Heinz Lechner

Katzenaugen

Es war eine fade Gesellschaft und ich passte zu ihr. Oft genug sind Gespräche langweilig, dann trinkt man eben mehr und angeheitert greift man lieber in uninteressante Unterhaltungen ein. Aber heute hatte ich einfach keinen Durst.
Die anderen unterhielten sich über Katzen und andere Haustiere und ich sass stumm dazwischen, denn es war wiedermal nicht mein Thema.Beim Stichwort „Katze“ musste ich an ein bestimmtes Mädchen denken. In die war ich immer noch so richtig verliebt.

Ich gehörte zu einer Clique, die sich regelmäßig in einer Disco traf. Dieses Mal war eine „Neue“ dabei, die jüngere Schwester eines Freundes hatte sich überreden lassen. Wir verstanden uns auf Anhieb und so war es kein Wunder, dass es im Laufe des Abends zwischen uns funkte und wir nur noch Augen füreinander hatten. Die anderen bemerkten dies und entfernten sich diskret von uns. So sassen wir unbehelligt von der Menge in einer ziemlich dunklen Ecken und schmusten bis wir schließlich als letzte Gäste freundlich, aber bestimmt aufgefordert wurden, nun nach haus zu gehn. Ihr Bruder hatte im Auto noch auf sie gewartet und wir verabschiedeten uns, ohne ein nächstes Treffen vereinbart zu haben. Das war unklug von mir gewesen. 
Zwei Tage später, - das war ein Montag - wurde mir an meinem Arbeitsplatze sitzend so richtig bewusst, dass ich eigentlich immer nur an dieses süsse Mädchen dachte. So beschloss ich meinen ganzen Mut zusammen zu nehmen und sie kurz vor Betriebsende in ihrer Arbeit zu besuchen. Sie hatte gerade einen Studentenjob in einem Kaufhaus.
Also fuhr ich nach Feierabend los, nicht ohne mich noch etwas angehübscht zu haben. Ich irrte im Kaufhaus umher und besah mir alle Verkäuferinnen. Aber sie war nicht zu sehen.Es wurde bald 20 Uhr und das Kaufhaus schloss.Ich wartete vor dem Ausgang, - vergebens. Entweder war sie von mir übersehen worden und unerkannt „durchgeschlüpft“, oder sie hatte vielleicht ihren freien Tag.
Daraufhin nahm ich mir vor, es morgen nochmal zu versuchen. Dann fiel mir ein, dass sie sicherlich S-Bahn - Fahrerin sein müsste. Ich lief zur nahen Haltestelle. Dort standen eine Menge Menschen, - Pendler.Aber sie schien nicht darunter zu sein. Kurz bevor ich meine Suche aufgeben wollte, entdeckte ich am Ende des Bahnsteigs, dort wo das Wartehäuschen stand, noch eine Gruppe von Personen. Hier wollte ich nochmal nachsehen.
Sie saß im Wartehäuschen und war freudig überrascht, mich zu sehen. Wir gingen in ein kleines Lokal, tranken ein wenig und kamen uns näher. Später, in meinem Auto sitzend küssten wir uns endlich.Weshalb keine längere Freundschaft daraus wurde, kann ich heute nicht mehr erklären. Sagen wir einfach: wir waren zu verschieden.Wenn ich heute an sie denke, sehe ich vor allem ihre traurigen, braunen Augen vor mir. Das Mädchen hatte ein lustiges, versponnenes Wesen, aber Augen, die nicht zu ihr passten, - so traurig.
Mir fällt ein, dass ich diese Augen schon einmal gesehen hatte. Vor langer Zeit.

Es war eine Winternacht. Eine Katze lag auf der vereisten Strasse, ein Autofahrer hatte sie überfahren und war einfach weitergefahren. Die hintere Hälfte ihres Körpers war zerquetscht und klebte auf der Strasse. Die Katze lebte noch. Ihre Vorderpfoten kratzten auf dem Schneeboden. Wir sahen uns an und mir war, als ob diese sterbenden Augen mir etwas sagen wollten und ich zu dumm war, es zu verstehen.
Ich stand hilflos vor ihr und wusste nicht, was zu tun wäre. Das Tier gab leise Wehlaute von sich.Aber schon kam eine ältere Frau aus ihrem Haus. Sie musste den Vorgang des Unglücks beobachtet haben, denn sie war schon mit einer Schaufel bewaffnet. Damit machte sie dem Leiden des Tieres ein Ende.
Und jenes Mädchen mit den traurigen Augen? Ein paar Tage später hatten wir uns zum Kino verabredet. Den Film weiß ich nicht mehr, auch unsere Unterhaltung danach blieb mir nicht im Gedächtnis, aber es war eine kalte Winternacht, als wir uns im Auto mit einem geschwisterlichen Kuss und dem gegenseitigem Versprechen, gute Freunde bleiben zu wollen verabschiedeten.

Mit den Worten : „da träumt aber einer“ wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Die “Katzen - Unterhaltung” war beendet und ein paar Freunde aus der Clique verabschiedeten sich zur Nacht. Nur der harte Kern blieb sitzen. Natürlich gehörte ich dazu.
Aber diese Geschichte habe ich für mich behalten.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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