Klaus Mattes

Ich habe auch einen Roman geschrieben / 0020

Als ich vor Jahren in einem Kaufhaus am Kopierer stand und einen Packen aus meiner privaten Korrespondenz kopierte, stand hinter mir eine nette alte Dame, die sagte: „Ach hetzen Sie sich nicht ab, lassen Sie sich Zeit mit Ihrem Roman! Ich habe auch einen Roman über mein Leben geschrieben. Den gibt es übrigens immer noch zu kaufen.“ So, wie die aussah, hätte ich ein Buch von ihr nicht erwartet. Man trifft manchmal auch diese etwas verblühten, Single gebliebenen, Lebemänner, die einem sagen: „Ich habe so viel erlebt. Ich könnte ein Buch schreiben.“

Meine Frage ist: „Welchen Plan verfolgt der Mensch, wenn er genau das hier an genau dieser Stelle von sich und über andere aufzeichnet?“ Dem Künstler, der er wäre, billige ich zu, dass er ein Konzept hat, wenn er sich schriftlich etwas auseinanderlegt. Wie Frau Merkel hat er seinen Plan, auch wenn ihn niemand kennt. Meine Aufgabe soll sein, den Plan zu erkennen. Ihn an ähnlichen Sachen, die ich bereits kannte, zu messen. Aber auf jeden Fall bei dem Ganzen auch Spaß als Lesender zu behalten, weil es eine Art Spiel ist, auf das wir uns zu einem gewissen Grad alle beide spezialisiert haben.

Füllt ein Autor uns diverse Absätze, die aussagen, dass er nachts um halb zwei Brotscheiben und Wurst und Tomaten und Apfelsaft zu sich nimmt, aber kein Bier, keinen Burger, wobei Abba und nicht Tschaikowskij gehört werden, unter einem Kissen liegen Papiertücher parat für verjuxte Spermatropfen, sollte ich davon ausgehen, dass solche Umstände mit Rücksicht auf die Gesamtkreation erwähnt wurden und nicht, weil er sich verplaudert hat und seinen Punkt nicht mehr fand. Also frage ich mich, wieso findet er den Scheiß von Belang fürs Glücken des Texts? Sein Text ist sein Spiel. Dieses Spiel hat Regeln, die er, der Autor, zuerst zu machen begann, doch bald schon haben sie ihn geleitet, geleitet in allem, was später dann noch kam.

Die Wurstscheibe auf dem Schnittbrot ist notwendig für diesen Text. In anderen Texten wäre so eine Wurstscheibe belanglos, weil sie nichts mit der Strategie jener anderen Texte zu tun hätte. Jemand hätte nur mal losgeschrieben und hinterher geguckt, wie ihm das gefällt. Er hätte neulich Käsewurst gegessen und darum wäre sie nun auch dabei und beim Wiederlesen wäre ein wohliger Schauder über seinen Magen gerannt.

Alle Wurstscheiben bei mir, der ich sie bewusst eingeschnitten habe, besagen übrigens nicht, dass ich die Wurstverzehrer verachte oder dass ich ihnen die würzigeren Würste neide. Auch jagt der Zorn der Wurstesser mir keine Angst ein. Aber ich selber bin halt mal ein Wurstesser mit Wurstfingern. So müssen hin und wieder Würste verzehrt werden bei mir.

Ich bin ja der Überzeugung, dass ich nie etwas Persönliches, Privates, Selbsterlebtes öffentlich irgendwohin postiert habe, um mein letztlich sehr belangloses Dasein zu verklären. Ich suchte nie nach persönlichen Freunden mittels Briefen, die ich an Unbekannte verschickte. Auch Liebschaften versprach ich mir keine. Manchmal stand aber eine herzensgute Oma da und hatte viel Zeit und tröstete mich. Gesucht hatte ich sie nicht, ließ sie dann auch stehen, weil mich anderes reizte. Das von mir Erlebte, Erinnerte und hinzu Gedachte war eher eine Halde Abraum, die ich umgraben konnte. Ich hatte immer was da, über das ich Sätze wickeln konnte.

Dabei war meine Erwartung, dass die es lesen, mich selber gar nicht kennen und nie kennen lernen und wahrscheinlich die Personen und Handlungen, die vorkommen, auch nicht erlebt und sowieso anders empfunden hätten. Für einige, wenige, galt das allerdings nicht. Sie wussten genau, wen ich meinte und fanden mich ungeschickt und ungerecht. Aber sie waren eine verschwindende Minderheit, über deren Bedenken ich mich hinwegsetzte.

Allerdings frappiert es unsereinen, woran man sich auf einmal doch wieder erinnert, wenn man Angelegenheiten erzählt, die man mal für die eigenen gehalten hatte. Das scheint verschwägert mit Alzheimer. Am Ende ist man dann ewig mit Mama und Papa zusammen und erschrickt Tag und Nacht über die Eindringlinge im eigenen Haus, deren Treiben einem mysteriös bleibt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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