Klaus Mattes

Der philosophische Verlag / 8039

Einmal eröffnete sich mir die Chance zu vier Wochen Praktikum in einem Philosophieverlag. Klingt so was von, aber wenn du dann weißt, dass du vier Wochen lang Adressen anders portioniert und einen Kopierer gefüttert hast, um deinen Arbeitswillen zu demonstrieren, hat sich's von wegen Verlag und Philosophie und Geistesgermanistentum.
Mit einem Vertrag musste der Verlag sich auf vier Wochen unbezahlter Beschäftigung festlegen. Dabei blieb es, damit hatte sich das. Schriftlich beurteilen musste sie mich nach den vom Bildungsträger vorgegebenen Kriterien. Am zweiten Tag des Aufenthalts erfuhr ich vom Verleger und dessen Gattin, dass sie übermorgen in Urlaub fliegen würden und vor Mitte Oktober nicht zurück wären. Sie flogen in die USA. Diese, mir gänzlich unbekannten Menschen hätten mir vermutlich auf mein Anerbieten, bei ihnen kostenlos vier Wochen lang zu arbeiten, ebenso abgesagt, wie 15 andere vor ihnen das getan hatten, bei denen ich mich telefonisch um den Einsatz bemüht hatte. Anscheinend konnte dieses Ehepaar aber nicht ganz einfach Nein sagen, weil nicht ich, sondern für mich einer vom Bildungszentrum angefragt hatte, mit dem die Frau privat früher mal irgendwie dicke gewesen war.
Der Verlag trug einen Doppelnamen, von dem der eine sich auf einen seit 200 Jahren toten Pietisten in Halle an der Saale bezog, der andere dem Vater des jetzigen Verlegers gehört hatte, der ihn in den Nachkriegsjahren gegründet und vor allem mit der nie endenden Herausgabe einer kritischen Gesamtausgabe eines liberalen katholischen Philosophen aus dem 19. Jahrhunderts in Fachkreisen zu einigem Ansehen geführt hatte.
Sämtliche Einzelbände der monumentalen Ausgabe lagen griffbereit auf Holzregalen im Keller und kosteten jeweils die Kleinigkeit von etwas über 300 Euro. Allerdings nicht von ihnen her verdankte sich der wochenlange Westküstenurlaub oder die Espressomaschine in der Küche, sondern einem vom Gründersohn entwickelten Geschäftsmodell, das man als Vanity Publishing bezeichnen könnte.
An zahlreichen Hochschulen gibt es im Bereich der Geisteswissenschaften Lehrende, die fürs Einschwenken in ihre ordentliche und langfristig gesicherte Karriere eine beeindruckende Veröffentlichungsliste brauchen, die nicht nur viele Artikel in Zeitschriften, Festschriften und Sammelbänden enthält, sondern auch eigenverantwortete Monografien. Jedoch wegen der wirtschaftlichen Risiken, mit denen die Publikationen solcher Monografien behaftet sind, weigern sich einschlägige Verlagshäuser manchmal, derartige Titel, ungeachtet ihrer tatsächlichen Inhalte und Verdienste, zu machen und zu verkaufen. An dieser Stelle kam der kleine, nur den Fachleuten bekannte philosophische Verlag mit seinem guten Ruf ins Spiel. Innerhalb seines, im Laufe von Jahrzehnten gewachsenen Programms konnte man Novitäten von eher Unbekannten in kleinen Auflagen veröffentlichten, die dann von manchen Fach-Bibliotheken automatisch erworben wurden, dies wiederum zu horrenden Preisen. Auf diese Art hatte man als Autor eine halbwegs realistische Perspektive, die vorderhand für die Gelegenheit zur Veröffentlichung ausgegeben Gelder wenigstens irgendwann und teilweise wieder zurückzubekommen.
Mit anderen Worten, es handelte sich um die Produktion von und den Handel mit ganz exklusiven Luxusgütern, bei dem die verkäuflichen Artikel eher wie gelegentliche Tropfen ins Haus fielen beziehungsweise aus diesem dann auch wieder hinaus. Es herrschte in allen Büros ein ruhiges und entspanntes Arbeitsklima, wobei nach äußersten Qualitätsstandards verfahren wurde. Jede Seite eines Manuskripts ging x-mal zwischen Autor und Lektor hin und her. Niemals durfte durchrutschen, dass etwa in einer Fußnote an der einen Stelle von S. 263f. die Rede war, an einer anderen Stelle jedoch von den Seiten 17 und 18.
Der Lektor des Hauses war Herr Volker Zeihle, dem zu dieser Zeit schon seit nahezu einem Jahr ein examinierter Philosoph aus Ostdeutschland zur Seite stand, der in Bälde in seine Heimat zurückkehren und dort promovieren würde. Meines Erachtens verströmte der junge Mann eine Art intellektuellen, diffus schwulen Sexappeals wie vielleicht ein jugendlicher Michel Foucault das getan hätte. Seine Frisur wies stark in dessen Richtung wie auch die Form seines Schädels. Jeglichen forschenden Blick meinerseits ignorierte der diskrete junge Mann mit einer Unberührtheit, die mir dann doch fast eingeübt vorkam. Also, wir hatten fast nie miteinander zu schaffen, da er sich ausschließlich der Zuarbeit für Herrn Zeihle widmete, welcher seinerseits sehr selten durch die vorgelagerten Räume tigerte und sich ansonsten hinter sorgsam verwahrter Tür an den Manuskripten gütlich tat.
Jahre später sollte ich dem virtuellen Volker Zeihle in Gestalt eines Blogs begegnen, der gediegen aufgemacht und mit schönen Fotos versehen war, sich hauptsächlich Fragen der Kulinarik und des Wandelns in einsamen Landschaften annahm, etwa in jener bedächtig gehaltvollen Weise, wie noch ein Hermann Lenz sie gepflegt hatte. Nur auf die Schnelle las ich dort hinein in einen Text, offenbar einen ganz untypischen, denn es ging um den Kinofilm „Sicario“. Schnell kam ich zum Schluss, dass (1.) ich das auch kann, (2.) selbst Volker Zeihle als professioneller Lektor es bisweilen nicht sieht, wenn er zu Nichts-sagt-es-Ausdrücken Zuflucht nimmt. Filme sind eindrücklich und eindrucksvoll, Romane fulminant und furios. 3) es aber ja alles nur ein Ego-Blog und letztlich nutzlos war, 4) es aber sehr sauber geschrieben und wirklich angenehm zu lesen war. Kollege Zeihle hatte seine Apercus mit weit größerer Zuverlässigkeit zum vollendeten Abschluss geführt, als ich das je könnte. Wieder mal konnte ich erleben, wie brillant man formulieren kann, ohne irgendetwas zu hinterlassen, was irgendwer je bräuchte.
Im philosophischen Verlag musste ich pro Woche immer nur 37 Stunden arbeiten und hatte Gleitzeit. Täglich selten vor halb zehn kreuzte ich auf, am Ende schließlich erst um zirka 10.10 Uhr. Alle Kollegen, die ich im villenartigen Gebäude erlebte, es gab da auch noch eine Dame, die sich in ihrem Büro ziemlich eingemauert hatte, sowie eine weitere, die ihrerseits ebenfalls verreist war, sie waren mir durchaus angenehm. Die Arbeit verlief konzentriert und ohne Druck. Was ich von vergleichbaren Intermezzi noch nicht kannte: Ich kam in keine einzige Stresssituation, spürte niemals Angst und versagte dann auch nicht.
Obwohl es wie das Paradies der Werktätigen wirkte, war es für mich die Hölle und ich wollte es nur durchstehen, sonst nichts. An jedem Tag sagte ich mir: „Da wirst du durchkommen.“ Als es zu Ende war, empfand ich eine Art inneren Zusammenbruch. Nicht etwa, weil ich den philosophischen Verlag verloren hatte, sondern weil mein ganzes Leben mir mit einem Mal sinnentleert vorkam wie das, was ich in diesem Verlag erlebt hatte.
Aberhunderte Seiten von Ausdrucken scannte ich ein. Diese Scans (der Scanner konnte nur bis zu einer bestimmten Größe Stapel zusammenbinden) verkettete ich digital, um dann auch sie wieder auf weiteren Aberhunderten Blättern auszudrucken. Vierhundert Mal tütete ich die feine Verlagszeitschrift ein, legte einen Adresszettel obenauf und strich eine Klebefolie darüber. Ich hatte drei Excel-Tabellen, aus denen ich die freien Felder eines zu verschickenden Serienbriefs mit Namen, Anreden und Zeitschriftentiteln befüllte. Allen an einem Sammelwerk mitwirkenden Wissenschaftlern wurden die aus diversen Medien kopierten Rezensionen über dieses Werk zugestellt. Hierfür waren fünfzig Stapel mit den Kopien zu erzeugen sowie noch zwei weitere fürs eigene Haus. Anschließend fünfzig Umschläge zu befüllen, zu verkleben, zu frankieren, was in diesem Fall maschinell zu machen war. Allerdings unter Einsatz unterschiedlicher Folien, je nachdem wie dick der Stapel für den jeweiligen Autoren ausgefallen war.
Von den zwei Rezensionssammlungen fürs eigene Haus wurde die eine getackert und auf den Tisch der Werbeabteilungsfrau gelegt, die vielleicht einige Zitate für Werbezwecke einsetzen konnte. Das zweite Exemplar wurde in die Hängeordner, also die Ablage, einsortiert.
Denselben Weg nahmen die gesammelten Lieferscheine des vergangenen Vierteljahrs. Ebenso wurde mit den Lieferscheinen des Watt-denn-watt-Verlags verfahren, eines populärökologisch-kulinarischen Nebendings, das man dem etwas verknöcherten Verlag nicht zugetraut hätte. Dann ging es runter zu einer Palette voller, seit 2005 eingelagerter Verlagsverzeichnisse. Ich schnitt die Verpackung auf, trennte Kunststoff von Papiermüll, karrte alles zu den korrekten Containern. Von vergangenen Büchertischen lagen auch noch etliche Schaustücke herum. Sie hatte ich in die Regale zurück zu sortieren.
Nehmen wir eine fiktive Platznummer: III,3,b. Mit der römischen Ziffer ist ein bestimmtes Regal gemeint. Ungerade sind links, die geraden rechts. Die jeweiligen Regalabschnitte lassen sich aus der arabischen Zahl ersehen. Auch hier bedeutet ungerade links. Dann entspricht jedem Stockwerk des Regals ein kleiner Buchstabe, a ist ganz unten am Boden, b ein bisschen höher. Obwohl ich 52 Jahre alt war und seit mehreren Jahren Hartz-IV-Empfänger, brachte ich all diese mir anvertrauten Arbeiten erfolgreich zum Abschluss.
Ungefähr ein Drittel der vier Wochen Philosophieverlag war ich damit beschäftigt, die zirka 1800 Eintragungen in Outlook dergestalt aufzufrischen, dass sie nunmehr einheitlich aussehen. So standen endlich überall die Anredeformen Herr oder Frau vor den Namen und ebenso das Dr. oder Dipl. Psych. Auch standen diese akademischen Grade nun nicht mehr in der Zeile „zweiter Vorname“, sondern direkt im Anschluss hinter Herr oder Frau. Aufgrund meiner Umkopierungen und des erneuerten Abspeicherns kam zum ersten Mal allenthalben die „Firma“ (also die Hochschule und das Institut) ganz oben auf der Adresskarte, gleich nach den Anreden, Titeln und Namen, und dafür waren sie weiter unten aus den Fächern für „Notizen“ verschwunden. Viele der gespeicherten Adressaten hielten sich im Ausland auf. Bei ihnen tilgte ich das der Telefonnummer vorangestellte +49.
Über ein weiteres Drittel meiner Zeit unterhielt mich das Scannen historischer Autorenverträge aus den ersten vier Jahrzehnten der Verlagsgeschichte. Alles steckte in alten Klarsichtfolien, deren Qualität nachgelassen hatte, und musste zuerst einmal herausgenommen und der diversen Büroklammern und Hefternägel entkleidet werden. In aller Regel war das Material beidseitig beschrieben. Auch darauf musste beim Einscannen Acht gegeben werden. Der Scanner konnte automatisch beidseitig arbeiten, erlaubte sich hierbei aber immer wieder Fehler. Der herausforderndste Teil dieses Scannens alter Verträge stand aber noch bevor. Um ihn, falls das Bedürfnis danach je kommen sollte, wiederfinden zu können, sollte jeder einzelne Scan einen individuellen, sinnvollen, hilfreichen Namen tragen. Unbedacht lief ich in diese Aufgabe hinein und ließ alle Scans mit dem umgedrehten Datum ihrer Vertragsunterzeichnung beginnen, das jeweilige Jahr also vorne, auf dass schließlich alle Vertragsunterlagen in chronologischer Reihung aufsteigen würden. Jedoch hatte ich mich hiermit verurteilt, jedes einzelne dieser Daten korrekt zu lesen und abzuschreiben, ja, erst einmal zu finden, denn es kam durchaus nicht in jedem einzelnen Fall ganz am Schluss des Schriftsatzes. All meine Arbeiten kontrollierte, solange ich noch im Verlag war, niemand. Ich hätte ganz einfach alle Verträge so nehmen können, wie sie in den Ordnern abgeheftet waren, und in einer Tour durchnummerieren, 1, 2, 3. Doch als ich das merkte, war es zu spät. Ich steckte zu tief drin.
Ganze vier Wochen war ich in dem philosophischen Verlag und habe mich standhaft allen Versuchen zur sozialen Integration in die kleine Verlagsfamilie entzogen. Dort kochten sie immer schnell ihr Mittagessen zusammen auf. Auch die Küche befand sich im Keller. Über paar Stufen ging es hinauf in den Garten hinter dem Haus, wo sie gemeinsam aßen. Mir ist es zum Einen nicht möglich, in einer halben Stunde zu kochen, zu essen und abzuwaschen; dazu war ich nicht willens, meine verschiedenen Fressalien jeden Morgen über eine Stunde Zugfahrt herbei zu transportieren. Ich zog vor, in einen, nur wenige Schritte entfernten Park zu gehen, zuerst fünf Minuten lang eine Zigarette zu rauchen, am Ende der halben Stunde noch eine. Dazwischen verzehrte ich ein belegtes Brot. Mit der Hofrunde wäre es so nicht gegangen, weil sie dort alle Nichtraucher waren.
Vom Konzept her, das der für mich zuständige Bildungsträger mit dem Jobcenter vereinbart hatte, war vorgesehen, dass solche Praktika einem helfen sollten, einen Fuß in die Tür zum ersten Arbeitsmarkt zu bekommen. Mindestens ein Werkvertrag oder ein Teilzeitjob hätte abfallen dürfen. Als ich dort war und arbeitete und als es zu Ende ging, war von Derartigem nicht die Rede. Ich bekam ein gutes Zeugnis zugeschickt, das von einem Chef unterschrieben worden war, der mich nur an drei Tage gesehen hatte.
Wenn mich das Praktikum auch nicht weiter brachte, so hätte ich mich darüber freuen müssen, dass ich endlich wieder wie ein normaler Mensch arbeiten konnte und daraus den Wunsch ableiten, Ähnliches bald wieder zu erleben. Aber nein! Gott bewahre, dachte ich.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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