Heinz-Walter Hoetter

Sieben Kurzgeschichten der unterschiedlichsten Art

1. Der kleine Regentropfen
2. Die magische Perlenkette
3. Der Bewerber
4. Diese Geschichte erzählte mir James Taylor
5. Der alte Magier und sein Zauberlehrling
6. Die Rache der alten Magierin
7. Die drei Groschen

 

 

***




1. Der kleine Regentropfen

 

 

 

Ein kleiner Regentropfen war auf die Erde gefallen und hatte dabei alle seine Erinnerungen verloren. Er wusste auch nicht mehr, was seine wirkliche Bestimmung war und wo sein Ziel lag.

 

Jetzt befand er sich hier auf dem nackten Boden und versuchte über sich selbst und sein Schicksal nachzudenken. Ihm fiel aber nichts ein. So entschloss er sich dazu, in die weite Welt hinaus zu gehen, die direkt vor ihm lag, obwohl er nicht wusste, wohin er gehen sollte. Trotzdem marschierte er los.

 

Unterwegs kam ihm eine Wolke entgegen. Als der Regentropfen vor ihr stand, fragte er sie mit traurigen Augen: „Kannst du mir sagen, wer ich bin?“

 

Die flüchtige Wolke war aber zu sehr mit sich selbst beschäftigt, sodass sie ihn gar nicht beachtete, sondern einfach an ihm vorbei schwebte, ohne ihn wahrzunehmen.

 

Der kleine Regentropfen wurde noch trauriger und war voller Selbstzweifel. Trotzdem machte er sich wieder auf den Weg, um irgendwo anzukommen, wo er vielleicht eine Antwort auf alle seine Fragen finden würde.

 

Gegen Abend kam er an einen Bach, der lieblich vor sich hin plätscherte. Die Sonne stand schon sehr tief und ihre Strahlen warfen lange Schatten.

 

Der Bach fragte den kleinen Regentropfen: „Warum siehst du so betrübt aus? Was ist mit dir los? Sag' es mir! Komm schon!“

 

Ich bin vom Himmel gefallen und auf den harten Boden geklatscht. Seit dem habe ich meine Erinnerungen verloren. Kannst du mir vielleicht sagen, wer ich bin und was meine Bestimmung ist?“

 

Komm in mein Wasser, das aus einer unendlichen Zahl von Regentropfen wie dich besteht. Noch bin ich ein kleiner Bach, aber deine vielen Kameraden machen mich bald zu einem großen Fluss, der ins offene Meer führt, das unser aller Ziel ist. Auf deiner langen Reise wirst du mit Sicherheit auch deine Erinnerungen wieder bekommen und du erkennst schon bald, was deine eigentliche Bestimmung ist. Du bist nicht nur ein Regentropfen, sondern du bist ein kleiner Teil des ewigen Wassers des Lebens. Denke immer daran!“

 

Der einsame Regentropfen fragte nicht lange und sprang darauf hin in den Bach. Augenblicklich wurde er von einer gewaltigen Zahl anderer Regentropfen empfangen, die sich zu einem unendlichen Strom aus fließendem Wasser vereinigten. In diesem Augenblick fiel dem Regentropfen auch wieder seine Bestimmung ein. Er gehörte nämlich zu einem gigantischen Fluss des Lebens, das Wasser hieß. Als kleiner Tropfen war ihm diese Tatsache verloren gegangen.

 

Bevor der Bach in einen großen Fluss mündete und sich darin auflöste, fragte er den kleinen Regentropfen noch, der seinen Weg jetzt tief berührt fortsetzte: „Na und? Weißt du es jetzt?“

 

Es ist überwältigend, dass ich zum ewigen Wasser des Lebens gehöre. Alle meine Erinnerungen sind zurück gekommen. Ich bin viel mehr, als ich gedacht habe.“

 

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

***

 

 

2. Die magische Perlenkette

 

Am Wochenende nahm sich der Rentner Werner Hofstetter vor, endlich mal den Dachboden seines alten Hauses aufzuräumen, der mittlerweile fast unpassierbar geworden war. Eigentlich war er nicht begeistert darüber, denn er war kein großer Freund von Aufräumarbeiten. Aber irgendwas drängte es ihn dazu, den Dachboden zu begehen, um dort nach etwas zu suchen, was leider in all den zurück liegenden Jahren immer mehr in Vergessenheit geraten ist, auch wenn die Erinnerungen daran nicht ganz verblasst sind.

 

Hofstetter zog sich warm an, denn auf dem schummrigen Dachboden war es unangenehm kalt und zugig. Schließlich stieg er über die knirschende Holztreppe hinauf nach oben unters Dach, schaltete das trübe Licht über einen Drehschalter ein und fing damit an, in den vielen Sachen herum zu stöbern.

 

Überall standen Kisten, Kartons und sogar alte Möbel herum, die er dort aufbewahrt hatte. Er konnte eben nichts wegschmeißen und trennte sich nur ungern von seinen Dingen, auch wenn sie vielleicht nicht mehr zu gebrauchen waren.

 

Stunde um Stunde verbrachte er damit, in den zahlreichen Kisten, Kästen und Truhen herum zu stöbern. Plötzlich fiel ihm ein ziemlich wuchtig aussehender Schmuckkasten auf, der auf der breiten Fensterbank vor ihm stand und wohl von seinem längst verstorbenen Vater stammen musste, da seine Mutter, die schon kurz nach seiner Geburt verstorben war, so etwas bestimmt nicht besessen haben konnte.

 

Vorsichtig nahm er den ziemlich stark verstaubten Holzkasten in seine Hände, öffnete behutsam den halbrund geformten Deckel und fand darin zu seiner großen Überraschung eine wunderschöne Perlenkette mit einem großen, seltsam aussehenden Edelstein daran, der urplötzlich rot zu leuchten begann.

 

War es möglicherweise das, wonach er insgeheim hier oben auf dem Dachboden gesucht hatte?

 

Schon wollte Hofstetter den geöffneten Deckel wieder schließen, als er eine geheimnisvolle Inschrift darauf entdeckte, die er nur verschwommen wahrnehmen konnte, weil seine Augen altersbedingt nicht mehr so gut waren. Deshalb fingerte er nach seiner Lesebrille, die sich in der rechten Brusttasche seiner Jacke befand, setzte sie auf und begann damit, langsam eine Zeile nach der anderen zu lesen, die da in altdeutscher Schrift geschrieben stand.

 

"Wer sich diese Kette um den Hals legt und der daran befindliche Edelstein rot zu leuchten beginnt, dem erfüllt er jeden Wunsch. Dann folgte noch ein warnender Hinweis, dass der Träger dieser Halskette seine Worte besonders vorsichtig und mit Bedacht wählen solle, denn der einmal geäußerte Wunsch kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Man kann ihn erst nach seiner vollständigen Erfüllung durch einen neuen ersetzen. Das sind die magischen Gesetze dieser Kette."


Schließlich fand Hofstetter noch einen vergilbten Zettel, auf dem zu lesen war, woher diese außergewöhnliche Halskette mit dem seltsamen rot leuchtenden Edelstein ursprünglich stammte. Den Namen des Ortes konnte er anfangs nur schlecht entziffern, aber schließlich hatte er ihn doch enträtseln können. Das seltsame Schmuckstück musste wohl sein Vater aus Afrika mitgebracht haben, als er dort unten noch als junger Tropenarzt tätig gewesen war. Das war schon lange her. Hofstetter wusste nur, dass sein Vater auch nebenbei als Archäologe für ein großes deutsches Museum gearbeitet hat und viele Dinge mit nach Hause brachte, die er aber immer unter Verschluss hielt, wofür sein alter Herr sicherlich wohl auch seine guten Gründe hatte.

 

Hofstetter überlegte ein paar Sekunden lang, was er tun sollte. Persönlich glaubte er an solchen Blödsinn nicht, dass Ketten, Amulette oder Edelsteine über magische Kräfte verfügten. So etwa gab es nur in Märchen- oder sonstigen phantasievoll ausgeschmückten Geschichten. Trotzdem wollte er es ganz genau wissen, auch wenn er sich dabei irgendwie lächerlich vorkam, diese Kette anzulegen. Aber er war ja ganz allein auf seinem Dachboden und niemand würde ihm dabei zusehen.

 

Also tat er es.

 

Kaum hatte er die Perlenkette um den Hals gelegt, fing der Edelstein auch schon intensiv rot zu leuchten an.

 

Hofstetter überlegt daher nicht lange und wünschte sich sofort, wieder ein junger Mann zu sein, der mal vor langer Zeit mit seinen Eltern zusammen in diesem Haus gelebt hat.

 

Kaum hatte er den Wunsch geäußert, veränderte sich die gesamte Umgebung um ihn herum. Er war plötzlich wieder ein junger Mann, der tatsächlich bei seinem längst verstorbenen Vater wohnte, der gerade draußen im Garten arbeitete. Alles war so wie früher. Nichts hatte sich verändert.

 

Hofstetter konnte die ganze Situation zuerst nicht fassen und stand da, als würde er selbst ein Geist sein. Die Perlenkette und der rote Edelstein hatten wirklich magische Kräfte.

 

Im gleichen Moment griff er prüfend nach seinem Hals, um sich davon zu überzeugen, dass die magische Kette noch da war. Doch sie war zu weg.

 

Hofstetter erschrak bis ins Knochenmark. Er musste sie anscheinend nicht ordentlich genug um seinen Hals gelegt haben. Bestimmt liegt sie jetzt immer noch auf dem Dachboden ganz hinten unter dem staubigen Dachfenster, wo er zuletzt mit der Kette gestanden hat.

 

Gleichzeitig wusste er aber auch, dass er die vielen kommenden Jahrzehnte geduldig warten müsse, bis er wieder als Rentner auf dem Dachboden seines Hauses nach der geheimnisvollen Perlenkette suchen könne, um sich vielleicht wieder einen neuen Wunsch zu erfüllen, denn zurück in seine Zeit konnte er ohne diese magische Kette jetzt nicht mehr.

 

Aber Hofstetter freute sich trotzdem darüber, wieder ein junger Mann geworden zu sein. So würde er bestimmt noch einmal alles oder so ähnlich erleben können, um dann als Rentner, in ferner Zukunft, wieder nach der geheimnisvollen Kette auf dem Dachboden zu suchen.

 

Nur vergessen dürfte er sein Vorhaben nicht, denn er wusste, dass es für ihn jetzt einen echten Weg gab, unsterblich werden zu können, und das alles mit Hilfe der magischen Perlenkette und dem roten Edelstein an ihr.

 


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

 

***


 

3. Der Bewerber

 

 

 

Ein Mann kam in eine Künstleragentur, musste aber sehr lange warten, bis er endlich vorgelassen wurde, weil er der letzte Bewerber war.

 

Als er schließlich vor dem Auswahlgremium stand, fragte ihn ein älterer Herr, der leicht erhöht hinter einem wuchtigen Schreibtisch saß, was er denn als Künstler so überragendes könne.

 

Ich kann jede Vogelstimme imitieren, die sie hören wollen.“

 

Ach guter Mann, es gibt so viele Vogelstimmennachahmer. Ich habe von diesen schrägen Vögeln schon eine ganze Menge hier bei uns gehabt, aber keiner von ihnen konnte fliegen. Das wäre nämlich mal was ganz besonderes gewesen. Aber nein, jeder wollte einen Job bei uns, nur weil sie das Piepen von Vögel nachmachen konnten. Ich denke daher, sie sollten es mal woanders versuchen. Viel Glück und auf Wiedersehen!“

 

Völlig niedergeschlagen und enttäuscht ging darauf hin der Mann schnellen Schrittes direkt zum Fenster des Büros, öffnete es mit einem Ruck, sprang aufs Fensterbrett, schwang seine Arme wie ein Vogel heftig auf und ab und flog davon, verfolgt von den entsetzten Blicken der Künstlerjury.

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

***


 

4. Diese Geschichte erzählte mir James Taylor


 

Das Steuern und Manövrieren eines dieser altmodischen Düsengleiter war reinste Schwerstarbeit, vor allen Dingen dann, wenn das klobige Flugvehikel sich ständig den Bemühungen des Piloten mit aller Gewalt widersetzte, so zu reagieren und zu fliegen, wie er es wollte.

 

Ich setzte dennoch mein ganzes Können ein, um das Ding in der Luft zu halten. Aber das laute Heulen der dualen Antriebsdüsen hörte sich an wie die schrecklichen Todesschreie eines waidwunden Tieres, das sich instinktiv eigentlich nur noch zum Sterben hinlegen wollte.

 

Die metallene Außenwand des Düsengleiters war an vielen Stellen von den Geschossen aus Schnellfeuergewehren und Maschinenpistolen durchlöchert worden. Einige der Projektile mussten wohl die Metallverkleidung der Düsentriebwerke durchschlagen und im Innern der beiden Motoren Schäden verursacht haben, die ich von meinem Pilotensitz aus nicht exakt bestimmen konnte. Ich blickte daher gespannt auf das Armaturenbrett, wo plötzlich ein Warnlämpchen nach dem anderen zu blinken begann und bald eine richtige Lichtshow veranstalteten, die allerdings bei mir einiges an Unbehagen hervorrief.

 

Von hinten hörte ich die laute, hektische Stimme meines Co-Piloten Mark Dammon: „Verdammt noch mal, die rechte Düse hat Feuer gefangen! Wir werden abstürzen! Was sollen wir machen, Taylor?“

 

Die Frage galt mir, James Taylor, und ich versuchte gerade, den stark beschädigten Düsengleiter irgendwo sicher runter zubringen.

 

Ich warf meinem Co-Piloten einen hastigen Blick über die Schulter zu. Durch die feinen Ritzen der Innenverkleidung drang bereits schon schwarzer, ätzender Rauch in die geräumige Kabine.

 

So eine Scheiße aber auch!“ fluchte ich und wandte meinen Blick wieder nach vorne.

 

Unter uns erstreckte sich die endlos weite Wasserfläche des Atlantiks. Ich hatte vorher ein paar kleine Insel gesehen, die uns möglicherweise als Landeplatz zur Verfügung standen, aber in dem ganzen Chaos um mich herum verlor ich immer mehr die Orientierung. Es war wie verhext. Außerdem galt meine ganze Konzentration im Augenblick der langsam trudelnden Maschine, die immer mehr an Höhe verlor.

 

Verflucht, wir stürzen ab. Wir können nichts mehr tun“, wiederholte sich auf einmal Mark Dammon mit ruhiger Stimme über den internen Funk. Ich hörte ihm nur ganz nebenbei zu, weil ich mich erneut um die Kontrolle der Maschine kümmern musste. Ich bemerkte jedoch, dass er ganz ruhig und ohne Hektik reagierte. Alles an ihm war jetzt in eine kühle, fast technisch anmutende Ruhe übergegangen. Obwohl ich nicht alles verstanden hatte, antwortete ich ihm trotzdem.

 

Ich versuche, den Düsengleiter irgendwie sicher runter zubringen. Ich möchte auf keinen Fall im Wasser landen. Direkt vor uns habe ich einen Sandstrand entdeckt. Ich hoffe, dass die beiden Triebwerke noch eine Zeitlang durchhalten werden“, plärrte ich mit lauter Stimme ins Mikrofon meines Helmes und blickte hinüber zu meinem Co-Piloten.

 

Wir müssen es versuchen, Taylor. Eine Landung auf dem Wasser ist eine ziemlich riskante Sache. Der Gleiter wird wie ein Stein absaufen. Und wenn wir nicht sofort im richtigen Moment aus der Kabine kommen, wird sie uns mit in die Tiefe reißen. Verflucht noch mal! Ich stehe nicht auf ein nasses Grab!“

 

Nur mit der Ruhe! Ich auch nicht, Dammon. Aber dieses Scheißding lässt sich einfach nicht mehr genau steuern. Wir fliegen jetzt schon weniger als einhundert Stundenkilometer. Die schwenkbaren Düsen stehen fast senkrecht. Sie halten uns in der Luft, obwohl sie beschädigt sind. Sie können jeden Moment ihren Geist aufgeben. Trotzdem ist der Sinkflug viel zu schnell. Bis zur Meeresoberfläche sind es noch knapp 150 Meter. Die Strecke bis zum Strand knapp einen halben Kilometer. Das zeigen mir jedenfalls die Höhen- und Langstreckensensoren an. Die Schubleistung der Düsenmotoren lässt seit einiger Zeit kontinuierlich nach, obwohl ich jeden Gashebel auf Volllast gestellt habe. Ich denke mal, wir schaffen es nicht mehr ganz.“

 

Ein heftiger Ruck ging durch die gesamte Maschine. Ich schüttelte mir mit einer ruckartigen Kopfbewegung den Schweiß aus dem Gesicht, der mir von der Stirn in die Augen zu laufen drohte. Mit den Händen konnte ich ihn nicht wegwischen, da ich sie dazu brauchte, den Düsengleiter mit der manuellen Steuerung so gut es ging in der Luft zu halten. Ich arbeitete verbissen gegen alle Widerstände daran, das beschädigte Fluggerät kontrolliert zu landen. Und tatsächlich klappte es irgendwie. Die Flughöhe halbierte sich und wir kamen trotzdem dem rettenden Strand um mehr als die Hälfte der Strecke näher.

 

Doch plötzlich stotterten die Düsenmotoren. Dann krachte es fürchterlich und aus dem rechten Motor schoss eine gewaltige Flamme, die das Triebwerk augenblicklich in Brand setze. Die Maschine begann sich auf die andere Seite zu neigen. Noch einmal gab ich den letzten, verzweifelten Höchstschub auf beide Düsen, was den Gleiter für den Bruchteil eine Sekunde stabilisierte. Doch dann war es vorbei und beide Aggregate setzen schlagartig aus.

 

Die Sekunden dehnten sich zur Ewigkeit. Wir waren noch etwa zwanzig Meter über dem Wasser und der weiße Meeresstrand lag keine 100 Meter vor uns. Der antriebslose Gleiter begann wie ein Pendel hin und her zu trudeln, dann sackte er mit einem Schlag nach unten weg. Im gleichen Augenblick wären Dammon und ich fast aus unseren Sicherheitsgurten gerissen worden, doch glücklicherweise hielten sie der enormen, ruckartigen Belastung stand. Verzweifelt umklammerte ich den vibrierenden Steuerknüppel und hielt mich mit aller Kraft daran fest. Ich hatte das komische Gefühl, in einem nach unten rasenden Aufzug zu sitzen, bei dem alle Bremssicherungen gleichzeitig versagt hätten, und der in wenigen Sekunden auf dem harten Betonboden des Aufzugschachtes fürchterlich zu zerschellen drohte.

 

Fast war es so. Der brennende Düsengleiter schlug mit der Flanke krachend auf die Meeresoberfläche. Abermals wurden Dammon und ich heftig durchgerüttelt. Dann versank das Fluggerät augenblicklich zur Hälfte in brodelndem Schaum und platzenden Blasen. Danach war das Geräusch von brechendem Glas zu hören. Die Pilotenkanzel hatte den Aufprall offenbar nicht standgehalten und von allen Seiten schoss das kalte Atlantikwasser in die Kabine.

 

Wir müssen hier sofort raus!“ rief ich meinem Co-Piloten zu, der mich mit starrem Blick benommen ansah, aber offenbar bei vollem Bewusstsein war. Der Aufprall hatte ihn wohl heftiger getroffen als mich.

 

Los Dammon! Worauf warten Sie? Wollen sie hier wie eine Katze im Sack elendig ersaufen? Nun machen Sie schon ihren Gurt los! Schnell!“ brüllte ich ihn an.

 

Sag ich doch, Taylor“, keuchte plötzlich Mark Dammon, blickte mich erstaunt an, löste seinen Sicherheitsgurt und schwamm mit einem kräftigen Stoß hinaus durch das zerborstene Kabinenfenster nach oben an die helle Wasseroberfläche.

 

Unterdessen stand mir selbst das gurgelnde Wasser bis zum Hals. Ich hatte den Sicherheitsgurt schon abgelegt und wollte gerade die schaukelnde Kabine verlassen als ich mich an diesen Lederbeutel mit dem seltsamen, faustgroßen Artefakt darin erinnerte. Oder war es möglicherweise der schwarze Kristall, der sich ganz von alleine in mein Gedächtnis zurückmeldete? Ob er noch an dem Pilotensitz hing? Ich tauchte deshalb sofort kurz ab und fand ihn auf Anhieb. Der braune Lederbeutel mit dem Kristall hing oberhalb an einem Haken direkt auf der Rückseite des Pilotensitzes. Ich griff sofort nach dem Halteriemen des Beutels und hielt ihn fest umklammert. Anschließend zwängte ich mich durch eines der zerborstenen Kabinenfenster, erreichte einige Sekunden später schnaufend und prustend die Oberfläche des Wellen durchwühlten Wassers und hielt gleichzeitig Ausschau nach Mark Dammon.

 

Ich blickte gespannt um mich. Mark Dammon schwamm bereits in Richtung der kleinen Insel, deren weißer Strand direkt vor uns lag. Erleichtert atmete ich tief durch. Dann schwamm ich ihm hinterher und schon bald hatten wir kurz hinter einander das sichere Ufer erreicht.

 

Da haben wir ja noch mal richtig Glück gehabt, Taylor. Wäre die Kiste weiter draußen im Meer niedergegangen, hätten wir die Insel hier sicherlich nicht so schnell erreicht. Ich schätze mal, dass sie an die dreißig Kilometer lang ist und eine Breite von ca. fünf bis sechs Kilometer hat. Ich kann mich daran erinnern, dass ich sie früher schon mal überflogen habe. Mit ihnen zusammen, Taylor. Komisch, dass mir das ausgerechnet jetzt ins Gedächtnis zurückkommt. Mir fällt aber im Moment nur der Name dieser Insel nicht mehr ein. Wie auch immer, wir haben wirklich großes Glück gehabt.“

 

Ja, das haben wir, Dammon. Doch..., was bei der ganzen Sache noch viel wichtiger als alles anderer ist, ist das, was ich hier in meiner Hand halte. Das Artefakt! Ein wunderschöner, schwarzer Kristall. Ich konnte ihn im letzten Augenblick aus dem sinkenden Düsengleiter bergen. Um ein Haar hätte ich das Schmuckstück beinahe vergessen. Aber der schwarze Kristall hat sich bei mir anscheinend im Gedächtnis rechtzeitig bemerkbar gemacht.“

 

Sie meinen das seltsame Artefakt da in dem Lederbeutel, das wir in der verfallenen Ruinenstadt zwanzig Meter unterhalb der Meeresoberfläche gefunden haben? Ach was, Taylor! Das sind doch nur alte Märchen aus längst vergangener Zeit. Dieses schwarze, Licht schluckende Ding da in ihrer Hand hat doch keine magischen Kräfte. Das ist bloß eine Legende, die schon über viele, viele Hunderte von Jahren im Umlauf ist. Eine uralte Geschichte, mehr nicht. Die einheimischen Indios mochten solche geheimnisvollen Sagen. Sie gehörten zu ihrer traditionsreichen Kultur, wie ihre Tänze und oft blutigen Rituale auch. Trotzdem, wir sollten lieber schleunigst dafür sorgen, dass wir so schnell wie möglich einen sicheren Ort auf der Insel finden. Hier wird es nämlich bald ungemütlich kalt. Die Sonne steht schon tief und die kommende Nacht wird bald hereinbrechen.“

 

In Ordnung, Mr. Dammon. Sie haben wie immer Recht. Also gehen wir los, bevor es dunkel wird“, antwortete ich ihm kurz und bündig.

 

Unterwegs stellte mir Mark Dammon plötzlich eine Frage.

 

Mr. Taylor? Darf ich Sie aus reiner Neugierde mal was fragen?“

 

Ich hob im beginnenden Halbdunkeln die Schulter. „Von mir aus. Fragen kosten nichts.“

 

Nun ja..., eigentlich weiß ich nicht, wie ich anfangen soll. Aber glauben Sie denn wirklich, dass dieser schwarze Kristall in dem Lederbeutel da über magische Kräfte verfügt? Ich meine, wir leben doch im 25. Jahrhundert, haben den Mond und den Mars besiedelt und bauen Raumstationen außerhalb unseres Sonnensystems. Wir erobern gerade das Universum mit neuen Raumschiffen, die bis an den Rand der Milchstraße reisen können. Und ausgerechnet ein Mann der archäologischen Wissenschaften wie Sie, Mr. Taylor, der glaubt an magische Kräfte, an die vielleicht mal die alten Azteken, Mayas und Inkas geglaubt haben. Aber diese Urzeitvölker Mittel- und Südamerikas sind doch schon längst ausgestorben. Von ihnen ist fast nichts mehr übrig geblieben, außer ein paar steinerne Denkmäler, die irgendwo im Dschungel herumstehen und heute noch besichtigt werden können.“

 

Innerlich musste ich über die Einfältigkeit meines Co-Piloten grinsen. Er war viel ahnungsloser, als ich dachte.

 

Ich blieb jetzt stehen und ließ Mark Dammon an mir vorbei gehen. Dann bat ich ihn darum, ebenfalls stehen zu bleiben, damit er sich mir in aller Ruhe ungestört zuwenden konnte.

 

Dammon tat das von mir Geforderte ohne Widerspruch. Als er mich schließlich erstaunt und erwartungsvoll ansah, öffnete ich den braunen Lederbeutel und hielt im nächsten Augenblick einen pechschwarzen, faustgroßen, glatt polierten Kristall in meiner rechten Hand.

 

Eigentlich bin ich kein Freund voreiliger Worte, aber diesmal muss ich ihnen wohl die Wahrheit sagen, Mr. Dammon. Dieser Kristall hier ist einer der letzten von drei ziemlich gleich großen und fast identisch aussehenden Kristallen, die ich bis jetzt hier in dieser Gegend gefunden habe. Die anderen zwei Kristalle befinden sich bereits seit einiger Zeit schon auf dieser kleinen Insel, genauer gesagt, ganz in der Nähe unseres Standortes. Der Kristall hier in meiner Hand hat bereits seine Macht gezeigt und meine Gedanken perfekt in die Tat umgesetzt. Der Absturz des Düsengleiters war kein Unfall, sondern ein bewusst herbei geführtes Ereignis, das ich mir ausgedacht habe. Und dass wir beide den ach so verheerenden Absturz trotzdem glimpflich überlebt haben, das ist natürlich auch kein Zufall, sondern war von vorneherein so geplant. Die magische Kraft des Kristalls hat meine eigenen Gedanken und Vorstellungen haargenau in die Tat umgesetzt. Um alle drei jedoch wieder dauerhaft zusammenzufügen, bedarf es allerdings eines ganz besonderen Saftes, den unter anderem auch wir Menschen in uns tragen. Ich meine damit das Blut in uns, Mr. Dammon. Es muss das Blut eines Menschen sein, denn ohne dem geht es nicht. Die drei Kristalle würden sich miteinander ohne das Opferblut eines Menschen nicht zu einer Einheit verbinden können, um ihre jeweils einzelne, unabhängige Kraft zu einer einzigen, gemeinsam wirkenden Kraft zu bündeln. Können Sie sich vorstellen, was das heißt, Mr. Dammon? Wer die vereinten Kristalle danach in seinen Händen hält, der kann per Gedankenkraft so gut wie alles machen. Er kann Reisen wohin er will. Er kann sich durch Raum und Zeit bewegen und jeden Planeten in einer noch so weit entfernten Galaxie im Universum erreichen. Und das Ganze spielt sich ohne Zeitverlust ab. Alles ist per Gedankenkraft blitzschnell machbar und möglich. Die Insel hier war einmal die Heimat eines kleinen Mayastammes. Sie fanden vor langer, langer Zeit zwei der schwarzen Kristalle bei einem außerirdischen Raumfahrer, der mit seinem gewaltigen Sternenschiff vor ihrer Küste ins Meer gestürzt war und dabei offenbar umkam. Sie verehrten die Kristalle seither als Geschenk der Götter. Den dritten Kristall aber fanden sie nicht, weil sie nicht wussten, dass es noch einen dritten gab. Auch ahnten sie nichts von der Macht der Kristalle. Ihre primitiven Gedanken wurden ihnen daher zum Verhängnis. Ihr eigener Aberglaube wurde ihnen zum tödlichen Schicksal. Es passierten Dinge um sie herum, die von den unheimlichen Kräften der Kristalle ausgingen, an denen sie aber letztendlich selbst schuld waren. Durch Zufall entdeckte ich diesen dritten Kristall letztes Jahr beim Tauchen im Meer hier vor der Küste dieser einsamen Insel, nicht unweit der Stelle, wo das außerirdische Raumschiff wohl einmal abgestürzt sein musste. Damit fängt ja auch gewissermaßen ihre Geschichte an. Der schwarze Kristall selbst hat sich von mir finden lassen, weil ich mich als erster in seiner unmittelbaren Nähe befand. Hat man erst einen Kristall, führt er den Besitzer zu den zwei anderen hin, die ich natürlich ebenfalls bald in meinen Besitz bringen konnte. Es ist tatsächlich so: Sobald man nur einen in der Hand hält, will er sich mit den anderen zwei vereinigen. Dafür tut er alles. Er dient sich seinem Besitzer gleichsam an, man wird nach und nach zum Herr über die drei schwarzen Kristalle. Es ist allerdings ein Jammer, dass ich ihr Blut brauche, Mr. Dammon. Es tut mir aufrichtig leid, dass ich Sie dafür töten muss. Natürlich lege ich nicht selbst Hand an, denn der Kristall erledigt diese Arbeit für mich. Ich denke es..., und er bringt sie um, besser gesagt, Sie selbst bringen sich um. Sie begehen quasi Selbstmord gegen ihren eigenen Willen. Ja, das kann der Kristall. Er braucht das Blut eines Menschen. Das hat er wohl von den alten Mayas übernommen. Die kannten ja auch Blutopfer. So ist das nun mal, Mr. Dammon. Aber bitte, gehen Sie doch jetzt weiter! Der versteckte Opferplatz liegt gleich hinter der nächsten Biegung des Trampelpfades. Also gehen Sie schon! Ich möchte das grausige Spiel so schnell wie möglich hinter mich bringen.“

 

Mittlerweile hatte sich die Dunkelheit über die kleine Insel gelegt. Oben am klaren Nachthimmel glitzerten die Sterne. Fast wie in Trance und ohne ein Wort zu sagen drehte sich Mark Dammon wieder um und ging wie ein ferngesteuerter Roboter weiter. Sein Gesicht war puterrot angelaufen und hatte sich in eine widerliche Fratze verwandelt. Er kämpfte innerlich gegen etwas an, das er nicht besiegen konnte.

 

Bald erreichten wir den unscheinbar aussehenden Opferplatz und Mr. Dammon wurde durch meine Gedanken vom Kristall dazu gezwungen, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen. Er schnitt sich die Halsschlagader auf und das Blut lief in eine steinerne Schale, worin die drei Kristalle eingebettet waren. Sie absorbierten sofort das gesamte Blut aus Mr. Dammons Körper, der danach aussah wie eine getrocknete Rosine, nur das die Farbe seiner Haut eher grauweiß als rötlichbraun war.

 

Mir kam nach diesem notwendigen Ritual der Rest der Nacht unendlich lang vor. Kurz vor der morgendlichen Dämmerung allerdings schlief ich ein und erwachte erst wieder, als die Sonne hoch am Himmel stand. Ich wähnte mich in einem Traum, aber es war keiner. Die drei schwarzen Kristalle lagen immer noch fest vereint in meiner Hand, verborgen unter einer kleinen Decke. Sie hatten mich in eine Welt zurück versetzt, die es schon lange nicht mehr gab.

 

Aber ich hatte mich mal wieder ganz bewusst an die alte Zeiten erinnert, stellte mir alles wieder genauso vor, wie es sich vor langer, langer Zeit so und nicht anders zugetragen hatte und die schwarzen Kristalle erfüllten mir den Wunsch umgehend. Sie brachten mich zurück in die Vergangenheit. Ein bisschen Wehmut und Traurigkeit lag jetzt immer noch in der Luft, als ich Mr. Mark Dammon bei meiner Reise in die Vergangenheit wieder mal begegnet bin. Aber von seinem kostbaren Blut hing damals alles ab. Ich habe seine Leiche später dem Meer übergeben. Er ruhe in Frieden für alle Zeit.

 

Tja, so hat es sich einmal zugetragen. Es ist schon eine Ewigkeit her. Mittlerweile schreibt man das Jahr 3512. Es ist schon verdammt komisch, nicht sterben zu können. Solange ich die drei Kristalle mit mir herumtrage, solange halten sie mich am Leben. Ich lege sie nie ab, sondern trage sie immer bei mir – viele, viele Jahrhunderte schon.

 

Und bald geht es noch weiter in die Vergangenheit zurück. Ich glaube, es ist das 21. Jahrhundert. Genauer gesagt geht es in das Jahr 2019. Ich werde gleich zu Jahresanfang dort einen gewissen Mann namens Heinz-Walter Hoetter aufsuchen, der auf einem Planeten namens Erde lebt, wo ich nämlich früher schon mal war. Damals ist mir dieser Kerl durch Zufall über den Weg gelaufen, der sich als Autor von Kurzgeschichten ausgab. Als wir in dieser kleinen Bar am gleichen Tisch saßen, erzählte er mir, dass er unter anderem auch Science Fiction oder Fantasie Geschichten schreibt. Nun, ich werde ihm einfach mal ganz unverbindlich einen Besuch abstatten und dann meine absonderliche Geschichte erzählen, ob er sie mir glauben wird oder nicht, das steht dabei nicht so sehr im Vordergrund. Aber er wird sie schreiben, wenn ich sie ihm erzählt habe, da bin ich mir ganz sicher. Danach werde ich wieder in meine Zeit zurückkehren.

 

Ich bin der Mann mit den drei schwarzen Kristallen. Mein Name ist James Taylor

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

***

 

 

5. Der alte Magier und sein Zauberlehrling


 

Ein alter Magier und sein Zauberlehrling waren auf der Reise und mussten aber schon bald wegen eines schlimmen Unwetters Halt machen. Glücklicherweise konnten sie im Haus eines reichen Kaufmannes unterkommen, denn es gab weit und breit keine andere Herberge.

 

Als der reiche Kaufmann die beiden Männer sah, die pitschnass draußen vor seiner Tür standen, ließ er sie zwar ins Haus, wies ihnen aber nur im ungemütlichen Keller einen engen Raum zum Schlafen zu. Von dem warmen Gästezimmer unterm Dach sagte er kein Wort, denn er wollte nicht, dass sie es mit ihren durchnässten Kleidern verschmutzten.

 

Als sich der alte Magier und sein Zauberlehrling auf dem harten Kellerboden ausstreckten, bemerkte der Alte plötzlich in der Dunkelheit ein hässliches Loch in der Wand. Er zauberte es zu und legte sich dann schlafen.

 

Am nächsten Tag zogen die beiden weiter und kamen am späten Nachmittag an einem Bauern vorbei, den sie um etwas Nahrung baten. Der Bauer und seine Familie holten den alten Mann und seinen jungen Begleiter sogleich zu sich ins Haus und teilten das gesamte Essen mit ihnen, obwohl sie nur wenig hatten. Als die Nacht hereinbrach, ließen der gastfreundliche Bauer und seine Frau ihre beiden Gäste sogar in ihrem eigenen Bett schlafen und legten sich selbst zu den Tieren im Stall.

 

Am nächsten Morgen fanden der Bauer und seine liebe Frau unter Tränen ihre einzige Milchkuh tot auf der Weide vor, was für ihre große Familie ein herber Schlag war, denn die Milch der Kuh war die einzige Einnahmequelle gewesen.

 

Der junge Zauberlehrling wurde auf einmal böse auf den alten Magier und fragte ihn, warum er seine Zauberkraft nicht habe walten lassen, um die Familie des Bauern vor großer Not zu helfen. Er habe den reichen Kaufmann ja auch trotz seines schäbigen Verhaltens geholfen und das große Loch in seinem Keller mit der Hilfe seiner magischen Zauberkräfte repariert.

 

Das ist richtig, mein lieber Zauberlehrling, aber als wir da unten im Kellerraum auf dem kalten Boden lagen, sah ich nicht nur dieses hässliche Loch in der Wand, sondern bemerkte auch das viele Gold darin, welches der reiche Kaufmann dort heimlich versteckt hatte. Ich versiegelte es mit meiner Magie, sodass er es nicht mehr wiederfinden konnte. Nun, als wir in der letzten Nacht im Bett des freundlichen Bauern und seiner Frau schliefen, wachte ich plötzlich in der Nacht durch ein schlurfendes Geräusch auf und sah den Tod im Haus herum schleichen. Er wollte die Frau des Bauern holen. Ich konnte ihn aber mittels meiner magischen Kräften dazu überreden, anstatt der Frau die Kuh zu nehmen. Lerne also daraus, dass die Dinge nicht immer das sind, was sie zu sein scheinen.“

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

***

 

 

6. Die Rache der alten Magierin


 

 

Irgendwo in diesem Universum, in einer fernen Zukunft.

 

***

 

Man schreibt das Jahr 2525 (irdischer Zeitrechnung).

 

Ich hoffe, dass du mich nicht enttäuschen wirst! Du hast meine Geduld schon lange genug strapaziert, Magierin. Außerdem liebe ich es nicht, zu dieser Tageszeit in der heißen Sonne eines fremden Planeten herumzustehen“, sagte Commander Luke Henderson mit bösartig zischender Stimme und wischte sich verärgert mit einem altmodisch aussehenden Taschentuch über die schweißnasse Stirn.

 

Ein einheimischer Sklave, mit einem großen Lederfächer in der Hand, wedelte ihm Kühlung zu, doch bei der Hitze war das ein fast sinnloses Unterfangen, denn die glutheiße Sonne stand senkrecht am wolkenlosen Himmel. Die breiten Steinstraßen waren fast leer, und wer konnte, hatte sich irgendwo ein kühles Plätzchen im Schatten gesucht. Die meisten Bewohner allerdings, die zu der armen Unterschicht gehörten, dösten zurückgezogen in ihren stickigen Lehmhütten apathisch vor sich hin.

 

Die alte Magierin Hekate Anahid zündete eine Ölfackel an und legte sie vorsichtig auf den staubigen Boden. Dann griff sie in eine kleine Holzschale, nahm murmelnd ein paar frische Kräuter aus ihr heraus und streute sie über das Feuer, so dass bald dicker weißer Rauch emporstieg. Zuletzt schichtete sie noch ein paar grüne Blätter darüber, die kräftig zu qualmen begannen.

 

Ihre verängstigten Blicke huschten unsicher hin und her, denn sie wusste, dass ihr Eid, den sie diesem Luke Henderson geschworen hatte, eigentlich genau genommen nichts galt.

 

In ihren Augen war dieser arrogante, hinterlistige Raumschiffkommandant nur ein rücksichtsloser und brutaler Mörder, den sie straflos hintergehen durfte. Dafür hatte sie ihre Gründe. Ihn zu betrügen würde sie ihrem Ziel der Rache ein großes Stück näher bringen, und das war das einzige im Moment für sie, was zählte. Also tat sie, was er von ihr verlangte.

 

Sie müssen noch etwas Geduld haben, Commander Henderson. Die Beschwörung nimmt Zeit in Anspruch. Ich muss mich außerdem ungestört konzentrieren können. Wie soll ich das können, wenn Sie ständig dazwischen reden? Außerdem muss der Rauch stark genug sein, damit sich das Wesen darin zeigen kann. Bleiben Sie also ruhig stehen und haben Sie keine Angst. Die Erscheinung hat nicht die Macht, Ihnen etwas anzutun.“

 

Das sollte sie auch besser nicht tun. Wir vertrauen auf die Fähigkeiten unserer Beschützer, den Eliminatoren. Es sind die Besten der intergalaktischen Raumflotte. Niemand kann sie besiegen“, drohte der Commander der alten Frau mit den schwarzen, schulterlangen Haaren und blickte dabei vielsagend hinüber zu den zwei bis an die Zähne bewaffneten Männer, die unmittelbar neben ihm in ihren schweren Panzerrüstungen standen – und hämisch grinsten.

 

Etwas abseits vom Ort des magischen Geschehens durchstreiften mehrere kleine Gruppen von Raumschiffsoldaten einige Ruinen ganz in der Nähe, andere wiederum wachten draußen auf dem weitläufigen Platz vor dem Palast der Magierin, der mit zerstörten Säulen und Statuen nur so übersät war, nachdem Commander Henderson den Befehl zum Angriff gegeben hatte. Kein Bewohner der Stadt würde sich ihnen jetzt noch ungesehen nähern können. Außerdem waren überall Kontakt- und Bewegungsmelder aufgebaut worden, die die gesamte Umgebung regelmäßig nach feindlichen Angreifern oder sonstigen Störenfrieden absuchten. Man hatte sich gut geschützt. Weit in der Ferne, schon fast am Horizont, ragte ein gewaltiges Raumschiff weit in den tintenblauen Himmel des Planeten Lamu hinein.

 

Die Magierin Hekate Anahid fragte sich während dessen grübelnd, ob sie auch hier die richtige Stelle gewählt hatte, an der einst das Zeittor zum Planeten Terra stand, bevor es vor mehr als zehn Dekaden plötzlich von diesem Ort ohne Vorwarnung verschwand und seitdem nicht mehr aufgetaucht war.

 

Schließlich wandte sie den Blick vom Commander Henderson ab, richtete ihn einen Augenblick später starr auf den aufsteigenden Rauch und begann damit, leise eine Beschwörungsformel zu sprechen, mit der sie den Geist des Zeittores herbeirufen konnte, falls es ihn noch gab.

 

Der weißgelbe Qualm des Feuers stieg jetzt senkrecht in die Luft. Kein Windhauch regte sich in der Umgebung. Als der Rauch etwas nachließ, streute die alte Frau wieder einige Kräuter aus der Schale in die lodernden Flammen. Dann hielt sie plötzlich einen seltsam geformten, silbrig glänzenden Metallstab in der rechten Hand, den sie unbemerkt und unauffällig aus einer schmutzigen Stofftasche an ihrem breiten Ledergürtel blitzschnell hervor geholte hatte. Weder der Commander noch seine Männer hatten dies bemerkt. Sie hielt ihn sofort in den aufsteigenden Rauch, der immer dichter wurde.

 

Kurz darauf leuchtete das vordere Ende des Stabes intensiv auf und sonderte einen immer stärker werdenden gleißend hellen Lichtstrahl ab, der sich explosionsartig seinen Weg durch die knisternde Glut des Feuers suchte und mit einem dumpfen Krachen in den darunter liegenden Boden eindrang. Dabei streifte er die auf dem Boden liegenden Fackel, deren Öl auslief, das sich dadurch schlagartig entzündete und in kleinen Feuerszungen nach allen Seiten sprühte. Danach wurde es still und eine friedliche Ruhe umgab die Magierin, die jetzt ihre Augen vielsagend geschlossen hielt.

 

Einen Lidschlag später tauchte ein Gesicht zwischen den Rauchschwaden direkt vor dem seltsamen Metallstab auf, flackerte kurz mehrmals hintereinander und verschwand wieder.

 

Anscheinend versuchte es sich der alten Magierin zu widersetzen.

 

Geduldig wiederholte Hekate Anahid die Beschwörungsformel und drehte den Metallstab dabei in alle Richtungen.

 

Dann erschien das Gesicht abermals und diesmal stabilisierte es sich. Es war ohne Zweifel das Gesicht eines uralten Mannes. Der aufsteigende Rauch modellierte seinen restlichen Körper, der in ein wallendes Gewand gekleidet war.

 

Die flüsternde Magierin bemerkte nebenbei, wie hinter ihr Commander Henderson erstaunt und schwer atmend aufkeuchte. Doch er sagte kein einziges Wort.

 

Kannst du mich hören, Wächter des Zeittores?“ fragte die Magierin vorsichtig mit leicht erhobener Stimme.

 

Ja, ich höre dich! Wer bist du, dass du es wagst, meine Ruhe zu stören?“ gab eine dunkle Stimme zur Antwort, die wie ein Ruf aus weiter Ferne klang.

 

Ich heiße Hekate Anahid. Ich bin die Magierin der Stadt Ebon auf dem Planeten Lamu im Cygni-System. Ich weiß von deiner Existenz auf unserem Gestirn. Ich halte den Schlüssel zum Zeittor in meiner Hand, das du bewachst. Ich kann es öffnen, und du hast die Macht dazu, es in Erscheinung treten zu lassen.“

 

Ja, das kann ich. Die Erbauer des Zeittores taten das in weiser Voraussicht“, sagte die dunkle Stimme und fuhr forschend fort: „Ich hoffe, du hast einen wichtigen Grund dafür, dass du mich geweckt hast.“

 

Ich habe sogar einen sehr wichtigen Grund dafür“, sagte die alte Magierin und sprach plötzlich mit ganz leise Stimme weiter, sodass der Commander und seine beiden Kämpfer in den Panzerrüstungen nichts davon mitbekamen.

 

Erzähle mir, was geschehen ist, Magierin!“ grollte die geisterhafte Projektion über dem Feuer.

 

Ein Mann namens Luke Henderson ist hier und möchte mit seiner Crew zum Planeten Terra im System SOL zurück. Er ist der Kommandant des interstellaren Raumschiffes Polaris I. Er hat damit unsere Stadt angegriffen und ihr schweren Schaden zugefügt. Dieser Henderson muss irgendwie von der Existenz des Zeittores auf unserem Planeten erfahren haben. Dann überbrachte man mir auf Umwegen die schreckliche Nachricht, dass er und seine Männer den Magier Mermoron brutal ermordet haben sollen, um durch ihn hinter das Geheimnis des Zeittores zu kommen, wo man es finden und wie man es öffnen kann. Anscheinend zwangen sie Mermoron mit Gewalt dazu, ihnen zu sagen, dass das Zeittor auch einen Weg zu den verschollenen Inka Pyramiden kennt, in deren unterirdischen Grabkammern sich angeblich das Gold vieler Inkakönige von unschätzbarem Wert befinden soll. Jetzt zwingt Henderson mich dazu, das Zeittor zu aktivieren, um die Goldschätze unbemerkt aus diesen Pyramiden zu holen. Niemand auf Terra würde etwas davon mitbekommen. Er und seine Raumschiffsbesatzung kämen nach der Expedition als reiche Männer zurück. Das ist Hendersons Plan. Dafür geht er über Leichen. – Was soll ich tun, Wächter des Zeittores?“

 

Ich werde das Tor aktivieren, damit Henderson und seine Männer dorthin können, wohin sie auf Terra wollen. Alles andere überlasse ich dir, Magierin. Die Übermittlung der entsprechenden Zielkoordinaten liegt allerdings nicht mehr in meinen Händen. Du musst sie Henderson persönlich übergeben, damit er den Weg zu den Inka Pyramiden finden kann. – Das Zeittor ist bereit. Du kannst es jetzt öffnen!“

 

Die alte Magierin Hekate Anahid drückte am unteren Ende des Metallstabes auf eine ganz bestimmte Stelle. Dann wartete sie ab, was geschehen würde.

 

Das geisterhafte Gesicht der männlichen Erscheinung verblasste langsam und kurz darauf materialisierte ein flimmernder bläulich leuchtender Lichtvorhang direkt neben dem Feuer nur wenige Zentimeter über dem Boden. Er war ungefähr zwei Meter hoch und fast genauso breit. Ein leichtes Summen ging von dem geöffneten Zeittor aus, das sich mal verstärkte und dann wieder leicht abschwächte. Zum Schluss übergab sie Commander Henderson die genauen Koordinaten für den Zeitsprung zu den Inka Pyramiden auf Terra, die sie von dem Metallstab erhalten hatte. Dann wollte sie sich umdrehen und gehen.

 

Die zwei bewaffneten Männer in den Panzerrüstungen versperrten ihr jedoch den Weg, rissen ihr den Metallstab aus der Hand und schlugen sie mit den kantigen Kolben ihrer schweren Laserwaffen brutal nieder. Bewusstlos blieb die alte Magierin auf den kalten Steinplatten liegen. Sie bewegte sich nicht mehr. Blut rann ihr in schmalen Streifen von der Schläfe, das über die hohlen Wangen lief und vom Kinn herunter auf den staubigen Boden tropfte.

 

Mehrere Lichtblitze deuteten etwas später an, dass Commander Henderson mit seinen beiden Kämpfern das Zeittor durchschritten hatten. Zurück blieben seine Raumschiffsoldaten, die sich rund um das Zeittor postiert hatten, um es mit ihren Laserwaffen nach allen Richtungen hin abzusichern.

 

***

 

Die alte Magierin Hekate Anahid wachte benommen aus ihrer tiefen Bewusstlosigkeit auf. Hendersons Schergen hatten sie einfach wie einen dreckigen Sack Lumpen gepackt, rücksichtslos zwischen die herumliegenden Trümmer geworfen und dort dann allein zurück gelassen.

 

Zuerst konnte sie nichts sehen, weil ihre Augen von den schweren Kolbenschlägen dick angeschwollen waren. Nur langsam ließen sich ihre blutverschmierten Augenlider öffnen. Dann schaute sie vorsichtig nach allen Seiten und sah in einiger Entfernung das immer noch geöffnete Zeittor flimmernd auf dem zerstörten Platz ihres ehemaligen Palastes stehen. Außer den Raumschiffsoldaten war niemand zu sehen.

 

Commander Henderson muss wohl mit seinen Männern durch das Zeittor gegangen sein“, murmelte die Magierin halblaut vor sich hin. Ein Gefühl der Genugtuung kam in ihr auf.

 

Instinktiv griff sie auf einmal nach ihrer Stofftasche, die immer noch an dem breiten Ledergürtel um ihre Hüfte hing. Wenige Augenblicke später hielt sie einen seltsam geformten, silbrig glänzenden Metallstab in der rechten Hand. Die Magierin lächelte zufrieden und richtete ohne lange zu zögern das vordere Ende des Stabes auf das flimmernde Zeittor. Im nächsten Moment schoss ein kleiner, nur wenige Millimeter starker Lichtstrahl aus ihm heraus, der genau in der Mitte des gleißend hellen Energievorhangs verschwand, als würde er absorbiert werden. Wenige Sekunden später fiel schlagartig der Energievorhang plötzlich in sich zusammen, sodass der Boden spürbar erzitterte.


Die postierten Raumschiffsoldaten stoben erschrocken in alle Richtungen auseinander und gingen schließlich in sicherer Entfernung in Stellung. Sie warteten offenbar auf die Rückkehr ihres Commanders.

 

Doch das Zeittor blieb verschwunden. Es tauchte nicht mehr auf.

 

Als die Magierin den silbrig glänzenden Metallstab in ihrer verdreckten Stofftasche wieder behutsam verstaute, lächelte sie mit einem seltsam zufriedenen Gesichtsausdruck, denn sie wusste, dass Henderson und seine Männer nur ein wert- und nutzloses Duplikat an sich gerissen und auf den Weg zu den Inka Pyramiden mitgenommen hatten. Aber ohne das Original konnten sie nicht mehr durch das Zeittor zurück nach der Stadt Ebon auf dem Planeten Lamu, wo ihr Raumschiff stand. Das schreckliche Schicksal des Commanders und seiner beiden Begleiter war der Magierin jedoch völlig gleichgültig. Sie hatte nur auf ihre Weise den Tod ihres geliebten Mannes, dem Magier Mermoron, gerächt. Sie hatte ihr Ziel erreicht.

 

Mehr wollte sie nicht.

 

***

 

Zweihundert Jahre später.

 

Eine Nachricht ging wie ein Lauffeuer um die ganze Welt.

 

In Peru machte eine Gruppe Inka Archäologen einen spektakulären Fund, der den Wissenschaftlern Rätsel aufgibt.

 

In einem archäologischen Komplex einer neu entdeckten Inka Stadt tief unter der Erde haben Forscher eine geheimnisvolle Grabanlage mit den Mumien dreier Männer entdeckt und damit Archäologen sowie die Weltregierung in helle Aufregung versetzt.

 

Zwei der Mumien befanden sich in eine Art Rüstung aus sehr hartem Spezialmetall, die dritte war von einer Art Kunststoffhaut umgeben, wie sie, den ersten Untersuchungsergebnissen nach, vor mehr als zweihundert Jahren von Offizieren im Rang eines Raumschiff-Commanders getragen wurden. Nach neuesten Berichten fand man auch alte Laserwaffen, die sogar noch funktionsfähig waren. Die Ruinenstadt der Inkas wurde deshalb großräumig abgesperrt und bis auf weiteres unter den Schutz des Militärs der vereinigten Weltregierung gestellt.

 

Es wurde außerdem eine Nachrichtensperre auf unbestimmte Zeit verhängt, denn man wusste nicht, wie diese ehemaligen Raumfahrer, die man an ihren verblassten Namensschilder wieder erkannte, in dieses uralte Inkagrab gekommen waren, das so tief unter der Erde verborgen lag.

 

© Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

***

 


 

7. Die drei Groschen


 


 

Es war einmal ein armer Handwerksmann, der zwar immer sehr fleißig arbeitete, aber trotzdem in seinem Leben nicht so richtig weiter kam.

Als er eines Tages wieder einmal nach einem langen und harten Arbeitstag auf dem Weg nach Hause war, begegnete er einem alten Bettler mit einem langen weißen Bart, der auf dem harten Boden einer bröckeligen Steintreppe saß und ihn um etwas Geld bat, weil er Hunger hatte.

Da in der Brust des Handwerksmannes ein mitfühlendes Herz schlug, blieb er stehen, zog seine Geldbörse hervor und warf dem alten Mann drei Groschen in den verdreckten Filzhut, der zu seinen Füßen lag. Der Bettler hob sogleich den Hut auf, schaute hinein, nahm das Geld heraus und bedankte sich freundlich lächelnd bei dem Mann.

Dann sprach er: "Du gabst mir drei Groschen. Das ist sehr großzügig von dir, obwohl du doch selbst nicht viel hast. Also höre mir gut zu, was ich dir jetzt zu sagen habe, auch wenn es ein wenig merkwürdig für dich klingen mag. Ich bin in Wirklichkeit ein Zauberer und möchte jedem, der gut zu mir war, drei Wünsche erfüllen", sagte der Alte plötzlich mit leiser aber deutlicher Stimme zu dem völlig verblüfften Mann, der gerade wieder gehen wollte.

Ungläubig starrte er den Alten an und erwiderte ihm schließlich: "Ich soll mir etwas wünschen dürfen, nur weil ich dir drei Groschen in den Hut geworfen habe? Und ein Zauberer willst du obendrein auch noch sein? Das gibt es doch nur im Märchen. Ich glaube aber nicht an derartige Märchengeschichten. Die sind was für einfältige Kinder, mein Guter."

"Probiere es doch einfach mal aus! Ich lüge dich nicht an. Sag' mir einfach deine drei Wünsche, und ich werde sie für dich wahr werden lassen. So habe doch Vertrauen zu mir!"

"Jetzt höre mir mal gut zu, alter Mann! Ich habe dir drei Groschen in den Hut geworfen, damit du dir etwas davon zu essen kaufen kannst. Du gibst dich als Zauberer aus, der mir drei Wünsche erfüllen möchte? Wie ich sehe, bist du ja noch nicht einmal in der Lage dazu, für dich selbst zu sorgen. Warum zauberst du dir nicht ein gutes Essen herbei? Nun, was soll das ganze Geschwafel also? Außerdem muss ich dir sagen, wenn ich denn wirklich auf dein verrücktes Angebot einginge, so würde ich mich doch selbst nur zum Narren machen. Genau aus diesem Grunde kann ich dein seltsames Spielchen nicht mit machen. Ich muss jeden Tag hart arbeiten, um für meine Familie und mich das tägliche Brot zu verdienen. Da gibt es keinen Spielraum für solchen Hokuspokus oder ähnlichen Firlefanz. So, damit habe ich dir nun alles gesagt. Einen schönen Tag noch, aber lass' mich in Zukunft mit diesem Unfug bitte einfach nur in Ruhe."

Nach diesen Worten ging der Handwerksmann kopfschüttelnd weiter und ließ den Bettler allein zurück, der ihm noch lange in Gedanken versunken nachschaute.

"Wie die meisten Menschen glaubt er nicht an das Unmögliche in dieser Welt, sondern nur daran, dass die Gegenwart keine Magie zulässt. Jeder denkt, es gäbe keine Geheimnisse mehr. Das betrübt mich sehr. Leider verhalten sich die meisten Menschen genauso wie dieser Handwerker. Sie glauben einfach nicht mehr an uns Zauberer. Es gab mal eine Zeit, da standen wir hoch im Kurs. Aber das ist schon lange vorbei. Schade für den Mann, der doch so großzügig war und mir drei Groschen gab. Er hat mir gegenüber wenigstens Mitgefühl gezeigt. Sein Herz schlägt am rechten Fleck. Ach wie gerne hätte ich ihm geholfen und jeden seiner drei Wünsche erfüllt, um sein hartes Leben für immer zu erleichtern. Aber wir Zauberer dürfen niemanden zu seinem Glück zwingen. Das ist ein uralte Regel."

Eine Weile saß der alte Bettler noch so da und dachte darüber nach, wie sehr sich doch die Zeiten gegenüber früher geändert hatten, als die Menschen noch von Zauberei und Magie angetan waren.

Etwas später nahm er schließlich den Hut vom Boden auf, schwenkte ihn dreimal hin und her und war von einer Sekunde auf die andere plötzlich verschwunden.

Die drei Groschen aber, die ihm der vorbei kommende Handwerksmann so großzügiger Weise in den Hut geworfen hatte, die wanderten in den Geldbeutel des Mannes unbemerkt zurück.



(c)Heinz-Walter Hoetter

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Heinz-Walter Hoetter).
Der Beitrag wurde von Heinz-Walter Hoetter auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  • Autorensteckbrief
  • Heinz-Walter_Hoettergmx.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Heinz-Walter Hoetter als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Wolkenkinder Geschichten von Eleonore Görges



In diesem Buch erfahrt ihr, was zwei Wolkenkinder erleben, wenn sie mit ihren Wolkeneltern um die Welt ziehen. Piet, der Wind, hilft ihnen aus der Patsche, mit Nordlichtern tanzen sie den Feenwichtentanz und die Sterne bauen ihnen am Abend ihr Sternenbettchen. Sie machen Bekanntschaft mit einem Menschenkind, aber auch mit Hoppel, dem Osterhasen und an Weihnachten helfen sie sogar dem Christkind.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Heinz-Walter Hoetter

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Unheimlicher Besuch bei Lisa von Heinz-Walter Hoetter (Unheimliche Geschichten)
Menschen im Hotel XII von Margit Farwig (Sonstige)
Der Familienrat von Margit Kvarda (Humor)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen