer aussehenden Seidenschlafanzug angezogen hatte. Ich fühlte mich bemerkenswert frisch und schob vorsichtig meine Beine über die Bettkante. Als meine nackten Füße den Parkettfußboden berührten, zögerte ich einen Augenblick, dann stemmte ich mich hoch und stand.

 

Mir wurde etwas schwindlig, doch meine Beine gaben nicht nach. Dann sah ich auf einem Stuhl Kleidung meiner Größe herumliegen. Die Sachen war nagelneu.

 

Wo immer ich auch bin, der Zimmerservice ist auf jeden Fall spitze, dachte ich so für mich und ließ mich vorsichtig auf einem kunstvoll gearbeiteten Sofa nieder. Bevor ich mich weiter umsehen wollte, zog ich mir die Sachen an, die vor mir auf dem Stuhl lagen.

 

Die Fenstervorhänge waren aus rotem Brokat. Sie verdeckten das Fenster. Behutsam schob ich den schweren Stoff beiseite und linste zum Fenster hinaus.

 

Draußen herrschte tiefe Nacht, die nur von wenigen elektrischen Lampen und ein paar Fackeln erhellt wurde. Ich befand mich offenbar im Erdgeschoss einer Villa, die, soweit ich das von meiner Position aus erkennen konnte, wohl Teil einer beeindruckenden Anlage war. Ich sah einen Seitenflügel, mehrere Nebengebäude und etwas weiter im Hintergrund eine mächtige kreisrunde Fläche, die mir vorkam wie der Landeplatz für Hubschrauber oder Senkrechtstarter.

 

Was mich aber noch viel mehr interessierte, war der große Parkplatz zu meiner Linken. Neben verschiedenen Geländefahrzeugen entdeckte ich mehrere ausländische Luxuslimousinen. Das brachte mich zu meiner Ausgangsfrage: „Wo um alles in der Welt war ich hier gelandet? In der Villa eines reichen Kaffee- oder Zuckerbarons? Oder gar vielleicht bei einem der Bosse der sizilianischen Drogenmafia?“

 

Es gab für mich nur einen Weg, das herauszufinden.

 

Entschlossen wandte ich mich zur Tür. Sie war überraschenderweise nicht abgeschlossen und es warteten draußen auch keine Ärzte oder Krankenschwester auf mich. Nur ein leerer, hell erleuchteter Flur mit dicken, sündteuren, reich verzierten Teppichen fand ich vor.

 

Plötzlich lauschte ich. Von irgendwoher erklang leise klassische Musik. Außerdem hörte ich Stimmen, doch sie waren zu leise, als dass ich hätte erkennen können, wie viele es waren oder worüber sie sprachen.

 

Ich folgte den Stimmen weiter bis zu einer weit geöffneten Flügeltür, die auf eine hell erleuchtete Veranda führte. An einem großen Esstisch saßen zwei Personen, die sich gerade unterhielten. Es waren zwei Männer. Ein junger und ein alter.

 

Als sie mich sahen, standen sie sofort auf und begrüßten mich unterwürfig.

 

Sir“, sagte der ältere Mann, der offenbar mein Diener war, „ich muss seine Durchlaucht daran erinnern, dass das Fieber noch nicht ganz abgeklungen ist. Der Arzt hat strikte Bettruhe verordnet und wünscht, dass der Fürst recht bald wieder seinen Regierungsgeschäften nachgehen kann.“

 

Ich und ein Fürst? Will der alte Mann mich für dumm verkaufen? Ich konnte zuerst nicht glauben, was ich hörte.

 

Also noch einmal von vorne: „Was geht hier eigentlich vor“, fragte ich den alten Mann in der Dieneruniform.

 

Oh mein Fürst. Ich bitte untertänigst um Verzeihung! Aber ich verstehe die Frage nicht.“

 

Seit wann bin ich hier?“ wollte ich wissen.

 

Schon seit sehr langer Zeit“, antwortete der Alte in der Dieneruniform irritiert. Dann fuhr er fort: „Ihr Leibarzt, Dr. Strongula, hat Ihnen ein starkes Medikament mit beruhigender Wirkung verabreicht. Sie lagen mehrere Tage im Fieberschlaf und müssen wohl geträumt haben, mein Fürst.“

 

Plötzlich ging die Tür auf und herein trag ein großer, hagerer Mann in einem langen, schwarzen Umhang. Sein Gesicht war feuerrot. Er sah aus wie jemand, den ich schon mal irgendwo gesehen hatte. Nur konnte ich nicht sagen, wann und wo das war.

 

Wer zum Teufel sind Sie denn“, fragte ich unvermittelt.

 

Genau der bin ich“, lachte er laut, „aber Spaß beiseite“, antwortete er mir und sah mich prüfend an.

 

Sieht so aus, als sei die Vereinigung zwischen Mensch und Dämon gelungen, Mister Leon Walker. Herzlichen Glückwunsch in Ihrem neuen Leben...“

 

Stopp!“ warf ich dazwischen. Mit einer knappen Handbewegung brachte ich den Mann vor mir zum Schweigen. „Das wird mir zu kompliziert. Erklären Sie mir, wo ich bin.“

 

Der hagere Mann mit dem roten Gesicht vor mir stöhnte etwas auf. Er tat so, als sei er total gelangweilt von meiner dümmlichen Fragerei.

 

Ich dachte Sie wüssten das schon? Sie sind hier in der Hölle, Leon Walker. Sie sind ein richtiger Dämon geworden, noch dazu ein besonders böser. Als Dankeschönpräsent habe ich Ihnen eine ganz neue Residenz geschenkt und den Titel „Fürst“ verliehen, um meine Großzügigkeit unter Beweis zu stellen, wenn sich jemand uns aus freiem Willen anschließt. Die Hölle ist kein so böser Ort, wie viele meinen. Wir leben hier in einem eigenen Universum, das alle Annehmlichkeiten für treue Mitarbeiter des Teufels bereit hält. Ja, und der Teufel bin ich, auch wenn ich nicht so aussehe. Ich bin sozusagen ab heute ihr Vorgesetzter, ihr Boss, wenn Sie so wollen. Aber jetzt ruhen Sie sich erst mal solange aus, wie Sie wollen, bevor es an die Arbeit geht. Wir haben alle Zeit der Welt und werden eines Tages auch über die Erde des Menschen herrschen. Ich zähle auf Sie! Also, wir sehen uns dann, Fürst Leon Walker.“

 

Ich verzog die Lippen zu einem schiefen Grinsen. Offenbar bin ich den Verlockungen des Dämons erlegen und selbst einer von ihnen geworden.

 

Aber vielleicht träumte ich das ja alles nur. Ja, vielleicht. Und wenn nicht?

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

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