Istvan Hidy

Silvester

Das alte Jahr ist zu Ende, das neue Jahr kommt — es ist richtig. Was ändert sich aber damit? Nichts! Hätte man zufällig keinen Kalender, würde man gar nichts merken. Natürlich kann man sich freuen, dass so ein Jahr wie 2021 vorbei ist und wir noch immer Gesund und Munter sind, trotz der Corona-Pandemie, Umweltverschmutzung, Erderwärmung und so weiter.

Die Jahreswende ist jedoch weitgehend beliebig und keineswegs weltweit einheitlich. So feiert China bis heute das Neujahrsfest am Tag des Neumonds zwischen dem 21. Januar und dem 21. Februar. Im westlichen Kulturraum hat sich der 1. Januar erst seit dem Mittelalter als Neujahrstag durchgesetzt. 1582 verkündete Papst Gregor XIII. eine Reform des Kalenders und setzte damit den Jahresbeginn auf den 1. Januar fest. Für das Kirchenjahr gilt das bis heute nicht - es beginnt am ersten Adventssonntag.

Darum ist die Freizeitjubel über den Jahreswechsel auch ziemlich banal — schließlich kommt ein neues Jahr jedes Jahr wieder. Damit sind Jahre eine ziemlich solide menschliche Geistesprodukte. Sie werden pünktlich geliefert, und jedes hält, was es verspricht: Genau ein Jahr, keine Sekunde mehr, aber auch keine Sekunde weniger, außer die Schaltjahre, die dauern ein Tag mehr.

Nur der Kalender macht uns klar, dass wir nicht mehr so jung sind, wie wir uns sich fühlen. Manche beeindruckt das sogar. Die einen positiv — sie glauben, dass sie mit dem zunehmenden Alter klüger und erfahrener werden; die anderen negativ — sie lassen sich einreden, dass sie mit der Jugend auch jegliche Attraktivität verlieren. Der Kalender ist aber nur Papier, mit geraden Zahlen bedruckt. Wer mit zwanzig ein Trottel war, ist mit siebzig eben ein veralteter Trottel und auch nicht anders.

Und doch noch: Mit den Jahren verlieren auch die Jahre an Wirkung. Ein Zwanzigjähriger wird nach einem Jahr, nach statistischen Daten, um fünf Prozent älter, ein Fünfzigjähriger nur um zwei Prozent. Ob das eine Auf- oder Abwertung ist und wie viel sie in absoluten Werten beträgt, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Dabei ist der Jahreswechsel ein einziger Schwindel. Man wird ja in der Nacht von Silvester auf Neujahr nicht um ein Jahr, sondern nur um eine Nacht älter, wie an jedem anderen Tag auch, ausgenommen die wenige Silvester geborenen, wie ich. Für die Anderen ist es also kein besonderer Grund Bilanzen zu ziehen und gute Vorsätze zu deklarieren. Und gute Vorsätze, die man erst im nächsten Jahr verwirklichen will — da ist eine Nacht Aufschub auch zu viel, — sind eine Betrügerei wie das Ausstellen von ungedeckten Schecks. Damit aber niemand durch Nachsinnen über die kurze und erfundene Einheit »Jahr« lange und reelle Minuten oder Stunden vergeudet — wurde zwischen das alte und das neue die Silvesternacht hineingeschoben, die das mit meistens Freundschaftsgeselligkeit und Sekt verhindert. Das Böse raus, das Glück herein sind die Bedeutung der Silvesterbräuche. Feuerwerk, Fackeln und Kerzen, die an Silvester schon immer in großer Zahl entzündet wurden, sollten böse Geister vertreiben und Gutes bringen. Im deutschsprachigen Raum wird am Silvestertag mit einem „Guten Rutsch“ gegrüßt. Damit rutschen und gleiten wir diesmal ohne Böller, ohne Vertreibung von bösen Geistern ins dritte Pandemiejahr hinein. Die neue Regierung muss sich aber bei der geplanten Legalisierung der Cannabis langsam Eile haben, weil wir mindestens nach der sechsten Welle die Virusrückschläge nicht mehr schön saufen können. Jetzt am Silvester trinken wir das Jahr 2021 zu vergessen. Die Hoffnung stirbt zuletzt: Zum Wohl, Prost und ein gesundes, besseres Neujahr!

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