Inge Hoppe-Grabinger

Mein Lieblingsheiliger:..


Wieso steht da ein Doppelpunkt? Ja, man soll etwas ausfüllen.
Was hätte ich geschrieben? St. Franziskus? oder St. Christophorus?
Dabei habe ich gar keinen Führerschein. Auf keinen Fall St. Dominicus!
Die Hunde des Herrn werden mir immer fremd bleiben. Bei St. Sebastian
fällt mir immer nur ein, dass er in Dresden bei jedem Bild von einer anderen
Anzahl von Pfeilen durchbohrt wird. Und der Stein auf St. Stephans Kopf
bereitet mir Kopfschmerzen,  St. Florian gehört nach Bayern und da gehör
ich nicht hin, obwohl  ich den  vom Staat verordneten Rauchmelder im Wohn-
zimmer wirklich missbillige ... Der heilige Rochus zeigt mir am Oberschenkel
seine Pestbeulen ... aber wir haben doch inzwischen ganz andere Probleme.
Der Heilige Mauritius wird zB in Magdeburg löblicherweise als sehr schwarzer
Neger in sämtlichen Nischen verehrt. Aber wieso, das weiß keiner mehr so
richtig. Also, was hätte ich denn nun ausgefüllt?
Ich lese, was auf den weißen Kärtchen steht, ausgefüllt von Drittklässlern (?).
Die Kärtchen hängen im Vorraum der Rosenkranz -Basilika in Berlin. (Berlin
ist eine Kulturwüste: da freut man sich, wenn man in einer historistisch-neo-
byzantinisch gestalteten katholischen Kirche einen Abglanz von der Hagia
Sophia in Istambul spüren darf).
Ja, was steht denn nun auf den Zetteln? Erstaunlicherweise gibt es nur wenig
Auswahl: immer wieder St. NIKOLAUS und auch immer wieder St. MARTIN.
Das liegt wohl an den Kindergärten, die dankenswerterweise den Hauch eines
Hauchs von Kultur vermitteln wollen?
MEIN LIEBLINGSHEILIGER: "MARIA".  Da steht nicht "Meine Lieblingsheilige:"
richtig gelesen.  Das ist der Person, die den Zettel konzipiert hat, gar nicht
aufgefallen, dass da ein Problem  entstehen könnte. Mir ist das Gender-Stern-
chen-Problem bisher ziemlich egal gewesen, aber jetzt wundere ich mich:
War diese Person männlichen Geschlechts? Auf dem Zettel hätte man auch
nachträglich mit dem Stift korrigieren können ... aber Fehlanzeige ... also männlich?

Ja, gibt es denn da überhaupt keine weiblichen Heiligen mehr? Wenn ich da an meine
Lieblingsheilige denke, die Heilige Ursula, die mit 10 OOO Jungfrauen auf einem Schiff (?)
in Köln am Rhein durch die  Pfeile der Hunnen durchbohrt wurde (unsterblich die Bilder
von Carpaccio in der Academia von Venedig), an die Heilige Barbara (ich hatte 6 Freun-
dinnen, die alle Barbara hiessen, denen ich zum Geburtstag immer Barbara-Türme zu-
kommen ließ), die Heilige Katharina, die gerädert, mir nicht mehr so gegenwärtig ist,
aber dann die Heilige Apollonia, die Heilige der Zahnheilkunst, der alle Zähne gewalt-
sam gezogen wurden, dargestellt mit einer Zange, oh!, dann die Heilige Dorothea, immer
mit Rosenkörbchen. Und die Heilige Ottilie und ihre Augen auf dem Tablett ... gruselig,
Ich könnte noch endlos weiter aufzählen... aber ... von diesen weiblichen Heiligen ist
nichts mehr übrig geblieben ... jahrhundertelang verehrt. Nichts mehr in den Kindergärten ...
never more.  Als einzige .... Maria.  Ist sie überhaupt eine Heilige?

Wenn nun die Frage gelautet hätte: "Meine Lieblingsheilige: " Wäre dann das Ergebnis
völlig anders gewesen? Vermutlich nicht!

Übrigens bei der Frage "Mein Lieblingsheiliger ist: " lautete mehrheitlich die Antwort:
"GOTT" (?????????????)


 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Inge Hoppe-Grabinger).
Der Beitrag wurde von Inge Hoppe-Grabinger auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  Inge Hoppe-Grabinger als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Wahre Szenen einer Ehe (Hörbuch) von Rudolf Geiser



24 Spielszenen aus dem Alltag eines Ehepaares um die 40. Eine gelungene Mischung von "Typisch-Männlichem" bzw. "-weiblichem", sprachlichem Witz und Situationskomik des Alltags. Ob Alltags- und Partnerprobleme, Sport und Verwandtschaft, Benimm und Bildung oder das liebe Geld - in pointierten und treffsicheren Dialogen sind Sie Zeuge einer intellektuellen Streitkultur, wie man sie selbst gerne pflegen würde - wenn man denn könnte!

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)

Inge Hoppe-Grabinger hat die Funktion für Leserkommentare deaktiviert

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Inge Hoppe-Grabinger

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Spaziergang am Rosenmontag (Berlin) von Inge Hoppe-Grabinger (Sonstige)
Smarty von Karl-Heinz Fricke (Sonstige)
Leben und Tod des Thomas von Wartenburg, I. Teil von Klaus-D. Heid (Unheimliche Geschichten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen