Stefan Faber

Was geschah, als der coole Kurt das Christkind traf

In jenem Jahr musste das Christkind definitiv besoffen gewesen sein! Während ich normalerweise neben Krawatten und Socken maximal eine Flasche meines geliebten schottischen Single Malt auf meinem Gabentisch vorfand, suchte ich dieses Mal vergeblich nach all den lieb gemeinten aber völlig verfehlten Bemühungen, mir eine Freude zu bereiten und fand statt dessen – sage und schreibe sieben Flaschen vor, deren Inhalt nach Torf, Moor, Rauch und herber Schokolade schmeckte!

Und dabei hatte der kleine Schluckspecht sich noch nicht einmal besondere Mühe gegeben: Nicht, dass der Whisky minderer Qualität gewesen wäre, nein, beileibe nicht, die erste Flasche enthielt sogar meine Lieblings-Marke. Aber die übrigen sechs eben auch! Anstatt meinem Gaumen und mir eine anregende Reise durch die destillierten Essenzen der Highlands zu ermöglichen, hatte das Saubiest mir einfach sieben mal den gleichen Whisky geschenkt!

Dem musste ich auf den Grund gehen, und zwar sofort! Diese Frechheit sollte mir das Christkind bitteschön erklären, ha! Und da dem Heiligen Abend ja bekanntlich eine gewisse Magie innewohnt, würde ich mich sofort auf den Weg machen, um es zur Rede zu stellen. Wann, wenn nicht heute, könnte mir das gelingen? Also Jacke an und warme Stiefel und ab in die tief verschneite Landschaft vor der Tür!

Da stand ich, aufgebracht, wie ich war, bis zu den Knöcheln im Schnee und musste mich erst einmal etwas beruhigen, bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte. Der eiskalte Wind, der mir die kleinen Schneeflocken wie Eisnadeln ins Gesicht hämmerte, half mir dabei, wieder geordnet denken zu können. Ergebnis: Ich musste nochmal ins Haus, Schal, Mütze und Handschuhe holen, denn es war bitterkalt. Das war für einen wie mich, den sie überall den coolen Kurt nannten, schon beinahe eine Niederlage. Schließlich bin ich kein Weichei! Aber was zu viel war, war zu viel! Für alle Fälle steckte ich auch noch eine Flasche Whisky ein, die Auswahl war ja nicht besonders schwierig...

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich hatte das Christkind bisher noch nie zu Gesicht bekommen, da war es gut möglich, dass es etwas länger dauern würde, bis ich es endlich fand.

Also machte ich mich auf den Weg, links Richtung Höllental-Forst. Sicherlich flackte das Blag dort irgendwo in einer windgeschützten Kuhle und pennte seinen Rausch aus. Aber dem würde ich die Leviten lesen! Sieben mal der gleiche Whisky, das war selbst für einen Single Malt-Jünger wie mich zu viel!

Ich hatte mich noch gar nicht all zu lange durch den Schneesturm gekämpft, eisern und unbezwingbar wie Reinhold Messner, da glaubte ich plötzlich, Halluzinationen zu haben: Vor mir erkannte ich im Unterholz ein helles Leuchten. Dabei hatte ich noch nicht mal einen »winzigen Schlock« aus meiner Flasche genommen!

Aber furchtlos, wie ich nun mal bin, nun ja, auch ein bisschen neugierig, steuerte ich schnurstracks auf das Licht mitten im Wald zu. Als ich näher kam, erkannte ich, dass das Schneetreiben, das an Dichte und Heftigkeit sogar noch zugenommen hatte, rund um den hell leuchtenden Bereich im Gebüsch – wie weggeblasen war! Da brat mir doch einer 'nen Storch! Ich schwöre, ich hatte den ganzen Tag noch keinen Alkohol getrunken, ich war nicht im geringsten betrunken oder auch nur angeheitert! Da ich mir das, was ich sah, nicht erklären konnte, beeilte ich mich, mich dieser wundersamen Erscheinung zu nähern.

Und was soll ich sagen: Mitten in dem gleißenden Licht lag ein kleines Wesen, rund um die Stelle, wo es lag, gab es nicht eine Schneeflocke, und im näheren und weiteren Umkreis lagen weitverstreut unzählige – Weihnachtspäckchen. Die denen, die ich erhalten hatte, glichen wie ein Ei dem anderen. Etliche waren geöffnet, das erkannte ich an dem aufgerissenen Geschenkpapier, nun ja, und an den Flaschen, die überall verstreut herumlagen.

»So eine verdammte Scheiße ist das heute!«, fluchte es laut und vernehmlich.

Normalerweise bin ich ja nicht leicht zu beeindrucken und auf den Mund gefallen schon gar nicht. Aber das, was ich hier vor mir sah, verunsicherte selbst mich.

Von dem Wesen ging etwas aus – ich weiß nicht, wie ich es sagen soll – es hatte eine ganz besondere Aura, eine Ausstrahlung, die ich zwar wahrnehmen aber nicht in Worte fassen konnte. Irgenwie liebevoll und friedlich.

Und dann fluchte es wie ein Bierkutscher!

Vorsichtig versuchte ich, es anzusprechen.

»Darf ich Dir eine Frage stellen?«

Mit großen Augen blickte es mich an, als ob es mich erst in diesem Augenblick wahrgenommen hätte.

»Was willst Du von mir?« schnautzte es mich an. »Du kannst mir den Buckel runterrutschen und Dich verpissen! Das ist so ein Scheißtag heute, und alles nur wegen der blöden Weihnachtselfen!«

»Hallo, geht's vielleicht auch in freundlich? Ich hab Dir nix getan, ich wollte nur fragen, ob Du vielleicht das Christkind bist?«

»Das Christkind, ja,« maulte es, aber wenigstens nicht mehr ganz so aggressiv wie eben, »ja, ich bin das Christkind! Und Du kannst mich ganz genüsslich am Abend besuchen! Sicher willst Du Dich bei mir beschweren, weil Du nichts als Whisky unter dem Weihnachtsbaum gefunden hast.«

»Ja, allerdings,« versuchte ich, die Beschwerde, die ich mir vorgenommen hatte, loszuwerden, aber das Christkind unterbrach mich sofort.

»Himmelhergottnochmal, lass mich mit dem Scheiß in Ruhe,« brüllte es mich an, in einer Lautstärke, die unmöglich von dem kleinen Wesen da kommen konnte.

Jetzt reichte es mir aber! So durfte Keiner mit mir umgehen, selbst das Christkind nicht!

»Jetzt hältst Du aber mal den Sabbel, Du kleines Wasauchimmer! Wenn hier Einer einen Grund hat, sauer zu sein, dann bin ich es! Sieben mal das gleiche Weihnachtsgeschenk unter'm Baum, das ist ja wohl die Höhe!«

Auch ich war immer lauter geworden, so wütend hatte es mich gemacht. Der Effekt war erstaunlich: Das Christkind brach in Tränen aus! Fing bitterlich an zu flennen!

»Aber ich kann doch gar nichts dafür!« plärrte es plötzlich los. »Da hab ich einen Deal mit dem Weihnachtsmann, dass ich ihm helfe, weil er es einfach nicht mehr schafft, alle Geschenke alleine zu verteilen, und dann so was! Die Weihnachtselfen haben mir einen üblen Streich gespielt und mir einen Riesensack nur mit Schnapsflaschen geschickt, und ich arme Sau soll das jetzt verteilen! An Kinder, an Erwachsene – nichts als Whisky!«

Urplötzlich hatte ich einen Einfall.

»Gib mir mal eine Flasche von dem Single Malt und nimm Du Dir auch eine,« forderte ich es auf.

»Ich trinke keinen Alkohol, schließlich bin ich das Christkind!«

»So lange, wie es Dich schon gibt, bist Du ganz bestimmt alt genug, mal einen Schluck Whisky zu trinken, vor allem so einen hervorragenden Single Malt! Tu, was ich Dir sage, Du wirst sehn, das tut Dir gut. Wir nehmen auch jeder nur einen ganz kleinen Schluck!«

Verblüfft von meiner klaren Ansage tat das Christkind, was ich ihm vorgeschlagen hatte, wir öffneten unsere Flaschen und prosteten uns zu. Sofort breitete sich in uns diese einzigartige Wärme aus, in unseren Gaumen öffnete sich das Bouquet von Torf und Rauch, von bitterer Schokolade und Kräutern und Früchten der schottischen Highlands – und die Wut, die in uns war, löste sich auf und machte einer friedfertigen Stimmung Platz.

»Jetzt erzähl mal ganz in Ruhe, was da passiert ist,« forderte ich das Christkind auf, und siehe da, es schimpfte kein bisschen mehr, als es anfing, zu erzählen:

»Wie gesagt, der Weihnachtsmann und ich, wir haben eine Vereinbarung. Er wird auch nicht jünger, aber vor allem werden die Wünsche der Kinder und der Erwachsenen immer größer und unfangreicher – da schafft er es einfach nicht mehr, zum Weihnachtsabend alle Geschenke zu verteilen! Also helfe ich ihm bei den Menschen, die an mich glauben. Aber das ändert nichts an dem grundsätzlichen Problem! Früher freuten sich die Kinder noch über einen schicken Schlafanzug, einen Kaufladen oder ein geschnitztes Holzpferd. Die Erwachsenen waren glücklich, wenn sie schönes, handgeschöpftes Briefpapier oder eben auch Krawatten oder Socken erhielten. Und heute?! Da muss es immer mehr und immer anspruchsvoller sein! Die Wunschzettel sind viele Seiten lang. Und an erster Stelle steht fast immer ein Smartphone, eine Spielkonsole oder ein riesiger Systembaukasten, und selbst Goldschmuck und Erotik- Überraschungspakete zählen mittlerweile zu den wichtigsten Weihnachtswünschen!«

Wieder nahmen wir einen Schluck aus unseren Flaschen – zugegeben, meiner war größer als der vom Christkind, aber für es war es ja auch das erste Mal, dass es Alkohol trank. Als es weitersprach, meinte ich, es ein ganz kleines bißchen lallen zu hören.

»Der Weihnachtschmann und ich, wir überlegen schon länger, wie wir das ändern können, schlieschlich ist Weihnachten ja eigentlich das Fest der Liebe und der Friedfertigkeit und der gegensssseitijn Wertsch–hxxx-ung.«

Ich sah, wie sich der Blick des Christkindes verfinsterte und eine steile Falte sich oberhalb seiner Nase in seine Stirn furchte.

»Und ausgerechnet dann, in dieser angespannten, Lage, spielen mir diese Wix...«

»Schschscht!« Ich unterbrach das Christkind, weil ich genug hatte von seiner unflätigen Schimpferei.

»Nimm lieber noch einen Schluck Lebenswasser. Prost!«

Wieder ließen wir ein wenig des köstlichen Elixiers durch unsere Kehlen rinnen.

»Du hast ja recht,« fuhr das Christkind kleinlaut fort. »Aber trotzdem ist es Mist, dass mir ausgerechnet jetzt die Weihnachtselfen diesen Streich gespielt haben! Wie steh ich denn jetzt da! Das Chrischtkind verteilt Allohol anie Kinder! Kannst Du Dir die Schlagzeilen vorschdelln?«

Der Alkohol zeigte immer deutlichere Wirkung beim Christkind, ich musste dringend etwas unternehmen!

»Was hältst Du davon, wenn wir bei mir in meinem schön geheizten Wohnzimmer weitersprechen? Außerdem habe ich noch Kartoffelsalat und Würstchen – Du solltest dringend etwas essen, sonst bist Du gleich vollständig besoffen!«

Außerdem dachte ich mir, dass auch der Fußmarsch bis zu meinem Haus dem Christkind gut tun, den Alkohol abbauen würde.

»Wwennu meinsch...« nuschelte das Christkind. »Unnie Geschschenke? Lassch einfach da! Hxxx...«

Uiuiui! Höchste Zeit, dass wir uns auf den Weg machten! Ich reichte dem Christkind die Hand, half ihm beim Aufstehen und wir machten uns auf den Weg zu mir. Seine Hand ließ ich nicht los, denn ich merkte, dass es etwas wackelig auf den Beinen war. Außerdem war der Wind immer noch sehr stürmisch. Aber, wie ich erstaunt feststellte – nur rund um uns herum! Dort, wo wir liefen, war Windstille, und die Schneeflocken wirbelten um uns herum, als ob wir in einer Glaskugel unterwegs wären!

Ob ich wohl auch schon etwas zu viel vom Single Malt genascht hatte? Egal, schnell waren wir zu Hause, ich zog mir meine Winterklamotten aus und führte das Christkind ins Wohnzimmer, wo der Weihnachtsbaum immer noch erleuchtet war. Als es die Geschenke unter dem Baum sah, begann es, schrecklich zu kichern und konnte sich gar nicht beruhigen. Das war richtig ansteckend, so dass ich mitlachen musste und schon bald liefen uns beiden die Tränen die Wangen hinab!

»Setz Dich schon mal an den Tisch, dauert nur ein paar Minuten, bis die Würstchen heiß sind!«

Widerspruchslos ließ sich das Christkind von mir an seinen Platz führen, stütze den Kopf auf seine Fäuste, und jedes mal, wenn es zum Weihnachtsbaum hinüber sah, fing es wieder an, haltlos zu kichern. Während ich die Würstchen heiß machte, deckte ich den Tisch für uns zwei und stelle schon mal den Kartoffelsalat hin.

Als die Würstchen heiß waren begannen wir auch sofort zu essen. Ich hatte mir noch nie vorher Gedanken darüber gemacht, ob das Christkind überhaupt etwas zu Essen braucht, aber heute kann ich Euch sagen: Es kann Unmengen verdrücken! Ratzfatz war alles verputzt, wobei ich nicht wirklich satt geworden war...

Nach dem Essen begann das Christkind, herzhaft zu gähnen und wollte gar nicht mehr aufhören damit.

»Ich glaub, ich mach Dir jetzt besser mal die Couch fertig zum Schlafen,« bemerkte ich und erntete keinen Widerspruch. Schnell war das Leintuch aufgezogen, Kopfkissen und Bettdecke bereitgelegt und mit den Augen auf halb Acht schlurfte das Christkind zu seiner Schlafstatt.

Als es unter der Decke lag, setzte ich mich noch für einen Moment auf die Couchkante.

»Weißt Du, was ich mir vorstellen könnte?« fragte ich.

»Nein, was?«

»Dass die Elfen nur deshalb in alle Geschenkpäckchen das Gleiche getan haben, um den Menschen zu zeigen, auf was es wirklich ankommt an Weihnachten und wie krank diese Wünsche-Manie mittlerweile geworden ist!«

»Hmmm, möglich,« murmelte das Christkind, schon halb am Schlafen. »Aber es hätte ja nicht gerade Single Malt sein müssen! Der ist viel zu lecker dafür!«

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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