Heinz-Walter Hoetter

Drei Kurzgeschichten

1. Walter Forresters Sehnsucht nach Freiheit
2. Unheimlicher Besuch bei Lisa
3. Es waren einmal zwei Freunde, weit, weit vor unserer Zeit





1. Walter Forresters Sehnsucht nach Freiheit


 

Walter Forrester stand auf dem breiten Geländer einer abseits gelegenen Steinbrücke, die irgendwo tief in den Bergen über eine kleine Schlucht führte. Seine klobigen Wanderschuhe ragten schon ein kleines Stück über den schwindelerregenden Abgrund, der weit unten in einem rauschenden Gebirgsbach endete.

 

Das Wetter war einfach herrlich, und seit den frühen Morgenstunden war Forrester zu Fuß unterwegs gewesen. Eigentlich hätte er völlig außer Atem und am Ende seiner Kräfte sein müssen, aber offenbar war seine körperliche Belastbarkeit wohl besser, als er gedacht hatte. Das überraschte ihn selbst ein wenig, wo er doch nicht mehr der Jüngste war und bald sechzig Jahre alt wurde.

 

Doch jetzt befand er sich weit droben in den Bergen, hier an diesem weit abgelegenen einsamen Ort, den er schon als junger Mann auf seinen vielen Bergwanderungen so oft aufgesucht hatte. Walter Forrester liebte die Abgeschiedenheit und Ruhe dieses wunderbaren Fleckchens Erde, das ihm jedes Mal aufs Neue wie ein Stück aus dem Paradies vorkam.

 

Sein verträumter Blick in die weite Gebirgslandschaft zu seinen Füßen beanspruchte jetzt all seine Sinne. Am fast wolkenlosen Himmel begann sich soeben die Sonne am fernen Horizont zu verabschieden, die mit ihren majestätisch leuchtenden Farben, einer Mischung aus rot und dunkelgelb, den Eindruck machte, als würde sie auf geheimnisvolle Art und Weise im Erdboden verschwinden und nicht wieder daraus auftauchen.

 

Noch nie hatte Walter Forrester so einen wunderschönen Sonnenuntergang erlebt. Weit unter seinen Füßen, etwas weiter rechts von ihm, befand sich ein ausgedehnter türkisfarbener Bergsee, auf dessen Wasseroberfläche jetzt die reflektierenden Farben der Abendsonne sanft wie das bunte Licht eines funkelnden Diamanten schimmerte. Nur Mutter Natur vermag diesen Zauber vollendeter Schönheit hervorzubringen, dachte er.

 

Sein Blick richtete sich die ganze Zeit nur auf dieses fesselnde Schauspiel. Er hielt eine Weile inne, schloss seine Augen und atmete das packende Gefühl der Wahrheit und des Einsseins mit der Natur tief in sich ein. Wie lange hatte er auf dieses Ereignis warten müssen, und jetzt, da es sich endlich ereignete, war es noch schöner und gewaltiger als er es sich je in seinen Träumen hätte vorstellen können.

 

Langsam, fast wie in Zeitlupe, beugte sich Forrester noch ein kleines Stück nach vorne und blickte hinunter in den Abgrund. Die imposanten Felswände zu beiden Seiten der Schlucht waren steil und glatt, ohne jeglichem Vorsprung und sahen aus, wie ein Schnitt durch einen Kuchen.

 

Ohne Mühe konnte er direkt unter sich den wilden Gebirgsbach sehen, der quirlig durch sein zerklüftetes Felsenbett dahin rauschte.

 

Dann, nach einer Weile, sah er wieder auf. Er wusste auf einmal nicht mehr, wie lange er schon hier auf der abgelegenen Steinbrücke stand, denn dieses überwältigende Gefühl von unendlicher Weite und absoluter Freiheit hatte ihm jegliche Zeitvorstellung geraubt. Waren es Sekunden nur, gar Stunden, Tage oder vielleicht sogar Jahre gewesen? Forrester wusste es selbst nicht. Er wusste nur eins, dass das, was er hier im farbenprächtigen Lichte der untergehenden Sonne sah, sein eigenes, wahres selbstgefühltes Leben war, ganz und gar ungetrübt von anderen, meist störenden Einflüssen, die das tagtägliche Leben unter den Menschen so mit sich brachte.

 

Eine Träne der überschäumenden Freude und tiefen Erfüllung rollte auf einmal sanft über seine Wange. Endlich fühlte er sich frei. Er schrie es förmlich aus sich heraus:

 

FREIHEIT!

 

Dann blickte er zum Horizont, wo die Sonne langsam unterging.

 

Walter Forrester hatte eigentlich nie daran geglaubt, dieses erhabene Gefühl fern ab jeden Zwanges jemals zu erlangen, doch jetzt war es da, und er genoss es in jeder Sekunde seines Daseins.

 

In aller Stille kamen die Erinnerungen.

 

Wie viele Jahre seines Lebens hatte man ihn eingesperrt und behandelt wie ein Stück Vieh? Sein Geist und seine Seele litten unmenschliche Qualen. Er musste Dinge tun, die er nie von selbst getan hätte, und die er aus tiefstem Herzen verabscheute. Doch er tat, was man ihm auftrug, jeden Tag immer wieder und immer wieder aufs Neue. Es war die krank machende Ungewissheit und die stetige Angst vor den unüberblickbaren Veränderungen des eigenen Lebens, die ihn dazu trieben, bis er in den Zwängen einer anonymen Masse gefangen war, die alsbald Maßstab für ihn wurde. Doch blieb er stets auf der Suche nach seiner eigenen Identität.

 

Aber die systemkranken, die Freiheit zerstörenden Zivilisationen, mit ihren perfide arbeitenden Organisationen, die sich fein ausgeklügelter subtil brutaler Zwänge bedienten, die jedes menschliche Wesen auf Dauer an Körper, Geist und Seele pervertieren ließen, hielten ihn wie in einem Schraubstock gefangen.


Er wollte diesem schier unausweichlichen Moloch entfliehen, nicht einfach namenlos wie ein Nichts darin untergehen und verschwinden. Das hatte er sich innerlich geschworen. Wie oft wünschte er sich deshalb schon den Tod? Die schnelle Erlösung aus den Qualen eines sich immer mehr abstumpfenden Daseins, das in einem nie endenden Kreislauf aus ungeliebter Pflichterfüllung, Geld, Reichtum, Sex und jeder möglichen Art von Konsum zu versinken drohte, aber weder Erfüllung, Liebe oder Freude in ihm aufkommen ließ.

 

Doch der Gedanke an die Freiheit, die immerwährende Hoffnung und der innere Drang, einmal dieses wundervolle Gefühl der Erfüllung des eigentlichen Seins auskosten zu können, hielten ihn am Leben. Dieses tief in ihm verborgene Gefühl wuchs von Tag zu Tag und verlieh ihm Stärke all die Schmerzen und Zwänge zu ertragen, die man für ihn bereit hielt. Schon immer war ihm danach, diese Ketten zu zersprengen, die ihn ohne Gnade fesselten. Hier an diesem Ort auf der steinernen Brücke wollte er ein für allemal mit den widerlich anmutenden Zwängen abrechnen, die ihn wie bösartige Verfolger unablässig durch sein gesamtes Leben nachstellten, um jedwedes Gefühl von Lebensglück in ihm schon im Keime zu ersticken.

 

Ein Anflug von Zweifel erfasste Forrester. In der Vergangenheit hatten seine Verfolger noch nie verloren und warum sollte es hier und jetzt plötzlich anders sein? Nein, die Chancen standen im Prinzip schlecht für ihn. Doch heute war ihm das alles egal. Nun, wo er so kurz davor stand, die Freiheit für immer gewinnen zu können, wollte er nicht aufgeben und eisern durchhalten.

 

Jetzt stand er hier, ganz ohne Angst. Was zählten da noch die schmerzhaften Erinnerungen an die Vergangenheit? Er fühlte sein Herz wild pochen und wie es nach Leben schrie. Aber das Gefühl von unendlicher Freiheit wuchs in ihm von Sekunde zu Sekunde.

 

Sein Blick hatte sich für einen kleinen Augenblick von der untergehenden Sonne gelöst. Wieder rann ein Träne über sein Gesicht.

 

Er breitete seine Arme aus und ging ganz langsam einen Schritt nach vorne, sodass sein rechter Fuß ins Leere trat, als wollte er eine unsichtbare Treppe hinaufsteigen.

 

Dann bewegte Walter Forrester seine Arme auf und ab, als wären es Schwingen eines engelgleichen Wesens, die so zerbrechlich wirkten, als wären sie aus feinstem Kristallglas.

 

Hinter ihm wurden seine Verfolger in der Ferne sichtbar, die sich schnell näherten. Sie mussten sich ihrer Sache wohl ganz sicher sein, denn der Lärm, den sie verbreiteten, war unerträglich. Doch Forrester hörte sie nicht mehr.

 

Die Meute kam näher und näher, und der Abstand zu ihm war schon auf ein bedrohliches Minimum geschrumpft. Bald hätten ihn die Zwänge wieder. Sie griffen schon nach ihm.

 

Walter Forrester tat entschlossen den letzten Schritt und schwang seine Arme wie im Flügelschlag langsam rauf und runter. Er war bereit dazu, alles hinter sich zu lassen. Er sah die untergehende Sonne, die schönen Berge und den quirlig rauschenden Gebirgsbach unter sich in der tiefen Schlucht nicht mehr, als er langsam nach vorne kippte.

 

Jetzt gab es kein Zurück mehr.

 

Immer weiter fiel er nach vorne, bis er sich von der Steinbrücke ganz gelöst hatte. Sein Körper stürzte in die Schlucht, doch etwas löste sich plötzlich vom fallenden Forrester und flog so sanft und majestätisch wie ein Engel davon.

 

Seine Verfolger kamen zu spät.

 

Endlich grenzenlos frei.

 

Das Ziel seiner Lebensreise war erreicht.

 

FREIHEIT!

 

 

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

***

 


 

2. Unheimlicher Besuch bei Lisa


 


 

Es war Sonntagnacht. Draußen regnete es in Strömen.

Die 16-jährige Lisa lag mit einer leichten Grippe auf dem Sofa und schaute fern. Ihre Eltern waren ausgegangen und würden erst gegen Mitternacht wieder zurück sein. Im Fernseher lief gerade ein Nightmare-Film mit Freddy Krueger, dem abscheulichen Serienmörder mit den rasiermesserscharfen Klingen an der rechten Hand, der in den Albträumen der Kinder und Jugendlichen zum Leben erwacht.

Plötzlich klingelte das Telefon.

Lisa schlug die warme Wolldecke zurück, stand auf und schlurfte missmutig in den Gang, wo das Telefon stand. Dann nahm sie den Hörer ab.

Gerade wollte sie fragen, wer da ist, da sagte eine sonore Männerstimme auch schon: „Freddy Krueger kommt gleich zu dir. Ich stehe noch fünfzehn Meter von deinem Haus entfernt!“ Erschrocken legte Lisa den Hörer sofort wieder auf.

Irgend so ein Volltrottel will mir Angst einjagen und erlaubt sich mit mir einen bösen Scherz, dachte sie verärgert, ging zurück ins Wohnzimmer und machte es sich wieder auf dem Sofa bequem.

Nach einer Weile klingelte das Telefon abermals. Ein leichtes Angstgefühl stieg jetzt in Lisa hoch, denn ein gruseliger Horrorfilm mit Freddy Krueger lief gerade im Fernsehen, den sie sich soeben anschaute.

Was für ein komischer Zufall, dachte sie. Der unbekannte Anrufer nannte sich genauso wie der Hauptdarsteller im Film.

Wieder erhob sie sich vom Sofa und ging rüber in den Gang zum Telefon. Kaum hatte sie den Hörer abgenommen, sprach auch schon die gleiche, sonore Männerstimme zu ihr: „Freddy Krueger kommt gleich zu dir. Ich stehe nur noch wenige Meter von deinem Haus entfernt!“

Diesmal zuckte Lisa unwillkürlich zusammen. Mit zitternden Händen legte sie den Hörer auf und rannte zurück ins Wohnzimmer. Nachdem sie das Licht ausgeknipst hatte, ging sie sofort ans Fenster, schob vorsichtig den schweren Vorhang etwas zur Seite und starrte angestrengt hinaus in die dunkle Regennacht. Ihr ängstlicher Blick wanderte runter zur Straße, wo der Gehweg und das schmiedeeiserne Eingangstor des Reihenhauses ihrer Eltern vom Licht einer Bogenlaterne nur trübe beleuchtet wurde. In ihrem schwachen Lichtkegel stand allerdings ein Mann, der mit einem langen Mantel und einem Schlapphut auf dem Kopf bekleidet war. Er schien das Haus zu beobachten.

Lisa prallte entsetzt vom Fenster zurück. Ihr Herz rutschte vor lauter Angst in die Hose. Sie musste sich mit aller Kraft zusammenreißen, um nicht in Panik zu geraten. Sie rührte sich außerdem nicht von der Stelle.

Da!

Plötzlich klingelte es unten an der Haustür. Kurz danach ein zweites und drittes Mal.

Lisas Knie wurden weich. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Trotz aller Furcht tastete sie sich in der Dunkelheit des Zimmers langsam zum Telefon vor, um die Polizei anzurufen.

Schon wollte sie den Hörer abnehmen, als jemand offenbar mit geballter Faust heftig gegen die hölzerne Haustür schlug. Gleichzeitig rief eine laute Stimme: „Verdammt noch mal Lisa. Mach’ endlich die Tür auf! Ich bin es, dein Bruder Tom. Oder willst du mich hier draußen im Regen noch länger stehen lassen?“

„Gott sei Dank! Es ist ja nur mein Bruder. Das ist typisch für ihn. Immer muss er diese verdammten Scherze mit mir machen. Dem werde ich’s aber gleich geben. Der kann was von mir hören...“, murmelte Lisa mit zischender Stimme vor sich hin.

Gleich darauf rannte das 16-jährige Mädchen ziemlich erleichtert runter zur Haustür und öffnete sie hastig. Als die Tür weit offen stand, erstarrte Lisa vor Schreck. Sie wollte schreien, brachte aber keinen Ton raus.

Vor ihr stand ein Mann mit einem hässlich vernarbten Gesicht. An der rechten Hand trug er lange scharfe Klingen an jedem einzelnen Finger. Sein bis zu den Knöcheln hängender schwarzer Mantel war nicht zugeknöpft und den Schlapphut hatte er tief in seine Stirn gezogen. Der schmale Mund verzog sich plötzlich zu einem bösartigen Grinsen.

Dann sagte er mit sonorer Stimme:
Ich heiße nicht Tom. Ich habe nur seine Stimme nachgeahmt. Mein Name ist Freddy Krueger.“


 

(c) Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

***


 


 

3. Es waren einmal zwei Freunde,

weit, weit vor unserer Zeit


 


 

Hagohn Shan stand mit heruntergeklapptem Visier vor einer Ebene, die sich bis zum Horizont ausdehnte. Überall nur Sand, Steine und in der gnadenlosen Hitze verdorrte, grauweiße Gräser, die wie tot aussahen. Und was niemand mit bloßem Augen sehen konnte, dass dieses unwirtliche Land schon viel Blut getrunken hatte und noch immer danach durstig war.

An einer Wasserstelle am Rande der Wüste hatte ein Soldatenheer halt gemacht, um die Wasservorräte neu zu füllen. Die meisten der schwer bewaffneten Männer schwiegen, denn sie wussten, das Ziel war erreicht.

„Bald ist es soweit“, sagte eine monoton klingende Stimme, die von Thim Rovah kam, der auf einer riesigen Kampflibelle ritt, die sich unruhig unter ihm hin und her bewegte, als witterte sie das versickerte Blut vergangener Schlachten in dem kargen, ausgetrockneten Boden.

„Ja, mein Freund“, erwiderte Hagohn Shan und riss an den Zügeln seiner Gottesanbeterin, um sie still zu halten. Ihr schlanker Körper bewegte sich langsam nach vorne und dann ebenso langsam wieder zurück. Das gewaltige Insekt vermittelte ihm ein Gefühl von Kraft, Macht und Siegesgewissheit. Sein metallener Körperpanzer spiegelte das grelle Licht der blau weißen Sonne am Himmel. Die Hitze unter der Sicherheitsgarnitur war fast unerträglich geworden, und doch ertrugen alle Soldaten diese Unannehmlichkeiten mit stoischer Gelassenheit. Sie waren derartige Strapazen gewohnt.

Hagohn Shan zwinkerte mit den Augen. Am nahen Horizont waren einige hohe Berge zu erkennen, wo eine feindliche Armee auf sie wartete, wie die Späher berichtet hatten.

„Ja, es ist soweit, Thim“, sagte er mit leiser, fast unhörbarer Stimme und beobachtete mit steinerner Miene die Soldaten in seiner unmittelbaren Nähe.

Thim Rovah bemerkte das ausdruckslose Gesicht des jungen Kampfgefährten und lenkte seine Libelle in die unmittelbare Nähe der Gottesanbeterin von Hagohn Shan.

„Stimmt was nicht?“ fragte er besorgt.

„Eigentlich ist es sinnlos“, sagte Hagohn Shan. „Einfach sinnlos“, fügte er sinnierend hinzu.

„Was meinst du mit ‚sinnlos’, Hagohn?“ wobei sich Thim Rovah rasch nach allen Seiten umsah, denn die anderen Soldaten sollten von ihrem Wortwechsel nichts mitbekommen.

„Der Kampf ist ein sinnloser, mein Freund. Eigentlich ist jeder Kampf sinnlos. So viele gute Männer sind gestorben und das Töten nimmt einfach kein Ende. Wie lange soll das noch so weitergehen?“

Thim Rovah nahm jetzt seinen Helm ab und strich sich hastig über das Sonnen gebleichte Haar. Er lenkte die unruhige Streitlibelle noch näher an seinen Kampfgefährten heran, sodass sich ihre beiden Monsterinsekten fast berührten. Seine pechschwarzen Augen reflektierten auf seltsame Weise das gleißend helle Höllenlicht der Wüstensonne.

„Bedenke bei all der Skepsis, die du hast mein Freund, dass ein Soldat nur in der Schlacht zu sich selbst findet. Dann vergisst er alles um sich herum und denkt nicht an seinen eigenen Tod. Ich weiß, du hast bisher nur wenige Schlachten miterlebt. Außerdem bist du noch sehr jung. Es ist das Vorrecht der Jugend, zweifelnde Fragen zu stellen. Doch du musst auch verstehen, dass man hier und jetzt nicht darüber sprechen sollte. Ich bin dein bester Freund. Zu mir kannst du wie zu deinem eigenen Vater reden. Doch hüte dich davor, dass die anderen Soldaten etwas davon mitbekommen. Es gibt überall neugierige Ohren. Mit deinen Worten untergräbst du die Kampfmoral. Das ist nicht gut, wenn wir siegen wollen. – Hast du es bedauert, ein Soldat zu sein, Hagohn?“

„Nein, natürlich nicht“, antwortete ihm dieser kurz angebunden . „Wir werden von Kindheit an dazu erzogen, soldatisch zu denken und danach auch so zu leben. Die Furcht vor dem Tod sollte uns eigentlich fremd sein.“

„Ich weiß, du bist in Ordnung..., Hagohn. Deine Zweifel werden vom Verstand und deinen bisher gewonnenen Erkenntnissen genährt. Doch ich bin mir sicher, dass die Unruhe deines jungen Herzens sich im Laufe der Zeit legen wird. Glaub’ mir, mein Freund, bei mir war es genauso.“

„Wenn ich die Schlacht überlebe...“, gab Hagohn Shan mit kaum wahrnehmbarer Stimme nachdenklich zur Antwort. Es war schon fast ein Flüstern und die flimmernde Hitze der heißen Sonne über ihnen verbrannten seine skeptischen Worte, die sich ungehört im Nichts aufzulösen schienen.

Trotzdem sprach er leise weiter.

„Weist du Thim, es gibt noch so viel, was ich nicht gesehen habe und gerne sehen möchte. Ich weiß so wenig und möchte doch soviel wissen.“

Thim Rovah schaute seinen Kampfgefährten eine Zeit lang forschend an.

Dann sagte er: „Seltsame Gedanken beschäftigen dich, Hagohn. Auch mir erging es so wie dir. Der Tod sollte uns eigentlich keine Angst machen. Wir werden uns gegenseitig im Kampf beschützen. Gerate ich in Gefahr, dann rettest du mich, und umgekehrt wird es genauso sein. Wir sind Freunde..., bis in alle Ewigkeit. Denk immer daran, Hagohn!“

In diesem Augenblick hallten plötzlich die Fanfaren der eigenen Sängersoldaten über die weite Ebene der Wüste und unterbrachen Thim Rovahs Rede. Der Körper seiner Großlibelle, die er respektvoll liebte, bebte auf einmal vor Erregung. Das riesenhafte Fluginsekt spürte offenbar die nahende Schlacht. Aber heute war sie besonders unruhig. Vielleicht ein schlechtes Omen, dachte Thim. Er wusste andererseits, dass die hellen Töne der eigenen Fanfaren von den gegnerischen Kriegsherren ebenfalls vernommen würden. Tatsächlich dauerte es nicht lange, und aus der endlosen Ferne klang das verzerrte Echo der Fanfaren des Feindes.

Ihre Gegner zeigten damit, dass sie ebenfalls zum Kampf bereit waren.

Alle Offiziere in der Truppe streckten fast gleichzeitig, wie auf ein geheimes Kommando hin, den rechten Arm in die Luft und das wartende Soldatenheer setzte sich augenblicklich in Bewegung.

Hagohn Shan berührte einen bestimmten Nervenpunkt seiner Gottesanbeterin. Gleiches tat Thim Rovah mit seiner Kampflibelle. Fast zeitgleich setzten sich die beiden Rieseninsekten in Bewegung und glitten mit ihren schlanken Körpern lautlos über den glutheißen Sand der Wüstenebene hinweg.

Hagohn blickte hinüber zu Thim, der mittlerweile seinen Helm wieder aufgesetzt hatte. Während er seinen Freund beobachtete, der stolz auf seiner riesigen Kampflibelle furchtlos dem Feind entgegen ritt, erinnerte sich Shan an die furchtbaren Bilder des letzten Kampfes.

Ein Schlachtfeld tauchte vor seinem geistigen Auge auf. Der süßliche Geruch von Blut lag in der Luft. Haghon blickte immer und immer wieder in die weit aufgerissenen Augen seiner sterbenden Feinde. Gleichzeitig verspürte er einen Schatten von Nervosität, und er dachte mit Schaudern daran, dass seinem Körper das gleiche Unheil geschehen könnte.

Aber er wusste auch, wenn das gegenseitige Abschlachten erst einmal begonnen hatte, dass er dabei jedes Mal das seltsame Vergnügen empfand, sein eigenes Leben intensiver wahrzunehmen. Es war ein grandioses Gefühl der Lebendigkeit, wenn seine vor Blut triefenden Gegner zuckend und röchelnd zu seinen Füßen dahin starben, wie erlegtes Wild.

Von irgendwoher setzte plötzlich eine laute Stimme ein. Ein hoher Offizier schrie ein paar Kommandos. Die Soldaten blieben ruckartig stehen und lauschten hingebungsvoll der Rede ihres obersten Heerführers.

„Soldaten! Hört mich an! Endlich ist es soweit. Die Schlacht beginnt. Der Feind erwartet uns. Er ist ein Gegner, der eurer Blut kosten will und vor nichts zurückschreckt, und der mit euch keine Gnade kennt. Er hat unser Land überfallen, unsere Ernte vernichtet und dabei unsere Väter, Frauen und Kinder ermordet. Wir werden ihm eine vernichtende Niederlage bereiten. Kämpft Soldaten! Kämpft wie nie in eurem Leben! Werdet zu Helden! Möge der Sieg unser sein!“

Ein donnerndes Jubelgeschrei brach unter den Soldaten aus, sodass die Erde unter ihren Füßen erbebte.

Die Fanfaren erschallten während dessen ohne Unterlass, diesmal nur viel lauter als beim ersten Mal.

Das gewaltige Soldatenheer stampfte und kroch jetzt wieder unaufhaltsam weiter, flankiert von unzähligen riesenhaften Kampfinsekten, überwiegend Streitlibellen mit großen Facettenaugen, auf denen die Elitekämpfer der Armee saßen, die ihre Großinsekten ehrfürchtig liebten. Sie waren eins mit ihnen, von Kindheit an.

Der dumpfe Klang zahlloser Trommeln ertönte, und die marschierenden Soldaten der Infanterie sangen lautstark im Takt dazu.

Das Gebrüll unzähliger Stimmen der Gegners schallte gleichzeitig als furcherregende Antwort zurück.

Die beiden Heere kamen sich näher und näher. Die unvermeidliche Schlacht nahm ihren Anfang. Sie konnte beginnen.

***

Hagohn Shan hielt sich mit seiner riesigen Fangschrecke dicht an der Seite seines Intimfreundes Thim Rovah, dessen Monsterlibelle erwartungsvoll zirpte. Beide Kämpfer hatten die gefährlichen Strahlenkanonen und Raketenwerfer an ihren Rieseninsekten entsichert und hielten sie in Richtung des Feindes.

Die einzelnen Kampfgruppenleiter gaben jetzt ein unüberhörbares akustisches Signal. Sofort schwenkte Thim Rovah nach rechts weg, und mit ihm die gesamte Kampfgruppe, zu der auch Hagohn Shan gehörte.

Das gewaltige Heer löste sich schlagartig in weit über einhundert kleinere Einheiten auf, die alle unabhängig voneinander operieren konnten. Gleiches taten die Führer der Kampfinsekten.

Kurz darauf wurde eine unüberschaubare dunkle Masse von Leibern am Horizont sichtbar. Die gegnerischen Soldaten hatten sich ebenfalls zum Angriff formiert.

Dumpfes Grollen ertönte aus der Ferne. Feindliche Kampfflugzeuge und insektenartig aussehende Kampfhubschrauber rasten als silbern glänzende Punkte heran und schossen aus allen Rohren. Selbstsuchende Raketen, die ihr Ziel verfehlt hatten, explodierten entweder in der Atmosphäre oder auf dem heißen Wüstenboden des Planeten.

Thim Rovah hatte die Riesenlibelle kurz nach dem Angriffsbefehl in einem steilen Bogen nach oben in die Luft erhoben und sich dabei für einen Augenblick ablenken lassen. Ein Schatten über ihn senkte sich zu ihm herab und die automatische Kanone eines Kampfhubschraubers fing an zu feuern. Aus einem Reflex heraus riss er seine gepanzerte Kampflibelle scharf zur Seite, schwirrte in einem weiten Bogen an dem Hubschrauber seitlich vorbei, positionierte sein Rieseninsekt aus der Drehung heraus in eine rückwärtige Schussposition und feuerte noch im gleichen Moment eine lasergesteuerte Rakete ab, die im Heck des feindlichen Flugapparates krachend detonierte.

Volltreffer!

Der schwerbewaffnete Kampfhubschrauber explodierte augenblicklich in einem rötlich gelben Feuerball und stürzte Sekunden später wie ein Stein ins Bodenlose. Beim Aufschlag des brennenden Wracks auf den sandigen Wüstenboden ging auch der Rest der Munition in die Luft und hinterließ einen tiefen Krater. Zurück blieb eine pechschwarze Rauchsäule, die, genährt vom austretenden Resttreibstoff, unablässig aus dem verbrannten Metallskelett quoll und weithin sichtbar war.

„Gut gemacht!“ rief Hagohn Sha von oben begeistert, der sicherheitshalber mit seiner Gottesanbeterin seinem Intimfreund Thim Rovah zu Hilfe kommen wollte.

„Wie wäre es damit, wenn du dir mal selbst einen dieser knatternden Flugapparate vornehmen würdest“, rief Thim Rovah seinem Kampfgefährten mit lauter Stimme zu und deute dabei auf einen unter ihnen fliegenden feindlichen Kampfhubschrauber, der gerade im Begriff war, Soldaten ihrer eigenen Bodentruppe anzugreifen.

„Bin schon dabei, mein Freund. Bin schon dabei. – Bis dann!“

Hagohn Shan drückte seine monströs aussehende Fangschrecke mit dem kleinen Dreieckskopf nach unten und stieß von oben auf den schießenden Hubschrauber zu. Die erste Salve seiner Laserkanone ging daneben, dafür traf die gleichzeitig abgefeuerte Luft-Luft-Rakete den flugstabilisierenden Heckrotor, der sofort auseinanderbrach und den Kampfhubschrauber in eine gefährliche Selbstdrehung versetzte, sodass der Pilot dazu gezwungen war, schnellsten eine Notlandung durchzuführen. Trudelnd verlor der angeschlagene Hubschrauber immer schneller an Höhe und schlug nur weinige Augenblicke später gegen eine steile Felsenwand. Von dort rutschte er brennend in eine kleine Schlucht, sodass Hagohn Shan nur noch den aufsteigenden Rauch sehen konnte.

„Du kannst es ja auch!“ rief Thim Rovah zurück und flog mit seinem blaugelben Geschöpf davon, schraubte sich in die Höhe und gab seiner Streitlibelle schließlich den Befehl, die Schwingen anzulegen, da er direkt unter sich einen Sandsturm entdeckt hatte, der ein ideales Versteck dafür war, um seine Feinde überfallartig von dort aus unbemerkt angreifen zu können.

Sofort fiel das riesige Fluginsekt steil in die Tiefe

Hagohn Shan mit seiner Gottesanbeterin hatte wohl das gleiche Manöver im Sinn und flog ebenfalls in den Sandsturm hinein.

Thim Rovah überlies die Orientierung seiner Riesenlibelle. Das Großinsekt schwirrte hin und her und schien sich selbst in dieser verschwommenen, milchigfarbenen Dunkelheit im Innern des Sandsturmes gut auszukennen.

Die Libelle zirpte ängstlich, als Thim Rovah sie mit einer Nervenknospenberührung noch weiter in die Tiefe zwang.

„Schneller, schneller! Unter mir müssen sich die feindlichen Truppen befinden. Wir werden sie überraschen und einen direkten Raketenangriff starten“, rief Thim Rovah seinem Kampfgefährten zu, den er dicht hinter sich vermutete.

Nur unbewusst bemerkte er, wie ein einzelner feindlicher Raketenwerfer auf ihn und seine Kampflibelle verfolgend zielte und eine wütende Salve von radargesteuerten Raketen in den Sandsturm abfeuerte.

Die meisten Flugkörper verfehlten zwar ihr Ziel, weil Thim Rovahs Rieseninsekt jedes Mal gewandt ausweichen konnte, doch eines der schnellen Geschosse durchschlug das filigrane rechte Flügelpaar der Libelle, die daraufhin unkontrolliert abstürzte und laut zirpend gegen eine schräge Felswand prallte.

Die Streitlibelle rutsche mit schrillem Schrei über Sand und Steine und blieb am Fuße der Felswand schließlich bewegungslos liegen. Thim Rovah löste hastig den Sicherheitsgurt, sprang mit letzter Kraft aus dem Sattel und brachte sich schwer verletzt mit schwankenden Schritten hinter einem kleinen Felsen in Sicherheit.

Kurz darauf erschütterte eine gewaltige Detonation die umliegende Umgebung. Die Restmunition der Kampflibelle war explodiert und hatte ihren schlanken Körper in zwei Teile zerfetzt. Noch einmal bäumte sie sich schüttelnd im Todeskampf auf und starb zuckend neben ihrem regungslos da liegenden Reiter.

Als Hagohn Shan später seinen bewusstlosen Kampfgefährten mit verschrammten und total zerbeulten Körperpanzer im heißen Wüstensand fand, hatte sich der Sandsturm schon längst wieder gelegt. Das Visier des Helmes seine Freundes klemmte. Mit beiden Händen zerrte er an den Scharnieren. Knarrend ließ sich das Visier schließlich öffnen.

Thim Rovah bewegte die angeschwollenen Lippen und flüsterte einige unverständliche Worte, die Hagohn Shan zuerst nicht verstand. Er hielt sein rechtes Ohr näher an den Mund seines alten Freundes.

„Das Ende des Kampfes ist die Zeit der Ruhe und des Friedens für jeden Soldaten. Diese Zeit ist für mich und meine Kampflibelle jetzt gekommen, die einst wie aus dem Nichts zu mir kam und viele Schlachten mit mir gewann. Du hast bisher Glück gehabt, Hagohn, und vielleicht hast du ja in gewisser Hinsicht Recht damit, das jeder Kampf sinnlos ist, wenn das Töten einfach kein Ende mehr nehmen möchte. Glaubst du, dass Frieden zwischen uns und unseren Feinden jemals möglich sein wird, wo doch Krieg, Gewalt und Terror ein Teil unserer wesenhaften Natur ist, Hagohn?“

Hagohn Shan wollte antworten. Aber im gleichen Moment starb sein Kampfgefährte Thim Rovah. Er und seine Streitlibelle waren tot. Sie hatten den Sieg über ihren gemeinsamen Feind nicht mehr miterleben dürfen. Das Blut seines leblosen Freundes rann über seine Hände und versickerte langsam im heißen Wüstensand.

„Es tut mir leid, mein Kamerad. Ich bin zu spät gekommen. Ich konnte dich nicht retten. Leb’ wohl Thim! Wir werden uns im Land der Ahnen wiedersehen. Auch für mich wird eines Tages die letzte Stunde schlagen. Bis dahin werde ich in Gedanken immer bei dir sein. Wir hatten zusammen eine schöne Zeit. Unsere Freundschaft wird nie vergehen...“, flüsterte Hagohn Shan mit leiser, halb erstickter Stimme und ließ jetzt seinen Tränen freien Lauf.

 

©Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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