Heinz-Walter Hoetter

Drei unheimliche Kurzgeschichten

1. Das magische Tuch

 

Mr. Bob Fuller hatte am letzten Sonntagabend bis tief in die Nacht hinein mit seinen Stammtischfreunden ordentlich einen getrunken und lag jetzt immer noch leicht angeduselt in seinem Bett, als es an diesem späten Montagvormittag draußen an der Tür plötzlich klingelte.

Schlagartig wachte er vollends auf, starrte ein wenig verwirrt zuerst zum halboffenen Fenster hinaus, wo er einen wunderschönen blauen Himmel erblickte, sah dann auf die laut vor sich hin tickende Uhr, die gleich links von ihm auf der schlichten Schlafzimmerkommode stand und erschrak etwas darüber, als er bemerkte, wie weit die Zeit schon voran geschritten war.

"Ach du Scheiße, ich habe mich ja total verschlafen. Das kommt davon, wenn man in meinem Alter den Genuss von Alkohol unterschätzt. Früher konnte ich das Zeug besser vertragen, aber da war ich ja auch noch jünger... ", murmelte Fuller mit halblauter Stimme sinnierend in sich hinein, schlug mit einer heftigen Armbewegung die wärmende Bettdecke zurück, verließ das Bett und hastete aus dem Schlafzimmer barfuß durch den angrenzenden Flur, der direkt zur gläsernen Eingangstür seiner geräumigen Penthousewohnung führte.

Noch während er auf die geschlossene Tür zu ging, erkannte er bereits die vertrauten Körperumrisse seines Postboten und Paketzustellers Jack Howard, dessen massiger Leib sich durch das trübe, milchig weiße Glas leicht verschwommen abzeichnete.

Nebenbei drückte Mr. Fuller den grünen Öffnungsknopf auf der handlichen Fernbedienung, die sich in einer Akku-Ladestation gleich neben der Garderobe in unmittelbarer Nähe des Wohnungseinganges befand. Die moderne Tür aus stabilem Panzerglas bewegte sich augenblicklich zur Seite und verschwand leise surrend rechts in einem etwa ein Zentimeter breiten Wandschlitz.

Kaum stand sie offen, strahlte ihn der übergewichtige Jack Howard auch schon breit grinsend an.

Mit freundlicher Stimme sagte er: "Einen schönen guten Tag, Mr. Fuller! Tut mir leid, dass ich Sie offenbar aus dem Bett geklingelt habe, aber hier ist ein Paket für Sie, das ich noch heute unbedingt bei Ihnen abgeben soll. Bitte entschuldigen Sie nochmals die Störung! - Also..., da ist es. Sie müssen den Erhalt nur noch eigenhändig quittieren. Bitte unterschreiben Sie deshalb einfach hier unten auf dem kleinen Bildschirm! Benutzen Sie dazu den Spezialstift meines tragbaren Datengerätes!"

Bob Fuller nahm das Paket ohne lange zu zögern entgegen, stellte es aber sofort wieder ab, um mit dem besagten Spezialstift etwas umständlich seinen Namen auf dem Mini-Bildschirm des klobigen Datengerätes zu kritzeln.

Als das geschehen war, bedankte sich Jack Howard sogleich höflich bei seinem langjährigen Kunden und wünschte ihm zum wiederholten Male einen schönen Tag. Dann verschwand er kurz darauf in dem wartenden Etagenaufzug und ließ sich nach unten ins Erdgeschoss des Hochhauses bringen.

Während Mr. Fuller die schwere Glastür per Knopfdruck wieder zufahren ließ, nahm er das Paket an sich und ging damit rüber ins Wohnzimmer, wo er es neugierig von allen Seiten betrachtete. Der Absender war ein für ihn völlig unbekanntes Versandhaus für magische Artikel, das sich irgendwo in der Megametropole New York befand.

Kopfschüttelnd entfernte er die Verpackung aus braunem Papier und öffnete ein wenig später den oben zugeklebte Karton vorsichtig mit einer Schere. Zwischendurch dachte Mr. Fuller intensiv darüber nach, ob er irgendwann einmal in der Vergangenheit eine Bestellung bei diesem Versandhaus aufgegeben hatte. Aber er fand nicht den geringsten Hinweis darauf, dass er das mal gemacht haben soll.

Schließlich kramte er aus der mittlerweile offenen Kartonage ein seltsam aussehendes Tuch hervor, das ausgebreitet eine Kantenlänge von etwa einem Meter aufwies. Genau in der Mitte des weißen Quadrates befand sich eine hässlich aussehende, pechschwarze Kreisfläche mit einem Durchmesser von etwa achtzig Zentimetern.

Als nächstes entdeckte Mr. Fuller ein beschriftetes Blatt Papier auf dem freigelegten Kartonboden, das anscheinend eine kurze Bedienungsanleitung für das schwarz-weiße Tuch darstellte. Es bestand gerade mal aus einer Seite, die allerdings vorne und hinten bedruckt war.

Mr. Bob Fuller begann damit, den Text sorgfältig durchzulesen.

Sehr verehrte Kundin, sehr geehrter Kunde!

Wir freuen uns sehr darüber, dass wir Sie als Kundin / als Kunde unseres Versandhauses gewinnen konnten. Das beiliegende "magische Tuch" wird Ihnen sicherlich gefallen und bestimmt viel Spaß machen, denn es ist wirklich ein äußerst ungewöhnliches Produkt, welches wir nur ganz wenigen, auserwählten Personen zukommen lassen, die wir durch ein spezielles Auswahlverfahren ermittelt haben. Sie sind eine davon, Mr. Fuller.

Herzlichen Glückwunsch!

Lesen Sie die kurze Anleitung auf der Rückseite gut durch und verwenden Sie das "magische Tuch" bitte genau nach Vorschrift, denn nur dann wird es Ihnen garantiert große Freude bereiten.

Ihr Team vom Versandhaus Magic!

Als Bob Fuller die "Bedienungsanleitung" auf der Rückseite des Blattes durchlas, musste er unwillkürlich lachen, denn offenbar war er der Narretei irgendwelcher unbekannter Spaßvögel auf den Leim gegangen, wie er dachte.

Doch der zu lesende Text klang allerdings irgendwie überzeugend. Also las er weiter.

Liebe Kundin, lieber Kunde!

Wir möchten Ihnen nachfolgend kurz erklären, was sie mit dem "magischen Tuch" grundsätzlich so machen können.
Bitte breiten Sie es immer mit der schwarzen Kreisfläche nach oben liegend aus, sodass es stets flach auf der von Ihnen ausgewählten Stelle liegt bzw. hängt, ganz nach Ihrem Belieben.

Achten Sie aber stets darauf, falls Sie es in der hängenden Position benutzen sollten, dass es von der verwendeten, senkrechten Fläche nicht abfallen kann. Das gilt auch für den liegenden Gebrauch. Es darf auch hier nicht wegrutschen. In beiden geschilderten Fällen könnte das für Sie fatale Folgen haben. Wenn Sie allerdings unsere Warnhinweise strengstens beachten, kann Ihnen und den verwendeten Gegenständen nichts passieren.

So, das war's dann auch schon.

Die überaus bemerkenswerten Eigenschaften des "magischen Tuches" dürfen Sie jetzt selbst ausprobieren. Nehmen sie deshalb probeweise für den Anfang einfach irgendeinen Gegenstand Ihrer Wahl, z. B. einen schlichten Pappbecher, und stellen sie ihn direkt auf die schwarze Fläche ab. Sie werden umgehend feststellen, dass er einfach darin verschwindet. Probieren Sie es gleich mal aus! Unser Produkt heißt ja auch nicht umsonst "magisches Tuch". Wie dieser Trick genau vor sich geht bzw. funktioniert, das ist und bleibt allerdings unser Geheimnis, welches wir Ihnen verständlicherweise nicht verraten dürfen. Persönliche Anfragen, in welcher Form auch immer, werden von uns nicht beantwortet. Bitte haben Sie dafür Verständnis!

Und noch etwas Wichtiges gibt es da, worauf wir Sie unbedingt hinweisen möchten.

Das "magische Tuch" ist nur auf Sie ganz persönlich abgestimmt bzw. geeicht. Bei anderen Personen funktioniert es nicht. Die magischen Fähigkeiten unseres Produktes sind daher grundsätzlich nicht übertragbar.

Wir wünschen Ihnen dennoch viel Spaß bei der Verwendung des "magischen Tuches"!

Ihr Team vom Versandhaus Magic


 

***

Mr. Bob Fuller betrachtete jetzt voller Skepsis das vor ihm liegende weiße Stoffding mit dem schwarzen Riesenpunkt auf der Oberseite. Irgendwie kam er sich plötzlich albern bei dem Gedanken vor, dass er dem schriftlichen Inhalt der sog. "Bedienungsanleitung" auch noch Glauben zu schenken bereit war.

Trotzdem hatte er mittlerweile das Tuch aus lauter Neugier auf dem Wohnzimmertisch der Länge nach ausgebreitet. Er wollte es gleich hier an Ort und Stelle selbst ausprobieren, um in Erfahrung zu bringen, ob an der ganzen Sache möglicherweise doch etwas Wahres dran war.
Er schaute sich deshalb im Wohnzimmer nach einem geeigneten Gegenstand um. Er entschied sich für einen Apfel, den er aus der Obstschale nahm, die auf dem Sideboard direkt hinter ihm stand und setzte ihn ohne lange zu zögern auf die schwarze Kreisfläche.

Und tatsächlich geschah das schier Unglaubliche.

Kaum hatte Mr. Fuller den Apfel losgelassen, verschwand dieser auch schon prompt im "magischen Tuch", gerade so, als wäre das gesamte schwarze Rund nur ein einziges großes Loch.

Verwundert über diesen höchst geheimnisvollen Vorgang griff Mr. Fuller mit der rechten Hand jetzt selbst tief ins schwarze Loch hinein und fingerte darin herum wie in einem schlecht zugänglichen Abwasserrohr. Es dauerte nicht lange, da hielt er den Apfel wieder unversehrt in seiner Hand. Der ganze Vorgang setzte Mr. Fuller in großes, ungläubiges Erstaunen. Er konnte es kaum fassen, dass es überhaupt so etwas gab, das allen Naturgesetzen zuwiderlaufen schien. Er dachte jetzt auf einmal darüber nach, welche anderen Möglichkeiten ihm das "magische Tuch" vielleicht sonst noch so zu bieten hätte, außer Gegenstände darin verschwinden zu lassen.

Da kam ihm plötzlich eine Idee, die ziemlich abenteuerlich klang. Irgendwie hatte er dabei das komische Gefühl, als käme sie nicht von ihm selbst, sondern jemand würde sie ihm zuflüstern.

Als Angestellter einer großen Bank könnte er sich jetzt ganz einfach mit Hilfe des "magischen Tuches", und ohne den dazu notwendigen Schlüsseln, ungehindert Zugang zum Innern des massiven Tresors verschaffen, der sich im hinteren Teil des Erdgeschosses der Bankfiliale befand. Er musste nur auf eine günstige Gelegenheit warten.

Mr. Fuller dachte sich daher einen Plan aus.

Wenn alle übrigen Beschäftigten am Wochenende zur üblichen Zeit Feierabend machten, nach Hause gingen und er aufgrund einer wichtigen Arbeit noch da bleiben würde, dann könnte er das "magische Tuch" in Ruhe dazu verwenden, um die stabile Eingangstür des Tresorraumes von Innen zu öffnen, wodurch er im nächsten Schritt mit Hilfe des Tuches kinderleicht an das Geld im Tresor ohne große Schwierigkeiten heran käme.

Die stabile Eingangstür des Tresorraumes lässt sich zudem nur von Außen mit einem Spezialschlüssel öffnen, den er sowieso nicht besaß und auch gar nicht für sein Vorhaben bräuchte. Von Innen ließ sich die Stahltür des Tresorraumes allerdings bequem und ungehindert wieder öffnen, was Mr. Fuller wusste. Der Tresor selbst konnte ebenfalls nur mit ganz bestimmten elektronischen Schlüsseln sozusagen "vorgeöffnet" werden, wobei er noch durch eine täglich wechselnde Zahlenkombination zusätzlich abgesichert wurde. Niemand käme also auf die Idee, ihn, den kleinen Angestellten Bob Fuller, des Bankraubes zu verdächtigen, wenn er das "magische Tuch" dazu benutzte, um die begehrten Dollars aus diesem monströsen Stahlkasten zu holen.

So wartete Mr. Fuller geduldig auf eine günstige Gelegenheit, um seinen Plan ausführen zu können.

An irgend einem Freitagnachmittag war es dann schließlich so weit. Das Wochenende stand vor der Tür und alle Mitarbeiter freuten sich darauf, endlich nach Hause gehen zu dürfen, außer Mr. Fuller, der anderes im Sinn hatte.

***

Mr. Bob Fuller saß an seinem Schreibtisch und legte sich gerade einige wichtige Dokument eines Großkreditkunden zurecht, als sein Chef, Mr. Georg Marino, den Büroraum betrat. Ohne lange abzuwarten fing er zu reden an.

"Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit einmal ganz persönlich bei Ihnen bedanken, Mr. Fuller. Ich habe gehört, dass Sie sich an diesem Freitagnachmittag mit der Kreditangelegenheit eines unserer wichtigsten Kunden beschäftigen wollen, obwohl ja eigentlich auch für Sie schon längst das Wochenende begonnen hat. Wir haben es somit Ihnen zu verdanken, dass wir dem Kunden alle wichtigen Kreditunterlagen bereits schon am kommenden Montag nächster Woche unterschriftsreif vorlegen können. Ich weiß, Sie sind einer unserer besten Kreditsachbearbeiter, der die betreffende Angelegenheit ohne Schwierigkeiten zu einem erfolgreichen Abschluss bringen wird. Dessen bin ich mir ganz sicher. Bei der nächsten Gehaltserhöhung werde ich Sie deshalb entsprechend berücksichtigen. Darauf können Sie sich verlassen, Mr. Fuller. Ich wünsche Ihnen noch ein schönes Wochenende. Wir sehen uns dann am Montag wieder."

"Ganz bestimmt, Mr. Marino. Ich wünsche Ihnen ebenfalls ein schönes Wochenende!"

Der Bankangestellte schaute seinem Chef noch ein paar Sekunden lang hinterher. Er wollte sich ganz sicher sein, ob er auch wirklich gehen würde.

Mr. Marino marschierte tatsächlich gleich runter in die Tiefgarage, wo er sein Fahrzeug geparkt hatte, öffnete das breite Garagentor und verließ mit seinem Mercedes die Parkgarage über die rückwärtige Ausfahrt das Bankgebäudes.

Jetzt befand sich Bob Fuller ganz allein in der Bankfiliale. Er saß im Erdgeschoss seines Büros, das schräg gegenüber des Tresorraumes lag. Niemand würde jetzt noch die Ausführung seines Planes verhindern können. Im Tresor lagen weit über acht Millionen Dollar, an die er jetzt ohne Schwierigkeiten heran kommen würde.

In aller Ruhe holte er das "magische Tuch" aus seiner ledernen Aktentasche, marschierte damit schnurstracks hinüber zum Tresorraum und hielt es an die rechte Wand gleich neben dem Türstock, etwa in Höhe der Türklinke. Dann griff er beherzt in die schwarze Fläche und drückte von Innen geschickt die Klinke runter. Die Stahltür war damit offen.

Obwohl er alle Zeit der Welt hatte, arbeitete Bob Fuller dennoch zügig daran, das "magische Tuch" an den über zwei Meter hohen Stahltresor zu halten. Dann riss er zwei Klebestreifen von der mitgebrachten Kleberolle ab und befestigte damit die beiden oberen Ende des Tuches genau in der Mitte des Tresors. Die unteren Enden befestigte er auf die gleiche Art und Weise.

Danach ging Mr. Fuller zurück in sein Büro und holte sich einen dieser großen, reißfesten Plastiksäcke, den er direkt vor dem Tresor platzierte. Dann fing er damit an, das gebündelte Geld nacheinander von innen rauszuholen, indem er immer wieder tief in die schwarze Kreisfläche des "magischen Tuches" griff und zwar solange, bis er fast jede einzelne Etage des Tresors leer geräumt hatte. Nur an die Geldbündel ganz oben kam er einfach nicht heran. Kurzerhand ließ er sie einfach liegen.

Am Ende lagen in dem randvollen Plastiksack mehr als fünf Millionen Dollar, wie er grob schätzte. Genug Geld jedenfalls, um damit locker vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Außerdem würde er mit diesem netten Sümmchen ein üppiges Leben führen können. Trotzdem wollte Mr. Fuller nicht einfach so abhauen, sondern noch mindestens ein Jahr in der Bank unauffällig weiter arbeiten, um keinen Verdacht gegen ihn aufkommen zu lassen.

Als er schließlich auch mit der übrigen Arbeit fertig war, schaffte Mr. Fuller den prall gefüllten Geldsack runter in die Tiefgarage, wo er wie immer seinen Range Rover neben der Garagenein- und -ausfahrt auf seiner persönlichen Stellfläche geparkt hatte.

Gerade war er dabei, die wuchtige Hecktür seines Wagens zu öffnen, als er draußen plötzlich ein Auto kommen hörte, das oben an der Schlüsselsäule mit laufendem Motor anhielt und offenbar in die Tiefgarage wollte. Mr. Fuller ließ den Geldsack los, sah kurz durch eines der schmutzigen Plastikfenster des großen Garagentores und erblickte voller Entsetzen seinen Chef Mr. Georg Marino, der unverhofft noch einmal zurück gekommen war, weil er wohl etwas vergessen hatte. Mr. Fuller wollte jedoch auf gar keinen Fall mit dem Geldsack ausgerechnet von seinem Chef entdeckt werden. Fieberhaft dachte er über eine schnelle Lösung des Problems nach.

In diesem Moment fiel ihm blitzartig das "magische Tuch" wieder ein. Er wollte es dazu benutzen, um kurzzeitig darin zu verschwinden. So schnell er konnte, kramte er es aus seiner Aktentasche hervor und breitete es auf der Parkfläche in gebührendem Abstand neben seinem Range Rover aus. Mit aller Kraft drückte er dann den widerspenstigen Geldsack durch die etwa achtzig Zentimeter breite Fläche. Als Mr. Fuller das geschafft hatte, verschwand er anschließend selbst darin, was ihm überhaupt keine großen Probleme bereitete, weil er ein schlanker Typ war.

***

Mr. Marino hatte tatsächlich in seinem Chefbüro etwas liegen gelassen, und zwar seine über alles geliebten Havanna Zigarren, die er sich extra fürs Wochenende in sein Büro hat kommen lassen. Sie lagen gut verpackt oben in einer Zigarrenschachtel aus Holz in einem Regal hinter seinem Schreibtisch.

Mittlerweile befand sich das Garagentor im geöffneten Zustand und Mr. Marino steuerte seinen schweren Mercedes runter in die Tiefgarage.

Als er Mr. Fullers Range Rover sah, parkte er sein Fahrzeug einfach direkt daneben, schaltete den Motor ab und stieg aus. Dabei trat er rein zufällig auf das "magische Tuch", hob es verwundert vom Boden auf, betrachtete es eine Weile unschlüssig von allen Seiten und warf es schließlich kopfschüttelnd in eine Mülltonne, die ganz in seiner Nähe stand.

Woher sollte Mr. Georg Marino denn auch wissen, dass es sich hierbei um ein ganz besonderes Tuch mit magischen Kräften handelte, das er achtlos weggeworfen hatte?

Jetzt, da es nicht mehr an seiner Stelle lag, war es zur Todesfalle für Mr. Bob Fuller geworden, der irgendwo in der Dunkelheit eines unbekannten Nichts einsam und verlassen auf seinem prall gefüllten Geldsack hockte. Er war lebendig eingeschlossen worden. Angst stieg in ihm auf, die sich bald in eine unkontrollierte Panik verwandelte.

In dem Moment nämlich, als Bob Fuller bemerkte, dass das "magische Tuch" nicht mehr an seiner richtigen Stelle lag, begann er wie von Sinnen um Hilfe zu rufen. Immer wieder und wieder hallten seine verzweifelten Schreie durch das dunkle Nichts. Er saß in der Falle und würde qualvoll sterben müssen. Das wusste er jetzt. Bei diesem Gedanken schrie Mr. Fuller noch lauter als zuvor, aber niemand konnte ihn hören.

***

Als Mr. Georg Marino mit der Schachtel Havanna Zigarren in die Tiefgarage zurück kehrte, wunderte er sich darüber, dass der Range Rover von Mr. Fuller immer noch auf seinem Parkplatz stand.

Eigentlich hatte er das schon öfters erlebt, denn Fuller hatte so seine sonderbaren Marotten und ging manchmal im nah gelegenen Park einfach ohne Absprache mit seinem Chef ein paar Runden spazieren, vor allen Dingen dann, wenn ihm der Arbeitsstress zu viel wurde. Deshalb dachte sich Mr. Marino auch nichts weiter dabei, marschierte hinüber zu seinem Wagen und stieg ein.

Als er gerade die Fahrertür schließen wollte, glaubte er, einen leisen Hilfeschrei unter seinem Fahrzeug gehört zu haben. Er hielt gespannt inne, konnte aber plötzlich nichts mehr hören. Alles blieb ruhig.

Ich muss mich wohl getäuscht haben, dachte er so für sich, startete den Motor der Mercedes Limousine und verließ über die rückwärtige Ausfahrt der Tiefgarage das Bankgebäude. Oben, an der Schlüsselsäule, hielt er noch einmal an, drückte den Schließknopf und das breite Garagentor fuhr langsam herunter.

Stille machte sich in dem Gebäude breit. Bisweilen schien es so, als würde jemand jämmerlich um Hilfe rufen. Doch die Rufe wurden bald leiser, bis sie ganz verstummten.

Nur ein schwarzer Rabe saß plötzlich krächzend oben auf dem Dach der Bankfiliale und flog wenige Augenblicke später eilig davon.

***

Megametropole New York. Ein ziemlich schäbiger Hinterhof irgendwo im Stadtteil Manhatten.

Der alte Mann mit der hässlichen Hakennase im Gesicht und dem weiten Schlapphut auf dem Kopf saß gebückt vor einem hölzernen Tisch und faltete gerade ein großes weißes Tuch sorgfältig zusammen, auf dessen Oberfläche ein großer, pechschwarzer Kreisrund zu sehen war. In Reichweite, auf einem abgewetzten Stuhl, stand ein geöffneter Karton, der anscheinend als Verpackung für das Tuch dienen sollte.

Der Alte sprach bei seiner Arbeit leise vor sich hin, als sei das, was er sagte, nicht für fremde Ohren bestimmt.

"Schön, dass du wieder da bist, mein 'magisches Tuch'. Ich dachte schon, du würdest diesmal etwas länger wegbleiben. Aber wie ich sehe, hat es nicht lange gedauert, bis du mir wieder eine neue Seele gebracht hast. Was würde ich nur ohne dich machen? Die Seele von Mr. Bob Fuller hat mich um viele Jahre jünger und frischer werden lassen, auch wenn sie schon etwas verdorben war. Ich brauche aber noch weitere Seelen, um mich wieder in einen junge Mann verwandeln zu können. Deshalb muss ich dich leider gleich wieder losschicken. Diesmal geht es weit aufs Land hinaus, wo ich einen verzweifelten Farmer ausfindig gemacht habe, der sich hoch verschuldet hat und dringend Geld braucht. Bringe ihn schnell mit deiner Zauberfähigkeit auf böse Gedanken, damit er es bald so macht, wie dieser gierige Bob Fuller. Lass' diesen Farmer auf irgendeine Art und Weise sterben, damit ich bald über seine Seele verfügen kann. Ich verlasse mich auf dich. Wenn alles vorbei ist, werde ich dich wieder dauerhaft in den Raben zurück verwandeln, der du vorher warst. Weil du mir schon so viele Jahre immer treu gedient hast, werde ich dein Leben durch einen Zaubertrank ebenfalls verlängern, damit du noch für sehr lange Zeit bei mir bleiben kannst. So..., ich werde dich jetzt in diesem Karton gut verpacken und dann zur Post bringen. Ich hoffe, du kehrst als Rabe bald wieder zurück und bringst mir die Seele des Farmers mit."



(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

 

***

2. Am See mit der „Gumpe

und

den Weidenbäumen“


 

"Umweltschutz" bedeutet vor allen Dingen zuerst Schutz der Umwelt vor dem Menschen.

***

Dieser Tag war ein guter Tag zum Fische fangen. Die rote Morgensonne lugte gerade am fernen Horizont hervor und der blaue Himmel war hell und klar. So gut wie keine Wolke war zu sehen.

Ich stand auf, ging in die Küche und nahm mir aus dem Regal der Speisekammer ein Stück von dem rohen Fisch. Noch während ich ihn aß, holte ich mir meine Anglerausrüstung samt Stiefel und das zusammengerollte Netz aus dem gegenüber liegenden Abstellraum. Dann zog ich mich an, öffnete leise die Haustür und ging zum See hinunter, von dem man sagte, er sei gefährlich.

„Wie kann ein See gefährlich sein?“ murmelte ich halblaut vor mich hin. „Wenn man umsichtig ist, die Sache gut im Griff hat und Bescheid weiß, was soll einem dann schon passieren können? Die meisten Fische gibt es sowieso in Ufernähe, da muss man nicht unbedingt ins tiefe Wasser. Aber selbst da würde ich mich gut zurecht finden“, sinnierte ich weiter.

Auf dem Weg zum See machte ich einen kleinen Umweg um das Haus der Flints, einem älteren Ehepaar, das erst vor ein paar Jahren dort eingezogen war. Man bekam sie nur selten zu Gesicht, gingen auch zu keiner Bürgerversammlung, hatten sogar Fenster und Türen verriegelt und ein böses Gerücht machte die Runde, dass die Flints irgendwie anders waren als wir. Sie gehörten eigentlich nicht zu uns.
Unterwegs suchte ich im weichen Ackerboden nach einigen Regenwürmern. Diesmal fand ich besonders dicke. „Ihr gebt bestimmt einen guten Köder ab“, sagte ich zufrieden zu ihnen, bevor sie in der durchsichtigen Plastiktüte landeten. Im Gras einer kleinen Waldwiese fing ich dann noch ein paar große Heuschrecken, die man nur fest ins Netz zu stecken brauchte. Wenn man es ins Wasser warf, stürzten sich die Fische sofort darauf, was einen guten Fang garantierte.

Andererseits sagten die Leute aus der Umgebung, dass man die Fische aus dem See nicht essen sollte, weil sie ungenießbar seien und krank machen würden. Aber was wissen die Leute schon vom Fischen? Nämlich nichts! Ich habe sie immer schon gegessen und werde das auch in Zukunft tun, ganz gleich, was die Leute so reden. Mir war das egal.

Am See angekommen ging ich direkt zu einer Stelle, wo ein mündender, breiter Bach im Laufe der Zeit eine tiefe Gumpe ausgespült hatte. Auch standen hier direkt am Ufer mehrere alte Weidenbäume, deren dicht verzweigtes Wurzelwerk wie unheimlich aussehende Saugarme eines Tintenfisches tief ins Wasser der Gumpe hinein reichten. Ich schätzte nicht nur die ruhige Lage dieses Ortes, sondern wusste auch genau, dass sich im Schutz der vielen Weidenwurzeln immer eine große Menge Fische versteckten.

Ich zog die Anglerstiefel an, die mir fast bis an den Bauch reichten und ging vorsichtig ins Wasser, um die Fische nicht zu erschrecken. Ich watete bis in die Mitte der Gumpe hinaus, wo ich im hohen Bogen das Netz ins Wasser warf.

Als ich so im ruhigen Seeufer stand, so still und leise wie ich nur konnte, hörte ich plötzlich ein mordsmäßiges Gepolter und eine Menge Geröll rollte die angrenzende steile Uferböschung herunter, gefolgt von einem dieser Stadtmenschen, die sich überall sinnlos in Gefahr brachten, nur weil sie außerhalb der vorgeschriebenen Wanderwege spazierten. Hilflos nach Büschen und Zweigen greifend rutsche er in die Tiefe, bis er an einem dünnen Bäumchen hängen blieb, das ihn aufhielt. Mit seinen mitgerissenen Steinen und Erdbrocken jedoch hatte er das Wasser mächtig aufgewühlt. Er stellte sich ziemlich ungeschickt an, fuchtelte mit den Armen herum, fand anfangs keinen richtigen Halt und wäre beinahe noch weiter abgerutscht, bis er sich schließlich an dem kleinen Bäumchen einigermaßen festhalten konnte. Es dauerte eine knappe Minute, dann versuchte er, die steile Böschung wieder raufzukrabbeln.

Ich war wütend, weil er die Fische verscheuchte, und so schrie ich zu ihm rüber: „He da, lassen Sie das! Sie verderben mir den Fang, Mister!“
Der Kerl rutsche wieder zurück, hing an dem Bäumchen und kriegte einen fürchterlichen Schreck. Man hätte meinen können, ich wäre ein Gespenst oder was. Seine Augen waren vor Angst weit geöffnet, sein ganzer Körper zitterte, sodass ich ihn schon wieder abrutschen und ins Wasser fallen sah. Damit es nicht soweit kam hielt ich meinen rechten Arm in die Höhe und rief: „Ich stehe hier unten im Wasser und möchte Fische fangen. Sie sollten lieber da runter kommen, bevor noch Schlimmeres passiert.“

Der Mann hielt sich jetzt mit beiden Händen an dem dünnen Bäumchen fest, das sich gefährlich wie ein Bogen krümmte. Aber es brach nicht ab. Dann drehte er sein Gesicht zu mir rüber, und ich wartete einen Moment, bis er mich sehen konnte.

„Sie verscheuchen mir die Fische, Mister“, rief ich ihm noch einmal zu.

„Was, die Fische?“ schrie er zurück. Seine Stimme klang so, als ob Fische für ihn glitschige Ungeheuer wären.

„Ja…, Fische! Ich will welche fangen. Wenn Sie aber länger so ein Getöse machen, wird für mich nichts mehr daraus.“

Ich konnte sehen, wie er nachdachte. Schließlich zog er sich mit aller Kraft hoch, stemmte sich mit den Füßen gegen das Bäumchen und legte sich erschöpft der Länge nach rücklings auf die Böschung. Dann starrte er in den blauen Himmel und sagte: „Von mir aus. Warum nicht? Ich muss mich sowieso ein bisschen ausruhen.“

Ich fing insgesamt drei Fische mit dem Netz, die groß und fett waren. Ich stieß ihnen einen Stock durch die Kiemen und ließ sie in dem nahen Bach schlenkern, damit sie frisch blieben. Ich war gerade dabei, einen vierten Fisch zu fangen, als dieser Stadtmensch offenbar mit seiner Geduld am Ende war. Scheinbar wollte er nicht länger warten.

„Hör mal Junge“, rief er mir zu, „kannst du mir sagen, wo ich hier eigentlich genau bin?“

„Dieser Teil des Sees wird von den Einheimischen ‚Gumpe mit den Weidenbäumen’ genannt. Aber kommen Sie erst mal da runter! Ich kann nicht die ganze Zeit schreien. Reden macht weniger Lärm.“

Er hangelte sich bis zum nächsten Baum, der etwas größer war, ließ sich an den langen Ästen langsam herunter und erreichte nach einigem Hin und Her das sichere Ufer des Sees.

Ich verließ das Wasser und wartete im Uferbereich auf ihn.

„Hallo“, sagte er, als er bei mir war. „Mein Name ist Frank Hellester. – Und wer bis du? Ich darf doch du zu dir sagen – oder?“

Sein Gesicht war blass und seine Augen waren von dunklen Ringen umgeben. Er gab sich wirklich große Mühe, freundlich zu sein. Vor diesem Mann brauchte ich bestimmt keine Angst zu haben, denn von seiner schwächlichen Körperstatur her wäre ich mit ihm jederzeit leicht fertig geworden.

„Ist schon in Ordnung. Ich heiße Thomas Anderson“, sagte ich höflich. „Aber meine Freunde nennen mich nur Tommy.“

„Bist du gerne am See, Tommy?“ fragte er mich.

„Ja, ich bin sehr oft hier unten. Eigentlich die meiste Zeit.“

„Wohnst du hier in der Nähe?“

Mir fiel in diesem Augenblick ein, dass man niemals sagen sollte, wo man wohnt, für alle Fälle. Man konnte ja nie wissen, mit wem man es zu tun hatte.

„Ja. Ich wohne auf dem großen Flint-Anwesen“, log ich, wohlweislich der Tatsache, dass sich unser komfortabel eingerichtetes Ferienhäuschen noch ein ganzes Stück davon entfernt befand.

„Wo liegt das?“

Ich zeigte ihm die Richtung und erklärte ihm, dass es ungefähr einen Kilometer von unserem Standort entfernt liegt.

„Wohnen da viele Leute? Ich meine auf dem Flint-Anwesen?“

„Etwa sechs oder sieben Leute“, log ich abermals. „Wollen Sie da etwa einziehen?“

Der hagere Mann lachte darüber, wobei sein Lachen ehr wie ein Weinen klang.

„Was ist daran so komisch, Mister?“

Im gleichen Moment fiel mir das grüne Zeug an seinen durchnässten Schuhen auf.

„Sie sollten sich den Dreck lieber wegmachen. Der schwimmt hier überall im See herum. Auch die Ufer sind voll damit“, sagte ich mit lauter Stimme zu ihm, um sein weinerliches Lachen zu übertönen.

Der Mann namens Frank Hellester hörte plötzlich auf zu lachen.

„Was für’n Zeug soll ich mir wegmachen? – Warum?“

Er wurde sichtlich nervös.

„Na, das grüne Zeug da an ihren nassen Schuhen und an den Hosenbeinen. Ich selbst bin damit schon mal in Kontakt gekommen. Es brennt auf der Haut wie Feuer.“

Mr. Hellester sprang plötzlich wie von einer Tarantel gestochen von einem Bein auf das andere.

„Was ist das?“ fragte er mich ängstlich.

„Das kann ich Ihnen auch nicht genau sagen. Aber auf der anderen Seite des Sees gab es mal eine Pumpstation und ein ziemlich großes Abflussrohr, das im See endete. Vor einigen Jahren hat man die gesamte Anlage in die Luft gesprengt, die Trümmer weggeräumt und alles wieder renaturiert. Das Rohr wurde nur mit Geröll zugeschüttet. Eines Tage quoll aus der Böschung so eine seltsam aussehende, grüne Flüssigkeit, die sich wie ein Algenteppich auf dem See verbreitete. Aber dieses Zeug wird Ihnen nichts tun, solange Sie damit nicht direkt in Berührung kommen.“

Mr. Hellester machte ein Gesicht, als wollte er wieder lachen. Ich versuchte das zu verhindern, indem ich ihn schnell fragte: „Sie sind einer dieser Forscher aus der Stadt, die den See untersuchen. – oder?“

„Warum fragst du mich das?“

Ich sah ihm an, dass er sich über meine Frage ärgerte. Warum, das konnte ich mir im Augenblick auch nicht erklären.

„Ist schon gut“, sagte ich zu ihm und ging wieder zum See runter, um Fische zu fangen.

Frank Hellester blieb am Ufer stehen und sah zu, wie ich diesmal nach ihnen angelte.

Dann fragte er mich: „Bist du hier geboren worden, Tommy?“

„Nein, hier nicht. Auf der anderen Seite des Sees…, in Lake Mountain. Auf einer Versuchsfarm für neue Pflanzenzüchtungen.“

„Es muss eine großartige Sache sein, auf einer Farm geboren zu sein. Da lernt man selbst als junger Mann ein ganze Menge.“

„Na ja“, antwortete ich ihm, „die meiste Zeit habe ich von der Arbeit meines Vaters nichts mitbekommen. War alles in Sperrbezirke aufgeteilt und streng geheim. Auch für Familienmitglieder gab es keine Sondergenehmigungen, um da irgendwie reinzukommen.“

„Dein Vater war also Pflanzenbiologe?“

„Mein Vater arbeitete damals noch in dieser Versuchsanlage, wo man mit genmanipulierten Pflanzen arbeitete. Die Pumpstation gehörte auch dazu. Eines Tages wurde das Projekt eingestellt, weil es zu viele Proteste dagegen gab. Kurze Zeit später wurde alles dem Erdboden gleichgemacht und die Landschaft in den Urzustand zurückversetzt. Wir zogen weg nach Kalifornien und mein Vater kaufte sich vor ein paar Jahren ein kleines Wochenendhäuschen auf dieser Seite des Sees, weil ihm der so am Herzen liegt. Ich verbringe jedes Jahr zusammen mit meinen Eltern die Ferien hier, und wir sind erst vor drei Tagen angekommen. So schlimm, wie es dieses Jahr mit dem grünen Zeug ist, so schlimm war es allerdings noch nie. Im Prinzip stört mich das aber nicht.“

Mr. Hellester schaute aufmerksam in der Gegend herum. Nachdenklich sagte er: „Mir ist aufgefallen, dass sich die Bäume um den See herum verändert haben. Die Kiefern zum Beispiel haben eine rötliche Nadelfärbung bekommen. Habt ihr das auch schon bemerkt?“

Ich watete wieder aus dem tiefen Wasser, ging ans Ufer und legte die Angel ab.

Skeptisch blickte ich mein Gegenüber an und sagte: „Nicht nur die Bäume haben sich verändert, auch die andere Vegetation. Manche Blumen erscheinen mir größer geworden zu sein. Andere wiederum haben ihre Blätter verändert. Vielleicht werden manche von ihnen absterben, vielleicht aber auch nicht. Angeblich soll der Smog daran Schuld sein, der aus dem zugeschütteten Boden der ehemaligen Versuchsanlage kommt…, das sagen jedenfalls die Leute hier aus der Umgebung.“

Aus Mr. Hellesters Augen drang auf einmal so ein seltsam scharfer Glanz. Ich wusste in diesem Moment, dass ich zuviel gesagt hatte. Deshalb versuchte ich so gut wie möglich, die Sache zu verharmlosen und fuhr fort: „Hier reden sie alle ganz normal über die Probleme mit der Umwelt. Auch meine Eltern haben mir gesagt, wenn ich mal erwachsen geworden bin, müssen wir selbst einen Weg finden, mit den Schwierigkeiten einer veränderten Umwelt fertig zu werden.“

Der Mann nickte.

„Wie sieht es nördlich von hier aus“, wollte Mr. Hellester wissen.

„Nicht so schlecht. Es gibt jetzt nur mehr Geburten in der Gegend dort als früher. Aber warum fragen Sie mich das alles?“

Mr. Hellester sah mich jetzt ganz fest an, so von Mann zu Mann.

„Tommy, glaubst du, du könntest mir sagen, wie ich dorthin komme?“

„Sie können die alte Straße nach Norden nehmen“, sagte ich hilfsbereit. „Aber auf dieser Straße werden Sie unterwegs mit Sicherheit auf Polizei und Militär stoßen. Der beste Weg ist der zur Küste und dann einfach nach Norden. Wie gesagt, immer an der Küste entlang.“
„Dachte ich mir, dass sie die Gegend abgeriegelt haben“, sagte er grübelnd und rieb sich mit der rechten Hand übers Kinn. Nach einer Weile des Nachdenkens stellte er mir eine Frage, die ich für ziemlich seltsam hielt.

„Weißt du eigentlich, wie eine Gesellschaft funktioniert, ich meine so eine menschliche Gesellschaft, wie sie in den Städten existiert“, fragte er mich.

„Natürlich weiß ich das“, antwortete ich ihm. „Sie stellen mir schon die ganze Zeit so komische Fragen. Was soll das eigentlich?“

Er machte jedoch in dieser Art weiter.

„Und du verbringst einen großen Teil deiner Freizeit hier am See und fängst Fische und isst sie roh?“

„Klar doch. Sie schmecken roh richtig gut. Wir sind eine Familie von Fischessern. Meine Mutter steckt sie sogar in den Teig und brät sie, was ich persönlich nicht so gut finde. Ihr zuliebe aber esse ich den Fischkuchen und tue so, als würde er mir schmecken.“

„Ihr esst also nur Fische und nichts anderes?“ fragte mich Mr. Hellester, dessen Gesicht einen ängstlichen Ausdruck bekam.

„Ja natürlich! Was glauben Sie denn? Wenn ich wollte, könnte ich auch ins Wasser springen und die Fische so jagen. Ich bevorzuge allerdings die klassische Art des Fischfangs – mit Angel oder Netz.“

„Aber wie kannst du sie in diesem Wasser fangen, das schon nach wenigen Zentimetern milchig trübe wird?“

„Wenn ich unter Wasser sehen will, dann schließe ich dabei nicht die Augen, wie ein normaler Mensch, sondern lasse über meine Augen Nickhäute gleiten. Ich zeige es Ihnen mal…,etwa so. Schauen Sie her!“

Hellester trat auf einmal einen Schritt zurück. „Nickhäute...? Was ist denn das? Du bist ein Mutant! Ihr seid alle Mutanten. Dein Vater, deine Mutter, die ganze Familie. Deshalb seid ihr ans Meer gezogen. Ich habe es geahnt! Ihr seid aus dem Sperrbezirk ausgebrochen und habt euch unter die normalen Menschen gemischt“, stammelte er voller Entsetzen und rannte von mir weg, als ob ich ein Werwolf oder ein Außerirdischer von einem fremden Planeten wäre.

Ich musste mit dem Kopf schütteln, als ich Mr. Hellester wie ein gehetztes Wild die steile Böschung raufkriechen sah. Der Mann spielte den vom Wahnsinn Verfolgten.

Dann zog ich meine Anglerstiefel aus, nahm den Stecken mit den Fischen und machte mich auf den Heimweg. Meine Eltern würden sicherlich wütend auf mich sein, dass ich schon so frühmorgens zum See runter gegangen bin und alleine Fische gefangen habe. Nun, ich konnte nur hoffen, dass ich sie mit dem üppigen Fang besänftigen konnte. Schlimmer war allerdings die Tatsache, dass ich ihnen von meiner Begegnung am See erzählen musste. Es würde sie bestimmt mächtig aufregen, dass ich Mr. Hellester, woher der auch immer gekommen sein mag, meine kleinen Augenhäute gezeigt habe, so wie damals dem alten Ehepaar Flint, die uns seitdem wie die Pest meiden.


(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

***

 

 

3. Die Zeit der Dämonen

oder

Des Bösen stählerner Traum


 

Man schreibt das Jahr 1933. Es ist eine kalte Nacht Anfang Januar. Adolf Hitler ist zusammen mit Hermann Göring und eines ihnen treu ergebenen SS-Offiziers in einer streng geheimen Mission irgendwo in Deutschland unterwegs.


Am Ende des Monats, am 30. Januar 1933, wird der Reichspräsident Paul von Hindenburg den Führer der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“, (kurz NSDAP genannt) Adolf Hitler, zum Deutschen Reichskanzler ernennen.

***

Den dunklen Abgründen von Raum und Zeit entsprungen betrat ein unheimliches Wesen namens Dämonion in jenen wirren Tagen den Planeten Erde.

Und es kam nicht allein.

Es hatte eine gewaltige Armada von bösen Dämonen zur Verwirklichung seines dunklen Planes mitgebracht. Die irdische Sphäre war voll von diesen unreinen Geistern. Immer mehr Menschen gerieten in den Bann ihrer unheilvollen, mörderischen Macht und bald waren es Millionen und Abermillionen, die unter ihrem diabolischen Einfluss standen.

Die größte Seelenernte in der Menschheitsgeschichte stand kurz bevor. Der Führer und seine skrupellose NS-Gefolgschaft begannen zielstrebig damit, des Bösen stählernen Traums von Deutschland aus zu verwirklichen. Der Friede befand sich zu dieser Zeit aber schon längst auf dem Rückzug und wich überall deutlich sichtbaren Kriegsvorbereitungen.

Der 2. Weltkrieg warf seine tödlichen Schatten voraus.


***


Die hünenhafte Gestalt trat schleppend hinaus auf die vom fahlen Mondlicht beleuchtete Pflasterstraße. Irgendwo bellte einsam ein Hund. Es war kurz vor Mitternacht und sehr kalt. Eine leichte Schneedecke lag über der gesamten Landschaft. Mit prüfenden Blicken schaute die unbekannte Person nach allen Seiten und musterte dabei skeptisch den vor ihr liegenden, holprigen Bürgersteig. Dunkle Wolkenfetzen zogen gerade wie fliehende Geisterschiffe an der hellen Mondscheibe vorbei als kurze Zeit später das schwere Eisentor der düster da liegenden Gebäuderuine mit einem quietschenden Geräusch ins rostige Schloss fiel. Der unheimlich aussehende Fremde zögerte noch etwas, trat aber schließlich seinen Weg in die kalte Nacht an, der ihn zu einem geheimen Treffpunkt weit draußen vor der friedlich schlafenden Stadt führen sollte.

Ganz in der Nähe dieses sonderbaren nächtlichen Ereignisses standen zur gleichen Zeit, getarnt im Schatten eines steinernen Torbogens, zwei Männer, die jeden Schritt der mysteriösen Person mit Argusaugen verfolgten.

Plötzlich flüsterte eine Stimme: „Ist er das Meier?“

Die fragende Stimme aus dem Hintergrund kam von dem jungen katholischen Pfarrer Martin Rosenberg, der seinen privat angeheuerten, regungslos da stehenden Detektiven mit der frechen Schiebermütze auf dem Kopf skeptisch anschaute, jedoch im Moment keine Antwort von ihm erhielt.

Eine zeitlang blieb es seltsam still.

Martin Rosenberg war ein Mann der Kirche und gerade mal 36 Jahre alt. Eigentlich hätte er sich ja als Pfarrer um das Seelenheil seiner ihm anvertrauten Menschen in seiner Gemeinde kümmern sollen, doch genau das tat er in letzter Zeit immer seltener, weil er sich viel lieber mit Exorzismus, Besessenheit oder übernatürlichen Erscheinungen beschäftigte. Diese Dinge interessierten ihn im Augenblick mehr als alles andere.

An diesem Abend allerdings arbeitete der fromme Kirchenmann sozusagen auf eigene Faust und selbst der Bischof wusste nichts von seinem heimlichen Tun und Treiben in dieser frostigen Januarnacht. Was war geschehen? Dem jungen Pfarrer waren in letzter Zeit einige seltsame Vorfälle zu Ohren gekommen, die sich nicht nur schier unglaublich anhörten, sondern zudem ausgerechnet auch noch in seinem eigenen Sprengel ereignet haben sollen.

Es waren einige ängstlich gewordene Obdachlose gewesen, die dem Pfarrer Rosenberg immer häufiger von einer monströs aussehenden Person mit hässlich dunkelrot leuchtenden Augen berichteten, welche erst um Mitternacht aus einem unbewohnten, halb verfallenen Gebäude am Stadtrand huschte und zu Fuß bis zu einer vor der Stadt gelegenen Flussbrücke marschierte, dann hinüber auf die andere Seite ging und aufmerksam die umliegende Gegend beobachtete, um wenig später schließlich von einer Sekunde auf die andere plötzlich wieder zu verschwinden. Das ging schon eine ganze Weile so, wie einige ganz mutige Stadtstreicher zu berichten wussten, die dem Monster im Schutze der Nacht heimlich bis zur Brücke gefolgt waren.

Derart haarsträubende Geschichten veranlassten den Pfarrer Rosenberg letztendlich dazu, der ganzen Sache einmal näher auf den Grund zu gehen. Er wollte unbedingt heraus bekommen, ob an den seltsamen Erzählungen der armen Leute überhaupt etwas Wahres dran sei. Vielleicht wollten sich einige von ihnen ja nur wichtig tun oder neigten zur Aufschneiderei. Trotzdem beabsichtigte Rosenberg eigene Nachforschungen in dieser Angelegenheit anzustellen. Und so kam es, dass die Dinge langsam ihren Lauf nahmen.

***

Eigentlich waren sich Rosenberg und Meier vorher noch nie begegnet, obwohl sie schon lange in der gleichen Stadt wohnten.

Der in die Jahre gekommene Herbert Meier arbeitete hauptberuflich schon seit vielen Jahren als Detektiv und stammte ursprünglich aus Berlin. Seine Eltern waren bei einem schrecklichen Hausbrand ums Leben gekommen, doch die ermittelnden Polizeibeamten vermuteten Brandstiftung und hatten sogar eine Zeit lang den damals noch jungen Meier unter Verdacht, seine Eltern aus Habgier absichtlich umgebracht zu haben, um an das elterliche Vermögen heran zu kommen. Aus Mangel an Beweisen musste man ihn jedoch wieder laufen lassen. Meier verließ danach mit dem ererbten Geld seiner Eltern Berlin und tauchte plötzlich im Süden Deutschlands wieder auf, wo er sich in unmittelbarer Nähe Münchens in einer kleinen Stadt als Detektiv niederließ.

Seine unscheinbare Detektei befand sich zwar in unmittelbarer Nähe des großen Marktplatzes mitten im Stadtzentrum, lag aber etwas abseits in einer kleinen Seitengasse, was dazu führte, dass der geschäftige Alltagstrubel hier sozusagen mehr oder weniger an ihm vorbei ging. Trotzdem konnte er von seinem Einkommen relativ gut leben, denn in seiner Branche gab es immer was zu tun.

Eines Tages besuchte ihn in seinem kleinen Büro völlig überraschend Pfarrer Rosenberg und berichtete dem aufmerksam zuhörenden Detektiven Meier von seltsam anmutenden Geschichten, die sich die Leute so untereinander hinter vorgehaltener Hand erzählten. Irgendwas Unheimliches schien sich in seinem Sprengel abzuspielen. Diesem „Spuk“, wie sich Rosenberg auszudrücken pflegte, wollte er unbedingt auf den Grund gehen und genau das war auch der Anlass dafür gewesen, Rat und Tat bei einem Detektiven einzuholen.


Nachdem Rosenberg sein Anliegen vorgetragen hatte, zögerte Meier mit der Übernahme des neuen Auftrags nicht lange und sicherte dem Pfarrer verbindlich zu, ihm ab sofort bei seinen bevorstehenden Nachforschungen zu unterstützen. Nach Erledigung der schriftlichen Formalitäten traf man verschiedene Vorbereitungen, um die detektivische Arbeit so schnell wie möglich aufnehmen zu können. Die beiden Männer wollten keine Zeit verlieren.

So kam es schließlich, dass sich Meier und Rosenberg in jener ungemütlich kalten Januarnacht des Jahres 1933 am besagten Ort der seltsamen Ereignisse gegenüber eines halb verfallenen, ehemaligen Lagergebäudes eingefunden und schon seit Stunden dort Posten bezogen hatten. Die Gebäuderuine selbst war von einem ziemlich weitläufigen, jedoch stark verwilderten Grundstück umgeben. Zudem lag es fast am Rande der Stadt, wo nicht so viele Leute wohnten.


***

Draußen wurde es kälter. Der Pfarrer und der Detektiv standen immer noch wartend im dunklen Torbogen einer niedrigen Hofpassage und beobachteten aufmerksam den davon schleichenden Fremden.

Rosenberg wurde auf einmal ungehalten. Dann fragte er den Detektiven ein zweites Mal mit gedämpfter Stimme: „Ist er das Meier? Ja oder nein? – Nun sagen sie schon was!“

Der Detektiv hielt sich jetzt plötzlich ein kleines Nachtfernglas vor die Augen und sagte dann: „Ich schau’ gerade rüber. Einen kleinen Moment noch, Rosenberg!“

Nach einer Weile fuhr er bestätigend fort: „Ich habe diesen Kerl schon zwei Mal in dieser Woche ohne sie observiert. – Ja, er ist es! Ich erkenne ihn eindeutig wieder. Nicht zu übersehen ist seine ungewöhnlich große Statur, sein seltsam anmutender, mechanischer Gang und sein auffällig langer Mantel, der fast bis zum Boden herunter reicht. Seinen weiten Schlapphut trägt er eigentlich nur, um sein hässliches Gesicht zu verbergen.“

Die unbekannte Person, von der Meier redete, war jetzt unter einer schummrig leuchtenden Straßenlaterne angekommen, in deren trüben Lichtkegel sie plötzlich wie angewurzelt stehen blieb. Erst jetzt konnte man erkennen, wie riesig der Fremde wirklich war. Seine Körperhöhe maß wohl über zwei Meter und der lange Mantel ließ ihn nur noch größer erscheinen. Für einen kleinen Moment drehte er sich um, blickte forschend hinunter in die leere Straße und setzte schließlich kurz darauf seinen Weg fort. Unter dem weiten Schlapphut blinzelten mehrmals seine zusammen gekniffenen Augen tiefrot wie kleine Feuerflämmchen hervor, die sich bösartig zuckend hin und her bewegten.

Wir müssen diesen verfluchten Bastard so schnell wie möglich unschädlich machen! Das ist unsere heilige Pflicht!“ sagte Rosenberg auf einmal zu Meier, der die ganze Zeit dicht vor ihm stand.

Sachte, sachte, Rosenberg! Ich weiß, sie möchten den Kerl am liebsten jetzt gleich hier auf der Stelle den Garaus machen. Aber damit hätten sie kein Glück. Schauen sie sich doch mal um! Eine laute Schießerei würde auf jeden Fall nur eine Menge Leute aus dem Schlaf reißen. Früher oder später träte die Polizei auf den Plan. Damit wäre unsere Mission zum Scheitern verurteilt, noch bevor sie richtig begonnen hätte. Lassen sie also ihre Pistole stecken!“ antwortete Meier dem sichtlich nervös gewordenen Pfarrer, der sich in seinen Ansichten bestätigt sah, dass Teufel und Dämonen keine Produkte der menschlichen Phantasie waren, sondern real existierten.

Doch nicht auf offener Straße und schon gar nicht hier, Meier. Das waren auch nicht meine Überlegungen. Ich dachte ehr weiter draußen…, bei der alten Stahlbrücke. Denn genau in diese Richtung geht er nämlich. Und nur dort bietet sich für uns meiner Meinung nach die günstigste Gelegenheit, ihn ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Niemand wird etwas mitbekommen. Die Gegend um die Flussbrücke herum liegt sowieso hinter einem bewaldeten Hügel. Ich weiß, dass keine Menschenseele da draußen wohnt. Wir sollten daher unsere Chance nutzen! Das könnte wohlmöglich die letzte sein. Sie wissen doch selbst, um was es geht. Ersparen sie mir weitere Erklärungen, Meier. Und wenn alles geklappt hat, werfen wir dieses Ungeheuer einfach in den Fluss. Die schnelle Strömung und die Fische werden für uns den Rest besorgen.“

Hoffentlich haben sie damit Recht, Rosenberg! Wir spielen auf jeden Fall ein gefährliches Spiel. Ehrlich gesagt, ist mir nicht ganz wohl dabei. So wie es aussieht, wird es nicht leicht sein, das Monster da vor uns zu töten. Haben sie sich denn schon mal Gedanken darüber gemacht, dass es den Spieß möglicherweise umdrehen könnte? Vielleicht verfügt es über Kräfte, von denen wir nicht die geringste Ahnung haben. Was dann, mein Guter? Und was ist, wenn unsere Schusswaffen keine Wirkung zeigen? – Ach ja! Haben sie denn schon mal auf jemanden geschossen, Rosenberg? – Sie sind doch Pfarrer!“

Plötzlich legte Rosenberg den rechten Zeigefinger auf seine schmalen Lippen und sagte mit gepresster Stimme zu Meier: „Still jetzt! Hören sie auf zu reden! Fangen sie bloß nicht an zu diskutieren! Dazu haben wir jetzt keine Zeit! Wir sollten uns lieber wieder auf unsere eigentliche Aufgabe konzentrieren und tun, was getan werden muss.“

Dann schwiegen die beiden Männer wie auf Kommando. Die klaren Worte des Pfarrers hatten ihre Wirkung auf den Detektiven offensichtlich nicht verfehlt.

Während des kurzen Gesprächs hatten sie vorübergehend den unheimlichen Fremden aus den Augen verloren, der jetzt auf einmal die Straße überquerte. Wie Rosenberg richtig vermutet hatte, schlug die Gestalt genau den Weg zur Flussbrücke ein. Dann, nur wenige Augenblicke später, wurde sie von der Dunkelheit der Nacht verschluckt, weil es hier draußen am Ende des Stadtrandes keine Straßenbeleuchtung mehr gab.

Rosenberg ärgerte sich darüber, dass er mit dem Detektiven viel zu lange geredet hatte. Schließlich sagte er mit leicht hektischer Stimme: „Meier, wir verlieren ihn aus den Augen. Los, hinter ihm her! Versuchen sie so gut wie möglich im Schatten der Häuser zu bleiben! Also vorwärts! Worauf warten sie noch?“

Der Detektiv gab sich plötzlich einen Ruck und schlich wie eine geschmeidige Katze davon, immer dicht an den grauen Hauswänden entlang. Rosenberg hatte Mühe ihm zu folgen. Als die beiden Männer endlich am Ende der gepflasterten Straße angekommen waren, die jetzt in einen breiten, verfestigten Schotterweg überging, empfing sie von einer Sekunde auf die andere eine Dunkelheit, die schwärzer nicht sein konnte. Um nicht zu stolpern schlichen sie vorsichtig hinter einen am Wegrand stehenden Baum, der seitlich von einigen dichten Büschen flankiert wurde und warteten ab, bis sich ihre Augen an den lichtlosen Zustand gewöhnt hatten. Erst dann hielten sie Ausschau nach dem Fremden, den sie direkt vor sich vermuteten. Das Glück war auf ihrer Seite. Die dahin ziehenden Wolkenfetzen am winterlichen Nachthimmel gaben den Mond für einige Augenblicke frei, der jetzt plötzlich mit seinem fahlen Licht die weite Winterlandschaft matt ausleuchtete. Und da! Keine zwanzig Meter vor den beiden Männern entdeckten sei einen dunklen Schatten, der sich offenbar zielstrebig auf eine in der Ferne abzeichnende Flussbrücke zu bewegte.

Meier und Rosenberg trauten sich wegen der geringen Entfernung zum Unbekannten im Augenblick nicht aus ihrer Deckung. Sie blieben deshalb eine Weile fast regungslos hinter dem dicken Straßenbaum stehen und gaben nicht den leisesten Mucks von sich. Der unheimliche Fremde durfte ihre Anwesenheit auf gar keinen Fall bemerken.

Der Pfarrer zupfte den Detektiven jetzt vorsichtig am Ärmel. Dann sagte er zu ihm: „Also Meier, hören sie zu! Ich komme jetzt noch mal kurz auf meinen Plan zurück. – Wir warten ab, bis dieser Bastard die Brücke erreicht hat. Rechts befindet sich etwa zwei Meter unterhalb der Fahrbandecke ein kleiner Reparatursteg, der ebenfalls auf die andere Seite des Flussufers hinüber führt. Ich habe die Brücke auf einigen meiner Spaziergänge genau ausgekundschaftet. Der Steg kann über eine Eisentreppe erreicht werden, die sich in einem Betonschacht befindet. Wenn wir schnell genug sind, werden wir noch vor der Bestie die andere Seite des Ufers erreicht haben und schlagen uns dort in das dichte Unterholz. Wir warten ab, bis sich diese widerwärtige Kreatur direkt vor uns befindet. Dann feuern wir aus nächster Nähe mit unseren 9mm-Pistolen aus unserem Versteck auf sie, bis sie sich nicht mehr rührt. Sollte der Angriff aus irgend einem Grunde schief gehen, bleibt uns immer noch die Flucht runter zum Wasser, wo sich ein kleines Anglerboot befindet. Der Fluss ist Gott sei Dank nicht zugefroren. Wir lassen uns von der Strömung abtreiben und gehen erst wieder weiter unten ans Ufer, wo wir in Sicherheit sind.“

Der Detektiv nickte mit dem Kopf. Eigentlich kannte er den Plan des Pfarrers schon, aber er wollte Rosenberg aus ganz bestimmten Gründen nicht unterbrechen. Schließlich gingen sie mit der nötigen Vorsicht schleichend weiter.

***

Die wuchtige Stahlbrücke war sehr breit. Anscheinend sollte sie auch für spätere militärische Zwecke dienen. An ihren beiden Enden befanden sich nämlich zwei hölzerne Wachhäuschen über denen jeweils eine elektrische Lampe angebracht war. Seltsamerweise brannte das Licht und leuchtete die umliegende Gegend an den beiden Brückenenden hell aus.

Meier und Rosenberg erreichten fast gleichzeitig den schmalen Reparatursteg der Brücke. Sofort kletterten sie in den Betonschacht und stiegen die Eisentreppe hinunter bis zum Steg. Sie verhielten sich dabei äußerst leise, denn sie wussten, dass sich der unheimliche Fremde direkt über ihnen auf der Brücke befand. Drüben angekommen, schlugen sich die beiden Männer sofort ins dichte Unterholz, zogen ihre 9mm-Pistolen, luden sie durch und warteten geduldig auf die unheimliche Gestalt, die jeden Moment in Erscheinung treten müsste.

Doch so lange sie auch warteten, es regte sich nichts. Hatte der unheimliche Fremde wohlmöglich etwas bemerkt?

Rosenberg wurde langsam nervös. Seine Ungeduld wuchs von Minute zu Minute. Er schaute den Detektiven enttäuscht an und sagte schließlich: „Dieser Bastard müsste doch eigentlich schon längst zu sehen sein, Meier! Lange warte ich nicht mehr! Ich denke mal, wir sollten ihm einfach entgegen gehen, um ihn direkt anzugreifen, bevor er uns noch entkommt. Der Überraschungseffekt wäre jedenfalls auf unserer Seite.“

Vielleicht hat er uns bemerkt und ist auf der Brücke einfach stehen geblieben.“ antwortete der Detektiv. Eine bessere Erklärung fiel ihm momentan auch nicht ein.

Soll das ein Witz sein, Meier? Ich halte es hier nicht mehr länger aus. Meine Hände frieren mir ab! Wenn das Biest nicht bald kommt müssen wir nachsehen, wo es geblieben ist. – Verdammt noch mal! Wir können es nicht entkommen lassen!“

Rosenberg,“ antwortete der Detektiv mit ziemlich harscher Stimme, „machen Sie jetzt im letzten Moment bloß keine Fehler! Haben sie noch etwas Geduld und verhalten sie sich endlich ruhig! Wenn es soweit ist, wird mir schon das Richtige einfallen.“

Plötzlich tat sich doch noch etwas. Aber ganz woanders. Das Geräusch eines laufenden Motors war aus der Ferne zu hören. Hinter ihnen kam ein Auto auf dem breiten Schotterweg langsam auf sie zu, dessen beide Scheinwerfer sich zitternd durch die Dunkelheit tasteten.

Der Pfarrer schreckte auf. Er versuchte mit aller Gewalt ruhig zu bleiben. Die Situation wurde zunehmend unübersichtlicher und schien Rosenberg zu überfordern.

Meier, da kommt ein Fahrzeug auf uns zu. Verstehen sie, was das soll? Was machen wir jetzt?“

Der Detektiv zögerte mit der Antwort. Schließlich sagte er: „Offensichtlich will sich unser Freund hier mit jemanden treffen. Das kann doch alles kein Zufall sein. Merken sie das denn nicht, Rosenberg? Ich bin gespannt, was wir gleich zu sehen bekommen. – Und verhalten sie sich bitte weiterhin absolut ruhig! Sie gefährden sonst den Fortgang unserer Mission!“

Der Pfarrer wollte noch etwas sagen, ließ aber resignierend davon ab und schaute abwechseln mal zur Brücke und dann wieder hinüber zu dem sich nähernden Fahrzeug.

Das Automobil rauschte heran. Das Motorengeräusch wurde immer lauter. Dann hielt plötzlich mit quietschenden Bremsen ein Mercedes Benz Typ Stuttgart 260 auf dem leicht vereisten Schotterweg direkt neben dem Wachhäuschen an. Das Licht der elektrischen Beleuchtung flackerte etwas und tauchte die ganze Situation in eine gespenstische Atmosphäre. Dann wurde der Motor abgestellt und eine Handbremse angezogen. Sekunden verstrichen, ohne das sich überhaupt etwas tat. Nach einer Weile ging plötzlich die Fahrertür auf und ein zackiger, hoch gewachsener SS-Offizier mit einer entsicherten MP in der rechten Hand verließ den Wagen. Mit schnellen Schritten ging er vorne um den Mercedeswagen herum, öffnete die breite Beifahrertür und ließ zwei weitere Personen in schwarzglänzenden Ledermänteln nacheinander aussteigen. Die beiden Personen setzten sich ihre schnittigen Offiziersmützen auf und schritten zügig zum Wachhäuschen hinüber, wo sie sich direkt in das helle Licht stellten. Am Ärmel ihres linken Oberarmes trugen sie deutlich sichtbare Hakenkreuzbinden, die gut zu erkennen waren.

Rosenberg kniff ungläubig die Augen zusammen, als er die unwirkliche Szene aus seinem seitlichen Versteck heraus beobachtete. Im gleichen Moment wäre ihm fast vor lauter Schrecken die Kinnlade herunter gefallen. Er konnte im ersten Moment nicht fassen, wen er da vor sich sah. Ungefähr zwanzig Meter vor ihnen standen der Führer Adolf Hitler und sein Begleiter, der korpulente Hermann Göring in voller Lebensgröße direkt am Wachhäuschen der Brücke und schienen auf jemanden zu warten.

Rosenberg war völlig durcheinander. Er verstand die Welt nicht mehr und fragte sich, was sich hier abspielte. Dann schaute er zu Meier hinüber, der ebenfalls aus dem Staunen nicht heraus kam.

Ich kann es einfach nicht fassen! Können sie mir erklären, was Hitler und Göring hier an diesem abgelegenen Ort mitten in der Nacht zu suchen haben?“ fragte er so leise wie es ging den Detektiven, der darauf hin den Kopf schüttelte.

Dafür gab Meier Rosenberg vorsichtig ein warnendes Handzeichen und deutete mit dem rechten Zeigefinger zur Brücke hinüber. Der unheimliche Fremde war plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht und ging direkt auf Hitler und Göring zu. Der ganz in der Nähe stehende SS-Offizier riss ruckartig die schussbereite MP hoch, ließ sie aber auf ein Fingerzeig Hitlers sofort wieder sinken. Offenbar wusste Hitler genau, mit wem er es zu tun hatte.

Mittlerweile stand das Monster vor Hitler und Göring, nahm seinen weiten Schlapphut ab und hob die rechte Hand zum Deutschen Gruß, wobei seine rot funkelnden Augen deutlich zu sehen waren. Der Führer und sein Begleiter Göring taten es ihm nach.

Hitler ergriff zuerst das Wort.

Heil, Dämonion, mein Gebieter! Ich bin zutiefst darüber erfreut, dich zu sehen! Du bist das Wesen aller Wesen und nur dir allein steht die Macht zu in die göttliche Ordnung einzugreifen. Ausgewählt hast du uns aus dem Geschlecht der Menschen in dieser Zeit, um an deinen weltverändernden Plänen mitwirken zu dürfen. Durch deine Schule sind wir gegangen und unser Geist ist heran gewachsen zu übermenschlicher Größe. Deine Zeit ist gekommen! Dein Weg von der Loslösung aus der Materie hat lange gedauert. Wir haben aber auf dich gewartet, schlafend in Raum und Zeit, bist du uns erlöst hast. Jetzt bist du endlich da und kannst deiner Rache freien Lauf lassen. Die Schöpfung wird erzittern! Die Weltgelüste nehmen den Menschen immer mehr gefangen. Das Reich der Lüge ist bestellt, und die Tore des Todes sind weit geöffnet. Lasst uns nun bald die Seelen ernten, die man uns versprochen hat!“

Das Monster machte einen weiteren Schritt auf Hitler zu und legte seine eidechsenartige Klaue auf seine linke Schulter.

Du bist mir lieb und teuer! Ich schätze deine Dienste sehr, Dämon Adolf Hitler. Ebenso die deines Begleiters Hermann Göring und all jenen Mitgliedern deiner Partei, der NSDAP, die sich meiner Sache in Treue und Hingabe dienlich zeigen. Sie werden belohnt werden! Ich bin gekommen, um euch mit gewaltiger Macht auszustatten, damit bald eine neue Zeit des Bösen anbrechen kann. Mein stählerner Traum wird mir unzählige Seelen bescheren und mein Reich wird durch diese Opfer gewaltig an Größe zunehmen. Böses wird sich auf der Erde in den Köpfen der Menschen verbreiten, weil sie sich blindlings auf fremde Autoritäten verlassen. Das Augenlicht der Vernunft wird zersetzt. Blinde Aggression wird deshalb in sie fahren, weil sie nur glauben und nicht selber denken wollen. Der Durst nach dem Blut ihrer Artgenossen wird deshalb unermesslich sein. Der Hass ist ihre Triebfeder!“

Die Kreatur namens Dämonion blickte plötzlich hinüber in das dichte Unterholz, wo sich Rosenberg und Meier versteckt hielten. Dann stieß sie einen schrillen Schrei aus und sprach mit heller, hasserfüllter Stimme weiter.

Aber wie wir alle wissen, kann unser Plan nur gelingen, wenn auch ganz bestimmte Opfer dargebracht werden. Deshalb hat ein anderer Dämon einen Pfarrer mitgebracht, den wir noch heute Nacht hier an Ort und Stelle töten werden!“

Dann deutete er mit dem Zeigefinger seiner rechten Pranke auf eine ganz bestimmte Stelle des in der Dunkelheit liegenden Waldes, rief nach seinem Dämon und dass er den Mann der Kirche gleich mitbringen solle.

Im dichten Unterholz hörte man auf einmal jemanden in Todesangst schreien. Dann folgten mehrere dumpfe Schläge, als schlüge irgendwer mit einem Knüppel auf einen nassen Sack. Kurze Zeit später schleppte der Detektiv Meier den bewusstlosen Pfarrer Rosenberg aus dem Gewirr der Bäume hinauf zur Brücke, wo sein Herr und Meister, Dämonion, auf ihn wartete. Als er bei ihm angekommen war, warf er den Pfarrer grinsend auf den gefrorenen Boden direkt vor die Füße des Monsters.

Dämonion wandte sich an Hitler, Göring und den anwesenden SS-Offizier. Seine Stimme klang merkwürdig erregt als er sagte: „Meine Herrschaften, ich darf ihnen meinen ergebensten Diener Herbert Meier vorstellen. Er arbeitet schon sehr lange für mich und ist sehr erfolgreich im Beschaffen von Opfern aller Art. Als junger Mann verbrannte er seine Eltern als Beweis seiner Loyalität mir gegenüber. Es war faszinierend für uns, sie qualvoll in den Flammen sterben zu sehen.

Diesmal hat er uns einen ahnungslosen katholischen Pfarrer mitgebracht, der es partout nicht lassen konnte, uns nachzustellen. Das wird ihm jetzt zum Verhängnis. Ich erwarte von ihnen, meine Herren, dass sie alle an dem nun folgenden Tötungsritual teilnehmen, wenn ich dem Pfarrer bei lebendigem Leib das Herz aus der Brust reiße. Holen sie Rosenberg nun aus seiner Ohnmacht zurück und halten sie ihn an den Armen fest! Wenn das Ritual vollzogen ist, werfen sie seinen Kadaver einfach über das Brückengeländer hinunter in den Fluss. Wie sagte er nochmal? Ach ja, die schnelle Strömung und die Fische werden für uns den Rest besorgen.“

Kurz nach diesen Worten des Dämonion hallte ein schrecklicher Todesschrei durch die dunkle, eiskalte Januarnacht, dann war der katholische Pfarrer Martin Rosenberg tot. Das elektrische Licht über den beiden Wachhäuschen ging schlagartig aus. Dunkelheit und Stille kehrten ein, wie sie unheimlicher nicht sein konnten. Dann war Dämonion, das Wesen aus der Hölle, wieder verschwunden, als wäre es vom Erdboden verschluckt worden. Der Detektiv Herbert Meier ging an diesem Abend noch einmal in die Stadt zurück, ward aber seitdem nie wieder gesehen.

Nachdem Hitler, Göring und der SS-Mann den toten Körper des Pfarrers in den Fluss geworfen hatten, stiegen sie mit Blut verschmierter Uniform in den Wagen und fuhren noch in der gleichen Nacht nach Berlin.

Das Unheil nahm seinen Lauf.

Des Bösen stählerner Traum wurde immer mehr zur düsteren Wirklichkeit in Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt.

 

Ende


©Heinz-Walter Hoetter

 


Was geschah alles 1933?


30.1.1933: Reichspräsident Hindenburg ernennt Hitler zum Reichskanzler.

5.3.1933: Reichstagswahlen: Die Nationalsozialisten erhalten 43,9 % der Stimmen. Zusammen mit ihrem Koalitionspartner DNVP haben sie eine knappe absolute Mehrheit (52 %). Der Vertrauensbeweis Hindenburgs für Hitler hatte bei den Wählern tiefe Spuren hinterlassen.

2.5.1933: Zerschlagung der Gewerkschaften

22.6.1933: Betätigungsverbot für die SPD

26.6.1933: Gesetz zur Einziehung kommunistischen Vermögens (zu diesem Zeitpunkt praktisch schon vollzogen!). Die DNVP, die der NSDAP zu einer regierungsfähigen Mehrheit verholfen hatte, löste sich am 27.6.1933 auf (offiziell "Freundschaftsabkommen" mit der NSDAP)

28./29.6.1933: Selbstauflösung von Staatspartei (=DDP) und DVP.

5.7.1933: Selbstauflösung des Zentrums.


***


Mit dem Gesetz gegen die Neubildung von Parteien vom 14.7.1933 wurde die NSDAP zur einzigen zugelassenen Partei in Deutschland.

 

Am 1.12.1933 definierte das Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat die NSDAP als "Trägerin des deutschen Staatsgedankens und mit dem Staate unlösbar verbunden".

 

14.7.1933:"Gesetz gegen die Neubildung von Parteien". Die NSDAP ist nun die einzige Partei (Alleinherrschaft)

 

28.2.1933:Aus Anlass der Brandstiftung im Reichstagsgebäude durch einen Einzeltäter (die NSDAP spricht von einem kommunistischen Komplott!) werden mit einer Verordnung des Reichspräsidenten und mit Zustimmung der monarchistischen Regierungsmitglieder alle aufhebbaren Grundrechte der Weimarer Verfassung "bis auf weiteres außer Kraft gesetzt" (Gesetz "zum Schutz von Volk und Staat"). Der preußische Innenminister Göring (NSDAP) lässt kommunistische Abgeordnete verhaften.

 

23.3.1933:Der neue Reichstag stimmt mit der erforderlichen die Verfassung ändernde Mehrheit dem "Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich" (Ermächtigungsgesetz) zu; die SPD stimmte gegen das Gesetz; die Mandate der Kommunisten waren nachträglich aufgehoben worden. - Die Weimarer Verfassung bestand immer noch, sie wahr nur stark ausgehöhlt; der Reichstag wird formell nicht aufgelöst

 

Mit dem Ermächtigungsgesetz hatte die Legislative (Parlament) der Exekutive (Regierung) für 4 Jahre die Befugnis erteilt, Gesetze zu erlassen. Das Prinzip der Gewaltenteilung war aufgehoben. Auch der Reichspräsident war entmachtet. Das Ermächtigungsgesetz etablierte die nationalsozialistische Diktatur und öffnete den Weg zur Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft. 1937 wurde das Ermächtigungsgesetz auf weitere vier Jahre, 1943 auf unbestimmte Zeit verlängert.

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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