Hans K. Reiter

Vorbild

ER oder SIE haben eine Vorbildfunktion, sagen die Leute.

Die Zeitungen füllen Spalten und ad hoc schwirbelt es im Internet: obskur, hinterhältig, beleidigend, die ganze Skala eben.

Ein Vorbild sein, das ist schon etwas, lediglich die Funktion eines solchen einzunehmen dagegen nicht.

 

Wieso?, fragen Sie.

Gelegentlich hat der Verfasser bereits demonstriert, wie in transzendenten Gefilden über Angelegenheiten unseres Menschseins gedacht und geredet wird. Wobei ausschließlich ein übersinnliches Denken und Reden vorzustellen ist, das unserem weltlichen Gebrauch zwar in keiner Weise entspricht, jedoch nur in Verwendung der uns geläufiger Kategorien annähernd beschrieben und empfindbar gemacht werden kann.

 

„Sie haben wieder ein Problem da unten!“, sagt einer der Göttlichen.

„Was ist es diesmal?“, fragt ein anderer aus der Runde.

 

„Sie wissen immer noch nicht recht mit der Pandemie, wie sie es nennen, umzugehen. Ihr wisst, die einen beten, andere machen sich daran, den Verstand einzusetzen, womit sie unserem göttlichen Plan entsprechend ausgestattet sind. Wir haben ihnen das bisschen Gehirn ja nicht nur zur Erhaltung ihrer Lebensfunktionen mitgegeben.“

„Gibt es nicht noch jene, die weder beten noch den Verstand benutzen?“

„Ja, die gibt es auch, und zwar reichlich. Nicht so sehr, dass sie ein besonderes Gewicht darstellten, aber gemessen an dem, was sie an Unsinn von sich geben, eben auffällig hervortreten.“

„Ihre wirren Ideen treiben sie auf die Straßen und Plätze, wo sie verkünden, was die Denker längst widerlegt haben. Aber sie wollen es glauben, weil sie ihr geistiges Elixier daraus ziehen, wie die Bienen den Nektar aus den Blüten.“

„Nur, wir, die Göttlichen, können nichts tun. Es geschieht, wie es angelegt ist, das haben wir so oft schon erklärt. Da hilft auch beten nichts. Denn, würden wir eingreifen, brächten wir die Schöpfung aus dem Gleichgewicht, was per eigener, göttlicher Definition ausgeschlossen ist. Aber sie verstehen es nicht und beten weiter. Jede Seite betet, lässt Waffen und Soldaten segnen, sieht stets im anderen das Böse und bei sich das Gute nur.“

„Den Menschen ist es gegeben, in alles und jedes einzugreifen, solange und so oft sie es wollen. Und sie tun es, zerstören ihre Welt, ihren Lebensraum, aber beten, damit WIR richten sollen, was ihr Unverstand zugrunde richtet.“

„Göttliche Sicht und Weisheit schließt ein, was sie tun. Daraus entsteht, was sonst nicht entstanden wäre, das Unendliche.“

„Um zurückzukommen auf ihren Drang, sich Vorbilder zu geben, um nicht zu sagen, sich ihnen hinzugeben. Es sind ja gerade oft die falschen Gestalten, wenn wir für einen Augenblick menschliche Grundsätze anlegen.“

„Wie recht!“

„Nehmen wir einen beliebigen aus dem Kreis der sich so rasch vermehrenden Menschen. Ein heroisches Abbild seiner Gattung, ein Held, mehr noch, ein Idol, ist er. Sie verehren ihn, sind bestrebt, sich seine Gunst zu sichern, gieren nach seiner Nähe, und doch ist er nicht mehr als ein Fußballspieler. Ein guter, aus ihrer Sicht, einer der Besten, vielleicht! Und sie sagen, er habe eine Vorbildfunktion.“

„Eine Vorbildfunktion? Ja, denn zu ihm schauen Jung und Alt gleichermaßen auf, ihn lieben sie auf eine Weise, ihn verehren sie.“

„Ist er nun ein Vorbild oder füllt er nur die Funktion als solche aus?“

„Des brillanten Spiels am Ball wegen, ist er Vorbild. Für andere Attribute fehlt jegliche tiefergehende Kenntnis über den Mann. Was die Klatschblätter über ihn schreiben, darf nicht die Richtschnur der Bewertung sein.“

„Insofern spielt er für alle ihm zugewiesenen Merkmale außerhalb des Fußballs nur eine Rolle, weshalb er unter dieser Betrachtung lediglich die Funktion eines Vorbildes ausübt.“

„So ist er also Vorbild und ausübende Funktion eines Vorbildes in einer Person?“

„Für die Menschen macht es keinen Unterschied, für ihn selbst dagegen schon!“

„Wie sollen wir das verstehen?“

„Als Spieler am Ball weiß er um seine besondere Befähigung und ist deshalb darauf bezogen natürliches Vorbild. Niemand verlangt von ihm in dieser Hinsicht, etwas vorzutäuschen, was er nicht wirklich ist. Er ist Fußballspieler, mehr nicht. Von ihm nun aber zu erwarten, dass er in jeglicher Hinsicht ein Vorbild sei, stößt tief in sein Innerstes und lässt ihn, einem Schauspieler gleich, der er nicht ist, Dinge und Wesenszüge verkörpern, die von ihm in seiner Funktion als Vorbild erwartet werden. Seht ihr, meine göttlichen Wohlheiten, den Unterschied? Er ist Vorbild, wo sein Tun seinem Wesen entspringt, und er ist Schauspieler dort, wo man ihn aus Eigennutz nötigt, anderes als sein eigenes Wesen vorzustellen.“

„Und so kommt es in der Folge zu kolossaler Verwirrung seiner Betrachter und Bewunderer, wenn sie tief berührt sehen, dass er seiner Funktion als Vorbild nicht gerecht wird und sie deshalb sein Schauspiel als solches entlarven.“

„Und weil sie nicht differenzieren nach Vorbild und Vorbildfunktion stürzen sie den armen Mann vom Sockel ins Nichts.“

„Er, der Fußballspieler, wäre weiterhin ein edles Vorbild, hätten ihn seine Mitmenschen nicht in eine Rolle, in eine Funktion gedrängt, der er nicht gerecht sein kann.“

„Sie stürzen das Vorbild, weil sie seinen Charakter nicht verstehen.“

 

Für den erlauchten Kreis der Göttlichen ist damit abgehandelt, was sie zum besseren Verständnis ihrer eigenen Geschöpfe gerne und ausgiebig erläutern.

 

Für uns bleibt, weil wenig von Erleuchtung gesegnet, moralische Entrüstung. Dabei wäre es so einfach: Nicht alles, was wir in und an einem Vorbild sehen, davon erwarten oder erwünschen hat tatsächlich mit dem Menschen zu tun, den wir dazu erheben.

 

(Im Guten, wie im Schlechten!).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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