Francois Loeb

SCHLÄGEREI

Schlägerei!: wer als Zuleser dabei sein möchte kann dies in der heutigen Wochengeschichte aus meiner Feder:

SCHLÄGEREI
Nicht zu glauben, was es alles zu erleben gibt in einem langen Leben. Obwohl lang kann ich es noch nicht nennen. Lang höchstens in Sekunden berechnet. Ich bin selbst beinahe in Ohnmacht gefallen, als mir mein mathematisch begabter Freund die Zahl, als sei diese ein Menetekel mit dumpfer, brummiger Stimme verkündete: „Eine Milliardenullneunundvierzigmillionenhundertfünfundfünzigtausendzweihundertsekunden natürlich bereits einige mehr, die bei der Verlesung dieser deiner Sekundenzahl bereits verflossen sind. Eine Milliardärin! Gratuliere! Stolz kannst du darauf sein“, fügte er an. Er, der Grossgewachsene, muskulöse Mann, den ich so gerne für immer zu besitzen wünschte. Nein, besitzen ist das falsche Wort zu lieben wünschte. Ihn nie an eine andere verlieren wollte. Mein Herz auch für die andern mit einem altertümlichen Schloss versperrte, den mächtigen Schlüssel dazu in den so rasch dahin fliessenden Lebensstrom warf. An diese Zahl, an diese Gedanken erinnerte ich mich Jahre später, wollte gar nicht wissen, wie viele Sekunden seither vergangen waren, als ich in dieses Erlebnis hineinstolperte, ja ungewollt hineinstürzte, als ob ich von einem Fünf-Meter-Sprungbrett in ein leeres Schwimmbecken als Mutprobe fallen würde. Beängstigend jedenfalls. Schreckgebend. Hatte nie erwartet, lebend aus diesem Abenteuer, das sich in den ersten Minuten der Morgenröte ereignete, herauszufinden.
Und das kam so:
Nie zuvor stand ich in meinem jetzt so überlangen Leben vor einem solchen Abgrund. Arbeitslos. Seit Monaten. Wohnungslos. Auf Sozialhilfe angewiesen. Von einem Mann auf der Strasse angesprochen. Bestimmt nicht, weil ich anziehend aussah. Ganz im Gegenteil. Sich vorstellte. Vorstellte als Soziologe. Was das auch immer sein mochte, konnte mir von diesem Wort, geistig zwar von ihm zehrend, nichts Genaues darunter vorstellen. Nichts Präzises. Jedenfalls keine Preziosen. Doch der Mann, der sich Soziologe nannte, erinnerte mich an den Sekundenverkünder von einst. Gross. Muskulös. Ansprechende Gesichtszüge. Hatte er den Schlüssel im Strom meines Lebens gefunden? Diesen heimlich herausgefischt? Mit der Netzhaut seiner dunklen Augen gefangen. Steckte dieses Herzensbrecheisen in mein Herz. Was sich ein Mensch in der Kälte am Abgrund nicht alles vorstellen kann! Was für Träume die ineinander verstrickten Synapsen mir vorgaukelten. Er bat mich mitzukommen. Sei Professor an der hiesigen Universität. Suche einen soziologischen Fall, um in seinem Seminar seinen Studierenden ein Praxisbeispiel vorführen zu können. Ich würde es eindeutig nicht bereuen. Denn all diese hochintelligenten Köpfe würden bestimmt eine Lösung für mein verkorkstes Leben finden. Ja, verkorkst, betonte er besonders. Warm sei es zudem im Hörsaal. Ich konnte nicht ablehnen. Kaffeeduft empfing mich. Ein Assistent des Professors kredenzte mir Kaffee und dazu süsses Gebäck. Eine Gefühlsglückseligkeit, die ich so lange nicht empfunden, beinahe vergessen hatte, erfüllte mich.
Dann trafen die Studierenden im Auditorium ein. An die hundert beiderlei Geschlechts. Zahlreiche bebrillt. Alle mit Rechner ausgerüstet. Was mich zum irren Gedanken führte, wie viele Lebenssekunden wohl hier versammelt seien. Und dann klatschte der Professor dreimal in seine mächtigen Hände, von denen ich so liebend gerne berührt werden wollte. Augenblicklich trat absolute Ruhe ein. Er wandte sich mir zu, bat dann die Hundertschaft, mir Ratschläge für mein künftiges Leben zu geben. Wie ich aus dem Abgrund, in den ich gefallen sei, zurück in eine geordnete Existenz finden könne. Und da brach eine wahre Ratschlägerei aus. So viele Schläge hatte ich in meinem Leben noch nie einstecken müssen. Eine wahre Schlägerei war das, sodass ich den Hörsaal fluchtartig verliess, mir schwor, niemals mehr in einen solchen zu geraten. Und so habe ich mich hier in diesen Zeilen niedergelassen. Niedergelassen für den Rest meines Lebens. Auch wenn dieses einzig aus Buchstaben, Wörtern, Zeilen und Seiten bestehe. Mit nur einem in den Augen der Leserschaft möglicherweise unnatürlichen Wunsch:
Bitte geben Sie mir unter keinen Umständen einen Ratschlag. Lieber werfen Sie mich zum Altpapier.
Alt bin ich ja in Sekunden berechnet, bereits.
Uralt ...


Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:

S C H L A G A U F S C H L A G

Schlag mich
Sprach der Schlag
Lammsanft.

Da holte aus der nächste Schlag
Warf Schlag auf Schlag
Den sanften Schlag
Meilenweit hinaus. Ins Cybermehr.

Fügte bei ein e
Entfernte kunstvoll
Das gehauchte h
Versank dabei mehr und mehr
Endgültig im Schwarzen
Bodenlosen Meer
Ganz leer.


Herzlichst
François Loeb

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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