Hajo Schindler

Nikolaus

Nachfolgender Beitrag wurde von meiner besseren Hälfte, wovon zumindest meine Frau überzeugt ist, geschrieben. Sie meint, sie will auch mal etwas zu sagen haben. Also nun gehts los. Jetzt spricht, schreibt meine Frau:

Ich freue mich, bin erstaunt, bin baff und gespannt. Denn ich oute mich jetzt etwas und bekenne, manchmal gilt meine Liebe, meine ganze Aufmerksamkeit auch einem anderen Mann. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob mein früherer Verlobter, also mein jetziger Ehemann sein Versprechen einlösen und es veröffentlichen wird, denn was sollen die Leser, die Verwandten oder die Nachbarn denken, wenn sie das lesen.

Ich gestehe, wenn die Adventszeit da ist, schweifen meine Gedanken ganz oft zu diesem anderen Mann. Schon seit allerfrühester Kindheit, sogar im allerzartesten Alter, hatte der Nikolaus eine unglaubliche Faszination für mich. Der Mann war für mich genau so wichtig, wie das Christkind. Ich weiß noch, in unserer Wohnung in der Königstraße in Hagen, gab es ein Kinderzimmer, in dem ich mit meinem Bruder Jürgen und meiner Schwester Brigitte schlief. Es war der Vorabend zum Nikolaus und wir drei Kinder konnten nicht einschlafen, wollten unbedingt hören, ob der Nikolaus kam und uns ja nicht vergessen würde. Und ich erinnere mich genau. Wir haben ihn gehört. Schwere Schritte stapften durch den Flur. Viel lauter und schwerer, als sonst normalerweise jemand geht. Das konnte nur der Nikolaus sein. Ich schlief selig ein. Alles hatte seine Ordnung. Der Nikolaus war da gewesen.

Am anderen Morgen fanden wir für jedes Kind ein kleines Kartenhäuschen vor, meine Mutter hatte es aus Postkarten gebastelt, die Karten mit einem Wollfaden zusammengehäkelt. Man musste eine Dachseite hochheben, um an den süßen Inhalt zu gelangen. Der Eindruck war für mich so überwältigend, dass ich die gebastelten Postkartenhäuser noch heute genau vor mir sehe. Mein Vater musste sich hingegen von den schweren Schritten erholen. Er hatte sich wohl ziemlich verausgabt. Ich meine, er hätte sogar seine Beine hochlegen müssen, aber da bin ich mir nicht mehr so ganz sicher. Die Postkartenhäuser dagegen sehe ich direkt vor mir. Nee, nee, was war ich dem Nikolaus dankbar, dass er die Postkartenhäuser mit allerlei Süßigkeiten gefüllt hatte.

Jahre später gab es oft einen bunten Teller vom Nikolaus, wobei meine Mutter stets darauf verwies, dies sei ein Nikolausteller und kein Weihnachtsteller, was heißen sollte, dieser Teller war nicht so gut gefüllt. Komischerweise habe ich den Hinweis schon als Kind immer klar verstanden. Was ich nie verstand, warum mussten auf dem Teller immer ein Apfel und eine Apfelsine sein? Das hätte sich der Nikolaus sparen können. Auch die komischen Weihnachts-plätzchen. Die mochte ich nie, das alles war für mich nur unnötiges Füllmaterial, dessen es nicht bedurft hätte. Weingummis waren wichtig und auch Lakritz. Die habe ich immer zuerst gegessen. Einmal waren auch ganz schreckliche Honigbonbons auf dem Teller. Voller Empörung habe ich mich bei Mutter beschwert und gefragt, wie es sein kann, dass mein geliebter Nikolaus solche schrecklichen Bonbons auf den Teller gelegt hatte. Das war für mich Verrat, denn für diese schrecklichen Bonbons hätte mir doch eine andere Menge an Süßigkeiten zugestanden! Den süßen, dumpfen Geschmack dieser Honigbonbons habe ich jetzt beim Schreiben direkt auf der Zunge und mir wird nun klar, warum ich keinen Honig mag.

Das Gesicht meiner Mutter bei der vorgetragenen Beschwerde sehe ich auch noch vor mir. Irgendwie war sie, glaube ich, enttäuscht, dass sich der Nikolaus bei seiner Auswahl so vertan hatte. Wahrscheinlich hatte sie sich in dem Augenblick vorgenommen, einmal mit ihm Rücksprache zu halten. Danach gab es nie wieder diese schrecklichen Honigbonbons.

Mein ganzes Leben hat mich dieser fremde Mann immer begleitet. Natürlich nur zu seiner Zeit und auch immer wieder in anderer Form. Im Berufsleben standen zu Nikolaus „fremde Männer“ teils nackt, nur in Schokolade oder mit schöner Folie geschmückt oftmals auf unseren Schreibtischen und jeder Mitarbeiter hat sich darüber gefreut und wenn er noch so alt war.

Auch heute liebe ich es immer noch, diesen kleinen Mann zu verschenken oder ihn geschenkt zu erhalten. Mein kleiner fremder Mann, der mich jedes Jahr besuchen kommt. Für mich ist der Nikolaus ein kleines Christkind. Ich wünsche Ihnen allen eine schöne Adventszeit, einen schönen Nikolaustag, Zeit zum Schmunzeln und zum Naschen. Der Nikolaus hat nämlich den Vorteil, wenn er nervt, kann man ihn vernaschen. Er schlägt dann zwar auf die Hüfte aber ansonsten wehrt er sich nicht. Wenn doch nur alle Männer so wären. So weit, so gut, wohl ein frommer Wunsch. Aber warum auch nicht? Es ist ja bald Weihnachten und da sind Wünsche erlaubt.

Herzlichst ihre Angelika Schindler

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.11.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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