Aylin

Das fremde Kind

Das fremde Kind

 

Heute ist der Geburtstag meines Enkels und ich würde nach fast einem Jahr endlich das Kind kennenlernen, das zu dem Mann gehört, der mit meiner Tochter zusammen ist. Der Morgen dümpelt grau und neblig verhangen, ich aber bin voller Vorfreude auf den Tag. Opa und Oma machen sich schick. Nicht wegen des fremden Kindes, sondern weil man sich zu wichtigen Anlässen bei uns schick macht. Und Enkelchen soll wissen, dass dieser Tag, sein sechster Geburtstag, ein wichtiger für uns ist. Ein Liedchen summend packe ich Hundefutter für Bertchen ein. Den Vormittag werden wir für uns haben mit den Kindern. Die anderen Gäste kommen schichtweise wegen Corona.

Wie jedes Jahr hat meine Tochter die Wohnung liebevoll geschmückt. Zum Geburtstag gibt es diesmal eine „Mario-Party“ und seölbst die ;Muffins tragen Mariofigürchen. Der Maik holt seinen Sohn Tim ab, der angeblich psychische Probleme haben soll und wahrscheinlich deshalb bisher von uns fern gehalten wurde. Das alles geht mir durch den Kopf, während Enkelchen seine Geschenke auspackt, juchzt, singt und mit dem Hund um das Papier rauft.

Irgendwann stehen die beiden im Flur und ich spreche das fremde Kind direkt an: Na, kleiner Mann. Wer bist denn du? Ich bin Tim, antwortet er und rennt ins Wohnzimmer. Gut erzogen ist er offensichtlich nicht. Maik sagt nichts dazu und ist angezogen wie immer. Ich komme jedoch nicht dazu, mir darüber Gedanken zu machen, denn aus dem Wohnzimmer tönt Geschrei. Der Hund, der Kinder liebt, hat Tim angesprungen und wurde weggestoßen. Hat man mir nicht erzählt, dass die selbst einen Hund hatten- sogar einen großen, einen Shepard?

Enkelchen tobt mit dem Mops auf der Couch und Tim steht ängstlich da. Ich warte ab. Maik erklärt seinem Sohn, mit ernster Miene. Zu ernst, wie ich finde. Derweil kommt Bertchen zurück, gibt Tim Küsschen auf die Hand und wird wieder zurückgestoßen. Ich nehme meinen Mops auf den Arm . Die Kinder beginnen zu rennen und der Hund, der es nicht anders kennt, will mitspielen. Zappelt und winselt. Soll ich den jetzt bei null Grad auf dem Balkon anbinden? frage ich unfreundlich. Niemand antwortet. Der Mops gehört zu uns, füge ich hinzu. Er ist ein Familienmitglied. Die Kinder kreischen, bewerfen sich mit Luftballons.

Vom Balkon aus, wo ich Bertchen mit hin genommen habe, um zu rauchen, sehe ich, wie Tim plötzlich gegen die mannshohe , aufgeblasenenMariofigur schlägt. Und trotz mehrmaliger Ermahnung seines Vaters nicht aufhört. Mein Mops schnüffelt an Töchterchens alten Geranien und bleibt bei mir. Ich sehe wie Maik Tim zu sich zitiert und mit dem Fünfjährigen mit ernster Miene redet. Zu ernst, wie ich finde. - Mein Gott, das sind Jungs und es ist Kindergeburtstag! Mit gesenktem Kopf steht der Kleine da. So, als hätte er wer weiß was verbrochen. Mitleid kriecht in mir hoch. Ich drücke meinen Mops und denke: Kein Wunder, dass der Junge einen Psychologen braucht.

Komm, Bertchen, flüstere ich meinem Mops zu, Wir versuchen das mal mit dem Jungen. Ich setze mich mit Kindern und Hund auf die Couch und sage: Schau, Tim, das ist ein kleiner Junge wie ihr beide. Wenn ihr wild seid, ist er es auch und wenn ihr ruhig seid, dann bleibt auch er ruhig. Enkelchen nickt bekräftigend, umarmt den Hund und sagt: Ja, Bertchen ist mein Bruder. Nun traut sich auch Tim, den Mops zu streicheln. Das Eis ist gebrochen. Bald schon t jagen die drei gemeinsam Luftballons. Es platzt und knallt, die Kinder lachen und Bertchen grunzt. Ein ganz normales Kind, denke ich.

 

Wir wollen Fußballkicker spielen, Maik und sein Sohn gegen Enkelchen und mich. Ich singe aus voller Kehle die Hymne vom 1. FC Köln. Ich habe mit Fußball gar nix am Hut, aber ich singe sie, weil die Kinder Spaß haben und weil es ein schönes Lied ist. Op Kölsch natürlisch. Mirko nimmt das Spiel sehr ernst. Mit Taktik trickst er uns aus, während wir singen und die Rollen drehen und sausen lassen wie die Wilden. Es fällt ihm gar nicht auf, dass sein Sohn nicht mehr mitspielt, so versessen ist er aufs Gewinnen. Ich finde das nur lächerlich. Es ist ein Spiel . Ein Spiel mit den Kindern und für die Kinder! Ich sage scherzhaft: Sing doch mit! Doch er antwortet bierernst: Ich werde doch als Gladbacher nicht die Hymne von Köln singen…Tim kriecht beim nächsten väterlichen Tor auf meinen Schoß um mich zu trösten. Was ich seltsam finde von einem fremden Kind. Ich sage: Ist nicht schlimm, Tim. Es ist nur ein Spiel. Mehr nicht. Der Mops liegt auf der Couch und schaut interessiert zu. Ja, wenn man vorher den Mund so voll nimmt, triumphiert Maik. Ich ziehe eine Augenbraue hoch und schweige. Enkelchen sieht mich fragend an und ich spotte augenzwinkernd Das letzte Tor schenken wir ihm, wir sind heute großzügig.

 

Tim nimmt sich eine Zierfigur der Muffins, brüllt: Die ist böse. Die schlägt andere immer auf die Wange. Ich lache: Quatsch, Jung. Die ist aus Zuckerguss u d beiße einfach hinein. Tim lacht auch und hängt sich an meinen Arm. Mein Mann schaut mich an und ist überrascht, dass ich mich nicht weiter äußere. Doch es ist Kindergeburtstag und nicht der Zeitpunkt für Diskussionen. Vielleicht ist ja auch der katholische Kindergarten schuld, denke ich. Der Hund springt von der Couch und folgt mir auf den Balkon. Im Weggehen wende ich mich Maik zu und sage: Gladbach ist Düsseldorf, Düsseldorf ist Leverkusen und Leverkusen ist Scheiße.“ Mein Mann lächelt. Jaja, Kön und Düsseldorf, brummt Maik.

Die Kinder balgen und kreischen und wieder ruft er seinen Sohn zur Ordnung. Streng, ernst. Zum dritten Mal in zwei Stunden bei vierzehntägigem Besuchsrecht, Und dieser Mann soll zukünftig Vaterstelle an unserem selbstbewussten und gut erzogenen Enkel vertreten? Sein Hund ist bissig und gehorcht nicht. Was mich nicht verwundert. Mein Hund ist lieb, hat noch nie ein böses Wort von mir gehört und gehorcht auf Augenkontakt.

Als wir gehen, gehen wir zwiespältig , mit gemischten Gefühlen. In einen grauen und Nebel verhangenen Tag. Und mein Hund springt frei laufend in der patschnassen und lehmigen Wiese, als wäre er verrückt geworden.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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