Klaus Mattes

St. Bernhard dezimiert die Erscheinungen

 

Er war nie einer, der angenehm lesbar sein wollte, seine Realitätspartikelchen unauffällig arrangieren, mit Beobachtungen, Sinneseindrücken, feinen Valeurs den Eindruck eines Tatsächlich-Dabeigewesenseins erwecken, wie, sagen wir, Balzac, Flaubert oder Zola. Attitüdenhaftes und in aller Geläufigkeit Narzisstisches hatte Bernhards Stil immer. Seine Texte waren Auftritte eines Artisten, der vom Lesenden die Zustimmung erwartet, dass es alles Mache und der Artist der größte Macher ist, also durchaus kein Journalist oder Sachbuchautor.

Die Fabeln der frühen Romane von Thomas Bernhard fesseln nicht. Dieser, mit den Jahren dann aber doch noch sehr unterhaltsam werdende Autor, wenn auch am meisten im Medium seiner persönlichen Umgangsformen, der Interviews, Leserbriefe, öffentlich inszenierter Skandale und privater Unverschämtheiten, von denen uns Mittelsmänner erzählen, er war kein John Irving, kein Haruki Murakami oder Daniel Kehlmann. Er ähnelt eher einem klassischen Musik-Solisten, der den Applaus nicht für die nette Melodie bekommen möchte, sondern weil die Kenner gemerkt haben, wie makellos eingeübt das Konzert wieder gewesen ist.

Seinen Spätstil eines sich reproduzierenden und einhegenden Bernhards, er soll gesagt haben, er lese nichts mehr, außer Zeitungen bekanntlich, sonst lasse er sich von der Konkurrenz noch inspirieren, sehe ich mit der „Korrektur“ (wohl das klassische, perfekte Bernhard-Buch, „Holzfällen“ unterhält natürlich besser) beginnen oder dem autobiografischen Buch „Die Ursache“. Beide kamen 1975 heraus. Ab diesem Scheitelpunkt sind die Plots von Bernhards-Werken zunehmend nur noch Vorwand. Er braucht seine Bühne, um tun zu können, was es immer tut.

Ich stolperte über eine vernichtende Beurteilung durch Peter Handke aus den achtziger Jahren. Handke, auch er Österreicher und Suhrkamp-Starautor, ebenfalls Mutter-Sohn und Egomane, aber deutlich jünger und rascher zur Spitze vorgestoßen (Büchnerpreis), war in den siebziger Jahren jemand gewesen, der Bernhard als geistigen Mentor gepriesen hatte. Auf der zwischenmenschlichen Ebene scheint es zwischen ihnen bald gekracht zu haben. Bernhard war keiner, der sich von jüngeren Hengsten aus dem selben Stall loben ließ. Klar war doch, er überragte sie.

Peter Handke wirft ihm also vor, er beschreibe die Welt und die Dinge auf ihr, namentlich die Natur, nicht ein einziges Mal mit Hingabe und Disziplin. Peter Handke ist dieser Ministrant, der zum Priester erst wird, nachdem er einiges Unauffällige am Wegesrand angebetet und ein Glöckchen geläutet hat. Das Einzige, sagt er, was am Bernhard noch tauge, sei „das Berückende“ der Prosa. Ich nehme an, damit meint Handke die Musikalität der sprachlichen Sequenzen. Allerdings ist das Setting, was äußerlich also da war, und was darin dann dort getan wurde, in Bernhard-Büchern immer sekundär und pauschalisierend zurechtgemacht. Es hat die Realien zwar gegeben, aber auf der Bühne stehen nicht sie, sondern die Suada eines ungeheuerlichen Sprechers. Allein, wie er redet, in den Büchern also schreibt, ist hier Ereignis. Also enthält Handkes Schelte mehr oder weniger das, was fast alle Dichterbeschimpfungen über Dichter meinen: „Er macht es nicht so, wie ich es mache, wo es so aber doch gemacht gehörte!“

Je später es wird, umso augenzwinkernder wird Thomas Bernhard. Ihr wisst, dass ich alles immer am aller, allerschrecklichsten finde. Nur ist es in diesem Fall noch scheußlicher gewesen.

Die ersten veröffentlichten Prosawerke wie „Frost“, „Verstörung“ und - zuletzt nachgereicht - „In der Höhe“ verraten, dass sie nicht vom sich selbst Überzeugten kamen. Die ersten Bücher waren von einem jungen Wilden, der den Leuten ins Hirn hämmert, er wäre ein Genie. Was der Beckett kann, kann ich auch. Nämlich gleich da bei uns, in der Alpenrepublik, am Land, in Kärnten, in Tirol, unter Ziegeleiarbeitern und Gastwirtsfrauen. Die Stückigkeit der Texte wird spürbar. Weder das komplette Personal noch den Spannungsbogen für einen 250-seitigen Roman hatte er, als er zu schreiben anfing. Er hatte ein Arsenal aus Nummern in Petto, die musste er zusammenschweißen. Entsprechend stimmiger sind die kürzeren Stücke aus jener Zeit, „Amras“ zum Beispiel. Aber mit Kurzprosa setzt man sich im Ausland nicht durch.

Was für die sechziger Jahre auch auffällt, sind Bernhards Humorlosigkeit und das Pathos des Existenzialisten. Auch eine eitle Art von Unbeugsamkeit. Hier geht’s um die letzten Dinge, von Gott verraten sein, keine Kommunikation mehr können, das ist bedeutend. Er hätte in jenen Jahren und passend zu seinem Entwicklungsstadium die Liebe oder die Politik zum Thema machen können, weiß aber, beides ist nicht sein Ding. Er kennt sich nicht aus damit und es interessiert ihn auch nicht. In der Rückschau erstaunt uns das: Ein Dreißigjähriger, der sich weder für Politik noch für Erotisches interessiert. Damals scheint man das nicht bemerkt zu haben, denn er interessierte sich für Höheres. Bernhard war ein philosophischer Schriftsteller.

Offenbar wusste er Jahre nicht, was er jetzt noch machen konnte, nachdem er das gemacht hatte. Es gibt von ihm verschiedene Geschichten, was er früher irgendwo mal getan hätte, statt schreibend Geld zu verdienen, was er immer noch tun könnte, wenn's mit dem Schreiben zu arg werde. Diese Erzählungen sind so offenkundig gelogen, dass man sie heute nur noch selten wiederholt. Erst hatte er behauptet, in den späten fünfziger bzw. frühen sechziger Jahre habe er ein paar Jahre in England gelebt und wäre Bibliothekar gewesen. Obwohl er Englisch nicht konnte. Entsprechende Lebensabschnitte bei Elias Canetti, Ludwig Wittgenstein, Arthur Koestler oder Theodor Kramer scheinen ihm imponiert zu haben. Für die mittleren sechziger Jahre erzählte er dem Häusermakler Hennetmair in Ohlsdorf, in Wien hätte er mit einem Lastwagen Bier ausgeliefert. Was er ein oder zwei Fuhren lang wirklich getan haben könnte. Mehr jedoch scheint er mit der Wiederherstellung des über Hennetmair angekauften Bauernhofs beschäftigt gewesen zu sein.

Allmählich geht ihm auf, dass er die Blaupause des einzigen Bernhard-Buchs sich schon erschrieben hatte. Jener völlig isolierte und grimmig entschlossene philosophische Kopf als Erzählerfigur. Noch besser, als gescheiterte Figur, von der ein namen- und charakterloser Erzähler „berichtet“ oder Aufzeichnungen versammelt, da er selbst es nicht mehr kann. Verschachtelte Sätze, Tiraden indirekter Rede. Seine Selbstmorde, die inzestuösen Geschwister. Die Menschenfeindlichkeit der Natur, die Heimtücke der Einheimischen. Die österreichische Sprachfärbung, die Lust am Granteln. Die barocke Mahnung vor dem Lebensende und die Koketterie von wegen seiner Vorliebe fürs Totsein. Ein gerüttelt Maß Egozentrik und kaum verhüllte Selbstbeweihräucherung.

Irgendwann war ihm klar: Das kann ich bis in alle Ewigkeit weitermachen und blendend verdienen. Was dem Menschen Bernhard durchaus nicht gleichgültig gewesen ist. Als uneheliches Kind mit Halbgeschwistern, als Enkel eines erfolglosen Schriftstellers und einer Putzfrau, war er in relativer Armut aufgewachsen, Krieg und Nachkriegszeit hatten es nicht besser gemacht. Als Student an der Musikakademie und als junger Lyriker war er in Kontakt mit einem großbürgerlichen Lebensstil gekommen, den er nicht bezahlen konnte. (Zum Glück gab's in der Hauptstadt die Erbin des Vermögens vom größten Schokoladeproduzenten des Landes.) Seit der Herausgabe der Korrespondenz mit dem Verleger Siegfried Unseld wissen wir, dass Unseld von einem Besuch in Österreich nach Frankfurt schrieb: „Er ist geldgierig. Jetzt wissen wir, wie wir ihn kontrollieren können.“ Auf Seiten Bernhards hieß das, niemals klar gesagt: Ich muss durchsetzen, dass möglichst alle besetzbaren Erscheinungsdaten und Formate des Hauses Suhrkamp mit Bernhard-Novitäten versorgt werden. Im Frühjahr ein Suhrkamp-Taschenbuch oder was Kleines, vielleicht Wiederaufgelegtes für die Edition Suhrkamp, zu den Salzburger Festspielen eine Premiere, im Herbst für die Buchmesse und das Weihnachtsgeschäft ein großer gebundener Roman. Und alljährlich was in der Bibliothek Suhrkamp, nein, nicht Taschenbuch, sondern Klassiker-Bibliothek, weil es unvergänglicher bleiben wird und mehr kostet. Außerdem noch was hintenherum dem Verleger Wolfgang Schaffler (Residenz Verlag Salzburg, seinerzeit erste Adresse für österreichische Autoren, mittlerweile Staatsbetrieb) zugeschoben, wenn auch unter Wortbruch gegenüber Unseld.

Eine respektable Fertilität, aber er schrieb keineswegs permanent, sondern meistenteils eigentlich nicht, fuhr in der Gegend herum, sammelte antike Bauernmöbel und edle Schuhe, besuchte einen kultivierten Bekanntenkreis auf dessen Schlössern und Grundstücken am nördlichen Alpenrand, spannte am oder im Mittelmeer aus, saß in Wien im Kaffeehaus oder in Gmunden und las Zeitungen, besichtigte und kaufte abgelegene, alte Häuser und ging darum herum viel spazieren. Übrigens in einem eher waldlosen, sanft hügeligen, fast schon flachen Landstrich unweit der meistbefahrene Autobahn Österreichs, auch Industrie gab es in seiner Nähe. Man stellt sich das oft zu hochgebirgig und unwirtlich vor. Sein Grundgehalt bekam er als Abschlag auf kommende Honorarabrechnungen monatlich überwiesen. Und so meldete er halt laufend Titel ins Raster denkbarer Erscheinungstermine hinein an, sie lösten bald einigen Druck aus. Dazu die Rechnungen für das Zweithaus, das Dritthaus und die Eigentumswohnung. Dann sperrte er sich ein für paar Wochen und hämmerte es in rasendem Tempo in sein Trumm von Vorkriegsmaschine, rand- und zeilenabstandlos. Das ging dann schon noch paar Mal hin und her, bis es fertig wurde.

Jedenfalls versteht man, dass unter diesen Produktionsverhältnissen durchgepaustere Plots herauskamen, sich beim Formalen gleichend. Das mag man verurteilen. Allerdings geht es bei Thomas Bernhard weder um Mitteilungen noch Erkenntnisse, noch Storys, sondern um Sprachmusik. Diese aber wurde mit der Serienfertigung nicht schlechter, vielmehr leichter, geschmeidiger, humoriger, manchmal sogar selbstironisch.

Ich nehme an, dass er das unwiderrufliche Ende der von ihm entwickelten Daseinsform herannahen sah, vielleicht mit dem Sterben der Schokoladenmillionärin, seiner Ersatzmutter. Ich glaube, von da ab genoss er es jedes Mal, es doch noch machen zu können, es jetzt besser zu können (so dürfte er es empfunden haben), wieder mal mit seinen Tricks durchgekommen zu sein.

Verwundert bin ich über Kommentatoren wie Peter Hamm, der sagte, Handke-Bücher machen dem Leser die Welt weiter auf, während Bernhard-Bücher sie enger machen. Auf lange Sicht würden die Bücher Peter Handkes überleben. Mit den real wirkenden Mechanismen der Welt von, sagen wir, 1982, haben die Bücher beider Autoren kaum etwas zu tun. Vielmehr sind sie die Spiegel einer, auf ihre jeweils eigene Art, schwierigen Persönlichkeit - wie natürlich auch Echos fremder Bücher, Bücher aus der Vergangenheit. Dieser beiden Autoren Bezwingendes und Bleibendes ist die Originalität im Sound. Imitieren, parodieren kann man das inzwischen allenthalben, aber damals hat keiner sonst es so erschaffen können. Mein persönlicher Zugang zu Bernhard erfolgte zu einer Zeit, als er nicht mehr als ein Name war für mich, über die Hagenbuch-Geschichten von Hanns Dieter Hüsch. Mir war nicht klar, dass Hüsch eine Stimme imitierte. Und später noch einmal bei dem schwulen Erzähler Walter Foelske, dessen Fans es ebenfalls fast durchgehend für unwesentlich hielten zu erwähnen, bei wem ihr Autor den irren Stil gelernt hatte.

Thomas Bernhards (oder auch Handkes) Verhältnis zu Welt, Leben, Mensch und Gesellschaft ist eigentlich belanglos für uns Lesende. Die Meisterschaft des Schreibens liegt in unverwechselbarer Sprache. Wer Bernhards virtuoses Abschreiben eines vordem entwickelten Tons nicht mag, wird sagen: in dieser ominösen Manier.

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