Marcel Hartlage

Blind Date (Kapitel 1)

Während eines unsäglich heißen Sommers verbringt der zwanzigjährige Steven die Semesterferien auf der Farm seiner Eltern im ländlichen Indiana. Getrieben von Langeweile, klickt er sich Nacht für Nacht durchs Internet, wo er sich aus einer Laune heraus kurzerhand auf einer Dating-Plattform anmeldet. Dort lernt er die Userin Leila, alias love_centipede kennen – und ist augenblicklich fasziniert von ihrem nachdenklichen Wesen, von ihrer sexuellen Direktheit, von der Düsternis, die sie umgibt. Nächtelange Gespräche formen sich immer mehr zu Bekehrungen von Geheimnissen und Fantasien, Hals über Kopf geraten beide in einen Strudel des Begehrens. Zur selben Zeit nehmen auf den Friedhöfen in Stevens Umland seltsame Ereignisse ihren Lauf.
(Kleine Triggerwarnung: Die Geschichte thematisiert u.a. Kindesmissbrauch, Missbrauch in der Familie und in geringem Maße selbstverletzendes Verhalten)

 

Ich lernte sie auf einer dieser Internetplattformen kennen, die es für Singles gibt. Weniger hatte ich mich dort aus Interesse angemeldet, als vielmehr aus Neugierde, und die wiederrum resultierte aus meiner Langeweile, die mich bereits die gesamten Semesterferien über plagte. Es war ein beachtenswert heißer Sommer, einer jener Sorte, der die Menschen dazu bewegte, sich tagsüber bei heruntergelassenen Jalousien und permanent laufenden Ventilatoren im Haus zu verstecken und sich stöhnend Eisbeutel aufs Gesicht zu legen, der die Luft mit schwüler, bleierner Trägheit schwängerte und die Temperaturen selbst bei Nacht noch über der Fünfundzwanziggradmarke hielt. Mückenschwärme surrten wie eine altägyptische Plage vor den Fenstern herum, und Chöre von Grillen zirpten in den Büschen unterhalb meines Fensters so lauthals um die Wette wie in einem menschenverlassenen Sumpf, in dem der Schlick alle anderen Töne erstickte.

Ich schrieb es diesen Temperaturen zu, dass ich mich in letzter Zeit weder zu besonders sportlicher Aktivität aufrappeln konnte, noch dazu, die Gunst meiner freien Abende zu nutzen und unter Leute zu gehen. Während der Ferien war ich bei meinen Eltern daheim, nicht zuletzt, um meinem Vater bei seinen Arbeiten auf dem Hof zu unterstützen, und bis in die nächstgrößere Stadt, Indianapolis, dauerte es mit dem Auto sowieso eine halbe Stunde, was meine Motivation nicht gerade hob. So hatte es sich über eine Periode schlafloser, schweißdurchtriebener Nächte ergeben, dass ich mich in einer immer längeren Zeitspanne durchs Internet klickte, manchmal bis fünf oder sechs Uhr morgens. Hirnzermarternde YouTube-Videos, Billigdokumentationen über das neunzehnte Jahrhundert oder Hitler oder Drogen, mit Halbwissen brillierende Artikel über Foltermethoden des Mittelalters oder der CIA, Pornoseiten, Netflix … In meiner Antriebslosigkeit sagte ich mir, dass diese Beschäftigung angenehmer war, als bei knochentrockener Luft in meiner Studentenwohnung in Indianapolis zu hocken und mit meinem Mitbewohner um die Wette zu hecheln.

Die Anmeldung auf der Dating-Plattform war ein spontaner, ein nicht gänzlich ernster Akt gewesen – zumindest zu Beginn. Es war eine jener Nächte gegen drei Uhr, der Ventilator auf meinem Schreibtisch kämpfte verzweifelt gegen die Hitze in meinem Zimmer an und ich las gerade einen Artikel über den osteuropäischen Vampirmythos, als mir die Werbeanzeige neben dem Text ins Auge sprang und damit lockte, »attraktive Singles aus der Umgebung kennenzulernen«.

Eigentlich hatte ich ungestört weiterscrollen wollen – es war nur eines von aberhunderten Werbe-Pop-Ups –, doch dann verharrte ich langsam. Mir kam die jähe Frage in den Sinn, ob sich unter den Nutzern wohl tatsächlich altvertraute Gesichter verbargen, vielleicht aus meiner Schulzeit oder sogar von noch davor. Mein Blick huschte auf die Anzeige zurück, fixierte sie, riss sich wieder davon los. Zunächst wollte ich mir meine Neugierde nicht so recht eingestehen, glaube ich – oder auch die Tatsache, dass ein Teil von mir mit dem Konzept dieser Plattform aufrichtig und heimlich liebäugelte –, doch schließlich gab ich meinem Interesse nach. Warum auch nicht? Mich erheiterte die Vorstellung, auf der Seite ein wenig rumzublödeln, und sei es nur, um frischen Wind in meine durchzechten Nächte zu bringen. Noch bevor ich bewusst darüber nachgedacht hatte, hatte ich mir schon den Schweiß von der Stirn gewischt und die Plattform aufgerufen, um mich zu registrieren.

Um es vorwegzunehmen, es war selbstverständlich ein Reinfall. Nachdem ich mein Profil so authentisch wie möglich eingerichtet hatte, sogar mit einem Foto, das einer meiner Kommilitonen erst neulich bei Starbucks von mir geschossen hatte – ohne mein Mitwissen, sodass ich darauf besonders natürlich aussah –, scrollte ich durch die Profilvorschläge, die die Seite mir in einer langen Liste darbot, und grummelte schon nach wenigen Minuten in meine kinnstützende Hand. Die Namen waren mir fremd, die Gesichter derjenigen Mädchen, die Bilder von sich hereingestellt hatten, hatte ich noch nie zuvor gesehen. Sie kamen zwar aus der Umgebung, doch war Umgebung in diesem Falle äußerst großzügig auszulegen, da Städte wie Cincinnati oder Columbus über sechzig Meilen von mir entfernt lagen (ich war fast geneigt, meinen Profiltext in Bauerntrottel sucht It-Girl aus der City umzuschreiben, besann mich dann aber eines Besseren). Diejenigen, die im Höchstfall tatsächlich nur eine halbe Stunde Autofahrt entfernt lebten, konnte ich an einer Hand abzählen. Und keine von denen entsprach meinem Typ.

Ich grummelte erneut. Ein paar Minuten saß ich schweigend da und brütete jetzt nicht nur in der Hitze, sondern auch in meiner Enttäuschung.

Schließlich gab ich mir einen Ruck und kontaktierte eines der Mädchen über die eingebaute Nachrichtenfunktion. Sie nannte sich cinderella99 und war laut Angabe in ihrer Biografie neunzehn Jahre alt. »Na du«, schrieb ich, wobei meine Finger feucht von Schweiß waren, »Wie geht’s?«

Ich kam mir dumm vor, eine Konversation auf diese Weise mit einer wildfremden Person zu beginnen – ich konnte kein Smalltalk, und noch weniger lag es mir, so zu tun, als könne ich Smalltalk – , doch es war mir lieber, als irgendeinen fremdschämenden Spruch aus dem Netz zu suchen, dessen Einsatz sowieso nach hinten losgegangen wäre; außerdem machte diese kleine, armselige Kontaktaufnahme die ganze Aktion zumindest nicht komplett sinnlos. Da cinderella99 laut Chatfunktion online war, wartete ich ein paar Minuten auf ihre Antwort, klickte mich währenddessen durch meine Spotify-Listen und beschaute geduldig ihr Profilbild. Blond, mit grünen Augen und einer kleinen Stupsnase. Ein hübsches Mädchen. Allerdings hatte sie sich ein bisschen zu sehr des Weichzeichners ihres Bildbearbeitungsprogramms bedient; ihre Wangen sahen aus wie poliertes Plastik.

Als sie nach fünf Minuten immer noch nicht geantwortet hatte, bohrte ich nach. »Bist du noch online?«

Und siehe da, nach wenigen Sekunden ploppte eine Antwort auf. »Sorry, hab kein Interesse.«

Man musste ihr lassen, dass sie zumindest nicht um den heißen Brei herumredete. »Okay, dachte nur, wir könnten uns vielleicht ein bisschen austauschen.«

Doch offensichtlich war ich auf einen Roboter gestoßen. »Sorry, kein Interesse.«

Nun kam ich mir dumm vor, überhaupt eine Konversation begonnen zu haben. »Na gut«, schrieb ich, »dann noch nen schönen Abend :)«

Eine Antwort blieb aus. Ich schloss ihr Profil und suchte mir ein neues, wahlweise auch eines von einem Mädchen außerhalb meiner Region.

Es ging ein bisschen so weiter. Natürlich hatte ich eine denkbar schlechte Tageszeit erwischt, um noch jemanden in Plauderstimmung zu finden, doch sagte ich mir, dass Mädchen, die sich um diese Uhrzeit noch auf Dating-Seiten herumtrieben, sowieso ein gewisses Redebedürfnis haben müssten; warum sollten sie sonst dort sein?

Aber es geschah nichts weiter. Weder machte ich mögliche Bekannte aus, noch zeigte sich anderweitig die erhoffte Resonanz; meine Kurzbiografie schien sich an niemanden zu richten, außer an mich selbst, das Lächeln auf dem Bild galt offenbar einzig dem, der es auch verzogen hatte. Was für ein Erfolg. Rückblickend kann ich nicht beurteilen, weshalb ich es mir in den nächsten Tagen überhaupt zum Ritual machte, trotzdem immer mal wieder auf der Seite vorbeizuschauen – in genau derselben Beiläufigkeit, mit der ich auch meine Emails checkte –, oder weshalb ich mich von den paar halbherzigen Konversationen, zu denen es kam, oder aber von den unbeantworteten Chatanfragen, die es ebenso gab, nicht abschrecken ließ. Vermutlich war es dieselbe Langweile, welche mich auch zur Anmeldung bewogen hatte, die mich antrieb.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 31.12.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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