Angie Pfeiffer

Kein Winterschlaf für Prunseline?

Eigentlich müssten die Tiere, die einen Winterschlaf machen, jetzt in ihren Unterschlupfen liegen und schlafen. Denn es ist Winter geworden. Aber trotzdem ist die Luft mild und sonnig. Prunseline, die kleine Maus, die zusammen mit ihrem Freund Karli in einem versteckten Teil des Gartens wohnt, ist heute zur Waldwiese gelaufen. Sie will ihren Freund, den Igel besuchen. Tatsächlich wuselt er auf der Wiese herum. „Wie toll dich zu sehen“, sagt er. „Es ist viel zu schön, um jetzt schon zu schlafen. Obwohl es in meinem neuen Zuhause puschelig – wuschelig gemütlich ist. Wie wäre es? Platz für Zwei ist da …“ Prunseline schüttelt den Kopf. „Ich halte meinen Winterschlaf seit immer und ewig mit meinem Freund Karli zusammen. Er wäre sehr traurig, wenn ich jetzt neue Sitten einführen und bei dir schlafen würde. Übrigens ist es in unserer Höhle auch ganz gemütlich."
„Na gut. Wahrscheinlich kannst du sowieso besser mit Karli kuscheln. Er hat ja nicht so ein prächtiges Stachelkleid wie ich.“ Der Igel rollt sich zu einer Kugel zusammen. „Schau mal, wie toll meine Stacheln abstehen“, ruft er stolz. Das hört Prunseline aber ganz undeutlich und leise, weil sein Kopf jetzt inmitten der Stacheln steckt. „Kannst du bitte wieder rauskommen?“ ruft sie. „Ich kann dich sonst gar nicht gut verstehen!“
„Was hast du gesagt? Ich habe dich nicht verstanden!“ Der Igel steckt seinen Kopf aus der Stachelkugel, die er jetzt ist. Dann entrollt er sich vollständig. Das sieht lustig aus. Prunseline muss lachen. „Da bist du ja. Stell dir vor: im letzten Winter konnte ich erst gar nicht einschlafen. Trotzdem mussten wir in unserer Höhle bleiben, weil es draußen so, so kalt war. Dieser Winter ist besser, weil es wärmer ist.“
„Und wir müssen nicht fasten, sondern können uns zwischendurch etwas zu Essen suchen“, fügt der Igel hinzu.
„Wo du vom Essen redest … ich könnte einen Happen vertragen. Mir knurrt der Bauch“, stellt Prunseline fest
Der Igel kommt nicht mehr zum Antworten, denn während die beiden geredet haben, sind sie bis an die Stelle gekommen, wo der Wald an Prunselines Garten grenzt. Sie bleiben überrascht stehen. Was ist denn hier passiert? Statt der großen Tanne, die genau am Gartenzaun steht, funkelt ihnen ein Wunder - Glitzerbaum entgegen. Lauter kleine, bunte Lichter sind an ihm und auf ihm. Sie funkeln in der Dämmerung. Prunseline und der Igel sperren Mund und Augen auf vor lauter Verwunderung. Sie staunen so sehr, dass sie Karli gar nicht sehen. Erst, als er zu sprechen beginnt, bemerken sie ihn. „Da staunt ihr, was“, sagt er. „Als du zur Waldwiese gegangen bist, Prunseline, sind die Menschenkinder gekommen und haben all die Lichter an der Tanne festgemacht. Sie haben dabei Lieder gesungen. Das hat sich fein angehört. Dann haben sie lauter leckere Sachen unter die Tanne gelegt. Nüsse und getrocknete Beeren, aber das seht ihr ja selbst. Die sind für die Tiere im Wald, haben sie gesagt. Ist das nicht nett von ihnen!“ Karli klatscht vor Begeisterung in die Hände. „Schön!“, ruft Prunseline und auch der Igel brummelt zustimmend. Dann setzten sich alle drei unter die schöne Wundertanne und essen sich ordentlich satt.

 

Ein paar Tage später steckt Karli den Kopf zum Fenster der Mäusehöhle heraus und schnuppert. „Jetzt riecht es wirklich nach Winter“, sagt er. „Aber etwas ist heute komisch.“
„Komisch? Was denn?“, fragt Prunseline neugierig. Sie spitzt die Ohren, denn sonst ist es gerade im Winter mucksmäuschenstill. Aber heute hört sie seltsame und unbekannte Geräusche. Was wispert und raschelt da? Dann pfeift es auch noch und ein leiser Donner ertönt. Prunseline ist ganz erschrocken. „Was ist das?“, ruft sie aus. „Ist der Frühling vielleicht schon gekommen und wir haben es gar nicht gemerkt, Karli“, fügt sie hoffnungsvoll hinzu. Karli schüttelt den Kopf. „Es riecht nach Winter. Der Frühling ist noch nicht da.“ Er überlegt. „Ich kann mich daran erinnern, dass mein Opa einmal von der Nacht der regnenden Sterne erzählt hat. Sie findet statt, wenn es im Winter am dunkelsten ist. Sie ist schön und aufregend und ein bisschen zum Fürchten. Jedenfalls hat das mein Opa gesagt. Ich selbst habe sie noch nie erlebt.“ Oh, Nacht der regnenden Sterne! Wie aufregend das klingt! Das muss Prunseline unbedingt sehen. „Wo es Sterne regnet, da will ich hin!“, sagt sie entschlossen. „Es ist zu kalt für uns Mäuse“, rät Karli ihr ab. Aber Prunseline ist schon draußen. Sie schaut sich aufgeregt um. Wirklich – alles ist heute irgendwie anders! Prunseline blickt wie von selbst zum Himmel hinauf. Da sieht sie ihn, den großen Sternenregen. Viele klitzekleine bunte Funken tanzen über den Himmel und regnen dann sanft zu Boden. Dazu knallt es laut. Immer neue Funken tanzen über den Himmel. Wenn es auch laut ist, sieht es doch schön aus. Prunseline hat gar nicht gemerkt, dass sich Karli zu ihr gesellt hat. „Ich glaube, das ist gar kein Sternenregen“, sagt er leise. „Das sind die Menschen. Sie feiern ein Fest und machen dazu die Sterne in den Himmel.“
„Aber sie wollen uns doch nichts tun, oder?“, versichert sich Prunseline. Karli stellt sich ganz dicht neben sie. „Nein, ganz bestimmt nicht.“ So bleiben die beiden eine ganze Weile stehen und schauen sich den Sternenregen an. Schließlich wird er weniger, hört dann ganz auf und auch der Donner ist nicht mehr zu hören. „Komm schnell wieder in unser Haus“, sagt Karli schließlich. „Wir müssen uns unbedingt aufwärmen.“ Das sieht Prunseline ein und folgt ihm schnell ins Mäusehaus, wo die beiden Mäuschen sich einmummeln. „Bestimmt schlafen jetzt alle“, sagt Prunseline nach einer Weile. „Ganz bestimmt. Du versäumst nichts“, beruhigt sie Karli. Er weiß, wie neugierig Prunseline ist. „Ob der Igel schon schläft?“, überlegt Prunseline. „Bestimmt. Wir müssen um diese Zeit alle schlafen. Der Schlaf ist gut für dich und ehe du dich versiehst, ist es schon wieder Frühling.“
„Du hast ja recht“, gähnt Prunseline. Plötzlich ist sie sehr, sehr müde. Sie rollt sich auf ihrem Bett aus Gräsern und Tannennadeln zusammen. Aber sie nimmt sich vor, nur ganz kurz die Augen zuzumachen und schnell wieder aufzuwachen. Schon ist sie eingeschlafen. Karli legt sich ganz dicht neben sie. Das ist schön und kuschelig. Die beiden Mäuschen schlafen so tief und fest, dass sie gar nichts mehr hören. Nicht, wie der Frost in den Bäumen knackt und auch nicht die Winterstürme, die um das Mäusehäuschen toben.

Bestimmt träumen sie alle beide vom Frühling.

Leseprobe aus meinem Buch: "Prunseline - ein Mäuseabenteuer."

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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