Klaus Mattes

St. Bernhard als Einstiegsdroge

Von seiner „Auslöschung“ rate ich ab. Es ist die zu breit getretene Variation eines Stoffes, den er in seiner Laufbahn mindestens dreifach abgehandelt hat. Hagestolz und Österreich-Flüchtling kehrt heim auf ein großes Adelsgut im Heimatwinkel. Er schaut sich um und erlebt erst jetzt in seiner Seele drin, wie nazimäßig brutal bis doof diese Österreicher vor und nach 1945 sich aufgeführt haben. Der verlorene Sohn gelangt zum Schluss, dass er von allen Österreichern weg muss, zurück nach Rom, dass er sein Erbe unmöglich antreten kann. Also verschenkt er den ganzen Reichtum an die jüdische Kultusgemeinde Wien. Schlapper Gag zum Abschluss.

(Bernhard selbst hat für den von ihm erworbenen und zum Autoren-Museum ausgebauten Bauernhof angesichts des eigenen Ablebens eine clevere Konstruktion ausbaldowert, wonach der Halbbruder die eine Hälfe, der österreichische Staat die andere bekamen, sodass nichts weiterverkauft, nichts an diverse zentrale Institute verteilt werden, vielmehr alles dem Bernhard-Kultus geweiht werden konnte, den die jeweilige Wiener Regierung nicht majorisiert, weil die Bernhard-Familie immer noch ihre Hand drin hat.)

Generell sehe ich den Autor Thomas Bernhard in den siebziger Jahren bei den Höhepunkten seiner Potenz angelangt. In den Achtzigern schon sehr beim Selbstabkupfern und zu verschossen ins Aufrühren von Medien-Skandalen, die seine Marke am Markt, vor allem dem Stückemarkt, erhielten.

Wenn überhaupt einen Roman aus diesen Achtzigern, dann selbstverständlich „Holzfällen“, weil der herrlich hundsgemein ist. Man mache sich klar, dass er von diesem gestopften Kompositeur, den er dort als Lusche und Kulturprostituierte brandmarkt, in seinen eigenen erfolglosen Jung-Künstler-Jahren über längere Durststrecken hinweg ausgehalten worden war. Seinerzeit war er in den angeblichen Scharlatan fast verliebt gewesen. Diverse Momente eisiger Unverfrorenheit sind versprochen.

Grundsätzlich sind sämtliche Theaterwerke Thomas Bernhards nicht so bedeutend wie die Prosa. Weder am Anfang („Ein Fest für Boris“ und „Der Ignorant und der Wahnsinnige“, bei denen er in Absurdes-Theater-Tradition steht, sich den Namen „Alpen-Beckett“ verdiente und selbst spekulierte, als Konkurrent Edward Bonds könnten sie zusammen einmal den Literatur-Nobelpreis kriegen) noch am Ende („Heldenplatz“, „Elisabeth II“, bei denen er das damals so genannte „Bedenkjahr 1988“ (50 Jahre Anschluss an Hitler-Deutschland) zum Aufhänger nahm, ein Nichts von Dramaturgie als national-moralischen Erweckungsskandal zu pauken) würde ich sehenswert oder lesepflichtig nennen. Ganz okay, wenn auch etwas lang, ziemlich verschwätzt und stur monologisch strukturiert sind „Die Jagdgesellschaft“ (Mitte siebziger Jahre, besser) und „Der Theatermacher“ (achtziger Jahre, auch schon mit Maschen-Optik, natürlich virtuos gestrickt).

Erwähnt sei die frühzeitige Meinung Eckhard Henscheids (welcher sich später vehement gegen die Unterstellung, er gleiche vom Schreibansatz diesem Bernhard, zur Wehr gesetzt hat), man könne im Werk des Österreichers jede beliebige Seite aufschlagen und paar Absätze lesen, überall treffe man denselben weltverdammenden Ton, wonach Mensch und Leben vollends verrottet wären, fühle sich also gleich zu Hause. Allerdings gehört zum Bernhard, dass man es nicht als gekränktes Sich-Beklagen einer Prinzessin auf der Erbse liest, sondern als Jeremiaden eines Unterhalters, der doch weiß, dass diese Rolle ihm steht, er damit den meisten Applaus einheimst. Der Grübler ist ein Lucky Pozzo. Dieser Autor kommt von so weit hinten aus den Fünfzigern herauf, dass die in den Dreißigern schon begonnen haben müssen.

Erquicklich kann sein, mit den autobiografischen Romanen der siebziger Jahre anzufangen. „Die Ursache“, „Der Keller“, „Der Atem“, „Die Kälte“, „Ein Kind“. Viel Handlung kommt in allen nicht, auf jeden Fall keine umfassende Gesamthandlung, eher ein Teppich aus vernähten Teilen. Was wir lesen, gibt vor, es wäre die Wahrheit aus Thomas Bernhards Jugendjahren. Selbstverständlich ist es Selbststilisierung, gewissenlos steigernde Zuspitzung ins Parabulöse. Etwa so: Ich sah den Tod mir winken und ich winkte ihm zurück. Überall standen Priester, darum ließ der Herr Bomben hageln. (Er schreibt über den geistigen Missbrauch durch die Kleriker im katholischen Knabeninternat, erwähnt den körperlichen mit keinem Wort. Da merkt man, wie unmodern der Entlarver Bernhard auch schon wieder geworden ist.)

Seine Lyrik kann man lesen. Die ist gar nicht übel. Aber irgendwo halt von gestern, nie ganz frei von Trakl-Epigonentum. Vor allem: Thomas Bernhards Lyrik entspricht nicht dem, was das Publikum sich seit Jahrzehnten als „Kerl Thomas Bernhard“ vorzustellen liebt. Es ist, als wolltest du einen Burschen vom Wallersee kennen lernen, den man sehr verspätet ausgegraben hat, obwohl er irgendwann das Zeug fast gehabt hätte, mit der Ingeborg Bachmann gleichauf zu ziehen. (Aber willst du?)

Wer sich ernsthaft Mühe geben mag, ehrlich gesagt, mögen die meisten das nicht, später vielleicht, nicht gerade heute, der muss einen von den zwei Debüt-Romanen studieren. (Übrigens studieren bei Thomas Bernhard alle ständig irgendwas und zwar immer, wenn sie über längere Zeit sehr allein sich in Texte oder Gedanken versenken, zu denen sie offenbar die Muße besitzen, obwohl es keinerlei Geld dafür gibt. Er selbst, also Bernhard, hatte nur Musiktheater-Regie studiert, in Salzburg, nämlich ohne Abitur, mit einer Begabtensonderzulassung, als examinierter Kolonialwarenhandel-Verkäufer.) „Frost“ und „Verstörung“. Das Erste noch in Kärnten angesiedelt wegen seinen Erfahrungen aus den Aufenthalten im Künstler-Landgut „Maria Saal“ des Komponisten Gerhard Lampersberg. Das Zweite in den Bergen des Pongaus, also im südlichen Teil vom Land Salzburg, wo er als Tuberkulose-Rekonvaleszent gelebt hatte. (Darüber mehr in „Die Kälte“.)

Mit „Frost“ und „Verstörung“ hat er sich praktisch erfunden. Das heißt, man wusste anfangs weder, wer Thomas Bernhard ist, noch wusste er, dass er sich mit solch handlungsarmem, pathetisch-melodiösem Auf-der-Stelle-Dribbeln die Planstelle für länger erschrieben hatte. Damit geht einher, dass die zwei Basisbücher deutlich weniger als alle Nachfolger typischer „Bernhard“ sind, also nicht so süffig zu lesen. Mit diversen Figuren ausgestattet, die dem Autor und seinen Vorfahren nicht ähneln, mit Passagen durchschossen, wo man nicht weiß, aus wem heraus hier gerade gedacht wird. Er mixt das Folkloristische der Landromane seines Großvaters mit verschiedenen prägenden Lektüreerlebnissen: katholische Sozialengagierte aus der französischen Vorkriegszeit (wir lesen sie nicht, aber Böll las sie noch), der schwarze Humor von Samuel Beckett, die abgedrehte Geheimniskrämerei eines Dr. Franz Kafka. Es war weder modern noch war es politisch. Das waren Günter Grass und Alfred Andersch zu der Zeit. Aber es war auf seine Art schon auch neu und anders.

Um es kurz zu machen und auf Anhieb den vollendeten Bernhard-Sound zu kosten, kann man sich vom Start weg an die mittellangen Prosastücke der sich dazumal schon wieder neigenden Jahre halten. Dort, wo alles drei Mal gesagt wird. In der Tat war es so, dass er, was immer er ausdrücken wollte, es dreifach und zwar sogleich hintereinander sagte. Das ist wahr, alles, was er schreibt, schreibt er dreifältig wie der Klee, aber in immer wieder anderen Wörtern, sodass man sich dran freuen kann. (Wer sich erhofft, in Büchern „Inhalte“ zu erfahren und zwar möglichst ohne Redundanz und Überschneidungen, der muss von Thomas Bernhard ewig seine Finger lassen.) „Die Billigesser“, „Der Untergeher“, „Wittgensteins Neffe“, Letzteres wohl das Formidabelste.

In „Der Untergeher“ (von 1983, Glenn Gould war 1982 gestorben) bringt sich einer um, weil er in die Schweiz gegangen ist und nicht so gut Piano spielt wie Glenn Gould. In „Wittgensteins Neffe“ (von 1982, Paul Wittgenstein war 1979 gestorben, Goethe, der Diderots „Rameaus Neffe“ übersetzt hat, 1832) wird einer verrückt, weil er Mitglied der Wiener besten Gesellschaft ist. Aber so verrückt, dass er nicht merken würde, dass er der naturgemäße Freund von Thomas Bernhard zu sein hat, der, als die Kultur-Schickeria ihn mit einer Auszeichnung belobigt, hellsichtig merkt, dass man seiner in Wahrheit nur spottet, ist dieser Verrückte nicht.

Außerdem kursieren im Allgemeinen kaum beachtete Bändchen verwunderlicher Kleinprosa. Vielleicht waren es Reste, die er überarbeitet hat. Etüden, die er sich als Vorrat aufgeschrieben hatte. Darin ist er Franz Kafka sehr nahe. Man will nicht allzu stark auf sie abheben, denn der große Bernhard darf nicht zum Kafka-Adepten werden. Er erwähnt ihn übrigens an keiner einzigen Stelle seines Werks namentlich, obwohl er sonst seine Geistesmenschen vielfach erwähnt. Liest man sie dann doch einmal, staunt man, denn ersprießliche Verwirrung überfällt einen. („Midland in Stilfs“, „Ereignisse“, „Der Wetterfleck“, „Der Stimmenimitator“)

Aus dem Sektor der Kleinstwerke hingegen voll und ganz verzichtbar, wenn auch teils vergnüglich bis fast unerträglich sind Büchlein wie „Goethe schtirbt“, „Claus Peymann kauft...“ und gar „Der deutsche Mittagstisch“.

Hat man seine erste Lektürerunde durch, also entweder A) „Holzfällen“ oder B) die autobiografischen Romane, C) die frühen Romane, D) die semibiografischen Novellen, E) die Miniaturen, schaltet man genüsslich die Interviewbände dazwischen, um abschließend vielleicht doch noch das gesamte Feld aufzurollen. Aber mit den Interviews bitte nicht anfangen, sonst kennt man sich zu wenig aus! Es gibt sie mittlerweile gesammelt als Suhrkamp-Taschenbuch (in: „Der Wahrheit auf der Spur“) mit ein paar Anmerkungen.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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