Klaus Mattes

St. Bernhard sagt Ja zum Ende

„Ja“ ist eines der kürzeren Prosawerke Thomas Bernhards, aus den, für ihn sehr fruchtbaren siebziger Jahren. Für den ersten Zugang zum Autor ist „Ja“ so gut geeignet wie nur etwas.

Wir sind hier an der Seite des semi-autobiografischen Thomas Bernhard der siebziger Jahre unterwegs. Der - namenlose - Ich-Erzähler wohnt allein in einem ehemaligen Bauernhof und pflegt freundschaftlichen Umgang mit einem Häusermakler, der ihm diese Liegenschaft vor etlichen Jahren vermittelt hatte. Obwohl die Bücher des Erzählers sich um Naturwissenschaft drehen, ist jeder eingeladen, ihn als Maskerade des Autors zu verstehen. Somit auch eingeladen, die tödliche Verzweiflung, die der Einsame zu Beginn dem Makler Moritz (in der Wirklichkeit Karl Ignaz Hennetmair) eingestehen will, für Bernhards Seelenbefindlichkeit zu halten, obwohl er uns kein einziges Mal sagt, was ihm eigentlich so stark zusetzt. Bemerkung hierzu: Wir wissen zwar, dass Bernhard in den Jahren davor oft genug gut und reichlich gespeist und in besseren Hotels gewohnt und mit seinem Sportflitzer zu den versteckten Schönheiten des Voralpenlands gekreuzt war, aber wir wissen durchaus nicht, ob er sich nicht doch die allermeiste Zeit genauso elend und verzweifelt gefühlt hatte, wie er es den Erzähler hier versichern lässt.


Wie immer passiert auch in diesem Buch auffällig wenig. Die eine Todesverzweiflung am Anfang, die des Erzählers, wird abgelöst von der anderen gegen Ende, die der „Perserin“, einer Frau aus Isfahan, die seit Jahrzehnten mit einem Schweizer zusammenlebt, mit dem sie sich in jüngster Zeit einen Bauplatz im ländlichen Österreich gekauft hat, um, wie man vermuten darf, ihre Beziehung zum Lebensgefährten, ihren inneren Frieden und sich das Leben zu retten. Das alles gelingt ihr nicht. Auf der letzten Seite wird mitgeteilt, dass sie sich umgebracht habe. Die speziell Bernhard’sche schwarzhumorige Pointe des Büchleins: Stand auf den ersten Seiten der Erzähler vor dem psychischen Zerfall, wird er durch die Begegnung mit der Perserin noch einmal gerettet, gibt seinem Lebensekel allerdings wohl irgendwie an sie weiter. Einen Schweizer und eine suizidale Iranerin hatte es in Bernhards oberösterreichischem Umfeld tatsächlich gegeben. Wie auch in anderen Fällen besaß der Autor ein gutes Gespür dafür, aus welcher Anekdote man ein überzeitliches Kunstwerk gewinnen konnte.


Der Bernhard-Sound feiert in Ja dermaßen Urständ, dass es einem fast zu viel werden kann. Man darf auf den immer wieder eingestreuten Partikel „naturgemäß“ verweisen, die Superlative des Unerträglichen (die allerschlimmste Gegend mit den allerheimtückischten Bewohnern, dem ungesundesten Klima, den pappigsten Mehlspeisen). Auch sein absätzeloser, immer weiter und weiter schweifender Textfluss ist einem längst vertraut. Einzelne Sätze nehmen mehr als eine Buchseite in Anspruch, wobei sie die aller verwirrendsten und unnötigsten Einschübe in sich fassen.


Als wörtliches Zitat hier nun eine Gummistiefel-Passage, gewidmet all denen, die diesem Autor ständige Redundanz vorwerfen. Für mich steht so etwas dafür, dass man Thomas Bernhard nicht das Ausbleiben von Qualitäten vorwerfen kann, die für gängige Geschichtenerzähler zuträglich sein mögen, mit dem eigentlichen Bernhard-Mirakel des monomanen Trällerns um eine einzige Note herum jedoch nichts zu tun haben. Rationelle Plot-Entwicklung, differenzierte Charakterisierung von Figuren, Spannungsaufbau und Gegenüberstellung kontroverser Ideen, das bekommt man fast nie, dafür das höllische Fiedeln einer toll eingespielten Sätzeerzeugungsmaschine. Eine Gestimmtheit, die depressiv scheint und oft genug belustigt. Das ist ja, dachte ich, fast wie Minimal Music. (Naturgemäß die genialste und unaushaltbarste Minimal Music, sagte er, füge ich in einer Nachbemerkung hier noch an.)

Wenn zwei Menschen, die sich nicht kennen und die sich vorher nur ein einziges Mal gesehen haben, dann miteinander spazierengehen, schweigen sie zuerst die längste Zeit, noch dazu, wenn es sich um Mann und Frau handelt. Wer den Anfang macht, ist völlig offen. In diesem Fall hatte ich das Schweigen gebrochen, indem ich meine Begleiterin fragte, woher sie die Stiefel habe, die sie an ihren Füßen und woher den Hut, den sie auf ihrem Kopf trage, und ich war sofort in meiner Vermutung bestätigt gewesen, Hut und Stiefel waren vom Mann der Wirtin, ich war mir sicher gewesen in dieser Vermutung, wieder erstaunte mich selbst meine Beobachtungsgabe, denn tatsächlich hatte ich im ersten Augenblick erkannt gehabt, daß es sich bei den Gummistiefeln um die Gummistiefel des Wirts und bei dem Hut um den Hut des Wirts handelte, an Einzelheiten auf dem Hut und an Einzelheiten an den Stiefeln hatte ich das festgestellt. Wer lange genug und aufmerksam genug in einer solchen Gegend und in einem solchen Ort wie dem unsrigen lebt, kennt bald alle Gegenstände und weiß bald, zu wem alle diese Gegenstände gehören und handelt es sich selbst um Stiefel und Hüte, wie ich sehe, geschweige denn um ganz andere hervorstechendere Gegenstände. Natürlich bin ich selbst in der Wahrnehmung und in der Beobachtung auf besonders gründliche Weise geschult und insoferne kein allgemeingültiges Beispiel. Eine solche Wahrnehmungs- und Beobachtungsgabe hat die größten Vorteile, die größten Nachteile andererseits und sie ist selten gern, beinahe immer ungern gesehen.


Die Meisterschaft dürfte darin liegen, mit möglichst vielen Worten in möglichst komplizierten Sätzen möglichst wenig zu erzählen, dies auch noch mit einer möglichst großen Zahl von Wortwiederholungen eher glanzloser Wörter. Von Details sprechen, diese Details nie wirklich benennen. Das alles kommt einem nicht wie hohles Geschwätz vor, sondern erzeugt einen Singsang, den man zugeneigt an sich vorbeiziehen lässt. Oder eben auch nicht. Dann sollte man die Lektüre der Werke Thomas Bernhards allerdings einstellen.


(Erzählung, 1978, 155 Seiten)

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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