Wolfgang Scholmanns

Erinnerung an Weihnachten

Es war zur Adventszeit. Ein Abendspaziergang würde noch gut tun. Violettrote Schleier wanderten im welken Mondlicht am Himmelzelt entlang und im fahlen Laternenschein warfen die an der Strasse stehenden Bäume mächtige Schatten auf den gefrorenen Schnee. Viele Fenster zeigten sich in buntem, weihnachlichten Schmuck und manchmal sah ich Kinder aus ihnen zum Himmel hinaufschauen. Vielleicht glaubten sie, irgendwann den Nikolaus mit seinem großen Schlitten und den vielen Geschenken zu entdecken. Ich musste schmunzeln, erinnerte ich mich doch an meine Kinderjahre. Genauso stand ich oft am Fenster, voller Erwartung, dort den mächtigen Schlitten mit den vorgespannten Rentieren zu erspähen.
Bei uns zu Hause ging diese vorweihnachtliche Zeit gemütlich vonstatten. Es war damals nicht alles so hektisch und gestresst, wie es heute oft der Fall ist. Ich half meiner Mutter immer beim Plätzchenbacken. Mmmh, wie das duftete. Abends saßen wir oft zusammen im Wohnzimmer, knackten Nüsse, sangen Weihnachtslieder und so manchesmal, gab es auch einen Bratapfel. Geheizt wurde zu dieser Zeit noch mit Kohle. Die Wärme dieser alten Kohleöfen war viel angenehmer als die von den heute üblichen Zentralheizungen.
Ich erinnere mich an ein Jahr, ich war zwölf oder dreizehn Jahre alt, da schlug mein Vater mir vor, mit ihm zusammen eine Krippe zu bauen. Ich war begeistert. So verbrachten wir einige Abende im Keller, sägten, hämmerten, leimten und schraubten, bis schließlich ein wirkliches Meisterwerk entstanden war. Traurig darüber, dass nun unsere Bastelabende, die mir doch so viel Freude bereitet hatten, beendet waren, hatte ich plötzlich eine Idee. Meine kleine Schwester, die zu Weihnachten von mir eine Puppe geschenkt bekommen sollte, würde sich doch bestimmt darüber freuen, wenn sie diese in einem kleinen Bettchen vorfinden würde. Als ich meinem Vater von dieser Idee erzählte, holte er aus der Schublade seines Schreibtisches eine Zeichnung hervor, die das Modell einer Puppenwiege darstellte. Er hatte also die gleiche Idee gehabt und sogar schon ein Modell zu Papier gebracht. Wieder verschwanden wir für einige Abende im Keller, bastelten und werkelten, bis wir am Ende ein wunderschönes Puppenbettchen vor uns stehen hatten. Meine Mutter war begeistert. „ Da wird sich die Kleine aber freuen. So ein großzügiges Christkind!“
Der heilige Abend kam und ich durfte am Morgen meinem Vater dabei helfen, den Christbaum zu schmücken.
Wunderschön sah er aus. Rote Kugeln, goldenes Lametta und goldene Glöckchen schmückten ihn. Meine Mutter meinte allerdings, dass wir das Wichtigste vergessen hätten, nämlich die Strohsterne, die sie mit mir gebastelt hatte. Ach ja, die hatte ich tatsächlich vergessen und dabei war es doch so spannend gewesen sie herzustellen. Die Strohhalme wurden in Wasser gelegt, dann vorsichtig mit einem Messer der Länge nach halbiert und zum Schluss mit einem heißen Bügeleisen glatt gebügelt. Mit einer Schere wurden unterschiedliche Längen geschnitten, die Ränder vorsichtig eingekerbt und die Halme sternförmig zusammengelegt. Dann kam das Schwierigste, nämlich, mit einem Zwirnsfaden diese Konstruktion zusammenzubinden. Meine Mutter war darin eine Künstlerin. Wie schnell und ordentlich ihr diese Bindetechnik doch von der Hand ging. Mir war diese Montage zu aufwendig und so beschloss ich die Halme, so wie ich es in der Schule gelernt hatte, mit einem Kleber zu verbinden
Kurze Zeit später zierten diese zarten Strohsternchen unseren Christbaum. Wir waren uns alle einig, dass diese Sternchen seinem Aussehen doch das gewisse Etwas gab.
An diesem Heiligen Abend setzte, so etwa nach den Mittagessen leichter Schneefall ein, der bis zum Morgen des ersten Weihnachtstages angehalten hatte.
Die Bescherung sollte um 1neunzehn Uhr sein, denn wie in jedem Jahr, besuchten wir vorher den Gottesdienst. Nur mein Vater blieb zu Hause. Er musste angeblich schon mal das Essen vorbereiten. Ich wusste natürlich, dass er die Geschenke unter den Baum legen und alles gemütlich herrichten würde. Meine kleine Schwester war ganz unruhig. Auch in der Kirche zappelte sie hin und her.
Endlich, der Gottesdienst war vorbei und voller Vorfreude auf die Bescherung stapften wir, durch den rieselnden Schnee. Im Haus duftete es nach Tannengrün und Wachskerzen. Wir Kinder setzten uns zur Mutter in die Küche. Den Weihnachtsbraten hatte unser Vater schon in die Backröhre geschoben und Mutter begoss ihn jetzt manchmal mit heißer Butter. „Damit er schön knusprig wird!“ lächelte sie.
Dann war es so weit. Das Bimmeln eines Glöckchens kündigte an, dass wir jetzt das Wohnzimmer betreten dürften.
Langsam und mit hochroten Köpfen, gingen wir hinein. Aus dem Lautsprecher unseres Radios klang leis das alte Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ und am Christbaum flackerte tänzelnd das Licht der Kerzen. Einige Wunderkerzen, die an den Ästen des Baumes hingen, warfen ihre feurigen Sterne kreisförmig in das Tannengrün und die neue Krippe, die mit Moos und Stroh ausgelegt war, leuchtete mit ihren schönen Figuren im Schein des Kerzenlichtes. Dann wuchs die Spannung, denn die Geschenke wurden ausgepackt und bestaunt. Meine Schwester war so voller Freude, dass sie mit ihrer Puppe, samt Bettchen, hin und her tanzte. Ich bekam einen Chemiekasten und einige Bücher, die ich mir gewünscht hatte. Natürlich hatten wir auch etwas für unsere Eltern. Mein Schwesterchen hatte für sie ein Bild gemalt und von mir bekam jeder von ihnen ein Buch.
Alle wünschten wir uns ein gesegnetes, frohes Weihnachtsfest, sangen zusammen ein Weihnachtslied und setzten uns danach an den Tisch. Vater las das Weihnachtsevangelium vor, dann wurde erst einmal gespeist. Es schmeckte wie immer köstlich und Mutter freute sich, dass alle mächtig zulangten.
Es war eine besinnlichere Zeit, damals. Alles war gemütlicher und die Menschen zufriedener. _______________________________

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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