Heinz-Walter Hoetter

Drei verschiedene Kurzgeschichten

1. Schwerer Abschied
2. Äh, Mutter..., was machst du denn hier?
3. Der alte Indianerhäuptling



1. Schwerer Abschied


 

Die gewaltigen Grabsteine waren glanzlos und mit Staub bedeckt. An verschiedenen Stellen hatten Fundamentsenkungen und Bodenverschiebungen in ihnen Risse und Sprünge erzeugt, als hätten die Toten noch eine letzte verzweifelte Bewegung gemacht, um aus ihrem dunklen, ewigen Gefängnis herauszukommen. Ob es wirklich stimmte, dass manche Menschen während ihres Begräbnisses nur scheintot waren, ohne dass dies jemand bemerkte? Es musste entsetzlich sein, ohne die geringste Hoffnung auf Rettung in der grauenhaften Finsternis eines engen Sarges zu erwachen, langsam zu ersticken und zu fühlen, wie der Tod Kehle und Lungen in seinen Griff bekam, bis man schließlich in ewiger Dunkelheit versank...

Was ist, wenn sich jemand mit seinem eigenen Tod nicht abfinden kann, seine verzweifelte Seele um ihren gewaltsam entrissenen Körper trauert und die irdische Welt deshalb nicht verlassen will?

Die Geschichte beginnt...

Mehrere schlecht unterhaltene Fußwege durchkreuzten scheinbar ziellos das Friedhofsgelände. Das Gras und die Sträucher in dieser eigentümlichen Landschaft wuchsen an vielen Stellen wild und überall unter den Bäumen lag noch das schmutzig-braune Laub des letzten Jahres herum. Am Rande des Friedhofs, etwas abgelegen, befand sich ein schäbiger Lagerplatz mit einem ziemlich großen Abfallberg in der Mitte, den man dort aufgeschichtet hatte und auf dem sich nicht nur Teile alter zersplitterter Grabsteine befanden, sondern auch verrottete Sargbretter und möglicherweise sogar hier und da die Überreste des einen oder anderen Toten herum lagen, dessen Knochen beim Abtransport überschüssigen Erdreichs wohl versehentlich den Weg hierher gefunden hatten.

Der Friedhof ist sicherlich kein Platz auf den man mit Vergnügen zuging. An manchen Stellen, wo frisch beerdigt worden ist, hing über den Gräbern ein Geruch von Moder und Verwesung in der Luft. Es roch nach Tod. Hier durchdrang der Gestank alles und es schien, als hätte irgendetwas Unaussprechliches die Toten dazu veranlasst, abscheuliche Gerüche von sich zu geben, um die Lebenden – ihre einzigen Gegenspieler – abzuschrecken. Und in der Tat: Der Friedhof war die meiste Zeit menschenleer.

Unmittelbar vor ihm lag ein kleiner Parkplatz, der das einzige Zugeständnis zu sein schien, das die Gemeinde den Bedürfnissen der Moderne entgegengebracht hatte.

Mein Auto, ein grüner Aston Martin, stand direkt unter einer mächtigen Eiche, deren schwere Äste auf der vom Parkplatz abgewandten Baumseite fast bis zum Boden herunter reichten. Ich stellte den laufenden Motor ab, öffnete die Wagentür und stieg etwas schwerfällig aus. Nebenbei beobachtete ich aufmerksam und interessiert die gesamte Umgebung. Die Luft war gespannt wie ein Gummiband, das jeden Augenblick zerreißen konnte. Ein Gewitter kündigte sich an. Ich saugte tief an meiner Zigarette, überschaute die Gräber, von denen jedes einzelne eine eigene Geschichte erzählen könnte. Obwohl ich hier offenbar niemanden kannte, verursachte es in mir Schmerzen, die dicht beieinander liegenden Geburts- und Todesdaten zu lesen.

Das Friedhofsgelände stieg an. Plötzlich, ganz ohne Vorwarnung, fing es an zu regnen und ein heftiges Gewitter setzte ein. Da der Regen auf der Anhöhe freies Spiel hatte, waren hier die Wege mit tiefen Gräben und Furchen ausgewaschen. Das Regenwasser sammelte sich dort und schoss in Strömen auf beiden Seiten des Weges den Hügel hinunter.

Sollte ich doch lieber wieder kehrt machen und zum Wagen zurückgehen? Mein Blick wanderte zwischen den Bäumen hindurch hinüber zum Parkplatz, wo mein grüner Aston Martin einsam im prasselnden Regen stand. Einen kurzen Moment hielt ich inne, aber irgendetwas in mir trieb mich an, trotz des heftigen Gewitters weiter zu gehen. Die Zeit schien an diesem Ort der Sprachlosigkeit eigens für mich stehen geblieben zu sein, denn ich wusste, dass ich hier her gekommen war, um eine ganz bestimmte Sache ein für alle Mal ein Ende zu setzen. Ja, ich konnte und wollte diesmal nicht mehr zurück, denn zu lange schon irrte ich wie ein Fremder in einer Welt herum, die meine nicht mehr war. Wie ein ferngesteuerter Roboter durchschritt ich nacheinander schweigend jede einzelne Grabreihe.


Linkerhand: ein kleines Denkmal mit dem Foto einer jungen Mutter und eines kleinen Mädchens, dessen Gesichter mir seltsamerweise bekannt vor kamen. In der Mitte des liebevoll gepflegten Doppelgrabes schöne bunte Blumen. Erinnerungen von sehr nahen Angehörigen, die den Schmerz der Trauer all die Jahre nicht einfach so wegstecken konnten. So schnell heilt die Zeit offensichtlich die Wunden doch nicht. Auf dem Grabstein konnte man lesen, dass die Frau und dieses Kind schon vor vielen Jahren bei einen schlimmen Verkehrsunfall ihr blühendes Leben verloren hatten. Einen Augenblick lang blieb ich wie angewurzelt vor dem Grab der jungen Frau und des kleinen Mädchens stehen. Der Regen wurde jetzt immer heftiger. Gleißendhelle Blitze zuckten in wilden Zickzackkurven aus dunkelgrauen Gewitterwolken vom Himmel herab und tauchten das düstere Gelände des Friedhofs jedes Mal in ein gespenstisch aussehendes Licht, das, wenn es wieder verblasste, von einem dumpf grollenden Donnerschlag abgelöst wurde, der sich schließlich irgendwo in der Ferne des Horizonts langsam wieder verlor und immer schwächer wurde.

Weiter oben: noch ein Grab mit einem einfachen Holzkreuz. Hier lagen schon lange keine Blumen mehr und die schlichte Grabstelle machte einen etwas verwilderten Eindruck. Hinter dem Grab wuchs eine kleine Trauerbirke trotzig aus dem von Moos bewachsenen Boden in die Höhe, als wolle sie jedem Besucher des Grabes ausgerechnet hier von ihrer Lebenskraft und ihrem unbeugsamen Lebenswillen künden.

Langsam schritt ich auf das einsam da liegende Grab zu und blieb schließlich davor stehen. Der heftige Regen peitschte mir ins offene Gesicht und tief in Gedanken versunken betrachtete ich mit dem wehmütigen Blick meiner trübseligen Augen sehr lange die kunstvoll eingravierte Schrift des Holzkreuzes, bis plötzlich, Bild für Bild, immer deutlicher werdend, jene grauenhaften Erinnerungen an einen fürchterlichen Unfall in mein schwerfälliges Gedächtnis zurück kehrten, der sich vor vielen Jahren nicht weit von hier auf einer kurvenreichen Landstraße ereignet hatte.

Die Umgebung des Friedhofs verschwand allmählich vor meinen Augen und von einer Sekunde auf die andere saß ich plötzlich wieder am Steuer meines Aston Martins. In regelmäßigen Abständen zogen hohe, majestätisch aussehende Alleebäume an mir vorbei, durch deren grünes Blätterwerk die hellen Lichtstrahlen einer wohlig warmen Sommersonne hindurch schienen. Ja, es war ein herrlicher Sommertag und hoch droben im wolkenlosen Himmelblau hörte man das lustige Zwitschern vieler verschiedener Vogelarten und in der Ferne konnte man schon zwischen den vielen sanften Wiesenhügeln einen Kirchturm und die geduckten Häuser eines kleines Dorfes erkennen.

Schon die ganze Zeit über fuhr ein schäbig aussehender Kombi eigentlich viel zu langsam vor mir her, der offenbar von einer jungen Frau gelenkt wurde. Ich wollte den Wagen absichtlich nicht überholen, weil ich mir einfach vorgenommen hatte, strikt hinter ihm zu bleiben, um so die an mir vorbeiziehende schöne Landschaft besser genießen zu können. Dann kam diese komische Kurve.

Auf einmal sah ich voller Schrecken eine riesige Staubwolke vor mir aufsteigen, die noch im gleichen Moment von einem harten metallischen Knall begleitet wurde. Reifen quietschten, Glas splitterte und plötzlich war wieder absolute Stille. Langsam bremste ich meinen Aston Martin vorsichtig ab, steuerte ihn auf den rechten Grünstreifen zu und hielt schließlich zwischen zwei Alleebäumen an, um dann so schnell wie möglich das Durcheinander der Unfallsituation genauer in Augenschein zu nehmen.

Direkt hinter der unübersichtlichen Kurve war ein Bauer mit seinem übergroßen Traktor aus einem seitlichen Feldweg kommend einfach auf die Landstraße gefahren, hatte dabei wohl den ankommenden Kleinwagen der jungen Frau total übersehen und war kurz darauf voll in die rechte Seite ihres Autos gekracht, aus dessen Innern man jetzt jämmerliche Hilfeschreie hörte.

Mittlerweile war ich aus meinem Aston Martin ausgestiegen und beeilte mich, so schnell es ging, die schrecklich aussehende Unfallstelle zu erreichen. Überall lagen Glassplitter und abgerissene Blechteile herum und ein beißender Qualm verteilte sich langsam träge dahin kriechend gleichmäßig nach allen Seiten. Die beiden kollidierten Fahrzeuge waren so unglücklich ineinander verkeilt, dass sie die Landstraße in beiden Fahrtrichtungen völlig blockierten. Ich rannte deshalb gleich hinüber zur Fahrerseite des Kombis, um nach der jungen Frau zu sehen, die immer noch Hilfe schreiend hinter ihrem Steuer saß.
Offensichtlich hatte sie großes Glück gehabt, denn sie war, zumindest auf den ersten Blick, bis auf ein paar Schrammen im Gesicht und an den Händen, völlig unverletzt geblieben. Als ich schließlich die Fahrertür mit einem heftigen Ruck öffnete, stieg sie, zwar immer noch etwas benommen, auch sofort aus, deutete aber gleichzeitig mit heftig geführten Handbewegungen auf den Rücksitz ihres Wagens. Erst jetzt erkannte ich ein kleines Mädchen, das leises weinend festgezurrt wie eine Puppe in den breiten Bändern des Sicherheitsgurtes auf dem Rücksitz saß und schluchzend nach seiner Mutter fragte. Ich redete daher sanft und beruhigend auf sie ein, stellte dabei glücklicherweise fest, dass auch sie Gott sei Dank bei dem Aufprall nur leicht verletzt worden war, aber unter Schock stand. Die Bergung stellte sich, entgegen meinen Befürchtungen, als völlig unproblematisch heraus. Obwohl die Hecktür des Wagens ziemlich arg verbeult war, ließ sie sich zu meiner Überraschung erstaunlicherweise ohne große Schwierigkeiten öffnen, sodass ich das hilflose Mädchen über den weichen Rücksitz nach hinten vorsichtig aus dem Auto ziehen konnte.

Die besorgte Mutter war mittlerweile an den Rand der Landstraße gegangen, um dort auf ihre kleine Tochter zu warten. Direkt neben ihr stand der Fahrer des bulligen Traktors, ein alter Bauer aus einem des hier ganz in der Nähe liegenden Dorfes. Er machte allerdings auf mich einen etwas verwirrten Eindruck, bot sich aber trotz seiner miesen Lage dazu an, sofort ins nächste Dorf zu gehen, um per Telefon den Krankenwagen und die Polizei zu alarmieren. Ich war natürlich damit einverstanden. Dann machte er sich auf den Weg und bald war er hinter der nächsten Straßenbiegung verschwunden.

Dann geschah plötzlich etwas, womit niemand gerechnet hatte.

Gerade in dem Moment nämlich, als ich das leise wimmernde Mädchen der völlig aufgelösten Mutter in die Arme legen wollte, hörte ich hinter mir das laute Dauerhupen eines heftig rumpelnden LKW’s, dessen Fahrer den Unfall in der unübersichtlichen Kurve wohl einfach viel zu spät bemerkt hatte und jetzt mit überhöhter Geschwindigkeit direkt darauf zu raste.

Starr vor Schreck und wie gelähmt sahen wir noch, wie das riesige Fahrzeug plötzlich zu schleudern anfing und schließlich wie ein immer größer werdender tödlicher Schatten ungebremst direkt auf unsere Straßenseite zuschoss. Die junge Mutter mit ihrem verletzen Kind auf dem Arm und ich, der unmittelbar vor den beiden stand, hatten einfach keine Chance mehr, um noch rechtzeitig in irgendeine Richtung ausweichen zu können. Die schlimmen Dinge nahmen ihren Lauf. Es kam, was kommen musste.

Alle drei wurden wir, wie von einer gewaltigen Faust getroffen, mit voller Wucht zu Boden geschleudert und das Letzte, was ich noch für den Bruchteil einer Sekunde zu sehen bekam, war der tiefblaue, wolkenlose Himmel über mir, bevor sich eine unbeschreibliche Stille in mir ausbreitete und mein schwindendes Bewusstsein in eine tiefe, endlose Dunkelheit versank.

***
Irgendwann wachte ich wieder auf und saß mit dem Kopf vorn über gebeugt am vertrauten Lenkrad meines Aston Martins, der am Rand einer Landstraße zwischen zwei Alleebäumen stand. Hatte ich etwa geschlafen? Die wärmende Sonne schien wie immer ohne Unterlass, der Himmel leuchtete in einem tiefen Blau und die Vögel zwitscherten von allen Seiten wie immer lustig durcheinander.

Ziemlich benommen griff ich nach dem Zündschlüssel, startete den Motor meines Wagens, schaute dabei noch einmal aufmerksam nach allen Seiten und fuhr schließlich langsam auf die vor mir liegende Landstraße, welche mir auf seltsame Art und Weise irgendwie bekannt vor kam. Wie oft war ich eigentlich schon hier gewesen? Fing jetzt wieder alles von vorne an?

Vor einer scharfen Kurve musste ich das Tempo meines Aston Martins vorsichtshalber etwas drosseln und schaltete deshalb einen Gang zurück. Als ich schließlich die Kurve durchfahren hatte und schon wieder Gas geben wollte, bemerkte ich auf der anderen Straßenseite ein kleines Mädchen, das einsam und verloren zwischen zwei mächtigen Alleebäumen stand. Sie winkte aufgeregt mit ihren zarten Ärmchen und schien mir etwas zuzurufen, aber ich konnte sie wegen des lauten Motorengeräusches nicht hören und begriff nicht, was sie von mir wollte. Außerdem war ich mittlerweile auch schon viel zu weit weg und eine Umkehr hielt ich nicht für nötig.

Wahrscheinlich nur ein Kind aus dem Dorf, dachte ich so für mich, das sich einfach zu weit von seinem Elternhaus entfernt hatte und drückte etwas mehr aufs Gaspedal, um die Geschwindigkeit meines Fahrzeuges zu erhöhen. Tief in meinem Inneren aber wusste ich nur zu gut, dass ich auch diesmal wieder die bittere Wahrheit absichtlich verdrängte und in panischer Angst vor mir selbst flüchtete.

Plötzlich befand ich mich wieder auf dem Friedhof. Der Regen hatte um keinen Deut nachgelassen, dafür war aber das Grollen des Gewitters weiter gezogen. Immer noch in meinen Gedanken versunken stand ich wie nach einem Zeitsprung wieder vor jenem Grab, von dem ich ganz genau wusste, dass es mein eigenes war.
Seit meinem Tod damals bei dem schweren Unfall auf der Landstraße durchstreifte meine ruhelose Seele die Welt der Lebenden, in der ich wie ein heimatloser Fremdkörper herumwanderte. Wie oft war ich schon hier gewesen, hier an diesem stillen Ort meiner eigenen Ruhestätte, wo die Trauer für mich kein Ende nehmen wollte.
Völlig unverhofft für mich stand auf einmal das kleine Mädchen neben mir, welches ich noch vor wenigen Augenblicken am Rande der Landstraße zwischen den beiden hohen Alleebäumen gesehen hatte. Eigentlich wusste ich schon lange wer sie war, und ich ahnte auch diesmal, was sie von mir verlangen würde. Stets hatte ich sie in der Vergangenheit aber aus Trotz und Selbstmitleid mit voller Absicht schlichtweg ignoriert.
Als ich zu ihr rüber sah, schaute sie mich mit ihren großen traurigen Kinderaugen an und fragte mich mit leiser Stimme: „Warum kommst du nicht mit? Wir warten schon so lange auf dich, und meine Mutter ist sehr traurig darüber, dass sie immer noch nicht weiß, wer du eigentlich bist. Sie will dich unbedingt kennen lernen! Wie lange hast du noch vor, dich mit Selbstzweifel zu quälen? Du gehörst doch gar nicht mehr in diese Welt! Sieh’ das doch endlich ein! Tu jetzt den letzten Schritt und geh’ nicht wieder einfach fort!“

Dann schaute sie zu mir hoch, nickte mit ihrem wunderschönen blonden Lockenkopf und verriet mir dann ihren Namen: „Ich heiße übrigens Angela!“

„Also Angela heißt du? – Das ist aber ein wirklich schöner Name, mein Kind“, sagte ich leise zu ihr und antwortete gleich darauf meine Stimme etwas anhebend: „Und ich heiße Georg.“ – Dann sprach ich weiter: „Ja, du hast Recht, Angela! Es wird Zeit endlich einen Schlussstrich zu ziehen, für immer! Heute stehe ich zum letzten Mal an meinem eigenen Grab. Ich habe meine verzweifelte Trauer endlich überwunden und werde diese Welt noch heute mit dir zusammen für immer verlassen. Meine Seele soll endlich Ruhe finden.“

Am Ausgang des kleinen Friedhofs, genau dort, wo immer noch das eiserne Friedhofstor weit offen stand, leuchtete plötzlich ein heller Blitz auf, der sich schnell und gleichmäßig pulsierend zu einem glanzvollen Lichtportal ausweitete. Angela und ich gingen langsamen Schrittes darauf zu, und je mehr ich mich dem gleißendhellen Eingang näherte, desto mehr verschwanden die schattenhaften Konturen der alten Welt hinter mir, wobei die der neuen dafür umso mehr an Gestalt gewannen.
Dann sah ich zum ersten Mal Angelas Mutter nach so langer Zeit wieder, die mitten im hellen Lichtkranz freundlich lächelnd und mit weit ausgestreckten Armen auf uns beide wartete. Ich war endlich dort angekommen, wo Zeit Ewigkeit ist.

***

Ach ja, bald hätte ich’s vergessen! Solltet ihr mal irgendwo auf einem Friedhofsparkplatz einen grünen Aston Martin herrenlos vor einer großen, knorrigen Eiche einsam herumstehen sehen, könnte es sich dabei möglicherweise um meinen handeln. Schaut nach, ob der Zündschlüssel noch steckt!

 

Wer ihn findet, der darf ihn mitnehmen und behalten. Ich verlange dafür nichts weiter, als dass er für alle Verstorbenen ein kleines Gebet spricht.

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

***

 

 

2. Äh, Mutter..., was machst du denn hier?


 

Tanja und Rosi waren zwei 19jährige Näherinnen, die sich schon seit ihrer Schulzeit her kannten. Man konnte sie als sehr gute Freundinnen bezeichnen, die alles miteinander teilten. Beide waren in der gleichen Firma tätig, in der auch der gut aussehende, 32 Jahre alte Andreas M. als Bandleiter an einem Taktband arbeitete. Andreas hatte schon sehr früh ein Auge auf die beiden äußerst hübschen Arbeiterinnen geworfen, die gleichzeitig vor etwas mehr als zwei Jahren in seiner Abteilung für exklusive Herrenmoden als angelernte Maschinennäherinnen eingestellt worden waren.

 

Auf einer Betriebsfeier hatte er dann Tanja in Gegenwart von Rosi angebaggert und von ihnen lediglich zu hören bekommen, dass er sie schon beide „nehmen“ müsse, wenn es ihm nicht zu viel sein würde.

 

Andreas M. war sich ziemlich unsicher darüber gewesen, wie er die laszive Aussage der beiden Mädchen aufzufassen hatte. War alles nur Spaß gewesen oder steckte mehr dahinter?

 

Erst zur fortgeschrittener Stunde auf dem Tanzparkett in der festlich dekorierten Kantine flüsterte Tanja ihm ins Ohr: „Von mir und Rosi kannst du haben, was du willst. Wir geben dir alles, wonach dein Männerherz sich sehnt. Sex ohne tabu. Lass es darauf ankommen. Wir könnten noch heute Abend, gleich nach der Betriebsfeier, zu dir gehen, wenn du nichts dagegen hast.“

 

Andreas M. war gerade ohne Beziehung. Sex konnte er jetzt gut gebrauchen und er war darüber hinaus mehr als neugierig auf die beiden reizenden Girls, die sich ihm so offen für ein ungewöhnliches Liebesabenteuer anboten.

 

Weit nach Mitternacht ließen sich alle drei schließlich, schon ziemlich angeheitert, mit einem Taxi direkt zu Andreas Wohnung fahren, wo die beiden aufgeheizten Mädchen schon an der Tür die Weichen für den Rest der Nacht stellten.

 

Herr M. schwitzte wie ein schnaufender Ackergaul vom anstrengenden Treppensteigen. Er wohnte immerhin im fünften Stock eines alten, aber sehr ruhigen Mietshauses, das allerdings keinen Aufzug hatte.

 

Zuerst gab Tanja ihm einige zärtliche Küsse auf seine hochroten Wangen, dann kam Rosi von hinten, hielt sich an seinem Hals fest, drehte seinen Kopf langsam zu ihr rüber und zeigte ihm, was sie unter „knutschen“ verstand, nämlich einen intensiven Zungenkuss.

 

Andreas M. war mehr als überrascht, lies aber alles willig über sich ergehen. Einen Rückzieher konnte er jetzt sowieso nicht mehr machen. Er wollte das auch jetzt gar nicht mehr, denn sein Schwanz wurde langsam immer steifer.

 

Der lange Kuss von Rosi hatte ihm fast die Luft zum Atmen geraubt, und als sie fertig war, da hing schon wieder Tanja an seinen Lippen.

 

Sie ging diesmal noch schärfer ran, schob vorsichtig ihre Knie zwischen seine Schenkel und deutete damit an, was sie sich jetzt am liebsten wünschte. Mit der rechten Hand fuhr sie ihrem verblüfften Bandleiter über den abstehenden Hosenschlitz und stellte zufrieden fest, dass sein Penis mittlerweile schon hart wie ein Eichenknüppel geworden war.

 

Offenbar gefiel Andreas M. die Anmache seiner beiden jungen Mitarbeiterinnen, und vor geiler Vorfreude darauf, es zum ersten mal in seinem Leben mit zwei Frauen zu treiben, ließ ihn schon jetzt in die Unterhose abspritzen.

 

Seine Fantasie ging mit ihm durch. Er hatte im Augenblick nichts anderes im Kopf, als die eine sofort herrlich zu vögeln und die andere zu sich über seinen Kopf zu ziehen, um ihrer süßen kleinen Muschi die Flötentöne beizubringen.

 

Tanja und Rosi drängelten nach diesem heißen Vorspiel im Hausflur ihren sexuell erregten Stier dazu, endlich die Wohnungstür zu öffnen.

 

Andreas M. fingerte nervös nach seinem Hausschlüssel und fand ihn schließlich in der rechten Brusttasche seiner schwarzen Lederjacke.

 

Mit leicht zitternden Händen wollte er den Schlüssel ins Schloss stecken und musste einige Augenblicke später dummerweise feststellen, dass dieser einfach nicht passte.

 

Wie er den silbrig farbigen Schlüssel am klimpernden Schlüsselbund auch drehte und wendete: ER PASSTE EINFACH NICHT IN DIESES VERDAMMTE SCHLÜSSELOCH!

 

Vor lauter Ärger und Frust schlug er mit der Faust einfach gegen die Tür, die sich plötzlich wie von selbst öffnete und eine etwas ältere Dame ohne Hemmungen zu ihm sagte: „Mein Sohn, was soll der Krach hier an deiner Wohnungstür, noch dazu um diese nachtschlafende Zeit? Du weckst die ganze Nachbarschaft damit auf! Komm sofort rein und lass den Unsinn! Und was sind das für Frauen, die du da angeschleppt hast. Bild dir bloß nicht ein, dass die hier reinkommen. – Schick’ sie weg! Ich will meine Ruhe haben, wenn ich dich schon mal besuchen komme. Du hast übrigens aus Versehen meinen Schlüsselbund mitgenommen, als du heute morgen von mir weggefahren bist. Ich bin später mit der Straßenbahn zu dir gefahren und hab mich die ganze Zeit in deiner Wohnung aufgehalten. Dein Schlüssel liegt auf dem Küchentisch. Ich hab ihn dort hingelegt, damit du ihn nicht übersehen kannst. Außerdem möchte ich noch ein paar Tage bleiben. - Wo hast du bloß deinen Kopf, mein Junge.“

 

Andreas M. betrachtete mit verschämten Blick und hochrotem Schädel zuerst die Schlüssel in seiner Hand und dann die alte Dame, die in ihrem langen Schlafmantel und mit tiefernster Miene resolut zwischen Tür und Angel stand.

 

Stotternd brachte er nur noch die Worte heraus: „Äh, Mutter..., was machst du denn hier?“

 

Damit war der Rest des Abends für alle drei sozusagen 'gelaufen'.

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

 

3. Der alte Indianerhäuptling


 

Die Sonne schien heiß vom Himmel herab. Trotzdem verlor das Land langsam die grüne Farbe. Bäume und Sträucher legten nach und nach ihre Blätter ab und standen bald kahl im Wind. Der Herbst verstrich allmählich in den Winter über. Der Frost kündigte sich an.

Mr. Tom White, der Anthropologe indianischer Abstammung, wühlte mit einem Spaten in der lockeren Erde herum und beobachtete dabei hin und wieder die nähere Umgebung. Alles war ruhig. Hier draußen schien er weit und breit wirklich der einzige Mensch zu sein. Kein Wunder, schoss es ihm durch den Kopf. Die Fremden hatten wirklich ganze Arbeit geleistet. Die einstmals hier ansässigen Indianerstämme waren alle auf geheimnisvolle Weise verschwunden, doch niemand wusste wohin.

Mr. White wühlte weiter. Obwohl er schon fast fünfundsechzig Jahre auf dem Buckel hatte, verfügte er über eine gute körperliche Kondition. Grabungsarbeiten dieser Art machten ihm für gewöhnlich nichts aus. Das Blut seiner Vorfahren, die Comanchen, die einst vor langer Zeit hier gelebt hatten, brach sich wohl immer wieder Bahn in freier Natur.

Er dachte darüber nach, dass er noch immer auf der Suche nach einer schwachen Stelle in Jackson Hill war, einer Stadt, die seine nicht war. Doch eine Flucht von hier schien unmöglich und bald würde man ihn, zusammen mit den anderen, von hier wegschicken. Danach könnte es zu spät sein und seine Probleme würden niemanden mehr interessieren.

Der Spaten traf plötzlich beim nächsten Stoß auf einen harten Gegenstand. Der alte Anthropologe hielt inne, legte das Grabungswerkzeug beiseite, kniete nieder und grub mit bloßen Händen weiter. Der trockene Boden war locker, fast wie Sand. Dann sah er diesen Stein, der noch zur Hälfte in der Erde steckte. Mr. White zog ihn vorsichtig heraus und betrachtete ihn neugierig.

Es handelte sich um einen recht häufig vorkommenden Feuerstein in dieser Gegend, der etwa eine Länge von zehn Zentimetern hatte und offenbar von Menschenhand grob gemeißelt und zugespitzt worden war. Vielleicht hatte er zu einem Speer, zu einer kleinen Steinaxt oder eventuell sogar zu einem Steinmesser gehört. Im Augenblick konnte Mr. White auch nichts genaueres darüber sagen, ob der Stein von den Apachen oder den Comanchen stammte; ganz sicher war er aber von einer der unzähligen Indianer-Gruppen, die in Urzeiten den teilweise wüstenähnlichen Prärielandstrich hier bevölkerten und alle längst zu Staub zerfallen waren.

Der Anthropologe fröstelte auf einmal. Und das lag bestimmt nicht nur am Wind allein.

Beim Betrachten des Artefaktes dachte White daran, wie umwerfend für ihn die ersten Stunden in der Anthropologie gewesen waren. Er erinnerte sich an die nächtelangen Diskussionen, die manchmal heftig geführten Streitgespräche und all die vielen Bücher, die ihm eine neue, geheimnisvolle Welt erschlossen hatten. Aber das war schon lange her und Indianer, wenngleich stark an die amerikanische Zivilisation angepasst, gab es hier damals noch in großer Zahl, als er noch ein junger Bursche war.

Mr. White dachte auch an seine jugendliche Zuversicht, die absolute Gewissheit, mit seinem zukünftigen Forscherberuf die Schlüssel zu jenen Türen zu besitzen, die sich anderen Menschen nie öffnen würden. Und doch stellte er sich manchmal die Frage: Welchen Nutzen hatte er für sich und die Zukunft daraus gezogen? Wann hatte sich die Gewissheit in Ungewissheit verwandelt? Ja sogar in Furcht? Irgendwann im Verlauf seines Lebens war jedenfalls der jugendliche Schwung bei seiner Arbeit verflogen. Vielleicht lag es daran, dass seine Erkenntnisse mehr Fragen als Antworten hergaben? Er stellte sich auch die zweifelnde Frage, ob er selbst irgendwann, irgendwo auf der lange Strecke seines zurückliegenden Arbeitslebens versagt hatte.

Der alte Forscher richtete sich behäbig auf und stand noch lange Zeit mit dem steinernen Fundstück in der Hand so da, ehe er langsam wieder in die Stadt zurückging, die ihm während seiner zurückliegenden Untersuchungen immer unheimlicher wurde. Das, was er hier tat, war nur eine Tarnung, um die Fremden von seiner wahren Mission abzulenken.

***

Am Abend, als es draußen noch kälter wurde und die Sonne schon längst verblasst war, ging Mr. White wie immer zum Essen ins Restaurant, das gleich zwei Häuser weiter neben seinem Hotel auf der gleichen Straßenseite lag. Zwei Stunden verbrachte er dort, aß gut und ging danach noch etwas spazieren, bevor er ins Hotel zurück marschierte. Auf dem Weg dorthin dachte er über diese Stadt nach, die sich Jackson Hill nannte. Diese kleine Stadt verbarg ein Geheimnis und stand mit irgend etwas in Verbindung, mit irgendeiner Macht im All. Er wusste es, doch er fürchtete sich davor, es auszusprechen. Diese Stadt war von Außerirdischen okkupiert worden, die rein äußerlich wie Menschen aussahen, sich genauso verhielten und von einem amerikanischen Normalbürger nicht oder nur sehr schwer zu unterscheiden waren.

Als der Anthropologe schließlich im Hotel vor seiner Zimmertür stand, bemerkte er, dass sie ein wenig offen stand. Das Licht brannte. Neugierig drückte er die Tür noch weiter auf und nahm an, dass sich das Zimmermädchen darin befinden würde. Doch da hatte sich Mr. White geirrt.

In seinem Zimmer warteten zwei Männer auf ihn.

Es waren zwei große, sympathische Kerle, die alles andere als unheilvoll auf Mr. White wirkten. Beide waren sportlich gekleidet und hätten genauso gut gerade von einem Tennisplatz kommen können. Einer der beiden rauchte Pfeife.
Er kannte jedoch keinen von ihnen.

„Hallo, Mr. White“, sagte der Mann mit Pfeife lässig und grinste dabei frech, „hoffentlich haben wir Sie nicht erschreckt.“

„Und ob Sie das haben! Was machen Sie überhaupt in meinem Zimmer und wie sind Sie hier reingekommen?“

„Das erklären wir Ihnen später. Wir würden uns nur gern mit Ihnen unterhalten, Mr. White – falls Sie Zeit für uns haben. Sie scheinen ja ganz schön beschäftigt zu sein, wie man sieht. Sie haben sich eine Menge Notizen gemacht. Höchst interessant, wirklich.“

Der Pfeifenraucher deutete mit der freien Hand auf die am Boden herumliegenden, beschrifteten Papierblätter.

„Wissen Sie, ich bin Anthropologe, schreibe und zeichne viel. Das gehört zu meiner Arbeit. Aber fühlen Sie sich ruhig wie zu Hause, meine Herren. Wenn Sie irgendwelche Fragen haben sollten, stehe ich Ihnen natürlich gerne zur Verfügung. Aber zuerst möchte ich wissen, wer Sie sind und was Sie hier zu suchen haben. – Wollen Sie mich etwa entführen?“

Der Kerl mit der Pfeife lächelte etwas und sagte dann: „Sie kommen der Sache schon ziemlich nahe. Nicht entführen, aber freiwilliges Mitkommen würde ich mal sagen. Zum Schiff natürlich, wohin denn sonst Mr. White? Sie haben es doch gesehen – oder etwa nicht?“

Mr. White nickte fast automatisch mit dem Kopf. Seine Gedanken, die sich plötzlich wie im Kreis drehten, kamen immer wieder auf das Raumschiff zurück, welches er vor genau zwei Tagen da draußen in der nächtlichen Wildnis, keine zwei Meilen vor der Stadt, gesehen hatte. Widerstand war sowieso zwecklos, denn die beiden Burschen vor ihm waren ihm kräftemäßig haushoch überlegen.

„Ich bin interessiert, meine Herren“, sagte der Anthropologe mit ruhiger Stimme und riss sich dabei innerlich zusammen. Ein mulmiges Gefühl stieg in ihm auf. Seltsamerweise spürte er dennoch keine Furcht, Das mochte wohl daran liegen, dass er sich inzwischen mit der Situation vertraut gemacht hatte und dass das hier viel zu unwirklich war, um sich tatsächlich fürchten zu können.

Der Pfeifenraucher nickte seinem Kollegen vielsagend zu und alle drei verließen zusammen das Hotel.

Sie stiegen in einen schwarzen Wagen und fuhren zur Stadt hinaus. Die beiden Fremden hatten die Vordersitze eingenommen und ließen Mr. White allein auf dem Rücksitz. Nach etwa zwanzig Minuten Fahrt bog der Wagen in einen kleinen Feldweg und blieb zehn Meter weiter in der Dunkelheit stehen. Der Fahrer stellte den Motor ab und schaltete das Licht aus. Kurz darauf verließen die drei Personen das abgestellte Fahrzeug und gingen schnurstracks auf einen offenen Weidezaun zu.

Mr. White entdeckte sie sofort. Die fünf bis sechs Meter große Kugel, die wie ein überdimensionaler Wasserball aussah. Das Ding bewegte sich leicht auf und ab in der Mitte einer kleinen Wiesensenke. Als sie dicht vor dem metallisch glänzenden Gebilde standen, öffnete sich sofort eine automatische Tür, und helles Licht strömte ihnen aus dem Innern entgegen. Nachdem alle eingestiegen waren, schloss sich die Tür wieder mit einem leisen Zischen. Wenige Augenblicke später erhob sich die Kugel in die Luft und Mr. White hatte das Gefühl, in einem rasenden Fahrstuhl nach oben zu sitzen. Obwohl er darum bemüht war, sich nichts anmerken zu lassen, konnte er es nicht verhindern, dass sein Herz wie verrückt in seiner Brust hämmerte und sein Blut in den Ohren rauschte. Aber er hatte nicht die geringste Angst. Er wunderte sich nicht einmal darüber und nahm alles hin, weil ihm gar nichts anderes übrig blieb.

***

Irgendwann gab es einen sanften Ruck und die Kugel drehte sich langsam einmal um ihre eigene Achse, bis sie offenbar von irgendwas erfasst und arretiert wurde. Dann kam sie gänzlich zur Ruhe. Alles ging fast geräuschlos vor sich.

Der Pfeifenraucher drehte sich auf der Stelle herum und schaute Mr. White mit seltsam starren Blick an.

„Ich möchte Ihnen etwas zeigen, was Sie sicherlich vorher noch nie gesehen haben. Erschrecken Sie bitte nicht, schließlich sind es ja die anderen, denen Sie schon die ganze Zeit wie vom Teufel besessen auf der Spur waren.“

Der Fremde stand auf und bat Mr. White, ihn zu begleiten.

Die Tür der Kugel öffnete sich wieder mit einem leisen Zischen und der Anthropologe verließ zusammen mit den beiden anderen Männern das Innere des Flugkörpers. Sie kamen durch eine Seitentür auf den Korridor eines riesigen Raumschiffes, das innen hell erleuchtet war. Mr. White empfand die Luft hier drinnen etwas dünner, als auf der Erde. Die Fremden marschierten mit ihm zusammen durch viele Gänge, passierten unzählige Türen und wuchtig geformte Schotts. Sogar Fahrstühle konnte Mr. White ausmachen und weitläufig angelegte Decks beobachten, auf denen bizarre Miniraumschiffe parkten.

Ganz plötzlich blieben die beiden Männer vor einer verschlossenen Tür stehen und der Pfeifenraucher drückte auf einen Knopf. Leise summend verschwand sie in einer hohlen Wand und ein bewaffneter Posten trat ins Bild.

„Der gehört zu uns. Es hat alles seine Richtigkeit“, sagte der Begleiter des Pfeifenrauchers zu dem Wachposten, der nur kurz nickte und sich wieder davon machte.

Hinter dem Eingang befand sich ein großer Raum, der große Ähnlichkeit mit einem Kinosaal hatte. Es gab etwa zwanzig Reihen mit bequemen Sesseln. Dort, wo man auf der Erde eine weiße Leinwand erwarten würde, befand sich jedoch ein flimmernder Energievorhang, der sanft zu pulsieren schien.

Die beiden Fremden setzen sich in die vorderste Reihe und wiesen dem Anthropologen an, ebenfalls Platz zu nehmen.

„Nun werden Sie uns kennen lernen, Mr. White. Das wollten Sie doch schon immer – oder? Wir haben Sie seit Ihrer Ankunft in Jackson Hill beobachtet und wussten schon bald, wonach Sie suchten. Sie hatten zuerst nur einen Verdacht, doch dann sind Sie auf unser Geheimnis gestoßen, dass diese kleine Stadt durch uns infiltriert worden ist. Ihr Pech, muss ich schon dazu sagen, denn wir können Sie nicht einfach so wieder gehen lassen, ohne Gefahr zu laufen, von der übrigen Menschheit entdeckt zu werden. Nicht das wir euch fürchten, im Gegenteil, Mr. White. Wir sind eine friedliche Rasse, trotz unserer hochtechnisierten Hyperzivilisation. Unsere Waffen sind denen der Menschen weit überlegen. Nur eure Atombomben könnten uns gefährlich werden, weil ihr sie möglicherweise sogar in selbstmörderischer Absicht einsetzen würdet und damit euren eigenen Planeten in eine tote Wüste verwandeln könntet. Das wollen wir natürlich nicht, denn wir streben danach, dass uns die Erde unversehrt in die Hände fällt. Wissen Sie, wir hatten schon Raumschiffe, da sprangen die Vorfahren des Homo sapiens sapiens noch auf den Bäumen herum, Mr. White. Als wir euren Planeten schließlich entdeckten, waren wir uns darüber einig, eine ganz besondere Strategie der Eroberung anzuwenden, die ich Ihnen aber nicht näher erklären möchte. Sie würden das sowieso nicht verstehen. Sie haben aber gleich die Gelegenheit dazu, diese Art des „humanen Vorgehens“ selbst am eigenen Körper zu erfahren. Also machen wir es kurz und fangen an.“

Die Energiewand vibrierte plötzlich. Mr. White hielt den Atem an, weil er merkte, dass er auf einmal ins Bodenlose fiel. Er versuchte instinktiv weiter zu atmen, aber da war keine Luft, sondern nur ein gigantischer, pechschwarzer Tunnel, größer als Erde und Mond zusammengenommen. Der alte Forscher fiel und fiel mit dem Kopf voran nach unten, auf ein unendliches Meer von hell strahlenden Lichtern zu.

Der rasante Sturz beschleunigte sich noch, bis er urplötzlich endete und Mr. White eine gewaltige Armada von Raumschiffen erblickte, die sich alle am Rand des dunklen Tunnels befanden. Sie näherten sich diesem Rand und nahmen Kurs auf Billionen von Sternen, die sich auch ihm in einem dahinter liegenden Universum offenbarten. Mr. White wusste: Das war nicht das Universum, in dem die Menschen existierten.

Der Anthropologe wollten schreien, als sich der dunkle Tunnel schlagartig weitete und die äußeren Ränder ins schier Grenzenlose verschwanden. Er hatte das Gefühl, ganz ohne Raumanzug im All zu schweben, das ihn zu verschlingen drohte. Plötzlich tauchte vor seinem Gesicht, wie aus einem trüben Nebelschleier kommend, das schemenhafte Bild eines alten Indianers auf. Dann verlor Mr. White das Bewusstsein.

Eine unendliche Stille breitete sich in ihm aus.


 

***


 

Der Himmel war von unzähligen Sternen bedeckt. Fern im Osten, wo eine flache Hügelkette den dunklen Horizont säumte, sah der alte Indianerhäuptling die ersten schwachen Strahlen der Morgensonne heraufziehen. Sein Stamm der Comanchen lag noch im tiefen Schlaf. In der Ferne heulte ein einzelner Kojote.

Der alte Indianerhäuptling stand aufrecht mit erhobenen Hauptes vor seinem Wigwam und hielt einen etwa zehn Zentimeter langen, grob gemeißelten Feuerstein in seiner rechten Hand, den er immer wieder mit wehmütigem Blick betrachtete. Es war ein Andenken aus einer fernen Welt, der Erde, die er nie wieder sehen würde, das wusste Mr. White nur zu gut. Die Fremden aus dem All waren verschwunden und hatten ihm dieses steinerne Artefakt von seinem Heimatplaneten anscheinend als greifbare Erinnerung mitgegeben.

Ohne ein Wort zu sagen, verließ er das Indianerdorf und vergrub den spitz geformten, messerscharfen Feuerstein etwa eine halbe Meile entfernt davon irgendwo im sandig trockenen Prärieboden. Danach kehrte er zurück ins Dorf, setzte sich vor den Eingang seines Zeltes und blickte hinauf zu den schimmernden Sternen einer Welt, die seine nicht war.



(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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