Hans Fritz

Das Experiment

worst case scenario

Die erdenbürtigen Bewohner des viele Lichtjahre entfernten Planeten Tambosirk durchleben ein fast zwölf Jahrhunderte währendes Experiment. Die Menschen stellen im Laufe der Zeit fest, dass grosse Änderungen von Landschaft und Klima offensichtlich wesentlich rascher als auf der Erde erfolgen, salopp gesagt im Zeitraffertempo.

Als der Erdenmensch jenen Planeten erobert geschieht das just zur Zeit einer ausklingenden Periode intensiver Niederschläge. Ein Sauerstoffanteil der Atmosphäre ähnlich dem der Erde ermöglicht menschliches Überleben. 80 % der globalen Sauerstoffbildung findet auf dem Waldkontinent statt. Bis eine rasch fortschreitende Trockenphase die Flora samt Baumbeständen und bodendeckenden Zwergsträuchern nachhaltig schädigt und allmählich zum Absterben bringt. Parasitenbefall tut sein Übriges. Schwarzer Schimmel, vergleichbar etwa mit irdischen Brandpilzen (Maisbrand etc.) bedeckt bald noch grünende Zweige. Künstliche Regengüsse aus Flugmaschinen bleiben wirkungslos. Der Bau von Bewässerungskanälen von den Meeresküsten aufs Festland verläuft schon während der Planungsphase, wörtlich genommen, im Sand. Höchst erstaunlich ist, dass der Gehalt der Atmosphäre an Kohlendioxid kaum verändert ist. Die Intensität der vom Zentralgestirn ausgehenden Energie ist aus unerklärlichen Gründen um knapp 10 % zurückgegangen. Mittlerweile ist auf dem Hauptkontinent, am streng gehüteten Ort der ersten Raumschifflandung der Irdischen, die von Menschenhand geschaffene ‘Ewige Flamme’ erloschen.

Die weit fortgeschrittene Methode der Elektrolytischen Wasserspaltung in Wasserstoff und Sauerstoff kann den Bedarf an Letzterem bei Weitem nicht decken, den rapide abnehmenden Sauerstoffgehalt der Atmosphäre nicht ausgleichen. Es reicht lediglich für einzelne, gut isolierbare Räumlichkeiten. Den Menschen, die sich auf welche Art auch immer der Katastrophe entziehen können, gelingt die Flucht in schleunigst errichtete Kuppelbauten mit einer technisch zwar ausgereiften, aber im Ablauf noch trägen Methode zum Generieren einer Sauerstoff führenden Atmosphäre. Bis zur ersehnten Öffnung der Refugien und Neubesiedlung der Stadtbezirke könnten Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte ins Land ziehen, heisst es in einem Bulletin, dessen Herausgeber ein Nachfahre der Moghsundaer Familie Trodewil* ist.

Eine letzte auf der Erde gestartete Raumfähre mit vermutlich ‘tiefgefrorenem Leben’ an Bord wird unverzüglich die Rückreise antreten. So hat der Trupp begleitender Roboter spontan entschieden. Das Jahrzehnte später auf der Erde ausgewertete Bildmaterial wir in den Medien so interpretiert: «Hinsichtlich seiner Dauer hat sich das Unternehmen Tambosirk als ein durchaus gelungenes Experiment erwiesen».

Die zunächst heftig umstrittene Expedition einer Forschergruppe in eine küstenferne Region des Waldkontinents sollte ein vielversprechendes Ergebnis liefern. Aus einem Tümpel werden blaugrüne Wattebäusche geborgen. Die nähere Untersuchung des Materials ergibt Ansammlungen primitiver Algen, die nach Meinung der Fachleute durchaus den Grundstock zur Bildung eines neuen, Sauerstoff liefernden Lebens bilden könnten. Darauf verkündet der einzige auf dem Hauptkontinent noch existierende Nachrichtendienst die Wiedergeburt tambosirkischen Lebens.

*Vgl. Kurzgeschichte «Aufbruch in eine ferne fremde Welt» (17.12.2018)

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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