Klaus Mattes

St. Bernhard fertigt Salzburg ab


 

In den autobiografischen Romanen der siebziger Jahre, damals gebunden bei Residenz (Salzburg) erschienen, nicht bei seinem eigentlichen Verlag (Suhrkamp), heute als dtv-Taschenbücher und mp3-Lesungen erhältlich, geht es um Bernhards Salzburger Jugendkomplexe.
 

„Ein Kind“ ist von den fünf Büchern das zuletzt geschriebene und lieblichste, von der Lebenschronologie her das erste. Nach dem Anschluss an Nazideutschland lebt Bernhards Großvater mütterlicherseits, der Heimatromancier Johannes Freumbichler, nicht mehr am Wallersee im Land Salzburg, sondern in Oberbayern, auf einem Hügel vor dem Toren der Kleinstadt Traunstein. Bernhard, uneheliches erstes Kind einer Hauswirtschafterin und Wäscherin, die nicht Freumbichler heißt, weil auch ihr Vater zum Zeitpunkt ihrer Geburt mit der Mutter nicht verheiratet gewesen war, Bernhard also, das im Titel benannte, etwa achtjährige Kind, fährt praktisch an jedem Tag die 3 Kilometer vom Wohnort der Mutter zum Haus der Großeltern. Aber dann irgendwann macht er sich, ohne es jemand zu sagen, auf seinem Rad in das weiter entfernte Salzburg auf, wo andere Familienangehörige leben. Es geht über etliche Hügel und nun hat er eine Fahrradpanne und kann das Rad nicht reparieren. Der jugendliche Widerborst ist nicht bereit, die offenkundige Niederlage hinzunehmen, vor allem, da er sich am Großvater orientiert, der stets Zähigkeit und Durchhalten als Grundlage des Erfolges hochgehalten hat.
 

Sein gesamtes Leben sollte Freumbichler daran wenden, seine umfangreichen Werke zu erarbeiten. Einen normalen Geldverdienst hatte er nie, lebte vielmehr von der Arbeit seiner Frau und Tochter. Weder Durchbruch noch Nachruhm erlangte er jemals, obwohl ihm kurz vor dem Anschluss doch noch der österreichische Staatspreis für Literatur zugefallen war. Eine Auszeichnung unter dem damals bereits herrschenden diktatorischen System, von der nach dem Weltkrieg niemand mehr wissen wollte.
 

Nun also, der kleine Thomas arbeitet sich daran ab, die Stadt Salzburg zu Fuß, das Rad schiebend, zu erreichen. Da holt ihn der Großvater ein, den das Verschwinden des Kinds stutzig gemacht hat, und er rettet ihn.
 

„Die Ursache“, in der es um die Kriegsjahre in Salzburgs und Bernhards Gymnasialzeit im katholischen Internat (als Externer) geht, erregte in den siebziger Jahren das größte Aufsehen von diesen fünf Romanen, weil ein pensionierter Geistlicher dagegen klagte, woraufhin die Nennung seines Vornamens im Text unterbleiben musste. Mit dem Wort Ursache ist der Auslöser für Bernhards späteres Schreiben in Opposition zu seiner Herkunft und Umgebung gemeint. Er sieht dieses Ursache in dem beiläufigen Sterben, ausgelöst durch die eher spärlichen Bomben auf die schöne Bischofsstadt, deren Verwüstungen dem Halbwüchsigen, gesteht er, seinerzeit eher wie ein Abenteuerland und erst in der Rückschau schrecklich vorgekommen sind. Ganz wesentlicher Auslöser seines Salzburgs-Hasses ist aber vor allem das verhockte katholische Milieu, dessen Dienstmannen er in der Schule als Lehrer erleben muss, also vor allem die Älteren und Kranken, die nicht für den Kriegsdienst eingezogen waren.
 

Die Zöglinge in dem kirchlichen Wohnheim samt Lyzeum wären systematisch geknechtet und seelisch vergewaltigt worden. Wobei man angesichts heutiger Diskussionen dazu sagen muss, dass in „Die Ursache“ an keiner Stelle von sexuellen Übergriffen die Rede ist.
 

Eines der in Bernhards Büchern immer wieder auftauchenden Motive ist die radikale Richtungsumkehr. „Ich bin immer so gegangen, aber erst, indem ich genau entgegengesetzt ging, bin ich irgendwohin gekommen.“ In „Die Ursache“ vollzieht er das als Halbwüchsiger schon, indem er die Schule abbricht, aufs Arbeitsamt geht, um sich arbeitssuchend zu melden, und, wie man dann im nächsten Band erfahren wird, eine Ausbildung als Verkäufer im Lebensmittelhandel anfängt.
 

„Der Keller“ sieht den jungen Thomas Bernhard als Lehrling in einem Lebensmittelladen in einer einfachen Wohngegend im Salzburger Norden, der Scherzhauserfeld-Siedlung. Keller, weil der Laden seines Chefs Karl Podlaha im Kellergeschoss liegt und über eine Treppe außerhalb des Hauses, das ansonsten Wohnhaus ist, wie alle im Viertel, betreten wird. Bernhard hebt darauf ab, dass es sich um einen abenteuerlichen Mix aus Zugewanderten und Gescheiterten gehandelt hätte, die dort einkauften. Mit den Jahren kamen die immer schon schlichten Bauten sehr herunter und der Laden verschwand. Schließlich wurde die Gegend saniert, sodass sie sich durchaus wieder sehen lassen kann. Auch die Salzburger Thomas-Bernhard-Straße liegt heute dort.
 

Passend zu seiner Selbstcharakterisierung, ein künstlerischer, philosophischer Mensch mit unglücklicher Kindheit und wirtschaftlicher Ausweglosigkeit gewesen zu sein, ein Junge, dessen alles dominierender Opa ihn zum Genie vorbestimmt hatte, wobei die eigentliche Disziplin dieses Genies noch völlig offen war, man wusste nur, dass er sich in der Schule gelangweilt hatte, schlechte Noten gehabt hatte, konfrontiert ein gutes Schicksal ihn im Keller mit dem idealen Kontrahenten und Förderer. Nämlich, als es dann so aufgezeichnet wurde, konnte niemand es exakt überprüfen, behauptet Bernhard, der Podlaha sei alles andere als ein gewöhnlicher Krämer gewesen, vielmehr ein Philosoph, der lebenslang große Ambitionen gehegt hatte, aus denen nur nie was geworden sei. Mit seinem Titel scheint „Der Keller“ das gewohnt land- und leuteverachtende und mit Selbstmord flirtende Buch Bernhards zu werden, stellt sich dann jedoch als heiteres, hoffnungsvolles Bekenntnis zum Neuanfang heraus.
 

Wobei zu sagen wäre, dass, wie bei diesem Autor eigentlich immer, sämtliche Hinweise auf Jugendsexualität und Verliebtheit unterbleiben. Der pädagogische Eros gilt dem Kaufmann Podlaha und seinen Gesprächen. Später wird Bernhard sagen, für sein Leben habe er das Meiste aus den Unterhaltungen mit älteren Menschen gelernt, nämlich mit dem Großvater Johannes Freumbichler, der sogenanntem Tante und Schokoladen-Millionen-Erbin Hedwig Stavianicek, dem Immobilienmakler Karl Ignaz Hennetmair und eben gleich nach dem Krieg beim Podlaha in der Scherzhauserfeld-Siedlung.
 

Bei „Der Atem“ befinden wir uns etwa im Jahr 1949, Bernhard ist jetzt also 18. Zu dieser Zeit sterben innerhalb weniger Monate sowohl sein Großvater Johannes Freumbichler wie seine Mutter, Herta Bernhard, letztere an Krebs. Zugleich verschlimmert sich eine unter den spartanischen Lebensverhältnissen und bei zweifelhafter medizinischer Versorgung ausgebrochene Lungenentzündung Thomas Bernhards über mehrere Stadien vermeintlicher Heilung und Rückfälle hinweg in die Schwindsucht hinein, die durchaus lebensbedrohliche Tuberkulose.
 

Monate verbringt er in Salzburger Kliniken. Eine Geschwulst wird entdeckt und entfernt. Ein Pneumothorax wird angelegt. Das heißt, es wird absichtlich Luft zwischen Rippen- und Lungenfell gepumpt, um einen Lungenflügel stillzulegen.
 

Nachdem uns der Autor drastisch und wohl auch etwas fantasievoll geschildert hat, wie die Menschen um ihn herum wie die Fliegen verrecken, wobei sie in Notbetten auf Gängen liegen oder fürs Verenden nachts in Abstellkammern geschoben werden, toppt er sein Krankheitsbuch mit einer lang gezogenen Anekdote, die das Motiv Richtungsumkehr wieder einmal aufnimmt. Hier liegt er entkräftet und von allen verlassen, da der Großvater tot und die Mutter schwer krank ist, und kann jetzt den Gesprächen der Ärzte entnehmen, dass sie ihn inzwischen aufgegeben haben. Auf einmal lodert es in seinem Inneren, als ewiger System-Zerstörer weigert er sich, diesen, wie er behauptet, Scharlatanen zu folgen. Nein, er wird nicht sterben, nicht jetzt und nicht im Verantwortungsbereich dieser Ignoranten. Er beschließt, ich werde leben, und von diesem Augenblick an lebt er. Schon am nächsten Tag geht es besser. Er erholt sich rapide und wird zur Rekonvaleszenz in eine Lungenheilstätte im Pongau gehen.
 

Wie oft in diesen fünf autobiografischen Romanen darf man vieles auf keinen Fall glauben, sondern muss es unter der Rubrik Roman verbuchen. Bernhard zieht die zeitlich auseinander liegenden Ereignisse von eigener Todesgefahr, Tod des Großvaters und Sterben der Mutter zusammen. Er behauptet, die Familie habe ihm den Tod des Großvaters verschwiegen und keine Todesanzeige aufgegeben. Ihren Johannes-Freumbichler-Weg taufte die Stadt einige Jahre später und der junge Schriftsteller hat dort tatsächlich einige Zeit gewohnt. Zur Selbststilisierung der siebziger Jahre, als es aufgeschrieben wurde, gehört auch, dass Bernhard außer der immer wieder aufgerufenen Großvater-Figur sowie dem verschollenen, ihm persönlich nie begegneten leiblichen Vater, die einzelnen Familienmitglieder kaum einmal benennt, sondern von „die Meinen“ schreibt, deren Missbilligung und Desinteresse er sich habe ständig sicher sein können.
 

Es gab seinerzeit, eigentlich lebte er immer noch bei ihnen, wenn er nicht in Kliniken lag, einen Stiefvater, dessen Bruder, einen Halbbruder und eine Halbschwester. Sie alle hätten ihn auf den Tod liegen lassen und sich nur um die Krankheit und das Sterben der Mutter geängstigt, diesen Eindruck erweckt der Loner. Aber während er es Jahrzehnte später so beschrieb, war sein Bruder selbst zum Arzt geworden, hatte ihn mit dem medizinischen Material fürs Stück „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ versorgt, wohnte in Bernhards Nähe und fungierte als Hausarzt, denn die ewigen Probleme mit der Lunge sollten wiederkehren.
 

„Die Kälte“ beschreibt einen Winter im Touristenort Schwarzach im Salzach-Tal. Dorthin hat man den jungen Bernhard zur Ausheilung geschickt. Der Ort wird vom Heukareck überschattet und es genügt Thomas Bernhard, mehrfach zu betonen, dass dieses Massiv im Süden den gesamten Winter nicht einen einzigen Sonnenstrahl ins Tal hinunter lasse, um Schwarzach jene Höllenhaftigkeit zu verleihen, die es auch in seiner Romanpremiere „Frost“ haben sollte.
 

Im realen Leben scheint es sich um eher glückliche Tage gehandelt zu haben. Bernhard durfte sich in der Kirche im Orgelspielen und Singen üben und lernte unter den Mitpatienten seinen Lebensfreund Rudolf Brändle kennen, einen klassischen Musiker, der nach Jahrzehnten ebenfalls ein Buch über diese Zeit veröffentlicht hat. Die beiden Männer pflegten Umgang mit der wesentlich älteren Hedwig Stavianicek aus Wien, einer Urlauberin. Die alleinstehende reiche Erbin sollte bald und auf viele Jahre hinaus Bernhards große Mäzenin werden, in deren Döblinger Eigentumswohnung er dann immer wieder lebte, bevor er sie schließlich erbte. Jedoch ging er nach seinem Schwarzacher Aufenthalt für einige Zeit auf Distanz zu ihr. Später hat dann das Heukareck sie nicht davon abhalten können, mehrere Winterurlaube in Schwarzach zu verbringen. Übrigens ist Thomas Bernhard als Zwanziger auf seine schlaksige, jungenhafte Art ein ziemlich hübscher Kerl gewesen.
 

Kommt auch Brändle in „Die Kälte“ vor, so wird Frau Stavianicek mehr oder weniger verschwiegen, wie er sie überhaupt aus den Büchern draußen hielt und sie im privaten Umfeld, wo sie oft dabei war, hin und wieder auch unangemeldet aufkreuzte, als „meine alte Tante“ vorstellte. Als Figur im Werk (Wittgensteins Neffe, Der Schein trügt, Alte Meister) kam Hedwig Stavianicek, die der Verleger Siegfried Unseld in einem privaten Brief einst als „Hexe“ bezeichnete, erst kurz vor ihrem Tod und nach demselben vor.
 

Stattdessen fügt der Autor in „Die Kälte“ mehrere Episoden ein, die mit der Lungenheilstätte recht wenig zu tun haben. So eine groteske Geschichte mit seinem leiblichen Vater Alois Zuckerstätter als Brandstifter, die erkennbar erdichtet ist. Zuckerstätter, ein Bayer, war bereits mit 35 Jahren in Deutschland gestorben, davon wusste Bernhard nichts. Ebenso wenig wusste er, das er in Berlin eine Halbschwester hatte, die ihn überleben sollte. Erst ein französischer Literaturwissenschaftler brachte es zu Tage. Die Nachricht erreichte Gmunden am Traunsee wenige Tage, nachdem Thomas Bernhard dort Anfang 1989 verstorben war.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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