Günther Würdemann

Des Försters tierische Weihnachten

                  

Jedes Jahr, wenn die kalte und frostige Jahreszeit anbricht, muss der Förster für die Fütterung der Wildtiere Sorge tragen, damit sie nicht verhungern. Heute, am frühen Morgen des Heiligen Abends war er allerdings stocksauer. Er hatte die ganze Nacht im Wirtshaus gesessen und sich bei Glühwein und Schnaps innerlich gut aufgewärmt. Dabei hatte er ausgiebig mit einigen Bauern des Dorfes diskutiert und war erst aufgebrochen, als sein letzter Gesprächspartner langsam vom Barhocker in Richtung Fußboden rutschte. Ein Blick auf die Armbanduhr überzeugte ihn schließlich, dass der Morgen bald grauen würde. Auf dem Heimweg durch den hohen Schnee fluchte er leise vor sich hin. „Zum Donnerwetter noch einmal. Können sich denn diese Viecher nicht mal selbst versorgen? Immer diese beschwerliche Arbeit.“ Schließlich war er auch nicht mehr der Jüngste. Leicht schwankend erreichte er seine heimischen Gefilde und begab sich direkt zu dem von seinem Haus etwas abseits gelegenen Schuppen, spannte die beiden schon sehr gebrechlichen Gäule an und machte sich mit  seinem rostigen  Schlitten auf den Weg . Während der Fahrt saß er dick vermummt und fast regungslos auf dem Kutschbock, denn es war draußen bitterkalt. Sein Kopf hatte Schwierigkeiten, die Gedanken richtig zu sortieren. Die Kälte kroch langsam immer höher über seine geschwollenen Füße in die lange wollene Unterwäsche hinein und ließ in frösteln. Er fluchte leise vor sich hin und wäre am liebsten umgekehrt. Aber er hatte keine Wahl. Die Tiere hatten sicherlich alles bis auf den letzten Bissen aus den Futterkrippen gefressen und warteten bereits auf Nachschub. Rasende Kopfschmerzen peinigten ihn. Immer wieder versuchte er zu überlegen, ob er auch alles aufgeladen hatte. Er zählte auf: Unmengen von Kastanien, mehrere Säcke Eicheln, kistenweise Mais und Heu. Und zur Feier des Tages hatte er auch einige  Kerzen eingesteckt. Die Tiere sollten schließlich merken, dass heute ein besonderer Tag war. An einer Futterstelle hielt der Förster den Schlitten an. Hier war alles leer. Also legte er Heu hinein, streute darüber  Eicheln, Mais und Kastanien. Um die Futterkrippe herum  stellte er einige dicke Kerzen auf und zündete sie der Reihe nach an. So - nun konnten alle Tiere kommen.. Bald trabten auch schon die ersten Rehe, Hirsche, Hasen und Wildschweine heran. Aber sie trauten sich nicht so recht in seine Nähe. War es der Feuerschein der brennenden Kerzen, der ihnen Angst machte? Oder konnten sie mit ihren feinen Nasen seinen mit Alkohol gesättigten Atem nicht ertragen? Er wusste es nicht. Aber er ahnte es.  Nächstes Jahr, so murmelte er missmutig in seinen weißen Bart, wollte er wieder nüchtern seine Runden drehen. Mundgeruch macht eben auch einen Förster einsam.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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