Heinz-Walter Hoetter

Drei Science Fiction Kurzgeschichten

Science Fiction Kurzgeschichten


 

  1. Das Wesen Ashtar

  2. Das Geheimnis der SS Hyperion

  3. Die sechzig-Jahre-Vision des Shan Malcom


 


 

1. Das Wesen Ashtar


 

Mr. Walter Ammon gehörte nicht zu den Leuten, die gleich nach dem Aufwachen die Augen aufschlagen und sofort hellwach sind. Im Gegenteil! Er brauchte immer eine ganze Weile, bis er dazu im Stande war, seine nächtlichen Träume von fernen, unbekannten Welten von der Wirklichkeit auseinander zu dividieren.

 

Endlich schlug er die Augen auf und schaute sich verschlafen im halbdunklen Zimmer um.

 

War da nicht irgend etwas oder hatte ihn sein trüber, verschwommener Blick nur getäuscht? Mr. Ammon drehte seinen Kopf zurück in Richtung Fußende.

 

Also doch!

 

Eine schattenhafte Gestalt stand vor seinem zerwühlten Bett, die einen metallischen Gegenstand in der rechten Hand hielt, den Mr. Ammon leider nicht richtig erkennen konnte, weil nur wenig Tageslicht durch die zugezogenen Schlafzimmervorhänge von draußen hereinfiel.

 

Er kniff seine Augen mehrmals hintereinander fest zu, rieb an ihnen herum und öffnete sie dann wieder, weil er dachte, das Gesehene sei vielleicht nur ein Spuk.

 

Doch diesmal stellte sich heraus, dass der Mann am Fußende des Bettes keine Traumgestalt war und eine gefährlich aussehende Waffe auf Mr. Ammon gerichtet hatte.

 

Der Kerl stand einfach so da, zischte etwas, das allerdings sehr bedrohlich klang, bloß verstand Mr. Ammon kein einziges Wort davon.

 

Wozu auch? Das klobige Ding mit dem spitzen Lauf in der Hand des Unbekannten sprach sowieso ein deutliche Sprache. Es war eine dieser absolut tödlichen Strahlenwaffen, genannt Destruktoren, die nur von einer ganz bestimmten Spezies im Universum benutzt werden durften – den so genannten Zeitjägern. Er kannte diese Typen.

 

Mr. Ammon erschrak jetzt doch ein wenig, als er sich schlagartig der gefährlichen Situation bewusst wurde, in der er sich befand. Trotzdem blieb er nach außen hin so ruhig wie möglich und versuchte angestrengt sein hektisches Denken und seine verworrenen Gefühle schnell wieder unter Kontrolle zu bringen. Nach einem kurzen Moment der Konzentration hatte er sich wieder voll im Griff.

 

Eine Menge Gedanken jagten jetzt durch sein pulsierendes Gehirn. Es waren jene Art von Gedanken, die sich, wie von einer fremden Macht gesteuert, hinter seiner hohen Stirn zu einem gewaltigen Energiezentrum zusammenballten und telekinetische Kräfte unvorstellbaren Ausmaßes freisetzen konnten – wenn er es nur wollte.

 

Dann sah Mr. Ammon so unauffällig wie möglich hinüber zu dem bewaffneten Mann am Fußende seines Bettes und musterte ihn von oben bis unten mit argwöhnischen Blicken.

 

Der bullige Kerl trug eine schwarz glänzende Lederjacke, die eher den Eindruck einer Uniform machte. Er war sehr groß, leicht korpulent und hatte welliges, schwarzes Haar, das streng nach hinten zu einem Zopf zusammen gebunden war. Unter seinen wachsamen Augen stülpten sich faltige Tränensäcke hervor. Offenbar schien er nicht mehr der Jüngste zu sein oder seine menschliche Maske machte ihm Schwierigkeiten.

 

Noch immer hatte der Zeitjäger diesen gefährlichen Destruktor in der Hand, dessen nadelförmiger Lauf drohend auf Mr. Ammon gerichtet war.

 

Sind Sie Mr. Walter Ammon?“ fragte der Mann in der schwarzen Lederjacke unvermittelt.

 

Ich sage Ihnen gar nichts. Das müssen Sie schon selber rauskriegen. Was wollen Sie überhaupt von mir? Wer hat Sie eigentlich in meine Wohnung gelassen?“

 

Das ist unwichtig, Mr. Ammon. Oder sollte ich doch lieber Geist von Ashtar zu Ihnen sagen? Ich habe den Auftrag, Sie unter allen Umständen nach Sumercoord X zurück zu bringen, wo eine hermetisch abgeriegelte Zelle auf sie wartet. Leisten Sie Widerstand gegen Ihre Festnahme, muss ich leider sehr unangenehm werden und rücksichtslose Gewalt anwenden. Sie sind eine große Gefahr für das gesamte Universum. Wir wissen ganz genau Bescheid über Sie, wozu Sie fähig sind und was sie mit Ihren mentalen Kräften anstellen können. Sie greifen willkürlich in das bestehende Raum-Zeit-Gefüge ein, was wir auf keinen Fall hinnehmen können. Es haben schon genug Erschütterungen auf allen Zeitebenen stattgefunden. Ergeben Sie sich also! Jetzt sofort! Auf der Stelle!“

 

Panik schoss durch den Körper von Walter Ammon wie glühendes Feuer, als der Mann erneut die schwere Strahlenwaffe hob und möglicherweise sogar abdrücken wollte. Das Geistwesen Ashtar, das sich in der Welt des Menschen Mr. Ammon nannte, hob abwehrend die Bettdecke, eine hilflose Geste, die eine instinktive Schutzreaktion war. Jedes Lebewesen würde das so machen, auch wenn der Körper nur ein künstlicher war und als Wirt diente.

 

Man hatte ihn also entdeckt. Aber wie war das möglich gewesen? Er dachte sich auf dem Planeten Erde doch so sicher. Hier kannte ihn niemand. Er war schon fast ein Mensch geworden, zumindest rein äußerlich. Und jetzt das. Unruhe erfasste sein inneres Wesen, das nicht menschlicher Natur war und sich Ashtar nannte.

 

Dann geschah es, ganz ohne Vorwarnung.

 

Mr. Ammon atmete tief durch, presste die Lippen zusammen und stieß kurz darauf die Luft in seiner Lunge explosionsartig wieder aus.

 

Ein fürchterlicher Knall erfüllte das stille Schlafzimmer und wie aus dem Nichts erschien direkt hinter dem Rücken des bewaffneten Zeitjägers eine über zwei Meter große, hässlich aussehende pechschwarze Öffnung, durch die fauchend die Luft aus dem Zimmer entwich, alles aus seiner unmittelbaren Nähe in sich hinein reißend.

 

Mr. Ammon konnte gerade noch sehen, wie der Zeitjäger den automatisch um sich schießenden Destruktor verlor, seine beiden Arme blitzartig hochriss, um sich in einem verzweifelten Rettungsversuch an den pulsierenden Rändern des schwarzen Loches festzuhalten. Doch sein massiger Körper hielt den gigantischen Saugkräften des Wurmloches nur für wenige Sekundenbruchteile stand. Dann wurde er Stück für Stück in großen Fetzen auseinandergerissen, bis er schließlich in der gähnenden Öffnung verschwand. Der Zeitjäger kam nicht einmal mehr dazu, einen Schrei auszustoßen. Nur ein Schutzanzug vom Planeten Sumercoord X hätte ihn vor der eigenen Vernichtung bewahren können.

 

Als das tosende Wurmloch wieder verschwunden war, beugte sich Mr. Ammon vornüber aus dem Bett und erbrach sich auf dem bunt gemusterten Teppich des Schlafzimmerbodens. Ashtars menschliches Verhalten war verblüffend weit fortgeschritten und wirkte überaus echt.

 

Dann holte er tief Luft, legte sich entspannt zurück aufs Bett und starrte mit leerem Blick rauf zur Decke.

 

Das war knapp, ich muss hier weg“, sagte er zu sich selbst. „Es kann nicht lange dauern, bis sie den nächsten Zeitjäger schicken, um meiner habhaft werden zu können. Sie werden niemals damit aufhören, mich zu jagen, diese dreckigen intergalaktischen Söldner, die sich als Zeitjäger ausgeben. Sie haben es in Wirklichkeit auf meine besonderen telekinetischen Fähigkeiten abgesehen, um sie für sich selbst nutzbar zu machen. Jetzt, da sie wissen, wo ich mich aufhalte, bleibt mir nur noch die Flucht. Ich werde meine Sachen packen und so schnell wie möglich von hier verschwinden. Eigentlich schade, die Erde des Menschen hat mir gut gefallen. Es war ein schöner Ort zum Leben.“


***

 

Eine Stunde später.

 

Mr. Walter Ammon, oder das außerirdische Geistwesen namens Ashtar in ihm, stand in seinem hermetisch geschlossenen Schutzanzug mitten im leergeräumten Wohnzimmer und konzentrierte sich mit geschlossenen Augen per Gedankenkraft auf einen imaginären Punkt im Raum. Die Energie dazu kam vom Geistwesen Ashtar.

 

Quantenfluktuationen stellten sich plötzlich ein.

 

Es dauerte nur wenige Sekunden, als der hölzerne Fußboden und die Zimmerwände heftige Wellen schlugen, sich biegend verformten, um schließlich schlagartig in der Mitte des Zimmers ein stabiles Wurmloch zu erzeugen, das im fertigen Endstadium einen Durchmesser von knapp zwei Meter aufwies. Die zusammenfließende Quantenenergie war gewaltig und das Wurmloch sog alles in sich hinein, was in seine Nähe kam.

 

Mr. Ammon machte einen Schritt nach vorne und wurde noch im gleichen Augenblick in das schwarze Loch hineingerissen, ähnlich einer winzigen Ameise, die vom Sog eines Staubsaugers erfasst worden ist.

 

Die Zeit schien still zu stehen.

 

Doch dann kollabierte das temporäre Wurmloch unter heftigen Energieentladungen plötzlich und fiel mit donnerndem Grollen in sich zusammen.

 

Das fremdartige Geistwesen, mit seinen gewaltigen telekinetischen Kräften, war zu diesem Zeitpunkt bereits schon wieder unterwegs in eine neue Welt, die irgendwo da draußen in den unendlichen Weiten eines unbekannten Universums lag und vielleicht sogar intelligentes Leben beherbergte.

 

Das Wesen Asthar wusste aber auch, dass seine Flucht vor den Zeitjägern nie enden würde, solange es existierte – und das tat es schon eine Ewigkeit.

 

© Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

***

 

 

2. Das Geheimnis der SS Hyperion


 


 

Dunkle Gewitterwolken hingen düster am neu entdeckten Planetenhimmel. Es regnete in Strömen.

 

Angestrengt schaute Commander Tyrion Maybeelen durch das getönte Panzerglas des quadratischen Beobachtungsturmes, der hoch droben sicher auf einer felsigen Anhöhe am Rande eines weitverzweigten Flusses stand, der von einem wuchernden, schier endlos erscheinenden, giftgrünen Urwald gesäumt wurde.

 

Der geräumige Turm war Teil einer komplexen Außenstation, die ringsherum von einer mehr als sechs Meter hohen und fast mehr als fünfzig Zentimeter dicken, extra harten Kunststoffmauer umgeben war. Das obere Ende wurde durchgängig von einem rot leuchtenden Laserstrahl permanent gesichert, der jedes Mal laut knisterte, wenn ihn herab prasselnde Regentropfen trafen.

 

In der Ferne zuckten heftige Blitze durch eine graue Regenwand. Nur schwach konnte man die Silhouetten der gewaltigen Berge am Horizont erkennen, die hinter einem dichten Vorhang aus Wasser lagen.

 

Die Blitze kamen immer näher, gefolgt von dröhnenden Donnerschlägen, die die einsam da liegende Außenstation erbeben ließen. Plötzlich gingen die Lichter aus und die Notbeleuchtung schaltete sich ein. Eine Sirene heulte mehrmals kurz hinter einander auf, die aber, wegen eines offensichtlichen Fehlalarms, bald wieder verstummte.

 

Dem ganzen Geschehen haftete etwas Irreales an. Außerdem hatte dieser erdähnliche Planet, auf dem es scheinbar die meiste Zeit nur regnete, bisher noch keinen Namen erhalten. Vielleicht sollte man ihn „Seeworld“ nennen, dachte sich der Commander, weil er nur aus zwei kleinen Kontinenten bestand, die zusammen ein Fünftel der sichtbaren Landmasse ausmachten. Vier Fünftel des Planeten waren mit Meerwasser bedeckt.

 

Darüber hinaus wusste Commander Tyrion Maybeelen, dass da draußen ein gestrandetes Raumschiff lag und einige seltsam anmutende Wesen existierten, die sogar mehrmals versucht hatten, in das Innere ihrer Außenstation zu gelangen. Aufgrund dieser Tatsache hatte die künstliche Intelligenz (KI) zwingend die höchste Alarmstufe ausgelöst. Alle Waffensysteme waren vorsorglich aktiviert worden und im Bedarfsfall sofort einsatzbereit.

 

Eigentlich war es nicht das Ziel ihrer Mission gewesen, havarierte Raumschiffe oder eine außerirdische Spezies zu entdecken, sondern sie hatten einfach nur in Erfahrung bringen wollen, was da draußen war, als diese schemenhaften Erscheinungen auf den Monitoren ihrer ferngesteuerten Erkundungsfahrzeuge plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht waren, um gleich darauf wieder zu verschwinden, als hätte es sie nie gegeben.

 

Es galt die Maxime: Exakte Aufklärung diente der allgemeinen Sicherheit, denn ohne Sicherheit war an eine ungestörte Forschungs- und Erkundungsarbeit nicht zu denken. Einige der Bordwissenschaftler der Firebird II, die sich mit neu entdecktem Leben auf Exo-Planeten beschäftigten, hielten es daher für dringend erforderlich, sich so schnell wie möglich mit der fremdartigen Kreatur zu befassen und forderten deshalb gleich mehrere Suchexpeditionen an, um die geheimnisvollen Wesen aufzuspüren.

 

Der oberste Raumschiffrat der Firebird II, dem auch Commander Tyrion Maybeelen angehörte, hatte nach Lage der Dinge nichts dagegen und erteilte die Genehmigung zur Durchführung der von den Forschern beabsichtigten Expedition. Schon bald begannen die Suchmannschaften damit, die weit voneinander entfernt liegenden Kontinente in großer Höhe mit Raumfähren zu überfliegen, um sie mit ihren hochempfindlichen Bioscannern flächendeckend abzutasten. Für die abgelegenen Inseln, auf die man überall verstreut in den unendlich erscheinenden Wassermassen gestoßen war, setzte man unbemannte Flugdrohnen ein, die den gleichen Suchauftrag hatten.

 

Ein anderer Teil der Crew war ebenfalls mit einigen der zahlreich vorhandenen Landefähren des gewaltigen Explorer Raumschiffes, das weit oben im Orbit kreiste, auf dem Regenplaneten gelandet, um die bevorstehende Suche nach möglichen Rohstoffvorkommen vorzubereiten. Der verbliebene Rest der Besatzung errichtete parallel dazu mit zahlreichen Androiden zusammen die Außenstation am Rande eines Felsplateaus, zu dessen Füßen sich ein breiter Fluss in zahllosen Windungen bis zum Horizont durch den dichten Dschungel träge dahin schlängelte.

 

Die Station erhielt nach ihrer Fertigstellung den Namen ‚Refuge’ und wurde überwiegend aus vorgefertigten Bauelementen zusammengesetzt. Sie hatte mehr Ähnlichkeit mit einer Bunkerverteidigungsanlage, als mit einer wissenschaftlichen Forschungseinrichtung. An allen strategisch wichtigen Punkten waren darüber hinaus gefährlich aussehende, vollautomatisch arbeitende Lasergeschütze postiert.

 

Es gab auch keine Fenster, höchstens ein paar kleine Bullaugen aus dickem Panzerglas. Im Innern war alles so praktisch und optimal wie möglich ausgestattet worden. Jedes einzelne Gebäude konnte von den übrigen durch schwere Sicherheitsschotts hermetisch abgeriegelt werden, um im Ernstfall nicht die ganze Station zu gefährden. Größtmögliche Sicherheit war stets das oberste Gebot.

 

Die Raumschiffbesatzung der Firebird II hatte die Welten weit zurück gelassen, auf denen sich menschliche Siedlungen befanden. Sie waren damit ein hohes Risiko eingegangen. Aber was tat man nicht alles, wenn lukrative Gewinne lockten, die mächtige interplanetarische Minengesellschaften dafür zahlten, wenn neue für sie wichtige Rohstofflagerstätten auf irgendwelchen Planeten in der Galaxis gefunden wurden.

 

Fakt war aber auch, dass die intergalaktische Raumflotte nur in ganz besonderen Ausnahmefällen in Anspruch genommen werden durfte, wenn z. B. existenzielle Gefahr für Besatzung und Raumschiff bestand. Dafür gab es genau festgelegte Notfallpläne, die sogar vorsahen, dass die künstliche Intelligenz (KI), auch ohne Zustimmung der obersten Kommandoführung, Zeitsprung fähige Schlachtschiffe der intergalaktischen Raumflotte anfordern konnte, die mit ihrem schrecklichen Waffenarsenal dazu in der Lage waren, ganze Planeten in Schutt und Asche zu verwandeln. Alle Mitglieder eines Raumschiffes im Universum schätzten natürlich diesen Sicherheitsservice ungemein, denn er bedeutete in vielen Fällen oft auch Rettung aus höchster Lebensgefahr.

 

Plötzlich ertönte eine bassartige Stimme aus dem Lautsprecher. Commander Maybeelen zuckte unwillkürlich etwas zusammen.

 

Hier Landefähre ‚Libelle’. Wir sind unterwegs, Tyrion. Die Flugzeit wird etwa noch vier bis fünf Minuten dauern.“

 

Seid nach der Landung vorsichtig, wenn ihr da rausgeht. Geht direkt zu der Luftschleuse. Habt ihr den E-Generator mitgenommen?“

 

Na klar. Wir haben auch den Hochenergielaser und einige Magnetkäfige dabei. Wir werden trotzdem vorsichtig sein. Mach dir keine Sorgen, Tyrion.“

 

Vorsicht ist besser als Nachsicht, Messias. Zielkoordinaten sind eingegeben. Zielort ist die zweite nördliche Luke der Außenstation.“

 

Verstanden, Tyrion. Schade, dass wir die Flugtore nicht öffnen und mit der ‚Libelle’ in die Bodenstation direkt rein fliegen können.“

 

Tut mir einen Gefallen und macht es so, wie wir es vorher besprochen haben. Die Sicherheit hat absolute Priorität. Setzt die Kampfandroiden zum Transport der Gerätschaften ein und kommt mit euren eigenen Waffen nach der Landung sofort zu mir.“

 

Okay, Tyrion. Wir sind gleich da. Wir sehen bereits die nördliche Luke. Wir nähern uns kontinuierlich dem markierten Landeplatz. Die Positionslichter sind trotz des heftigen Dauerregens deutlich zu erkennen.“

 

Tyrion an Messias und Stronghold. Ich werde die Entriegelung sofort freigeben, sobald ihr gelandet seid.“

 

Wir haben verstanden. Setzen jeden Moment auf. Wir sind so weit. Öffne jetzt die äußere Schleuse, Tyrion!“

 

Vorsichtig Männer! Das Wetter spielt hier unten verrückt. Das Wasser steht kniehoch. Die Sicht ist mehr als nur schlecht. Wir wissen auch nicht, ob einige von den seltsam aussehenden Kreaturen in der Nähe unserer Station herumschleichen.“

 

Wir haben die Scanner aktiviert. Der Autopilot steuert tadellos. Wir sind gelandet. KI schaltet Atmosphärentriebwerke ab und geht in Bereitschaft. Ich sehe gerade, dass die äußere Luftschleuse offen ist. Alles klar, Tyrion. Wenn wir drinnen sind, gebe ich dir umgehend Bescheid.“

 

Sehr gut Männer! Macht weiter so!“

 

Besatzung der ‚Libelle’ an Tyrion. Haben die Fähre verlassen. Wir sind jetzt in der äußeren Luftschleuse. Die Androiden sind bei uns. Ihre Verteidigungssysteme sind aktiviert. Schließe das äußere Tor und öffne die innere Sicherheitsluke. Bis jetzt ist alles noch im grünen Bereich.“

 

Okay Männer! Äußeres Schott geschlossen, inneres geöffnet. Die Luftschleuse ist sicher. Ich erwarte euch im Bereitschaftsraum. Wir sehen uns dann gleich.“

 

Alles in Ordnung, Commander. Schalten jetzt auf stationäre Kommunikation um.“

 

Roger, Messias. Die KI hat alles mitgehört und hält die Verbindung mit dem Mutterschiff aufrecht. – Ende der Durchsage.“

 

Ein paar Minuten später betraten Othello Messias und Pit Stronghold den geräumigen Bereitschaftsraum. Nach einer kurzen Pause mit anschließender Besprechung bereitete man sich auf die Erkundung des fremden Raumschiffes vor, das auf der anderen Flussseite wie verloren im dichten Dschungel lag. Zwei mächtige Kampfandroiden nahm man zur Sicherheit mit.

 

Die KI an Bord der Firebird II zeichnete alles auf, was in der Außenstation, in den einzelnen Landefähren, auf der Brücke, im Frachtraum oder im Maschinenraum passierte. Es gab kein Bereich, der von ihr nicht abgehört und mitgeschnitten wurde. Allerdings konnte sie mittels eines bestimmten Codes auch abgeschaltet werden, um beispielsweise ein privates Gespräch führen zu können oder wenn es generell um die Einhaltung der Privatsphäre ging. Allerdings konnte man in dieser Hinsicht nie ganz sicher sein. Manche Besatzungsmitglieder glaubten nämlich, dass sich die KI nur zum Schein abschaltete, weil ihr die Sicherheit der Crew, die Einsatzfähigkeit und die Unversehrtheit der Firebird II wichtiger war als alles andere. Für die KI konnte so was wie Geheimhaltung oder ähnliches nicht geben.

 

***

 

Commander Tyrion Maybeelen, Steuermann Othello Messias und der Navigator Pit Stronghold flogen mit der Landefähre ‚Libelle’ zu dem unbekannten Raumschiff hinüber, das etwa sechs oder sieben Meilen vor ihnen auf einer Lichtung im Urwald stand. Sie umrundeten in geringer Höhe das Schiff und konnten keinerlei Anzeichen einer Beschädigung ausmachen. Auch auf der Brücke, die sich hoch über dem Rumpf befand, schien alles in Ordnung zu sein.

 

Die Kennzeichnung auf der Außenhaut des Schiffes war allerdings verbrannt und dadurch unlesbar geworden. Die KI bekam während dessen den Auftrag, das fremde Raumschiff aufgrund seiner äußeren Bauform zu identifizieren.

 

Messias, bring uns längsseits zur Haupteinstiegsluke und lande dort“, ordnete Commander Maybeelen an. Der Steuermann führte den Befehl aus und setzte die kleine Fähre auf den weichen Dschungelboden auf. Dann kontrollierten sie ihre Sicherheitsdruckanzüge und verließen, als die Lampen der Schleuse grün aufleuchteten, die kleine Landefähre und gingen hinüber zu dem unbekannten Raumschiff, das wie ein gigantisch aussehender, lebloser Körper eines Wales aussah.

 

In diesem Augenblick meldete sich die KI über den internen Funk.

 

Commander, ich habe interessante Nachrichten für Sie. Nach den Umrissen zu urteilen handelt es sich bei dem Raumschiff offenbar um die verschollen geglaubte SS Hyperion, die nach geheim gehaltenen Berichten der Sternenflottenadministration vor mehr als zwanzig Jahren von der gewaltigen Schockwelle eines explodierenden Riesensternes erfasst und dann, ähnlich wie ein Stück Treibholz in der Flut, von dieser mehrere Lichtjahre weit mitgerissen wurde. Seit dem Zeitpunkt galt sie als vermisst, weil kein Not- bzw. Peilsignal von der SS Hyperion aufgefangen werden konnte. Doch wie es jetzt aussieht, hat der Autopilot das Schiff nach jener überraschend eingetretenen Kollision noch bis zu diesem Planeten geflogen, wo er dann notgelandet ist. Was dann aus der Besatzung wurde, darüber steht nichts in den Aufzeichnungen. Man nimmt jedoch an, dass alle Besatzungsmitglieder der SS Hyperion nach und nach gestorben sind. Anscheinend hat keiner der über zweihundert Männer und Frauen, die sich an Bord des Schiffes befanden, die nachfolgenden Strapazen auf diesem Planeten überlebt. Trotzdem könnten meinen Überlegungen nach wahrscheinlich noch einige Mitglieder der Crew am Leben sein. Der Planet verfügt besonders in den Meeren über fischreiche Nahrungsvorkommen. Leider haben wir bis jetzt keine verwertbaren Daten darüber, ob die vorgefundene Flora und Fauna auch für Menschen genießbar ist. Das müssen wir erst noch untersuchen. Wir sind aber schon dabei.“

 

Waren Androiden mit an Bord der SS Hyperion?

 

Nein, Commander. Die sündteuren Androiden sind ausschließlich ein Privileg der Raumschiffe der Explorer-Klasse und der Zeitsprung fähigen Schlachtschiffe der intergalaktischen Raumflotte. Damals, wie heute. Die SS Hyperion gehörte außerdem einer privaten interplanetarischen Fluggesellschaft, die viele Jahre lang ausgesuchte Kolonisten zu weit abgelegenen Planetensystemen brachte. Sie stand für ihre Mission damals jedoch bei der intergalaktischen Raumflotte vorübergehend unter Vertrag und diente einem geheimen Auftrag. Näheres kann ich ihnen dazu nicht sagen.“

 

Danke KI. Jetzt wissen wir wenigsten Bescheid, dass es sich um kein direktes Schiff unserer eigenen Raumflotte handelte. Es war eine privates. Vielleicht finden wir heraus, was mit der Besatzung passiert ist. Ich denke, wir sind es ihr schuldig. Es waren mutige Männer und Frauen, an die wir uns erinnern sollten.“

 

***

 

Das ovale Bedienfeld des monströsen Außenschotts funktionierte einwandfrei, und schon nach kurzer Zeit öffnete sich die Einstiegsluke. Die Männer in ihren Schutzanzügen traten in die Luftschleuse; die Luke schloss sich hinter ihnen automatisch. Dann öffnete sich surrend die Innenluke.

 

Es war dunkel im Innern des havarierten Raumschiffes. Die Temperatur lag etwas höher als draußen. Dafür war es trocken. Die drei Männer schalteten ihre Schulterlampen an und nahmen die Druckhelme ab, nachdem die Sensoren die Atemluft als ausreichend sauerstoffhaltig, sauber und normal anzeigte.

 

Commander Tyrion Maybeelen rief den Code aus, um die KI des Schiffes anzusprechen. Er hätte ihr zwar keine Anweisungen erteilen können, aber wenn sie noch intakt geblieben ist, müsste sie ihm antworten. Nichts rührte sich jedoch.

 

Stronghold schüttelte den Kopf.

 

Sie arbeitet nicht, obwohl anscheinend noch genug Energie vorhanden ist. Mein Energiescanner zeigt an, dass circa achtzig Prozent der Antimaterie noch vorhanden sind“, sagte er bitter.

 

Der Steuermann Messias ließ seine Lampe über die Inneneinrichtung gleiten. Mittlerweile befanden sich alle drei in der zentralen Befehls- und Gemeinschaftshalle. Ihre Ausmaße waren so groß wie ein Kino und konnte mindestens zweihundert Personen locker Platz bieten.

 

Der Commander ging auf die Brücke, die sich weiter oben auf der dritten Ebene befand. Nach ein paar Minuten war er wieder zurück und informierte seine beiden zurückgebliebenen Männer.

 

Keine Seele an Bord. Auch nicht auf der Brücke. Niemand da. Und was noch seltsamer ist, man kann nirgendwo eine Beschädigung feststellen. Das Raumschiff ist sogar noch nach all den Jahrzehnten vollkommen flugtauglich. Es muss nicht einmal technisch überholt werden. Das zeigt jedenfalls die Analyse meines Recorders an, der die Daten überprüft. Wenn die KI funktionieren würde, könnte sie sogar das Licht wieder einschalten. Wir müssten dazu in den Maschinenraum, der sich am Heck des Schiffes befindet. In einem Nebenraum sind alle Hauptsicherungen untergebracht, sowohl für die E-Generatoren, als auch für die gesamte elektrische Anlage des Raumschiffes.“

 

Ob die gesamte Besatzung der SS Hyperion tot ist?“ fragte der Navigator Pit Stronghold mit nachdenklichem Gesicht in den Hallen ähnlichen Raum hinein und schaute dann seinen Commander an.

 

Der fühlte sich angesprochen und zuckte mit der Schulter.

 

Kann ich nicht sagen. Ich selbst habe nicht die geringste Ahnung, was mit den Männern und Frauen der SS Hyperion geschehen ist“, antwortete Commander Maybeelen.

 

Aber es besteht die Möglichkeit von Überlebenden“, warf der Steuermann Messias ein und schaute mit fragendem Blick in die Runde. Dann sprach er mit leiser Stimme weiter.

 

Das Schiff verfügte zum Zeitpunkt der Schockwellenerfassung offenbar noch über ein intaktes Schutzschild, andernfalls wäre es zerstört worden. Es wurde mitgerissen und später vom Autopiloten hier hin gebracht, und zwar unversehrt, wie man eindeutig sehen kann. Wahrscheinlich hat die gesamte Besatzung den fürchterlichen Höllenritt auf der Schockwelle des explodierenden Sterns überlebt, aber dann die SS Hyperion nach der Landung auf diesem Planeten aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen verlassen. Unsere Bioscanner haben im gesamten Schiff bisher kein einziges menschliches Lebenszeichen entdecken können. Also, entweder sind sie alle tot oder es laufen von denen noch einige Überlebende hier auf dem verdammten Planeten herum. Das müssen wir unbedingt heraus bekommen. Vorher sollten wir mit unserer Rohstoffsuche nicht beginnen.“

 

Vielleicht sind ein paar von ihnen durchgedreht und haben sich gegenseitig umgebracht. Wer weiß, was die Besatzung durchgemacht hat, als sie von der Energie der Schockwelle erfasst und mitgerissen worden ist“, gab Pit Stronghold, der Navigator, zu bedenken.

 

Der Commander räusperte sich und fuchtelte etwas verärgert mit der rechten Hand in der Luft herum. Er wandte sich an Stronghold und sagte mit deutlich hörbarer Stimme:

 

Das ist eine waghalsige Theorie, mein lieber Pit. Jemand schnappt sich eine Waffe und läuft damit Amok. Das tut keiner dieser Raumfahrer und Kolonisten, die sich der Besiedelung fremder Welten verschrieben haben. Es sind allesamt gut ausgebildete, charakterstarke Männer und Frauen. Nein, nein..., jeder von ihnen hatte ein beispielhaftes Leben geführt und wäre zu so einer Tat grundsätzlich nicht fähig gewesen.“

 

Dennoch ließ ihn allein die Vorstellung daran schon schaudern. Sollte es tatsächlich einen irren Schlächter an Bord des havarierten Raumschiffes gegeben haben? Vielleicht sogar mehrere? Commander Tyrion Maybeelen schnitt diesen Gedanken einfach abrupt ab. Er wollte davon nichts wissen. Derart abstruse Überlegungen waren für ihn schlichtweg undenkbar.

 

Wir brauchen Licht. Geh’ in den Maschinenraum und suche nach den Hauptsicherungen“, befahl er seinem Steuermann Messias, der neben Stronghold stand. Kurz darauf machte sich Messias auf den Weg ins Heck der SS Hyperion. Nach etwa fünfzehn Minuten war er wieder zurück und öffnete eine graugrüne Abdeckplatte am Fuß des Pilotensitzes, der sich in einem eigenen Raum gleich unterhalb der Brücke befand.

 

Die elektrische Anlage ist in Ordnung. Irgend jemand muss die zentralen Hauptsicherungen der Knotenpunkte heraus genommen haben. Das ist eigentlich verboten, weil damit auch die KI abgeschaltet wird. Ich habe die Dinger wieder installiert.“

 

Dann griff er nach einem gelb markierten Schalter und schob ihn behutsam nach vorne. Anschließend drückte er eine Reihe blinkender Einschaltsensoren und mit einem Schlag ging überall die Bordbeleuchtung des Raumschiffes an. Auch die KI funktionierte plötzlich wieder.

 

Sie nannte sich ‚Quantenrose' und begrüßte die anwesenden Männer der Sternenflotte mit ihrer weiblichen Stimme.

 

Hallo, mit wem habe ich die Ehre?“

 

Ich bin Commander Tyrion Maybeelen vom intergalaktischen Explorerraumschiff Firebird II der Raumflotte. Prioritätenfrage! Was ist mit diesem Schiff und der Besatzung geschehen - Quantenrose?“

 

Commander, es tut mir wirklich Leid, aber ich verstehe Ihre Frage nicht“, antwortete die KI.

 

Ihr seid vor mehr als zwanzig Jahren hinter dem Andromedanebel von der Schockwelle einer explodierenden Sonne mitgerissen worden und Lichtjahre davon auf diesem Planeten notgelandet. Wir haben euch durch Zufall entdeckt, aber ohne die Crew des Schiffes. Wo ist die Besatzung der SS Hyperion, KI?“

 

Ich habe das Schiff auf den Sprung zurück zur Galaxie Milchstraße vorbereitet, da wir unsere Mission schon fast beendet hatten“, sagte die KI zum Commander Maybeelen.

 

Was ist dann passiert?“

 

Die KI zögerte etwas mit der Antwort.

 

Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Meine Erinnerungsspeicher sind leer. Jemand muss meine Datenaufzeichnungen gelöscht haben.“

 

Wer kann so etwas getan haben, KI?“ fragte der Commander.

 

Es gibt nur wenige Personen an Bord eines Raumschiffes, die auf den Datenspeicher einer KI zugreifen dürfen. Das Löschen der Daten ist allerdings strengstens verboten. Ein Backup ist zwingend vorgeschrieben, falls mal so ein Eingriff notwendig werden sollte.“

 

Die KI kann uns also nicht weiterhelfen. Wir werden uns demnach selbst auf die Suche machen müssen, was mit der Besatzung passiert ist. Wir bleiben in Sichtweite zusammen“, sagte Commander Maybeelen und gab den Befehl dazu, das Raumschiff genauestens zu inspizieren.

 

Sie durchschritten zuerst den Hauptkorridor. Der Commander berührte einen Taster an der ersten Tür. Es war genau jene, die zum Quartier des Captains führte. Die Kabine war leer, aber alle persönlichen Sachen befanden sich ordentlich aufgeräumt an ihrem Platz.

 

Auch die übrigen Kabinen der anderen Korridore waren ebenfalls leer. Das Gleiche galt für die Waschräume.

 

Unheimlich“, bemerkte Stronghold.

 

Was befindet sich unter diesem Deck?“ fragte der Commander über Funk die KI.

 

Frachtraum, Depot für die Landefähren, Waffenkammern usw.“, gab diese zur Antwort.

 

Sie gingen in einen der Personenaufzüge und ließen sich hinunterfahren. Doch auch hier unten war niemand.

 

Messias ging voran in den Frachtraum, dann hinüber zum Fährenhangar.

 

Sie näherten sich den dort fest verankerten Landefähren, dem einzigen Platz im ganzen Schiff, an dem sie noch nicht nachgesehen hatten. Jede einzelne Fähre wurde genauesten untersucht. Messias öffnete jede Luke und blickte hinein.

 

Niemand auf den Vordersitzen, niemand auf den Sitzen im hinteren Teil der Fähren.

 

Der Commander und seine Männer fühlten sich wie in einem Spukhaus.

 

Ich möchte zum Teufel noch mal wissen, was hier vorgegangen ist. Alles ist unversehrt geblieben. Man könnte schon fast glauben, jemand hat das Schiff in Schuss gehalten, um selbst damit fliegen zu wollen. Nur fehlte es bisher an der nötigen Besatzung“, sagte der Commander.

 

Sie machen wohl einen Scherz, Commander Maybeelen. Wer sollte denn so was Abgefahrenes vorhaben?“ fragte der Navigator Pit Stronghold leicht nervös.

 

War nur so ein Gedanke von mir, Pit. Reg’ dich ab!“ beschwichtigte der Commander seinen Navigator und ordnete an, die SS Hyperion wieder zu verlassen.

 

Sie schalteten das Licht aus und setzten das Raumschiff in den Energiesparmodus. Dann gingen sie durch die Luftschleuse hinaus, ließen die Außenluke offen und kehrten in ihre eigene Raum- und Landefähre zurück.

 

Die drei Männer waren froh, als sie wieder in den trockenen Räumen der Außenstation waren. Draußen regnete es immer noch wie aus vollen Eimern. Commander Maybeelen rief nach der KI und ließ sich mit dem Explorerraumschiff Firebird II verbinden.

 

Was werden Sie ihnen erzählen?“ fragte Stronghold?

 

Darüber denke ich noch nach. Mir bleibt ja doch nichts anderes übrig, als der obersten Administration das zu schildern, was wir bisher in Erfahrung bringen konnten, nämlich so gut wie nichts. Erfreulich ist nur der gute Zustand des Raumschiffes. Auf jeden Fall werden wir die SS Hyperion in sicherem Abstand zur Firebird II rauf bringen lassen. Wenn wir unsere Mission hier beendet haben, fliegen wir zusammen mit ihr zurück zur Erde“, sagte der Commander, setzte sich hin und ließ sich von der KI einen Kanal zur Kommandoführung der Firebird II frei schalten.

 

Die KI kam ihm zuvor.

 

Die oberste Raumschiffadministration hat eine wichtige Information für Sie, Commander. Ich habe Sie direkt durchgestellt. Sie können das Gespräch jetzt annehmen.“

 

***

 

Die Planetenforscher hatten für eine riesige Sensation gesorgt.

 

Nachdem der starke Regen etwas nachgelassen hatte, entdeckten die externen Bioscanner an der Außenhaut der Raumfähren schon nach kurzer Zeit an einigen Meeresküsten eine arthropodische Kreatur, die offenbar ein ausgesprochenes kulinarisches Interesse an menschlichem Fleisch hatte.

 

Die Außenstation wurde aufgrund dieser faszinierenden Entdeckungen unverzüglich um eine große exobiologische Abteilung erweitert, um exakte Forschungen vor Ort an dieser neu entdeckten Lebensform durchführen zu können.

 

Die vorwiegend marinen Lebewesen sahen aus wie jene Trilobiten, welche vom Kambrium bis ans Ende des Perm in den Urmeeren der Erde existierten.

 

Nur waren diese Dinger hier auf dem unerforschten Planeten um ein Vielfaches größer und schienen darüber hinaus nicht nur schnell und überaus flink zu sein, sondern verfügten offensichtlich auch über eine ziemlich hohe Intelligenz, was zumindest für jene Exemplare zutraf, die man dort unten entdeckt hatte.

 

Die Biologen für außerirdische Lebewesen vermuteten sogar, dass sie sich untereinander mittels eines komplizierten Lautsystems verständigen konnten. Sie krochen oft in großen Formationen bis weit ins Landesinnere, um auch dort nach Nahrung zu suchen. Es schien, als täten sie das ganz bewusst, um das Land zu erkunden. Wasser in Flüssen und Seen gab ja es überall genug.

 

Zum Entsetzen der Forscher fand man bei dieser besonders großen Art die sterblichen Überreste von mehr als einhundert Besatzungsmitgliedern der SS Hyperion, die den Trilobitenwesen offenbar alle im Laufe der Zeit zum Opfer gefallen waren. Dem Rest der Crew war anscheinend das gleiche Schicksal zuteil geworden. Ihre Leichen konnten allerdings nirgendwo gefunden werden und so erklärte man sie einfach für tot. Das Geheimnis des verschollen geglaubten Raumschiffes SS Hyperion und das grausame Schicksal der Besatzungsmitglieder war damit überraschend aufgeklärt worden. Man schloss die ganze Sache ab und errichtete in der Nähe ihres Landeplatzes auf dem Wasserplaneten, den man bereits „Seeworld“ getauft hatte, ein weithin sichtbares Denkmal mit den Namen all jener Männer und Frauen, die hier im Dienste der intergalaktischen Raumflotte gestorben waren. Spätere Generationen von Raumfahrern und wagemutigen Siedlern sollten sich ihrer stets erinnern.

 

Tief in der Mitte der SS Hyperion waren die gewaltigen kugelförmigen Wassertanks untergebracht, die immer noch randvoll gefüllt waren. Niemand ahnte etwas davon, dass sie von Millionen und Abermillionen winziger Trilobiten bevölkert waren, die darauf warteten, irgendwann auszuschlüpfen.

 

***

 

Rückblick

 

Was war mit der SS Hyperion wirklich geschehen?

 

Als die KI zusammen mit dem Autopiloten das havarierte Raumschiff auf einer Lichtung mitten im Dschungel sicher runter gebrachte hatte, stellte die überraschte Besatzung über ihre intakt gebliebenen Außenscanner sehr schnell fest, dass sie auf einem Regenplaneten notgelandet waren. Sie hatten im Prinzip Glück im Unglück gehabt.

 

Später schickte man Erkundungstrupps los, die damit beauftragt wurden, das kostbare Süßwasser der zahlreich vorhandenen Flüsse und Seen auf Trinkbarkeit zu testen. Es war tatsächlich für Menschen genießbar.

 

Obwohl das Wasser des erdähnlichen Planeten ständig auf Keime und sonstige Verunreinigungen untersucht wurde, übersah man aus noch unbekannten Gründen eine fast unscheinbar wirkende mikroskopisch kleine Substanz, die wie ein transparentes Kügelchen aussah und im Wasser nur sehr schwer erkannt werden konnte. Die Schiffsbesatzung der SS Hyperion füllte jedoch damit ihre Wassertanks neu auf und trank auch ausgiebig davon, weil man aufgrund der durchgeführten Tests das neugewonnene Frischwasser für unbedenklich hielt.

 

Weil man nicht wusste, wo man sich im Universum eigentlich mit dem Raumschiff genau befand und sich zudem die Positionsbestimmung durch die fremde Sternenkonstellation als ungewöhnlich schwierig gestaltete, war das reichlich vorhandene Süßwasser des Regenplaneten für die Besatzung der SS Hyperion tatsächlich zur einzigen Überlebenschance geworden. Hätte es das Raumschiff irgendwo anders hin verschlagen, wären die gesamte Crew wohl früher oder später verdurstet, da die mitgeführten Wasservorräte irgendwann aufgebraucht worden wären, trotz der Wiederaufbereitungsanlagen. Das Wasser des Planeten war demnach ihre Rettung gewesen.

 

Doch was bis dahin keiner der gestrandeten Besatzungsmitglieder ahnen konnte: Eine tödliche Gefahr lauerte bereits in den riesigen Wassertanks der SS Hyperion.

 

Aus einem Teil der winzigen Eier schlüpften nämlich bald kleine Trilobiten artige Kreaturen, die sich explosionsartig über das gesamte Trinkwassersystem des Raumschiffes ausbreiteten. Jedes Mitglied der Besatzung trank von dem Wasser, ohne zu wissen, dass es ein tödliches Geheimnis in sich barg.

 

Die Katastrophe nahm damit ihren schrecklichen Lauf.

 

Die unscheinbaren Kleinstlebewesen waren magensaftresistent und drangen schon nach kurzer Zeit über den Darm in die Blutbahn ihrer Opfer ein. Sie entwickelten sich in dem warmen Medium noch besser, als in ihren angestammten Lebensräumen, weil das Blut des Menschen vom Salzgehalt her dem Meerwasser ähnelt. Nach den ersten Todesfällen brach unter der Besatzung eine Panik aus, dann setzte schlagartig ein regelrechtes Massensterben ein, denn die schnell wachsenden Mini-Trilobiten begannen damit, ihre Opfer von Innen her aufzufressen. Die befallenen Crewmitglieder verbluteten elendig und starben innerhalb nur weniger Minuten.

 

Da die restlichen Überlebenden der Raumschiffsbesatzung davon überzeugt waren, dass sich der Ursprungsherd der Seuche anscheinend in ihrem eigenen Raumschiff befand, wurde es vorsorglich vollständig evakuiert. Vorher kappte man noch die Hauptenergieversorgung, indem man die wichtigsten Knotenpunktsicherungen entfernte. Damit wollte man sicherstellen, dass die KI der SS Hyperion kein SOS-Peilsignal senden konnte, um ahnungslose Raumschiffsbesatzungen auf das havarierte Schiff aufmerksam zu machen. Ihnen würde, wie man glaubte, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das gleiche tödliche Schicksal widerfahren. Soweit wollte man es aber unter keinen Umständen kommen lassen.

 

Nicht auszudenken, wenn sich die schreckliche Seuche unbemerkt ausbreiten und möglicherweise sogar auf die Bewohner anderer Planetensysteme übergreifen würde, was man um jeden Preis verhindern wollte.

 

Die Erinnerungsdatenbank der KI wurde gelöscht und ein Backup angelegt, das der 1. Captain der SS Hyperion in einem kleinen Speicherwürfel am Ringfinger bei sich trug. Ausgewachsene und überaus intelligente Trilobiten verschleppten den geschwächten Offizier und hielten ihn bis zu seinem Tode in Gefangenschaft. Danach diente er ihnen als willkommene Nahrungsergänzung.

 

Der weitaus größte Teil der Überlebenden der SS Hyperion wurde jedoch nach und nach von wandernden Trilobiten angefallen, verschleppt und ebenfalls gefressen. Niemand der ehemals stolzen Besatzung überlebte das schreckliche Gemetzel.

 

Zurück blieb nur ein einsames Raumschiff, bis die SS Hyperion mehr als zwanzig Jahre später zufällig von der Besatzung der Firebird II auf dem Regenplaneten ‚Seeworld’ wiedergefunden wurde..., ihre tödliche Gefahr aber immer noch in sich tragend.

 

***

 

Eine kleine Gruppe intelligenter Trilobiten schaute aus sicherer Entfernung zu, wie sich das gewaltige Raumschiff langsam und majestätisch in den Himmel erhob. Die Antimaterietriebwerke der SS Hyperion fauchten donnernd durch die regnerische Atmosphäre und bald war das Schiff hinter einer dichten Wolkendecke verschwunden.

 

Einer der Trilobiten zirpte plötzlich wie eine Grille.

 

Glaubst du, dass unsere Nachkommen die weite Reise durchs All überstehen werden, Maakh?“

 

Die Zweibeiner verfügen über einen Lichtantrieb. Sie beherrschen auch die Zeitsprungtechnik perfekt. Mach’ dir keine Sorgen, Ohook! Ich denke mal, unsere Rasse ist robust genug, dass sie auch diese schwere Prüfung unbeschadet überstehen wird.“

 

Das denke ich auch“, sagte ein dritter Trilobit, der sich jetzt hoch aufgerichtet hatte und alle anderen weit überragte. Dann fuhr er fort: „Alles Wasser im Universum ist von der gleichen Beschaffenheit. Und wo diese aufrecht gehenden Wesen herkommen, da muss es Wasser in sehr großen Mengen geben. Sie tragen es sogar in sich. Sie bestehen überwiegend daraus. Unsere kleinen Trilobiten können, ohne Schaden zu nehmen, in ihrem Blut leben. Das Fleisch der Zweibeiner ist außerdem bemerkenswert saftig. Es schmeckt einfach vorzüglich. Unsere mutigen Nachkommen werden nicht verhungern. Das stimmt mich außerordentlich hoffnungsvoll. Wir Trilobiten werden einen neuen Planeten erobern. Lasst uns daher jeden Tag in demütiger Ehrfurcht an sie denken“, sagte Thoonguulu, der Trilobitenkönig und schaute dabei wehmütig nach oben in einen wolkenverhangenen Himmel, aus dem es immer noch in Strömen regnete und dadurch den freien Blick zu den Sternen verwehrte.

 

© Heinz-Walter Hoetter

 

 

***

 

 

 

3, Die sechzig-Jahre-Vision des Shan Malcom


 

Es war noch früh am Morgen, als der alte Shan Malcom aus tiefem Schlaf erwachte.

 

Behäbig stand er auf, glitt umständlich in seine braunen Ledersandalen, die vor seinem Bett standen, schlürfte schließlich träge zu dem kleinen Fenster hinüber und öffnete es vorsichtig.

 

Draußen war es noch dunkel. Kein Laut war zu hören. Selbst die Vögel schliefen noch.

 

Eigentlich war es noch viel früh, aber es war Zeit aufzubrechen. Seine innere Stimme sagte es ihm ganz deutlich, klar und unmissverständlich. Auf sie konnte er sich immer verlassen.

 

Shan Malcom zog sich an, griff nach seiner doppelläufigen Flinte, die vor ihm auf dem Holztisch lag und ging zur Tür hinaus. Sicher ist sicher, dachte er bei sich. Man weiß nie, was kommt.

 

Geräuschlos glitt er durch den düster daliegenden, parkähnlichen Vorgarten mit seinen hohen Laubbäumen, schlich leise an den ruhig daliegenden Häusern vorbei und erreichte bald den Ortsrand.

 

Er hatte ein ganz bestimmtes Ziel.

 

Nach etwa einer halben Stunde Fußweg näherte sich der Alte einem halb verfallenen Lagerhaus, das einsam und verlassen auf dem weitläufigen Gelände eines stillgelegten Kieswerks stand. Aus Sicherheitsgründen war es mit einem hohen Drahtzaun umgeben, denn an diesem Ort gab es viele unterirdische Hohlräume und einsturzgefährdete Kieswände.

 

Das baufällige Gebäude lag noch im Dunkeln. Shan schaute in Richtung Osten und stellte fest, dass die Dämmerung bald anbrechen würde. Aber lange müsste er nicht mehr warten, bis er seine Rückreise endlich antreten konnte.

 

Der alte Malcom wurde plötzlich unruhig, weil er auf einmal ein seltsam brummendes Geräusch vernahm, das kontinuierlich lauter zu werden schien. Dann schaute er angestrengt auf die mit unzähligen Schlaglöchern übersäte Straße hinunter.

 

Tatsächlich tasteten sich in der Ferne die zitternden Lichtkegel zweier Autoscheinwerfer durch die Dunkelheit. Sie kamen direkt auf ihn zu.

Shan Malcom verschwand hinter ein paar hohen Büschen nahe am Tor zu dem Lagergelände, entsicherte vorsorglich das Gewehr und wartete geduldig ab, was kommen würde.

 

Der Wagen kam schnell näher und hielt laut polternd an. Die Beifahrertür wurde aufgestoßen und ein Mann stieg aus, um das Tor zu öffnen. Dann stieg er wieder ein. Der Wagen fuhr sofort auf das Gelände und hielt erst wieder vor dem Lagergebäude.

 

Die Gelegenheit war jetzt günstig für den alten Mann, ebenfalls durchs geöffnete Tor zu schlüpfen, um sich auf der anderen Seite im Schatten einer kleinen Holzhütte zu verbergen. Dort verhielt er sich so ruhig wie möglich.

 

Ein paar Minuten später kam der Mann aus dem Auto zurück und schloss das Tor wieder ab. Danach verschwand er im Lagergebäude, wo der andere offenbar schon auf ihn wartete. Einige Lichter wurden eingeschaltet.

 

Gerade als Shan Malcom sein Versteck hinter der kleinen Hütte wieder verlassen wollte, um sich zum Lagerhaus rüber zu schleichen, entdeckte er noch einmal zwei Scheinwerfer auf der gleichen Straße, die ebenfalls schnell näher kamen.

 

Shan Malcom erstarrte. Er war etwas irritiert. Niemand durfte das Ende seiner Mission gefährden.

 

Nicht jetzt.

 

Dann lief er mit weit ausholenden Schritten zurück in den Schatten der Holzhütte.

 

Ein mittelgroßer Lastwagen kroch mühsam die letzte Anhöhe hinauf. Mit quietschenden Bremsen hielt er vor dem Tor. Jemand sprang heraus und öffnete es. Kurz danach setzte sich der LKW langsam und holpernd wieder in Bewegung, bis auch er schließlich vor dem Lagerhaus stehen blieb und dort parkte. Laute Befehle hallten durch den anbrechenden Morgen. Ein paar Minuten später wurde eine hohe Schiebetür laut knirschend geöffnet.

 

Der alte Malcom kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Dann erkannte er einige bewaffnete Gestalten, die plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht waren und mitten im hellen Licht der geöffneten Lagerhalle standen. Sie sahen aus wie Soldaten.

 

Ein leichter Angstschauer rann dem Alten über den Rücken, und Schweißperlen traten ihm auf die Stirn. Man hatte offenbar sein Raumschiff entdeckt. In diesem Augenblick wünschte er sich, er wäre etwas früher aufgebrochen. Es lag ihm nichts daran, andere Lebewesen zu töten. Aber er hatte jetzt keine andere Wahl mehr. Er musste seine Mission beenden. Koste es, was es wolle.

 

Schließlich war es soweit. Shan Malcom sendete ein telepathisches Signal an das Raumschiff und wartete ab.

 

Mit einiger Genugtuung beobachtete der Alte aus seinem sicheren Versteck heraus, wie sich ganz plötzlich bläulich-violette Energieentladungen um die Lagerhalle bildeten, die in einem immer schneller werdenden Wirbel alles mit sich rissen, was nicht niet- und nagelfest war.

 

Von einer Sekunde auf die andere brach schließlich die gesamte Holzkonstruktion mitsamt der Hallenverkleidung in alle Richtungen mit lautem Getöse krachend auseinander und ein seltsam geformtes Etwas erhob sich majestätisch nach oben ins Freie. Aus den herum fliegenden Trümmern drangen die verzweifelten Todesschreie der Männer, die sich in der Lagerhalle aufgehalten hatten. Niemand konnte sie jetzt noch retten. Alle verbrannten bis zur Unkenntlichkeit in den sich mehr und mehr verstärkenden Energieentladungen.

 

Das schwarze Raumschiff sah aus wie ein eiförmiger Monolith mit am Heck abgeflachter Grundfläche von etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Meter in der Höhe, wo auch die vier externen Triebwerke angebracht waren, die nahtlos mit der stromlinienförmigen Außenhülle verschmolzen. Nach oben hin verjüngte sich der Schiffskörper und endete in schmalen Bullaugen, die aussahen wie die scharfen Augen eines nach Beute suchenden Adlers.

 

Der Monolithraumer dreht sich auf einmal ohne Vorwarnung um seine eigene Achse und streckte seine Nase genau in Richtung des alten Mannes, der sich jetzt schnell von der Hütte weg bewegte, um sich ins offene Gelände zu begeben.

 

Im nächsten Augenblick wurde Shan Malcom von einem gleißendhellen Lichtstrahl erfasst, der seinen ganzen Körper wie eine zweite Haut umhüllte, um in der nächsten Sekunde schlagartig von der Bildfläche zu verschwinden, als hätte ihn der staubige Kiesboden mit Haut und Haaren verschluckt.

 

Etwas später verschwand auch der schwarze Monolithraumer auf die gleiche Art und Weise. Dann kehrte eine seltsame Stille über den Ort der Zerstörung ein.

 

 

 

***

 

Das Geräusch einer fernen Explosion weckte den alten Shan Malcom aus seinem tiefen Schlaf. Er fuhr kerzengerade auf, sein Herz hämmerte gegen seine Brust. Er schaute sich im schwach beleuchteten Zimmer um, konnte aber im ersten Moment nichts Genaues erkennen.

 

Vom Schlaf noch ganz benommen erhob er sich aus dem Bett und ging zum reich verzierten Bogenfenster mit dem herrlichen Buntglas hinüber. Er öffnete behutsam beide Fensterflügel und hoffte, dass die morgendliche Nachtluft ihm helfen würde, den Kopf ein wenig freier zu bekommen. Draußen war alles ruhig. Es dämmerte aber schon etwas.

 

Dann legte sich seine innere Unruhe allmählich wieder.

 

Drei vertraute Monde unterschiedlicher Größe standen am nächtlichen Himmel und erhellten die Planetennacht von OM SOMIRDIAN II mit ihrem farbenprächtigen Licht..., seit undenklichen Zeiten schon.

 

Nachdem der alte Shan Malcom lange schweigend am Fenster gestanden hatte, drehte er sich mit einem Mal um und rief nach seinem Magier, der nur wenige Augenblicke später durch eine kleine Geheimtür leise ins Zimmer trat.

 

Der Herr hat nach mir gerufen?“

 

Ja, mein guter Padmashambaha. Hast du meine Visionen aufgezeichnet, die ich in der Nacht durchlebt habe?“

 

Der bärtige Magier nickte ergeben mehrmals hintereinander.

 

Ja, Herr. Die Diener der Zeit und ich haben die komplette Vision konserviert. Sie ist vollständig. Diesmal war mein Herr allerdings gefährlich weit weg. Fast zu weit. Zwar noch innerhalb der maximalen Reiseentfernung, aber vermutlich schon nah an der Grenze. Hunderttausend Lichtjahre von OM SOMIRDIAN II entfernt auf einem einsamen Planeten, den seine intelligenten Bewohner Erde nennen. Dieser Himmelskörper befindet sich in einer Galaxie, die diese zweibeinigen, aufrecht gehenden Wesen als Milchstraße bezeichnen. Keines unserer Visionsraumschiffe hat jemals eine so riesige Entfernung zurückgelegt. Es ist schier unglaublich..., Herr.“

 

Lass es gut sein, Padmashambaha. Ich werde mir die Aufzeichnungen der Reise durch die Zeit später in aller Ruhe anschauen. Doch eine letzte Frage habe ich noch. Wie lange war ich auf diesem Planeten..., dieser Erde, auf dem die Menschen leben?“

 

Wir haben die Zeit extrem dehnen können, was dazu geführt hat, dass der Herr in der zurückliegenden Nacht mehr als sechzig Jahre auf dem Planeten gelebt hat, bis einige dieser Kreaturen das Visionsraumschiff unerwarteter Weise entdeckten und es untersuchen wollten. Wir sahen uns deshalb dazu gezwungen, die Reise durch Raum und Zeit vorzeitig zu beenden, um das Leben und die Gesundheit Euer Gnaden nicht zu gefährden.“

 

Natürlich, natürlich, mein lieber Padmashambaha. Ich weiß deine Fürsorge um mich sehr wohl zu schätzen. In der Tat, ich genieße sie regelrecht. Aber nun mach deinen Zauber bereit für meine bevorstehende Verjüngung. Die sechzig Jahre auf dem Planeten Erde haben in der letzten Nacht fürwahr ihre Spuren in meinem arg strapazierten Gesicht hinterlassen...“

 

Der Magier verbeugte sich vor seinem Herrn und verließ den Raum, um den Verjüngungszauber vorzubereiten.

 

Shan Malcom aber ging noch einmal hinüber zum geöffneten Fenster und betrachtete mit großer Freude die ersten zaghaften Strahlen der aufgehenden Doppelsonnen von OM SOMIRDIAN II, die den Planeten in ein goldgelbes Licht tauchten.

 

Ein neuer, wunderschöner Tag begann. Es war ein Tag zum Feiern.

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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