Hajo Schindler

Ich verliere so langsam den Überblick

Was für eine Zeit! Graues, schmuddeliges Wetter, Winterbeginn und eine sich verschärfende C-Krise. Da bekommt man schnell schlechte Laune. Dazu kommt noch und ich muss es gestehen, ich blicke so langsam nicht mehr durch. Ich gehe in der täglichen Informationsflut unter. Mein Gehirn ist verstopft wie der Salzstreuer in einem Ausflugslokal. Ich bin gefangen in einem Überangebot an Informationen. Ich glaube, ich habe nicht mehr alle Tassen im Schrank. Meine Verfassung ist besäufniserregend. Ja, Sie lesen richtig.

Ich sage Ihnen jetzt etwas, halte mit meinen Worten nicht hintern Berg und verrate Ihnen, das es angesichts der katastrophalen Lage abgebracht wäre, dass einzig Vernünftige zu tun, nämlich sich zu Hause einzubunkern. Vergessen Sie dabei nicht Fenster und Türen mit Bauschaum luftundurchlässig zu machen, damit die Aerosole weder nach innen noch nach außen dringen können und wir somit uns oder andere schützen.

Bevor Sie und ich diese Maßnahme ergreifen, rate ich allerdings dazu, noch einmal richtig einzukaufen. Achtung: Toilettenpapier nicht vergessen! Danach wie schon erwähnt, Fenster und Türen zusperren, morgens, mittags, abends, Konservenfraß essen, fertig.

Damit wir uns richtig verstehen, diese Verhaltensweise gilt nicht für ein paar Tage, nein eher wochenlang, ach was sage ich, monatelang, zumindest bis zum Frühlingsbeginn im nächsten Jahr. Danach werden laut Marco Buschmann, FDP, alle Maßnahmen beendet. Wenn wir mal zwischendurch den Konservenfraß leid sind, ihn nicht mehr sehen, essen resp. riechen können, gönnen wir uns zur Abwechslung einen Döner oder eine Pizza, welche wir von einem Mitarbeiter von Lieferrando geliefert erhalten, der allerdings nur in zertifizierter medizinischer Schutzkleidung das Grundstück betreten darf und das Bestellte durch die Katzenklappe zu uns durchschiebt.

Auf meiner Homepage „Wir bleiben zuhause.de“ werde ich in dieser Zeit Life-Style-Tipps veröffentlichen und über mein „eingesperrt“ sein berichten.

Schluss, aus! Ironie, Sarkasmus beiseite! Betrachten wir das Leben, wie es nun mal im Augenblick tatsächlich ist.

Ich höre Sie und eine große Zahl weiterer Personen dieses Landes, die jetzt empört ausrufen, was soll der ganze Quatsch. Ich habe mich doch impfen lassen, ich trage eine Maske, wasche mir regelmäßig die Hände, lüfte, halte Abstand und verhalte mich auch sonst sehr vorsichtig! Machen Sie und ich bestimmt auch und das ist natürlich gut. Doch im Schwitzkasten eines übermächtigen Gegners reicht es nicht, wenn Sie, ich und Millionen unserer Mitmenschen sich verantwortungsvoll verhalten, ein paar Millionen andere aber nicht.

Es befreit, wenn ich für das Problem, das Chaos, einen Schuldigen benennen kann. Das hilft mir, innere Spannungen, Unzufriedenheit abzubauen. Politikversagen – okay, aber sind es nicht eher die Ignoranten, die zu Zigtausenden in ein Fußballstadion gehen, die zu Tausenden dicht gedrängt nach dem Motto Karneval feiern - Wolle mer et reinlosse, dat Virus, Hölle Alaaf - in Bars und Clubs ausgelassen die Sau raus lassen, die in Risikogebiete verreisen, dort Urlaub machen, sich insgesamt unangemessen verhalten und die demnächst die wenigen stattfindenden Weihnachtsmärkte fluten?

Okay, okay, ich hör ja schon auf mit den Vorwürfen. Es ist ja nicht ausdrücklich verboten, die vorstehend genannten Dinge zu tun. Es ist auch nicht verboten, sich ins Koma zu saufen. Man muss aber nicht alles das machen, was nicht ausdrücklich verboten ist.

Erzählen Sie mir bitte jetzt nichts von, ich bin doch 2G und auch schon geboostert, dann kann ich doch…..

Nein, nicht alles, Schluss, aus, Pustekuchen. Basta!

„2G hat eigentlich keinen Effekt, das sieht man an Österreich oder auch in Sachsen. Hätte diese Maßnahme Wirkung gezeigt, hätten wir das an den Infektionszahlen jetzt schon sehen müssen. So wird sich die Pandemie kaum eindämmen lassen" (…), sagt Thorsten Lehr in einem Gespräch mit t-online. Er ist Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes und hat den Covid-Simulator entwickelt, der die weitere Entwicklung der Pandemie modelliert. Auf die Frage, ob Weihnachtsmärkte in dieser Zeit stattfinden sollen, führt der Herr Professor aus: „Nur weil diese Märkte outdoor stattfinden, heißt das nicht, dass dort keine Infektionen stattfinden. Infektionen übertragen sich da nicht durch Aerosole, sondern durch Tröpfcheninfektion. Abgesehen davon: Weihnachtsmärkte sind ein völlig falsches Signal der Entspannung (…) Wir müssen uns klar machen: Wir befinden uns in einem Katastrophenwinter.“ (Quelle t-online 19.11.2021).

Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich dem Professor für seine Warnung bin. Immerhin scheinen nur die Weihnachtsmärkte problematisch zu sein. Gott sei Dank, Fußballstadien nicht. In meinem Wintergarten, dem Signal Iduna Fußballstadion in Dortmund mit zuletzt 60.000 Zuschauern also NO PROBLEM. JUHU! YIPPIE YAY! Deshalb werde ich mit meiner Frau den Weihnachtsmarkt meiden und ihr stattdessen alternativ einen unproblematischen Stadionbesuch anbieten. Glühwein wird es dort bestimmt vor dem Spiel, in der Halbzeitpause und nach Spielende auch geben. Bestärkt wird mein Vorhaben durch die Aussage des NRW-CDU-Landtagsfraktionschef Bodo Löttgen, der unter Protestrufen im Plenum sagte: „Es gibt in der Bundesrepublik keinen sicheren Ort als ein Stadion“. Da fällt mir aber ein Stein vom Herzen.

Die Gruppe um den Mobilitätsforscher Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin sieht in der 2G Regel ein gutes Mittel, um die Verbreitungsgeschwindigkeit des Corona-Erregers deutlich zu verlangsamen, erfahre ich aus der Zeitung.

Mittwoch, den 1.Dez. konnte ich in meiner Tageszeitung lesen: Italien - Impfquote rund 77 Prozent, Portugal - Impfquote 88 Prozent. Die Stimmung ist relativ entspannt (…).

Einen Tag später, am 2.Dezember, lese ich in der gleichen Zeitung: Italien - In der Bevölkerung sind rund 85 Prozent der Menschen zweimal geimpft (…). Portugal - wieder im Notfall-Zustand. In Portugal gilt seit Mittwoch (1.12.) wegen steigender Infektionszahlen wieder der Notfallzustand (…).

Der komplette Verzicht auf menschliche Kontakte ist das Einzige, was angesichts der explodierenden Infektionszahlen jetzt noch hilft, sagen Epidemiologen, alle anderen Maßnahmen greifen zu kurz, lese ich im Internet.

Wem soll ich nun glauben, dem Thorsten aus dem Saarland, dem Kai aus Berlin oder dem Bodo aus dem NRW-Landtag und was mache ich mit den vorstehenden unterschiedlichen Meldungen in der Tageszeitung resp. dem Internet?

Hendrik Wüst, der neue „NRW Landes-Vater“, mahnt mit finsterer Mine zu neuer Ernsthaftigkeit: „Das Gebot der Stunde sei konzentrierte Wachsamkeit und entschlossenes Handeln und kreatives impfen.“ Sorry, aber mich erinnert das mehr an Fußball Trainer Gequassel nach einer krachenden Niederlage und einer Rhetorik von geschniegelten Anzug-Sprachpuppen.

Unser künftige Bundeskanzler Olaf Scholz legt sich mächtig ins Zeug: „Wer bei mir Führung bestellt, bekommt sie auch“.

Jetzt steht ein General der Bundeswehr an der Spitze des Corona-Krisenstabes. Er soll alles daransetzen, um den Pandemiezug auf das Abstellgleis zu schieben. Helge Braun, der geschäftsführende Kanzleramtsminister, Angela Merkels wichtigster Mann bei der Pandemie-Bekämpfung, war in den vergangenen Tagen vor allem damit beschäftigt, die Öffentlichkeit von seiner Unschuld an der jetzigen Corona-Situation zu überzeugen.

Ich sehe es ganz deutlich vor mir, während es dem Anästhesiologen Braun nicht gelang, das Virus einzuschläfern, wird der General das Virus jeden Morgen mit den Worten „Stillgestanden, Augen gerade – aus! „Zur Meldung Augen – rechts!“ zum Rapport bitten.

Schlimm ist, das auf dieser Klaviatur des Verunsicherns jeder, der meint, etwas zur Lösung beitragen zu können sich berufen fühlt zu Wort zu melden, um sein eigenes Süppchen zu kochen und dabei hofft, persönlich oder politisch davon zu profitieren.

Vielleicht ist das sogar die Lösung des Problems: Im schönen Land Österreich konnte man in der Boulevard Zeitung „Express“ lesen, dass Impfgegner Pferde-Entwurmungsmittel schlucken, um sich vor dem Virus zu schützen. Ich für meinen Teil verhalte mich da tolerant. Egal, was soll`s. Wem`s hilft.

Ich bedaure an dieser Stelle, bin sprachlos und konsterniert, frage mich, wann es einen Impfstoff gegen Irrsinn gibt. Der scheint noch dringender nötig als gegen Corona.

Ich glaube, der Scheißhaufen vor unserer Haustür hat ein Ausmaß erreicht, der, obwohl versucht wird, diesen mit einem Hochdruckreiniger zu entfernen, noch lange stinken und sichtbar sein wird. Zumal der Loddar, nicht der Matthäus, nein, der vom RKI, Professor Lothar H. Wieler, schon ganz besorgt mahnt und auf die fünfte Welle hinweist, die unweigerlich auf die vierte Welle folgt, wenn sich die Leute nicht impfen, nicht impfen, nicht impfen, nicht impfen, nicht impfen, nicht boostern, nicht boostern, nicht boostern, nicht boostern, nicht boostern……lassen und nicht darauf achten einen Abstand einzuhalten, nicht darauf achten einen Abstand einzuhalten, nicht darauf achten einen Abstand einzuhalten , darüberhinaus  versäumen Masken zu tragen, darüberhinaus versäumen Masken zu tragen….. und die Kontakte nicht einschränken, die Kontakte nicht einschränken……..

Ich habe bewusst diese Wiederholungen gewählt, damit jeder, also nun wirklich jeder weiß, was Sache ist.

Haben Sie auch bemerkt, dass die Kanzlerin, der künftige Kanzler und die Ministerpräsidenten bei ihrem Treffen am Donnerstag, den 18. November eher ratlos als beherzt wirkten?

Was bedeutet dieses Bohei aber alles für meine/ unsere gegenwärtige Lage? Vielleicht einfach nur dies: Manche Krisen sind so groß, dass sie unsere Kräfte übersteigen. Ihre Bewältigung braucht Zeit. Auch Erkenntnisprozesse brauchen Zeit, das ist überall so. Es wurden und werden weiterhin Fehler gemacht, das ist schlimm, aber es ist menschlich. Vielleicht sollte ich gelegentlich daran denken, wenn ich wieder mal auf die gewählten trägen, unfähigen „Volksvertreter“ schimpfe. Sie brauchen leider lange, um den Ernst der Lage zu begreifen, um entschlossen zu handeln.

Was wünsche ich mir also von den Politikern? Ich teile die Meinung von Annette Kuschus, Vors. des Rates der Evang. Kirche in Deutschland: „Ich wünsche mir von der Politik, indem was sie entscheiden und tun, wirklich als allererstes die Menschen sehen und nicht die potenziellen Wähler und Wählerinnen, die ihnen die Stimmen geben, sondern das wirklich im Sinne der Menschen entschieden wird, um die es jetzt geht und deren Leben geschützt werden muss.“ (Quelle: Talk Hart aber fair 22.11. 2021)

Ich drücke für uns alle ganz fest die Daumen. Bleiben wir zuversichtlich!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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