Karl-Heinz Fricke

Unser gemeinsames Leben

 

Unser gemeinsames Leben


Im Jahre 1947 begann im kriegsverlorenem Deutschland etwas Lebensmut aufzukommen.
Der Wiederaufbau der zerstörten Städte machte großen Progress und auch der Hunger nach
kulturellen Veranstaltungen und die Wiederaufname der beliebten Sports gab den Menschen
etwas Lebensfreude zurück. Auch unser Goslarer Sportsverein Goslar 08 war nicht untätig
und Fussball- und Handballspieler tummelten sich im Wettkampf auf den grünen Rasen. Ich spielte neunzehnjährig in der Herrenfussballelf und Hildegard war eine schußkräftige Handballspielerin. In unserem Vereinslokal hatten wir an einem Sommertage ein freundschaftliches Zusammensein mit den Handballdamen. Die hübsche brünette Hildegard
sass neben mir und wir unterhielten uns pausenlos mit all möglichen Themen. Kurz, wir mochten uns. Als ich ihr, dass von mir umgedichtete Lied der Caprifischer in ein Fussballlied
vorsang war sie begeistert. Als die Partie zu Ende war, gingen wir jedoch nur mit “machs gut” auseinander. Mehrere Wochen später trafen wir uns in der Stadt. Sie sagte mir später,
dass es der Augenblick war an dem sie sich wünschte mit mir ihr Leben zu teilen und Kinder von mir zu bekommen. Ich hatte dieselben Empfindungen. Wir trafen uns mehrere
Male. Ich bekam einen Schock als sie verkündete, sie müsse noch einmal in ihre von den Sowjets besetzte Heimatstadt Nordhausen über die Zonengrenze um ihre Mutter zu besuchen.
Ich versuchte es ihr im Hinblick auf die Gefahr auszureden, aber ich stellte gleich fest, dass
Hildegards Entschlüsse nicht umzustoßen sind. Diese Eigenschaft allerdings führte später in unseren Ehejahren, zu einigen Problemen aber die Liebe war immer stärker und die Wogen glätteten sich immer wieder. Nach zwei Wochen kam sie auf Schleichwegen wieder über die Grenze zurück. Sie hatte viel Glück dabei, denn wenn sie ein Grenzsoldat gefasst hätte, dann kann man sich denken, wie ihr geschehen wäre. Ich war glücklich, dass sie wieder da war.
An einem Frühlingstage am 2. April im Jahre 1948 fragte ich sie ob sie willens sei sich mit mir zu verloben. Sie warf sich mir an den Hals, küsste mich und sagte ja. Damit waren wir miteinander verlobt. Etwas über ein Jahr später, am 28.Mai l948 sagten wir vor dem Alter
beide noch einmal ja. Ich arbeitete damals schwer im Erzbergwerk Rammelsberg und Hildegard stand eine Heidenangst aus, dass mir etwas passieren könnte. Unfälle und auch tödliche passieren oft in Bergwerken. Wir bekamen einen Neubau vom Bergwerk arrangiert.
Im Jahre 1950 gebar Hildegard unser erstes Kind Hans-Jürgen und drei Jahre später unsere Tochter Renate. Wir waren eine Familie. Im Jahre 1953 verließ ich meine Arbeit im Bergwerk. Ich hatte dort alle vielseitigen Arbeiten erlernt, darunter auch die Arbeit mit Sprengungen. Ich wurde ein Sprengmeister. Danach bewarb ich mich bei der Zollverwaltung
für den Grenzdienst an der westlichen Zonengrenze. Nach einer Prüfung wurde ich als Zollanwärter im Mai 1953 eingestellt. Ich liebte den Streifendienst und als ich nach einem Jahr in Flensburg die Assistentenprüfung bestanden hatte war ich ein Beamter auf Lebenszeit. Wir bekamen eine Dienstwohnung in Wiedelah nahe Goslar. Es herrschte damals
der kalte Krieg. Die Sowjets, waren plötzlich nicht mehr die Verbündeten um gemeinsam die Nazis zu besiegen. Sie drangsalierten die Westberliner, das von den Amerikanern, Engländern und Franzosen besetzt war. Die sowjetischen Bedrohungen erstreckten sich auch
auf ihre Satelitenstaaten. Darunter auch Ungarn. Hildegard war in Schrecken und zumal ihr Bruder Günter, zurückgekehrt aus vierjähriger russischer Gefangenschaft im Jahre 1951 nach
Kanada ausgewandert war, bedrängte er uns ebenfalls nach Kanada auswandern. Ich liebte
zwar meine Stellung als Beamter, aber ich liebte meine Frau und Kinder mehr. Ende November im Jahre 1956 befanden wir uns auf dem Auswanderungsschiff AROSA SUN
und nach abenteuerlicher Überfahrt mit noch 400 Ungarnflüchtlingen an Bord erreichten wir  am 9.12. Die kanadische Stadt Quebec und nach einer langen Bahnfahrt Winnipeg, wo wir von Bruder Günter in Empfang genommen wurden. Ich arbeite 5 Jahre in Winnipeg und als ich arbeitslos wurde, zogen wir nach Thompson in den Norden der Provinz, wo ich Arbeit
und auch Hildegard Arbeit fanden. Als wir uns den Lebensjahren fünfzig näherten und finanziell auf besseren Füßen standen beschlossen wir das kalte Thompson zu verlassen. Um im Westen Kanadas nach Fruitvale in den wunderschönen kanadischen Rockies überzusiedeln. Dort sind wir nun schon 44 Jahre in unserem trauten Heim. Wir fanden viele
gute deutsche und auch einige kanadische Freunde und waren glücklich. Unsere  erwachsenen Kinder jedoch zogen in die Welt hinaus mit Los Angeles ihr Ziel. Wir hätten sie gern in der Nähe. Aber auch wir hatten all unsere Verwandten und Freunde in Deutschland verlassen. Das war im Groben unsere Geschichte, das denn für mich und den Kindern das nun traurige Ende fand.  

Abrupt kam unser langes gemeinsames Leben zu Ende. Innerhalb weniger Tage wurde es offensichtlich, dass meine geliebte Hildegard an ihrem Knochenbruch im Rücken, der ihr Tag und Nacht furchtbare anhaltende Schmerzen verursachte, sich den Tod gewünscht hat.
Ein Krankenhausaufenthalt wurde benötigt, um sie von Wasser in den Beinen zu befreien.
Ihr schmerzender Rücken wurde gründlich untersucht und in Hinsicht auf ihre jahrelange
Osteaporose sahen die Ärzte, dass keine Operation, sondern nur noch Schmerzmittel ihr etwas Linderung verschaffen konnten. Nach acht Tagen wurde sie aus dem Krankenhaus entlassen und wieder zu Hause fiel sie in einen Dämmerzustand. Sie war nicht mehr ansprechbar.  Nach weiterhin zwei Tagen wurde beschlossen sie mit Morphium zu behandeln. Durch eine Kanüle an ihrem rechten Arm wurde ihr dann in vierstündigen Zeitabschnitten fünf Spritzen verabreicht. Mit jede dieser Spritzen gab sie klagende Laute
von sich, die mir ins Herz schnitten. Nach fast 13 Stunden ergab sich ihr Herz und stellte das Schlagen ein. Meine geliebte Hildegard war tot.  Die Einäscherung fand zwei Tage später statt. Ich kann meine Tränen nicht zurückhalten, wenn ich daran denke, dass ich ihre linke
Hand hielt und mit meiner Rechten den letzten Schlag ihres Herzens fühlte. Ein Zusammenleben voller Liebe war zu Ende.

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