Angie Pfeiffer

Der Sonnenstein

Der Schein des Vollmondes ließ die Silberburg strahlen und funkeln, so, als wäre sie aus Sternenlicht und Mondschein gemacht. Weil sie hoch auf einen Berg gebaut worden war, sah es so aus, als würde sie über den Wolken schweben. Laut einer uralten Sage lebten hier die letzten Angehörigen des Feenvolkes ...

 

Ein Bad im Mondschein

Amber hob die Arme und drehte sich langsam um sich selbst. Wie immer bei Vollmond war sie auf den höchsten Turm der Burg gegangen, um im Mondlicht zu baden. In Nächten wie diesen fühlte sie sich ein bisschen weniger allein. Sie seufzte tief. Früher war die Burg voller Leben gewesen. Ihre Eltern hatten viele Feste gefeiert. Alle Zauberer und Geisterwesen waren gern zur Burg des Königs und der Königin des Feenreiches gekommen. Das änderte sich schlagartig. Durch einen Zauber waren plötzlich alle Bewohner der Burg verschwunden gewesen. Nur Amber blieb allein zurück. Damals war sie noch ein Kind gewesen, gerade einmal einhundertfünfzig Jahre alt. Trotzdem erinnerte sie sich sehr gut daran:

Wie immer hatte sie den Tag verschlafen. Doch statt nach Sonnenuntergang in ihrem Bett aufzuwachen, fand sie sich an diesem Abend mitten auf dem Burghof wieder. Wie sie hier hingekommen war, erschien ihr unbegreiflich. Verwundert stand sie auf. Alles war anders. Wo sonst nach dem Sonnenuntergang ein buntes Treiben herrschte, gab es nur noch eine gespenstische Stille. Amber rieb sich verschlafen die Augen. Wo waren alle geblieben? Alles Suchen und die verzweifelten Rufe halfen nicht. Von den Burgbewohnern fehlte jede Spur. Das änderte sich auch nach Tagen und Wochen nicht. Amber blieb mutterseelenallein. Oft versuchte die kleine Feenprinzessin die Silberburg zu verlassen, doch es gelang ihr nie. Sobald sie das schwere Burgtor mühsam geöffnet und einen Schritt über die Schwelle gesetzt hatte, wurde es ihr schwindelig. Ging sie trotzdem weiter, wurde es ihr schwarz vor Augen, alles drehte sich um sie. Sie wurde ohnmächtig. Anschließend wachte sie immer auf dem Burghof auf, obwohl sie sich nicht daran erinnern konnte, wie sie dorthin gelangt war. Das Burgtor fand sie wie durch Zauberhand geschlossen vor. Auch ließ sich kein Besucher mehr auf der Silberburg blicken. Amber war und blieb allein. Bald gab sie es auf, aus ihrem Gefängnis zu entkommen. Wohin hätte sie auch gehen sollen?

 

Hüte dich vor dem Tageslicht

Das alles war lange her, Amber hatte einhundertneunundvierzig weitere einsame Geburtsnächte erlebt Bald würde ihre dreihundertste Geburtsnacht sein. Aber jetzt stand sie auf dem höchsten Turm und badete im Licht. Ihr erstes Mondbad kam ihr in den Sinn:

Die Königin hatte sie eines Abends sanft bei der Hand genommen und auf den Turm geführt. "Das Licht des vollen Mondes ist etwas ganz Besonderes", hatte sie ihrer Tochter erklärt. "Es gibt uns unsere Zauberkraft. Der Mond ist sanft und gut. Die Nacht ist unsere Zeit, das musst du dir merken, mein Kind. Hüte dich vor dem Tageslicht. Wir sind die letzten unserer Art und du bist eine Feenprinzessin mit einer ganz besonderen Gabe", hier hatte die Mutter eine Pause gemacht. „Was ist das für eine Gabe, Mutter“, hatte Amber neugierig gefragt, denn sie kam sich überhaupt nicht besonders vor. Die Königin hatte nicht sofort geantwortet, sondern ihre Tochter prüfend angeschaut. „Du bist noch zu jung und wirst es du früh genug erfahren“, hatte sie geseufzt, während eine Wolke den Mond verdunkelt hatte und es Amber so kalt wurde, dass sie gezittert hatte. Aber dann war der Moment vergangen, der Mond schien wieder hell und freundlich. Ihre Mutter hatte ihr schützend den Arm um die Schulter gelegt und ihr das widerspenstige Haar aus dem Gesicht gestrichen. "Die Sonne ist mächtig, sie kann uns mit ihren Strahlen verbrennen. Darum sei lieber vorsichtig, Amber!"

Diesen Rat hatte die kleine Fee immer befolgt. Tagsüber hielt sie sich im Inneren der Silberburg auf und wagte sich erst nach Sonnenuntergang nach draußen. Das machten schließlich alle Feen so.

 

Mondlicht macht nicht satt

Entschlossen schüttelte Amber den Kopf, sodass ihre honigfarbenen Haare hin und her flogen. Sie wollte sich diese schöne Nacht nicht durch trübe Gedanken verderben. "Trotzdem wäre es schön, das Mondlicht mit jemandem zu teilen!" Sie sprach ihren Gedanken laut aus und schrak zusammen, als sie neben sich eine Stimme hörte. "Teilen hört sich gut an, aber ein saftiges Hühnchen oder ein Würstchen wäre mir lieber. Vom Mondlicht wird man nicht satt." Verblüfft schaute Amber sich um und entdeckte zu ihren Füßen einen Fuchs, der sie treuherzig ansah und dabei zierlich eine Pfote hob. "Wenn ich mich vorstellen darf, mein Name ist Frido. Ich habe dich schon öfter auf diesem Turm gesehen und mich gefragt, was du da machst, so ganz allein."

"Wie bist du bloß in die Burg gekommen?", fragte Amber atemlos. Ihre Gedanken überschlugen sich. Gab es vielleicht doch eine Möglichkeit die Burg zu verlassen, die sie bisher übersehen hatte? "Och, das ist leicht", erwiderte Frido ein wenig hochnäsig. "Unsereiner findet immer ein Schlupfloch. Was meinst du, wie viele Hühnerställe ich schon geplündert habe. Ich habe einen Riecher für günstige Einstiegsmöglichkeiten ..."

"Das ist interessant, aber ein Hühnerstall ist die Silberburg nicht gerade", fiel ihm Amber ins Wort. "Also sag schon: Wie bist du hereingekommen."

Frido rümpfte beleidigt die Nase. "Sag du mir erst einmal, wer du bist und warum du ganz allein in einem so großen Bau lebst. Hier ist doch alles viel zu riesig für ein so kleines, dürres Mädchen wie dich."

"Hey, du, ich bin überhaupt nicht klein und schon fast dreihundert Mondjahre alt.“ Die Fee ließ den Kopf hängen. „Doch die Hälfte dieser Zeit bin ich allein. Und nur, damit du das weißt, ich bin kein Mädchen, sondern eine Fee. Deshalb kann ich auch deine Sprache verstehen. Wir Feen sprechen nämlich alle Tiersprachen. Meine Eltern sind der König und die Königin des Feenreiches." Amber erzählte dem Fuchs, ihre seltsame Geschichte. Frido hörte ihr aufmerksam und voller Staunen zu, ohne sie auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen. Als die kleine Fee ihre Geschichte beendet hatte, schaute er sie nachdenklich an. "Eine Fee bist du also? Das kommt mir komisch vor, denn ich habe schon viele Feen gesehen und sie schauten ganz anders aus als du." Amber runzelte verdutzt die Stirn. "Natürlich bin ich eine Fee. Sogar eine Feenprinzessin. Was sollte denn anderes an mir sein?" "Nun ja, die Feen, die ich gesehen habe leuchten anders als du. Du leuchtest auch schön, aber nicht silbrig und kühl wie das Mondlicht, sondern warm und goldig, fast wie die Sonne. Übrigens ist Feenhaar fein und silbern und sehr glatt. Es sieht aus wie aus fließenden Mondstrahlen gemacht. Dein Haar ist nicht besonders fein, sondern dick und lockig. Fast wie Sonnenstrahlen. Trotzdem mag ich dein Haar, denn es sieht lecker aus. Die Farbe erinnert mich an den Inhalt des Honigtopfes, den ich einmal in einem günstigen Moment erwischt habe. Den habe ich einem gierigen IGEL weggeschnappt! Unsereiner lässt sich eine gute Gelegenheit nicht entgehen … ", hier musste Frido heftig schlucken, denn das Wasser war ihm im Munde zusammengelaufen. "Nein, das kann nicht sein", rief Amber erschrocken. "Meine Mutter hat mich vor dem Tageslicht gewarnt. Die Sonne verbrennt uns Feen mit ihrem Feuer. Egal wie mein Haar aussieht, ich habe nichts mit der Sonne und ihren Strahlen zu tun."

"Das weiß ich nicht. Unsereiner schläft ja meistens tagsüber und geht in der Nacht auf die Jagd." Frido blickte bedauernd zum Horizont. "Leider ist für diese Nacht die Jagdzeit verstrichen, ohne dass ich an einen leckeren Bissen gelangt wäre. Wenn du das Sonnenlicht vermeiden willst, so solltest du dich langsam in der Burg verstecken." Wirklich rötete sich der Horizont bereits, die Sonne ging auf. "Sehen wir uns morgen wieder? Schließlich musst du mir noch deinen Schleichweg in die Burg zeigen", rief Amber Frido zu, während sie sich hastig an den Abstieg machte. Schließlich wollte sie rechtzeitig in ihr Zimmer kommen, ohne von der Sonne verbrannt zu werden. "Mal sehen. Aber erst muss ich mich sattessen, denn mit einem knurrenden Loch im Bauch kann ich nicht denken."

 

Frido hat einen Plan

Von da an trafen sich Amber und Frido in jeder Nacht. Der Fuchs zeigte Amber seinen geheimen Weg in die Silberburg. Leider konnte sich die kleine Fee nicht durch den schmalen Mauerschlitz zwängen, so sehr sie sich auch bemühte. Dabei war sie selbst für eine Fee besonders zierlich. „Das habe ich mir gedacht“, erklärte Frido und nickte klug. „Selbst du kommst nicht durch die Lücke in der Mauer. Du bist zwar eine ziemlich kleine und mickerige Fee, aber unsereiner ist eben viel gelenkiger.“

„Hey, wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich nicht klein bin“, rief Amber empört aus, beruhigte sich aber schnell, weil Frido sie verschmitzt angrinste. „Ist ja gut, das habe ich nicht so gemeint.“

Einmal brachte Frido ihr ein frisch erbeutetes Huhn mit, um es mit ihr zu teilen. Amber schüttelte sich. „Das kann ich nicht essen! Wir Feen essen niemals Fleisch. Wir ernähren uns von Nektar. Der Keller der Silberburg ist voll mit Krügen davon.“ Sie hatte sich noch nie Gedanken ums Essen gemacht. Frido machte es nichts aus, dass sie sein Huhn nicht essen wollte. „In Ordnung, dann werde ich das zarte Hühnchen allein verzehren“, erklärte er und ließ seine Beute verschwinden, um sie später in aller Ruhe aufzuessen. „Aber sag einmal: was machst du, wenn alle Krüge mit Nektar leer sind?"

Amber fasste sich an den Kopf. "Daran habe ich überhaupt noch nicht gedacht. Wenn alle Krüge leer sind, dann muss ich wohl verhungern. Aber es sind ziemlich viele Krüge. Also habe ich erst einmal genug zu essen. Es ist viel schlimmer, dass ich so allein bin. Die Silberburg ist mein Zuhause, aber ohne meine Familie … manchmal sehne ich mich so sehr nach ihnen, dass ich mich ganz krank fühle.“ Sie kraulte Frido hinter dem Ohr, was diesen vor Wohlbehagen grunzen ließ. "Ganz allein bin ich ja nicht mehr. Ich bin so froh, dass du den Weg hierher gefunden hast.“

"Nun", sagte Frido zögernd. "Ich hätte eine Idee. Aber dazu musst du versuchen die Burg zu verlassen."

Amber zuckte mit den Schultern. "Ich will alles tun, wenn es mir nur meine Familie zurückbringt, doch ich komme nicht durch das Burgtor."

"Das hast du mir schon erzählt, aber das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Wenn du also noch einmal versuchst, die Burg zu verlassen, so könnte ich mich in der Nähe verstecken und sehen, was vor sich geht."

Amber schauderte es. „Meinst du wirklich, dass wir es versuchen sollen? Ich fühle mich hinterher immer ganz schlimm.“

„Aber das ist es wert. Nur so können wir herausfinden was hier los ist“, versuchte Frido sie zu überzeugen. Schließlich willigte Amber in den Plan ein.

Gleich am nächsten Abend machten sich die beiden auf den Weg zum Burgtor. Wie so oft öffnete Amber mühsam den schweren Torflügel, und während sich der Fuchs in der Nähe versteckte, machte die kleine Fee einen Schritt auf die Torschwelle zu. Sofort wurde ihr schwindelig und übel. Noch ein weiterer Schritt. Sie setzte den Fuß auf die Schwelle. Ihr Herz begann wie wild zu klopfen, die Beine gaben unter ihr nach. Es wurde ihr schwarz vor Augen und sie fiel in eine tiefe Ohnmacht.

„Alles ist gut!“ Ein rot - braunes, gutmütiges Gesicht, beugte sich über Amber. Sie schlug die Augen auf, blinzelte und bemerkte dann, dass Frido ihr sacht über die Wange leckte. Vorsichtig setzte sie sich hin, weil ihr immer noch schwindelig war. „Hast du etwas gesehen?“, fragte sie neugierig. „Und ob“, Frido trippelte aufgeregt von einer Pfote auf die andere. „Ich glaube, dass wir dem Rätsel ein ganzes Stück nähergekommen sind. Aber erst einmal: wie fühlst du dich? Kannst du laufen? Ich hätte dich schon längst in deinen Bau gebracht, aber du bist mir zu schwer, obwohl du ein ziemlich mickeriges Mädchen bist.“

„Ich bin eine Fee, wie oft soll ich dir das noch sagen! Und überhaupt kann ich gut allein laufen.“ Amber richtete sich auf. Obwohl sie noch etwas wackelig auf den Beinen war, begann sie den Aufstieg zur Burgzinne. Frido folgte ihr, wobei er ununterbrochen redete. „Also - ich hatte mich gut versteckt, selbst du hast mich nicht gesehen, stimmt‘s? Ja, unsereiner ist schon ein Meister der Schleichkunst. Das liegt in meiner Natur. Was meinst du, wie viele fette Hühnchen ich schon auf diese Art ergattert habe. Man muss eben sehen, wo man bleibt. Die Menschen wollen all die wohlschmeckenden Hühner für sich allein ...“ Hier unterbrach ihn Amber, denn sie waren auf der Burgzinne angekommen. „Jetzt hör schon auf von deinen ekeligen toten Hühnern zu erzählen. Was hast du gesehen?“ Frido klappte für einen Augenblick beleidigt die Schnauze zu, erzählte aber dann weiter. „Also, noch einmal von vorne: Ich hatte mich gut versteckt und dir zugeschaut, wie du das Burgtor öffnetest. Übrigens, das hätte ich dir kleiner Person gar nicht zugetraut.“ Ein Blick von Amber genügte, er verbesserte sich schnell. „Ja, ich weiß, du bist eine Fee. Du bist näher und näher an die Schwelle getreten und plötzlich bist du umgekippt“, er schnalzte mit der Zunge. „Einfach so. Erst wollte ich zu dir hinlaufen, denn ich hatte Angst, du hättest dich verletzt, doch dann ...“

 

Der schwarze Ritter

Frido wartete ab. Schließlich hatte er sich versteckt um herauszufinden, was hier gespielt wurde. Er musste nicht lange warten. Kaum, dass Amber bewusstlos auf der Torschwelle zusammengebrochen war, näherte sich eine finstere Gestalt. Woher der schwarze Ritter plötzlich gekommen war, konnte selbst Frido, der stolz auf sein feines Gehör war, nicht ausmachen. Er duckte sich und schmiegte sich enger in sein Versteck, denn dieser Ritter kam ihm sehr unheimlich vor. Am liebsten wäre er weggelaufen. Einzig die Sorge um Amber ließ ihn dableiben. Also lugte er vorsichtig um die Ecke und sah zu seinem Erstaunen, dass sich der schwarze Ritter über die kleine Fee gebeugt hatte. Zärtlich strich er ihr die Haare aus dem Gesicht. Dann hob er sie mit einer vorsichtigen Bewegung auf und trug sie behutsam in Richtung des Burghofes. Frido folgte ihm verstohlen. Auf dem Burghof angekommen legte der schwarze Ritter Amber sehr behutsam auf dem Boden ab. „Ich weiß, dass du hier bist und mich beobachtest. Du kannst dich zeigen“, rief er mit bitterer Stimme. Frido erstarrte, war es möglich, dass der Ritter ihn entdeckt hatte? Sollte er aus seinem Versteck hervorkommen? Ehe er zu einer Entscheidung gekommen war, ballte sich, wieder wie aus dem Nichts, eine schwarze Wolke zusammen. Aus ihr kam eine in dunkle Kleider gehüllte Frau. Sie stand mitten auf dem Burghof. „Du hast immer noch Gefallen an der hässlichen kleinen Fee?“, zischte sie den schwarzen Ritter an. „Wann erkennst du endlich, dass ich dir so viel mehr bieten kann, als diese ... diese Missgeburt? Ich werde sie sowieso bald vernichten! Gewöhn’ dich schon einmal an den Gedanken.“ Der Ritter legte die Hand an den Gürtel, als würde er nach seinem Schwert tasten. „Wage es nicht, Mengia! Sie ist eine Prinzessin. Du weißt genau, dass nur alle fünftausend Jahre ein goldenes Feenkind geboren wird. Eine besondere Fee, die Sonne und Mond miteinander vereint, die das Reich der Feen und das Sonnenreich miteinander verbinden kann. Sonne und Mond lieben sie und sie kann auch am Tag in Freien sein. Die Sonne verbrennt sie nicht, wie es bei gewöhnlichen Feen der Fall ist.“ Er schaute die schwarze Zauberin mitleidig an. „Du tust mir leid, weil du so eifersüchtig auf diese schöne kleine Fee bist. Aber egal was du machst, du wirst sie nicht verzaubern können, genau so wenig wie mich. Ich werde nie aufhören sie zu lieben.“ Die Zauberin lachte so böse, dass es Frido kalt den Rücken hinunterlief. „Du liebst sie, du Dummkopf? Aber sie liebt dich nicht. Sie weiß nicht einmal, dass es dich gibt. Und wenn sie dich sehen würde, dann würde sie vor lauter Schreck erstarren. Schließlich bist du nicht mehr der goldene Prinz, sondern der schwarze Ritter. Dafür habe ich gesorgt. Deine Liebste wird mit dem nächsten Vollmond ihren dreihundertsten Geburtstag feiern. Im Morgengrauen des nächsten Tages werde ich sie besuchen. Ich werde ihr alle ihre Kräfte nehmen und sie mir zu Eigen machen. Dann bin ich die mächtigste aller schwarzen Feen. Sie kann nichts dagegen tun, weil sie den Sonnenstein nicht entdeckt hat. Sie wird ihn niemals finden. Aber selbst wenn sie ihn findet, weiß sie meinen Namen nicht. Deshalb kann sie sich nicht gegen mich wehren.“ Wieder lachte die Zauberin schrill. Das klang so schrecklich, dass Frido sich die Ohren zuhielt.

„...dabei ist der Stein vor ihren Augen, aber sie ist zu dumm, um ihn zu sehen. Sie ist ja sogar so dumm, dass sie glaubt, das Sonnenlicht würde sie verbrennen. Sie wird die Silberburg niemals von meinem Zauber befreien. Wenn ich der kleinen Fee erst einmal ihrer Kräfte weggenommen habe, dann kannst du dich nicht mehr gegen mich wehren. Zusammen werden wir ein dunkles Reich errichten.“ Frido hatte die Pfoten von den Ohren genommen und hörte wieder, was die Zauberin sagte. Jetzt ärgerte er sich, dass er sich die Ohren überhaupt zugehalten hatte und so nicht alles verstanden hatte, was die böse Mengia gesagt hatte. Er lugte vorsichtig aus seinem Versteck. Der Ritter war neben Amber auf die Knie gefallen. Er strich ihr über das Haar. „Leb wohl“, murmelte er mit erstickter Stimme. Seine Gestalt wurde undeutlich und war schließlich verschwunden. Die dunkle Zauberin beugte sich noch einmal über die kleine Fee. „Bis bald, du hässliches Feenkind, bald wird dein goldener Prinz mir gehören, mir allein.“ Auch ihre Gestalt verschwand.

 

Wo ist der Sonnenstein?

„Wir müssen diesen Sonnenstein finden. Er ist irgendwo in der Burg versteckt. Ist er dir denn noch gar nicht aufgefallen? Überhaupt scheinst du auch bei Tag und im Sonnenlicht herumlaufen zu können.“ Frido verstummte, einerseits, weil ihm die Puste ausgegangen war, andererseits, weil er nichts mehr zu erzählen hatte. Amber hatte ihm staunend zugehört, ihr schwirrte der Kopf. Konnte es sein, dass sie nur einen bestimmten Stein, den Sonnenstein, finden musste, um den Zauber, der über der Burg lag zu beenden und ihre Eltern wieder zu sehen? Doch wo sollte sie suchen? Frido versuchte ihr Mut zuzusprechen. „Der Stein muss ganz leicht zu finden sein, du hast eben noch nie darauf geachtet. Denk nach! Wenn wir ihn erst einmal haben, so wird sich alles Weitere schon finden.“ Amber ließ traurig den Kopf hängen. „Wir haben nicht mehr viel Zeit. Du hast es selbst gehört: Beim nächsten Vollmond ist mein dreihundertster Geburtstag. Bis dahin müssen wir den Sonnenstein haben, sonst wird die böse Fee mich vernichten.“ Etwas anderes fiel ihr ein: „Erzähl mir mehr von dem schwarzen Ritter. Er scheint gar nicht so böse zu sein, wie du es erst geglaubt hast. Wenn er wirklich der goldene Prinz wäre und die Zauberin ihn verhext hätte ... Meine Mutter hat mir so viel über ihn und sein Königreich erzählt. Ich wollte ihn immer schon einmal kennenlernen.“

In den nächsten Nächten suchten Amber und Frido die Burg fieberhaft nach dem Sonnenstein ab, doch sie konnten ihn nicht finden. Alle Steine schienen gleich auszusehen. Nichts ließ darauf schließen, dass einer von ihnen besonders war. Schließlich gaben sie die Suche auf. Am Abend vor Ambers Geburtsnacht saßen die beiden niedergeschlagen nebeneinander auf der Zinne der Silberburg. „Was soll nur werden, ich weiß mir keinen Rat mehr“, klagte die kleine Fee. Frido stand entschlossen auf. „Ich gebe nicht auf, der verflixte Stein muss irgendwo sein.“ Er tippte sich an die Stirn. „Mir fällt noch etwas ein. Der Ritter hat gesagt, dass du die Sonne nicht fürchten musst. Vielleicht ist das die Lösung. Möglicherweise kann man den Stein nur am Tage erkennen. Du solltest es einfach einmal probieren.“ Entsetzt musterte Amber den Fuchs. „Nein, das traue ich mich nicht. Was würde geschehen, wenn er sich irrt? Dann würde ich bestimmt verbrennen. Überhaupt, wenn ich den Stein in der Nacht nicht finde, warum sollte ich ihn tagsüber sehen können?“

„Weil er Sonnenstein heißt“, erwiderte Frido nachdenklich. „Egal, ich werde jetzt noch einmal die Burg absuchen, vielleicht haben wir irgendetwas übersehen.“

 

Bis die Sonne aufgeht

Heute war Ambers Geburtsnacht. Sie hatte Frido auf seiner Suche nach dem Stein nicht mehr begleitet, denn sie hatte allen Mut verloren. Traurig und voller Angst war sie aufgestanden und gleich auf die höchste Zinne der Burg gestiegen, wo sie sich hinsetzte und abwartete. Frido hatte sich im Laufe des Abends schweigend und bedrückt neben sie gesetzt. Gemeinsam schauten sie dem aufgehenden Mond zu, der immer höher stieg und sie schließlich in sein Silberlicht tauchte. Die Nacht war sternenklar, keine noch so kleine Wolke verdeckte den Mond. „Diese Nacht ist ganz besonders schön und wie für deinen Geburtstag gemacht. Ich schenke sie dir“, sagte Frido schließlich leise. „Danke“, flüsterte die kleine Fee. „Es ist wunderschön. Ich kann nicht glauben, dass dies der letzte Vollmond für mich sein soll.“ So saßen sie beieinander bis die Sonne aufging. Amber, die sonst ängstlich in die Burg gelaufen war und sogfältig Türen und Fenster geschlossen hatte, blieb unbeweglich auf ihrem Platz. „Ich werde einfach hier sitzen bleiben“, murmelte sie leise. „Wenn die Sonne mich verbrennt, dann ist das besser, als für immer und ewig in der Burg eingeschlossen zu sein.“

„So, meinst du“, rief eine bösartige Stimme hinter ihr. „Jetzt ist meine Stunde gekommen, ich werde ein für alle Mal Schluss mit dir und deinem Geschlecht machen.“ Erschrocken drehten Amber und Frido sich um und sahen sich der bösen Zauberin gegenüber. Doch ehe diese auch nur einem Finger rühren konnte, stand der schwarze Ritter zwischen ihr und Amber. „Du wirst sie nicht anrühren“, sagte er mit gefährlich leiser Stimme. „Erst musst du mich besiegen!“

„Nichts leichter als das, mein goldener Prinz. Wenn du sie wirklich so sehr liebst, dann werde ich dir eben weh tun müssen. Ich habe lange genug Rücksicht auf dich genommen.“ Die Zauberin wies mit ihrem Zauberstab auf den Ritter und ein gleißender Blitz traf ihn. Während sie einen weiteren Hagel aus Blitzen auf ihn niederregnen ließ, kicherte sie böse. „Fühle meine Macht“, kreischte sie dabei. Der Ritter wandte sich unter dem Blitzeregen. Als er bewegungslos auf dem Boden lag, senkte die Zauberin den Zauberstab. Amber und Frido hatten wie erstarrt dagesessen. Vor lauter Schreck konnten sie sich nicht bewegen. Jetzt wandte sich die böse Zauberin ihnen zu. „Nun zu euch“, sagte sie drohend und hob wieder ihren Stab. Doch bevor sie noch einen Zauber bewirken konnte, ging die Sonne auf und tauchte Amber in einen goldenen Schimmer. Die kleine Fee leuchtete in ihrem Schein hell auf. Wie im Traum schaute sie an sich hinab, hob die funkelnden Hände und betrachtete sie. Ein Strahl löste sich aus ihnen und traf den obersten Stein der Zinne. Der leuchtete golden auf, fast schien er heller als die Sonne. Frido wies verblüfft darauf. „Das ist er! Der Sonnenstein“, stammelte er fassungslos. Im nächsten Moment löste er sich aus seiner Erstarrung, kletterte flink hinauf, hob den losen Stein aus seiner Verankerung und warf ihn Amber zu, die ihn geschickt auffing. Während der Stein in der Hand er kleinen Fee hell funkelte, versuchte die Zauberin sich auf sie zu stürzen, um ihr den Sonnenstein zu entreißen.

„Schnell, sie heißt Mengia, du musst ihren Namen sagen. Und du musst den Zauber, den sie über die Burg gelegt hat aufheben“, schrie Frido und stellte sich der Zauberin in den Weg. Amber hob den Arm. „Mengia, sei auf ewig verdammt in der schwarzen Finsternis. Deinen Zauber hebe ich auf. Die Silberburg soll wieder zum Leben erwachen. Und auch alle anderen deiner bösen Flüche sollen nicht mehr wirksam sein“, die Worte kamen ihr von ganz allein über die Lippen, während sich ein gleißender Strahl aus dem Sonnenstein auf die Zauberin richtete und sie ganz einhüllte. „Ich verbrenne“, kreischte Mengia und verschwand. Von ihr übrig blieb ein Häuflein dunkler Asche, das schnell vom aufkommenden Wind über die Brüstung geweht wurde. Amber wandte sich dem schwarzen Ritter zu, doch statt der düsteren Gestalt lag hier der goldene Prinz, zwar in tiefer Ohnmacht, doch atmete er ruhig und stetig. Amber setzte sich und legte seinen Kopf in ihren Schoß. „Er hat sich der bösen Zauberin in den Weg gestellt“, sagte sie leise. „Er wollte uns beschützen.“

„Ich glaube, er wollte erst einmal dich beschützen“, stellte Frido fest.

Die kleine Fee strich dem goldenen Prinzen sacht über die Stirn. „Ach, dich wollte er auch retten“, sagte sie und betrachtete den Prinzen aufmerksam. „Er ist sehr tapfer und gut ... und er sieht sehr gut aus“, fügte sie leise hinzu.

„Ob er gut aussieht weiß ich nicht“, brummte Frido und verdrehte die Augen zum Himmel. „Aber er ist fast so tapfer wie ich.“

Der Prinz regte sich und schlug die Augen auf. „Was ist passiert?“ Sein Blick fiel auf Amber. „Ihr seid also gerettet. Ganz ohne meine Hilfe ...“

„Der Sonnenstein hat uns alle gerettet und das Sonnenlicht“, antwortete Amber.

Frido holte tief Luft. „Ich habe es dir doch gleich gesagt, du kannst ruhig auch tagsüber hinaus, die Sonne verbrennt dich überhaupt nicht. Wenn du bloß nicht immer so ängstlich wärst, kleines Mädchen!“

„Ich bin kein Mädchen, ich bin eine Fee, wie oft soll ich dir das noch sagen?!“

 

Der Sonnenstein hob den Zauber der bösen Mengia vollständig auf. Amber war noch am selben Abend mit ihrer Familie vereint. Bald feierte man auf der Silberburg ein großes Fest zu Ambers Ehren. Ein ganz besonderer Gast bedankte sich von Herzen für seine Rettung und gestand Amber, dass er schon lange sein Herz an sie verloren hatte. Er bat darum sie heiraten zu dürfen.

Frido, der einen Ehrenplatz an Ambers Seite hatte, rümpfte empört die Nase. „Hoffentlich hat der goldene Prinz auf seiner Burg einen anständigen Hühnerstall, sonst wird das nichts mit einer Heirat, schließlich kann ich ein so mickeriges Mä ...“, hier unterbrach sich der Fuchs, weil Amber ihn streng musterte. „Ich meine eine so junge und unerfahrene Fee nicht allein an den Hof des goldenen Prinzen ziehen lassen, auch nicht als seine Frau!“

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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