Klaus Mattes

Vom Pfandflaschen-Millionär zum Tellerwäscher / 7216

 

Auf zur Flaschensuche! Freitag ist der Teenie-Tag, die lukrativste Nacht der Woche. 10 Euro Aufschlag aufs Kindergeld machen was aus, sagten sie im Radio, aber ich dachte: Ha! Ha! Ha! Schiebt sie euch in den Wertesten! 10 Euro im Monat! Ich mache mit Flaschensammeln, weil ich meinen Stil raus habe, in jeder einzelnen von diesen vier Wochen mehr als zehn Euro. Die längste Zeit meiner Pfandflaschen-Karriere dachte ich, dass noch mehr als 10 Euro realistischerweise nicht drin sind. Vom Handling her. Mir begegneten aber Leute, die erzählten, damals, in der guten Zeit, hätten sie Tag für Tag ihre neun Euro gehabt.

Es gab keinerlei Reserven, aus denen ich in kritischen Lagen hätte schöpfen können. Es gab nur noch eine Mutter, aber wohl auch nicht mehr lange. Hinterlassen würde sie mir nicht viel. Ihre bisherigen Unterstützungen waren von der Beamtenpension des toten Vaters abgezweigt, dazu eine kleine eigene Rente, die unverhofft, nach einigen Gesetzesänderungen, ihrer in ein paar Jugendjahren ausgeübten Bürotätigkeit entsprungen war. Immobilienvermögen gab es nicht. Immer hatten wir in Miete gewohnt.

Was ein fester Bestandteil meiner Tage wurde, auch zumindest eine Stunde von ihnen wegnimmt: Pfandflaschensammeln. Ich sehe es als Sinngebung der Existenz, nur teils natürlich. Es geht nicht mehr darum, ob ich an diesem Tag 1 oder 3 Euro dazuverdiene oder ob es nur 30 Cent werden, im Schnee. Es geht darum, einem Tagesabschnitt Sinn zuzuführen. 1. Geregelte Zeiten einhalten, 2. eine selbstgewählte Arbeit effektiv zu Ende bringen und Erfolgserlebnisse generieren, 3. sich geschmeidig von der Konkurrenz absetzen. (Tipp: Sehr viele glauben, wenn man viel und sehr lange arbeitet, kommt man an die Spitze, aber in Wirklichkeit rentiert es, intuitiv zu spielen, ach, die Ecke lasse ich mal weg, weiß nicht wieso, habe ein Gefühl. Schleunigst weiter, wenn was den Eindruck von abgegrast macht. Nicht, dass keine Dosen da wären, sogar vier sind da, alle vier aber pfandfrei. Für mich ist es ein abgegraster Eindruck. Manche Leute, Optimisten, die auf ihren individuellen Fleiß vertrauen, denken, wenn sie rund um den Platz die zwanzig Körbe doch noch ableuchten, liegen im zweithintersten zwanzig Pfandmarken.) 4. Geld verdienen, 5. sich in frischer Luft bewegen, was von der Welt und der Menschheit sehen, 6. mein Spiel spielen.

Nicht jedermanns Sache sind diese Züge, gesteckt voller Angesäuselter vor und nach den Spielen der Bundesliga. Nur so als Gedankenbild herbeizitiert, machen sie einem klar, dass man sich beim Pfänderspiel aber auch dümmer anstellen könnte. Friedhöfe abklappern oder Glascontainer, sich die 3 Cents von den Wein-Literflaschen erraffen. Literflaschen habe ich immer in den Container geworfen, damit ich im Wägelchen Platz für meine Hochdotierten hatte.

Zum Flaschensammeln kam ich mit Hartz IV, in den Jahren nach 2005. Zeitlich lief die historische Parallelaktion. Der SPD-Sozialminister legte die Arbeitslosenhilfe mit der Sozialhilfe zusammen. Der Bundesumweltminister, Jürgen Trittin von den Grünen, setzte das eminente Pfand für Kunststoff-Einwegflaschen und Aluminiumdosen bei einem Viertel vom Euro an. Früher hatten die Leute 15 Pfennig für Bier- und Sprudelflaschen hinterlegt. Viele kauften die ökologisch unvernünftigen Behälter immer noch. Die waren leicht und praktisch, obwohl viel Pfand fällig wurde. Viele ließen sie weiterhin liegen oder schossen sie in die Tonne, sobald sie leer waren. Andere Leute, die, denen pro Tag in etwa 10 Euro Spielraum verblieben waren, rangen mit raffinierten Suchstrategien um Profite.

Vielleicht an dieser Stelle sei eingeflochten, dass mir irgendwann aufging, dass, während die Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen am meisten Pfandertrag verursacht, ich aus dieser Generation so gut wie nie einen wahrnahm, der anderer Leute Leergut weggetragen hätte. Immer sah ich Menschen zwischen 45 und 70 Jahren und zwar in der Mehrzahl männliche, wenn Frauen auch nicht wirklich selten waren. Die Sammlerinnen operieren eher verstohlen, rasch und diskret im Zugriff. Sie wieseln hinterrücks durch die Menge, breiten vor den Schlitzen der Abfalleimer ihre Mantelärmel aus, lassen für den Bruchteil einer Sekunde das Lämpchen in der Hand strahlen. Schon hat man sie aus den Augen verloren.

Die Unverfrorenen sind die Männer. Typen, die man auf Zugreisen erriechen kann, wenn sie die Schiebetüre aufmachen. Ein Schwall ins Erbrochene spielender limonadiger Über-Süße auf der Grundlage des angetrockneten Biers am Grund ihrer Tragetaschen. Das gibt’s doch nicht, ein Penner, der mit der DB verreist! Aber es sind die drei übergroßen Lidl-Taschen. Wortlos und herrisch bedeuten sie einem, man hätte das Bein wegzutun, damit sie die ihnen angehörige Müllklappe betätigen können. Plang und gleich dasselbe auf der anderen Seite. Man weiß plötzlich auch, dass die Plangs sich sehr rasch angenähert hatten, weil anscheinend ein einziger Blick jeweils gereicht hatte, die Aussichtslosigkeit der Suche in diesem Zugteil zu erkennen. Lassen sie es jetzt also sein? Geben sie auf? Plang, Plang. Denn man kann das Revier nicht wechseln, solange ein Zug die 30 Minuten von Lauda nach Würzburg oder von Mainz nach Worms durcheilt.

In dicht besiedelten Gegenden mit vielen Arbeitsplätzen sowie etlichen Ausgemusterten der Umsortierung baut sich ein Konkurrenzdruck auf. Kein Flaschensammler hat heute noch seine Zone nur für sich. Immer und überall war einer vor dir dort, die Frage ist nur, wie lange das gerade her ist. Als ökonomisch denkender Mensch, der du als Flaschensammler zu sein hättest, musst du dich entscheiden, wie viele Papierkörbe und Liegeplätze du geleert akzeptierst, bevor du dir sagst, darauf verzichte ich heute. Man müsste sein thermosensitives GPS-System besitzen, wo die fast noch körperwarmen Fläschchen Signalpunkte auf dem Display auslösen, zu denen alle Picker strömen wie die Geier zum Aas.

Zu meinen besten Zeiten verfügte ich über eine extrem günstige Jahreskarte in einem großen Nahverkehr-Verbundgebiet. Meine Mutter hatte sie mir geschenkt, selbstverständlich ohne es zu ahnen. Sie schickte halt regelmäßig Gelder fürs Leben. (Mittlerweile komme ich aus diesem Ort überhaupt nicht mehr raus.) Du bist der Arsch, wenn du in einer Großstadt Flaschen suchst. Könntest du nur stundenlang durch das offene Land laufen!

Es gibt Dörfer, wo so gut wie keiner sammelt. Wo man sich schämt, wenn man fünf Gelbe Säcke mit Dosen vom SUV zur Zählstelle schleift. Sämtliche Bier- und Softdrinkmarken sind vertreten, verdreckt und zerknickt. Doch du bist weg von all dem und schreitest gelassen deinen Pfad des Weisen. Die Hütte im Wald, wo sie Junggesellenabschied oder Abi gegrillt haben. 31 PET-Flaschen beziehungsweise Soft- und Alkopop-Dosen füllen die Behälter. Überall und nirgendwo trägt sich so etwas zu. Du konntest es nicht ahnen. Du kommst ein einziges Mal in deinem Leben hier entlang.

Mein Rucksack war immer voll, wenn ich nach Hause zurückkehrte. Anfangs hatte ich es wegen dem Geruch auf der Veranda stehen. Da kommen Quadratmeter Müll zusammen, einsehbar von allen Nachbarbalkonen, deswegen musste ich in den Keller umziehen, dort dann mit einer Sichtblende.

Einzig von ALG II kann in unserem Land kein Schwein leben, das weiß man. Es ist ratsam, dass man andere Quellen auch noch hat. Man darf sich nicht erwischen lassen. Ich stehe in der Schlange im Hartz-IV-Amt und dieser Typ kommt heraus. Ich gucke ihm ins Gesicht, denke, den kenne ich; er schaut gleich weg. „Oh, hallo, du auch mal wieder hier?“, kräht eine Dralle hinter mir. Der Typ wird nuschelig und will sich dünne machen. „Immer wenn wir uns sehen, ist es hier“, unterstreicht die Dame. Bei mir war der Groschen gefallen. Das ist der, den ich mit fetten Handschuhen, Schlagstock und Taschenlampe abends in dem Kommerzcenter mit Multiplexkino sehe. Wobei ich nur vor den Türen die Aschenbecher abklappere, weil die Security manchmal Terz macht.

Er ist arbeitslos und arbeitet. Das heißt, er steht mit Uniform und Ausrüstung mehrmals die Woche, wo Supermärkte, Kinos und Fitnessstudios die Laufkundschaft massieren. Aber die vom Jobcenter sehen ihn nicht. Oder ist es so: Obwohl er arbeitet, verdient er so wenig, dass der Staat die Wachfirma subventionieren muss, indem sie Hartz IV auf seinen Lohn drauf packen. Voll der Sozialstaat! Lass die Leute in Hungerjobs arbeiten, damit du den Unternehmern bissi Zuwachs geben kannst! Wie drückten Brioni-Gerhard und Pfeifenheini es aus? „Nicht in die Arbeitslosigkeit, sondern in die Arbeit wollen wir mehr investieren!“ So kann man's sagen, wenn man gewählt spricht.

Bei mir war die Arbeitslosenhilfe gar nicht besser gewesen als das sie ersetzende Hartz IV. Das heißt, die Arbeitslosenhilfe war natürlich verschieden von Fall zu Fall, je nachdem was man vorher verdient hatte. Erst mit dem Hartz kommt die große Gleichheit, wo nach einem Jahr Arbeitslosengeld I alle sich finden. Meine Arbeitslosenhilfe hatte sich ewig vom Gehalt des Referendars hergeleitet. Davon 58 Prozent oder so etwas. Wenn ich danach irgendwo den Schulmeister gab, in Kursen bei sogenannten freien Trägern, errechneten sie hinterdrein wieder dasselbe, weil diese Kurse nur für Selbstständige waren, ich nichts abgeführt hatte. Ich verdiente sowieso nie richtig, das lag aber mehr an mir, denn mein wöchentliches Deputat hätte ich aussuchen können, beließ es aber beim Existenzminimum, weil ich mehr nicht ertragen hätte. Als ich schließlich in die Werbung ging, verdiente ich zwar besser, aber auch nicht gut, denn ich war Berufsanfänger und man hat mich als Juniortexter angestellt.

Einwerfen wird man, müsste ich meine gute Stunde fürs Pfandflaschensammeln nicht Tag für Tag drangeben, allerdings muss ich in Wahrheit nicht, wenn ich es je müsste, würde ich mich verweigern, so bin ich halt, es ist eher so, dass es mir die Sahnehaube auf die Woche setzt, die gute Flasche Wein, dann könnte ich in all dieser Zeit doch was schreiben, wo ich immer sage, dass ich das lieber täte. Aber es läuft eben nicht und ich brauche mein Hin- und Hergehopse zwischen widerstreitenden Neigungen. Von meinen 40-Stunden-Arbeitsplätzen bin ich dauernd ausgerückt. Den 40-Stunden-Arbeitsplatz des freien Autors würde ich ebenso torpedieren.

Nur auf der Flaschensuche konnte ich eine fast noch volle Zigarettenpackung auf einer Tischtennisplatte finden, was nach zwei Jahren Abstinenz den Rückfall in meine Raucherei bewirkte. Einen einigermaßen wärmenden Wintermantel habe ich mir an einem beschnittenen Strauch eingerissen, unter dem eben was gelegen hat. Und einmal fand ich einen fleckenlosen 5-Euro-Schein in einem Papierkorb in der Fußgängerzone. Dies entspricht zwanzig 1,5-Liter-Apfelschorle-Flaschen à 25 Cent. Keine schwere Last, aber vom Volumen her auch ein Sack. Jetzt stell dir meinen Fünf-Euro-Schein als 63 Bierflaschen vor, die du ohne Auto umwälzt, händisch in den Leergutautomaten schiebst, während Unmut sich im Hintergrund aufstaut.

Was immer du on Top kriegst, du stellst dich in kurzer Zeit drauf ein und verlierst dein Gefühl , dass du mehr hast, als dir zusteht. Dann passiert was. Eine Kältewelle oder eine neue Epidemie schlägt zu. Die Leute sind viel seltener mit Getränken auf Achse. Dein Rheuma meldet sich. Aber die anderen Pfandflaschensammler sind stramm am Rackern. Man sieht sie täglich, überall. Zu allen Tages- und Nachtzeiten radeln sie an dir vorbei auf den mit Tragetaschen behängten Rädern, haben Stangen dabei und Klammern dran. Flaschen scheinen zum Anker einer Lebensweise geworden. Und dich peinigt, wie dein Lebensstandard dahinschwindet. Du kannst dir die Mädchentraube zu dem von Maitre Thilo Sarrazin entwickelten Bratwurst-Sauerkraut-Menü nicht leisten. Dabei, wann denn je wären Alkohol und Zigaretten angebrachter, als wenn man alleine in der Bude gammelt? Doch wohl nicht zum Frühstück morgens um sieben!

Ich sah allerdings auch Flaschensammler, die während der Tour Zigaretten im Wind verglimmen ließen. Das geht so gar nicht! Meine Idee: Wenn sie in Singapur die Sauberkeit der City gewährleisten, indem sie weggeworfene Kippen mit einem halben Vermögen ahnden, könnten wir, vom Dosenpfand gelernt, eine Bringprämie für gebrauchte Zigarettenfilter, welche anschließend der chemischen Wiederaufbereitung zugeführt werden, ausschreiben. Jetzt schon haben wir es mit dem Dosenpfand erreicht, einer der recyclingfähigsten Staaten der Erde zu werden. (Genauer gesagt mit dem Kombi-Tool aus Dosenpfand und Hartz IV.)


 

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