Karl-Konrad Knooshood

Deutschsprachige Gesangswunder - Nachtrag, Ergänzungen 2021

  1. 2RAUMWOHNUNG – "36 Grad" (2007)

Ähnlich wie ihre ältere Schwester ANNETTE HUMPE, die im Zuge der NEUEN DEUTSCHEN WELLE in den frühen 80ern mit Bands wie IDEAL stilprägend für dieses in den 80ern revolutionäre Frischer-Wind-Genre war, gründete auch INGA HUMPE zu Beginn des neuen Jahrtausends eine neue Band, die den Trend vermehrt deutschsprachiger Musik, der mit Ende der 1990er neue Fahrt zur NEUEN NEUEN DEUTSCHEN WELLE aufnahm. Während es bei ANNETTE HUMPE das Popduo mit dem Sympathling und wunderbaren Schmusesänger ADEL TAWIL (er war früher bei einer der etwas weniger genialen Boygroups namens THE BOYZ) war, das sich ICH + ICH (mit Pluszeichen, niemals kaufmännischem &) gründete, ging ihre Schwester mit 2RAUMWOHNUNG (sic!) neue musikalische Wege: Feinster Elektropop mit deutschen Texten, State-of-the-Art der frühen 2000er. Die ehemalige Sängerin der NEONBABIES, die auch bei DÖF in "Codo" ("und ich düse, düse, düse im Sauseschritt – und bring die Liebe mit – von meinem Himmelsritt") und anderen Songs säuselte, wirkt hier weiter und verleiht diesem prinzipiell partyverherrlichenden Lied, das das Leben in vollen Zügen zu genießen scheint: Die Liedprotagonistin beobachtet einige "Jungs", die irgendwelche Dinge tun (womöglich einfach exzessiv feiern), die sie sehr anziehend findet (beides, die Jungs und ihr Handeln)…Und unwiderstehlich, wie das Happening für sie ist, will sie mitmachen, während es "36 Grad" hat und "kein Ventilator" zur Verfügung zu stehen scheint im heißen Tanzclub. Doch nicht nur dort hält man sich auf, sondern auch am Strand, in Hotelzimmern, wo man die Minibar aussäuft – das pralle Sommerleben halt. Ein Sommerhit zum Mittanzen, voller perfekter Elektronik-Klanglandschaften. Eingängig und schweißtreibend zugleich. "Das ist die Luft die brennt".

 

  1. 2RAUMSWOHNUNG – "Rette mich später" (2010)

Der Traumprinz, der hoch zu Ross majestätisch angeritten kommt, ist ein Seltenheitswert in dieser Welt, es gibt keine perfekten Menschen, ganz einfach. Daran liegt es. Dieser "Retter" bleibt lange Zeit aus: "Rette mich später" heißt der Soundtrack dazu, denn die Protagonistin im Song ist sich sicher, dass sie definitiv erst später von einem ihr Verehrten gerettet werden möchte – und steht selbstbewusst zu sich und ihren Fehlern: "Die ganzen Sachen, die man so bereut – bereu ich nicht! – Und jeder Umweg, jeder dumme Fehler: Alles ich!" heißt es voller Überzeugung und referenziert entfernt die PIAF, die es prägnant in "Non, je ne regrette rien" auf den Punkt fokussierte. Super Song, ganz reizend.

 

  1. 2RAUMWOHNUNG – "Sexy Girl" (2001)

Über das "Sexy Girl" wird hier bewundernd referiert, schmeichelnd gesungen. Es ist eine attraktive, laszive und in jeder Beziehung ansehnliche, ergo begehrte Person, die hier in einem fast "lesbischen" Gesangsakt von der Liedprotagonistin bewundert wird, allerdings mit einem unterschwellig ironischen Ton: "Und dein Rock, Schock, der ist doch indiskret". Die mit sexueller Spannung bis zum Anschlag gefüllte Szenerie könnte den Reiz des "Verbotenen", als heterosexuelle Frau eine andere Frau zu küssen (vgl. "I Kissed A Girl" von KATY PERRY), wird immer wieder deutlich hervorgehoben: "Wenn ich sehe, was mit deinem Mund passiert – wie der plötzlich immer weicher, nasser, größer wird – Magnet-Mund, rot verschmiert – in der dunklen Ecke hast du alle verführt".

Richtig notgeil wird's auch hier, wenn vom Hinterteil des weiblichen Menschen geradeheraus von "Arsch" statt "Hintern" oder dem kindischen "Popo" oder – etwas vornehmer – "Podex" gesprochen wird – oder vom "Anus": "Wenn ich sehe, wie du deinen Arsch bewegst – und mal wieder nichts drunter trägst"… Heißer Song…

 

  1. ALBERT DER GENTLEMAN – "Faschoween" (2021)

Die wohl jüngste Entdeckung auf dieser Liste ist eindeutig er hier: Albert, der Gentleman. Wen die Stimme an SIDO erinnert: Jepp, da ist was dran: Dieser Typ klingt ein wenig wie er. Allerdings kann sich der meinerseits erst im November (!) 2021 auf einen Tipp in meinem Lieblingspodcast, der "HONIGWABE" kennengelernte Rapper nicht nur gut ausdrücken, sondern ist dem Mainstream fern. Während sein etwaiges Vorbild SIDO seine silbern glänzende Totenkopfmaske längst abgelegt hat und seriös aber damit langweilig, berechenbar und mainstreamkonform geworden ist, scheißt der "ALBERT" auf politische Korrektheit. Und rappt aus dem noch viel zu zarten Pflänzchen-Milieu der "rechten" (also moderat rechten/konservativen) Gegenkultur zum Linksruck-Mainstream. Langsamer vorgetragene, vertrackt ineinander verschlungene Raps, die weniger nach dem typischen "sch"-Vernuscheln typisch asozialer (Migranten-)Rapper à la BUSHIDO, HAFTBEFEHL und MASSIV und selbst nach dem "Alman"-Rapper CASHMO (siehe weiter unten) klingen. Mit andern Worten: kein klassischer Asi-Rapper aus der "Hood". Er trägt auch keinen "Hoodie", dafür manchmal eine schwarze Wollmütze – und eine markante Maske, die von der Form her an die charakteristischen Schnabelmasken erinnert, die man zur Pest-Zeit trug, wenn man mit Erkrankten in Kontakt kam, allerdings aus irgendwelchen Metallteilen zusammengesetzt, vielleicht soll sie auch an eine Art "Aluminium-Hut" erinnern, wie er vermeintlichen Verschwörungstheoretikern immer unterstellt wird. Von der Maske her also schon mal fast ein wenig SIDO-Style, diesen Panda-Typen mit der Panda-Maske ignorierend (CRO).

In "Faschoween", passend veröffentlicht an Halloween 2021, widmet sich der ALBERT DER GENTLEMAN sich nennende Rapper einem geradezu klassischen Thema unserer Gegenkultur, der konservativen Gegenströmung zum immer linker, grüner und selbstgerechter werdenden Mainstream, sowohl dem politischen, als auch journalistischen sowie künstlerischen: Der Nazi-Paranoia, der Nazi-Manie und –Obsession ebenjenes Mainstreams, der keine Nuancen, Unterscheidungen und Abstufungen mehr zu kennen scheint, wenn es um seine politischen Gegenspieler geht, um jegliche Opposition, die er nach Kräften zu dämonisieren versucht. Das Thema ist also unspektakulär, viele Gegenkultur-Rapper haben sich seiner schon angenommen, auch ich habe das eine oder andere Textchen diesem verstörenden Phänomen gewidmet, das immer stärker zu werden scheint, je weiter die 2015-ff.-Jahre sowie die Coronotopia-Showeffekte hier weiter vorangehen, je weiter ferner das Dritte Reich in der Vergangenheit liegt. Aus dem sinnigen, sinn- und leider auch eine traurige Form der Indentitäts-stiftenden "Nie wieder" und "Wehret den Anfängen" wurde eine wahnhafte Verfolgung eines jeden auch nur vage abweichenden Gedankens, einer jeden vorgebrachten anderen Meinung, die längst Ketzerei ist. Aus diesen Sätzen wurden andere: "Wir sind mehr" zum Beispiel – alte neue Schlagwörter wie "Hetze" und "Populismus" kamen hinzu. Nach einigen anfänglichen Verfremdungs-Soundeffekten kommt GENTLEMAN auch gleich auf den Punkt seiner Erzählung und berichtet rappend von dem einen Typen, den man lang nicht mehr gesehen hatte, nachdem er früher eine Plage war (womöglich spielt er damit auf die mittleren 1990er und ein wenig auf die ganz frühen 2000er an, wo es einige rechtsextremistische Übergriffe gab), vor dem man aber umso mehr Angst hat und Paranoia schiebt. Ein fantastischer Rap, echt professionell und gut gemacht, kann mit alldem Mainstream-Mist selbstgerechter linker Rapper locker mithalten, ist lediglich näher an der Wahrheit.

 

  1. ALBERT DER GENTLEMAN – "Guter Mensch" (2021)

Und auch dieser Titel von Herrn GENTLEMAN ist einfach nur auf den Punkt genau. Er trifft genau ins Schwarze. Entsprechend: Straight forward geht der Kerl hier voran – und kickt voll in die Nüsse. In diesem ersten hier vorgestellten Track geht es voll auf die 12 in die Fresse und Magengrube der SJWs (Social Justice Warriors, für mich eigentlich Self-righteous justice Warriors) – oder, auf Gutdeutsch "Gutmenschen", wobei hier allein schon im Titel die Unterscheidung klar wird: Gegen "gute Menschen" hat doch niemand was: Aus Überzeugung gut zu sein, für eine aus eigener Sicht gute Sache zu kämpfen, das ist ehrenwert. Doch wie es jeweils moralisch zu bewerten ist, hängst ganz vom Blickwinkel ab. Etwa AfD-Politiker und Videoersteller wie SHLOMO FINKELSTEIN kämpfen aus meiner Sicht für die gute Sache, für eine gute Sache (von vielen), während sie von der linken Seite des politischen Spektrums als "die Bösen" betrachtet werden, des Spektrums also, dessen Lügenhaftigkeit und Übeltaten ich (und andere wie ich) wiederum als falsch und (moralisch) verwerflich alias "böse" ansehen. "Gutmenschen", biblisch: "Phärisäer", sind dagegen niemals über die Folgen ihres Handelns nachdenkende Selbstinszenierer, Leute, die mit ihren "guten Taten" hauptsächlich Aufmerksamkeit, Bewunderung, Ruhm, eventuell damit verbunden Macht und Geld haben wollen. Die mit ihrer Tugend groß hausieren gehen, wofür sich wiederum der von mir doch recht häufig an passender Stelle verwendete englische Begriff "Virtue Signalling" etabliert hat.

In diesem Lied wird ein sich selbst auf diese Art inszenierender Mensch, der jedoch den Blick in den Spiegel scheut, in entlarvend wahren Raps vorgeführt. Doch es ist einer der Gutmenschen, die eher im (Halb-)Verborgenen bleiben und sich dafür auf den Sozialnetzwerken als ach so gute Person auskotzen und jeden anscheißen, der nicht wie sie ist. "Ich bin ein guter Mensch, ich bin so motherfucking gut – seht mich an – ich hab den Klassenkampf im Blut – Ich hab Komplexe und nix anderes zu tun, doch beim Minderheiten-Bingo habe ich geloost" heißt es da etwa, nach dem geradezu klassischen aber umso treffenderen Mantra aus der "Farm der Tiere": "Alle Menschen sind gleichgut, doch manche sind gleichergut". Natürlich kommt der ganze Schlagwortkanon der Gutmenschen-Brigade, der Moralisierenden-Gruppierung vor: Anti-Diskriminierung, offene Grenzen, alle gleich, Anti-Rassismus (außer dem gegen Weiße, versteht sich), "keiner hat sich seine Farbe ausgesucht". Letzterer Satzteil stimmt sogar, wird aber von linker Seite derartig pervertiert, dass man nur noch traurig den Kopf schütteln kann. Abgesehen davon: Auch Weiße haben sich ihre Farbe nicht ausgesucht, doch für diese Art von Gutautisten, die selbst meistens weiß sind (ironischerweise) spielt das keine Rolle, denn Weiße sind generell an allem schuld. Dies ad absurdum zu führen, zu entlarven, zu stellen, anzuprangern vielleicht auch – das ist Herrn GENTLEMAN sehr gut gelungen. Nicht nur einmal…

 

  1. ALBERT DER GENTLEMAN – "Köterrasseblues" (2021)

Heiligs Blechle: Herr GENTLEMAN kann auch anders als bloß auf aufwändig zusammengebastelte, kreativ aufgemöbelte Beats zu rappen! Der Kerl kann ja auch Saiteninstrumente spielen, zumindest etwas Ähnliches wie eine Ukulele! Geilomatus Maximus, was er in diesem kurzweiligen weil kurzen Wortgewitter erneut unter Beweis stellt: Er kann toll rappen.

Der Titel seines Stücks indes geht auf eine traurige Begebenheit zurück: Ein türkischer Politiker in Deutschland, einer dieser von kleinauf mit dem Klammerbeutel gepuderten Privilegienmeister, die immer am lautesten, larmoyantesten jammern, wenn es darum geht, wie angeblich "strukturell rassistisch" unsere Gesellschaft doch sei, ihre Vorteile aber gern in Anspruch nehmen. Seltsam, was für armselige Arschkrampen-Gestalten es gibt. Besagter Politiker sprach von den Deutschen als einer "Köterrasse", was auch zu Recht zu einer Anzeige wegen Volksverhetzung führte. Leider wurde der Mann exkulpiert, indem man meinte, die Deutschen seien "keine klar abgrenzbare ethnische oder religiöse Gruppe von Menschen", weil wir ja alle so bunt sind.

Ich bin sicher, hätte ich etwas Ähnliches über Türken gesagt, was weiß ich, dass sie eine "Rattenrasse" oder "Dönerrasse" oder "Armenien-Genozid-Rasse" oder irgendeinen Scheiß, wäre ich wegen Volksverhetzung nicht nur vor Gericht gekommen, sondern hätte mehr als eine kleine Geldstrafe erhalten. Was soll's: Solche Elendsgestalten wie dieser hässliche Scheißkerl sind der weiteren Erwähnung nicht wert. ALBERT DER GENTLEMAN nimmt diese Steilvorlage des undankbaren Türken-Hetzers auf und verwandelt sie in eine kleine, bescheidene Nummer für Fans und Fans von Fans. Mit nicht mal anderthalb Minuten Länge ist dieses Lied eine Art Fingerübung.

Es geht um die Kleingeistigkeit und naive Virtue-Signalling-Gutmenschlichkeit moderner linkskonnotierter Zeitgenossen – aus der Ich-Perspektive: Ja, "ich setz mich ein für Unterdrückte" – und "oh, POC, sag mir, was du willst, ich geb es dir und halt die Fresse" beschreiben den eklatanten Untertanengeist deutscher Normies und überhaupt wohlmeinender Flachpfeifen, die heulen: "Ich bin mir meiner Privilegien bewusst", während sie sich aufopfern für POC – aus "schlechtem Gewissen", auch wenn sie diesen nie etwas getan haben. Es ist dieses Devote, insbesondere gegenüber allen Nichtweißen, das mir gehörig auf den Koks geht. Da wir Weißen angeblich automatisch privilegiert sind, von Natur, Geburt aus, kriechen wir gern zu Kreuze vor den stets zu vergötternden PEOPLE OF COLOR (POC) und ihren Anliegen, Wünschen und Forderungen, seien diese auch noch so unverschämt, überzogen und dreist! Von diesem Geist hab ich die Schnauze voll – und ALBERT DER GENTLEMAN bildet da auch keinen krassen Gegenpol. Seine bewusst weinerliche Meckerton-Performanz ist die beste absichtliche Aktion seines Repertoires. Unbedingt hörenswert für alle coolen Leute! Mal was anderes als der larmoyante Battle-Rap der vielen heutigen Linksrapper.

 

  1. ALEX OLIVARI – "Helden unserer Jugend" (2021)

Bereits etliche neuere Texte liefen darauf hinaus, wie sich die Menschen, diese Künstler, die man für integer, mutig, ehrlich und selbstdenkfähig hielt, verändert haben.

Für mich ist es nach wie vor unfassbar, wie sich die Musikgruppen und Einzelkünstler meiner Kindheit, Jugend, insbesondere die, die sogar mehrere Generation durch ihre Musik geprägt haben, zum Negativen veränderten, und das insbesondere in den letzten sechs Jahren seit der Einwanderungskrise und der zahlreichen Negativkonsequenzen derselben – und zuletzt wegen COVID-19. Ihre Entwicklung von Rebellen mit rebellischen, aufrührerisch-subversiven, mutigen Arschleck-Attitüde-Texten, aus denen entweder sarkastische Ironie, fundamentale Systemablehnung oder wenigstens ein dicker, breiter Stinkefinger sprachen, zu arrivierten Besserverdienern war eine Sache. Dass sie zu biederen, widerlichen Spießern werden, zu im schlimmsten Sinne Konservativen mit immer noch "punkigem" Fake-Habitus – und zwar nicht zu nötigenfalls reformwilligen, sondern verknöchert Engstirnigen! Dass sie zu arschkriecherischen Systemhuren werden, die die Glaubenssätze der neuen Klima-, Flüchtlingsliebe- und Deutschlandabschaff-Religion aus Überzeugung oder reinem Opportunismus nachbeten – einfach erschreckend!

Manche dieser Entwicklungen sind absolut nicht nachvollziehbar. Die Enttäuschung darüber, dass ausgerechnet diese Ex-Nonkonformisten zu Systemlieblingen werden, mischt sich mit dem Unverständnis, dass sie ihren Verstand offensichtlich nicht zur Systemhinterfragung verwenden. Dieses Gemisch korrespondiert wiederum mit der schrecklichen aber letztlich banalen Erkenntnis, dass diese Leute sowohl im Dritten Reich als auch der DDR jeweils perfekte Mitläufer gewesen wären! Wenn sie jemals brüsk im Brustton vollkommener Überzeugung das Gegenteil von sich gaben, so scheiterten sie jetzt. Konfrontiert mit zu auch ihren Lebzeiten nie dagewesenen Krisen, ziehen diese vermeintlichen Mut-Riesen ihren Riesenschwanz ganz klein ein – und bestehen nebenbei den Test nicht. Dieser Test ist der der Covid-Pandemie: Sie schied die Feigen von den Mutigen, die autoritär Veranlagten von den Quer- und Umdenkern, den Andersdenkern, deren Bezeichnung längst zu einem neu-geframten Schimpfwort geworden ist.

Der Sänger, von dessen Existenz ich erst durch den Podcast DIE HONIGWABE erfahren habe, wo ein Fan ihn und speziell dieses Lied empfahl, ist mit Sicherheit weit davon entfernt, ein rechter Hardliner zu sein, gewiss auch, ein linker Demagoge. Falls sich jemand zwangsläufig Kritik an den Krisen der ca. vier Jahre vor Beginn der Verheerungen durch die Corona-Pandemie schon längst ihre bösen Schatten vorauswerfen, von diesem Sänger wünscht, liegt falsch. Meines Erachtens zumindest, denn die auf YOUTUBE frei hörbaren (und auf der Homepage des Künstlers, die unter jedem YOUTUBE-Video verlinkt ist, herunterladbaren) Songs gehen eher in die "Piep, piep, piep, im Prinzip haben wir uns alle lieb"-Ecke. Da wird Toleranz großgeschrieben und nicht hinterfragt oder überhaupt thematisiert, wann diese noble Einstellung ihre Grenzen findet.

Sowas muss man von dem Herrn auch gar nicht erwarten.

In diesem seinem Song, einem erdig-ehrlichen Stück soliden Deutschrocks im Stilgemenge zwischen PUR, BAP, HÖHNER, WESTERNHAGEN, GRÖNEMEYER und LINDENBERG, der wohl nicht zufällig ein wenig an ADEL TAWILs "Lieder" (siehe weiter oben) erinnert, geht es nicht um TAWILs schöne Erinnerungen an prägende Einzelsongs seiner Kindheit und Jugend, sondern um Herrn OLIVARIs Version davon: Eine knallharte Abrechnung mit den Stars von früher, die jetzt, in der Corona-Krise, entweder als Enteierte kreuzbrav mitmachen oder ganz dazu schweigen, sich aus allem heraushalten ("qui tacet consentire videtur" = "Wer schweigt, scheint zuzustimmen"). Ob diese Herrschaften, seltener Damen, dabei erkennen, was wirklich Tatsache ist und sich nur aus reinem Opportunismus dem Tacheles-Reden verweigern oder wirklich fest an das System/die Regierung glauben, ist nicht relevant.

Textclever bedient sich OLIVARI dann, naheliegend, der Versatzstücke aus einigen der größten Songs der angeprangerten Künstler und setzt sie genial zusammen. Bedenkt man, dass er dabei genau weiß, wovon er redet, stellte er doch auch sein Können einigen dieser Bands zur Verfügung (unter der Rubrik "Referenzen" kann man auf seiner Webseite eine lange Liste von Künstlern sehen, die bereits Lyrics und/oder Arrangements von ihm erhalten haben. Die Namhaften darunter: BAP, PETER KRAUS, MATTHIAS REIM, MIRJA BOES. Zumindest BAP kriegen hier ihr Fett weg…

Macht es diesen unter Radio-Interferenzen startenden, dann in die eigentliche klassische Rockinstrumentierung übergehenden Song und seinen Texter + Komponisten unglaubwürdig? Ich denke: nein. Die Authentizität ist vorhanden, das Herz am richtigen Fleck, der Mann ist kein woker Spinner, sondern ein selbstdenkender Gewinner – und zwar der Herzen und Hirne derjenigen, die hier auch einen gewaltigen Shift zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Brackwasser der Krise sehen.

Nicht das einzige Lied zu den Krisen der letzten sechs Jahre, längst nicht. Es gibt jede Menge Hip-Hop und sogar Rock dazu, SACHA KORN ist ein weiterer wichtiger Sänger, wobei er defintiv eher dem rechtsliberalen Spektrum patriotischer Rockmusik (kein Rechtsrock!) zuzuordnen wäre. Dann gibt es noch diesen Herrn ESTÉBAN CORTEZ (ja, wie der große Conquistador), SONNENKIND FREUNDESKREIS,  den Chansonnier TINIAN und viele andere.

Das Auffällige und Erstaunliche: Es handelt sich fast ausschließlich um auf Spenden angewiesene, freie, unabhängige Künstler, deren Namen mir (und den meisten anderen Zeitgenossen) ohne Internet und vor dieser Krise niemals geläufig gewesen wären. Umso wichtiger, so zu erwähnen und damit eventuell zu fördern: Klickzahlen, Paypal-Spenden und Zuspruch in YOUTUBE- und FB-Kommentaren, dazu Retweeten/Weiterleiten auf TWITTER sind die Währungen der Zukunft. Sollten die etablierten Künstler, völlig zurecht, eines Tages in ihrer selbstgefälligen, selbstgewählten Eitelkeit versinken, blieben uns immerhin noch diese. Deren Wichtigkeit ist nicht hoch genug einzuschätzen! Dass diese einmal die Helden sein würden, ist ebenso erstaunlich wie das, was JOHNNY ROTTEN (Sänger der Ur-Punkband THE SEX PISTOLS) gesagt (oder nichtgesagt) haben soll: "Ich hätte nie gedacht, dass ich den Tag erleben würde, an dem die Rechten die Coolen sind, die dem Establishment den Mittelfinger zeigen, und die Linken die wehleidigen, selbstgerechten Trottel, die alle beschimpfen". Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Genießen wir diesen Song und schwelgen wir wehmütig in Erinnerungen daran, als wir noch der Illusion erlegen waren, dass unsere Idole ihre vollmundigen Versprechen in ihren Songs einlösen werden. Es war eine naive Zeit wohlwollenden Gutglaubens.

 

  1. ALEX OLIVARI – "Wir wollen euch unterhalten" (2021)

Das zweite absolut hammermäßig hörenswerte Lied, das hier die Hitze sommerlicher brasilianischen Flairs in tanzbare Rhythmen übersetzt, ist noch um einige Brocken melodischer und eingängiger als das vorherig genannte.

Während der Deutsche mit "kroatischen Roots" (Eigenangabe auf der Homepage des freischaffenden Sängers, Songschreibers und auf Anfrage Auftragsmusikers) von Spenden lebt, auf YOUTUBE veröffentlicht und auf Klicks und Spenden angewiesen ist, läuft die linke Mainstream-Gesinnungsblase der Unterhaltungsindustrie auf Hochtouren: Nie zuvor seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland war der auch noch aus unser aller sauer Erspartem ÖRR-Rundfunk derartig selbstgefällig und selbstgerecht. In diesem weiteren Song aus dem Schaffen des Mannes, dessen Gesangsstil wahlweise an die angenehmeren Seiten von PUR erinnert, gemixt mit einer pfiffigen Prise esoterischer Weltrettermusik, die fast so weich ist wie das dargebotene Repertoire eines ökumenischen Kirchentages. So sind Songs wie "Durch den Sturm" vor lauter käsiger Kitschigkeit kaum zu ertragen, während diese Samba-Salsa-Doppelspitzennummer sofort in den Bann zieht. Wer da nicht das Tanzbein schwingen will, ist definitiv schwerhörig und chronisch leidenschaftslos.

Wie brillant wortgewandt-treffsicher dieser Herr die, kurzum auf die deprimierende Triade "SILBEREISEN, KEBEKUS, PRECHT" heruntergebrochene Bankrott-Kunst des Lockdown-Deutschtopia der ersten zwei Jahre des Covidismus-Zeitalters auf den Nenner bringt, ist schon eine Kunst. Mehr als allein diesen Satz müsste er auch nicht verlieren, um zustimmendes Nicken und Raunen zu ernten. Lockdown-typische Durchhalteparolen, von oben ausgegebene Ordern, weiter stillzuhalten, es sei "bald" geschafft, derweil dieses "Bald" immer weiter in die nahe Zukunft verschoben wird wie die Möhre, der der Esel sinnlos nachrennt und sie nie erreicht, da sie direkt vor seiner Schnute aufgehängt ist. Das große Überangebot an Unterhaltungsschwachsinn in inflationärer Weise, während einem daheim die Decke auf die Fresse fällt. Das künstlerelitäre Establishment, das sich nicht nur für was Besseres und die Brigade der obersten Volksbespaßer hält, in seiner Sinnlosigkeit und Plattitüdenverbreitung, zu nichts weiter fähig als hohlem Mitläufertum – Konformismus als Trumpf: Alles die Themen dieses lockeren Lilalaune-Freudenwerks in Songform.

Kaum konnte Systemkritik jemals entlarvender sein und gleichzeitig so viel Spaß machen.

 

  1. ALEXANDRA – "Die Zärtlichkeit" (1968)

Schwelgerisch – ach…es gibt solch sensible Lieder für sensible Gemüter. Dieses ist eines der schönsten davon: Romantisch und voller Gefühl kitscht sich die begnadete, viel zu früh verstorbene Meistersängerin durch auch dieses nicht zu verachtende ihrer Lieder. Bei ihm handelt es sich um eine ihr eigene, typisch ALEXANDRAnische Mischnummer voller Melancholie und Heiterkeit. Sie zählt auf, mit und ohne was man prima leben kann – mit der rührenden Pointe, dass es ohne "die Zärtlichkeit" nicht ginge. Welch eine wundervolle, einmalige Botschaft! Ich mag sie definitiv. "Leben kann man ohne Güter und ohne das Geld - denn was nützt schon aller Reichtum und Glanz dieser Welt? - Wenn man im Herzen arm ist - und ohne Zärtlichkeit! Nei nei nei nein, das hieße Einsamkeit!", räsoniert die musikalisch Talentierte mit ihrer dunklen, ausdrucksstarken und doch sanften Stimme. Auch ohne Kriege, Siege, Pläne, Ziele, tägliche Probleme könne man leben, wird man weise informiert, in der einfühlsamen Art dieser Chanseuse. Der Höhepunkt rührseliger aber ergreifender Romantik wird indes mit der Überleitung erreicht: "Wie schön ist es, zu hören: 'Ich liebe dich sehr' – Und ohne diese Worte – wär unsere Welt so leer – so leer, so leer, so leer!" – Ganz genau!

 

  1. ALEXANDRA – "Erstes Morgenrot" (1968)

Wer liebt nicht das frühe, das allererste Morgenrot? Es kann ebenso romantisch sein wie das letzte Abendrot der untergehenden Sonne. Wie in FARIN URLAUBs "Apokalypse wann anders", wo es jedesmal wie ein "Weltuntergang" wirkt… Die Frische eines aufklarenden, aufziehenden Morgens ist etwas Besonderes, das die Sängerin ALEXANDRA, die bürgerlich ganz anders hieß (DORIS WALLY TREITZ), hier in einem gediegen ruhigen, langsamen Song zum Besten gibt, lobend, verherrlichend, wie man dem ganzen schönen Schauspiel eben huldigt. Großartiges Lied, definitiv, würdig, hier als erstes von dieser Dame erwähnt zu werden, das letzte ist es bei weitem nicht. Es wird noch viel besser…

Und während sie den Ort preist, "an dem meine Wiege stand", wird einem ganz warm ums Herz.

 

  1. BELA B. – "Hab keine Angst" (2006)

Das Debüt-Soloalbum des Schlagzeugers und Sängers, der einen Hälfte der DIE-ÄRZTE-Masterminds von Stunde 1 der Existenz dieser Band an (als ROD GONZALEZ noch nicht dabei war, sondern "SAHNIE"), DIRK FELSENHEIMER, besser bekannt als BELA B., ist voller Höhepunkte, nach wie vor. Das vor immerhin 15 (!) Jahren erschienene Werk ist immer noch satisfaktionsfähig, die teils brillanten, teils witzigen, teils nachdenklichen deutschen Texte bewegen sich auf einem soliden Niveau, auch wenn man gelegentlich den Eindruck gewinnen konnte, ein ÄRZTE-Album vor sich zu haben, nur ohne Beiträge von FARIN URLAUB und ROD GONZALEZ. Diese zart schmachtende Ballade schmeichelt dem Hörerohr nicht nur mit BELA B.s sanfter, dunkler Herrenstimme, sondern auch mit der zauberhaften, sowohl sachten als auch erotisch-exotisch-mysteriösen Stimme der Sängerin LULA, die hier als Co-Sängerin fungiert. Der Song, aus ruhigen, unaufgeregter Klavierakkordfolgen und zurückhaltendem Schlagzeugspiel B.s bestehend, wirkt düster und geheimnisvoll, folgt einer beunruhigenden aber prickelnden Story: Des Nachts folgt ein geheimnisvoller Mann einer geheimnisvollen Frau durch die Straßen, im Refrain haucht und fleht er behutsam nur: "Hab keine Angst – hab keine Angst vor mir!", während er sich ihr nähert. Sie bemerkt dies natürlich – und macht sich so ihre Gedanken: Für die Außentemperatur ist sie viel zu leger gekleidet ("ich hatte nur einen Hauch von Kleidung an – der Wind fand den Weg an meine Haut"). "Und dann war da plötzlich ein fremder Mann" – "…und dann bringt dieser Mann mich in Gefahr", säuselt sie weiter – und man folgt ihr gedanklich, theoretisierend: Ist er ein potenzieller Vergewaltiger in Spe, will er sich über sie hermachen, gewaltvoll? Oder hat der feine Herr wirklich lediglich die Bitte an die Dame, ihm zu folgen, mit ihm die Nacht zu verbringen?

Die Pointe kommt kurz, aber überraschend: Die Dame hatte niemals wirklich Angst vor dem Manne, der dachte, sie sei furchtsam. Nein, während er in ihren Armen liegt, mit toten Augen ("erloschene Glut"), beginnt sie, sein Blut zu trinken!

Tja, liebe Kinder, so kann's im Leben gehen: Da geht man einer scharfen Schnitte von einer Party aus in die dunkle, kühle Nacht nach, will sie anquatschen – und sie entpuppt sich als eine Vampirin/Vampirprinzessin und saugt einem unversehens das Blut ausm Hals. Geschichten, die das Leben schreibt…

 

  1. BOPPIN B – "Bye Bye" (2003)

Die Geschichte des Liedes ist schnell erzählt: Der Plot ist denkbar simpel. Die Freundin des Erste-Person-Singular-Erzählers wird seinerseits in flagranti im Bett erwischt – mit seinem besten Freund. Sowas kann einen schon in eine tiefe Sinnkrise stürzen. Entweder, man vögelt sich stellvertretend und rachsüchtig mit anderen Schlampen das eigene Hirn zu Brei – oder man versucht, subtile Rache zu üben. Oder man bringt in einem Akt des Kontrollverlusts seine Verehrte um. Dass letztere Möglichkeit die denkbar mieseste ist, steht so felsenfest, dass eine Erwähnung dieses Faktes nur am Rande nötig ist.

 

Im Lied der im schönen Aschaffenburg heimischen Rock'n'Roll- und Rockabilly-Band, die meist auf Englisch, gelegentlich aber auch Deutsch singt, wird alles konsequent rational gelöst? – Denkste! Mit brutalsten Rachegedanken schwangergehend, verspricht der Liedprotagonist und –Sprecher, dass das frischgebackene, aus einem massiven Vertrauensbruch hervorgegangene Paar nirgendwo mehr vor ihm sicher sei und sich nicht sicher fühlen könne.

Ja, BOPPIN B – aufgefallen sind mir die Jungs positiv, als sie Mitte der 2000er eine Coverversion von SASHAs 1998 veröffentlichten Popballade "If You Believe" herausbrachten, in einem auch ein wenig an JOHNNY CASH erinnernden COUNTRY-Stil, der dann in Rockabilly übergeht. Nun, die uralte 50er-Jahre-Musikrichtung feiert spätestens seit den frühen 2000ern eine erfrischende Frischzellenkur, eine Auferstehung, und zwar nicht nur in den USA, sondern durchaus auch in Deutschland. Und man muss zugeben: Gerade dieser Song klingt weder peinlich (wie es bei deutschsprachigem COUNTRY oft der Fall ist) noch prätentiös, dafür vielmehr schön zum Mitschütteln und Mitschunkeln.

Makaber aber wirksam.

 

  1. COMEDIAN HARMONISTS – "Das ist die Liebe der Matrosen" (1931)

Matrosen-Dasein und die Fahrt aufs Meer waren in Deutschland schon lange Zeit ein beliebtes Thema, das mit viel Sehnsucht und Romantik verbunden war. In seiner heutigen Erscheinung ist es sowieso eines der perfektesten Länder der Erde: Zwar hat es nicht unterschiedliche Klimazonen, dafür ist es nicht groß und weitläufig genug. Doch es hat so gut wie jede Landschaft, die das Herz begehrt: Es gibt hohe Berge und bergige Landschaften, im Süden die Alpen, im mittleren Landesteil den Harz, im Norden das Weserbergland. Es gibt auch Seen (Mecklenburg-Vorpommern ist voll davon) – und die See, das schöne Meer im Norden, die Nord- und Ostsee, die das ziemlich dänisch geprägte Schleswig-Holstein umgeben. Im Westen wird es mitunter ziemlich platt und flach ("plattes Land"), im Osten hat man blühende Landschaften, Wälder gibt’s im Mittelteil des Landes sowie im Süden (Schwarzwald) und an vielen anderen Stellen. Das gemäßigte Klima und weitestgehende Fehlen noch aktiver Vulkane macht es zu einem schönen Örtchen für Leute, die es gern sicher mögen. "Die Liebe der Matrosen", die hier besungen wird, ist jener maritime Teil, der mit dem Liebchen an Land thematisch spielt, die dort wartet auf ihren coolen, starken und lieben Kerl, der auf die raue See fährt. Sie hütet derweil das Haus. In ihrer unvergleichlich munteren Verschmitztheit und Humoreske schmettern die COMEDIAN HARMONISTS dieses Salonchanson im harmonischen Chorgesang dahin, gespickt, wie die meisten ihrer Lieder, mit launigen, lustigen und mal lüsternen Wortspielen, die man einfach lieben muss. Im gesamtdeutschen Liederrepertoire der gesamten deutschen Geschichte ist der gepflegte Herrenchor, unpolitisch aber immerfröhlich, eine feste Nummer, die es zu berücksichtigen gilt. Was könnte auch schöner sein als die Vorstellung, gemeinsam zur See zu fahren – und sei es auch in der arbeitsamen Disziplin von Matrosen. Nicht nur für Seeräuber, sondern auch Landratten bestens geeignet. Später auch von HANS ALBERS interpretiert.

 

  1. COMEDIAN HARMONISTS – "Veronika, der Lenz ist da" (1930)

Samba-, salsa- und calypso-artige Sommerhits der Coolness verströmenden Latino-Gattung oder die staubtrocken-wüstenwindheiße USA-Sommerlichkeit gibt es noch nicht allzu lange. Zwar fing es in den 50ern mit dem damals noch reinen Instrumental "Mambo No. 5" von PEREZ PRADO samt Orchester an, richtig schwül und tanzbar zu werden, doch erst 1999 erfuhr das Lied eine Aufwertung durch eine moderne Studioversion mit Text des sympathischen deutschen Sängers und Songschreibers LOU BEGA (er betreut u.a. auch das deutsche TECHNO-/TRANCE-Projekt GROOVE COVERAGE), der damit seinen One-Hit-Wonder-Siegeszug um die Welt antrat.

Doch um dieses Lied geht es nicht, denn die deutsche Sangesweise war eine andere um 1930, drei Jahre vor der unseligen Machtergreifung der Nationalsozialisten, die auch diese frech-verschmitzte Herrenkapelle feinsten Acapella-Gesangs auseinanderrissen, da zwei Mitglieder zufällig Juden waren. Die COMEDIAN HARMONISTS machten die Musik, die in deutschen Salons (Discos gab's in der Form wie heute noch nicht, Tanzschuppen waren noch etwas sehr Theoretisches) angesagt war: Selbstverständlich bereits vom Amerikanischen inspiriert, doch mit dem ureigenen deutschen Kulturkontext. Pointenreich lustige Lieder voller Herz und Humor, in diesem Fall der Song zum Frühlingsstart: "Hey, Veronika, lass uns den aufkeimenden Frühling genießen", hätte ich es vor 30 Jahren formuliert, doch jetzt ist Sommer – und da passt jegliches Musikstück dieser Art.

"Veronika, der Lenz (Frühling) ist da, die Kinder singen tralala" – heißt es – und die Wortspielkaskaden brechen über die Fans gepflegter, intelligenter Liedkunst herein und bereiten tierisches Vergnügen. Und Spargel zum Frühstück…

 

  1. DIE ÄRZTE – "Goldenes Handwerk" (1998)

Was sich titeltechnisch nach einem Lob des tatsächlich sehr ehrenwerten großen Berufsbereich des Handwerks, in welchem man, einmal zum Fachmann ausgebildet, sehr gut verdienen und fast immer eine gute, sinnvolle Anstellung finden kann, anhört, ist musikalisch eine astreine und glaubwürdige Country-Deutschrock-Hybridnummer. Das "Handwerk", um das es geht, ist jedoch kein typisches für Tüftler und handwerklich Geschickte, sondern ein Teil des Musizierens. Es geht um den angeblich chronisch "unterschätzten"/"geringgeschätzten" Beruf des Schlagzeugers (Englisch: Drummer) in einer Rockmusikgruppe oder sogar einer Popband. In einer launigen, augenzwinkernd lustigen Nummer spricht BELA B als sein Song-Alter-Ego, nicht zwangsläufig autobiografisch, über seine Tätigkeit in einer Band. Dabei stellt er sich in ziemlich überzogenem Understatement selbst als völligen Versager dar (dabei ist doch jemand, der Musik macht, nicht zwangsläufig ein Loser, erst recht nicht jedoch jemand, der sich fürs Handwerk statt fürs Akademische entscheidet!): "Ich hab als Kind schon nichts getaugt – statt an der Brust hab ich am Bauchnabel gesaugt – das war kurz nach der Geburt – als meiner Mutter klar wurd - dass ich niemanden gefährde – wenn ich Drummer werde!".

Dann preist er jedoch auch die Vorteile: "Wer steht heut schon auf Gitarristen?! – Das Größte überhaupt ist doch – den Schlagzeuger zu fisten!" Naja, ob die sexuellen Präferenzen, sich mit der Faust in den Anus ficken zu lassen (engl. "Fisting", von "fist" für "Faust"), sich mit dem Ideal eines Schlagzeugers vereinen lassen, sei dahingestellt, auch ob es stimmt, was Herr DIRK FELSENHEIMER (BELA B bürgerlich) fürderhin behauptet: "Mein natürlicher Sex – wird selbst erwähnt in der SPEX". Ob die renommierte Musikzeitschrift über solcherlei Dinge schreibt, ist mir wenig bis gar nicht geläufig.

Das Schicksalhafte wird melodramatisch übertrieben, wenn BELA B mit seiner Unbildung "prahlt" und von seiner "Einsamkeit" als Schlagzeuger jammert: "Weil ich Schlagzeuger bin (a drumming man) – weil ich Schlagzeuger bin (is a lonesome man) – brauch kein Latinum, häng mit Musikern rum – bin loyal aber dumm…" – Klar, als Drummer hängt er sich voll rein: "Mach mich für die Band krumm" – doch abseits des bedrückend mitleiderregenden Parts: "Ich trinke gern Spirituosen – gehör zu den Ahnungslosen" kommt der übergroße Vorteil zum Vorschein: Massig Zaster gibt’s dafür. "Double-Platinum – für das bisschen Bumm-Bumm – kommt 'ne Menge bei rum!"

Wenn der sympathische ÄRZTE-Drummer und –Sänger, neben FARIN URLAUB und ROD GONZALEZ, dann am Schluss damit angibt: "Das Lied hab ich ganz allein geschrieben" (obwohl Herr FELSENHEIMER de facto mindestens die eine Hälfte aller relevanten ÄRZTE-Songs verfasst hat, darunter meinen Favoriten "Die Banane"), ist auch dieser Gag zündend. Wie üblich bei DIE ÄRZTE, verfügt das Lied über eine extrem einfache, eingängige und mitschwingbare Melodie und geht schnell ins Gehör und Gedächtnis. Zufriedenheit beim Hören stellt sich automatisch ein.

 

  1. DIE DOOFEN – "Prinzessin de Bahia Tropical" (1996)

Der Name dieses Blödelmusik-Humbug-Duos war von Anfang an programmatisch: DIE DOOFEN, bestehend aus WIGALD BONING und OLIVER DIETRICH, zwei bedeutenden Comedians der 1990er. Der Name ihrer ersten Scheibe war es auch: Das Album hieß "Lieder, die die Welt nicht braucht" und erschien 1995. 1996 war der Witz allerdings aus dem Ganzen bereits wieder heraus, wie für eine immer schnelllebigere Mode-wechsle-dich-Welt typisch. Das zweite Album "Melodien für Melonen" stank titeltechnisch rein originell stark ab und wusste auch nicht mehr allzu viele neue Höhepunkte in Liedform zu bieten. Der Song über eine sexy scharfe "Schnitte", eine Prinzessin aus dem schönen Brasilien, die das nötige Samba-Feeling mitbrachte, ist natürlich rein fiktiv – und dürfte, neben "Magenkrank" (siehe weiter oben) eines der wenigen Highlights dieses zweiten Albums sein, das schon keinen mehr kratzte. Der Kulturschock, der sich für beide Seiten aus dieser Begegnung ergibt, ist liebenswert und noch witzig, wohingegen es in der Realität halt nicht immer völlig reibungsfrei ausgeht. Kulturelle Missverständnisse sind längst an der Tagesordnung. Der lüsterne Liedprotagonist, First-Person-Narrator, versucht zunächst zu "fummeln wie PELÉ, der berühmteste Fußballer aller Zeiten – und man muss sagen: Uff, diese Übergriffigkeit ist keine schöne Angewohnheit. Dann lockt er sie ins tiefe Schwaben, nach "Schwäbisch Hall", wo eine berühmte Bausparversicherung herkommt und wo es idyllisch und typischdeutschschön sein dürfte, eine exotische Prinzessin aus dem temperamentvollen Brasilien jedoch leicht auffällig und irgendwie deplatziert ist. Gut, sie lässt sich auf das "Experiment" ein, das "Abenteuer", ins piefige, miefige Schwabenland zu kommen. Die sexuellen Ausschweifungen ("Wir lieben uns von hinten – und im Fernsehen kommt BILL CLINTON") sind nicht explizit geschmackvoll.

Doch schnell verliert die Prinzessin das Interesse an "Allemania", da dort die Eier nur "Handelsklasse B" und in Brasilien dafür "Handelsklasse A" sind. Tja, so kann's gehen. Musikalisch könnte man diesen Song auf ausschweifenden Sommerpartys als Aufräumer oder Rausschmeißer verwenden, als finalen Song des Abends – oder für dann, wenn die Leute etwas Spaß zwischen alldem Amüsement finden wollen. Sehr witzig, sehr hörenswert.

 

  1. DIE FANTASTISCHEN VIER – "Zu geil für diese Welt" (1993)

MTV hatte immer diese arrogante, abgehobene Attitüde: "Dies sind die Weltstars, die sind unnahbar, an die kommt ihr Ottonormalsterblichen nicht dran, wir reden mit denen, Ihr könnt zusehen und uns dabei beneiden, Euren Idolen so nahe zu sein" – so war die nonverbale Botschaft. MTV war auch auf Englisch, der deutsche Ableger hatte eine ähnliche Einstellung. MTV, das jetzt (Stand: Juli 2021), zwar erfreulicherweise wieder da ist (vorübergehend?) und auch gelegentlich, wenn nicht gerade SPONGEBOB oder Reality-Scheiß aus den Staaten gezeigt wird, wieder Musik spielt, man weiß nicht, wie lange das noch so geht, war halt immer so. Ist das Musikfernsehen der ersten Stunde, der frühen 80er. Etwa 10 Jahre später, in den 90ern, kam das deutsche Äquivalent, das coolere, stylische und näher an der Jugend orientierte VIVA, das leider tot ist und bleiben wird. Diesen Sender gibt es nicht mehr. Die Coolness, verbunden mit einem fast auf Augenhöhe rangierenden Ton gegenüber den Konsumenten und Fans, machte dieses Sendeformat unschlagbar gegenüber der Konkurrenz. STEFAN RAAB und andere Stars, die noch heute die Moderations-, Schauspiel-, Sanges- und B-Promi-Weiten der deutschen (Privat-)Senderlandschaft bevölkern, gingen aus dem Sender hervor. Die Stars, die dort präsentiert wurden, waren nicht nur lokale Größen, sondern vielfach auch solche, die es erst noch werden wollten/sollten. Die sich noch eine Fangemeinde erspielen mussten. Die Vielversprechendsten wurden zu MILKA in INTERACTIV eingeladen. Nun, das ist alles unendlich lange her – und eines der hektischsten, zackigsten und stakkatoartig powergerappten, reimstärksten Lieder der FANTASTISCHEN VIER, in dem sie eine ungeheuer coole Sau von Mensch preisen, die so abgeklärt und lässig ist, dass sie "zu geil für diese Welt" (welch ein Prädikat!) wird – wurde zum ersten Song, zum ersten Musikvideo, das auf VIVA gespielt wurde. Und, vor wenigen Jahren, auch zum letzten. Traurig stimmt mich das schon. Zu einer affengeilen Hookline trumpfen die damals noch jungen, (erfolgs-)hungrigen Kreativköpfe SMUDO, THOMAS D, MICHI BECK und ANDY mächtig auf. Verrücktes Video, verrückte Typen – hat alles, um sich endlich mal geil zu fühlen! Im positiven Sinne. Nachdem das Wort noch vor den 1990ern auf überwiegend sexuelle Lüsternheit belegt war, erweiterte sich seine Bedeutung enorm, auf lässige und abgeklärte Zeitgenossen. Super!

 

  1. DIE STERNE – "Die Interessanten" (1997)

Wertvolle, weiterführende Gedanken zu haben, muss eine schöne Angelegenheit sein, so lässt es der Titelsong des gleichnamigen Albums der deutschen Alternative-Rockband DIE STERNE, einem der Spitzenmusikgruppen-Produkte aus der sogenannten "Hamburger Schule", verlauten. Diese fetzige, gehetzte Rocknummer, etwas fahrig, etwas schrammelig, etwas mehr tösend als sonst etwas, mit der eindringlichen, zugleich indifferenten Stimmfarbe des Sängers FRANK SPILKER, die eine tiefe Desillusioniertheit vermittelt. "Von allen Gedanken schätze ich doch am meisten – die interessanten" – mehr muss nicht verraten werden, um es zu einem reizvollen Liedchen zu machen. Die inspirierende innere Kraft der Lyrics, einer assoziativen Aneinanderreihung diverser, nur scheinbar banaler Alltäglichkeiten und Objekte (ein Koffer, ein Haus, eine Haustür et al), macht dieses Lied zu einem Unikat. Mag dies auch abgedroschen klingen in diesem Bereich mit so vielen brillanten deutschsprachigen Ohrwürmern, gilt es hier umso mehr.

 

  1. FRANK ZANDER – "Hier kommt Kurt" (1990)

Ein umstrittenes Biz die Coolness is' – sag ich ganz keck! 1990 beschloss Entertainer und Witzbold FRANK ZANDER, unter die coolen Typen zu gehen und schuf mit der Kunstfigur KURT, einem Lebemann, Sexgott und abgebrühten Kerl, der mit allen Wassern gewaschen ist, und diesem dazu passenden Song ("Einfach Kurt – ohne Helm und ohne Gurt") eine unvergessliche Scherz-Show.

Zwar gibt es auch die unschönen Passagen, etwa, wenn der Coolman im Song einen leicht affektiert und "schwul" klingenden Typen anblufft: "Geh mir ausm Leben!" – doch abseits dieser der Politkorrektheit geschuldeten Tatsache werden einem hier jede Menge schmunzelfähige Momente geboten, die einen mitgrooven lassen zum irren Sound: "Erstmal 'n Solo! Paul!" instruiert ZANDER da lässig an seinen Instrumentalisten, während er die Figur weiter präzisiert: "BATMAN ist 'n Pausenfüller – gegen mich nur Lull und Lall". "Während andere unten wursteln, geh ich locker oben lang" ist die logischste Schlussfolgerung, die anzubieten wäre. Überhaupt frisst der coole Kurt berühmte Persönlichkeiten zu Anfang des Songs mit Haut und Haaren: "Ihr kennt ELVIS, ihr kennt PRINCE, ihr kennt HELMUT KOHL, ihr kennt HEINO" – allein die Aufzählung ist merkwürdig: Ein deutscher Bundeskanzler, der historisch bedeutendste seit ADENAUER, der Wiedervereiniger – neben damals noch Volksmusiklegende HEINO – und dazu die wahren Weltidole ELVIS und PRINCE? Wow! Atemberaubend! Schließlich: "Bei Kurt gibt es keine Flauten, Kurt hat immer Rückenwind". Um so obercool wie Kurt zu werden (KURT COBAIN dürfte sich im Grabe geehrt fühlen), schlawenzeln alle um ihn herum: "Alle feiern, alle leiern, alle eiern um mich rum" – doch darauf muss der Meistermacho und Coolman, der Lässig-Legere und Casanova gar nicht eingehen: "Ich mach keinen Finger krumm". "Hier kommt Kurt – ohne Helm und ohne Gurt" – längst ein geflügeltes Wort in der wunderschönen deutschen Sprache, im Sprachgebrauch der 90er sowieso, vereinzelt bis heute. Und die Melodie geht nicht mehr aus dem Ohr, der Groove tut sein Übriges hinzu.

 

  1. FARIN URLAUB – "Der Kavalier" (2001)

Als ginge es auf eine alte, unheimliche, mysteriöse Legende zurück: Ein "älterer Herr mit gütigem Blick", der plötzlich irgendwo auftaucht. Man kennt seinen Namen nicht, doch "wenn du mit ihm gehst, kehrst du niemals zurück". "Er kleidet sich meist ganz in Grau – er weiß, wer du bist – und er kennt dich ganz genau!" heißt es weiter, dazu einen sommerlich-vertrackten Rhythmus inklusive abgründig gestimmter Gitarre, per dezentem gelegentlichem dräuendem Aufblitzen der E-Gitarre, tiefgestimmter E-Bass dazu, ungefähr nach der zweiten Strophe, wobei der Hörer immer wieder aufgefordert wird "Nenn seinen Namen nicht!", warnend. Es wird nicht verraten, wer dieser Mann ist, ob der Teufel, der Tod (im Sinne von Sensenmann), ein Phantom, Dämon, alter Lüstling, Außerirdischer oder sonstige unerklärliche Erscheinung. Auch wen er genau verfolgt oder entführt (und wohin), bleibt offen: Sind es Kinder – oder nur Mädchen, auch Erwachsene oder Menschen und Tiere? Es bleibt offen. Wenn es "der Tod" ist, worauf die Textzeile "Auch du wirst ihm niemals entgehen – und wenn deine Stunde dann kommt, wirst du ihn sehen" hindeutet, so inkarniert er offenbar in menschlicher, männlicher Gestalt. Wen auch immer Herr URLAUB alias Herr VETTER mit dem "Mann mit fliehendem Kinn" meint: Dieses Lied ist eines seiner abgründigen (nicht das einzige, man denke nur an die B-Seite "Hart") und wie eine "düstere Legende" in Kurzform. Falls es um den Tod geht: Ihm entgeht wahrlich niemand. Das ist schon in Ordnung.

 

  1. FARIN URLAUB – "Ich gehöre nicht dazu" (2001)

Eine Behinderung? Ein Handycap? Na ganz egal – mit einem Blumenstrauß! Der Mann ist jedenfalls mit einer Nicht-Fähigkeit geplagt: RAFIN UBRAUL…äh FARIN URLAUB, der früher smarte Blondschopf der "Beste[n] Band der Welt", DIE ÄRZTE, kann nicht tanzen! What the fact! Nun, Fakt, Unfakt oder Herzinfarkt: Nicht nur seine Bandkollegen dürften vor 20 Jahren von dieser Nachricht regelrecht überrumpelt worden sein, sondern URLAUBs unerwartetes und plötzliches Outing dürfte auch die Fans geknickt haben. Also ich war außer mir: Zu einem Rumba-Samba-Sommerrhythmus, gemixt mit einigen rockig auftrumpfenden Parts beklagt sich URLAUBs lyrisches Ich (das durchaus mit seinem echten Ego übereinstimmen könnte) detailliert darüber, nicht tanzen zu können, mit bewusst holprigen weil zu langen Reimsätzen, die nicht in die Melodielinie passen ("Als Gott das Rhythmusgefühl verteilt hat, war ich wohl grad nicht hier – und dass man ohne sehr schlecht tanzen kann, sieht man an mir"), ulkigen Vergleichen ("Wie JOE COCKER auf Speed – immer neben dem Beat"), dem klassischen Einordnen auf einer Skala ("Auf 'ner Guter-Tänzer-Skala, eingeteilt von 1 bis 10 – wäre ich bei -7, nur damit wir uns versteh'n!"). Um dann zusammenzufassen: "Die Musik find ich gut – und ich sag mir: Nur Mut! Mein Problem ist folgendes: Ich hab den Rhythmus nicht im Blut!". Rund 10 Jahre (inzwischen liegen 30 dazwischen) nach "I Can't Dance", dem obercoolen groovy Smashhit von GENESIS und PHIL COLLINS hirnrissigem aber humorvollen Hampeln im dazugehörigen Musikvideo, nachdem das kommerziell extrem erfolgreiche GENESIS-Album, das vielen Altfans zu mainstreamig war, "We Can't Dance", herausgekommen war, konnte sich FARIN URLAUB in aller Ruhe als Tanzunfähiger outen. Ein kleines Meisterwerk für humoristisch Begabte – und geht fatal ins Gebein: Hier möchte man tanzend abhotten! Wer singt dann nicht gern den Refrain mit? "Ist das dein Arsch oder meiner?"

 

  1. FREUNDESKREIS FEATURING JOY DENALANE – "Mit Dir" (1999)

Seine lateinamerikanisch aussehende Freundin an seiner Seite steht MAX HERRE von FREUNDESKREIS gut. Das Mastermind der Hip-Hop-Combo aus dem schönen Schwabenland, sieht neben ihr viel besser aus. Zwei sowohl intellektuell als auch empathisch ähnlich tickende Charaktere trafen sich – was hier auch musikalisch verarbeitet wird – zumindest könnte man meinen, dass dies hier ein authentisches, diesmal echt autobiografisches Lied ist. Zärtlich und behutsam wie ein dauerndes Paarkuscheln, hauchen, schmachten, schmelzen die beiden Stimmen des Sängers und der Sängerin ineinander über: "Mit dir steht die Zeit still – du bist was ich will – und was ich fühl, is' real" ("real" englischtönend), zu einem gemächlichen Beat, der für die späten 90er gerade im Hochsommer typisch war. Eine Art deutschsprachiges Sommerlied, allerdings eines voller Liebe, Zuneigung, das an die Herzen appelliert. Wer hier nicht einen schwelgerisch ausgedehnten Trip zwischen Meditation und Liebesgefühlen empfindet, könnte ein Problem mit "kitschigen" Emotionen haben, die doch essenziell sind im Leben. Wunderbar, wunderschön, wundervoll. "Komm her, komm näher". Nur zu gern. Erotisches Prickeln obendrein inklusive.

 

  1. HERBERT GRÖNEMEYER – "Der LÖW" (2014)

Erst wollte ich nichts über Fußball bringen. Es gibt schon genügend dämliche, dümmliche, dullige Fußballhits. Das zwar nicht stilistisch klar umrissene aber inhaltlich klar definierbare Genre der "Fußballmusik" kann alles sein: Vom blödsinnig-stumpfen MALLORCA-Musik-artigen Stampfer, der Arschgeburt des Popschlagers bis hin zum "Stadionrock" – fett, feist, opulent. Ähnlich wie bei Sommerhits, muss nichts einen größeren Sinn ergeben, keine tiefere Botschaft enthalten und wenig tiefgründig sein. Sind es bei Sommerhits der Genuss des sonnigen Wetters, heiße Bräute, kalte Eise, Gewässer, künstlich angelegt, stehend oder auch gern die natürlichen wie der Ozean, dazu Entspannung, Alltagseskapismus und  Tanzen, Tanzen, Tanzen (in den erfolgreichsten, die i.d.R. auf Spanisch sind, wird zum Tanz aufgefordert, "Bailando", "Bailamos", "Baila Me", "Baila, Baila Commigo") – gibt es beim Fußball die klassischen Zutaten: Tore schießen, Fanjubel, Anfeuern, Mannschaftsgeist und –Zusammenhalt – und immer wieder das selbstbewusst bis apodiktisch vorgetragene "Versprechen", irgendeinen Pokal zu gewinnen, alle anderen Mannschaften zu besiegen – und das wilde Spielen um den Ball herum. RICKY MARTIN gelang 1998 ein Meisterstück: Er kombinierte einen veritablen, kapitalen Sommerhit mit den typischen Sommer-Samba-Geräuschen und dem entsprechenden Rhythmus, dazu Fußballfanchöre als Samples und Fußballanfeuerung, inklusive Erwähnung der Ambitionen aller Nationen, die 1998 in Frankreich um den "Cup Of Life" (so der Liedtitel) kämpften (und Frankreich selbst ihn erringen konnte): "I see it in your eyes – you want the Cup of Life" heißt es – und gelegentlich wird mit spanischen und französischen Wortfetzen ("allez, allez, allez!") kombiniert. Eine exzellente Mischung.

Doch kommen wir zu GRÖNEMEYERs Geniestreich, der bald darauf, in der zweiten Jahreshälfte 2014, nachdem der Weltcup für Deutschland gewonnen war und der vierte Stern endlich verdient errungen war (nach 1954, 1972, 1990), auf HERBIs damals neuem Album "Dauernd jetzt!" erschien: Es ist die Geschichte des fieberhaften, kämpferischen Finales inklusive Verlängerung, Deutschland : Argentinien, eine Paarung, die in den letzten Jahren für Deutschland immer gut ausgegangen war (2006: im Elfmeterschießen verdient gewonnen, 2010 mit 4:0 vom Platz gefegt, 2014 dann der verdiente Finalsieg).

Und es ist die, typisch GRÖNEMEYER, in intellektuelle Sprachwahl gekleidete Geschichte des Erfolgstrainers JOACHIM (JOGI) LÖW, der das harmonische Team geformt und gefördert hatte, auf Basis dessen, das ihm sein Vorgänger JÜRGEN KLINSMANN bereits Vielversprechendes hinterlassen hatte. Stand jetzt, am 2. Juli 2021, verlor die konfus und mutlos agierende deutsche Nationalmannschaft, nur noch zu "Die Mannschaft" verkürzt, erstmalig seit langer Zeit wieder in einem Tournier gegen easy Gegner England, was eine unglaubliche Schande ist. Ähnlich wie bei MERKEL, zeigen sich auch beim verbrauchten LÖW Verfallserscheinungen: Er reißt nichts mehr, kein Erfolg ist je wieder vergönnt, wenn er weiterhin Trainer ist, der sich zwar weiterhin für mit Entwicklungspotenzial gesegnete aber noch zu unerfahrene Spieler entscheidet, doch kein Team mehr formen kann. MERKEL verkündete ihren baldigen Abgang aus der Politik (nachdem sie das Land nachhaltig beschädigt und ruiniert hat), JOGI LÖW geht nach mehreren sehr erfolgreichen Matches: 2008 im EM-Finale nur knapp an den damals unbesiegbaren Spaniern gescheitert, 2010 einen verdienten dritten Platz bei der WM, 2012 immerhin noch im EM-Halbfinale nur an Angstgegner Italien gescheitert – doch 2014 immerhin verdient die Weltmeisterschaft gewonnen. 2016 wiederum im EM-Halbfinale an Frankreich gescheitert, 2018 jedoch schmählich in der Vorrunde als Titelverteidiger ausgeschieden. Gut, man weiß: Dies ging bisher vielen so: Italien 2010: Vorrundenaus. Spanien 2014: Vorrunden-Aus. Dann das verpatzte Achtelfinale dieses Jahr, 2021, nachdem die EM 2020 wegen CORONA nachgeholt werden musste. Er geht also mit einem herben Verlust, nachdem schon seit 2018 der Wurm drin ist im deutschen Spiel.

Eine bittere Note bleibt – und ein gelegentlicher Trainer-Tapetenwechsel tut dem DFB mal gut und wird eventuell auch künftige Ergebnisse deutlich bessern. Würde LÖW weitermachen, könnte eines Tages eine solch klägliche Bilanz wie unter Bundestrainer ERICH RIBBECK entstehen – und das will niemand (die Älteren erinnern sich, vor 21 Jahren, da…).

Das schlechte Abschneiden der deutschen Nationalmannschaft in Zeiten des ständigen "Zeichensetzens gegen Rassismus", nur weil ein afroamerikanischer notorischer Verbrecher und Drogenkonsument, der sich bis unter die Haarspitzen zugedröhnt hatte, beim Polizeieinsatz ums Leben kam, was als "rassistisch" gewertet wurde, liegt freilich nicht nur am Knien. Es hängt damit zusammen, dass noch junge, unerfahrene Spieler zum Einsatz kamen. Es hängt auch damit zusammen, dass MANUEL NEUER längst nicht mehr der weltbeste Torwart ist und selbst einfachste Ballangriffe kaum noch abzuwehren imstande ist und der Mannschaftsgeist allgemein im vielfach durch Neuzugänge ersetzten Team noch nicht vorhanden ist bzw. sein kann. Als ich mir nach dem Schock des frühen Aus auf YOUTUBE alte Ausschnitte ansah (es wimmelt nur so vor Fußball-Zeugs, man findet quasi alles, wo Deutschland gewann oder versagte) und bemerkte, wie deutlich die Unterschiede in Sachen Spielqualität, Mannschaftsgeist, Wagemut und kreativem Ideenreichtum zu heute sind, wurde mir alles klar. Nicht nur, dass eine ganz andere Geschwindigkeit, Dynamik und zugleich Einigkeit in der Mannschaft herrschten, nein, auch die Standardsituationen (aus denen sich insbesondere bei der gewonnenen WM 2014 viele exzellente Torchancen und oftmals Tore ergaben) klappten, sogar die meist desolate Abwehr war stark und entschlossen. Inzwischen scheint man jedoch zu einem veralteten Standfußball zurückgekehrt zu sein, unsicheren Pässen und kaum effektiven Flanken.

"Der LÖW war los – sie waren grandios!" singt GRÖNEMEYER in seinem Lied begeistert, das einem seiner typischen Deutschrock-Songs entspricht. Auch inhaltlich, zumindest in der detaillierten und poetischen Beschreibung des Geschehens, ist es einmalig, wie HERBI es macht – und allein dies macht diesen Song zu keinem typischen Fußballlied.

Man fühlt sich sowieso, ähnlich wie bei den YOUTUBE-Ausschnitten, in eine längst vergangene Epoche versetzt, als sei das dauerhaft miserable Abschneiden des Ex-Weltstars Deutschland beim Fußball nur ein weiteres Symptom des Verfalls dieses Landes in jeder Hinsicht, der Selbstaufgabe, das, gefühlt seit Jahrzehnten anhält und nicht erst seit 2018 richtig beschissen ist.

Die 113. Minute des Finales, die Verlängerungszeit, ist der entscheidende Punkt im Lied, das überragende Halbfinale, als der Gastgeber Brasilien von einer großartig agierenden deutschen Mannschaft mit sieben Toren und nur einem "Ehrentreffer" vernichtend geschlagen wurde, wird ausgelassen.

MARIO GÖTZE setzte damals zum Sprint an, sein Mannschaftskamerad ANDRE SCHÜRRLE spielte ihm den Ball zu, den GÖTZE mit der Brust aufnahm (das runde Leder prallte von seiner jungen Brust ab) – und dann mit dem Fuß erwischen konnte. In einem extrem steilen Winkel traf er, von links kommend, steil ins rechte Eck, was GRÖNEMEYER so beschreibt: "Letzter Moment, kommt über links, schwebt ein und senkt sich zwischen die Flügel – direkt aus der Luft – von der gebogenen Brust – ein Fallschuss – hat Gottes Gefüge". Der Jubel ist unendlich, im Lied durch die vorwärtstreibenden Basslinien und das gesamte Instrumentarium verdeutlicht, der Sänger überschlägt sich vor Begeisterung: "Und endlich hat es gereicht!" – Ja, fürwahr, nach all den Jahren des knappen Scheiterns, zweimal nur Platz 3, 2002 an Brasilien gescheitert, bei der WM in Japan und Südkorea – doch dann endlich: der Titelgewinn!

Das bange Sekundenzählen bis zur 120. Minute, dem Ende der Verlängerung, natürlich mit Nachspielzeit, weitere zwei Minuten, das war hart für alle. Ich schwitzte und fieberte wie in meinem Leben lang nicht mehr. Dann "übermann von Euphorie-Tornados" – "der goldene Tross" ist dann GRÖNEMEYERs Version der "Goldenen (Fußball-)Generation", die manche Kommentatoren für den deutschen Fußball damals kommen sahen. Gedacht hätte wohl niemand, dass die Krise relativ schnell begönne? 2018…

"Und dieser Weg, der war nicht leicht", anspielend auf XAVIER NAIDOOs 2005er-Hit "Dieser Weg" ("wird kein leichter sein"), der 2006 zum Soundtrack der deutschen Mannschaft wurde.

 

Ein schöneres Lied hätte GRÖNEMEYER dazu nicht schreiben können – und, ganz wichtig: Dies ist das wahre Denkmal für JOGI LÖW, dieses Lied möge als Vermächtnis gelten, als Gedenken an einen grandiosen und genialen Trainer, und zwar in der Zeit von 2006 (damals noch Assistent von KLINSMANN) bis einschließlich 2016, als es nur im Halbfinale gegen Frankreich "au revoir" heißen musste. 2018, 2021 – das ist das Ende. Lassen wir's dabei bewenden.

 

  1. ILLEGAL 2001 – "Dosenbier" (1995)

Mit dem typischen Sauflieder-Humor einer Sauflieder-produzierenden Männer-Musikgruppe wird hier ein charmant-alkoholfestes Lied gebastelt. Niveautechnisch ähnlich wie die GEBRÜDER BLATTSCHUSS (siehe weiter oben), die ihrerzeit sangen: "Auch im Magen fühl ich mich nicht so recht – eins von den 30 Bierchen gestern war wohl schlecht", heißt es hier nicht nur, dass "Dosenbier schlau" mache und: "Mein Vater war mal Gärtner an 'ner Universität…" – Der hatte dann einen studentischen Freund: "Mein Freund, der ist Student – der trinkt nur HoPiHaHiDo – und ist intelligent". Der Rat, den der wohlmeinende Vater seinem Verlierer von Sohn (am Anfang heißt es glatt: "Als ich auf die Welt kam – hat der liebe Gott gepennt – ich wurde geboren – ohne jegliches Talent") abschließend gibt: "Drum lass die Finger vom Champagner – das Zeug macht dich nur blau – trink lieber täglich Dosenbier – denn Dosenbier macht schlau". Gehört, beherzigt. Der gute Sohnemann hält sich konsequent an den Rat seines Vaters, was jedoch ungünstige Konsequenzen hat, typisch fürs Saufen: "Ich seh aus wie eine Leiche – und mein Bauch, der wächst immens – das sind wohl die Nebenwirkungen meiner geistigen Potenz". Tja, sollte man sich gut überlegen, ob man diesem Prinzip gern exzessiv nacheifern sollte. Denn, wie schon bei den 30 Bierchen der GEBRÜDER BLATTSCHUSS: Die Dosis macht das Gift. Das vergnügliche Lied mit einigen Lalalalas und keinem Gramm Gags zu viel ist der ideale musikalische Begleiter, in saufschlageresker Polkahaftigkeit, zu jeder Gartenparty, jedem Grillfest, Osterfeuer, jeder Silvesterfete oder vielleicht sogar bei Hochzeiten und aufm Oktoberfest – eben überall dort, wo ausgiebig gepichelt und gesoffen wird, vorzugsweise Bier.

 

  1. ILLEGAL 2001 – "Einmal um die Erde" (1995)

Durchaus eine kleine Sensationsüberraschung: Die auf primitive Sauflieder spezialisierte Band aus dem Eckernförde-nahen Bad Bramstedt kann nicht nur solche brachialen Mitgröl-Classics, sondern auch ernsthafte Romantik. Diese kommt in "Einmal um die Erde" voll zur Geltung. Weshalb dieses Lied durchaus erwähnenswert ist. Bemerkenswert allemale auch.

Was gibt es mehr zu sagen? Wir haben es mit einer, für diese Art Musikband, ungewöhnlich romantischen Melodie zu tun, die sich vergleichsweise harmonisch ins Gehör schmeichelt, dazu ist die Gesangsleistung in Ordnung, Deutschrock mit balladesken Anleihen.

Der Topos einer Weltreise als Motiv des verliebten Paars, das, seinen Horizont erweiternd, ist nicht unbedingt taufrisch, gerade heutzutage nicht, vor 26 Jahren jedoch auch längst nicht mehr. Allein die 50er und 60er Jahre waren vollgepackt mit deutschsprachigen Sehnsuchssongs nach der Ferne. Die Beziehungshöhe- und –tiefpunkte kommen natürlich zur Sprache, die leisen Zweifel, auch die Schmerzen, im übertragenden Sinne, doch letztlich die Hoffnung, ja, Gewissheit, dass alles genau richtig ist. Wer in einer Beziehung ist, kann es nachempfinden. Schließlich dachten viele jetzt in Beziehung Befindlichen beiderlei Geschlechter, keine(n) Partner(in) an ihrer Seite zu brauchen. Bis die Liebe dann voll einschlägt – und einem das Gefühl gibt, auch ohne flugfähige Maschinen-Hilfsmittel "einmal um die Erde" fliegen zu können? Wieso nicht gleich mehrfach?

 

  1. JAKÖNIGJA – "Diese Schmerzen musst du teilen" (2005)

Geschichte des Songs: schnell erzählt. Viel Text ist nicht, doch es geht um Schmerzen, die es, laut Titel, zu teilen gilt, die "kommen von…" – mehr wird an dieser Stelle nicht verraten, da immer abgebrochen. Die Band mit dem seltsamen Namen stammt aus Hamburg und lässt sich grob der Stilrichtung der HAMBURGER SCHULE zuordnen, die, wie schon bei TOCOTRONIC, DIE STERNE & Co., die Tradition der NEUEN DEUTSCHEN WELLE weiterführt, gemixt mit Elementen des ROCK, GRUNGE und was Poppigem. Dieser Song wirkt formal extrem radiotauglich, elektronische Elemente mixen sich mit dezentem E-Gitarren-Einsatz und bewusst spartanisch gehalten. Wie zu Weihnachten, zum Geburtstag oder einfach mal zwischen den Jahreszeiten fängt alles in jeder Strophe verheißungsvoll an: "Wir haben dir was mitgebracht" wird gesungen, um dann nicht zu verraten, woher die Schmerzen kommen. Die man übrigens auch nicht bestellt hatte.

Andererseits wird geradeheraus gesagt, was gefordert ist: Gib doch zu, wenn Du Angst hast, steh zu deiner Angst – so verkürzt die Kernbotschaft, die sich destillieren lässt. Soweit – so schön. Damit kann man befreit leben. Hört man es und sagt sich: Okay, jetzt steh ich mal kurz zu allem und sage frei heraus, was in mir furchtsam vorgeht? Möglich…

 

  1. JOACHIM DEUTSCHLAND – "Ein wenig Anarchie" (2004)

Der Mann, der künstlernamentlich so heißt wie mein heißgeliebtes Heimatland, dieses Land der Berge, Seen, Täler und leider inzwischen die Landschaft zerspargelnden Windräder, das Land der Selbstgerechten (Linken, Grünen) und Selbstbewussten (Konservativen), des Fußballfiebers und der häufig extraordinären Musik, ist Deutsch-Amerikaner und hört eigentlich auf den Namen CHRISTOF JOHANNES JOACHIM FABER. Er stammt aus einer musikalisch traditionsreichen Familie, seine afroamerikanischen Großeltern waren bereits begabte Musiker, wodurch es nicht verwunderlich ist, dass er in ihre Fußstapfen stieg. Jedoch mit einer gänzlich anderen Art Musik. Seine Musik enthält nämlich keine souligen Elemente, sondern hört eher auf die Namen Punkrock und Rock nach Art von LENNY KRAVITZ. Im kleineren Maßstab wirkt JOACHIM D. denn auch wie eine kleine, "deutsche Antwort" auf besagten US-Rocksänger mit dem coolen Image, der einige der bedeutendsten Rockriffs aller Zeiten kreierte. In seinem bekanntesten Song "Ein wenig Anarchie" wirbt der beim deutschen Eurovision-Songcontest-Vorentscheid wegen Entblößung seines Hinterteils und anzügliche Songs über EDMUND STOIBER ("Die Stoibers") bekannt(er) gewordene Rebell-Jüngling für die gleichnamige politische Systemtheorie einer Herrschaftsform, in der keinerlei Hierarchien und Herrschaft bestehen. Dieses theoretisch wohlklingende aber in jeglicher Realität aufgrund der menschlichen Natur unrealisierbare Ideenkonstrukt wird indirekt verherrlicht, da es "wir" seien, die "die Welt vergiften" und "ermorden". Mit "wir" ist natürlich ausschließlich die Westliche Welt gemeint. Will man Herrn DEUTSCHLAND dieses äußerst facettenarme Schwarz-Weiß-Bild nicht übelnehmen, könnte man sich allein auf die krachenden Riffs und die ausgefallen punkige Melodieführung verlassen und den Rest als typisches Punk-Geschwurbel und –Geschwafel abtun. "Ihr verurteilt den Islam – doch ich frag euch: Wer mordet, wer tötet, wer lügt und wer raubt…". Wäre einem als Islamkritiker und definitiv mit gerechtfertigten Animositäten gegen diese "Religion des Friedens", in deren Namen der hauptsächliche Terror der Welt verübt wird, ausgestattet, das nicht schon schauderhaft genug, könnte man eingestehen: Jaja, richtig, "der Westen", d.h. in erster Linie und immer an vorderster Front die Weltpolizei spielende USA, also das halbe Heimatland des Dual-Staatsangehörigen US-Deutschen J. DEUTSCHLAND, hat sicherlich viel Schuld auf sich geladen – klar. Der "Krieg gegen den Terror" ("War on Terror") hat bei weitem nicht nur positive Resultate erzielt, weidlich im Gegenteil. Und der große Friedensapostel und Friedensfloskeln-Abgeber BARRACK OBAMA gab sich in seiner ausgedehnten Amtszeit keine sonderliche Mühe, die seitens seines Vorgängers losgebrochenen Konflikte im Nahen Osten/Morgenland zu beenden – im Gegenteil: Seine Politik der Interventionen sorgte als einer der wesentlichsten Faktoren für die "Flüchtlings"- bzw. Migrationsströme aus den Shithole-Regionen der Arabischen Welt, ist also für durchdrehende Einwanderer auf deutschen Straßen indirekt ebenso mitverantwortlich wie MERKEL.

 

Abgesehen davon ist vielleicht was dran am Rest von dem, das DEUTSCHLAND in seinem textlich letztlich spärlichen, es bei Andeutungen und unbewiesenen Behauptungen belassenden Liedes dem Hörer entgegenschmeißt: "Wir brauchen eine **** für 'n Vatikan – und als nächstes ist das weiße Häuschen dran" – allein diese Reihung verstehe ich nicht: Was hat der Vatikan denn gemacht, außer einen Heuchler und religiösen Demagogen mit frommen Reden und wenig Taten zur Verfügung zu stellen, der im Namen einer im Schwinden begriffenen Religion namens Katholisches Christentum zu sprechen vorgibt? Und "das weiße Häuschen" ist schon eine neckische Verniedlichung! Aber: "Es sind wir, die die Rechte anderer Völker übersehen", dieser zwar immer noch streitbare Punkt ist der hervorstechend beste Part im Lied. Dennoch lässt es mich mit einem schalen Nachgeschmack zurück: Es hat etwas für sich, bleibt aber skizzenhaft, musikalisch zwar spannend aber indifferent. Wer's mag…Es kann was bringen, es zu hören…

 

  1. KATJA EBSTEIN – "Theater" (1980)

Bühnenspiel oder Lichtspiel – das ist hier die Frage! Zugegeben: Die Anzahl der meinerseits konsumierten Theaterstücke inklusive Musicals lässt sich mühelos an 1,5 Händen abzählen. Zu diesem direkten Spiel hatte ich nie den besonderen Zugang, nicht auf intellektueller als vielmehr künstlerischer Ebene. Das unmittelbare, bürgernahe Spiel, das zwangsläufig eine weiter zurückreichende Historie als das Lichtspielhaus (salopp: Kino) hat und durchaus bewegend(er) sein kann, war mir stets fremd. Unzählige Male war ich dagegen im Kino, zog mir die schönsten Filme rein, überwiegend "Popcornkino", Blockbuster, Massengeschmack, Mainstreamfilme. Doch gelegentlich durfte es das Arthouse sein. Wäre nicht viel Unangenehmes und Tragisch-Dramatisches dazwischengekommen, hätte ich mir auch mehr als einen Stummfilm aus der Weimarer Zeit angesehen, als ein kleines Programmkino in meiner Heimatstadt sie gab.

Doch die Magie des Theaters, die mir vielleicht am ehesten durch eine moderne Variante von GEORG BÜCHNERs "Dantons Tod" vor zwei Jahren, 2019, nahegebracht wurde, wird in einem der besten Lieder zu diesem nicht häufig außerhalb des Bereichs Musical thematisierten Sujet clever verarbeitet. Schlagerikone KATJA EPSTEIN, eine Schönheit mit langem Haar in in den 70ern, legte mit diesem seitens RALF SIEGELs komponierten und von BERND MEINUNGER geschriebenen Song für den GRAND PRIX 1980 in Den Haag ein ordentliches Brikett ins Feuer, das für Deutschland nur knapp das Siegertreppchen verfehlte.

Die mehrfach erwähnte Theatermagie wird zwar angedeutet, doch geht es um die Schauspieler, Clowns und andere Bühnenbewohner, die allabendlich hinter dem aufgehenden Vorhang stehen und dann "Masken" aufsetzen, meist im übertragenden, oft auch im physischen Sinne, wenngleich keine hässlichen, schäbigen Untertanenlappen wie die unsäglichen FFP2-Drecksmasken von heutzutage. "Wie es tief in ihnen aussieht, sieht man nicht", resümiert EBSTEIN traurig.  

Musikalisch beherrscht das Klavier das Liedszenario, andere Instrumente sind dezent im Hintergrund, es wird langsam und melancholisch gesungen, der Refrain gibt relativ Gas, verfällt in einen entspannten Trab, ohne jedoch zum Galopp überzugehen. Die Menschen auf der Bühne "lachen und weinen für euch" derweil, fatal, da sie "ihr Herz an das Theater verkauft" haben. Ein eigentlich guter Deal!

 

  1. KATJA EBSTEIN – "Wunder gibt es immer wieder" (1970)

Im vollen Bewusstsein, dass dieses Lied in Wirklichkeit ursprünglich von KATJA E. gesanglich vorgetragen ward, sparte ich jedoch nicht an jauchzenden Bewunderungsrufen für GUILDO HORN und seine lustige Musikantentruppe DIE ORTHOPÄDISCHEN STRÜMPFE, die den Song gegen zweite 90er-Hälfte für ihr Neuinterpretationen-Album, auf dem sie bekannte Schlagerhits bekannter Schlagerikonen Hommage-artig coverten (ausdrückliche Empfehlung auch hier), mit Leierkasten und sehr schwungvoll. Noch fröhlicher als das ebenfalls ausgelassen gutgelaunte Original voller Hoffnungsfreude: "Wunder gibt es immer wieder – heute oder morgen – können sie geschehen". Gut, das GUILDO-HORN-Cover-Meisterstück war vor seinem großen Erfolg mit "Guildo hat euch lieb" (siehe dort, weiter oben), KATJA EPSTEINs Version hat schon 51 Jahre auf dem Buckel – wie die Zeit verfliegt!

Auch dieses Lied war ein Beitrag zum GRAND PRIX D'EUROVISION DE LA CHANSON, wie europäische Musikwettbewerb damals noch hieß, der zu einem nervigen Paradiescreme-Regenbogen-Universum mutiert ist, nur 10 Jahre vor "Theater". Treffsicher landete das Lied auf Platz 3. Hohe Platzierungen waren für Deutschlands Beiträge zu diesem Event damals wohl noch mehr gebongt als heute, wo man mit linkspolitisch überdrehten Kackliedern wie "I Don't Feel Hate" auf dem letzten oder vorletzten Platz landet. Genug "gehetzt" – Lieder willkommen. Das Lied, das von JBO fies mit "Flundern gibt es immer wieder" parodiert  und neben der deutschen Originalsprachversion auch, wie damals häufiger üblich, in anderen Sprachen wie Englisch, Französisch, Spanisch und sogar exotischerweise Japanisch aufgenommen wurde, stammt aus der Feder der Schlagerkomponisten- und Textergötter CHRISTIAN BRUHN und GÜNTER LOOSE.

Inhaltlich sieht es wohl so aus: Die Menschen nutzen ihre Chancen zum greifbar naheliegenden Glück einfach nicht (immer): "Fangen mit dem Leben – viel zu wenig an – dabei steht das Glück – schon vor der Tür!" – Der Refrain ist der ultimative Mutmacher, "Wunder gibt es immer wieder", heißt es völlig folgerichtig, "heute oder morgen – können sie geschehen". Unverhofft, wenn man am wenigsten danach sucht, kommt das Glück bei einem an, man findet den richtigen Partner/die richtige Partnerin etc. All dies in einem wunderschönen, schwungvollen Schlagerchanson der Sondergüte!

 

  1. KNORKATOR – "Arschgesicht" (2011)

"Was Sie Ihrem Erzfeind/einer von Ihnen verhassten Person immer schon mal sagen wollten, sich aber nicht trauten – jetzt in einem Lied!" müsste wohl der Werbetext heißen, der hier vermittelt wird – und dieses Lied spart nicht an Gehässigkeit und Härte, an schonungsloser Häme und Abkanzelung des Gegenübers. Der besondere Clou: Statt des üblichen Sängers ALF ATOR singt der noch sehr junge, kindlich klingende Sohn TIM TOM ATOR (!, der heißt wirklich so) die kompletten Lyrics. Und das kommt extrem gut. Mit seiner fast niedlichen aber kecken Stimme bringe der Lausbube die Botschaft schön herüber und bugsiert sie in der Hörer Ohren. Wenn einem also ein unverschämter Macho-Muslim oder ein sonstiger Arsch dieser in jüngsten Jahren immer wieder auffällig werdenden Personengruppe so richtig auf die Nüsse geht und seiner Respektlosigkeit hemmungslos freien Lauf lässt, ist es an der Zeit, ihm "Wechselgeld" zu geben, zu liefern, was man verspricht, den Mund mit diesem Text vollzunehmen. Wehrhaftigkeit, gerade gegen solche Gestalten empfiehlt sich automatisch daraufhin, denn als "Lauch" oder "Lachs/Schlachs", als weicher, sanfter Mann kann man keinen Blumentopf gewinnen. Man muss sich gegen solche Typen durchsetzen. Auch gegen widerliche und hinterfotzige Antifanten. Fresst dies!

 

  1. LALE ANDERSEN – "Ein Schiff wird kommen" (1960)

Wie geistvoll und wie jeglicher Plätzchenteig in jedes Plätzchenförmchen ideal passt, es SHLOMO FINKELSTEIN in seinen exquisiten Meistervideos macht, wenn er die SJW- und Selbstgerechten-Linksmenschen-Linksschickeria-Politik der NGOs und ihrer Open-Borders-Ideologie auf die Schippe nimmt, ist einmalig! "Ein Schiff wird kommen – und das bringt mir den Einen – den ich so lieb' wie keinen…" schmachtet sehnsuchtsvoll jene Frau ANDERSEN, die bürgerlich eigentlich anders hieß und nicht, wie der Künstlername hätte vermuten lassen können, aus dem Skandinavischen stammt, sondern dem norddeutschen Bremerhaven. Wie das passt zur Situation während des Willkommenskultur-Rausches, in dessen Rahmen sich auch unbedarfte und/oder unattraktive Frauen einen exotischen "Traumprinzen" aus dem Morgenland oder dem feschen Nordafrika ergattern wollten und auf so jemanden spekulierten (Einige bezahlten diesen Wunsch mit dem Leben, andere wiederum wurden in der Beziehung zu den mehrheitlich machohaft Islamgeprägten eher unglücklich)! In einem ARD-Propagandabeitrag für Kinder, in dem unkritisch die NGO-Schiffe und ihre Unterstützung der Schlepper aus Nordafrika, indem sie die von diesen vorsätzlich in Seenot gebrachten Zuwanderungswilligen retteten, verherrlicht wurden, passte der Ausschnitt aus dem Liedrefrain perfekt.

Abgesehen davon handelt es sich halt um eine durchschnittliche Schlagerballade, die jedoch ihren Zauber durchaus zu entfalten versteht, auch wenn sie entsetzlich kitschig ist.

Das Sujet ist, wie bereits beim Löwenanteil der männlichen "Konkurrenz" FREDDY QUINN, das der Seefahrt und das unwiderstehliche Leben der "abenteuerlustigen" Matrosen, die in die weite Unendlichkeit und Freiheit des Meeres hinausfahren (dürfen/können) und es dort erleben, das schöne Meeresleben – so es jedenfalls in der Verklärung in Romantik schlagernd stattfindet. Nur, natürlich, in diesem Fall: aus Sicht der Frau, die sich nach den "feschen Matrosen" verzehrt. "Ich bin ein Mädchen von Piräus – und wenn ich eines Tages mein Herz mal verlier – dann muss es sein vom Hafen – Nur so einen Burschen wünsch ich fürs Leben mir" – stellt sie klar, die Dame, die sich hier auf der malerischen griechischen Insel Piräus, einem Sehnsuchtsort, längst nur noch Touristenmagnet und überlaufenes Ziel Weltreisender, verortet. Das Schiff, dessen Ankunft tatsächlich ungewiss ist, soll dann eines Tages ihre Idealträume erfüllen, deren Fragwürdigkeit längst ins Auge springt: Im Gegensatz zu KATJA EBSTEINs bejahendem Lied, das die Chancen dann verspricht, wenn man es am wenigsten erwartet, ist man hier unrealistisch: Letztlich sind solche Traumprinz-Gedankenspiele zum Scheitern verurteilt. Wer keine Abstriche machen kann, wird sowieso niemanden treffen, das ist nur logisch. Ob sich die Dame dann einen Matrosen greifen wird, der sie ebenso will, muss abgewartet werden. Möglich wäre es. Toi, toi, toi, Schiff ahoi, ahoi, ahoi. Immerhin ist die Liebe zum Meer nichts Verkehrtes, wusste nicht nur CHARLES TRENET ("La mer").

 

  1. LECKER FISCHBRÄT – "Zwei Meter weiter vorne poppt ein Pitbull eine Katze" (1997)

Wär nicht das erste Mal, dass ungefähr zur Zeit der Erfindung des neuen METAL-Subgenres NU METAL (Schreibung genau so!), ähnlich wie es zuvor beim GRUNGE der Fall war, sich einige deutsche Bands am Stil aus Amiland bedienten. Was GRUNGE anbelangt, haben wir NATIONALGALERIE und SELIG auf der Haben-Seite (siehe beide in dieser Liste), was den Siegeszug des Sprachgesangs auch in einer ihm sonst fremden Musikrichtung (dem HEAVY METAL) betrifft, gibt es hierzulande wenig Erhellendes, wobei wir von "Ich lieb' dich immer noch" von BASIS reden können – und uns über dieses Stück "Schweinerock" mit dem seltsamen Titel unterhalten.

Der beste Hip-Hop der 1990er, als es mit dem deutschsprachigen Sprechgesang anfing, ist der, über dessen Interpreten/Macher man kaum was oder gar nichts mehr im modernen Internet findet. So auch hier. Dem Namen nach ist die Band zwar im hohen Norden unserer schönen Republik zu verorten, schließlich würde sich eine norddeutsche Band nicht unbedingt DIE ALPENRAMMLER (siehe ebenfalls in dieser Liste) nennen. Das ach so schmackhafte "Fischbrät" rappt hier etwas holprig aber durchaus liebenswert halbdilettantisch auf ein Rockriff, das sich, eingedenk der Musikrichtung Rap/Hip-Hop, relativ "fett" am Anfang des Liedes aufpflanzt. Der aggressivere Impetus späterer Rapmusik ist hier bereits spürbar, während fett über viel Alkohol und Feten referiert wird. Partysprenger für jede moderne Rockfete. Oder als "Rausschmeißer", wenn man morgens um halb 5 langsam das rauschende Fest beenden und aufräumen möchte.

 

  1. LUCILECTRIC – "Der Allerschürfste" (1997)

Von LUCY VAN ORG, der "Baalinerin" mit "Baaliena Schnauze, wa", war in den letzten 26 Jahren nach dem Erscheinen der rotzfrechen Pop-Hymne zur Selbstgewisswerdung junger Frauen, "Mädchen" (siehe etwas weiter unten) eigentlich nicht mehr viel zu hören. Ein netter Nachschuss war "Fernsehen" (siehe hier drunter), das allerdings sehr viel weniger Anklang fand (außer bei mir) als sein Vorgänger, mehr war nicht mehr zu hören. PATRICK GOLDKIND, musikalischer Partner und Instrumentalist des poppigen Duos, war auch nicht mehr groß in den Schlagzeilen. Wie so viele andere sog. "Ein-Hit-Wunder" verpuffte die Rakete LUCILECTRIC wieder rasch am deutschen Pophimmel und hinterließ nur noch einen nostalgischen Restschimmer am Horizont für die 90s-Kids, die über ein gutes Gedächtnis verfügen.

Als 1997, ein Jahr vor Erscheinen des dann mit dem ersten Nummer-1-Chartstürmer-Hit von DIE ÄRZTE, "Männer sind Schweine" ausgestatteten Albums "13", eine Tribut-Kompilation diverser deutscher Bands mit Renommee zu Ehren der "Besten Band der Welt" erschien, ließen sich auch LUCILECTRIC überhaupt gar nicht lumpen und steuerten zum bunten Kosmos aus Punkrock, Alternativerock, Ska, Hip-Hop, Dancepop und Liedermacherei auf dieser großspurig "Götterdämmerung" genannten Songsammlung diesen bei. Es handelt sich, wie bei allen anderen Tribut-Songs natürlich um eine Coverversion eines der zahlreichen musikalischen Meisterwerke aus dem Repertoire der ÄRZTE, in diesem Fall "Die Allerschürfste", 1993 auf dem Comeback-Album "Die Bestie in Menschengestalt" erschienen: Eine flotte Ska-Tango-Mischnummer mit spaßiger Melodie und kräftigen Bläsersektionen, in dessen Text sich FARIN URLAUB im stark berlinerischen Dialekt über eine eingebildete Femme Fatale auskotzt, die glaubt, sie könne allen Männern gefallen, sie alle um den Finger wickeln, eine, die "hier raain" kommt, "als jehört diä die Weelt, als wär jeder Tisch – nur für diä bestellt".

In der kaum weniger originellen Coverversion wird auch ein wenig geblasen, allerdings weniger auf Trompeten als eher einer Art "Kamm", auf irgendetwas, das eher einer Tröte gleicht. Aus der "allerschürfsten", koketten Schlampe wird ein Frauenheld-Verschnitt, ein ebenso promiskuitiver Mistkerl mit einem Hang zur Selbstüberschätzung. LUCY VAN ORG rotzt rotzfrech mit ihrem reibeisigen Organ und stellt überzeugend klar, wie sehr sie diesen Flachwichser verabscheut, das alles nach einem lustigen Kleinen gesprochenen Intro, wo man Herrn GOLDKIND auch kurz hört. Sehr geil gemacht.

 

  1. OCEANA – "Es hat mich erwischt" (1997)

Bevor sie in den frühen 10er Jahren des Jahrhunderts Nummer 21 nach Gregorianischem Kalender mit "Endless Summer" auf Englisch erneut Charterfolge verbuchen konnte, war die vollständig namentliche OCEANA MAHLMANN, die schon länger auch Fernsehmoderatorin und Schauspielerin, mit diesem Lied noch bescheidener unterwegs. In die Charts gelangte zwar auch dieser Song, doch ging er weitestgehend am damaligen Musikmainstream der 90er vorbei, der neben jeder Menge englischsprachigem Stoff auch einige andere deutschsprachige Lieder feilbieten konnte, die erfolgreicher wurden (einige wohl zu Unrecht) als er. Dieser Titel ist unwiderstehlich: Die sanft-soulige Stimme der damals erst 15-jährigen Sängerin schmachtet, schmeichelt und säuselt sich einem so tief in die Gehörgänge, dass man schwelgerisch davonschweben möchte. Das Lied, das mir nur bekannt ist, da es den gar nicht üblen, vielmehr krönenden Abschluss der zweiten CD der "Bravo-Hits 19" darstellte, ist ein wahrer Glücksgriff: Eine fein arrangierte Melodie zum Chillen, mit einem soften, unaufdringlichen aber spürbaren Beat, einem klassischen Thema des plötzlichen Verliebtseins und der tanzenden Hormone, die damit einhergehen. Als Begleiteffekt für jede Person, die es "erwischt" hat, das abgedroschenste doch unerforschteste Gefühl der Welt. Liebe ist halt klassisch und universell – darüber kann man immer singen. Was keineswegs heißen soll, gar darf, dass es sich hierbei um ein belangloses Lied handelt. Wie so viele andere kaum bekannte Songs ist es ein Juwel.

 

  1. OCEANA & KIM – "48 Stunden" (2000)

Ach, ich mag's, ich find's schön! Will nicht zwanghaft prahlen, protzen und dicke auftragen, aber: Ich hab halt Herz. Wer's auch hat, wird in diesem Lied mehr finden, als es das linke Jugendmagazin X-MAG in seiner Ausgabe vom Oktober 2000 in einer kleinen Top-5-Liste der "Beste[n] Lieder zum Einschlafen" immerhin auf Platz 5 einordnete. Diese Einschätzung ist ungerecht. Das im damals für die 2000 gerade einmal volljährig gewordene OCEANA typischen Stil vorgetragene Lied (das damit dem hier zuvor genannten ähnelt) ist zwar sanft-säuselnd, behutsam, watteweich und hat eine perfekt eingängige Melodie, doch nur bedingt langweilig. Man kann zu ihm gut träumen, womöglich eignete es sich theoretisch auch als perfekte Fahrstuhlmusik oder als Hintergrundbeschallung für den modernen Supermarkt. Darauf ist es aber verdammt nochmal nicht zu beschränken! Es kann mehr. Allein durch die Anwesenheit des männlichen Gesangspartners, KIM FRANK, normalerweise damals Sänger der Schüler-Jungsband ECHT, wird das Lied aufgewertet – und wer könnte schon der Information widerstehen, die man hier erhält? "Mein Tag – hat 48 Stunden, ich sag: Mein Tag…172.800 Sekunden…" – Wo sonst erfährt man diese relevante Information, dass zwei Tage (2x24 = 48 Std.) aus dieser sechsstelligen Anzahl einzelner Augenblicke (Sekunden) bestehen?

"Ich sag zu meinem Tag: 'Fang schon mal ohne mich an'. Sind grad erst aufgewacht – hab noch Sand in den Haaren…" – antwortet KIM zu Beginn des Songs auf OCEANAs abrupten Einstieg mit dem Refrain, während sanft gezupfte Akustikgitarrenklänge einen in die leicht synthesizeruntermalte, mit einem simplen Popbeat ausgestattete Sommerlichkeit dieses im Sommer 2000 erschienenen Liedes einführt – und allein hier schon fühlt man sich als Morgenmuffel angesprochen: Wer hat nicht schon manchmal seinen Tag bitten wollen, schon mal anzufangen, man käme dann später nach?! Leider hat ein Tag kein Bewusstsein, drum muss man ihn beginnen… Das junge Paar im Lied lässt es ruhig angehen, nachdem es sich in der Vornacht kennengelernt hat. Am Strand, einem der romantischen Sehnsuchtsorte junger Menschen im Sommer, gerade abends, gerade frühmorgens, bei dieser frischen Brise: "Ich wollte nur kurz raus, den neuen Tag begrüßen, die Morgenluft am Strand in vollen Zügen genießen – da sah ich dich im Mondlicht stehen – und es machte mir Spaß, dich anzusehen…" – haucht schmeichelnd mit sanftestem Soul OCEANA das Lied vom jähen Kennenlernen der neuen Liebe, fährt sie doch fort: "Ich fragte, ob du irgendjemand' erwartest – Du sagtest 'Ja, denn jetzt bist du da'…" – könnte Liebe je schöner beschrieben worden sein? Gerade die junge, frische, prickelnde, die nicht nach dem Sinn fragt? Die nicht überlegt, sondern gleich spontan zusagt?

Ein Song zum Träumen, Schwelgen, für die Lust und Liebe zu zweit, das faule Liegen am Strand, das Flanieren im salzigen Odeur des Meeres, der als steife Brise um die Nase weht, alles in bester Butter. So soll deutschsprachiger Soul sein: Betont sahnig und sanftmütig.

 

  1. OTTO REUTTER – "Der Blusenkauf" (1927)

Der  Sänger, Kabarettist und Humorist OTTO REUTTER, der unter anderem sog. "Couplets" zum Besten gab und den Lustikus und Schelm doch auch Weisheit in sich trug, wäre am 24. April 2020 150 Jahre alt geworden, wie die liebevoll gestaltete Fan-Seite www.otto-reutter.de informiert. Sogar eine Verlinkung zu einem TWITTER-Profil gibt es, die Lebensjahresdaten stehen dort (1870 – 1931). Auf der Seite preist ein begeisterter Sammler die guten alten Schellackschallplatten an, bietet, gegen eine kleine Gebühr, an, sie zu digitalisieren. Soweit so gut, so lebt OTTO REUTTER im Gedächtnis weiter.

Meine Entdeckung dieses Herrn mit den lustigen, großen Knopfaugen, die eine sympathische Freundlichkeit ausstrahlen, sein offenes, häufig lächelndes Gesicht erinnert mich an jemanden, den ich aus Funk & Fernsehen kenne (siehe genannte Internetseite, Seitenrand).

Doch unspektakulärer: Wie ich auf die musikalische Existenz dieses Mannes aufmerksam wurde? Im Grunde ganz banal: Als es im WOOLWORTH auch noch vereinzelt CDs und DVDs käuflich zu erwerben gab, stöberte ich in einem entsprechenden Kasten, fand dort eine Doppel-CD-Sammlung, die sich einfach "Comedy Schlager" nannte, deren Cover ein paar faschingsartig geschminkte Clowns zierte. Für den extrem erschwinglichen Preis von unter zwei Euro hielt ich es für möglich, die Kompilation zu kaufen, auf der sich einige einschlägig bekannte deutsche Musikgruppen wie die COMEDIAN HARMONISTS befanden, etwa deren "Ich wollt', ich wär ein Huhn". Alles allerdings sehr alte Bands, Musikgruppen, die noch richtig aufwändige handgemachte Musik produzierten, aber schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilen. Viele aus der Weimarer-Republik-Zeit. Mindestens zwei seiner insgesamt vier auf dieser Kompilation vertretenen Hits muss ich für würdig befinden, auf dieser Liste zu landen. Die Komplikationen, die sich bei einem Blusenkauf des Herrn ergeben, der hier das lyrische Ich stellt, als er mit seiner Frau einkaufen geht. Männer & Frauen und ihre divergierende Shopping-Herangehensweise, auch in den wenigen Jahrzehnten meiner Lebenszeit, wie generell das Thema "Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern" eines der häufigsten unpolitischen Comedy- und Kabarett-Sujets, an dem sich von HORST SCHROTH über MARIO BARTH (der quasi nichts anderes thematisierte) bis hin zu ATZE SCHRÖDER und DIETER NUHR und CAROLIN KEBEKUS abarbeiteten, ist das Hauptthema. Die Verwicklungen, die sich bestrickend um den Vorgang ranken, wenn Frauen ihre Männer mehr oder weniger "mitschleifen" durch die Modegeschäfte und als willigen Einkaufstaschenträger missbrauchen, werden hier genialisch maximal sezierend aufs Korn genommen. REUTTERs größte Stärke bestand darin, die satirischen Elemente auf die Spitze zu treiben, in höchste Sphären des Absurden! Wer sich als Mann und geduldiger Gatte oder Lebensgefährte mit Panik an zahllose unendlich scheinende Modeshoppingtouren erinnert, wird sich im höchst amüsanten Lied OTTO REUTTERs wiederfinden, grinsend, zugleich wissend nicken. Man nehme etwa: Die frauliche Unentschlossenheit und Unberechenbarkeit, dieses Unwissen, was sie eigentlich wollen: "Nun geht sie rein – ' 'nen Augenblick' – […] Und sie sagt drinnen nur Mamsell: ' 'ne blaue Bluse, aber schnell!' – Nun schleppt man alle blauen rein – Und nach 'ner Stunde sagt sie: "Nein! – Ich finde keine nette – ich möcht' 'ne violette". Die Pointe hat's in sich: Der Mann wartet und wartet, hungert und hungert – und dann… "Frauen und Männer passen einfach nicht zusammen!" würde LORIOT EVELYN HAMANN wohl hätte sagen lassen…

 

  1. OTTO REUTTER – "Ich habe zu viel Angst vor meiner Frau" (1929)

Dass starke Frauen nicht erst eine Erfindung des frühen 21. Jahrhunderts sind, dürfte für Gutinformierte ein alter Hut sein. Zwar gab es, bis auf wenige Ausnahmen, kaum Frauen in extrem mächtigen Positionen in der Weltgeschichte, doch es gab sie. Natürlich war das weibliche Geschlecht, das vermeintlich "schwache", nicht unbedingt seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte vollkommen gleichberechtigt und mit allerhand Rechten gesegnet. Nein, stark untertrieben könnte man sagen: Sie waren, gelinde gesagt, benachteiligt. Hatten von vornherein weniger Möglichkeiten, standesabhängig gab es wenig Variationen im klassischen Rollenbild, meist mussten sie die Hausarbeit erledigen und ihren Mann um Erlaubnis fragen, wenn sie eine Stellung aufnehmen wollten.

In der Spätphase der Weimarer Republik, in den generell als "goldenen Zwanzigern" bezeichneten Jahren der dritten Dekade des 20. Jahrhunderts, vor fast 100 Jahren also, entwickelten sich neue Frauentypen, Frauen begannen, sich teilweise wie Männer zu benehmen und verwirklichten sich auf anderen, neuen Wegen, als Vamps oder sonstige sexy Damen.

 

Dass es vereinzelt immer schon burschikose, rigorose Weibsbilder gab, die ihrem Göttergatten ordentlich "Bescheid gestoßen" haben, dies sogar in dem einen oder anderen islamischen Land (wo Frauen immer noch Menschen zweiter Klasse sind, in der Wertigkeit knapp oberhalb von Tieren) sehr selten vorkommen dürfte, ist gewiss auch nicht gerade eine frische Erkenntnis. Beim Kabarettisten, Scherzsänger und Humoristen OTTO REUTTER (mit zwei T) ist es, wie der Titel bereits verrät, eine schöne Schmonzette mit seiner Frau, er hat augenscheinlich Angst vor ihr bzw. sich mit ihr zu streiten. Ihr auch nicht alles recht zu machen.

So trägt das entweder Alter Ego des Schreibers und Komponisten, des auf der von jemand anderem liebevoll angefertigten Homepage des lange vor Erfindung des Internets verstorbenen Künstlers, schelmisch dreinblickenden OTTO REUTTER als weinerliche Elendsgestalt auf, die unter der "Knute" ihrer Frau leidet und sich nicht durchsetzen kann, nicht einmal in Teilbereichen. Nach außen hin, gegen andere Leute, seine gesamte Umwelt, markiert er jedoch den starken Mann, der weinerliche Kerl!

So sehr ich persönlich allzu Larmoyantes strikt ablehne und meine, ein bisschen Männlichkeit könnte gerade heutigen Heulsusen-Betamännern gelegentlich guttun, kann ich mich dem scherzhaften Farce-Charakter dieses kleinen, operettenhaften Schlagermeisterwerks nicht entziehen.

Als der lyrische Erzähler seine Frau kennenlernt, ist es gleich um ihn geschehen: Es ist nicht die klassische Verliebtheitsgeschichte! Eher fühlt er sich von ihrem resoluten, herrischen Habitus angezogen, nein, geradezu gezwungen: "Ich wollt' sie nicht – sie aber sah mich an – als wollt' sie sagen ein für allemal: 'Du mußt!' – Ich war der reine Mustermann…"

In der Ehe fügt sich die Dame dann zwar vordergründig in das klassische Rollenbild, denkt jedoch gar nicht daran, die gutbürgerliche Typisch-Frau zu geben: "Sie kocht – man kann nicht sagen, dass sie gut kocht – Sie weiß nie, was es wird – ich halte still" heißt es da unter anderem. Der folgsame, brave Mann isst dann sogar die Gräten des von ihr servierten Kabeljaus mit…

Ein Schelmenstück sondergleichen, mit der antiquiert wirkenden Sprachwahl, eines von dieser Art, wie sie heutzutage nicht mehr "gebaut" werden, eine besondere Form der Lyrik, wie sie in den 20ern des letzten Jahrhunderts üblich und von den COMEDIAN HARMONISTS, aber auch diesem Herrn REUTTER (mit den beiden Ts) zur wahren Klasse gebracht wurde.

Für alle Pantoffelhelden und solche, die es zwangsläufig werden müssen.

 

  1. OTTO WAALKES – "Hänsel und Gretel" (Variationen) (diverse Jahre)

Seit gefühlten Jahrmillionen bringt unser lieber "Blödelbarde" (diese Bezeichnung/Zuschreibung ist ausdrücklich nicht von mir), der alberne, bombig lustige Blondschopf aus dem hohen Nordwesten der Republik, dem schönen aber vergleichsweise platten Land (mit plattem Deutschsprech) Ostfriesland, immer wieder neue Versionen (Neuversionen) des alten Hänsel-und-Gretel-Liedes an. Das Erwähnte stützt sich stets auf die Grundmotive und Basis-Archetypen des wohl bekanntesten GEBRÜDER-GRIMM-Märchens: Ein Geschwisterpaar (Bruder + Schwester) wird von den Eltern im Wald ausgesetzt, da sie sich ihre Versorgung nicht mehr leisten können. Dann gibt’s da das Haus aus Süßigkeiten (hauptsächlich: Lebkuchen) – und eine ältere, verschrumpelte Dame, die sich allerdings (Spoiler-Alarm!) als böse Hexe mit Hang zum Kinder-Kulinarischen hat, mit anderen Worten: Die gern das Fleisch der Kinder als eine mehrere Mahlzeiten umfassende Luxusleckerei gewinnen möchte.

Soweit, so bekannt. Doch OTTO-Fans, unter ihnen ich, rasten immer noch freudig aus, wenn sie die neuesten Versionen des immerselben Themas vorgesetzt bekommen: Zu den Melodien jeweils zeitnaher, zeitbekannter Songs spinnt OTTO immer neue Comedy-Elemente um die klassische Konstellation der Story.

Klar könnte man meinen, das würde sich irgendwann ablutschen und abgedroschen, mit Augenrollen quittiert, zu den Akten gelegt. Doch weit gefehlt! Zu praktisch jedem OTTO-Auftritt gehört eben auch dieses immer staubansetzendere Märchen in der Sangesbardenform! Man erwartet es schon von ihm. Und es ist damit wohl der bekannteste und langlebigste Running-Gag der deutschen Humor- und Musikgeschichte, sogar noch langlebiger und bekannter als das Meiste von LORIOT! LORIOT verzichtete allerdings praktisch gänzlich auf Gesangsdarbietungen (musikalische Einlagen, etwa bei "Ödipussy", wurden stets von anderen performt, etwa "Meine Schwester, die Polyester"), weshalb von ihm eher geflügelte Worte geblieben sind.

Nun, mir persönlich gefallen die ersten Versionen gut, 1983 auf dem Audio-Album "Hilfe, OTTO kommt!" enthalten – und die damals aktuelle NEUE DEUTSCHE WELLE parodierend, mit ihren berühmtesten Songs. Beim kurzen Anspielen auf NENAs Überhit "99 Luftballons", auf den Schluss, um genau zu sein, muss ich mich immer noch schlapplachen: "99 Pfefferkuchen – wollte ich einmal versuchen – Wenn sie schwer im Magen liegen – steh ich auf und lass einen fliegen!" – Oder das besonders kurze parodistische Stück auf UDO LINDENBERGs "Sonderzug nach Pankow": "Entschuldigen Sie, ist das der Zug zum Knusperhäuschen?" Einfach geil! Verlässlich wie ein Uhrwerk gibt es jedes Jahr neuen Hänsel-und-Gretel-Stoff für die schwerstabhängigen Junkies. Danke, lieber OTTO!

 

  1. PEGGY MARCH – "In der Carnaby Street" (1970)

Die gebürtig (1948) aus dem US-amerikanischen Pennsylvania (aus der Stadt Lansdale, Montgomery County) COUNTRY- und FOLK-Sängerin und Songschreiberin PEGGY MARCH legte eine beispiellose Karriere hin, sowohl jenseits als auch diesseits des Atlantiks. In Deutschland als Schlagersängerin vor allem für ihr unten aufgeführtes Lied "Mit 17 hat man noch Träume" bekannt, lässt sich der Charme dieser weniger bekannten Nummer von ihr kaum leugnen: Musikalisch irgendwo im typischen 60er-Schlager angesiedelt, hat die Hommage an die berühmteste Londoner Shoppingstraße unleugbar etwas, das mich an die mal mehr, mal minder hochwertigen, zu etwa einem Dutzend sehr gut gemachten EDGAR-WALLACE-Krimifilme aus der Produktion der deutschen RIALTO-FILM erinnert. Dabei ist der Text recht offensichtlich gereimt: "Was so alles geschieht – in der Carnaby Street" flötet fröhlich Fräulein MARCH und führt beschwingt singend weiter voller Charme durch den Song. Die damals sich stetiger Beliebtheitssteigerung erfreuenden Anlizismen finden wie selbstverständlich ebenfalls Einzug: "Ja, die Girls und Boys – kommen aus dem Haus – denn sie hören den Beat – in der Carnaby Street".

Dem wollen wir uns doch gewiss alle aus vollem Herzen anschließen, nicht wahr?

 

  1. PEGGY MARCH – "Mit 17 hat man noch Träume" (1965)

Wie auch schon CONNIE FRANCIS aus Newark, New Jersey, die unter anderem mit "Schöner fremder Mann" ordentlich Furore in Deutschland machte, machte auch PEGGY MARCH mächtig Karriere. In einer Zeit, als man, wenn irgendwas Deutschsprachiges, dieses mit einem schönen Akzent hören wollte, trällerte sehr feierlich ein junges Mädchen diesen Hymnus an die Jugend und (Jugend-)Liebe zugleich: "Mit 17 hat man noch Träume – da wachsen noch alle Bäume – in den Himmel der Liebe!" säuselt sie unwiderstehlich, die junge Dame – und man ist bereit, es der damals 17-Jährigen (!) tatsächlich abzunehmen. Das ihr von Schlagerkomponist und –Texter HEINZ KORN (1923-1993) auf den Leib geschriebene Schlager-Juwel, das völlig berechtigt einer der schönsten deutschen Schlager überhaupt genannt werden kann, war der Durchbruch für die damals junge Dame, die 2019 ihr bislang neuestes deutschsprachiges Album "Man ist nie zu alt für Träume" herausbrachte. Das spielt ein wenig auf diese Sehnsuchtsnummer, auch mit Kummer gewürzt, an, führt sie aber ad absurdum: Entweder man ist in der jugend traumgefüllt oder man hat immer welche…

Nun, PEGGY MARCH hat sich, beschaut man sich die neueren Bilder, entweder etwas liften lassen oder ihre Wangen strahlen aus anderen Gründen so (hat sie ein Geheimnis?). Das tut dieser Nummer und der Rührung keinen Abbruch, die man bei ihr empfindet.

 

  1. SABRINA SETLUR FEATURING XAVIER NAIDOO – "Alles" (2000)

Über bloße Filmstudenten-Machwerke hinaus gab es in Deutschland bis zur Jahrtausendwende kaum nennenswerte Versuche, zur Abwechslung zum bedeutungstonnenschweren Vergangenheitsbewältigungskino über NS- und DDR-Regime oder mehr oder weniger gelungenen Komödien dem Horrorfilm-Genre eine neue Note hinzuzufügen. Jedenfalls zu meiner Zeit nicht. Die letzten deutschen Gruselfilmwerke etwa waren entweder externe Co-Produktionen mit anderen Ländern – oder ein paar Aufhorcher in den 70ern, wie etwa die gelungene deutsche Stummfilm-Neuverfilmung "Nosferatu" mit KLAUS KINSKI in der Hauptrolle. Doch die 70er waren ohnehin das Horror-Jahrzehnt schlechthin – und das der Skandalfilme.

Zwei Jahre nach FRANKA POTENTEs großem deutschen Durchbruch mit "Lola rennt" (1998), der auch international aufmerken ließ und endlich mal wieder ein innovativer und nicht schnarchlangweiliger deutscher Film war, erhielt sie, nach ein paar filmischen "Unfällen" 1999 eine der besseren Rollen ihrer Karriere: In "Anatomie" verkörperte sie überzeugend eine eben jenes Fach der "Leichenfledderei" studierende junge Dame an der Uni Heidelberg. Dort gehen seltsame Dinge vor sich – und ein verschworener fiktiver Geheimbund, die "Antihippokraten", die sich also nicht dem obligatorisch-universellen Eid des HIPPOKRATES verpflichtet fühlen, sondern auch ethisch fragwürdige Experimente und Operationen durchführen (eine Art MENGELE in Geheimbund-Form) treibt sein Unwesen, Leute verschwinden spurlos… Zu dem sehenswerten Film gab es natürlich auch einen exzellenten Soundtrack, der unter anderem aus diesem zum Schluss des Films gespielten Song bestand. Ex-Mentorin von XAVIER NAIDOO, SABRINA SETLUR, und ihr ehemaliger Schützling, bringen hier eine melodische Pophymne, die als beruhigendes Element nach den schockierenden Ereignissen des Films für ein wenig Mütchenkühlung sorgen kann.

Thematisch zwar nicht gänzlich zum Film passend, geht es hier doch um ein lebenshungriges junges Paar, das alles ausprobieren will, was das Leben nur hergeben kann, schließt es doch den Film rundend ab. Ein Paar, das mitunter an den eigenen Ansprüchen scheitert, die Frau an sich selbst, aus ihrer Sicht wird das Ganze hier erzählt.

Auch geht es um Glaubensfragen und Zweifel daran. Die etwas apodiktisch-forsche Behauptung "Es gibt einen Gott" ist für mich als Atheisten ein Affront, obgleich ich sowohl SABRINA SETLUR als auch dem tiefgläubigen Christen XAVIER NAIDOO großmütig verzeihen kann. Es gibt nach wie vor keine Beweise für irgendeine Gottheit, gleichzeitig mit keinen dagegen. Warum es mit höchster Wahrscheinlichkeit dennoch keinen gibt, das mögen Profis wie RICHARD DAWKINS bestimmen oder nicht. Ein smoothes Lied hier, das ein bisschen den meditativen Charakter hat, unwiderstehlich schön in der Melodieführung und den Linien, auf einen pluckigen Plucker-Beat gebastelt. Der Soul erreicht die Seele dank NAIDOOs exzellenter Leistung. Hut ab!

 

  1. SHLOMO FINKELSTEIN – "Es ist Ampelzeit" (2021)

Die 2020er sind für wenig Erhellend-Erheiterndes bekannt. Einer der wenigen Lichtblicke, eine mir und meiner Partnerin jeden Sonntag versüßende Veranstaltung ist der Podcast "(Die) Honigwabe", in der die beiden kritischen konservativen Ex-YOUTUBE-, jetzt GEGENSTIMME.TV-Stars, allsonntäglich ab 18.00 Uhr (mit jeweils unterschiedlicher Länge, im Schnitt etwa für drei Stunden) den Wahnsinn unserer Zeit, den irren Zeitgeist, das Clowneske, Infantile und all die Verwerfungen der jeweiligen Woche thematisieren. Dabei geht es zwar nicht immer nur lustig zu (diese Zeit ist zu ernst, um sie nicht auch ernstzunehmen!), doch stecken die diversen wiederkehrenden Kategorien (mit jeweils in der Woche stattgefunden habenden Ereignissen) voller Witz und guter Unterhaltung.

An jedem Donnerstag oder Freitag gibt es ein neues Bewegtbild-Erzeugnis des Herrn FINKELSTEIN, der eine gewisse Routine darin entwickelt hat, über gesellschaftlich relevante Themen aus liberal-konservativer bis libertärer Sicht Kommentare abzugeben.

Ab und zu singt er auch, wobei seine Stimme mal engelsgleich, mal etwas unbeholfen-dilettantisch klingt, seine Sprechstimme ist schon etwas schöner als seine Singstimme.

Doch wenn er solche Knaller raushaut wie diesen, der leider mit knapp 2 Minuten Länge viel zu kurz ist und einen dazu veranlasst, ihn mehrfach hintereinander dauerschleifend abzuspielen, ist dies ein seltenes Juwel. Ein Feiertag sowieso. Am 27.10.2021 dann endlich das neue gesangliche Meisterwerk: Musikalisch, von der Instrumentierung, orientiert sich der Virtuose klar erkennbar an HERBERT GRÖNEMEYERs "Mensch", jenem Hitsong, der das große Comeback des Befindlichkeitssängers Nummer 1 in Deutschland, jenes Intellektuellen, der allerdings immer öfter seine hässlichen, unangenehmen Seiten zeigt, einleitete. Song und gleichnamiges Album GRÖNEMEYERs schlugen 2002, bei Erscheinen, ein wie eine Bombe und überflügelten absolut alles, das bis dato von ihm erschienen war – und seitdem ist. Ob "12", "Schiffsverkehr", "Dauernd Jetzt!" und zuletzt "Tumult" – "unsen HERBERT" hat seinen Zenit definitiv überschritten, sein Parodist SHLOMO F. allerdings noch lange nicht.

So hört man den längst zum unangenehmen Klassiker avancierten Polter-Schrei-Ausraster-Auftritt GRÖNEMEYERs auf einem seiner Konzerte, bei dem er sich unsterblich blamierte. Bei dem er sich selbst als kryptoautoritären Schreihals entlarvte. "Keinen Millimeter nach rechts! Keinen Millimeter!" hört man GRÖNEMEYER in GOEBBELS-Manier aus Leibeskräften brüllen, eh dann die charakteristischen Drums und Riffs von "Mensch" aufflackern und, gut geschnitten, in SHLOMOs Stimme übergehen.

Der Mann, der auch als DIE VULGÄRE ANALYSE bekannt geworden ist, sich jedoch immer weniger dieses Stilmittels bedient, selbst wenn seine scharfzüngige Polemik in Grundzügen erhalten bleibt, nimmt sich sehr zurück, orientiert sich in der bitterscharfen Parodie stark an GRÖNEMEYERs fraglos genialem Originaltext. An den richtigen Stellen weicht er ab: Während im selbstverständlich sehenswerten Musikvideo zu Beginn Elemente des zeichnerisch sehr begabten, ebenfalls empfehlenswerten YOUTUBERs DION (nicht zu verwechseln mit dem New Yorker Sänger DION [DI MUCCI], dem mit "A Teenager in Love" und "The Wanderer") vorkommen (Karikaturen eines schreienden GRÖNEMEYERs), folgen später Elemente aus alten Bierwerbespots (JEVER) und Bilder der verkommenen "Woko Haram"-Welt.

 

Denkwürdig und vielsagend der Satz "Nach der Feigheit kommt die Flut" (Originaltext: "Nach der Ebbe kommt die Flut"), der darauf referenziert, dass die Bundesregierung schon Tage vor der Ahrtal-Flutkatastrophe wusste, was im Anmarsch war, doch das ist nicht der einzige: In ein und demselben Satz bringt FINKELSTEIN prägnant auf den Punkt, wofür andere Leute epische Gedichte brauchen. Die größten Probleme unserer Zeit, nämlich Migrationsschwemme aus den islamischen Kaschemmen dieser Welt, die gegenüber Weißen rassistische Bekämpfung angeblichen "Rassismus" ("weißes Privileg"), auch die Problematik mit sinkender Energieversorgungssicherheit, letztlich der Klimawandel-Hysterie-Irrsinn kommen aufs Tableau, gewitzt gewürzt mit der typischen linken Mainstream-Abwälzung aller auch von dortaus immer offensichtlicher erkennbaren Probleme auf die vermeintliche "Nazipartei" AfD: "Fuck AfD!" heißt es am Ende jeder Strophe, während die "Cuckservatives", also Leute, die sich nicht trauen, die einzige de facto konservative Partei AfD zu wählen und stattdessen die bloß scheinbar "bessere" Alternative FDP wählen. Diese Leute, die "herum-cucken" haben immer noch nicht eingesehen, dass die FDP selbst Teil des Establishments der Altparteien ist, somit Part des Problems. Dieselbe FDP ist dies nämlich, die Nichtgeimpfte als "Sozialschädlinge" (STINNER) bezeichnet, die Einbürgerung auch Asylunberechtigter erleichtern/beschleunigen will und der Meinung ist, 500.000 neue Einwanderer jedes Jahr "für ein neues Wirtschaftswunder" zu brauchen, als sei dies kein Problem.

Das wird im Song nicht näher ausgeführt, Wohlinformierte wissen auch so, was gemeint ist. Schließlich wird die Gendersprache aufs Korn genommen, unter Verballhornung eines Vorschlags, den irgendein Windei von einer Uni eingebracht hat, dem selbst das Wort "Mensch" noch zu wenig neutral ist und das entsprechend vorschlug, an jedes Substantiv ein "ens" dranzuhängen. Eine übrigens ähnlich bescheuerte Schnapsidee wie Hauptwörter wie Ärzte künftig mit einem Y am Ende zu anglisieren: "Ärzty". Mehr als je zuvor werden solche Songs wichtig, um den völlig verrückten, entgrenzten Oberschwachsinn dieser Zeit zu beleuchten und entlarven. Nicht nur ich, das konnte ich zahlreichen Kommentaren entnehmen, sehe dieses kleine Meisterwerk als etwas sehr Wertvolles an. Unbedingt anhören: GEGENSTIMME.TV, Suche nach: "Shlomo Finkelstein", dort das Video vom 26.10.2021 anklicken und genießen!

 

  1. SIDO featuring SDP/SDP featuring SIDO – "'Ne Leiche" (2010)

Von Jahr zu Jahr wird SIDO seriöser. So wahr – so langweilig – so berechenbar. Er kann wohl auch nicht anders: Im Mainstream zuhause zu sein bedeutet ganz schnell mal, abhängig vom Staatssystem, das gerade vorherrscht bzw. welche grobe politische Richtung zur betreffenden Zeit gerade in einer Demokratie vorherrscht. In unserer, die sich allerdings immer mehr aufweicht, ist es zurzeit die linke bis linksextreme Mainstreamstory, und die wird verarbeitet. Kein Wunder: SIDO ist längst einer dieser Schwafler geworden, die natürlich pro Impfung, pro Grenzenlosigkeit, pro Massenpenetration durch Einwanderung, pro Gendermüll, pro Klimaschutz-Hysterie, pro Energiewende um jeden Preis, pro Frühsexualisierung, pro all den Quatsch, den unsere kindliche Zeit hervorbringt, wenn man linken Vollspaten die Geschicke übernehmen lässt.

2010 war das auch schon halbwegs so, wenngleich Herr WÜRDIG (SIDOs bürgerlicher Nachname) schon noch spannender unterwegs war als heute. Mit dem Rap-Pop am laufenden Meter erzeugenden, originellen Rapper-Duo SDP (bestehend aus VINCENT "Beatzarre" STEIN und DAG-ALEXIS KOPPLIN) als Garanten des humoristisch höchsten Niveaus zusammen setzte SIDO sich zusammen, erzeugte mit ihnen einen eingängigen, locker-poppigen und sehr catchy Refrain und eine Nummer voller vergnüglicher Strophen. Wie bei FARIN URLAUB und VICKI VOMIT geht’s um das Problem mit einer Leiche, jedoch ist dies nicht, wie in URLAUBs Fall, eine faszinierte Betrachtung eines in einem Teich liegenden toten menschlichen Körpers, sondern, ähnlich wie bei VOMIT, um das Loswerden derselben. Im Gegensatz zum Lied des Herrn VOMIT handelt es sich aber nicht um die Oma des aus der Ich-Perspektive singenden Liedprotagonisten, auch nicht den Opa ("auf meinem Sofa liegt ein Toter – Ich bin's nicht gewesen – und es ist auch nicht mein Opa"), so viel wird klargestellt. Nicht selbst umgebracht hat der die Leiche basserstaunt bei sich Auffindende also – und fragt sich nun, da er's nicht beweisen kann, nicht der Täter zu sein, wie er sie loswird.

In Zeiten, als Amokläufe noch sehr vereinzelt und vornehmlich an Schulen stattfanden, klingt eine makabre Möglichkeit ungefähr so: "Ich warte auf den nächsten Amoklauf – und deponier sie in der Aula – das fällt gar nicht auf – zwischen Max und der Laura". Heute geht das anders ab: Amokläufe werden zu einem immer alltäglicher und in immer größerer Fluktuation stattfindenden Ereignis, wo häufig Leute aus einem gewissen ideologischen Formenkreis "Allahu-Akbar" schreien und im Namen des Islam und des Propheten Gräueltaten in Zügen, Großstadt-Fußgängerzonen und anderen Örtlichkeiten anrichten. Die dann später als "verwirrte Einzeltäter", "psychisch krank" exkulpiert werden…Verrückte Zeiten.

 

Im Lied jedenfalls werden verschiedene Möglichkeiten erwogen, was mit dem Leichnam zu tun sei, darunter auch wirklich bizarre, auch zynische: "Ich war im Baumarkt – denn ich will da ma' was nachfragen – ob sie nich' 'ne große Kiste, sowas wie 'nen Sarg haben" – oder: "Oder ob es reicht, wenn ich sie bloß zerlege – mit dem Häcksler im Garten oder der Motorsäge – Und dann lad ich meine Freunde ein – zum Barbecue – Es gibt Fleisch für alle, komm, schlag ruhig zu". Faszinierend klingt auch: "Oder ich bau 'ne Rakete und schieße sie zum Mond" oder, unfairer Clou: "Doch die Lösung liegt viel näher als man denkt – Ich warte einfach bis mein Nachbar pennt – dann schleiche ich mich heimlich in sein Haus – und lege ihm die Leiche einfach auf die Couch". Man kann gar nicht genug vom spaßigen Kurzweiligkeitstext kriegen, man ist gespannt, was sich der Kerl, der Liedprotagonist noch alles ausdenken wird, um die Leiche loszuwerden. Der klassische Humor trifft auf frischen und weiß ein weiteres Mal eine schöne Geschichte rund um eine Leiche zu erzählen. Bliebe nur noch zu klären, was deutschsprachige Texte immer mit Leichen haben, die plötzlich auftauchen oder die man selbst erzeugt hat und nun schleunigst loswerden muss. Ich meine: Wer erinnert sich nicht gern, auch ausgerechnet jetzt zur Weihnachtszeit, wie LORIOT zwar nicht gesungen, aber gescherzt hat (ich werde eine eigene große Datei zum Thema DEUTSCHER HUMOR erstellen), über jene fiktive Förstersfrau, in seinem schlicht "Advent" betitelten Gedicht? Ach, eine kleine Obsession mit Leichen haben wir Deutschsprachigen schon, gelle?

 

  1. STEREO TOTAL – "Für immer 16" (2001)

Anfang der 2000er blühte das alte Skurrile wieder auf, das man aus den mittleren 90ern herübergerettet hatte. Sicher gebettet in einer neuen Zeit kamen Lieder wie dieses zustande. Eine der zahllosen kreativen Bands aus der Jetzt-Scheißhölle Berlin, war dieses Trio eines der kreativsten. Die verrückten Lieder dieser Combo lebten bis zum zu frühen, überraschenden Tod der Sängerin am 17. Februar 2021 von ihrer nöligen, extravaganten Stimme und dem extremen französischen Akzent. Die gebürtige Französin FRANÇOISE CACTUS (sprich: Kacktüüs) verstarb am erwähnten Tag im Alter von gerade einmal 56 Jahren an Brustkrebs.

2001, vor 20 Jahren also, als sie erst Mitte 30 war, klang alles sehr frisch: Gespickt, geradezu veredelt mit Gallizismen und im deutschen Sprachraum nicht unbedingt gängigen Ausdrücken geht hier die Post ab, auf bekannte Popsongs der Welt wird verwiesen ("kleine süße 16" klingt doch arg nach "sweet little 16") – und die Dame von damals 36 beschließt, "für immer 16" zu sein, stellt jedoch forsch klar, weder "Girlie" noch "Heidi" zu sein, sondern eine selbstbewusste, gestandene Frau, eine niedliche Mieze mit Krallen, wenn man so will: "Doch, wenn es Ihnen gefällt – nennen Sie mich Mademoiselle" – also eher die Form von "Madame" für die jüngeren Damen. Ihr nicht mehr ganz taufrisches Alter (der Sponti-Spruch heißt denn auch: "Trau keinem/r über 30") ist ihr dafür umso bewusster: "Ich könnte deine Mutter sein – dann hättest du den Salat – aber für mich wäre das fein"…

Skurril, kurios, komisch, extravagant – für dieses unkonventionelle Lied dieser Ausnahmeband gilt das im Besonderen. Musikalisch geht es flott runter wie Öl mit Zacken drin.

 

  1. QUARKS – "Vergiss" (2002)

Die Mehrzahl von "Quark"? Oder hieße die eher "Quarke"? Fragestellungen spezialgelagerter Art. Quarks sind diese Minimalteilchen in einem Atom oder sowas, ich kenn mich da keineswegs aus. Das "Quark's" ist auch die Kneipe/Bar/das Spielcasino und Vergnügungslokal eines fiktiven Außerirdischen, eines FERENGI namens QUARK, der in der Serie über die fiktive Raumstation "Deep Space Nine" (1993-1999) dort seine Geschäfte führt, bis hin zu illegalen. Kaum bekannt: QUARKS war ein von 1995 bis 2004 existierendes Elektropopduo mit deutschen Texten, das aus Berlin kam. Das waren die Sängerin JOVANKA VON WILSDORF und der Keyboarder und Techniker/Instrumentalist NIELS LORENZ. In ihrer kurzen Schaffensphase erzeugten sie nur fünf Alben und einige Singles, die aus diesen ausgekoppelt wurden. Diese hier ist die markanteste, vom vierten Album "Trigger Me Happy": Ein schmeichelnder, locker-fluffiger, kuscheliger Elektro-Dance-Track, wie er für die erste Hälfte der 2000er immer typischer wurde und an andere Erscheinungen in diesem seichten Pop-Genre, das musikalisch weniger aufregend ist als inhaltlich tiefschürfend, erinnert, etwa an MIA, KLEE, und natürlich 2RAUMWOHNUNG (siehe jeweils unter diesen Buchstaben). "Vergiss" fordert klassisch dazu auf, sich der Sorgenfalten zu entledigen, die einem die Stirn zerfurchen, einfach mal alle Fünfe gerade, einfach mal auf alles in Scheißegal-Attitüde pfeifen, die Probleme und Konflikte links liegenlassen. Das in einer so beruhigenden, geradezu meditativen Weise, dass man sich in dieses Lied wie in ein watteweiches Kuschelkissen einwickeln möchte. Herrlich.

 

  1. TINIAN – "Arschbackistan" (2021)

Die Geschichte um dieses erste Lied, das ich hier vom jungen TINIAN vorstellen möchte, ist schnell erzählt. Inspiriert ist sie ein wenig von einem Video des genialen SHLOMO FINKELSTEIN, der in dieser Liste auch ein paar Male auftaucht. Dort wird eine feine Analogie gesponnen, die hier aufgegriffen wird. Diese Analogie ist geradezu klassisch, doch dafür umso deftiger trefflicher. Der Nachwuchsmusiker, der vorerst auf SOUNDCLOUD seine kleinen Meisterwerke veröffentlicht, klimpert viel mit dem Klavier herum, rein musikalisch ist seine Musik gepflegter Salonmusik zuzuordnen, der Atmosphäre gehobener Clubs. Ein wenig erinnert sein Werk an HAGEN RETHERs gelegentliche Spielereien am Flügel, wenngleich er weitaus besser singen kann als der Kabarettist, dessen Kabarett längst angestaubt, falsch und fadenscheinig schal geworden ist, wenn man aufhört, des Herrn RETHERs schräge Vergleiche unpassender Art zu ignorieren.

Bei Herrn TINIAN ist das anders. In diesem ersten kleinen Meisterwerk, dem jüngsten derer, die ich hier preise, singt er mit seiner kabarettfähigen Stimme vom fiktiven Land "Arschbackistan", in dem zwar Homosexuelle, hier vornehmlich Schwule, irgendwie "toleriert" werden, doch diese Toleranz nicht wirklich stattfindet und auf enge Grenzen beschränkt ist. Die Vergleichbarkeit mit unserer aktuellen Situation im Land (du darfst auch nichtlinke, konservative, moderat-rechte Ansichten vertreten, aber wenn du sie öffentlich oder in größerer Runde äußerst, musst du um deinen Job, dein soziales Umfeld und deine Karrierechancen bangen) ist gegeben, die Parallelen unverkennbar. Unbestreitbar überdies. Die Meinungsfreiheit, vordergründig immer noch Teil des geduldigen Grundgesetz-Papiers, wird systematisch eingeschränkt, nicht nur, nicht erst durch das NETZDG, sondern auch andere drakonische Zensurgesetze, Anti-"Hassrede"-Gesetze (wobei ein linkspolitischer Mainstream entscheidet, was "Hass" ist und was nicht, sodass im Endeffekt auch der kränkeste linke Hass ignoriert wird, jedoch schon die leiseste rechte Polemik aufs Schärfste angegriffen, gelöscht, getilgt) sowie eine Art "Schweigespirale" der Öffentlichkeit. Katastrophale Umfrageergebnisse zeigen, dass eine deutliche Mehrheit der deutschen Bevölkerung der Ansicht ist, dass man seine Meinung nicht mehr gefahrlos öffentlich äußern könne, ohne um Arbeitsplatz, Einkommen, Sozialkontakte, Karriere fürchten zu müssen, wenn es keine linke Ansicht ist. Zwar gibt es noch keine STASI wie in der DDR, doch ausgerechnet in diesem unserem demokratisch sich nennenden Land hat eine Ex-STASI-IM-Fotze namens ANNETTA KAHANE die Oberaufsicht über ein nichtstaatliches Nachrichtennetzwerk (BELLTOWER NEWS), das ihrer reichlich von Steuergeldern sattgefütterten "Stiftung" AMADEU ANTONIO STIFTUNG untersteht. In diesem Netzwerk wird jeder nichtlinke Charakter, sei es jemand unter Klarnamen oder Pseudonym, der im journalistischen, publizistischen, YOUTUBE- oder Podcast-Bereich auftritt, "eingeordnet". Und zwar auf eine STASI-DDR-artige Weise: Dort werden inflationär Leute zu "Nazis" gekürt, die sehr weit weg von der in der Tat verachtenswerten Springerstiefel-Fraktion stehen. Gemäßigte, seriös-konservative Journalisten wie ROLAND TICHY (TICHYS EINBLICK), die konservative JUNGE FREIHEIT, die eher mitterechts angesiedelte, harmlose ACHSE DES GUTEN (ACHGUT) mit sämtlichen ihrer engagierten Top-Journalisten – alle bereits böse "Nazis" in KAHANE- oder AAS-Augen.

Ein Land, in dem das Meinungs- und "Sagbaren"-Klima immer rauer wird, ein Land der Spaltung ist es längst. Davon berichtet TINIAN hier ausführlich und klärt in passenden Passagen darüber auf, welche wenigen Wörter seines Textes man nur durch gewisse andere austauschen müsse, um es exakt passend zu machen. Eine etwas andere Herangehensweise als DER DECOUVRIERER (siehe YOUTUBE-Checker) freilich, aber eine musikalisch unterhaltsame. Es steht schlecht um unser Land – und der freundliche Herr TINIAN macht keinen verdammten Hehl daraus!

 

  1. VOLKER LECHTENBRINK – "Ich mag" (1981)

Die brüchige, tief-gemütliche Alter-Mann-Stimme des Herrn VOLKER LECHTENBRINK schmeichelt jedem Ohr – und dieses Lied, das in der CARO-Kaffee-Werbung passend zum romantischen Einsatz kam (eigentlich ist es, wie die meisten anderen für Reklame missbrauchten Lieder, viel zu schade für "Verbraucherinformationen" und deren musikalische Untermalung), besteht aus allerhand schönen Strophen voller positiver Dinge, was Herr L. alles mag (oder es vorgibt) – mit der großen, hehren Liebeserklärung zum Ende jeder Strophe: "…und ganz doll dich!" – Was könnte sich eine geliebte Person Besseres wünschen? Wer könnte mehr wollen?

Eines der wenigen deutschsprachigen Lieder, die es sogar eine Zeitlang ins GUINNESS-BUCH DER WELTREKORDE schaffte. Im Gegensatz zu DIE ÄRZTEs "Yoko Ono", das das bis dato kürzeste Lied aller Zeiten war (eine halbe Minute Länge), handelt es sich um eines der langatmigsten, jedenfalls textstärksten: Mit in einer alternativen Version mit vielen, vielen weiteren Strophen, allerdings von ROLF (ZUCKOWSKI) UND SEINE[N] FREUNDE[N], gelang dieser Rekord. Hier wird allerdings nur die ursprüngliche Version zu sehen und hören sein. Die ist immer noch die beste. Wer auf "Marke Eigenbau" steht und gern textet, kann noch weitere Strophen hinzufügen…










(C) 2021, Knusik Knooshoooodt 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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