Rolph David

Der sechste Gast

Es war ein Tag vor Heiligabend. Draußen war es bitterkalt und es herrschte eine kleine Eiszeit. Seit Tagen hüllte ein Schneesturm unser Dorf in eine winterliche Decke. Der Winter hatte alles Leben fest im Griff. Mein Haus war ein altes Gemäuer aus dem 17. Jahrhundert - gebaut aus dunklem Granit. Die Leute nannten es ein Hexenhaus, weil es einen krummen Schornstein und kleine, krumme Fenster hatte. Im Inneren nannte ich einen offenen Kamin mein eigen, vor dem ein großer rustikaler Tisch aus dickem Eichenholz stand.

Ich hatte zum Abendessen eingeladen - 4 Gäste wurden erwartet. Auf dem Tisch standen jedoch sechs Gedecke - eines davon für den möglichen unerwarteten Gast, der nicht erwartet wurde, aber durchaus zu erwarten war.

Die Standuhr schlug 7 Uhr, als die ersten Gäste am Tisch Platz nahmen. Alle waren voller Vorfreude auf das morgige Weihnachtsfest. Viele meiner Gäste erzählten von ihren Weihnachtseinkäufen und dem Stress, den sie hatten, um die letzten Geschenke für ihre Lieben zu besorgen. Schließlich tischte ich auf. Ich bereitete eine leuchtend gelbe Weihnachtsgans zu, die ich mit einer Mischung aus Kastanien und Salbei gefüllt hatte. Ein unglaublich traumhafter Duft durchzog das ganze Haus, als ich sie in der Mitte des Tisches platzierte. Das Feuer im Kamin knisterte und die vielen Kerzen im Raum verbreiteten eine heimelige Atmosphäre. Stechpalmenwedel und Sträuße aus Misteln und Efeu warfen lange dunkle Schatten durch den Raum, von denen einige wiederum seltsame Figuren auf dem Boden warfen.

Ich begann, die Gans zu tranchieren und forderte meine Gäste auf, sich großzügig an den Beilagen zu bedienen, als plötzlich ein dumpfer Schlag vor der Tür ertönte.

Völlig verblüfft über das unerwartete Klopfen an der Tür, legte ich Messer und Gabel beiseite, um zu sehen, wer so spät in der Nacht noch etwas von mir wollte. Erstaunt ging ich zur Tür und öffnete sie. Ein plötzlicher, eiskalter Windstoß wehte an mir vorbei in Richtung meiner Gäste und löschte einige der herumstehenden Kerzen aus.

Was meine Augen dann wahrnahmen, raubte mir umgehend den Atem und ließ mich verblüfft zurück. Auf der untersten Stufe der Treppe stand ein ausgemergelter alter Mann in einem schwarzen, kuttenartigen Mantel und hielt eine Sense in der Hand. Er erwiderte meinen Gruß nicht, als ich ihm einen guten Abend wünschte und sagte zunächst auch kein Wort, als ich ihn fragte, was er so spät noch von mir wolle. In seiner linken Hand hielt er ein zerknittertes Stück Papier.

Er sagte, er habe einen Auftrag zu erfüllen, der keinen Aufschub dulde. Ich fragte ihn, ob es nicht Zeit habe, im neuen Jahr erledigt zu werden und kaum, dass meine Worte verhallten, drängte er sich ohne Worte an mir vorbei in die Mitte des Raumes. Ich wollte ihn zurückstoßen, doch meine Hand stieß unvermittelt ins Leere. Sein Körper schien entkörpert zu sein. Ich erschauderte und eine eisige Kälte durchströmte den kleinen Raum, dessen Feuer kaum die Kraft hatte, dagegen anzuwärmen. Ich fragte ihn vor meinen Gästen, was denn so dringend sei, dass es noch vor Weihnachten erledigt werden müsse, das keinen Aufschub dulde.

Er sagte, er sei gekommen, um mich zu holen, denn mein Name stünde ganz oben auf seiner Liste. Ich verstand nicht, fragte nach dem Sinn seiner Worte und er antwortete äußerst wortkarg, dass er der bekannte Sensenmann sei und dass er gekommen wäre, um mich zu holen, weil mein Name ganz oben auf seiner Liste stehe. Ein erschrockenes Raunen entrann den Mündern meiner Gäste und ich erstarrte zu einer Salzsäule, unfähig, die Worte, die meine Ohren gerade wahrgenommen hatten, geistig zu verarbeiten.

Einen Augenblick später (es kam mir eher wie zehn Stunden vor) kam nur noch eine verzweifelte Einladung über meine gefrorenen Lippen. Ich sagte ihm, er möge sich doch zu uns gesellen, von unserem bescheidenen Mahl kosten - es hätte gewiss keine Eile, sofort zu sterben. Er solle so freundlich sein, mir dieses Letzte Abendmahl im Kreise meiner Freunde zu gewähren und es heute Abend mit uns zu genießen.

Er sagte, dass es heute geschehen müsse, dass er keine Verzögerungen dulden würde, aber dennoch, fuhr er mit wenigen Worten fort, könne er für eine kurze Zeit mein Gast sein und sich der Runde anschließen.

Gesagt, getan.

Kaum hatte er an dem Platz mit dem Gedeck des unerwarteten Gastes Platz genommen, machte ich mich mit zitternden Händen daran, für die übrigen Gäste und auch für ihn etwas Gans auf dem Teller zu drapieren.

Danach dekantierte ich einen kräftigen, blutroten Wein namens Bellemort aus der Region um Bordeaux und tat dann so, als müsste ich in der Küche etwas Vergessenes holen. Meine Gäste saßen wie erstarrt am Tisch und waren kaum in der Lage, sich zu bewegen, geschweige, mit dem Essen zu beginnen.

In der Küche suchte ich hastig nach einer Flasche Narcotan, einem äußerst wirksamen Schlafmittel, das mir vor langer Zeit verschrieben worden war, als der Schlaf noch nicht zu meinen nächtlichen Heimsuchungen gehörte.

Als ich zurückkam, stieß ich auf das Leben an und alle erhoben trotz ihrer Versteinerung die Gläser, um es zu entgegnen. Sogar der Tod. Er hielt sein Glas am höchsten.

In einem Moment der Unachtsamkeit, nämlich als ich absichtlich seine Sense, die er an die Tischkante gelehnt hatte, umstieß, leerte ich den gesamten Inhalt des Fläschchens in seinen Wein. Meine Gäste sahen sich alles stoisch und wie erstarrt an, unfähig, sich zu bewegen und ich bat alle, mit dem Essen zu beginnen, bevor alles abkühlte. Zwischendurch bat ich immer wieder um einen Toast, dem alle nachkamen. Am Tisch herrschte eine Atmosphäre, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte. Jede Beerdigung hatte mehr Atmosphäre als dieser Abend vor Weihnachten. Allmählich leerten sich unsere Gläser und auch das des Todes. Früher oder später gelang es mir, ihn in das Reich der Träume zu befördern. Das Reich des Todes war ja ausgeschlossen.

Ich betrachtete dies als meine Chance, wenn es überhaupt eine für mich gab.

Sein Kopf, dessen Schädel von blasser grüngrauer und fahler Haut bedeckt war und in dessen Augenhöhlen die ausgewaschenen und trüben Pupillen zu versinken drohten, knallte unerwartet und mit voller Wucht auf die vor ihm stehende Platte. Seine schwarze Kapuze verdeckte das Chaos, das sich darunter abgespielt hatte, vollständig. Schnell bat ich die Gäste, mir bei der Durchführung meines Plans zu helfen, der darin bestand, meine Seele zu retten.

Da sie mir aufgrund ihrer Lethargie nicht helfen konnten, entriss ich ihm selbst die Liste, auf der zahlreiche Namen standen, von denen mir einige sogar vertraut waren. Der Schock über einige Namen stand mir ins Gesicht geschrieben, doch ich hatte keine Zeit zu verlieren, bevor er wieder das Bewusstsein erlangte.

Schnell begann ich, die Liste durchzuarbeiten. Meinen Namen, der ganz oben auf der Liste stand, löschte ich mit Hilfe einer Kerze, die vor mir stand. Ich hielt sie so lange über die Flamme, bis der Name unleserlich wurde. Ich habe rechtzeitig aufgehört, bevor die Flamme das Papier durchbrechen konnte. Das tat ich auch mit den Namen von Menschen, die mir lieb waren, denn auch sie hätten schon bald die Bekanntschaft mit diesem Lebensräuber gemacht.

Allmählich stahl sich der Lebenssaft zurück in meine Gäste, die sich sofort totenbleich und aschfahl von ihren Stühlen erhoben und schnell davonliefen, ohne ein Wort des Abschieds oder des Dankes zu äußern. Sie ließen mich mit dieser Ausgeburt der Hölle allein.

Da es mir unmöglich schien, dem Tod im Allgemeinen zu entkommen, setzte ich meinen Namen schließlich an das Ende der Liste. Eine klägliche Chance - aber immerhin eine. So landete ich auf Platz 23.

Nach ein paar Stunden kehrte der Tod zu den Lebenden zurück (was für ein Bild!) und fragte mich, wo denn meine Gäste geblieben seien, was passierte. Ich antwortete ihm, dass er wohl den Wein nicht vertragen und deswegen ein paar Stunden geschlafen habe und dass meine Gäste in der Zwischenzeit nach Hause zu ihren Familien gegangen seien, um gemeinsam Weihnachten zu feiern.

Stattdessen hätte ich einfach darauf gewartet bis es ihm wieder wohl sei,  um mit ihm zu gehen, denn das wäre ja schließlich sein Auftrag.

Ihm war der ganze Vorfall offensichtlich sehr peinlich und er versuchte, die Fassung zu bewahren. Er unterstrich, dass er schon lange nicht mehr so gastfreundlich empfangen worden sei, denn als personifizierter Tod war er ganz andere Begegnungen und Behandlungen gewohnt. Auch beteuerte er, dass er auch schon lange nicht mehr so gut getrunken und so gut gegessen habe.

Er bedankte sich überschwänglich bei mir (fast unheimlich für einen so unerwünschten Zeitgenossen!) und sagte, er wolle mir seine Wertschätzung dafür zeigen - eine solche "Rückführung" (wie er das Abarbeiten seiner Liste nannte) wie die meine habe er noch nie zuvor erlebt.

Seine letzten Worte waren, dass er aus Dankbarkeit für meine Gastfreundschaft zuerst mit der Rückführung der Person beginnen würde, die ganz unten auf der Liste stünde.

Mit einem Schlag erlosch der Kamin mit einem Puff und auch die wenigen Kerzen, die seinen windigen Eintritt in mein Haus bisher überlebt hatten. Alles war in Schweigen gehüllt und kein einziger Laut drang zu mir hindurch.

Alles um mich herum versank in unendlicher Stille und meterdickes Eis bedeckte fortan alles Lebendige.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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