Ralph Bruse

Gestern war es still (Eine Teamwork-Erzählung)

Gestern war es still 


Wirbelnde Schneeflocken kratzen leise an dunklen Fensterscheiben.
Belina sitzt an ihrem wackeligen Küchentisch. Blickt müde vor sich 
hin und ins nur leicht tröstende Kerzenlicht. Um sie herum nur düs-
tere Schatten, jenseits der flackernden Kerze.
Vor einigen Tagen war ihr der Strom abgestellt worden. Die kleine 
Rente, die ohnehin nur für das Allernötigste reichte, ist zu knapp ge-
worden. Strom- und Gaspreise waren zuletzt rasant angestiegen. Da
hielt ihr karges Altersruhegeld nicht mehr Schritt.
Es geht auf Weihnachten zu. Auf Dächern, Wegen und Strassen blin-
ken unter geschlossener Schneedecke abertausende Silbersternchen, 
als wollten sie einstweilen alles mildern, was sich an helleren Tagen 
in Hässlichkeit sonnt.
Große Kühle macht sich in der Küche breit. Belina trägt dicke Klei-
der, Wollsocken und zieht die gefütterten Stiefel nur noch zum Schla-
fengehn aus. Oder dann, wenn Frieder, der ältere Mann, eins tiefer, 
heimkommt und die Elektro - Heizung kräftig rotieren lässt. Schnell 
zieht die Wärme dann hoch, zur Decke - durchdringt die hellhörigen 
Mauern. Ebenso schnell zieht Belina Stiefel und Socken von ihren 
Füssen; spürt die milde Wärme von unten durch und durch. Fußbo-
denheizung sozusagen. Sie schmunzelt dann, auch wenn ihr eigent-
lich nicht danach ist.
Gegen 22 Uhr dreht Frieder seine Heizung wieder herunter oder ganz 
aus. Dann beginnt ihr Frieren von vorne. Also: wieder dicke Socken 
an und flugs rein, ins Bettgebirge aus zwei Decken und einer prallen 
Zudecke mit Gänsefedern, die ihr eine wohlwollende Frau in der Klei-
derstube für Bedürftige einst zusteckte.
Frieder hatte ihr neulich Hilfe angeboten. Ganz nebenbei auch das Du. 
Er sprach davon, dass er ihr einen rollbaren Gasofen in die kleine Woh-
nung stellen könne. Aber Frieder ist ein Hallodri und so selbstlos dann 
doch nicht. Als er an ihrer Tür stand - schon mit Gasofen beladen und 
vielsagendem Grinsen im Gesicht, musterte er Belina dermaßen ein-
dringlich und unverschämt von oben bis unten, dass sie dankend ab-
lehnte und ihm die Tür vor der Nase zuschlug.

Heute Abend ist es still in der Wohnung, eins tiefer. Ihr Nachbar wird 
irgendwelchen Frauenröcken nachjagen und noch in irgendeinem Gast-
haus seinen Bier - und Liebesdurst löschen.
Belina schüttelt es frierend. Sie schiebt den Stuhl zurück, geht ans Fen-
ster. Es hat aufgehört, zu schneien. Der schwach flimmernde Himmel 
thront wie ein bleiernes Gespenst über der Stadt. Die wenigen Straßen-
lampen funkeln unwirklich unter schwerer Nässe. Weiss alles, da drau-
ßen. Weiss angestrichen. Morgen wird alles wieder in Grau sein und 
kaum noch ein Auge erfreuen.
Fast überfallartig reißt die Trübe des Himmels auf. Der Mond strahlt 
hell und klar und voll herab. Direkt in ihre Küche. Dann ein Kometen-
schweif, der nach wenigen Sekunden Belinas Fenster trifft und lautlos 
dahinter, ins Düstere langer Schatten eindringt, um sie mit würdiger 
Helle zu füllen. 
Ein Zeichen, geht es ihr durch alle Sinne. Das muss ein Zeichen sein....! 
Und plötzlich regnet es Sternschnuppen. Erst wenige, dann immer mehr. 
Sie kann sie nicht mehr zählen; so viele auf einmal! Minutenlang steht 
sie gebannt, von gleißend funkelnden Lichtern umringt, da. Drückt die 
tröpfelnde Nase ans Fensterglas. Schaut staunend, mit halboffenem Mund 
und angehaltenem Atem abwechselnd hinauf zum gütigen Abendhimmel 
und wieder hinab, auf die menschenleere Strasse.
Schließlich legt sie den Schal um, zieht ihren Filzmantel über und läuft, 
wie von fremder Hand gezogen, die Treppe hinab, ins Freie.



Frieder

Belina, die von oben, muss völlig verrückt geworden sein...Komm ich 
spätabends nach sieben Bier und einer gekauften Liebesstunde nach Hau-
se; da tanzt die durchgedrehte Nudel wahrhaftig im Schnee. Das ist ja auch
nicht weiter schlimm...Wer freut sich denn auch nicht an Weihnachten über
etwas Schnee...Nein, die Irre tanzt mitten auf der Strasse, reckt die Arme in 
die arschkalte Luft und ruft in einer Tour: > Schön. Wie schööööön! < 
Bin ja kein Sturkopf. Dachte schon erst: nee, Verrückte gehn mich nichts 
an. Aber die Verrückte da, das ist eben Belina. Die Hübsche von oben, mit 
der ich schon immer gern mal....Na ja, aber sie schlägt ja alle Angebote 
aus. Hilfe will sie nicht, den Blumenstrauß von neulich lässt sie vor der 
Tür liegen, bis sie welken und die gelegentlichen Pralinengeschenke eben-
so. 

Irgendwann gab ich es dann auf. Ging mich nichts mehr an, ihr Kummer. 
Meinte es ja nur gut mit ihr. Und ein bisschen Schmusen, oder mehr, wird 
man ja wohl noch als Dank erwarten dürfen.
Ist nicht. Die hübsche Belina will nichts von mir. Kann es ihr noch so drec-
kig gehn. Schlägt sie aus, die hingestreckte Hand. Ist so. Nichts zu machen. 
Und jetzt wirbelt sie da auf der Strasse im Kreis und ruft die ganze Gegend 
zusammen mit ihrem entzückten Gejohle: > Wie schööööön! < 
Versteh ich irgendwie auch nicht, was da so schön ist. Es hat wieder zu 
schneien angefangen...gut, aber deshalb muss sie ja nicht gleich so´n Wir-
bel drum machen. Morgen taut der ganze Zauber eh wieder weg und kei-
ner wird drum weinen - außer Belina, vielleicht.
Ich geh nicht zu ihr, um sie von der Strasse zu ziehn. Bin doch nicht blöd 
und fang mir wieder einen Korb ein! Also verzieh ich mich in die Bude, 
werf die Heizung an und köpfe die achte und letzte Bierflasche des Tages.
Ich sitz dann so am Tisch, denk an nix Schlimmes; oder doch, nämlich, 
wie unbefriedigend der Besuch vorhin, bei der abgetakelten, unterkühlten 
Liebesdame war....
Auf einmal: mordsmäßiges Motorengeheul - ein Schrei - von der Strasse 
her. Die halbleere Bierflasche unterm Arm, wandere ich ans Fenster, ver-
kippe das Bier; brülle: > He, bleib da, wo du bist. Und komm bloß nicht 
auf die komische Idee, abzuhaun.! <
Der Fahrer des Luxusschlittens denkt offenbar gar nicht daran, abzuhaun. 
Er beugt sich über Belina, redet ihr unverständliches Zeug zu. Sie wim-
mert vor Schmerz. Das legt sich aber nach einer Weile. Ihr Jammern 
verstummt schließlich ganz. Wohl nicht so schlimm, denk ich und schließ 
das Fenster, weil da ein entschieden zu kalter Wind reinbläst.
Setze mich wieder. Überlege. Dann die Einsicht, nach ihr zu schauen und 
ob der Fahrer nicht doch noch die Kurve kratzte und die Verletzte einfach 
liegen ließ.

Ließ er nicht.
Keine fünf Minuten später stehe ich am Straßenrand; sehe, dass der Übel-
täter sich um sie kümmert. Fast zuviel für meinen Geschmack. Und Belina 
hält sich zwar noch die schmerzenden Beine, starrt den Typen aber auch 
gleichzeitig an, als wäre er der heilige Bimbam oder wenigstens ihr Retter: 
Lächelnd. Ja, breit lächelnd. Und der Kerl lächelt süßlich zurück. Herrjeh - 
also, wenn die beiden so honigsüß weiterlächeln, wird´s klebrig, friert ein 
und dann können die bis ans Ende ihrer Tage nur noch lächeln - oder müs-
sen es - je nach dem, wie man´s sieht. Völlig meschugge, denke ich nur.
Plemplem - alle beide.
Der Wagen jedenfalls ist noch heil. Nur eine lange Bremsspur im Schnee 
und der Flitzer steht quer auf dem Asphalt. Die Tänzerin im Schnee ist 
wohl auch nur leicht an den Beinen lädiert. Alles weniger tragisch, als der 
Schrei, den sie vorhin losließ.
Okay, halb so wild, sage ich mir und verzieh mich, weil meine Hilfe da of-
fensichtlich fehl am Platz ist.

Nachher, als ich mit guter Schwips-Schwere in meiner warmen Koje liege,
höre ich im Halbschlaf nur noch den Tatütata - Krankenwagen, der die Ver-
rückte von oben mitnimmt. Wahrscheinlich mit Sportflitzer, samt Fahrer,
im Windschatten.
Wie die zwei sich vorhin, auf der zugeschneiten Strasse angeglotzt haben...
Der letzte, halbwegs klare Gedanke daran - nicht ganz ohne Neid - wurmt
mich schon noch etwas - gebe ich zu. Wie oder was auch immer da bei de-
nen schon im Busch raschelte: ein paar Schrauben zuviel haben bestimmt
beide locker.
Ich ahne jedenfalls schon, dass es von nun an still sein wird, da oben, in 
ihrer kalten Wohnung. Zu still.

Endlich setzt sich der dicke Sandmann mit dem noch dickeren Sack tröst-
lich auf meine Lider.
Nacht, allerseits.



Belina

Ach, ist das herrlich hier! Leuchtende Sterne und kleine, silbrige Kristalle, 
die um mich herum schwirren. Ich will mich drehen, weiter tanzen, aber 
meine Beine sind schwer wie Blei und lassen sich nicht bewegen. Ich strec-
ke die Arme hoch, dem Licht entgegen, aber irgendwer reißt sie wieder nach 
unten. In meinem Kopf hämmert es, als wolle er jeden Moment zerspringen.
Ein verlockender Duft nach Zimt und Orangen zieht sich in meine Nase und 
am Tischchen neben mir steht ein Becher mit Glühwein und ein Stück Stol-
len. Welch ein Luxus!
> Nochmal Glück gehabt, Frollein! < 
Frollein - wie lange ist es her, dass man mich so genannt hat. Blutjung war 
ich da.
Was ist denn mit meinen Haaren? Fühlt sich ganz anders an, da oben. Keine 
Strähnen, die mir in die Augen fallen. Mein Kopf ist eingehüllt. Ein Turban? 
Eine Krone?

Warm ist es hier. Wohlig warm. Wo bin ich? Alles so hell und freundlich und 
ganz anders, als die dunkle Stube, in der ich gestern noch vor Kälte gezittert 
habe. Singt da jemand von einer weißen Weihnacht? 
Eine angenehme, tiefe Männerstimme. Ich denke an bessere Zeiten, als ich 
mich noch nicht so einsam fühlte und diese stillen Tage glanzvoll und mit 
viel Wärme ausgefüllt waren.
> Verzeihen Sie. Sie schwebten wie eine Schneeflocke auf der Fahrbahn und 
zogen mich so in ihren Bann, dass ich zu spät auf die Bremse trat. <
Die Stimme; dieses Lächeln...Ich kenne den Mann. Aber woher? Sanft strei-
chelt er meine Hand. Jetzt erst bemerke ich den roten Weihnachtsstern, dort 
am Fenster, in duftende Zweige eingehüllt. Eine Ewigkeit ist es her, dass ich 
Blumen geschenkt bekam. Ganz zu schweigen von Streicheleinheiten. Höch-
stens mal von einer streunenden Katze, die sich im Vorübergehen schnur-
rend an meinen Beinen rieb, weil sie spüren wollte, dass sie nicht alleine ist.
Als er geht, legt er mir seine Visitenkarte neben den Weihnachtsstern.
> Ein gesegnetes Weihnachtsfest und gute Besserung, Schneetänzerin. <

Ich werde ihn nicht anrufen. Hab ja kein Telefon.
Etwas schläfrig, höre ich vor der Türe helle Glöckchen klingen und Kinder-
stimmen, die aufgeregt fragen, ob das Christkind auch hierher kommen wür-
de, wenn sie nicht zuhause anzutreffen sind...
Unten, von der Strasse her, lärmt es ohrenbetäubend: > Tatütata < dann ver-
hallt die Sirene in der Tiefgarage.

Ich denke an Frieder. Was macht er heute Abend? Ob seine Liebesdienerin 
oder eine seiner Zufallsbekanntschaften zu Weihnachten Zeit hat für schnel-
len Sex? Liebe: hat er sie je erfahren? Trinkt er soviel, weil er enttäuscht 
wurde - von Frauen, vom Leben überhaupt....?
Eigentlich ist er ganz nett, der komische Kauz. Hat sich einfach zu dämlich 
angestellt mit seiner blöden Anmache. Na ja, die Pralinen waren schon gut 
gemeint. Ist eben schrecklich unbeholfen, der Kerl.

Wenn ich im Neuen Jahr wieder zuhause bin, werde ich einen Kuchen bac-
ken und an seiner Tür läuten (hab ja dann das Geld, das ich hier nicht brau-
che, übrig)
> Frieder, für Dich ein gutes Neues. Und überhaupt: Das Leben ist schön. 
Wir müssen es nur reinlassen - zu uns. Also: trau Dich. <


Erzählung: (c) Ingrid Bezold & Ralph Bruse

Bild: pinterest

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern frohe Weihnachtstage.

Ingrid und Ralph

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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