Istvan Hidy

Der Schlepper

Der erste Reiseführer der Geschichte ist unser Held. Er benutzte mehrere Namen in seinem Leben. Geboren ist er als Sohn eines ägyptischen Pharaos, und er hieß ihn Amenophis der IV. Als er selbst Pharao wurde ließ er sich Echnaton nennen. Nach dem traurigen Tod seiner schönen Frau Nofretete, verschwand er ins Inkognito, dort wird er unter dem Namen Moses bekannt. So viel zur Voraussetzung, zu unserem Histörchen, doch noch einige Hintergründe zum Geschehen.

Seit Anbeginn der altägyptischen Hochkultur spielte die Sonne und ihre mythische Metaphorik eine zentrale Rolle. Der Schöpfergott Aton, wie ihn Echnaton konzipiert und durchsetzt, ist wirklich die alle Leben auf Erde spendierende Sonne, die durch ihre Strahlen Licht und Wärme und durch ihre Bewegung im Himmel die Zeit erschafft, und als es sich fälschlicherweise ergab, auf dieser Weise andere, bewährte Götter überflüssig macht. Echnaton hat – trotzdem, dass seit er in den ersten Regierungsjahren bezüglich seines Aton-Kultes und seiner theologischen, politischen und wirtschaftlich-sozialen Konsequenzen, nachweislich heftige Gegenwehr durch die traditionellen Götterkulte verspüren müsste –, seine Religionsabsichten auf radikale Weise durchgesetzt.

Um vollends mit der alten Religion zu brechen und sich der spannungsgeladenen Situation die Macht Thebens zu entziehen, ging der Herrscher noch einen Schritt weiter und verließ die bisherige Hauptstadt des Reiches, und verlegte seinen Regierungssitz an einen anderen Ort, an dem er eine neue Hauptstadt zu Ehren Atons gründete: „Achet-Aton“ - „Horizont des Atons“. Ausgewählt hatte er den Ort nach einem göttlichen Zeichen, das ihm von Aton gegeben worden war.

Als höchstwahrscheinlich gilt, dass die mit dem Aton-Kult in das Denken gebrachte Idee des Monotheismus Einfluss auf dessen Aus- und Fortentwicklung auf dem Arabischen Halbinsel hatte. Eine unmittelbare Wirkung auf die Herausbildung des jüdischen Monotheismus, wie ihn Sigi Freund zu erkennen glaubte, indem er davon ausging, dass Moses habe seiner Exodus-Schar „die vergeistigte Aton-Religion“ nahegebracht. Von dieser Hypothese ausgehend, schauen wir an, wie es sich damals abgespielt haben sein könnte:

Als Echnaton seine neue Hauptstadt bauen ließ, lies er jede Menge fremde Asiaten, als Gastarbeiter nach Ägypten einwandern, um seine neuen Bauvorhaben zu ermöglichen. Ohne Zweifel waren neue Städte zu finanzieren wesentlich fortschrittlicher und sogar leichter als Pyramiden zu bauen. Der Pharao war auch reich genug um alles locker, sozusagen leicht zu finanzieren, das war kein Problem. Das Problem schlich sich als Unheil ins Land. Die ständigen Einwanderungen und die Lebensverhältnisse der Gastarbeiter begünstigten es, verschiedene in Ägypten bisher unbekannten Krankheiten sich zu verbreiten. Unter anderem war die Pest davon als Todbringenden Epidemie das Schlimmste und Geschichten-entscheidende. Die Vertreter der in der oppositionellen Verbannung befindlichen Religionsanhänger der alten konservativen „Vielgöttergläubiger“ haben die Plage als Gottes Strafe angesehen und auch das Geschehen so unter dem Volk gebracht. Als in der 17. seiner Regierungsjahre danach noch Echnatons schöne, vom Volk hoch angesehene Frau Nofretete auch durch die Pest gestorben ist, war es Schluss mit der Eingott-Aton-Religion, mindestens in Ägypten. Echnaton konnte weder seine Eingott noch andere Götter mehr helfen. So geschah es, was geschehen musste.

Nach der Trauer um seine Frau entschied er sich aus seinem Land zu emigrieren. Ganz in Schwarz gekleidet, begann er sein neues Inkognito-Leben und er ließ sich danach ganz einfach Moses nennen.

Natürlich hatte er zu emigrieren einen Plan. Geld hatte er auch genug, so war die Reise im Prinzip gut vorbereitet. Mit ihm wollten aber auch seine Treusten, die Atongläubige Priesterschaft und deren Bedienungspersonal, ebenfalls emigrieren. Eine kleine Elitetruppe kam zusammen mit der Absicht für sich ein neues, eigenes Land zu suchen. Doch es kam, wie meistens, dann ganz anders.

Es lebten in Ägypten damals unter anderen einige ausgebeutete unzufriedene "Hebräer". Sie waren die Habenichtse des Altertums, sozusagen die damaligen Proletariat, also eine sozial prekäre Außenseitergruppe. Ihr Problem war; kein Eigentum aufweisen zu können und lebten nur ausschließlich von ihrer Arbeitskraft, was im Allgemeinen aus nichts Anderes als Verpflegung und Unterkunft bestand. Und damit war ihr Schicksal auch besiegelt, weil wovon sie dann Eigentum auch jemals hätten erwerben können? Sie wollten auch aus Ägypten raus, wo keine Arbeit und damit keine Zukunft für sie mehr zu geben schien.

Der Joseph unter den Hebräern erfand die "Last-Minute-Reisen", als er von der Emigrationsreise der Aton Priesterschaft erfuhr und bat um eine Teilnahme. Ägypten hatte die Plage und sah schlechte wirtschaftliche Zeiten vor sich, darum war keine Überraschung, dass sich den kleinen Emigrierenden Elitetruppen, der ihre verschworene Name, „Isra-Eliten“ vorbehielten, sehr Viele anschlossen!

Als Moses seinen Blick über die unübersehbare Menschenmenge schwelten lässt, will ihn Mutlosigkeit überkommen. Mit einer kleinen Gruppe gut beschuhten Wanderer, wie er es geplant hatte, konnte er sich vielleicht einen kurz dauernden Ausflug zugetraut. Aber so?

Weitere Probleme bereitete ihm, dass nirgends ein Wegweiser, keine Markierung, an die man sich halten konnte. Nur die unendlichen Möglichkeiten dieser Welt standen ihnen bevor. Trotzdem zog er mit seiner große Truppe in die ebenfalls unendlich wirkenden Wüste Sinai.

Die Hebräer, die jetzt nicht mehr Ausgebeutet waren, folgten ihrer elitären Priesterschaft einmütig. Es war eine lange, lange Karawane die sich aus Ägypten wand den Weg nach Osten einschlug. Sie waren so froh gestimmt, dass keiner an die Gefahren und an die Mühsal dachte, die ihnen möglicherweise bevorstanden.

Gelegentlich blickte der eine oder andere verstohlen nach rückwärts, aber die Staubwolke, die ihre Karawane aufwirbelte, hüllte alles ein und nahm ihnen die Sicht auf das, was sie hinter sich gelassen hatten. »Ägypten liegt hinter uns«, sagten sie. »Es hat für uns keine Bedeutung mehr. Was jetzt zählt, ist das, was vor uns liegt!« Moses war stolz. - Eine ausdauernde Truppe - zu allem bereit.

Aber schon nach einigen Monaten gingen die Vorräte zur Neige. »Wann wird Gott der Einzige uns speisen?«, fragten die Wanderer, nachdem die letzten Reste an Essbarem streng rationiert wurde.

»Wir müssen uns als würdig erweisen«, antwortete Moses.

Tag für Tag zog die riesige Karawane weiter. Aber jetzt sang und tanzte niemand mehr fröhlich. Man brauchte seine ganze Kraft, um überhaupt voranzukommen.

Auch mit dem Wasser ging es zu Ende. Moses hörte zuweilen unterschwelliges Murren.

Dies wird ein Hungermarsch, wenn Gott uns nicht hilft. Wo ist der nächste Brunnen? Liegen vor uns irgendwelche Oasen?«

Und es murrte die ganze Hebräer-Masse wider Moses. Sie sprachen untereinander darüber, dass sie sich wahrscheinlich verirrten, und der „Führer" überhaupt keine Ahnung hat, wo das vorgesehene, gelobte Land sich befindet.

Aber Moses wusste es ganz genau. Er sah das Land vor sich, und er wusste es dass es gar nicht weit liegt. Was bis jetzt nur in ihren Vorstellungen lebte, jetzt lag unweit vor ihnen, das Land des Friedens, der gesellschaftlichen Gerechtigkeit, das Land der erhofften Erfüllung, das Heilige Land. Er wusste fast alles.

Nur darüber war er noch nicht im Klaren, wie soll er seiner Truppe beibringen, dass das gelobte Land hoffnungslos hässlich, karg und öde ist und gar nicht vergleichbar mit der fruchtbare Nillandschaft. Er brauchte Zeit. Damit gab es lange gute Weile.

Darum weilte er so lange oben auf dem Berg Sinai. Die Hebräer standen unten und warteten auf ihn. In kleinen Gruppen diskutierten, mit besonderer Vorliebe sprachen sie über die vielen verdammten Unglücksfälle, die ihnen auf der langen Wanderung zugestoßen waren. Unruhe und Verzweiflung herrschte unter den Hebräern. Ein trockener Wüstenwind wehte den Sand in heißen Wirbeln vom Berge Sinai herab.

Das Vieh zerrte an den Halftern und brüllte ängstlich in die dunkle, trostlose Einöde ringsum. Schakale umschlichen das Lager. Ihr Heulen klang angstschürend. Stumm und drohend ragte der Berg Sinai in die Nacht. Als die Zeit reif wurde, stieg Moses vom Berg herab und trug zwei steinerne Gesetzestafeln in der Hand. Er hat auf den Tafeln einige banale Gesetze gestemmt. Man darf nicht stehlen, morden, ehebrechen, triviale Phrasen, welche schon ihre ägyptischen Aton-Priester gepredigt haben, aber welche niemals und niemand ernst nahm und einhielt.

Unten veranstaltete er eine große Szene. Er sah, dass einige Kunstschaffender in ihrer Langeweile ein Götzenbild gemacht, welches die Wandertruppe anbetete, wurde er vom Zorn ergriffen. Mit den Steintafeln zerschlug er den goldenen "Kuhgott" und verbrannte es im Feuer und zerstampfte es zu Pulver. Das Pulver streute er aufs Wasser, was aber dann den "Hebräern" zu trinken gab!

Er wusste es genau, dass jetzt als ihr gemeinsames Schicksal auf der Kippe stand, ist alles, was auf Ägypten erinnert ist eine Riesengefahr. Mit seinem politischen Instinkt spürte er, dass in dieser Krisensituation die Truppe ein neues Opfer braucht. Er verurteilte die liberal denkenden freischaffenden Künstlern und verbot bis auf weitere die bildende und schöne Kunst, was er noch in Ägypten so forderte. Er stützte sich in dieser Angelegenheit auf die Laien und führte die erste Abstimmung durch. Er setzte auf das Beurteilungsunvermögen seinen Untertanen. Und die Rechnung ging, wie meistens in der Geschichte, auf. So gewann er wieder Zeit. Der einstigen Wandertruppe hat er mit eisernem Willen beigebracht, dass sie das gelobte Land noch nicht verdient habe.

In den weiteren Jahren führte er die Leute herum in der Wüste. Wenn jemand behauptete, dass sie schon da waren, den ließ er hinrichten lassen. Er nahm sich Zeit. Er regte eine öffentliche Diskussion an, über ihr zukünftiges Heiligtum, welches erst im gelobten Land gebaut wird. Schließlich, dann kreißten sie schon um die vierzig Jahre in der Wüste, verbrauchte er seine sämtlichen Ideen, und das Geduld der Belegschaft.

Er plante es so, dass sie schon im Dunkeln an der Grenze des gelobten Landes eintrafen. Alle mussten nochmals anhalten und erneut warten. Erst mit der Morgensonne durften sie das Heilige Land erblicken. Keiner konnte mehr von der Neugier schlafen. Jeder wachte die Nacht durch, jeder wollte zuerst das gelobte Land erblicken. Aber nur er alleine wusste, der da drüben nicht viel schöne zu sehen geben wird.

Moses sprach erneut mit Gott, und fragte ihn:

Was werden wir mit dem schon fast als „Völkchen“ zusammen geschworenen machen?

Du sollst bei dem Alten Testament bleiben! Und so geschah es kein Wunder, dass das persönliche Interesse an dem Reiseführer so direkt vor dem Ziel stark nachließ. Bei dieser günstigen Gelegenheit zog er sich unbemerkt wieder mal zurück vom öffentlichen Dienst.

Nach Mitternacht verkleidete er sich als Beduine und kehrte er dem „Volkslager“ den Rücken. Bald danach im Jordanland am Königsweg eröffnete er unerkannt in aller Stille sein eigenes Reisebüro und arbeitete als erfahrene Fremdenführer selbständig ohne jemals wiedererkannt zu werden. Er nannte sich Herodes und gründete die Familie die Herodianer, die unter denen noch einige Karriere gemacht haben. Er hat ein neues Geschäftssegment entdeckt und lotste zurückkehrendem Wanderwilligen nach Ägypten zurück. Später, seine Nachfolger folgten und fanden seine Geschäftsidee gut und traditionsgemäß schleusten "Hebräer" in alle Welt.

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Istvan Hidy).
Der Beitrag wurde von Istvan Hidy auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  • Autorensteckbrief
  • phidyt-online.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Istvan Hidy als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Ausgeträumt. von Sabine Diebenbusch



"Ausgeträumt." - Tagebucheinträge von 1978 bis 2002. Das sind Gedichte vom Chaos der Gefühle, von Wünschen, die nicht wahr werden, und von der Einsicht, dass es besser ist, unsanft aufzuwachen, als immer nur zu träumen...

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Satire" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Istvan Hidy

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

ES REICHT! von Istvan Hidy (Satire)
Weihnachtslüge von Klaus-D. Heid (Satire)
... und jetzt tue ich euch weh... von Christine Ruf (Trauriges / Verzweiflung)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen