Francois Loeb

VERBOCKT

Mit diesen Gedanken in der neuen Wochengeschichte aus meiner Feder wünsche ich mit Dank für die Lesetreue allen FB Freundinnen und Freunden einen guten Rutsch ins 2022! Möge das neue Jahr weniger ver-rückt sein als das Abgelaufene!


„Schon wieder verbockt“, spricht mein Lehrer zwischen den Zähnen heraus gequetscht zu meinem Aufsatz mit dem Thema ‚FREMD IM EIGENEN LAND‘ aus. Und ich habe mir so Mühe gegeben. Beschrieben, wie ich an der Hand meines kleinen Bruders durch den Wald schreite und unvermutet eine Lichtung finde, aus der helles Licht strahlt, ich mich darüber wundere. Mitten in der gleissenden Helligkeit erblicke ich eine Leiter die in den Himmel steigt. Und ich und mein Bruder werden von einem Glücksgefühl gepackt, der Wald ängstigt uns nicht mehr, wir sind von einer Sicherheit erfasst die ich noch nie erlebt habe. Auch nicht die Einsamkeit, die Stille, das Alleinsein bedroht uns. Vergessen alle Sorgen …
„Ein verbockter Aufsatz ist das!“, spricht mein Lehrer aus. Fährt fort: „Ich habe der Klasse nicht den Auftrag erteilt Märchen nachzuerzählen, sondern jeden von euch gebeten über die eigene Situation zu berichten. Wie und ob ihr dieses Fremdheitsgefühl im eigenen Land erfahren habt. Je erlebt habt. Und du was für einen Unsinn bringst zu Papier. Unseriös ist das ein Märchen zu erzählen. Mir an den Kopf zu werfen. Wolltest du mich damit verhunzen. Mir indirekt zeigen, dass ich von meinen Schülern Märchen erwarte da ich ein Märchenonkel sei. Bürschchen das lasse ich nicht durchgehen. Das wird im Zeugnis seinen Niederschlag und zwar nicht als Regen, nein, als Hagel finden. Da kannst du dich darauf gefasst machen.“
Absolut verstört höre ich ihm zu. An und für sich ist er ein passabler Kerl. Hat grosse Kenntnisse. Lehrt uns viel. Ist ein Beispiel in Literaturkenntnis für uns alle. Weshalb er auf Märchen, die in meinen Auge keine sind, auf alte Mythen sich beziehen, wie auf der Lichtung die Jakobsleiter, allergisch reagiert ist mir ein Rätsel. Nun sind Zeitreisen, so nehme ich an, nicht seine Stärke, weiss möglicherweise nicht, dass solche möglich sind. Dass Menschen, die viele Leben hinter sich haben, durchaus solche erleben können, wie ich beim Bericht über mein Erlebnis im Wald. Da kann ich dem Schelter keinen Vorwurf anhängen. Nein, ich muss einsehen, ihm zugestehen, dass er hier, es handelt sich bei mehreren gelebten Leben nicht um Literatur, keinen schlechten Willen zeigt. Drei Wochen später, die Festtage sind vergangen, die Schule hat im neuen Jahr begonnen, ruft mich unser Deutschlehrer in der Pause zu seinem Katheter im leeren Klassenzimmer. Räuspert sich umständlich. Setzt zum Sprechen an. Seine Worte aber versickern zuerst in seiner Luft- dann in der Speiseröhre. Räuspert sich erneut. Beginnt ganz leise zu flüstern. Ich vernehme ihn kaum. Einzelne Worte werden von ihm mit Tarnkappen versehen. Unzusammenhängende Sätze entwischen zaghaft seiner Zunge: "Traum … An Deiner Hand …Bruder … Leiter … Jakob ... Erinnere…". Und ein breites Lächeln huscht über sein Gesicht. Von Frieden erfüllt streicht er über mein Haar.
Ich entdecke eine dicke Träne an seinem linken Augenlid. Sie weigert sich der Schwerkraft anheimzufallen.
Eine Trauer- oder Glücksträne? Das ist eine Frage, die mich meine gesamten Lebenserfahrungen begleiten wird.
Und als Bonus ein weiterer DREISATZROMAN aus meiner Feder:
S C H Ä U M E N D E T R Ä U M E
Es träumt der Schaum
Er sei ein Traum.

Da spricht der Traum
Er springe niemals über
Einen geschäumten Zaun
Selbst nicht im hellsten Raum.

Was für eine Laune
Bemerkt darauf
Der Schaum in
Seinem dunklen Traum.

Herzlichst
François Loeb
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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