Mohamed El-Sari

Der Held

Da stand er nun. Der Held der Geschichte. Die Prophezeiung kündigte seine Ankunft schon seit Jahrhunderten an. Er war geboren, um mich zu stürzen. So hieß es in den alten Schriften. Jedes Kind kannte diese Geschichte, denn sie wurde ihnen durch ihre Eltern und Großeltern beigebracht. Diese wissen es, von ihren Eltern und den Generationen davor. Sie alle warteten auf die Ankunft des großen Helden. Sie warteten auf diesen einen letzten Kampf, der nun stattfinden sollte.

Doch obwohl er als Held geboren war, war sein Weg zu mir nicht leicht. Nein er führte zunächst ein unscheinbares Leben, was seiner selbst eigentlich nicht wert war. Seine Mitmenschen hätten ihn als warmherzig und gutmütig beschrieben, da er stets mit beispielloser Selbstlosigkeit handelte. Seine Bescheidenheit war von keinem zu überbieten. Deswegen hätte er sich selbst niemals zum Helden der Prophezeiung erklärt, obwohl ihm doch gewisse Parallelen schon seit längerem aufgefallen sind. Seine Entdeckung ist daher auf einen Zufall zurückzuführen. Der Held selbst, wollte sein einfaches Leben weiterführen, doch wurde nun in diese göttliche Komödie reingezogen. Während ein Großteil der Leute Skepsis zeigten, war sich der älteste und weiseste Mann des Dorfes sicher, dass dieser Held ganz sicher der Richtige war.
Es war nämlich nicht so, dass er der Erste ist, der sich für den Helden hielt. Nein, es gab schon viele Vorgänger, die es probiert haben. Die meisten sind schon an der langen und harten Reise gescheitert. Die wenigen, die es zu mir schafften erfuhren keine heldenhafte Rückkehr.
Der Held, also der richtige Held, war jedoch anders. Er lernte auf seiner Reise viele neue Freunde kennen, die ihn erst zudem machten, der er heute ist. Außerdem war er der einzige, der das mystische Schwert der Waldelfe als Liebesgeschenk bekam. Er war perfekt gewappnet für diesen letzten Kampf.

Als ich ihm in die Augen schaute erkannte ich die Entschlossenheit. Die Entschlossenheit das Ganze hier ein für alle mal zu beenden. Die Prophezeiung wahr werden zu lassen und endgültig sein Volk in ein goldenes Zeitalter zu führen. Denn zuvor plagte ich sie mit Hungersnöten, Kriege und Armut. Und genau deshalb hasste mich der Held. Seine Eltern sind in dieser Hölle, die ich geschaffen habe, gestorben. Also bin ich für das harte Leben des Helden verantwortlich. Es ist die gerechte Rache, die ihn hier antrieb.

Ich persönlich glaubte aber auch, dass ihn der mögliche Ruhm nach einem Sieg ziemlich reizte. Ihm würde die Welt zu Füßen legen und um Reichtümer müsste er sich nie wieder Sorgen machen. Außerdem würde er wahrscheinlich die Tochter des Königs heiraten dürfen. Sie war nicht nur die schönste Frau in seinem Land. Nein, mit einer Ehe wäre er außerdem der Erste in der Thronfolge gewesen. Dass seine Kindheitsfreundin, die möglicherweise ja doch romantisches Interesse an ihm hatte, auf der Strecke blieb ist hinnehmbar. Über das gebrochene Herz der Waldelfe wollen wir hier gar nicht reden. Wenn sie schon dem Helden das einzige Schwert gab, was mich töten kann, durfte sie auch nicht mit meinem Mitleid rechnen.

„Bist du bereit?“ rief er mir zu und erhob sein Schwert in meine Richtung. Es war wohl mein letzter Tanz mit dem Tod, deshalb galt es ihn zu genießen. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Dann sprang ich auf den Helden zu und feuerte meine Angriffe auf ihn ab. Meine Klauen konnte er eine Weile relativ gut standhalten, doch nach einiger Zeit erwische ich ihn heftig unter seiner Brust, was ihn ziemlich mitnahm.

Erwartungsgemäß starb er hier jedoch noch nicht. Das unterschiede ihn von den anderen Kandidaten. Auf wundersamerweise überlebte er nämlich meinen ersten Sturm. Jeder andere, ist an diesem Punkt schon genau an dieser Wunde verstorben. Er lag jedoch wehrlos da und brauchte nur etwas Zeit um sich zu sammeln. Ich nutzte diese kleine Pause, um ihn daran zu erinnern, wer ich eigentlich bin. Ich erinnerte ihn daran, dass ich das Böse bin, was sein Volk seit Jahrhunderten tyrannisiert und quält und wie jämmerlich er ist. Außerdem war es wichtig zu erwähnen, wie sehr ich es genoss die Köpfe seiner tapferen Eltern wie Walnüsse zu knacken.
Um ehrlich zu sein kannte ich seine Eltern gar nicht, aber das war nicht der Punkt. Die Erwähnung seiner Eltern hatte nämlich den gewünschten Effekt.

In einem Anfall von blinder Wut schaffte es der Held nochmal aufzustehen und wild um sich zuschlagen. Anders als am Anfang, wusste ich auf diese Angriffe keine Antwort, sodass er mich dieses Mal auf den Boden ringte. Er war jedoch nicht so arrogant, wie ich und baute sich direkt über mich auf. Mit seinem Bein auf meinem Bauch und dem Schwert erhoben fragte er mich: „ Irgendwelche letzten Worte?“ „Fahr zur Hölle!“ fauchte ich zurück. Zugegebenermaßen waren das nicht die ikonischsten letzten Worte für einen Bösewicht, aber ich durfte auch nicht riskieren, dem Helden einen tieferen Einblick in meine Psyche zu geben. Andernfalls hätte dies meine Tötung komplizierter machen können, als sie es sein sollte.

Er hob sein Schwert ein letztes Mal an und ich schloss meine Augen. Meine letzten Gedanken drehten sich darum, was für ein genialer Bösewicht ich für dieses Volk war. Wie viele falsche Helden ich schon abgeschlachtet habe, bevor ich gegen den wirklichen Helden in einer epischen Schlacht verloren habe. Wie lange ich auf diesen Moment nur gewartet habe! Und jetzt war er da. Mein Körper bebte vor Erregung. Es war das Ende, wovon jeder Bösewicht nur träumen konnte. Als das Schwert meine linke Brust berührte ließ ich einen markerschütternden Schrei aus meinen Kehlen, der wohl in die Geschichtsbücher eingehen wird.
Dort wird man sich erzählen, dass die Schlachtung des Teufels in den tiefsten Flächen der Wälder und den höchsten Spitzen der Berge zu hören war. Ich werde eine Legende sein…

Es geschah etwas merkwürdiges. Ich spürte das Schwert auf meiner Brust aber es berührte mich nur etwas unsanft. Es durchstach nicht mein Herz. Eine kurze Zeit später spürte ich jedoch das Schwert auf mich fallen und hörte daraufhin einen dumpfen Laut. Ich öffnete meine Augen und sah den Helden schwer würgend vor mir liegen. Seine verwirrten Blicke trafen schnell meine, die selbiges empfanden, bis ich realisierte was passiert war.

Nach dem 2. oder 3. Kampf gegen einen falschen Helden war ich etwas genervt. Obwohl ich wusste, dass ich gegen falsche Helden kämpfte, die mich nicht besiegen konnten und auch nicht würdig waren es zu tun, waren die Kämpfe teilweise lang und anstrengend. Deshalb entschied ich mich jedes Mal ein Nervengift in meine Handschuhe zu implementieren. Erwische ich nun jemanden nur einmal mit meinen Klauen, ist der Kampf aufgrund des Giftes innerhalb kürzester Zeit vorbei. Habe ich in der Aufregung wirklich vergessen das Gift aus den Handschuhen zu entfernen?

Ich rannte zum Helden hin. „Hey, komm bitte wach auf! Du musst mich töten hörst du? Mir egal, was danach wird aber jetzt musst du dieses Schwert nehmen und deinen verdammten Job erledigen.“ Doch es war zu spät. Die einzige Antwort, die ich von ihm bekam waren die letzten Versuche irgendein Wort auszusprechen, bevor er mich dann mit der ewigen Stille bestrafte.

Oh was für eine Tragödie das doch ist! Was soll ich jetzt tun? Er war der Richtige. Er war der Held, der das Böse stoppen sollte. Es war schon so erzählt worden. Hätte ich ihm doch nur nicht diese Wunde zugefügt. Aber andererseits hätte ich den Helden auch nicht einfach hier durchmarschieren lassen können. Er musste auf ewig von dieser Schlacht gezeichnet worden werden, damit sie würdig ist mein Leben zu beenden. Warum habe ich bloß das Gift nicht raus genommen? Es war meine einzige Chance auf ein würdiges Ende.

Jetzt wo der Held aber gestorben ist, wird die Prophezeiung nicht als erfüllt angesehen werden. Das heißt sie werden jemand neues für mich schicken. Und wenn ich ihn einfach mich umbringen lasse? Ich würde dieses Mal ganz sicher das Gift vorher entfernen. Es wäre aber nicht das Gleiche. Niemals lasse ich es zu, durch einen Taugenichts umgebracht zu werden. Es darf nur der Held sein. Der einzig wahre… der, der gerade tot vor mir liegt. Er wird nie nachhause zurückkehren, mit dem Kopf des Bösen in seiner Tasche. Er wird nie die Prinzessin des Landes heiraten und irgendwann zum König des Landes aufsteigen. Es werden auch nie Geschichten vom einstigen Bösen erzählt werden, die durch den mutigen Helden besiegt worden ist. Stattdessen bleibt die Welt so wie sie ist. Gehüllt ist sie, in Finsternis und geplagt von Krieg und Leid. Ein würdiges Ende für diese Ära und auch für mich ist nun vom Tisch. Was bleibt ist das Böse und zwar für immer und ewig. Was für eine Tragödie!


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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