Christian Enders

Der König, der die Frauen nicht lieben konnte

Vor langer, langer Zeit lebte einst ein alter König. Seine Gemahlin schenkte ihm nur einen einzigen Sohn, denn kurz nach dessen Geburt verstarb sie am Kindbettfieber. Fortan musste der König seinen Sohn alleine großziehen. Die Jahre vergingen und aus dem Jungen wurde ein stattlicher junger Mann, der ebenso gutmütig war wie sein Vater. Doch der König machte sich große Sorgen um seinen Sohn, denn obwohl dieser inzwischen fast dreißig Lenze zählte, hatte er immer noch keine Frau mit an den Hof gebracht und war nach wie vor unverheiratet.

Als der König spürte, dass es mit ihm allmählich zu Ende ging, ließ er den Prinzen an sein Sterbebett kommen. „Mein Junge“, sprach er, „Ich bin alt und krank und mir bleibt nicht mehr viel Zeit. Damit du mein Thronfolger werden kannst, hätte ich nur eine einzige Bedingung an dich. Finde eine Frau, die du genauso sehr liebst wie ich damals deine Mutter und der du stets ein guter Ehemann sein wirst.“

Der Prinz hatte sich bisher nicht sonderlich viel aus dem weiblichen Geschlecht gemacht, doch um seinen Vater nicht zu enttäuschen, entschied er sich, ihm diesen letzten Wunsch zu erfüllen. Der Königssohn überlegte, wie er es am besten anstellen könnte, eine Frau zu finden, denn schließlich gab es zu jener Zeit das Internet noch nicht. Doch dann kam ihm eine Idee. Er würde drei Frauen für eine Hofwoche zu sich ins Schloss einladen und diese auf Herz und Nieren prüfen. Sollte es einer der Damen gelingen, sein Herz zu erobern, so sollte sie die künftige Königin werden.

Noch am selben Nachmittag verließ er das Schloss und ritt hinaus ins Königreich. Schon bald kam er an einen See. Ein altes Mütterchen kniete am Wasser und wusch ihre schmutzige Wäsche. „Seid gegrüßt, gnädige Frau.“ Der Königssohn stieg von seinem Ross. „Gestattet mir eine Frage. Ihr habt nicht zufällig eine Tochter, die einmal ein besseres Leben führen soll als ihr es habt?“ Die Frau unterbracht ihre Arbeit und blickte auf. „Oh doch, das habe ich“, antwortete das Mütterchen, „Sie ist ein so liebreizendes Mädchen, das sich stets um ihr hübsches Aussehen sorgt. Sie wird euch gewiss stets eine bildschöne Frau sein.“ „Dann überreicht ihr bitte diese weiße Rose“, sagte der Prinz daraufhin. „Ich erwarte sie in drei Tagen im Schloss des Königs.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich der Prinz und setzte seinen Weg fort. Er kam vorbei an gelben Felder, ritt durch endlose Wälder und erreichte bald eine Mühle. „Ist jemand da?“ fragte der Königssohn. Kurz darauf öffnete sich ein Fenster und der Müller streckte seinen Kopf hinaus. „Was kann ich für euch tun, Fremder?“ Auch ihn frage der Prinz, ob er eine Tochter habe. Und als der Müller diese Frage ebenfalls bejahte, überreichte der Königssohn auch ihm eine weiße Rose und lud auch dessen Tochter auf das Schloss ein. „Es ist mir bereits zugetragen worden, dass ihr nach einer Frau sucht. Meine Tochter trägt ihr Herz auf der Zunge und wird euch gewiss eine ehrliche und treue Gemahlin sein.“ Dann setzte der Prinz seine Reise fort. Eine Rose hatte er noch zu verschenken. Dass der Königssohn auf der Suche nach der künftigen Königin war, hatte sich in der Zwischenzeit im gesamten Königreich herumgesprochen und so kam dies auch bald einer bösartigen Zauberin zu Ohren. Sie lebte in einer kleinen Hü! tte inmi tten des Waldes und sehnte sich schon lange danach, über das gesamte Königreich zu herrschen. „Was soll ich als nächstes tun, Meisterin?“ Ein junger Bursche stand mit zerzaustem Haar und verschmutzter Kleidung vor ihr und sah sie fragend an. „Sag bloß, du hast schon den gesamten Hof gefegt!?“ Der Jüngling nickte. Die Zauberin hatte vor vielen Jahren einem armen Bauernpaar ihr Baby weggenommen, da sie sich nichts mehr wünschte, als selbst ein Kind zu haben, das für sie die lästigen Arbeiten erledigte, während sie selbst sich voll und ganz der schwarzen Magie widmen konnte. „Der Königssohn ist unterwegs nach hier. Ich möchte, dass du herausfindest, wo er sich zur Zeit befindet und mich unverzüglich darüber unterrichtest.“ Daraufhin verwandelte die Hexe den Jüngling in einen schwarzen Raben. Dieser krächzte kurz, dann entfaltete er seine Flügel und flog davon. Es sollte nicht lange dauern, da erspähte der Rabe den Königssohn und kehrte zurück zu seiner Meisterin, um ihr davon zu berichten. Die Zauberin verwandelte sich daraufhin in ein hübsches junges Mädchen und zauberte sich in die Nähe der Stelle, wo ihr Sklave den Prinzen zuletzt gesehen hatte. Kurz darauf vernahm sie das Trampeln und Wiehern eines Pferdes und bald erschien der Prinz im Dickicht des Waldes. „Wohin des Weges, schönes Fräulein?“ fragte er das Mädchen. „Der Winter ist nicht mehr fern“, sprach dieses, „Und darum sammele ich bereits Feuerholz.“ Der Königssohn blickte auf den Korb des Mädchens, in dem sich bereits einiges an Reisig und Ästen befand. „Aber das ist doch keine Aufgabe für so ein zartes Geschöpf wie ihr es seid.“ „Aber was soll ich denn tun“, klagte das Mädchen. „Meine Eltern sind bereits vor vielen Jahren gestorben und ich habe niemanden mehr auf der Welt.“

Dem Königssohn tat das Mädchen leid und so überreichte er auch ihr ein weiße Rose und lud sie zu sich ins Königsschloss ein. Dann machte er sich auf den Heimweg bevor die Dunkelheit hereinbrach.

Das Mädchen hingegen verwandelte sich zurück in die böse Hexe und ging zurück zu ihrer Hütte. „Ich muss für eine Weile fort“, sprach sie zu dem Jüngling, „Du wirst mir in der Zwischenzeit hier Ordnung halten.“ „Aber was habt ihr vor“, wollte der Knabe wissen. „Das geht dich gar nichts an“, fauchte die Magierin und begab sich auf den Weg zum Schloss. Als sie außer Sichtweite war, schlich sich der Jüngling ins Haus und warf einen Blick in die magische Glaskugel. Doch als er darin das Königsschloss erblickte erschrak er und ihm war klar, dass er etwas unternehmen musste, um den Prinzen zu warnen und das gesamte Königreich zu retten. Denn wenn die Hexe erst einmal den Thron bestiegen hätte, wäre alles verloren.

Schon bald begann die Hofwoche und alle drei Frauen trafen auf dem Schloss ein. Es zeigte sich jedoch schon bald, dass der Königssohn bei der Auswahl der Kandidatinnen kein besonders glückliches Händchen gehabt hat. Die erste Frau hielt nicht besonders viel vom Arbeiten und ließ sich den lieben langen Tag bedienen. Und dem Prinzen wurde schon bald bewusst, warum das alte Mütterchen sich den Rücken krumm machen und auf Knien die schmutzige Wäsche waschen musste. Die zweite war ein geschwätziges Weib, das an nichts und niemandem auch nur ein gutes Haar ließ. Nur die dritte war nicht nur hübsch, sondern verstand es zudem auch schwer zu schuften. Doch sie zu lieben war der Prinz außerstande. Also bot er ihr einen Kompromiss an. „Ich schätze eure Anwesenheit sehr“, sprach er, „Ihr versteht es wie keine andere zu arbeiten, seid zudem wunderschön, doch mein Herz habt ihr leider nicht entflammt. Von daher wäre es ein großer Fehler, euch zu heiraten. Aber ich bringe es nicht fertig, euch zurück in den Wald zu schicken, wo ihr ganz auf euch allein gestellt seid, zu beschwerlich und gefährlich ist das Leben dort draußen. Von daher biete ich euch an, hier auf dem Schloss zu leben und mir treu zu dienen.“

Die Zauberin jedoch war außer sich vor Wut. „Wenn ich euch nicht haben kann“, schrie sie im Zorn, „So soll es auch keine andere Frau auf dieser Welt.“

Augenblicklich begann es zu stürmen, dunkle Wolken zogen am Himmel auf und ein heftiges Gewitter suchte das Königreich heim. Wer konnte, versuchte Zuflucht vor dem Unwetter im Schloss zu finden. Für den Königssohn kam allerdings jede Hilfe zu spät. Ein greller Blitz fuhr vom Himmel hinab, traf den Prinzen und er erstarrte umgehend zu einer Statue aus Stein.

Währenddessen packte der Jüngling einige Sachen zusammen und machte sich ebenfalls auf den weiten und beschwerlichen Weg zum Schloss. Wenn er etwas in der langen Zeit, in der er nun schon seiner Meisterin zu Diensten war, gelernt hatte, dann war es die Tatsache, dass man die Hexe nur mit ihren eigenen Waffen schlagen konnte. Und so hatte er den ein oder anderen Zaubertrank aus ihrem Labor entwendet und führte diesen mit sich.

Doch als er am Königsschloss ankam, traute er seinen Augen kaum. Jeder im Schloss war äußerlich um Jahre gealtert, selbst die Kinder. Hinzu kam, dass ihnen die Zauberin die Erinnerung genommen hatte, so dass niemand sich an die Vergangenheit entsinnen konnte. Einzig und allein der Königssohn war schön wie eh und je, wenn auch zu Stein geworden. Der Knabe schlich sich in den Palast. Die Hexe saß auf dem Thron des Königs und ließ sich königlich bedienen. Dem Jüngling kam eine List. Als er mitbekam, wie sie ihren Untergebenen befahl, ihr ein opulentes Mahl vorzubereiten, versteckte er sich sofort unter dem Tisch im Speisesaal. Das Küchenpersonal deckte sogleich den Tisch ein und brachte unzählige Köstlichkeiten wie Apfelwein, Spundekäs, Handkäs mit Musik, Grüne Soße und Ahle Wurscht – um nur einige zu nennen – herbei. „Es ist angerichtet“, hörte er jemandem der Hexe verkünden. Der Knabe kroch blitzschnell unter dem Tisch hervor und schüttete den Inhalt eines Fläschchens mit der Aufschrift „minorare“ in den mit Apfelwein gefüllten Bempel. Dann suchte er wieder sein Versteck auf. Er hatte es gerade so geschafft, denn nur einen Augenblick später schritt die Zauberin in den Speisesaal. Sie war begeistert von der reichlich gedeckten Tafel, nahm schließlich daran Platz und schenkte sich ein Glas Apfelwein ein. „Auf mich“, sprach sie einen Trinkspruch auf sich selbst aus und gönnte sich einen ordentlichen Schluck des köstlichen Gesöffs. Doch kurz darauf bemerkte sie, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Ihre Augen traten hervor, sie fasste sich an den Hals, ihr wurde heiß, sie erhob sich von ihrem Stuhl und hielt sich krampfhaft am Tisch fest, sie spürte wie sie schrumpfte und bald war sie nicht größer als eine Maus. Plötzlich schlich sich die Hofkatze in den Speisesaal, sprang auf den Tisch und wollte sic! h gerade über die hessischen Leckereien hermachen, als sie die Hexe entdeckte. Ohne dass diese auch nur den Hauch einer Chance hatte, machte die Katze einen Satz auf den Boden und verschlang die Hexe. Der Jüngling verließ sein Versteck und trat hinaus auf den Hof. Als er vor der Statue des Königssohnes stand, hielt er für einen Moment inne. Wie schön dieser doch anzusehen war. Die Lippen des Jünglings näherten sich denen des Prinzen und kurz darauf war der Fluch gebrochen. Das Volk verwandelte sich wieder zurück und auch der Königssohn wurde aus seiner Starre erlöst. Die beiden sahen sich einen Moment lang tief in die Augen. „Ich habe euch so vieles zu verdanken“, brach der Prinz schließlich das Schweigen. „Um ein Haar wäre mir dieses Weibsbild zum Verhängnis geworden. Könnt ihr euch vorstellen, hier an meiner Seite künftig das Königreich zu regieren?“ Der Knabe nickte. Und so wurde das Königreich fortan von zwei Königen regiert. Dem Volke fehlte es an nichts. Und auch der alte König konnte in Frieden gehen, denn er wusste, dass sein Sohn glücklich war, und das war das Wichtigste für ihn. Und so wurde von da an keine Gelegenheit ausgelassen, um auf dem Schloss berauschende Feste zu feiern. Und die Moral von der Geschichte: Es kommt im Leben gar nicht so sehr darauf an, wen wir lieben, sondern dass wir imstande sind, überhaupt zu lieben. Und dass am Ende alles gut wird, und wenn es nicht gut wird, so ist es noch nicht das Ende.

Ach, und eines lasst euch noch gesagt sein: Sollte von euch jemand so töricht sein und denken, dass er in diesem Märchen Parallelen zum Bachelor oder der Kuppelshow „Bauer sucht Frau“ sieht, so sollt ihr erfahren, dass sich dieses Märchen zu einer Zeit, lange bevor es das Privatfernsehen gab, zugetragen hat.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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