Pierre-André Hentzien

Der alte Mann und sonst nicht mehr

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Der alte Mann, und sonst nichts mehr (Tribute to Ernest Hemmingway und Theo)


 

Er war alt. So anfang 60 denke ich. Ich weiß das nicht so genau. Sein Gesicht war wie viele Gesichter sind, und doch sein eigenes – es sagte: „Ich hab viel erlebt!“. Wäre auch traurig, wenn man mit 60 nicht viel erlebt hätte. In so vielen Jahren hat man doch was erlebt. Ich bin noch klein und weiß das nicht so genau, aber ich denke, dass man in so vielen Jahren ganz viel erlebt hat. Wenn er mal was sagte, dann war das immer sehr komisch, weil ich das meiste nicht verstanden hab. Und richtig geredet hat er auch nur, wenn er mir erklärte, was er damit sagen wollte. Ich habe das gar nicht verstanden. Warum so kompliziert reden, wenn man es dann hinter so einfach erklärt? Aber so war er eben. Und er sagte dann zu mir: „Junge, wenn Du Menschen zum Zuhören bringen willst, musst Du sie erst mal dazu bewegen nachzudenken!“. „Leute die nicht nachdenken, sind dumme Menschen“ und gleich korrigiert, „nein, nicht dumm; uninteressiert, uninformiert oder eben einfach nur zu zufrieden.“. Komisch, denken kann doch jeder! Das kostet doch auch gar nichts. „Doch, es kostet vieles!“, sagte er. „Man braucht Mut um zu hinterfragen, was einem gesagt wird. Man braucht Hoffnung um weiter zu machen. Wenn man so was nicht hat, dann muss man auch nicht denken!“. Ich will ja immer alles wissen und verstehen. „Manchmal ist das Verstehen das Problem: Wenn man nicht mehr wissen will, dann bedarf es auch keines Verstehens mehr.“. Klar, wenn ich was nicht wissen will, ist es mir auch egal, aber bisher war mir noch nie was egal. Wie auch? Alles ist doch wichtig. Wenn ich was mache, dann hat das doch auch Einfluss auf andere Sachen. „Kausalität“ hat der alte Mann das genannt. Ich wusste natürlich nicht, was das ist, aber ich bin ja neugierig – auch so ein Ding, wo er mir später etwas zu erklärt hat... und nicht nur dazu. Also Kausalität meint dann wohl Ursache und Wirkung oder einfach: Macht man was, dann passiert was. Kann man doch auch einfach sagen, als „Kausalität“ zu verwenden. Aber so war er eben: Immer schön komplizierte Wörter benutzen, um dann die ganz einfach zu erklären. Irgendwie hat das genervt, aber andererseits auch voll Spaß gemacht. Aber es war wahr: Weil er so komisch gesprochen hat, habe ich immer gleich nachgedacht und wollte das genauer wissen. Schon ziemlich klug, sich sowas auszudenken und auch teuer. Naja, weil Zeit doch Geld ist und das Erklären hat immer viel Zeit gebraucht. Nicht mal wegen ihm, sondern, weil ich immer wieder nachfragen musste. Und das war ja eben der Trick dabei: Dinge zu sagen und die Leute dazu zu bringen nachzudenken und zurück zu fragen.

Ist mir gerade eingefallen: Weil ihr ja noch gar nicht wisst, woher ich den alten Mann überhaupt kenne. Damit hätte ich vielleicht anfangen sollen, aber ich dachte mir, dass es wichtiger ist zu verstehen, wie der so getickt hat.

Also: Ich geh ja immer zum Spielen auf den Spielplatz im Park. Auf dem Weg dahin hab ich ihn das erste Mal gesehen. Der saß einfach so auf einer Bank und hat gelesen. Ein Buch... und so war das jedes Mal. Der las immer nur. Nie ein Handy in der Hand, nie mal eine Zeitung; der hat echt immer nur Bücher gelesen – und immer verschiedene. Das man mal gesehen hat, dass er vielleicht mit wem geredet hätte oder so... neee. Und geschrieben hat er. Teilweise in die Bücher und auch auf einen Schreibblock. Irgendwann habe ich dann einfach mal gefragt, warum er immer alleine hier sitzt und liest und mit keinem redet. Was hat er da gemacht? Mit seiner Hand gewedelt, als wenn er eine Fliege verscheuchen wollte. Frechheit! Und das habe ich natürlich auch nicht auf mir sitzen lassen. An einem Tag im September habe ich mich dann einfach neben ihn gesetzt und mit meinem Fußball immer auch den Boden getippt. Er hat mich anguckt und gefragt: „Was willst du von mir?“. „Nix“, hab ich gesagt, was natürlich gelogen war. „Na dann.“. Und Schweigen. Ich hab dann mit den Beinen so rumgebaumelt und er dann: „Was soll das?“ „Ich hab Langeweile!“, „Dann geh spielen!“, „Keine Lust!“. „Dann lies!“ und damit hielt er mir ein Buch vor die Nase: „Réjean Ducharme - L'Avalée des avalés“, neee, ist klar. Wer soll das denn verstehn? Ich guck ihn an und sag: „Ausländisch kann ich nicht!“. Er rollt mit den Augen und holt ein zweites Buch raus: „Réjean Durchame – Von Verschlungenen verschlungen“. „Nur geliehen!“, murmelt er. Und ich lese. Ja, lesen kann ich schon, aber verstehen? Und so saßen wir dort und ich fragte und fragte, weil ich eben nicht verstand, und er erklärt. Ganz komisch, nur mit Worten, ohne die Hände zu bewegen, etwas besonders zu betonen oder auch nur mit den Lidern zu zwinkern. Und das war der nächste Trick: „Finde einfach selber raus, was an dem, was ich erzähle, wichtig für dich ist!“ Das hat er nie so gesagt, aber so habe ich es verstanden. Das Buch war schwer zu verstehen und ich hab ihn dauernd gefragt, was dies und jenes bedeuten soll. Und ich habe Geduld gelernt, weil er so geduldig war. Er ist niemals laut geworden, hat nie gesagt, warum ich so was nicht verstehen könne und immer gesagt, dass fragen der Weg zum Wissen sei. Und wir saßen da... ich fragte, er antwortete. Aber immer, wenn ich was über ihn fragte, schwieg er. Er konnte oder wollte von sich nichts erzählen; er wollte offenbar nur sein Wissen weitergeben. Ich kann euch also nicht mal sagen, wie er hieß, wann er geboren wurde oder wo, ob er Familie hatte und so weiter. Klar, eine Mutter und einen Vater wird er schon gehabt haben – geht ja gar nicht anders – aber erzählen wollte er nichts von sich selbst. Er sagte: „Ich bin nicht wichtig!“ Quatsch! Klar war er wichtig und wie! Aber ich hab ihm das so nie gesagt. Und gedacht habe ich: „Wenn du nicht wichtig bist, wer sollte mich dann verstehen lehren?“ Meine Eltern – klar, aber die haben viel Arbeit und nicht viel Zeit (weil Zeit ja Geld ist) – komisch das er immer Zeit hatte. Irgendwie habe ich dann gedacht, dass er irre reich sein muss – wenn Zeit doch Geld ist. Aber reich sah er nun wirklich nicht aus. Im Gegenteil. Nicht, dass er unordentlich aussah oder so, aber er sah eben einfach „einfach“ aus. Kein Schmuck, kein Uhr, nichts von dem. Sogar ich habe eine Uhr. Als ich ihn danach fragte, sagte er: „Die Zeit kümmert sich nicht darum, ob wir eine Uhr haben, um sie zu messen. Die Zeit ist die Zeit, und für jeden von uns läuft sie anders. Eine Uhr hat nur eine Funktion: Sie soll Menschen daran erinnern, dass die Pflichten, die sie haben, zu einem bestimmten Zeitpunkt beginnen. So wie bei dir vielleicht – wenn's Zeit fürs Bett ist... auch wenn du noch gar nicht müde bist!“ Stimmte schon wieder! Wieso muss ich ins Bett, wenn ich noch gar nicht müde bin? Ich hab ihn das aber nie gefragt, weil es auch gar nicht nötig war, denn er erklärte mir das irgendwann sowieso. Und dann habe ich ganz kindlich zu ihm gesagt: „Gut, dass ich noch klein bin, ich habe keine Pflichten!“. „Ach, wirklich?“ fragte er. „Du gehst doch schon zur Schule, oder?“. „Ja, klar geh ich zur Schule, ich bin schon 9!“. „Sieht man dir gar nicht an!“, antwortete er und grinste in sich hinein. „Hey! Das war gemein!“. „Nein, das war nicht gemein, das ist nur meine Meinung. Du bist wirklich ziemlich klein für 9 Jahre.“. Mist, da hat er doch schon wieder Recht gehabt, denn ich war wirklich der Kleinste in meiner Klasse. Das wollte ich vor ihm natürlich nicht zugeben. Und dann hat er was gesagt, was ich ich nie vergessen habe; auch nicht, als ich schon erwachsen war: „Dafür bist du schon verdammt groß ihm Kopf!“. Man, war ich da plötzlich stolz, weil mir sowas ein Erwachsener noch nie gesagt hatte. Erzählt habe ich ihm das natürlich nicht. Natürlich nicht? Kommt mir heute irgendwie albern vor. Ich meine, wenn ich mich darüber aufrege, dass er mich „klein für mein Alter“ nennt, warum kann ich dann nicht auch sagen, dass es mich freut, wenn er mich als „groß im Kopf“ bezeichnet? Vielleicht liegt das einfach daran, dass ich mit Kompliment nicht wirklich was anfangen kann, sie mir peinlich sind. Möglicherweise, weil ich bei meinen Eltern immer, wenn sie mich für irgendwas lobten, dachte: „Hä? Das kann doch jedes Baby!“. Dazu hat der alte Mann dann auch was gesagt: „Der Stolz über eine Sache, die man geschafft hat, entsteht in einem selbst. Wenn man nicht das Gefühl hat, etwas Besonderes geleistet zu haben, kommt einem das Lob eines Anderen einfach irgendwie lächerlich vor – das ist normal! Und noch was: „Normal ist auch so ein Begriff, den ich nicht wirklich mag, weil „Norm“ immer auch bedeutet, dass Individualität verloren geht. Aber man benutzt ihn eben einfach... wie so viele andere Begriffe“. Der hat andauernd Recht gehabt, weil viele Begriffe einfach Unsinn sind; man denkt gar nicht drüber nach, warum man die benutzt. „Nehmen wir als Beispiel einfach mal den Begriff „Sonnenaufgang“. Was fällt dir dazu ein?“, fragte er. „Da geht die Sonne auf!“. „Denk mal nach: Warum ist dann der Begriff „Sonnenaufgang“ irgendwie komisch?“. Und da ist es mir dann selbst aufgefallen: Da konnte was nicht stimmen, denn schließlich haben wir nur eine Sonne und da können dann nicht „Sonnen“ aufgehen. „Und davon abgesehen geht die Sonne weder auf, noch unter, sondern die Erde dreht sich.“ Und so ging es immer weiter. Ich konnte gar nicht fassen, was der alles wusste. Eines wusste aber auch er nicht: Wie es ist, wenn man tot ist. „Wie kommst du jetzt plötzlich auf den Tod zu sprechen?“. Ich war nicht sicher, ob ich ihm das sagen sollte, weil das schließlich ein sehr persönliches Thema ist. Da habe ich ihn das erste mal angelogen: „Weil ich gestern im Fernsehen einen Bericht gesehen habe, wo Leute über den Tod gesprochen haben.“. „Wieso guckst du in deinem Alter solche Sachen?“. „Mir war langweilig und ich darf alleine eigentlich nicht fernsehen, aber mir fiel nichts anderes ein.“. „Warum machst du es dann, und wieso ist dir immer langweilig?“. „Nicht immer, aber oft!“. Darauf ist er aber gar nicht eingegangen und hat nur gesagt: „Der Tod ist uns allen vorbestimmt; niemand kann sich dem entziehen.“. Irgendwie fand ich das merkwürdig: Welchen Sinn machte das Leben dann überhaupt? „Das Leben ist das Leben – es fragt nicht nach Sinn oder Unsinn. Es ist. Wenn du einen Sinn finden willst, musst du dein Leben erst mal selbst mit Sinn füllen – oder es lassen. Es gibt keine Pflicht einen sinnvolles Leben zu führen. Außerdem: Wer bestimmt denn, was sinnvoll ist und was nicht? Manchmal versteht man den Sinn einer Sache erst, wenn man sich ihrer Sinnlosigkeit bewusst geworden ist.“ Puh, voll kompliziert und verstanden habe ich das auch erst, als ich schon lange selbst erwachsen war. Und was die Langeweile anging, meinte er nur: „Wer sich langweilt ist selber Schuld und hat noch nicht verstanden, wie man sein Leben mit Leben füllt.“ Hmmm, komisch, dass Leben ist doch kein Gefäß, dass man mit etwas füllen kann. „Ist dein Gehirn etwa ein „Gefäß“?“. „Neee, ist es nicht!“. „Und warum füllt man es dann mit Wissen?“. Also war das „Füllen“ gar nicht so gemeint, wie ich dachte, zumindest, was das Gehirn angeht; und auch was den Sinn betrifft, weil man ja weder Sinn noch Wissen anfassen kann. Auch so ein Begriff, den man einfach benutzt, ohne groß drüber nachzudenken. Das machen die Menschen viele Male am Tag. Dann hat er was komisches gefragt: „Du bist ja sicher auch der Meinung, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben, oder?“. „Klar!“. Und deine Eltern bekommen doch sicher hin und wieder Briefe, richtig?“. „Ja, was soll die Frage?“. „Hast du mal so einen Brief gelesen?“. „Nein, die gehen mich nichts an.“. „Da steht meist drauf: „Sehr geehrter Herr“ oder eben: „Sehr geehrte Frau“.“. „Und?“. „Was ist denn das Gegenteil von Herr, weißt du das“. „Ja, Dame! Wieso?“. Ich hatte keine Ahnung, was er sagen wollte – wie so oft. „Wenn also Dame das Genteil von Herr ist, warum werden Männer und Frauen in Briefen immer unterschiedlich angesprochen?“. „Ist das nicht Wurscht?“. „Dir mag das Wurscht sein, aber da du bejaht hast, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben, warum hört dieses Recht schon bei eine Anrede im Brief auf?“. „Ich weiß nicht, was sie meinen!“. Und einen Moment später fiels mir dann doch ein: „Klar, weil Mann das Gegenteil von Frau ist und Dame, das Gegenteil von Herr. Und wenn beide gleiche Rechte haben, dann ist es falsch, dass Männer mit „Herr“ und Frauen einfach nur mit „Frau“ angeschrieben werden. Dann verstehe ich aber nicht, warum die Frauen nichts dagegen machen!“. „Weil, wie wir schon festgestellt haben, Menschen unbewusst Begriffe verwenden, die entweder inkorrekt oder eben auch die Gleichwertigkeit von Menschen unterscheiden!“. Das war echt der Hammer: Die Frauen merke nicht mal, dass sie in Briefanreden diskriminiert werden – auch so ein Wort, dass der alte Mann mir erst erklären musste. Aber egal; also nicht egal, aber im Moment nicht wichtig. Als ich dann Abends mit meinen Eltern darüber geredet habe, saßen die mit offenen Mündern und weit aufgerissenen Augen am Abendbrottisch. Da war ich plötzlich echt stolz auf mich, weil ich mehr verstanden hatte, als meine Eltern. Sie haben natürlich gefragt, wie ich darauf gekommen wäre und da habe ich nur gesagt: „Ich bin eben neugierig und habe meinen Lehrer gefragt.“. Eigentlich komisch, dass die beiden nicht mal wissen wollten, wieso ich wohl darauf gekommen bin, so was zu fragen.

Und dann kamen wir eben zu dieser „Neugier“. „Gier ansich: Ist das negativ?“. „Ja, klar!“. „Wieso?“. „Weil man mehr will, als einem zusteht!“. „Interessant, und stimmig für viele Arten von Gier, weil dann meistens einer weniger bekommt, als der andere nimmt.“. „Also ist Neugier auch negativ?“. „Nein, im Gegenteil!“. „Das verstehe ich nicht, wieso ist sie nicht negativ, wenn Gier es doch ist?“. „Frag dich doch selbst mal, was du bekommst, wenn du neugierig bist!“. „Wissen, ist doch logisch!“. „Und wem nimmst du es weg?“. „Oh, Wissen kann man nicht wegnehmen!“. „Da siehst du mal, dass nicht jede Gier negativ ist. Und so ist es eben auch mit vielem anderen.“. „Und warum sagen meine Eltern oft zu mir: „Sei nicht so neugierig“!“. „Das könnte ich höchsten vermuten, und derlei vermeide ich.“. „Wegen mir?“. „Nein, das mache ich für niemanden. Nicht mal für mich selbst.“. „Ich glaube, meine Eltern finden mich zu neugierig!“. „Du glaubst?“. „Ja, ich glaube!“. „Mit anderen Worten: Du weißt es nicht!“. „Das ist doch das Gleiche!“. „Da liegst du aber total falsch!“. „Wieso?“. „Also gut: An was „glaubt“ man denn so?“. „Ich glaube, dass mein Eltern denken, dass ich zu neugierig bin.“. „Du wiederholst dich!“. „Sie haben doch gefragt, an was ich glaube!“. „Ok, du hast es noch nicht verstanden. Beim Glauben geht es darum, das man von etwas überzeugt ist, ohne es zu wissen.“. „Ja, wissen tue ich es nicht.“. „Da gibt’s doch eine ganz einfache Lösung!“. „Und welche?“. „Frag' sie! Die Antwort von ihnen ist der Unterschied zwischen Wissen, Meinen und Glauben“. Ich weiß nicht mal, warum ich auf so was Einfaches nicht selbst gekommen bin. Und plötzlich habe ich verstanden, dass ich Dinge selbst manchmal wirklich kompliziert mache, auch wenn es viel einfacher ginge. Und mich dann zu beschweren, wenn der alte Mann komplizierte Dinge sagt, auch wenn's einfacher ginge... unlogisch.


 

So ging es eigentlich die ganze Zeit im Herbst. Der Winter kam, da war er nicht mehr da, dann kam Frühling und da saß er dann wieder. Wo er im Winter geblieben war, weiß ich nicht – er wollte es mir nicht sagen. Und immer, wenn ich irgendwas von ihm über ihn wissen wollte, sagte er: „Das geht dich nichts an! Sowenig, wie es mich angeht, wer du bist, woher du kommst und was du machst.“. „Ich will aber, dass dich das was angeht!“. Ich hatte ihn das erste mal einfach so geduzt – einfach so? Nein, bewusst. Und was passierte: Nichts. „Warum sagst du nichts dazu, wenn ich dich einfach duze?“. „Mache ich bei dir doch auch... von Anfang an.“. „Warum hast du mir dann nichts gesagt?“. „Schon vergessen?: Du findest selbst raus, was wichtig für dich ist.“. „Ich dachte, dass siezen etwas mit Respekt vor Erwachsenen zu tun hat!“. „Ganz falsch! Respekt verdient, erarbeitet man sich. Keiner sollte Respekt geschenkt bekommen!“. „Ich verstehe nicht, warum ich dann meinen Lehrer siezen soll!“. „Hat er deinen Respekt verdient?“. „Irgendwie schon.“. „Warum das?“. „Der bringt mir vieles bei!“. „Das mache deine Eltern doch auch! Und die siezt du nicht.“. „Stimmt!“. „Wo ist also der Unterschied?“. „Mein Lehrer ist ein Fremder... also nicht so ein guter Bekannter oder Freund.“. „Bin ich für dich was anderes, als ein Fremder?“. Ich dachte nach und dann sagte ich einfach so: „Ja, du bist ein Fremder... nein, bist du nicht, du bist ein Geheimnis, dass ich lüften will, ein merkwürdig vertrautes Geheimnis!“. „Geheimnis?“. „Ja, ein Geheimnis!“. „Das verstehe ich nicht!“. „Doch verstehst du genau! Ich weiß, dass du viel weißt und sicher mehr als jeder andere Mensch den ich kenne. Aber über dich weiß ich gar nichts.“. „Ist es denn so wichtig, etwas über mich zu wissen?“. „Ja!“. „Warum? Ich gebe dir mein Wissen weiter – reicht das nicht?“. „Nein, das reicht nicht!“. Ich bin dann einfach losgerannt, weil ich nicht wollte, dass er mich weinen sieht. Der alte Mann verstand nicht, wie wichtig er mir inzwischen geworden war – vielleicht wollt er es auch einfach nicht. Keine Ahnung warum.


 

Ich bin dann einige Wochen nicht mehr in den Park gegangen, weil ich meinte genau zu wissen, dass er mich fragen würde, warum ich weggerannt sei und schlimmer: Warum ich denn geweint hätte. Ich bin ein Junge und die heulen nicht!

Irgendwann hielt ich es aber nicht mehr aus und am Anfang der Sommerferien bin ich wieder in den Park gegangen.

Der alte Mann saß wie immer auf der Bank, las und machte Notizen.

Ich setze mich zu ihm und starrte auf den Boden und scharrte mit meinen Schuhen irgendwelche Zeichen in den Sand. Er sah mich von der Seite an und sagte nichts. Er wusste genau, dass ich von ganz alleine erzählen würde. Und der alte Mann hatte Geduld, auch wenn ich hoffte, dass er mich als erster anspricht. Das tat er natürlich nicht. Dass das wieder nur eine Lektion war, habe ich auch erst viel später kapiert.

Tut mir leid!“, sagte ich. „Was tut dir leid?“. „Das ich letztes Mal einfach weggerannt bin!“. „Es ist doch deine Entscheidung, wo du wie lang sein willst... außer in der Schule... und naja.... Das Problem habe ich nicht mehr.“. „ Es war aber falsch wegzulaufen, nur weil du nicht verstanden hast, was ich dir sagen wollte.“ „Zu sagen hast du mir nichts... wir erzählen und geben damit unsere Meinung kund. Die Leute, die meinen, etwas zu sagen zu haben, denken, dass sie bestimmen dürfen.“ „Wie meine Eltern?“. „Ja, die bestimmen über dich. Die Freiheiten, die sie dir geben, zeigen, wie sehr sie auf dein eigenes Urteil vertrauen.“. „Dann bin ich ziemlich frei.“. „Das ist schön für dich.“. „Meine Eltern sind cool, aber haben immer so wenig Zeit!“. „Zeit habe ich reichlich.... was dann mal eine Vermutung ist. Genau weiß ich das natürlich nicht. Aber um wieder auf deine Aussage vom letzten Mal zurück zu kommen: Warum soll mich das was angehen?“. „Weil du mir wichtig bist!“. „Das verstehe ich nicht! Du weißt nichts von mir, außer dem, was ich dir erzähle.“. Und dann fiel mir eine tolle Antwort ein: „Ich weiß auch nichts genaues über meinen Kater. Wer er ist? Keine Ahnung, Woher er kommt? Weiß ich nicht genau. Was er macht geht mich was an. Ich muss auf ihn aufpassen!“. „Auf mich aber nicht!“. „Ach, du verstehst auch gar nichts! Ich muss, weil ich will!“. „Oh, das verstehe ich. Du verwechselst die Unabhängigkeit von Katzen mit dem Wunsch für jemand da sein zu wollen.“. „Mein Kater ist dauernd für mich da. Der merkt, wenn was ist.“. „Wie ich sagte: Verdammt groß im Kopf!“. „Das nützt mir nichts, wenn jemand mich nicht versteht! Jemanden zu vermissen, den man nicht kennt – also nicht wirklich. Ich weiß nur, was du machst.“. „Und das wäre?“. „Du lehrst mich das Leben!“. Er sah mich an und er weinte plötzlich... nicht viel, nur ein, zwei oder drei Tränen – hätte auch eine kleine Fliege sein können, die in sein Auge flog und es zum tränen brachte – wer weiß so was schon? „Das ist gar nicht mein Job!“, sagte er. Dann raffte er seine Sachen zusammen und ging ohne ein weiteres Wort zu sagen und ich blieb schweigend zurück.

Ich sah ihn dann eine ganze Zeit nicht mehr und die Sommerferien waren fast vorbei, als er plötzlich wieder da war.

Ich hab ihn nie gefragt, warum er manchmal wochenlang verschwunden war. Wie er immer sagte: „Das geht dich nichts an!“.

Ist dein Fußball eigentlich echt?“, fragte er grinsend. „Logisch!“. „Hmmmm... hier in der Nähe hast du nie gespielt; habe ich zumindest nicht gesehen“. „Wie auch? Du sitzt ja hier immer nur rum und starrst in deine Bücher!“. „Das ist so falsch, wie es richtig ist – aus deiner Sicht!“. „Was redest du wieder?“. „Ich hab dich spielen sehen – ich wohne ja nicht auf dieser Bank.“. „Das habe ich gar nicht gemerkt.“. „Das war der Sinn der Sache!“. „Welcher Sache?“. „Zu verstehen.“. „Was verstehen?“. „Wie echt dein Interesse ist.“. „Was willst du mir damit sagen?“. „Das du ganz anders spielst, wenn wir vorher mit einander gesprochen haben oder eben nicht.“. „Das glaube ich nicht!“. „Hmmm... Du „glaubst“ ja schon wieder. Interessant!“. „Es macht einfach keinen Unterschied, ob wir gesprochen haben oder nicht!“. „Wenn es keinen Unterschied macht, warum redest du dann überhaupt mit mir? Ich habe nicht darum gebeten!“. Da war ich dann plötzlich beleidigt! Was bildet der sich ein? Ich brauch' den doch gar nicht!

Oh, doch, ich brauchte ihn. Ich wusste das und er sicher auch. Er mich sicher nicht – oder doch? Auch das habe ich ihn niemals gefragt und heute würde ich ihn ganz andere Dinge fragen. Aber dafür ist zu spät.

Plötzlich sagte er: „Vielleicht ist es besser, wenn du nicht mehr herkommst!“. „Wieso?“. „Weil du zwar groß im Kopf bist, dich aber weigerst größer zu werden. Du willst bestimmte Dinge einfach nicht hören – aber man muss alles hören wollen, wenn man wirklich verstehen will und nicht nur das, was einem gefällt!“. Musste der immer Recht haben? Das ging ja auf keine Kuhhaut. Ja, es stimmte! Bestimmte Dinge wollte ich lieber nicht hören, weil sie wehtaten. Der alte Mann wusste auch das, denn er sagte, noch bevor ich zu ende gedacht hatte: „Weißt du den Grund, warum du manchmal glücklich bist und manchmal nicht?“. „Wenn was schönes passiert bin ich glücklich, und wenn was schlimmes passiert, bin ich unglücklich!“. „Simpel, aber treffend. Siehst du den Schatten der Blätter dort auf dem Weg?“. „Klar! Aber was soll das damit zu tun haben?“. „Kein Licht, kein Schatten, kein Glück, kein Unglück. Du würdest nie wissen, wie es ist, glücklich zu sein, wenn du nie unglücklich warst.“. So einfach? Ich meine, ich weiß genau, wie es ist durstig zu sein oder Hunger zu haben. Warum habe ich dann nicht bemerkt, das die unterschiedlichen Gefühle auch nur dann Sinn machen, wenn ich beide kenne? Ich begann zu verstehen – ein wenig. „Ich muss jetzt spielen gehen!“. „Nur zu!“.

Abends lag ich dann in meinem Bett und konnte nicht einschlafen. War das Sprechen mit dem alten Mann so was überhaupt wert? Oder konnte ich nur einfach nicht schlafen, weil er Recht hat? Und würde ich mal erleben, dass er Unrecht hatte? Ich wollte das so gerne – auch wenn es kein Triumph gewesen wäre, weil er das ja sowieso gleich eingestanden hätte. Der war einfach... ja, was eigentlich? Perfekt? Neee, das hatte er ja selbst schon zugegeben. Aber was war es dann? Ich musste mit wem reden, der nichts von dem alten Mann wusste, nur mit wem? Papa, Mama? Blödsinn! Warum rede ich nicht mit dem, um den es ging? Was hatte der alte Mann mir gesagt? Los, denk nach! „Wenn du jemanden verstehen willst, dann sprich mit ihm, nicht über ihn!“.

Am nächsten Tag, nach der Schule, ging ich wieder in den Park, aber die Bank war leer – es lagen nur einige Blätter drauf, die ich runter wischte. Warum? Vielleicht, weil ich nicht wollte, dass sich der alte Mann auf feuchte Blätter setzt. Ich ging dann wieder mal Fußball spielen, aber ich war so gar nicht bei der Sache. Mein Kopf war ganz woanders. Das Spiel haben wir dann auch verloren und ich verstand plötzlich, was er meinte, als er mal sagte: „Eine Niederlage kann dann zu einem Sieg werden, wenn du verstehst, dass einer verlieren muss, damit der andere gewinnt... und das ist falsch: Beide können gewinnen. Der Unterlegene, indem er herausfindet, warum er unterlegen ist. Erkenntnis gewinnt man im Verlust viel eher, als in der Euphorie eines Sieges!“. Es ist komisch, dass man manchmal im „Unglück“ „Glück“ findet... so wie Sinn auch im Unsinn liegen kann. Nach dem Spiel wollte ich dann nach Hause gehen und kam an der Bank vorbei, auf der der alte Mann immer saß. Und er saß dort. Wie immer. „Guten Tag, junger Mann!“. „Ich bin kein Mann!“. „Wohl wahr. Noch nicht, im Kopf aber schon!“. „Warum sagst du das immer?“. „Was meinst du?“. „Na, dass ich im Kopf groß sei!“. „Das zu erklären dauert etwas!“. „Ich habe Zeit!“. „Es gibt eine Bedingung, wenn ich es dir erklären soll!“. Jetzt stellt er auch noch Bedingungen! Aber was sollt ich machen? Ich wollte es schließlich verstehen. „Welche Bedingung?“. „Du bleibst, bis ich es erklärt habe, du läufst nicht weg und wirst nicht bockig.“. „Deal!“. „Bitte was?“. „Geht klar! Aber voll peinlich, wenn einer der ausländische Bücher liest, sich beschwert, wenn man mal so ein Wort wie „Deal“ benutzt!“, „Hey! Nicht bockig werden!“. „Ist ja schon gut!“. Ich kann auch mit den Augen rollen. „Du, auch nicht nonverbalen bockig werden!“. Mensch, der sieht aber auch alles! Ich hielt den Mund und setze mich neben ihn: „Du bist intelligent, weißt du das?“. „Nicht mehr, als andere Jungs in meinem Alter!“. „Das denke ich aber schon. Warum sonst stellst Du Fragen, die andere Jungs in deinem Alter niemals stellen würden? Ich antworte einfach mal für dich: Weil dein Kopf schon da ist, wo dein Körper noch hin will... erwachsen sein. Das Körperliche kannst du nicht ändern. Und was deinen Kopf angeht, bist du mir ähnlicher, als mein Sohn es war.“. Oh, er hat einen Sohn! Oder hatte!? Endlich mal etwas persönliches. Ausversehen gesagt? Sicher nicht, er war viel zu intelligent dafür und es war auch emotionslos gesagt. Deswegen tat ich auch auch so, als wenn mich das nicht berühren würde. „Mein Sohn ist wie seine Mutter: Analytisch, klinisch – ganz anders als ich. Ich verstehe vieles nicht mehr. Ich kann die Hektik um mich herum nicht begreifen.Ich verstehe auch nicht, warum die Leute nicht begreifen, dass Verstehen bedeutet, dem Sprechenden bis zum Ende zu zu hören, nachzudenken und zu versuchen zu verstehen. Da du gerne Fußball spielst, möchte ich dir etwas dazu erklären: Fußball ist nicht, wie das Leben, denn das Leben ist kein Spiel! Das einzige, was beim Fußball und im Leben gleich ist, dass Fairness wichtig ist. Wie fair ist das Leben? Unendlich fair. Das Leben ist das Leben. Es ist ihm egal, ob jemand fair ist, gemein, rücksichtslos oder brutal. Und die Zeiten ändern sich auch nicht, denn es gibt nur eine Zeit. Sie ist die Zeit, nicht mehr und nicht weniger. Was also ist der Faktor in unserem Leben, der bestimmt, wie das Leben ist, wie sich die „Zeiten“ ändern? Wir selbst. Seines eigenen Glückes Schmied zu sein, ist leider so einfach nicht. Dazu muss man bisweilen gnadenlos sein. Und das will ich nicht. Menschen sind nicht dazu da, zu funktionieren! Menschen sind dazu da, um zu leben. Und niemand hat das Recht zu bestimmen, was sinnvoll ist und was nicht. Ja, man mag einiges blöde finden, dass geht mir auch so, aber deswegen ist es noch lange nicht sinnlos. Ich sehe schon, du willst unbedingt etwas fragen, aber warte noch kurz, ich bin gleich fertig. Krieg ist sinnlos? Ja, fast immer. Und vielleicht ist er es immer, weil Menschen eigentlich andere Lösungen finden müssten... wenn sie „groß“ im Kopf wären! Und das ist es eben: Du bist 9 und „groß“ im Kopf – und ich, ich bin alt und werde klein im Kopf.“. „Wie, klein im Kopf? Du weißt doch milliarden tausend Sachen!“. Da hat er das erste Mal gelacht, weil ich natürlich Unsinn geredet habe... milliarden tausend Sachen – so was gibt es ja gar nicht. Wobei: Wenn ich das will, gibt es das doch für mich, weil Unsinn auch Sinn sein kann. „Ich vergesse halt Dinge, aber das ist sicher so, wie mit Sachen, die man nicht mehr benutzt; wenn man etwas ein Jahr nicht verwendet hat, kann das auch weg. Aber am Besten verschenken und nicht wegwerfen!“. „Ich habe noch eine alte Kuscheldecke von früher. Ich würde die ja verschenken, aber meine Mama hat gesagt, dass ich immer so niedlich war, wenn ich darauf gelegen habe – jetzt bin ich wohl nicht mehr niedlich!“. Und er lachte schon wieder. „Warum lachst du?“. „Ach, Mütter; für die ist man immer ein Kind. Und es stimmt ja auch, aber eben nicht mehr klein. Das „Loslassen“ haben die meisten Mütter nicht drauf!“. „Meine Mutter nervt mich auch manchmal. Vor allem, wenn die kontrollieren will, ob ich richtig gewaschen bin!“. „Der „ich rubbeln an deinem Handgelenk Trick“?“. „JA! Voll blöde!“. „Naja, nicht unbedingt blöde, aber offensichtlich immer noch im Gebrauch.“. „Warum macht die das dann? Ich bin doch kein Baby mehr!“. „Wie ich sagte: Loslassen ist nicht so deren Ding!“. „Ich gehöre ihr doch aber nicht! Neulich ist die einfach reingekommen, als ich duschen war – da habe ich sie angeschrienen, dass sie verschwinden soll!“. „Hmmm. Sie respektiert deine Privatsphäre nicht. Sie kann noch nicht!“. „Ich weiß gar nicht genau, was das heißt, aber die schnüffelt rum und will alles wissen!“. „Ich kann dir erklären, was Privatsphäre ist, aber warum sie in deine nicht respektiert, weiß ich nicht.“. „Auch egal! Ich hab meine Mama voll lieb, aber ich kann es nicht leiden, wenn sie in meinem Tagebuch lesen will oder guckt, wer was in mein Freundschaftsbuch geschrieben hat.“. „Oh, dass es so was noch gibt. Früher hieß das Poesiealbum. Ich habe auch noch ein altes. Da muss ich mal wieder rein gucken.“. „Darf ich in deines was reinschreiben?“. „Da schreiben nur Freunde oder Klassenkameraden was rein!“. „Quatsch! Mein Lehrer hat in meins auch was reingeschrieben!“. Er guckt mich an, grinst und sagt schon wieder: „Ziemlich groß im Kopf!“. Scheint irgendwie seine Lieblingszitat zu sein! „Also, darf ich?“. „Ja, darfst du!“. „Cool! Du in meines auch!“. Und damit hielt ich ihm mein Freundschaftsbuch hin. „Oh, du bist vorbereitet! Aber nicht nur du!“. Er griff in seinen Rucksack und holte ein Buch heraus, in Leder gebunden, dick und abgegriffen. „Denke nach, was du schreibst!“. „Muss ich nicht, ich weiß das schon!“. „Da bist du weiter als ich! Großkopf!“. Dabei war mein Kopf nicht groß... ganz normal, aber er meinte natürlich wieder nur, was darin wohl vorging. Und auf einmal hatte ich meinen Spitznamen bei ihm weg: „Großkopf“. Er hat niemals Theo zu mir gesagt oder Jüngelchen, wie mein Opa, immer. Einfach nur „Großkopf“. Und das war so ein geheimes Kompliment, mit dem er sagen wollte: „Du bist ganz schön schlau... jetzt werde noch klug und du wirst verstehen!“. Dann hat er gesagt: „Ich werde sehr gut auf dein Buch aufpassen und dir etwas reinschreiben, was du jetzt sicher noch nicht verstehe kannst. Aber lass dir Zeit! Mit dem Verstehen und dem Schreiben“. „Ich verspreche dir auch was: Ich schreibe dir etwas, dass du ganz sicher verstehst und das ich genau nachdenke, was ich dir schreiben will, auch wenn ich das jetzt schon weiß!“. So ging der Tag zu ende.

Manchmal war der alte Mann verdammt traurig – warum weiß ich nicht. Er wollte einfach nicht drüber reden. Ob ich sein Freund war, weiß ich auch nicht. Können Jungs und alte Männer Freunde sein? Klar können sie. Und ich habe ihn als Freund gesehen. Was mir gerade einfällt: Er hat mich niemals angefasst. Immer wenn ich ihm meine Hand zur Begrüßung hingehalten habe, sah er mich nur an, schüttelte mit dem Kopf und sagte: „Nähe fängt im Kopf an!“. „Hast du Angst?“, habe ich ihn dann gefragt. „Wovor sollte ich Angst haben?“. „Vor irgendetwas!“. „Nun, vielleicht vor der Unwissenheit der Menschen, oder anders: Vor dem Unwillen wissend zu sein.“. „Wo du das gerade sagst: Ich habe gestern in der Schule ein Zitat gehört... das berühmte von Albert Einstein, über die Unendlichkeit des Universums und der Dummheit der Menschheit!“. „Genau das meinte ich. Allerdings habe ich Hoffnung, wenn ich Menschen wie dich ansehe. Auch wenn ich in der Tat Angst davor habe, dass ihr zu wenige sein werdet oder euch der Mut fehlt“. „Was sollen denn Leute wie ich machen? Ich meine: Was kann ich schon ändern?“. „Die Frage ist doch erst einmal: Denkst du, dass sich was ändern sollte? Und wenn ja, was?“. „Ich finde das mit dem Plastik überall voll doof. Wenn ich zur Schule gehe, liegt überall was rum.“. „Das ist es ja eben: Früher war so was nicht wichtig. Die Leute haben einfach nicht nachgedacht, was sie anrichten. Den Unternehmen war das nur zu recht. Dann kam irgendwann das Zwangspfand für Plastikflaschen und Aludosen. Viel gebracht hat das wohl nicht, weil es zu lange weiterhin Plastik gab und gibt.“. „Ich bin noch ein Kind – was soll ich denn machen?“. „Diese Frage stellst du besser jenen, die für so was verantwortlich sind.“. Weißt du, was mir meine Oma ins Freundschaftsbuch geschrieben hat? „Quält dich das böse Wort „du musst“, dann macht dich eines nur still: „Das stolze Wort „Ich will“. Das ist totaler Quatsch!“. „Ach, ist das so?“. „Ja, klar, weil „Ich will“ schon mal nicht ein Wort ist und man nicht einfach so beschließen kann etwas zu wollen, was man muss!“. „Du beginnst zu verstehen. Sehr gut!“. „Fand Oma aber nicht, als ich ihr das sagte!“. „Wundert dich das?“. „Ja, schon, weil die immer gesagt hat, ich soll meine eigene Meinung haben, weil zu viele Leute einfach Leuten nachgerannt sind. Und vom Krieg und so was.“. „Ist es dann nicht komisch, dass sie dir sowas in dein Freundschaftsbuch geschrieben hat?“. „Das weiß ich nicht, weil sie dann meinte, dass man manchmal eben Sachen machen muss, und es einfacher ist, wenn man sich einredet, dass man das will!“. „Das Prinzip der Einfachheit hat noch nie funktioniert. Man muss sich leider immer anstrengen, ob nun mit dem Körper oder in seinem Großkopf!“. Er grinste wieder. Und ich dachte mir: „Wenn der schon so was weiß, muss meine Oma das doch auch wissen!“. Hat sie aber nicht, oder sie wusste es und wollte es mir nicht erklären. Naja, meine Oma und mein Opa denken eben, ich bin noch ein Baby. Zumindest dachte ich das damals!

Du darfst nicht vergessen, das dieses Zitat ja nicht von deiner Oma erdacht wurde. Und so ist das eben mit den Zitaten: Was nicht von einem selbst kommt, kann auch nicht von einem selbst sein, auch wenn man meint, es sich zu eigen machen zu können – man kann der gleichen Meinung sein, aber deswegen war sie es eben nicht von Anfang an!“. „Dann weiß ich doch noch nicht, was ich dir in dein Buch schreibe!“. „Dann ist es gut, dass ich dir das erklärt habe. Das Zitat eines Dritten interessiert mich nicht, sondern deine Gedanken.“.“Was wolltest du mir denn in mein Buch schreiben?“. „Eigentlich das vom Albert Einstein.“. „Du hast was besseres drauf, da bin ich mir mehr als sicher! Großkopf“. Und er grinste wieder. „Wieso grinst du immer so, wenn du „Großkopf“ zu mir sagst?“. „Weil's auch „geklaut“ ist. Mein Opa hat mich so genannt.“.“Ich weiß auch wieso!“.“So hat er mich nicht immer genannt. Als ich noch in deinem Alter war, hat er mich „Klugscheisser“ genannt. Zum „Großkopf“ bin ich erst später geworden“. „“Klugscheisser“ ist doch voll gemein!“. „Findest du? Wieso?“. „Naja, weil sich das irgendwie nach Baby anhört.“. „Denk nach! Was macht ein Klugscheisser?“. „Klug zur Toilette gehen.“. „Oh, da ist einer aber vornehm!“. Und wieder sein Grinsen. „Ist doch so!“. „Ich bleib' bei Scheisser, was dann wohl eher auf ein Kleinkind verweisen soll.“. „Ja, das meine ich ja auch, aber ich finde den Begriff dennoch gemein!“. „Das musst du mir erklären!“. „Weil eben ein Scheisser nicht auf Toilette geht, sondern in die Windel macht!“. „Damit hätten wir den „Scheisser“ geklärt. Was ist mit dem „Klug“?“. „Keine Ahnung... kann man „klug“ auf Toilette gehen?“. „Du denkst viel zu logisch, was diesen Begriff angeht!“. „Was meinst du?“. „Es geht nicht wirklich um den Toilettengang!“. Ich dachte nach. Das war also gar nicht so gemeint. Wie dann? „Brauchst du einen Hinweis?“. „Nein, ich komm schon selber drauf, ich bin ja nicht blöde!“. „Richtig, Großkopf!“. Schon wieder dieses Grinsen. Der alte Mann macht mich noch ganz verrückt! „Also meint „Klugscheisser“ dann jemanden, der immer alles besser weiß?“. „Das ist die Meinung derjenigen, die diesen Begriff verwenden.“. „Dann weiß man gar nicht alles besser?“. „Nein, man weiß einfach mehr als andere.“. „Und warum dann dieser gemeine Begriff?“. „Gemein? Das kommt darauf an, wie man dem Begriff definiert.“. „Das verstehe ich nicht!“. „Scheißen tut doch jeder, oder?“. „Klar, man muss ja schließlich!“. „Und wenn das eine klug macht?“. „Das geht nicht, weil man ja so oder so muss... Moment!“. „Jetzt verstehe ich, was du sagen willst: Wenn einer schon eine Sache klug macht, die er sowieso muss, wie gut macht er dann erst andere Sachen!?“. „Esatto!“. „Was heißt das schon wieder? Wer spricht so?“. „Das bedeutet „genau oder „exakt“, und Menschen aus Italien sprechen so.“. „Klugscheisser!“ murmelte ich – aber nicht leise genug. „Großkopf!“. Dann lachten wir das erste Mal zusammen.

Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Stunden wir gemeinsam auf der Bank gesessen haben. Ich weiß nur, dass nicht eine davon „sinnlos“ war, auch wenn viele das vielleicht meinen mögen.

Drei Wochen später hat er mir dann mein Freundschaftsbuch zurückgegeben. Und ich habe sehr lange gebraucht, bis ich mich traute, seinen Eintrag zu lesen. Ich weiß gar nicht genau, warum. Vielleicht, weil ich Angst hatte, nicht verstehen zu können, was er geschrieben hatte. Aber das war natürlich Quatsch, weil er mir das sicher erklärt hätte. Komischer Weise hat er mich nie gefragt, was ich zu seinem Eintrag meine oder wann er sein Buch zurück bekäme. Und ob ich erzähle, was er mir geschrieben hat, muss ich mir noch überlegen. Und was ich ihm geschrieben habe auch.

Als er es mir zurückgab, sagte ich: „Danke!“. „Nein, ich danke dir!“. „Wieso dankst du mir? Du hast doch was für mich gemacht und nicht umgekehrt!“. „Ich sehe schon, da liegt noch viel Arbeit vor mir.“. „Was meinst du jetzt damit schon wieder?“. „Das ich dir noch einige Anregungen geben muss.“. „Nein, dass meinte ich nicht. Ich meinte das mit dem „Dank“!“. „Du hast mir die Gelegenheit gegeben über dich nachzudenken, Worte dafür zu finden, was ich über dich denke und mich damit bereichert.“. „Hmmmm. Was ich schon ein paar Mal fragen wollte: Was ist bitte der Unterschied zwischen „Worten“ und „Wörtern“?“. „Ich kann das nur interpretieren.“. „Dann mach!“. „Wörter sind für mich einfach nur die Dinge, die gesagt werden, die man dann vielleicht aufschreibt. Worte sind der Klang der Harmonie, die einem inne wohnt, die man in Gedichten verwendet.“. „Oh, man, ich muss echt noch viel lernen!“. „Müssen tust du nicht – du kannst, wenn du willst!“. „Will ich ja!“. „Ich weiß!“, und wieder dieses wissende Grinsen. „Was Einfaches: Wie viele Finger hast du?“. „10!“. „Bist du sicher?“. „Klar bin ich sicher!“. „Objektiv stimmt das natürlich, aber sprachlich ist das ein wenig anders.“. „Moment!“. Ich nahm meine Hände hoch und sah sie an: Ganz klar, zehn Finger: Zwei Kleine-, zwei Ring-, zwei Mittel-, zwei Zeige- und.... Mist... zwei Daumen. Aber das sind doch auch Finger! Aber sprachlich eben nicht! Das würde wohl nie aufhören, dass der alte Mann mich überraschte. Und dann sagte ich stolz: „Acht Finger und zwei Daumen!“. „Du lernst zu verstehen.“. Und dann: „Ich bin stolz auf dich!“. „Und ich auf dich!“. „Warum das?“. „Weil ich immer, wenn ich denke, du lockst mich in eine Falle, um mich dumm dastehen zu lassen, passiert was ganz anderes: Ich begreife etwas um die Ecke!“. „Was meinst du, warum ich stolz auf dich bin?“. Weil ich um die Ecke denke?“. „Das auch, aber vor allem, weil das immer schneller geht! Grosskopf!“. „Blöder Klugscheisser!“, sagte ich, lachte und boxte ihm auf den Arm. „Hey, hey, nicht kontradiktorisch werden!“. Und wir lachten wieder zusammen, auch wenn ich kontradiktorisch noch nie gehört hatte, aber sicher war, dass es nicht böse gemeint sein konnte – der alte Mann konnte gar nicht böse sein!

 

Und das war eben auch so eine Sache: Widersprüchlichkeiten, das meint kontradiktorisch nämlich. Ich wußte ganz genau, dass der alte Mann mich mochte, aber zeigen mochte er es mir nicht, nur sagen. Wenn ich heute so daran zurückdenke, hätte ich ihn vielleicht einfach mal in die Arme nehmen sollen, aber ich hatte Angst, dass er mich abweisen würde. Das hat mich am meisten genervt: Das ich nicht wußte, wie ich mit ihm umgehen sollte... außer übers Sprechen. Diese unausgesprochene Grenze, der Rubikon, der nicht überschritten werden durfte... Durfte? Nein, das war nur meine Angst vor der Angst. Und Rubikon hat er mir natürlich auch erklärt, weil ich davon auch vorher nie was gehört hatte.

Um das sehr einfach zu sagen: Wenn jemand den „Rubikon“ überschreitet, dann gibt es ab dort kein zurück mehr. Er selber sagte dazu: „Den historischen Zusammenhang, wirst du sicher noch in der Schule lernen. Aber im Grunde geht es nur um die Grenzüberschreitung und den Fakt, dass es dann kein Zurück mehr gibt.“ Und keine drei Wochen später hatten wir das Thema im Geschichtsunterricht. Die haben nicht schlecht gestaunt, dass ich das schon wußte. Und als ich dem alten Mann das erzählte, sagte er nur: „Hochmut kommt vor dem Fall“. „Was meinst du damit?“. „Das man es vermeiden sollte, mit seinem Wissen anzugeben. Ich gebe dir mein Wissen auch nicht weiter, um dich klein zu machen!“. Das klang böse, war aber anders gemeint: Er wollt sagen: Deine Größe zeigst du am besten dadurch, dass du dich klein machst! Du darfst und sollt dein Wissen zeigen, aber niemals in einer Form, die anderen das Gefühl gibt, dumm zu sein! Heute denke ich ja, dass ich niemals soviel wissen werde, wie der alte Mann, aber wer weiß. Und ich finde es verdammt schade, dass sein Wissen für immer weg ist – falsch: Nicht sein ganzes Wissen. Was er mir beibrachte, werde ich weitergeben.

 

Findest du es eigentlich nicht beleidigend, wenn ich dich „Klugscheisser“ nenne?“. „Warum sollte ich, Grosskopf?“. Ich wollte ja unbedingt seinen Namen wissen und dazu musste ich mir was einfallen lassen. „Wäre das nicht viel cooler, wenn wir uns beim Vornamen nennen könnten?“. „Sehe ich aus, als wenn ich „cool“ sein wollte?“. Ok, dann anders: „Ich würde eben gerne deinen Namen wissen.“. „Und ich die Lottozahlen vom nächsten Samstag!“. „Blöder Klugscheisser!“. Und wir haben wieder gelacht. Und er dann: „Dabei spiele ich nicht mal Lotto. Aber wenn ich die Zahlen wüßte, wäre mir klar, wem ich sie sagen würde!“. Der meinte mich, aber ich durfte ja noch gar nicht Lotto spielen.

Siehst du den Käfer dort?“. „Sieht aus wie ein Marienkäfer und doch anders.“. „Was denkst du, wo der herkommt?“. „Ich kenne eigentlich nur andere Marienkäfer – die mit den einzelnen Punkten.“. „Das ist ein asiatischer Marienkäfer.“. „Wie kommt der denn hier her? Asien ist doch tierisch weit weg!“. „Wie der nun genau herkommt, kann ich dir auch nicht sagen. Die Basis für deren hiersein, könnte daran liegen, dass sie irgendwann mit einem Frachtschiff oder Flugzeug eingeschleppt wurden.“. „Also hat der hier eigentlich gar nicht zu suchen?“. „Ja, so ist es. Das ist eine sogenannte „invasive“ Art.“. „Und das meint was?“. „Invasiv heißt einfach gesagt, dass durch das Handeln von Menschen, Arten; also Insekten. Säugetieren und so weiter, in einen Lebensraum gebracht werden, in den sie eigentlich nicht gehören.“. „Aber das ist doch gut, wenn es ganz viele Arten gibt!“. „So pauschal hast du natürlich Recht, aber durch invasive Arten, verschwinden oft eben jene, die schon immer hier waren.“.“Das verstehe ich nicht.“. „Nunja, unsere Marienkäfer haben gegen die asiatische Variante keine Chance. Die Asiaten sind einfach widerstandsfähiger, vermehren sich schneller und dadurch verschwinden unsere heimischen Marienkäfer nach und nach. Natürlich nicht nur die.“. „Und wieso paßt dann keine auf, was er mitbringt?“. „Sowas läßt sich gar nicht verhindern, weil wir durch Flugzeuge und Schiffe halt überall hinkommen.“. „Ich habe dieses Jahr noch gar keinen heimischen Marienkäfer gesehen.“. „Woran das liegt, habe ich dir ja eben zu erklären versucht. Und wahrscheinlich wird es unsere einheimische Art auch nicht mehr lange geben.“. „Ich fands ja immer gut, dass wir überall in den Urlaub fahren können, wie wir wollen, aber jetzt macht mich das nachdenklich.“. „Das ist der Sinn unserer Gespräche!“. „Der Sinn ist mich nachdenklich zu machen? Das verstehe ich.“. „Das ist meine Aufgabe – selbst gewählt, versteht sich. Oder falsch: Vom Grosskopf initiert und dann gewählt.“. „Ach, neee, jetzt bin ich wieder Schuld!“. „Im Gegenteil: Du bist ein Grund!“. Ich war ein Grund? Ja, logisch, weil er ja nur deswegen mit mir redet, weil es mich gibt. „Und was Wahlen angeht: Wobei geht es darum?“. „Seine Stimme abzugeben!“, sagte ich sehr überzeugt. Und musst mich dann wiedereinmal eines Besseren belehren lassen – Quatsch – musste ich nicht, ich wollte! „Fast!“. „Wie, fast?“. „Nehmen wir mal an, du würdest deine Stimme abgeben - das würde dann was heißen?“. Ich musste nachdenken. „Das ich dann nichts mehr sagen könnte!“. „Mein Grosskopf eben. Genau!“. „Ich verstehe! Also gibt man nichts ab, sondern stimmt ab!“. „Esatto!“. „Du hast voll krause Gedanken!“, sagte ich. „Nicht alles meine!“, erwiderte er. „Von wem sind die dann?“. „Teilweise, weil ich selbst drauf komme und bisweilen, weil liebe Freunde mich inspirieren.“. „Sag schon von wem!“. „Nunja, mein Bruder und seine Brotspinne.“. „Der hat eine Brotspinne? Was ist das? Habe ich noch nie gehört!“. „Weil's die in Wirklichkeit auch nicht gibt – also eine Brotspinne. Aber die Person schon.“. „Ich versteh gar nichts mehr! Die Brotspinne ist eine Person?“. „Ja, wie du, Grosskopf!“. „Ah, ein Spitzname!“. „Esatto!“. „Und warum nennt man wen „Brotspinne“? Klingt nicht sehr nett!“. „Denk um die Ecke!“. Ich dachte nach. Was macht oder kann eine Spinne. Oder anders: Was hat sie? „Die umarmt alle mit ihren acht Beinen!“. „Wow! Das du so schnell darauf kommst, hätte ich nicht erwartet!“. „Ich bin eben deine Grosskopf, Klugscheisser!“. Ich liebte es mit ihm zu lachen zu bringen. Aber ich wollte mehr wissen: „Und dein Bruder?“. „Der ist offensichtlich Brotspinnenliebhaber!“. Und er lachte alleine, weil ich nicht verstanden habe, was er damit sagen wollte. „Mein Bruder Frank... ja, was soll ich zu dem sagen: Wenn er für mich hätte da sein können, als ich wen gebraucht habe... Aber lassen wir das. Zurück zur Brotspinne: Wenn sie alle umarmen will, dann wird sie am Ende nur sich selbst umarmen!“. „Kannst du mal aufhören so komisch zu reden?“. „Könnte ich, aber ich will nicht! Was sollte dich zum Denken anregen, wenn du nicht neugierig wärest?“. „Es wäre aber viel einfach, wenn du mir deine Gedanken direkt erklärst!“. „Willst du es denn einfach?“. „Ja!“. „So wie beim Fussball, ohne Torhüter?“. „Neee! Das wäre ja langweilig!“. „Aha!“. Und ich verstand: Wenn man es jemandem zu einfach macht, macht er es sich auch einfach. „Verstehst du es jetzt?“. „Ja, Frank hat es sich wohl auch nicht einfach gemacht.“. „Gekonnt hätte er vielleicht.“. „Was meinst du schon wieder?“. „Das man immer die Wahl hat, diese Wahl aber bisweilen ein Fehler gewesen sein kann. Wobei, vielleicht kein Fehler, nur eine falsche Wahl!“. Und ich dann, einfach so: „Haben Brotspinnen eigentlich eine Stimme?“. Grammatikalisch inkorrekt, aber ja.“. Wie grammatikalisch inkorrekt?“. „Einzahl?“. „Hä?“. „Denk um die Ecke!“ Mensch, was war jetzt wieder falsch?. „Du bist echt ein Klugscheisser! „Eine Stimme“ geht da natürlich nicht!“. „Weil?“. „Brotspinnen und somit Plural.“. „Aber ganz generell hast du Recht, nur hast du eben übersehen, dass es für mich nur eine Brotspinne gibt.“. Und so gingen meine Tage immer zuende. Ich bin dann aber nie mehr wach geblieben, weil ich wußte, dass ich ihn nicht zwingen konnte, mir mehr von sich erzählen. Aber ich konnte ihn austricksen, naja, versuchen – ich war doch sein Grosskopf! Nur nicht gross genug. Aber denkt ja nicht, dass ich es nicht versucht hätte! „Was müsste ich tun, um deinen Namen zu erfahren?“. Ich meine: Herausfordern kann ich den alten Mann ja mal – oder wieder: Es versuchen. „Du hängst sehr an Namen. Wieso eigentlich?“. „Weil mein kleiner Bruder nur „Eo“ zu mir sagen kann!“. „Eo ist doch auch nett. Was stört dich daran?“. „Das er behindert ist, niemals gehen werden kann... und...“ Ich brach ab und wollte weglaufen. Und der alte Mann sagte: „Du kannst vor Dingen nicht weglaufen, die Realität sind. Ja, vor mir kannst du weglaufen, aber du wirst nicht verstehen.“. Und ich blieb und erzählte ihm von meinem kleinen Bruder. „Mein Bruder Niklas war in Schwierigkeiten, als er geboren wurde. Die Nabelschnur hatte sich um seinen Hals gewickelt und er hatte eine Sauerstoff-Unterversorgung im Gehirn. Dadurch ist er jetzt schwerbehindert und kann nichts weiter, als „Eo“ sagen.“. Und ich weinte wieder, denn Niklas tat mir so leid, aber ich war auch eifersüchtig, weil meine Eltern, wenn sie denn mal Zeit hat, immer nur Niklas beachtet haben. Und ich dachte: Jetzt muss mich der alte Mann doch endlich mal in die Arme nehmen – aber nix da. „Das Leben ist eine merkwürdige Sache.“, sagte er. „Es kümmert sich, wie die Zeit oder ein vermuteter Sinn nicht darum, was wir Menschen gerne wollen würden. Was deinem Bruder passiert ist, ist leider nicht mehr zu ändern, auch wenn mir ein weiterer Grosskopf gut gefallen hätte! Und ich wette, dass er auch so einer geworden wäre.“. „Vielleicht, aber ich bin froh dein einziger Grosskopf zu sein!“. „Du irrst dich! Ich habe noch andere Grossköpfe.“. Wie jetzt? Ich war nicht der Einzige? Also war ich nichts Besonderes! „Das Gute an euch Grossköpfen ist, dass jeder anders ist, keiner gleicht dem anderen. Und besondere Grossköpfe wie du sind selten!“. Also doch was besonderes. Warum war mir das wichtig? „Kennst du wen wie mich?“. „Nein, niemand kennt wen, der wie du ist!“. „Wieso das denn nicht?“. „Weil jeder Mensch einzigartig ist.“. „So wie Niklas?“. „Ja, er auch.“. „Ich bin nur leider egal, seit er da ist.“. „Denkst du, dass du mir egal bist?“. „Das nicht, aber meinen Eltern.“. „Das kannst du nicht wirklich annehmen!“. „Doch, ich kann annehmen, was ich will.“. „Ok, kannst du annehmen. Hast du mit deinen Eltern mal darüber geredet?“. „Wie denn, es geht doch nur um Niklas!?“. „Hast du es versucht?“. „Ich kann nicht!“. „Warum nicht?“. „Weil... weil meine Eltern nur noch Niklas sehen und alles, was mich angeht, hat nur mit meinem Tagebuch zu tun... weil sie mich kontrollieren wollen!“. „Das bezweifle ich.“. „Wieso?“. „Weil es ihnen sicher nicht anders geht als dir. Sie haben einfach Angst.“. „Nein, die wollen Kontrolle!“. „Du verstehst da was falsch: Die Angst um deinen Bruder ist sicher gross, aber sie haben auch Angst, dass sie dich verlieren.“. Ich kickte einen Stein weg und sagt : „Das denke ich nicht.“. „Immerhin glaubst du nicht mehr.“. „Du redest

über deine Eltern und Niklas – warum nicht mit ihnen?“. Warum kam ich auf sowas nicht selbst? Ich bin doch auch selbst drauf gekommen, mit dem alten Mann zu reden, statt über ihn! Aber das war was anderes. Meine Eltern haben immer nur gearbeitet und sich dann, nach Feierabend, um Niklas gekümmert – was mich angeht, haben sie nur kontrolliert. „Ich kann das nicht!“. „Ich kann das schon!“. Wollte der jetzt echt mit meinen Eltern reden? Niemals! Moment, vielleicht wäre das doch keine so schlechte Idee – immerhin war er fremd und hatte mit der Sache nichts zu tun. Quatsch, natürlich hatte er damit zutun, aber nicht so direkt. „Die würden ausrasten, wenn die wüßten, dass ich überhaupt mit dir rede!“. „Warum das?“. „Weil du ein Fremder bist!“. „Für dich offensichtlich nicht.“. „Nicht mehr, aber doch schon.“. „Du sprichst in Rätseln.“. „Ich weiß ja nichts von dir... deswegen.“. „Deine Entscheidung gewesen. Du hättest deinen Eltern von mir erzählen können.“. „Das ist mein Geheimnis!“. „Warum ist das geheim?“. „Weil ich mit Fremden nicht reden soll.“. „Warum machst du es dann?“. „Weil ich verstehen will.“. „Denkst du nicht, dass die Menschen, mit denen du zusammen lebst, von deinen Sorgen wissen sollten?“. „Meine Sorgen interessieren die doch gar nicht!“. „Was zu bezweifeln ist.“. „Das denke ich aber schon.“. „Es kann schon sein, dass dich deine Eltern wegen der Sorge um deinen Bruder, etwas aus den Augen verloren haben.“. „Etwas? Die merken ja nicht mal mehr, wenn ich nicht da bin!“. „Soll ich mit ihnen sprechen?“. Im Grunde wollte ich das schon, aber meine Eltern... sollten die das verstehen können? Aber komisch: Warum war er bereit mit meinen Eltern zu sprechen? Wie auch immer... eine Woche später habe ich meine Eltern eingeweiht. Und sie haben mich ernst genommen. Nach langer Zeit das erste Mal. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich sie in den Park begleitet habe, um ihnen zu zeigen, wo der alte Mann saß. Und sie saßen dort zu dritt und redeten – eine Stunde oder länger. Und er, wie immer: Keine Handbewegung, kein lautes Wort, kein Augenzwingern. Und dann kamen meine Eltern heulend zu mir, und ich dachte nur: „Was ist nur passiert?“. Es war nicht leicht zu verstehen, was sie mir erzählten, aber eines war klar: Die haben den alten Mann verstanden. Was Niklas anging war alles klar, aber was mich anging, musste ich erst noch erfahren. „Du bist total aus dem Fokus geraten, Wie leid uns das tut, kann ich dir gar nicht sagen. Niklas hat nicht mehr lange zu leben, das weißt du ja, und darüber haben wir einfach nicht mehr mitbekommen, wie alleine du dich gefühlt haben musst!“. Ich war voll cool: „Ihr hättet mich ja mitnehmen können!“. Und meine Mutter stand da mit den Händen vor dem Mund und mein Vater hat gesagt: „Im Moment ist er vielleicht wichtiger für dich als wir. Aber nachher reden wir, ok?“. „Ja, ist ok!“. „Dann geh zu ihm, und sprecht euch aus!“. „Das hätten wir auch schon längst mal machen sollen!“. „Richtig, aber Niklas....“. Er brach ab und ging mit meiner Mutter. Der Alte Mann saß da und las... wie immer. „Und, wie wars?“. „Wie war was?“. „Das Gespräch mit meinen Eltern!“. „Ach, das.“. Und? Sag schon!“. „Du darfst mich sehen, wann du willst.“ „Mach ich auch einach so!“. „Oh, du meinst die Sache mit deinen Gefühlen?“. „Blöder Klugscheisser, natürlich meine ich die!“. „Hmmm, dann tun wir mal so, als ob wir keine Ahung hätten. Was wir wissen ist, dass deine Eltern, wegen deines Bruders, nicht mehr sehr aufmerksam waren, was dich angeht – mal abgesehen, von den Kontrollversuchen.“. „Das meinte ich nicht!“. „Hast du immer noch keine Geduld gelernt?“. „Du willst mich doch nur ärgern!“. „Dazu habe ich keinen Grund, ich will dich nur wieder „runterholen“!“. „ Also gut, was habt ihr denn geredet?“. „Besser!“. „Sag' schon!“. „Ich habe deinen Eltern einfach nur versucht begreiflich zu machen, wie es dir im Moment geht und augenscheinlich haben sie es verstanden – ich hoffe es zumindest. Was mich traurig macht ist was anderes!“. „Was denn?“. „Das du mir nicht gesagt hast, warum du etwas über den Tod wissen wolltest.“. „Das ging damals noch nicht! Und ich hab Angst!“. „Wovor hast du Angst?“. „Das der Tod von Niklas und die Zeit danach keinen Platz mehr für mich hat!“. „Hab ich schon geklärt!“. „Wie jetzt?“. „Ab heute werden deine Eltern dich mitnehmen, dich aufklären und dir helfen zu verstehen, mit dir reden und dich anhören.“. „Ich kann das nicht glauben!“. „Ach, mein Grosskopf glaubt schon wieder?“. „Ich muss jetzt nachhause!“. „Und ob du das musst! Aber hab Geduld!“. Und das war dann ganz verrückt: Meine Eltern haben mir alles erklärt... wenn sie was nicht genau wußten, dann haben sie nachgelesen. Und dann fragte ich: „Warum sagt Niklas immer „Eo“ zu mir?. „Wie, er spricht?“ Und da habe ich verstanden, wie wichtig ich für meinen Bruder war, denn nur er hatte mit mir geredet... wenn man das dann reden nennen will. Ich nenne es so – mir gal, was ihr so meint. „Wir wollten dich nur schützen!“, sagte meine Mutter. „Wovor?. „Vor dem Tod deines Bruders!“. „Nein, ich denke, ihr wolltet mich vor dem Leben schützen. Der alte Mann, da auf der Bank hat Recht: Wir können mit dem Tod nicht umgehen und haben deswegen Angst vor dem Leben, vor dem, was kommt, vor dem, was sein wird und das wir nicht in der Lage sind alles zu regeln.!“ Und mein Vater hat mich dann in die Arme genommen, nach lange Zeit mal wieder und flüsterte mir ins Ohr: „Ich laß dich nie wieder alleine, Grosskopf!“. Man, der wußte davon und mein Klugscheisser hat mir nichts gesagt, Ich sah meinen Vater an und sagte: „Das hat der Klugscheisser dir verraten!“. „Nicht nur das! Er ist ein Freund. Für dich. Du darfst ihn sehen und mit ihm reden. Aber bitte, rede auch mit uns. Mehr, als wir mit dir geredet haben. Der Platz, den wir dir nicht gegeben haben, ist wieder frei!“. „Wie findest du ihn?“. „Wen, den Klugscheisser?“. „Ja!“. „Du kennst ja deinen Opa... Alte Schule sozusagen. Dein Klugscheisser ist mehr so im nächsten Jahrzehnt oder weiter.“. „Ich will wissen, wie der heißt!“. „Ich weiß das.“. „Echt? Los, sag'!““. „So leid mir das tut: Dabei ging es nur darum, wer er ist, wo er wohnt und ob alles ok ist... in deinem Sinne.“. „Ich darf also nicht mal wissen, wie er heißt?“. „Deal?“. „Oh, ich verstehe.“. So wie ich „Deal“ sagen kann, kann das auch jeder andere. Und meine Eltern hatten eben einen Deal mit dem alten Mann.

 

Ein paar Monate später... so im Januar, durfte ich dann mal zu ihm. Und das war verrückt: Bücher ohne Ende. Da war keine Wand ohne Bücher, aber ein Buch fiel mir direkt auf: So ein grosses Buch hatte ich noch nie gesehen. „Was ist das da?“. „Ach, Zettel's Traum von Arno Schmidt. Mächtiges Buch, nicht nur wegen der Größe.“ DIN-A3, 1334 Seiten. „Darf ich das lesen?“. „Wenn du es verstehen willst nicht, denn ich denke, dass du das noch nicht kannst.“ „Verstehst du es?“. „Ich würde lügen, wenn ich es bejahte! Arno Schmidt war irgendwo in der Zukunft, wie ich annehme. So einiges voraus.“. „So wie du!“. „Wie ich?“. „Hat mein Papa gesagt. Ich denke er meinte damit, dass du anders oder weiter denkst!“. „Sag' ihm meinen Dank!“. „Kannst du ihm doch selber sagen!“. „Blöder Grosskopf!“. „Angsthasen Klugscheisser!“. Und wir lachten wieder zusammen. „Kakao?“. „Jaaa, mit Schlagsahne, wenn du hast!“. „Kommt sofort, Monsieur!“.

Jetzt denkt ihr vielleicht, dass ich weiß, wie er heißt, aber falsch gedacht! Kein Klingelschild, kein Nichts (ja, ich weiß, Kontradiktorisch), auch wenn ich gesucht habe, als er den Kakao machte. Und das hat gedauert. Und warum? Weil der den einfach selbst gemacht hat: Mit Kakaopulver, Schokolade, Milch und Sahne. Und die Sahne oben drauf hat der nicht aus der Dose genommen, sondern mit der Hand (echt jetzt) selbst geschlagen. Ihr könnt es ruhig glauben: Schüssel und Schneebesen. „Im Kakao muss Liebe drin stecken!“, sagte er einfach nur. Und ich hatte wieder was verstanden: Zeit ist relativ. Wenn man sich wohlfühlt, ist es egal, wie lange etwas dauert. Und im Ernst: Der unglaublich beste Kakao, den ich je getrunken habe. Da kommt kein Tetrapack-Kakao mit, nicht mal der von Oma, die den auch immer selber macht. „Und was ist mit Arno Schmidt?“, ich Kakao schlürfend. „ Großes Thema. Willst du sowas gleich beim ersten Treffen bei mir?“. „Wollen würde ich schon.“ „Aber?“. „Ich vertraue auf dein Urteil.“. „Dann noch nicht.“ „Gut“, knurrte ich mit meinem Sahnebart. „Aber soviel kann ich dir sagen: Er wurde in Hamburg geboren.“. „Cool, dann ist er einer von uns gewesen!“ „Von uns?“. „Ja, den Hamburgern!“. „Ich nahm an , du wärest schon weiter!“. „Was meinst du jetzt wieder?“. „Das Abgrenzungen immer zu Konflikten führen!“. „Darf ich nicht stolz sein Hamburger zu sein?“. „Klar darfst du! Du darfst auch stolz sein, ein Junge zu sein, Deutscher zu sein – nur für nichts von alledem hast du etwas getan! Und Stolz auf etwas, das man nicht selbst erschaffen oder erreicht hat... du erinnerst dich?“ Wie kann man nur so ekelhaft intelligent sein und nicht vergessen? Aber er vergaß bereits.

Sag mal, der Arno Schmidt: Was war das für einer?“. „Ich interessiere mich für Menschen und ihr Denken... nicht für ihre Herkunft oder wie sie waren oder sind.“. „Wenn du mir sagst, dass ich sein Buch lieber noch nicht lesen sollte, dann wirst du auch wissen, wie er war.“. „Ich weiß ja nicht mal, wie ich bin.“. „Ich schon!“. „Wie ich für dich bin, weißt du, mehr nicht.“. „Vielleicht weiß ich mehr, als du denkst!“. „Was mehr als wahrscheinlich ist!“.

Das der alte Mann wirklich dachte, ich würde mehr wissen, als er denkt... irgendwie verrückt. Und so ging dann unser erstes Treffen bei ihm zu Ende. Ich, „kakaogeschwängert“, er „gedankenversunken“, aber nicht bereit für andere Nähe, als die im Kopf.

 

Drei Tage später kam er dann zu uns. Und wir vier redeten, während Niklas immer nur und in einem fort „Eo“ sagte. „Haben sie Lust auf Kaffee?“. „Tee, wenn sie welchen dahaben!“. „Wieso siezt ihr euch?“. Die drei sahen mich an und lachten laut los und ich war total verwirrt. Wieso lachten die? Und der alte Mann ergriff das Wort: „Wir lachen, weil du Recht hast!“, während mein Vater dem alten Mann auf die Schulter klopfte und sich vor Lachen nicht mehr halten konnte. Na, toll, der durfte „meinen“ Klugscheisser anfassen, aber ich nicht!? Darüber würde noch zu reden sein! Und in mir grummelte es. „Im Grunde ist es einfach: Wir kennen uns schon länger!“, sagte mein Vater. Und meine Mutter kicherte. Was war hier los? Da stimmte doch was nicht! Und wer erklärt es mir jetzt? „Du, wenn du willst.“, sagte mein Vater an den alten Mann gewandt mit einer einladenden Handbewegung. „Einfach ist das nicht und wird sicher etwas dauern. Wollen wir uns nicht erst mal ein wenig mit Niklas beschäftigen?“. „Kommt nicht in frage! Ich muss das jetzt wissen, wenn ich verstehen soll!“, unterschwellig und mit Blick auf den Klugscheisser. Und die lachten schon wieder. Über mich? Nein, das war unwahrscheinlich – die lachten über sich selbst! Erwachsene... ohje! Wer soll die verstehen? „Um das zu klären, muss ich dir erst mal was erzählen: Dein Vater ist mein Bruder und ich habe ihn mehr als 20 Jahre nicht gesehen. Warum das so ist oder war, klärt sich heute ja vielleicht noch auf.“. „Du bist mein Klugscheisser-Onkel?“. Ich wußt gar nicht, dass ich einen Onkel hatte, Beziehungsweise, habe. „Lange Geschichte!“, warf mein Vater ein, „aber jetzt ist es Zeit für's Bett!“. „Du spinnst ja wohl!“, brüllte ich. Und wieder Gelächter. Die ärgerten mich einfach nur. Das böse Trio gegen den Grosskopf. Na, wartet mal ab! „Ihr seid also Brüder? Du hast nie gesagt, dass du einen Bruder hast und ich einen Onkel! Wieso nicht?“. „Dein Klugscheisser ist soetwas, wie „das schwarze Schaf der Familie. Und ich selbst war nicht wirklich klug genug, das zu hinterfragen.“. „Wie doof seid ihr Erwachsenen eigentlich?“. „Wahrscheinlich mehr als du!“.

Anders doof natürlich. Ich hatte ja selbst auch Angst, aber so eine blöde Angst hatte ich nicht. Immer nur denken, dass Kinder nichts verstehen... Dabei verstand ich einiges mehr, als die dachten.

Wussten sie aber doch. Und dann wußte ich es plötzlich: Egal, wie weh etwas tut, so egal ist es auch für die Welt und für die Zeit.

Und warum habt ihr euch so lange nicht gesehen?“.

Als ich und dein Onkel jung waren; so in deinem Alter etwa, da war er schon „besonders“, kein Junge, wie sich man das im Allgemein so denkt, sondern mehr wie du!“.

Wie ich?“, und innerlich war ich plötzlich 3 Meter gross.

Ja, auch so ein Suchender. Da hast du es heute besser!“

Was soll daran heute besser sein?“ „Naja, weil du deinen Klugscheisser hast und er dir helfen wird“. „Hat er doch schon!“. „Nur ein wenig.“, sagte mein Klugscheisser. „Aber, du hast mir auch geholfen.“ Wie sollte ich ihm geholfen haben? Ich verstand nichts. Aber er schon und sagte: „Du hast dafür gesorgt, dass mein Bruder und ich wieder zueinander gefunden haben.“. Grossköpfiger Zueinanderbringen – die Idee hatte was. Und mein Vater sagte dann: „Seit du sprechen kannst, habe ich in dir immer ein Bild von meinem Bruder gesehen. Eine Art Ebenbild mit Eigenleben.“. „Ein Abziehbild?“. „Was für ein Unsinn!“, sagte men Klugscheisser, „Du bist ganz anders als ich!“. „Wie anders?“. „Du bist du, das hat mit mir nichts zu tun.“. „Was meinst du damit?“. „Das du selbst bestimmst, was du denkst, tust oder wissen willst.“. „Ich will alles wissen!“. „Dazu wird ein Leben kaum ausreichen!“. „Ich schaff' das!“. „Mehr als unwahrscheinlich! Alles zu wissen, heißt nicht alles zu verstehen. Und selbst wenn es so wäre, so ist es doch nur dein eigenes Verstehen.“. Alles versteht jeder anders. Das wußte ich schon, weil bei mir in der Klasse immer einige nichts begreifen. Aber nicht weil sie dumm waren, sondern einfach anders dachten – und das musst ja nicht falsch sein. Und da habe ich dann verstanden, dass ich zwar intelligent, aber keineswegs klug war. Da sah ich dann einige in meiner Klasse plötzlich mit völlig anderem Blick: Intelligenz ist kein Previleg, sondern eine Last – aber eine gute: Man muss sie nur posítiv sehen. Wie oft habe ich gelacht, wenn einer was nicht wußte und ihn für doof gehalten. Andersein ist nicht schlechter. Und „normalsein“? Hmmm, Norm, also angepasst, gleichförmig – das war ich ja auch nicht und wollte es auch gar nicht sein. Der Klugscheisser hat dann gesagt, dass der IQ nichts darüber aussagt, wie klug man ist, sondern wie klug man werden könnte. Also hatte das alles gar nichts damt zu tun, was ich hatte, sondern, was ich daraus mache. Und das ich es hatte, war ja auch nicht mein Verdienst, sondern wohl eher ein „Zufall“. Nichts, worauf ich stolz sein sollte, sondern eher eine Verpflichtung: Erlange Wissen, helfe anderen und mach dich klein, wenn du gross sein willst. Das hab ich natürlich nicht gedacht, sonder das hat der Klugscheisser natürlich gesagt. „Gib mir einen Rat: Was soll ich machen?“, sagte ich. „Ich gebe niemals Ratschläge. Ich kann dir nur sagen, wie ich es machen würde.“. Was sollte das jetzt wieder? „Was meinst du damit?“. „Das ich dir nichts zu sagen habe, sondern du auch aus dem, was ich dir erzähle eigene Schlüsse ziehen sollst.“. Man, das war ja fast schon Kinderarbeit. Aber es war richtig – wenn ich es nicht selbst rausfände, wäre ich nicht ich, sondern nur einer, derjenigen, die sich alles erzählen lassen. Das hatte auch mal mein Deutschlehrer zitiert: „John Lennon sagte einmal: Ich habe in der Schule eine Aufgabe gestellt bekommen: „Was willst du mal werden?“. Ich schrieb „Glücklichsein“. Daraufhin sagte mir mein Lehrer, dass ich die Aufgabe wohl nicht verstanden hätte und ich erwiderte,: „Doch, aber sie haben das Leben nicht verstanden!“. Da war er wohl etwa 6 Jahre alt. Und das passt voll auf mich. Ok, dass war jetzt nicht zitiert, sondern von mir nur so geschrieben, wie ich es dachte, aber es war so: Wenn du nicht glücklich bist, kannst du nur unglücklich sein. Und glücklich will ja wohl jeder werden. So einen Schlüssel... Aber glücklichsein um jeden Preis ging ja auch nicht. Mein kleiner Bruder war krank und ich irgendwie dazwischen und so kam es dann, dass ich zu meinem Klugschiesser-Onkel gezogen bin.

Jetzt werdet ihr natürlich denken, dass ich seinen Namen rausbekommen habe, wenn ich schon bei ihm wohnte, aber nix da.

Ich weiß nicht, wie er das gemacht hat und warum ich seinen Namen nicht wissen sollte – vielleicht, weil er dachte, ich würde dann im Internet nach ihm suchen; wer weiß. Aber er wird schon seine Gründe gehabt haben. Komisch war nur, dass meine Eltern mir auch niemals seinen Namen gesagt haben, nicht mal, als der Klugscheisser schon lange tot war.

Und die Zeit bei ihm war verrückt. Ich meine im Sinne von: Was er machte, was er sagte und wie er sich benahm. Ich habe niemals vorher oder danach wen gekannt, der so in sich ruhte, den nichts und niemand aufregen konnte. Er nannte das „stoisch“, was soviel heißt, dass man in sich ruht. Was aber nicht heißt, dass man sich alles gefallen läßt, aber eben sachlich dagegen vorgeht. Und es hat mich aufgeregt, dass es sich nie aufregte. „Was brächte es, wenn ich mich aufregte? Das würde nichts ändern!“. Ob ich je woweit wäre, auch so sein zu können? Mich regete nämlich dauernd irgendetwas auf. Und ungeduldig war ich auch. Was mich aufregte? Wenn einer drum rum geredet hat – auch wenn mein Klugscheisser das eigentlich dauernd macht. Das meine ich auch nicht, sondern wenn jemand „sinnlos“ daher redete. Ich war ja nicht blöde und wußte, wenn nur was „blabla“ war oder was dahintersteckte.

Und dann stellte er mir eine wichtige Frage: „Hast du schon mal davon gehört, das jemand sagt, er wäre nicht mehr der Jüngste?“. „Klar! Oder auch: Ich bin kein D-Zug! Warum fragst du?“. „Weil mich interessiert, was du darunter verstehst.“. „Naja, dass einer eben nicht mehr so schnell ist.“. „Soweit richtig, aber denke um die Ecke, was den „Jüngsten“ angeht.“. „Man ist doch eigentlich nie der Jüngste.“. „Wie kommst du darauf?“. „Weil man ja nach der Geburt immer gleich wen danach hat, der noch jünger ist!“. Da hat er mich zum ersten Mal mit offenem Mund angesehen und sagte einfach nur: „Respekt!“.

Das habe ich lange nicht verstanden, weil das doch jeder weiß. Bis mir dann klar wurde, dass er wollte, dass ich immer mehr, als nur die Oberfläche betrachte, auch mal den Blickwinkel wechselte und mich nicht darauf verlasse, dass stimmt, was andere sagen.

 

Und dann kam die Weihnachtszeit, in der ich dann das zweite „Respekt“ bekam. Im Grunde war da gar nichts besonders passiert. Eine Verkäuferin hatte lediglich gefragt, ob ich mich darauf freuen würde, dass morgen Weihnachten sei. Ich habe gesagt: „Morgen ist erst Heiligabend. Weihnachten ist erst ab übermorgen.“. Sie wollte das sicher nicht so sagen, aber hat es eben dann doch gesagt, wenn auch kaum hörbar, in ihren „Bart“ gemurmelt: „Klugscheisser!“. Und ich dann: “Nee, nur ein Grosskopf!“, und zeigte mit dem Daumen rücklinks auf meinen Onkel; „das ist der Klugscheisser!“. Danach habe ich ihn nie wieder so laut lachen gehört – und die Verkäuferin musste auch grinsen.

Geschenkt haben wir uns dann alle nichts, außer, dass wir zu fünft zusammen waren. Und Niklas' „Eo“ war wie ein Weinachtslied. Und ohne Geschenke war das das größte Geschenk, weil das Nehmen und Geben eben nicht in materiellen Dingen steckte, sondern in uns, Soweit hatte mich mein Klugscheisser-Onkel schon gebracht: Ich wollte gar nichts anderes, als reden und Nähe. Denn reden bringt Wissen und Nähe bringt Glücklichsein.

Den Silvester verbrachten wir auch zu fünft, wenn dieses mal auch ohne Raketen und sowas. Wir haben einfach nur Trivial Pursuit gespielt – und da habe ich mich innerlich wieder aufgeregt, weil ich einfach keine Chance gegen meinen Klugscheisser hatte. „Nur, weil du die leichteren Fragen bekommen hast!“, sagte ich. „Eine Frage ist nur so schwer zu beantworten, wie dein Wissensschatz ist! Und über gewinnen und verlieren hatten wir ja schon gesprochen.“. Stimmt... im Verlieren kann man auch gewinnen. „Jetzt weiß ich schon mal mehr!“, sagte ich. „Dann vielleicht noch eine Runde?“, erwiderte mein Onkel. „Diesmal bist du dran!“, prophezeite ich ihm. „Der Tag, an dem du mich in diesem Spiel schlägst kommt sicher, aber nicht heute!“. „Klugscheisser.“ flüsterte ich. „Ach, Grosskopf. Alles immer und sofort? Du bis 9, keine 30. Lass dir doch mal Zeit auch Kind zu sein!“.Ich Kind sein? War ich das jemals? Klar sagt man, das wer ein Kind ist, aber wer bestimmt, wann das aufhört? Und wer bitte sagt, dass man nicht auch als Erwachsener ein Kind sein kann? So war mein Klugscheisser-Onkel nämlich: Der hatte auch nur Unsinn im Kopf. Dauernd hat er mich geärgert und heute weiß ich auch warum: Er wollte meine Wut austreiben. Aber worauf ich wütend war, habe ich auch erst viel später verstanden.

 

 

Ich habe dann auf's Gymsaium gewechselt. Leider war das wie auf meiner alten Schule: Die selben dummen Scherze, doofen Sprüche und das „Ich trage Trend-Klamottengehabe“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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