Brigitte Waldner

Die geheime Fremdsprache

Die leichteste der schwierigsten Sprachen ist Russisch.

Man kann sich das Sprachstudium allerdings erschweren, wenn man Russisch über eine Fremdsprache lernt, wenn man ansonsten keinen Gratiskurs bekommt. Nach einem Monat kann man die kyrillischen Buchstaben lesen und schreiben und sogar ein paar längere Wörter beim Hinschauen schon erkennen. Wenn afghanische Kinder im Alter von 8 bis 14 Jahren binnen drei Monaten Deutsch verstehen, wenn man etwas langsamer spricht, und auch schon Deutsch sprechen, aber man versteht sie noch nicht so gut, und ein Jahr später versteht man sie aber sehr gut, dann muss es doch auch Deutschsprachigen gelingen, Russisch zu lernen.

Deutsch ist schwieriger als Französisch, aber leichter als Portugiesisch. Es lernen sehr wenige Deutschsprachige Russisch. Der Prozentsatz liegt unter 10 %. Rund 50 % des Internets verwendet kyrillische Buchstaben und hunderte Millionen Menschen sprechen Russisch als Muttersprache und als Zweit- oder Drittsprache. Russisch ist eine Weltsprache mit einer schwierigen Grammatik und Aussprache und nicht lateinischen Buchstaben. Das macht die Sprache so schwierig. Für Deutschsprachige, die schon Englisch und Latein in der Schule gelernt haben, ist Russisch als 3. Fremdsprache nicht mehr so schwierig zu erlernen, weil das Gehirn schon um die Ecke denken kann und gut vernetzt ist. Russisch ist für Deutschsprachige jedenfalls weit schwieriger als Deutsch für Russischsprachige.

Alle Russischsprachigen, die zu uns kommen, können schon Deutsch, wenn sie kommen oder lernen es sofort. Wieso soll man sich dann mit Russisch abplagen? Es ist ein gutes Gehirntraining, damit man im Alter nicht ganz verdummt und außerdem hört man dann, was die über uns reden, so lange man sich nicht zu erkennen gibt, dass man Russisch kann. Die einen freuen sich darüber, wenn man Russisch kann, die anderen aber weniger, die glauben, dass man mehr kann, als es tatsächlich der Fall ist und getrauen sich dann nicht mehr, Russisch zu reden, aus Angst, dass man sie versteht. Das wird schon so seine Gründe haben, daher ist es besser, die Sprache nur zu verstehen und ja nicht zu erkennen zu geben, dass man was versteht. Und das ist ganz einfach. Man darf nur nicht reagieren und auf ein Thema eingehen. Sonst verrät man sich ja schon, da muss man noch nicht einmal ein einziges Wort auf Russisch gesagt haben. So lernt man den Charakter wenigstens kennen. Es kann sehr lustig werden, wenn man eine Sprache versteht und der andere das aber nicht weiß.

Mir ist das bei Französischsprachigen einmal so ergangen. Sie haben Französisch gesprochen. Ich habe aber nichts verstanden. Dann habe ich die zwei Sätze gesagt, die ich damals schon auf Französisch konnte, und dann waren sie sehr irritiert, sind erschrocken, es erschien mir, als wäre es ihnen nicht recht gewesen und dann haben sie sich nicht mehr vor mir auf Französisch unterhalten. Es ist lustig, wenn einen die Leute für dümmer halten, als man ist, oder auch für klüger, als man ist.

Auch mein neuer Nachbar, der mit der Fußfessel, glaubt, ich bin schwerhörig. Er redet Deutsch. Eine Fremdsprache kann er nicht. Was der alles sagt über mich in meiner Gegenwart. Er glaubt, ich höre es nicht. Wenn er von einem Dritten ermahnt wird, er soll nicht so laut reden, ich würde das hören können, dann sagt er: „Nein, das hört sie nicht. Die hört schlecht.“ Der Vorteil vom Nichtshören ist, dass man sehr viel hört, was man ansonsten nie hören würde, wenn man etwas hören würde. Ich habe gelernt, nicht zu reagieren. Auf diese Weise lernt man die Menschen und ihren wahren Charakter kennen. Wie es dazu kam, dass der Nachbar meint, dass ich schwerhörig bin, kann ich mir nur so erklären, dass er mich ständig verbal beleidigte, ich aber nicht darauf reagiert habe. Was sollte ich denn dazu sagen, wenn es ihm Spaß macht, mich zu beleidigen? Mir hat es einfach nur die Worte verschlagen und er glaubt, ich höre schlecht. Ich habe ihn sehr gut gehört, aber was soll ich dazu sagen? Ich werde mich nicht auf seine Ebene begeben und ihn ganz einfach nur ignorieren. Er kann weder Englisch, noch Latein, noch Russisch oder Französisch, aber mich in deutscher Muttersprache beleidigen, das ist das einzige, was der Mann mit der Fußfessel mit seiner Sprache, seiner Freizeit und seinem Denkvermögen anfangen kann.

© Brigitte Waldner

 

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