Klaus Mattes

Der Studienabbrecher / 2200

In meinem Leben ist das so. Ich weiß recht gut, was ich nicht will, aber kaum einmal, was ich will. Ich bin immer ein kundiger Kritiker, selten aber der Unterstützer von irgendwas oder irgendwem. Meine Kindheit war behütet. Von Armut spürte ich nie etwas. Über das Thema Geld wurde nicht gesprochen. Immer war jemand da: Mutter, Bruder oder Schwester. Arbeiten wurden mir fast nie auferlegt. In der Schule flog es mir zu. Ich war nie ein Typ fürs Büffeln und bin bis jetzt keiner geworden.
Die Schule war zu Ende. Die Bundeswehr ging zu Ende. Ich hätte mir ein Leben suchen müssen, aber ich wollte, dass sich nichts ändert. Ich würde lieber weiter bei den Eltern leben und nebenbei etwas lernen oder studieren. Es gab nicht einen Beruf, der mich anzog. Ich wollte nichts werden. Ich wollte keinen Menschen beeindrucken, wollte nichts bestimmen. Wozu reich werden? Um eine Yacht zu kaufen?
Es war manchmal die Rede gewesen, dass ich ein guter Lehrer sein könnte. Eben weil ich viel las, ein Büchertyp war, viel wusste, im normalen Leben unpraktisch und unglaublich ungeschickt. Mit dem Abstand von der Schule, den fünfzehn Monate Bund hinter mir, wagte ich meinen großen Sprung. Ich schrieb mich an der Universität zu Köln für die Fächer Neuere Deutsche Literatur, Philosophie sowie Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften ein. Köln musste es sein, weil mich bei der Theaterwissenschaft jenes Wort Film magisch angezogen hatte und weil man Theaterwissenschaft nur in Berlin, Hamburg, Mainz, Erlangen und München noch hätte studieren können. Köln schien gut erreichbar und war nicht provinziell wie Mainz.
Landläufige Eltern müssten bei dieser Fächerwahl mahnend einen Zeigefinger heben. Meine Eltern, die von Haus keinen Bezug zu einer von diesen Disziplinen hatten, schwiegen leicht ungläubig. Man dachte wohl damals im Kleinbürgertum, aus jedem, der sein Studium abschließt, wird sowieso ein besserer Herr. Dieses glaubt man schon lange nicht mehr.
Mein erstes Kölner Semester – und bei dem einzigen sollte es bleiben – war ein Schock. Es war Winter. Die Stadt war sehr groß und überall potthässlich, wie ich fand. An der ebenfalls hässlichen Uni herrschte Massenbetrieb, auf jeden Fall bei den Germanisten, wo ich, glaube ich, in jenem Winter nicht einen Menschen halbwegs näher kennen lernte. Ich wohnte in der Südstadt, Nähe Bonner Straße, möbliert, unterm Dach von einem ziemlich hohen Vorkriegsbau. Schräge Wände, es zog kalt herein. Gelegentlich flitzten kleine Mäuse durch den in Folge der Dachschräge riesigen Raum. Außer für ein Wochenende meine Schwester kam nie jemand zu Besuch. Ich tötete nach und nach die Mäuse, lief im ewig grauen Wetter den Grüngürtel ab und in die Stadt und fotografierte ein paar Sehenswürdigkeiten. Eines Tages merkte ich, dass ich drei oder vier Tage kein einziges Wort laut gesprochen hatte. Zu wem auch?
Mein Problem war, dass ich immer wieder das Gefühl hatte, ich wüsste nicht, wie Studieren geht. Ich pickte einige Vorlesungen und Seminare aus dem Verzeichnis, die mir vom Titel her was zu versprechen schienen. Dann wurden dort aber nur Rosinen gepickt, die für die kommende Veröffentlichung des Lehrenden gedacht worden waren. Lieblingsschüler stellten schlaue Fragen, die ich ebenso wenig verstand, wie ich mich über die volle Länge der aus Fußnotenballen gezogenen Antworten konzentrieren konnte. Zu jener Zeit habe ich unheimlich viel mitgeschrieben, was ich bald danach weg geschmissen habe, ohne es gelernt zu haben und ohne es irgendwann doch noch für irgendwas zu brauchen.
Bei den Philosophen verstand ich nichts. In Film- und Theaterwissenschaft hatte ich einstweilen die Einführungen zu besuchen, die von den Assistenten gehalten wurden. Im Wesentlichen ging es darum, dass abschnittweise die grundlegenden Werke von Kracauer und Appia vorgestellt wurden. Beide Autoritäten fand ich nicht relevant. Ich entschied mich, Köln und dieses Studium aufzugeben, bevor es sich zu einem Problem auswachsen würde.
Der klare Vorzug von Freiburg war, dass man morgens ins Seminar oder die UB gehen, nachmittags zu den Eltern fahren, die Wäsche abgeben, nachts wieder zurück sein konnte. Nicht dass ich es in dieser Gedrängtheit jemals gemacht hätte, aber es war denkbar. Sicherheit gab es einem. Andererseits fuhren sie nicht schnell herunter nach Freiburg und klingelten auf Verdacht. Sie hatten damals noch kein Auto.
Ich dachte, na ja, Philosophie ist dann also nebulöses Gerede, wieso nicht auf Nummer sicher reisen, also die gesamte Germanistik im Doppelpack mit Geschichte, auf den Lehrerabschluss hin. Lehrer wollte ich nicht werden, aber die Möglichkeit stünde dann weiter offen.
Da ich von Semester zu Semester irgendwas zusammenstellte, was mich teils direkt ansprach oder wo ich den Dozenten schon kannte, was auch von seiner zeitlichen Lage her in meinen Wochenplan passte, kam am Ende immer Geschecktes heraus, bei dem unvorstellbar war, dass es in Jahrzehnten etwas wie „die Literatur“, „die Geschichte Europas“ oder „das Leben, die Welt“ ergeben konnte. Weil ich noch nie was darüber gehört hatte, wählte ich zum Beispiel Italiens Entwicklung im 19. Jahrhundert, dazu kam was über die Öffnung Japans durch die USA. Und Geschlechterrollen bei den Griechen. Diese bot eine nette Frau an. Ich betrachtete es als schwulenrelevant. Davon konnte ich zehren. Immer noch las auch der berühmte Professor Gerhart Baumann, Doyen der Neueren Germanistik, über Goethe oder Jean Paul. In einer Sprache, als wollte er Goethe und Jean Paul auf seine alten Tage überbieten. Er las jedes einzelne Wort getreulich ab, Blick immer fest ins Manuskript. Meine Gedanken schweiften umher. Bei den Historikern ein bisschen Herzog Ernst, Mittelalter, ein wenig Tristan und Isolde bei den Mediävisten, tolles Buch. Und für die Zwischenprüfung etwas zu den Pietisten in Württemberg und Halle. Ein fetter Pfannkuchen wurde daraus aber nie.
Eines Tages bist du im Referendariat und musst Jahrgangsstoff unterrichten. Reformation und Luther oder Dreißigjähriger Krieg. Nichts davon hatte ich im Studium gehabt. Weder Französische Revolution noch Pharaonenzeit noch Hitler oder Stalin. Als ich studierte, waren nicht Lessing, nicht Schiller, nicht Heine, nicht Fontane, nicht Rilke, nicht Mann oder Brecht, nicht Musil oder Lenz vorgekommen. Dafür Jean Paul, Carl Sternheim, Carl Einstein, Elfriede Jelinek, die ihrerseits in der Schule aber keine Rolle spielten.
Ich erwartete, dass es eine Art Lehrplan geben müsste, wo sie einem sagten, was man als Grundlage und was dann als Nächstes belegen sollte. Die Wissenschaften und die Professoren sollten in jener Zeit aber noch ganz frei bleiben, ihre jeweiligen Orchideen feilzubieten. Wie bereits in Köln saß ich in Vorlesungen, die ich bald einmal sausen ließ, weil mir die germanistischen Manuskripte kommender Publikationen zu verspult erschienen und sich offenkundig an nichts andocken ließen, was ich mir bis jetzt erarbeitet hatte.
Die Studentenjahre sind selbstverständlich ein Freiraum für manch anderes, in dem man sich erproben kann. In Freiburg entschied ich, mich von nun an als schwul zu begreifen. Köln wäre dafür ein viel geeigneterer Ort gewesen. Ich ging in den Colombipark. Ich hatte meinen ersten Sex. Ich hatte meinen ersten Freund, dann den zweiten. Ich ging viel wandern, nicht so oft im Hohen Schwarzwald, mehr im Dreisam- und Hexental, im Markgräfler Land und am Kaiserstuhl. Ich liebte das Faulerbad und fuhr mit dem Rad an den Waldsee oder zur Kartause. Ich wurde Mitglied vom Kommunalen Kino, ich ging ins Theater, zum Jazzfestival. Oft war ich allein bei solchen Dingen. Über längere Strecken war mein Studium wohl eher ein Vorwand. Aber ich brachte es erfolgreich zum Abschluss und zahlte den größten Teil vom BaFöG mit Geld zurück, das mir die Großmutter überlassen hatte.
Muss ich erwähnen, dass ich nie persönlichen Kontakt zu einem der Profs herstellte, etwa, indem ich zu seinen Sprechstunden ging oder wegen eines Hiwi-Jobs vorfühlte. Ich versäumte über Jahre weg, die Trittsteine für meine berufliche Laufbahn jenseits des Lehrerdaseins zu finden. Vielleicht mal eine Mitarbeit bei der Regionalzeitung? Nein, tat ich nie. Ich las sie nicht mal.
Vor allem im Fach Deutsch entwickelte ich im Lauf der Zeit dann aber doch noch eine Anhänglichkeit zu zwei, drei Professoren. Damals waren sie zwar noch keine ordentlichen Professoren, sollten es später, an anderen Hochschulen, aber schon noch werden. Staatsexamensprüfungen durften sie abnehmen; dafür hatte ich sie ins Auge gefasst. Im Examen, wo ich übrigens eher glanzlos operierte, stellte sich heraus, dass sie mich vor meiner Anmeldung nicht gekannt hatten. Obwohl ich mehrere ihrer Veranstaltungen regelmäßig besucht hatte, sie mir Seminarscheine unterschrieben hatten, war ich nicht in ihrem Gedächtnis verblieben. Bewunderung und Zutrauen waren nur auf meiner Seite gewesen.
Networking konnte ich nie und es interessiert mich bis zum heutigen Tag nicht. Ist schon schön, wenn man Freunde hat, aber dass man Menschen Gefallen erweist, sich Mühe gibt, weil sie einem irgendwann bei irgendwas nützlich sein können, das ist vollkommen jenseits meines Horizonts. Meine Eltern machten es auch nie. Als Kind dachte man ja, sie kennen die ganze Welt. Sie kannten auch sehr viele in der ziemlich kleinen Stadt, allerdings, was mir als Kind nicht auffiel, sie leisteten keine Dienste für andere, halfen oder schenkten den Leuten ganz selten etwas. Entsprechend wenig tat man für sie. Immerhin waren sie nie jemand was schuldig.
Mir schwirrt im Kopf, dass ich irgendwann was schreibe werde über die Prominenten, die mir persönlich über den Weg gelaufen sind. So ist mir am Alter Markt Willy Millowitsch übern Weg gelaufen. Er hatte einen Schal und einen Mantel an und war etwas in Eile und erkannte mich nicht.
In Freiburg saß ich ein oder zwei Semester bei den Germanisten in derselben Arbeitsgruppe für die Seminararbeit, einmal sogar in seiner formidablen Studentenbude an der Wintererstraße, oberhalb des gutbürgerlichen Stadtteils Herdern, mit Arthur Landwehr zusammen, dem späteren Korrespondenten vom ARD-Studio Washington. Damals kam er aus Gütersloh und hieß noch Arthur Landwehrjohann. Bei so einem langen Namen kann man verstehen, dass der für die Medien beschnitten wird. Er war so formvollendet, hyperintelligent, umfassend gebildet und sachlich brillant, wie er heute noch arbeitet. Aber was ich sagen will: Andere Leute lernen solche Menschen irgendwie mal kennen und sind lebenslang befreundet mit ihnen, wie Dr. Franz Alt mit Heiner Geißler. Ich nicht. (Franz Alt stand übrigens bei uns zu Hause mal im Wohnzimmer, doch, wie gesagt, den Promi-Artikel schreibe ich erst noch.)
Von den Germanisten sind natürlich mindestens 60 Prozent Frauen. Ich war ja schwul geworden. Man lernte sie in Arbeitsgruppen ein wenig kennen und das war es dann. Eine ist mir eine Zeitlang nachgelaufen. Die wollte wirklich was. Aber ich dachte, selbst wenn ich nicht schwul wäre, wollte ich nichts mit ihr. Man steigt in dem Lebenszustand noch nicht voll dahinter, aber mit der Zeit wurde mir schon klar, dass ich, bei meiner eigenen Molligkeit, ausladende Formen und weiches Fleisch nicht attraktiv finde. Und bei meinem Kulturbananentum kann ich nicht so gut mit den künftigen oder seienden Gemeindebüchereichefinnen oder Kulturamtsleiterinnen.
Jetzt fragt man sich, wenn ich nicht Lehrer sein wollte, wollte ich nicht dergleichen sein: Vortragsreisender, Experte zum Thema, Freier Dozent, Animateur, Lebenssinnbegleiter? Aber nein, wir lasen es: Ich wollte nichts werden! Ich wollte immer nur, dass alles weiterlief, wie es so lief. Zu tun hat es wohl damit, dass ich die anderen Menschen nicht mag. Ich mag öfters ein Gemälde oder ein Konzert oder einen Song oder einen Baum oder das Licht im Herbst, die Luft im Frühling, einen See vor den Alpen, einen Roman, einen Film, einen Song. Aber Menschen mag ich eher selten, jedenfalls nicht ehrlich, aber ein schlechter Lügner bin ich auch. Und dann will ich nicht einsehen, dass ich denen, die zu dumm oder faul sind, die von mir erwähnten Schätze sich selber aufzutun, es auf ihr nervöses Auge drücken müsste, um doch noch populär zu werden und wieder versorgt zu sein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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