Ramon Kania

Die letzten Tage

Wir wandeln durch die Asche einer verlassenen Welt. Dort, wo einst unsere Bauwerke den Himmel streiften, sind jetzt nichts als Ruinen, die im blassen Licht der Sonne langsam verfallen. Wir gehen aufrecht, doch im Inneren gibt es kaum noch etwas, das uns zusammenhält.

Dies sind die letzten Tage einer sterbenden Rasse.

 

Unsere Karawane wirbelte den Staub auf, den die Zeit so sorgsam über die karge Erde verteilt hatte. Lange Schatten spreizten sich von den dreckigen Füßen ab, die seit Tagen nichts anderes als verdorrtes Ödland betreten hatten. Ihre Silhouetten stellten sich in die Landschaft, wie monströs grinsende Karikaturen unserer Selbst.

Nur noch wir… und die Monster, die wir schufen.

Hinter mir hörte ich ein Stolpern, dann ein Scheppern. Ein kurzer Blick nach Hinten zeigte mir einen Körper, der reglos im Dreck lag.

Kein Wort wurde gewechselt und kaum eine Sekunde verging, da war er bereits weggeschafft und auf einem Karren verladen worden. Liegen lassen wollte man ihn in dieser Ödnis nicht.

Immerhin würde es heute Abend für jeden etwas mehr zum Essen geben…

So ging es ohne Zögern weiter. Immer weiter den Ruinen entgegen, welche am Horizont im erdrückenden Glanz der Sonne flackerten.

Unser Weg war bestückt mit den Überresten alter Straßen. Hier und dort sah man sogar Verbleibnisse einer dornenartigen Vegetation, doch die Büsche hatten schon ewig keine Blüten mehr getragen und selbst die Dornen, die sich bis zum Schluss gehalten hatten, waren nur noch vertrocknete Stümpfe, die den Kampf ums Überleben am Ende ebenso verloren hatten, wie ihre liebreizenden Schwestern.

 

Unsere Schatten wurden länger. Der Abend kroch am Himmel empor und tauchte die Welt in die Schatten zwielichtiger Gespenster. Da waren keine Sterne hinter dem Vorhang aus Staub und Wolken zu sehen, nur unsere Fackeln und Laternen, die versuchten die Schatten möglichst fern von uns zu halten.

Früher hätte eine so dunkle und düstere Nacht noch Furcht und Schrecken unter den Reisenden verbreitet, doch die Gefahren der Finsternis waren mit den Freuden gegangen, die der Tag hatte hervorbringen können.

Die letzten Menschen allein mit sich selbst.

Bedenkenlos zog unsere Kette aus Lichtern also in die Schluchten zwischen den Häusern ein. Die Stille der pupillenlosen Fensterläden starrte auf uns herab und beobachtete jeden unserer vom Staub verschluckten Schritte. Der Zenit unserer Errungenschaften war nun nichts weiter als ein stummer Zeuge unseres eigenen Verfalls.

Kaum hatten wir uns in die verzweigten Straßen der Stadt begeben, schon dimmten wir unsere Lampen und Laternen und löschten unsere Fackeln.

Unsere Wagen blieben stehen. Handzeichen wurden gegeben. Die Ersten schwärmten aus und verschwanden hinter den Türen der Häuser. Währenddessen wurden, ohne einen Laut zu verursachen, Töpfe ausgepackt und kleinere Feuer entzündet.

Gerade, als das Fleisch in den Pfannen zu Zischen begann und sein Duft sich über das Lager legte, da hörte man die ersten Schreie, die aus der Dunkelheit zu uns drangen. Sie waren schwach und krächzend, ein heiseres Geräusch, das nichts Gutes verheißen konnte.

Da kamen sie in das matte Licht unseres Lagers gewankt, schwere Tritte stießen sie in unsere Mitte und ließen sie vor uns zusammenbrechen. Durch ihre abgemagerten Körper zeichneten sich die spitzen Knochen unter ihrer Haut deutlich ab. Ihre dünnen Finger und Beine streckten sich nach Halt suchend aus, waren jedoch unfähig ihre Kraft zu sammeln und von allein wieder aufzustehen.

Dies war also alles, was diese Stadt vorzubringen hatte. Damit würden wir kaum den Abend überstehen…

 

Das Beil flog durch die Luft und durchtrennte mit einem glatten Schnitt die Kehle. Das dickflüssige Blut wurde sofort in einer rostigen Schale aufgefangen. Der Schmerzensruf der Kreatur war kaum von ihrem normalen Gekrächze zu unterscheiden. Dann ging es auch schon in einem röchelnden Gurgeln unter und verebbte schließlich endgültig.

Wir ernten den Sturm, den wir einst säten.

Die Schwächsten streckten wir wie immer als erstes nieder. Jene, die noch etwas bei Kräften waren, ließen wir für gewöhnlich eine Weile mitlaufen oder hielten sie in unseren Käfigen, doch nie zu lange, um sie nicht noch weiter abzumagern.

Heute also würden wir wohl keinen von ihnen am Leben lassen können. Denn die, die wir hatten, genügten gerade so, um die verpassten Mahlzeiten vorheriger Tage nachzuholen. Schließlich war an diesen hier kaum mehr als etwas Haut und ein paar Knochen dran.

Und der gefallene Kamerad? Er war auch nicht mehr als ein kläglicher Rest an Fleisch. Aber so ist es eben; die die Fallen können niemals so viel geben, wie jene, die von ihrem Scheitern überleben müssen.

Es bedarf so vieler, um die wenigen zu nähren, die bis zum Ende aufrecht stehen…

 

Leber und Nieren waren ungenießbar, von schmutzigem Wasser verunreinigt und von dreckiger Luft verpestet. Allein die Schenkel gaben noch etwas her und bevor wir uns zum Essen zusammensetzten, verabschiedete sich ein Weiterer aus unserer Gruppe. Er war überraschend kräftig gewesen und sorgte dafür, dass die abendliche Mahlzeit doch noch etwas die Stimmung hob, hier und da konnte man dann sogar das fröhliche Klimpern eines Lachens hören.

Wieso er so plötzlich in sich zusammengebrochen war, kümmerte dabei im Grunde keinen. Und später, als sich die Ersten zum Schlafen in ihre Zelte legten und das Lagerfeuer allmählich herunterbrannte, da wurde zum ersten Mal seit langem eine Gitarre hervorgeholt und eine einsame Melodie angestimmt, die vom verlorenen Glück vergangener Tage sang.

Keiner applaudierte, keiner stimmte mit ein. Nur ein Summen ging durch die Reihen, welches leise zwischen den schwarzen Häusern und Türmen verklang. Es war das letzte Lied, welches die Wanderer noch sangen, in jenen Nächten, in denen der Hunger sie nicht gänzlich niederrang. Es war kein besonders schönes Lied, weder im Gesang noch im Gitarrenspiel, aber das hatte eine Zeit wie diese wohl auch kaum anders verdient.

Ich blieb in dieser Nacht wach, bis irgendwann der Morgen graute und sich die Sonne über die gekritzelte Linie des Horizonts erhob.

 

Wir blieben noch zwei weitere Tage, dann war auch der letzte Bewohner dieser Stadt von uns aus den Ruinen und auf unsere Pfanne oder in unsere Käfige getrieben worden. So wurde es Zeit weiterzuziehen und auch diesen Ort hinter uns zu lassen. Wie üblich blieben dabei nur leere Häuser und eine Hand voll Knochen zurück.

„Aasgeier“, hatte man uns einmal genannt, „ihr labt euch an den Kadavern der Sterbenden!“

„Na und?“, hatte einer von uns darauf erwidert. „Als ob wir Menschen seit jeher etwas anderes täten...“

 

Unser Weg führte uns über Berge und Täler hinweg. Doch der plötzliche Tod eines Kameraden war jetzt bei weitem kein Einzelfall mehr. Beinahe jeden Tag verstarb einer von uns auf vollkommen unerklärliche Weise. Es geschah mit solch scheinbarer Bestimmtheit, dass bald nicht mehr von Zufällen die Rede war. Einer von uns zog umher und streckte uns der Reihe nach nieder.

Das Misstrauen wuchs. Schon vorher waren Gespräche nie fester Bestandteil unserer Reisen gewesen, doch jetzt sagte keiner mehr zu jemanden etwas, außer zu sich selbst. Des Nachts hörte man sie, wie sie vor sich hinmurmelten, ganz allein in ihren Zelten. Nur sie und die Schatten, die an ihren Lippen klebten. „Kein Zufall! Mord!“, zischten sie in die flackernden Flammen ihrer Kerzen hinein.

 

Die Letzte fiel, kurz bevor wir den Gipfel eines Hügels erreichten. Ich stieß ihr den Dolch ins Herz und setzte meinen Fuß auf die Spitze des Felsens.

Einer der steht, während alle anderen gefallen sind.

Ich schaute ins Tal hinab, suchte den Blick auf die ewig weite Leere die sich vor mir erstrecken musste, und hielt den Triumphschrei des Siegers in meiner Kehle bereit.

Der letzte Mensch allein mit Gott.

Doch mein Blick fand die Ödnis nicht. Da waren keine leblosen Steppen und trostlosen Ebenen. Da waren Dornen, blühende Rosenbüsche, die sich an einem sprudelnden Bach erquickten. Da waren Wiesen. Da waren Tiere. Und ich stand allein auf meinem einsamen Thron und erschauderte bei dem Anblick der Leere, die ich nicht finden konnte.

 

Es dauerte, bis ich meinen Platz verließ und ins Tal hinabkletterte.

Zwischen Rosen und Gras tummelten sich unzählige Pflanzen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. An meine Ohren drang das Pfeifen und Summen dutzender Vogel- und Insektenarten. Ich fand Früchte in Hülle und Fülle vor, konnte den süßen Duft der Pollen riechen und das frische Nass des Wassers fühlen.

Das alles war da. Doch als ich dann in eine der knallroten Kirschen biss, konnte ich nur Staub und Asche schmecken, das fade Fleisch meiner eigenen Rasse.

 

Ich verließ den Ort und kehrte nie zurück.

Denn dieses Paradies war nicht für Menschen erdacht, nicht seitdem Adam Eva verschlungen hat.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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