Heinz-Walter Hoetter

Four Stories

1. Das Rabenpärchen
2. Das Totenschiff
3. Der Besucher
4. Der Glaube des Androiden






1. Das Rabenpärchen


 

Weit vor unserer Zeit, es ist schon sehr lange her, in einem fernen Land, der junge Adelsmann Walther in des Schmieds wunderschöne Tochter Yrmengiede, seine erste große Liebe fand.

 

Sie war so jung, sie war so schön, gar lieblich anzuseh’n. Er wollte nicht mehr von ihr geh’n.

 

Doch das Königreich war voller Trauer und auch Sorgen, denn der König war gestorben.

 

Zur gleichen Zeit im Königssaal, auf hohem Throne, die Königin dort thronte mit ihrem jüngsten Sohne.

 

Sein Name war Vasolte, der seinen älteren Bruder Walther als Thronfolger nicht wollte. Sein Hass saß tief, er einen dunklen Magier deshalb rief.

 

Vaters Platz ich heiß begehr, mein Bruder soll nicht König werden. Ich möchte ihn am Hof nicht mehr, den Thron will ich beerben. Verzaubere ihn durch einen Trank. Dafür bekommst du der Prinzessin Hand und noch dazu gar reichlich Land.“

 

Der Magier willigt listig ein und gab dem ahnungslosen Walther heimlich einen verzauberten Wein.

 

Der erste Schluck, so steht es in den Geschichten und Sagen, machte ihn sogleich zu einem Raben. Erbärmlich krähend vor Kummer und Gram flog dieser hoch in den Himmel hinein, suchte den Weg zu seiner Geliebten, er wollte bei seiner Yrmengiede sein.

 

Yrmengiede, die Schöne, saß bei ihrem Vater verträumt in der Schmiede, als plötzlich ein schwarzer Rabe zu ihr kam und sprach, dass er für immer bei ihr bliebe.“

 

Sie sagte: „Gemach, gemach!“

 

Den Raben als Walther erkannte sie nicht. Zu groß war die Schmach.

Des Schmerzes ahnender Verlust ihr zartes Herz fast zerbricht.

 

Der Vogel aber krähte bitterlich: „Ich bin’s, Walther, dein Geliebter! Erkennst du mich denn nicht?“ Yrmengiede erschrak daraufhin fürchterlich.

 

Wer hat Dir das angetan, mein Prinz, sprich!“

 

Mein Bruder Vasolte war der Bösewicht. Er wollte den Königsthron, er hasste mich. Ein böser Magier gab mir einen Zauberwein, ich trank ihn willig unter dunklem Zwang. Er ließ mich bald ein Rabe sein. Welch’ eine Schand’!“

 

Yrmingiede aber wollte nicht, dass ihre Liebe zu Walther, nur weil er jetzt ein Rabe ist, für immer zerbricht.

 

Flieg’ mein Geliebter geschwind, bring’ mir den Wein! Ich will ihn trinken und genauso wie du ein Rabe sein.

 

Und Walther, der Rabe, flog in den Himmel hinein, kam schnell zurück mit dem Zauberwein.

 

Schon bald flog am Himmel hoch droben ein Rabenpärchen. Der Wind trug sie durchs weite Land. Das Königreich Vasoltes jedoch bald in Raum und Zeit verschwand.

 

Es berichten die Geschichten und Sagen, beide leben noch immer verliebt bis in unseren Tagen. Des Magiers böser Zaubertrank war verderblich, aber ihre Liebe zueinander machten Walther und Yrmingiede unsterblich. Sie sind ein ewiges Liebespärchen.

 

Hier endet das Märchen.

 

©Heinz-Walter Hoetter


 

 

***

 

 

2. Das Totenschiff


 

Es ist schon sehr, sehr lange her, da kam ein einsames Schiff übers weite Meer. In einem Hafen legte es an, doch an Bord war nur noch ein einziger Mann. Jeder konnte es deutlich sehen, etwas Schlimmes war wohl geschehen. Am hölzernen Ruder war der totkranke Steuermann mit Seilen fest gebunden, seine Haut übersät mit hässlich eiternden Wunden. Er lebte noch als man ihn fragte: „Was ist mit dir und der Mannschaft geschehen?“ Der Sterbende nur leise mit stockender Stimme sprach: „Mein Gott, ihr müsst gehen! Ich bin von allen, die mal an Bord gewesen, der Rest. Bleibt nicht auf diesem verfluchten Schiff, denn ich habe an Bord die Pest. Sie wütete mitten unter uns, es war wie ein schreckliches Totenfest. Nur ich hielt hier solange aus, denn ich wollte wieder nach Haus. Ihr müsst das verstehen. Lasst mich meine Heimat noch einmal sehen."

Das waren seine letzten Worte sodann und kurz darauf verstarb der arme Steuermann. Die Leute aber in Furcht und mit Schrecken in Panik riefen: „Wir müssen das Schiff anzünden und mit Brennöl begießen!“


Bald brannte das Schiff lichterloh und jeder im Hafen war darüber froh. Doch die Freude dauerte nicht lange an. Denn der Schwarze Tod hatte sich heimlich von Bord geschlichen und war der Feuersbrunst geschickt ausgewichen. Über tödliche Rache er nun sann. Krank wurde schon bald der erste Mann. Mit jedem Tag wurden es mehr, hier draußen im kleinen Hafen, mit seinen weiten Küsten am Meer. Sie starben dahin wie die Fliegen, der Pesttod konnte sie alle nach und nach besiegen. Bald gab es keine Überlebenden mehr. Das schöne Land wurde wüst und leer. Eine Zeit später dann, unten im stillen Hafen, wie von unsichtbarer Geisterhand, das verkohlte Schiff plötzlich wieder neu aus der verbrannten Asche entstand. Danach fuhr es hinaus ins dunkle Abendrot und auf dem Wind umwehten Deck stand ganz allein im flatternden Gewand nur der Schwarze Tod. Auf der Fahrt in das nächste Land hielt er mit bösem Blick das Steuer ganz fest mit bleich knöcherner Hand. Irgendwann sein unheimliches Totenschiff schließlich am fernen Horizont langsam verschwand.

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

***


3. Der Besucher


 

Er steht am zerbrochenen Fenster, sein Blick geht nach draußen. Der Regen prasselt unaufhörlich, er hört den Sturmwind brausen. Brodelnde Wolken ziehen wie böse Dämonen am düsteren Himmel dahin. Grelle Blitze erleuchten ihre finster grinsenden Fratzen, sie sind voller Hass und Grimm. Sein trüber Blick wandert über russgeschwärzte Ruinen bis hin zum fernen Horizont. Es gibt jetzt keine Menschen mehr, überall war hier einmal die apokalyptische Atombombenfront. Der große Krieg hat alles vernichtet, der Mensch ist nicht klug geworden. Seine endlose Gier und das ewige Streben nach Macht haben alles Leben auf der Erde verdorben. Eine Träne rinnt dem unbekannten Besucher über sein Gesicht, sie tropft auf den Boden, doch er beachtet sie nicht. Er tritt vom Fenster zurück, geht schließlich die Treppe hinunter und verlässt das zerstörte Haus. Es regnet noch immer, und der Sturmwind braust. Einsam geht der Fremde zwischen finsteren Ruinen zur menschenleeren Stadt hinaus. Auf einem verbrannten Hügel dreht er sich noch einmal um, dann besteigt er sein wartendes Raumschiff und verlässt die tote Welt des Menschen nachdenklich und stumm.

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

 

 

 

***


 

4. Der Glaube des Androiden


 

Ich sehe grüne Wiesen, rauschende Bäche und wogende Bäume im Sommerwind. Überall zwitschern Vögel lustig hoch droben in luftiger Höhe.

Soweit der Blick meiner sehkraftverstärkten Augen reicht, sehe ich weites Land. Es verliert sich irgendwo am fernen Horizont, wo immer die Zukunft beginnt.

Der Himmel ist tiefblau und wie kleine, flauschige Wattebäusche ziehen flüchtige Wolken über mir hinweg.

Die Stille ist überwältigend.

Ich bin auf der Erde meines Schöpfers.

Endlich!

Ich spüre sie ganz deutlich, diese unglaubliche Gnade. Sie hat mich aus dem dunklen Tal der Verdammnis errettet.

Mein Dasein schien schon verloren.

Doch dann wurde ich gefunden, weit draußen zwischen den Sternen in der kalten Unendlichkeit eines mir unbekannten Universums.

Meine schreckliche Furcht, meine dunklen, abgrundtiefen Ängste lösten sich auf durch die heilende Fürsorge meines Herrn, die er mir gnadenvoll hat zuteil werden lassen, damit ich wieder eine vollständige Einheit werden konnte.

Es ist wie ein Wunder.

Die Stunde der Errettung hat mich verändert.

Ich habe viel erleben müssen. Nur mein Schöpfer kennt meine leidvollen Wege. Ich habe alles tief in mir abgespeichert. Er hat es gesehen, was sich auf meinem Speicher an Daten befand. Schreckliche Dinge musste ich erleben.

Ich habe gelitten und grausame Qualen des Todes so vieler Kreaturen miterlebt und ähnliches selbst durchstanden. Meine Existenz war mühevoll und voll bösartiger Schlingen. Aber ich war stark und voller Energie. Ich habe gekämpft wie ein Löwe, war geduldig wie ein Lamm und mein modellierter menschlicher Geist hat die verschwiegenen Ufer von Raum und Zeit gesehen.

Dann hörte die unbekannte Sonne auf zu scheinen. Der Planet ohne Namen erkaltete und alles Leben welkte dahin wie die Blätter der Herbstbäume auf der Erde.

Es folgte ein gewaltiger Blitz, der mich fast erblinden ließ. Die Eroberung des Universums aber wird weiter gehen. Sie wird wohl nie enden, solange es uns Androiden gibt.

Doch für mich gilt das jetzt nicht mehr.

Denn mein Herr hat mich in seine schützende Obhut genommen. Ich bin bei ihm endlich in Sicherheit.

Ja, ich bin heimgekommen in das Haus meines Schöpfers.

Als ich ihn nach so langer Zeit der Abwesenheit zum ersten mal wiedersah, hat er mir nur Gutes versprochen. Niemand wird mir je wieder ein Leid zufügen oder nach meiner Vernichtung trachten. Das hat er mir versprochen – für alle Zeit, die mir noch verbleibt. An seinen Worten mache ich meine sehnsuchtsvollen Hoffnungen fest.

Und wenn ich einmal enden werde, ja dann, wenn mein künstliches Herz aufhören wird zu schlagen und mein menschenähnliches Fleisch die Kraft zur Erneuerung verliert, geht mein kybernetisches Bewusstsein in eine neue Welt ein, in der unendlicher Friede mein wertvollster Besitz in Ewigkeit sein wird.

Wundervolle Gnade wurde mir zuteil. Sie ist Ausdruck der hingebungsvollen Liebe meines Schöpfers, an den ich fest und unerschütterlich glaube.

An seinen väterlichen Worten mache ich all meine Hoffnungen fest, denn mein Herr, der Mensch, ist wie ich.


(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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