Lena Kelm

Irgendwie außerirdisch

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Ein gewöhnlicher Dienstag, fünf Uhr morgens, Kochtag in der Therapeutischen Wohngemeinschaft, kurz TWG genannt, einer Einrichtung für suchtkranke Männer.
Wie immer nahm Ronny, so nannten ihn seine Mitbewohner, als erster seinen Stammplatz im Gemeinschaftsraum ein, den niemand außer ihm besetzen durfte. Und er verließ ihn als letzter. Die Eingangstür im Blick, überließ er niemand seinen Platz, aus der er das Tagesgeschehen beobachtete. Misstrauen hatte ihn das jahrelange Leben auf der Straße gelehrt. Er musste stets auf der Hut sein. Hier fühlte er sich involviert und sicher Diebstahl und bedrohlichen Situationen. Die anderen Bewohner zogen sich zurück, sahen in ihren Zimmern fern. Ronny übernahm die Rolle des Aufpassers. Die Alkoholsucht hatte ihn frühzeitig altern lassen, er glich einem zahnlosen Greis.
An Kochtagen ging es Ronny gut. Er freute sich auf das warme Essen und beobachtete mich bei der Zubereitung, während er sich eine Zigarette nach der anderen drehte und ansteckte und mir aus seinem vorigen Leben erzählte, und ich mitten im Qualm Gemüse für den Eintopf schälte, schnippelte und raspelte.
Als Angestellte im Sozialdienst übte ich die Rolle der Betreuerin, Pflegerin, Putzfrau und Köchin aus. Ich tat es gerne, ich mochte „meine Jungs“ und ihre Lebensgeschichten, die unterschiedlichen Charaktere. Sie zeigten den Betreuern gegenüber Respekt. Mit der Zeit nahmen sie einen Platz in meinem Herzen ein.
Kochen war eine der gemeinsamen Aktivitäten im Wochenplan, zu der alle verpflichtet waren. An diesem Tag kündigte ich ein besonderes Essen an. In Vorfreude zogen sich die Bewohner auf ihre Zimmer oder die Terrasse zurück. Nicht jedoch Ronny! Er würfelte Zwiebeln für das Gehackte und freute sich auf den zweiten Gang, die Mahlzeit mit Fleisch. Er ahnte nicht, dass es eine Überraschung werden sollte, eine Abweichung von der gewohnten Hausmannskost.
Rechne ich die Dienstage der sechs Jahre, die Ronny auf der Couch Witze erzählend verbrachte, zusammen, es wären sehr viele.
Einer seiner Witze ging so: „Elsa, mach die Tür zu!“ – „Warum, zieht es?“ – „Nein, ich kann nicht sehen, wie du arbeitest!“ Danach fragte mich Ronny jedes Mal: „Hab‘ ich den schon erzählt?“ – „Nein!“, sagte ich, bemüht überzeugt zu klingen, und lächelte ihn an. Was konnte der Mann dafür, dass sein Langzeitgedächtnis ausgerechnet diesen Witz festgehalten hatte? Er wollte mir mit seinem Humor Freude bereiten.

- Fortsetzung folgt -


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Zwei Kommissare ermitteln, da der Leiter eines Genmais-Versuchsfeldes tot aufgefunden wird – übersät von Bienenstichen. Zunächst erscheint es wie ein Unfall. Sehr bald wird klar, dass es sich um keinen Unfall handeln kann. Doch auch ein Mord erscheint unerklärlich. Wie sollte man schließlich auch einen Bienenschwarm dazu bringen, einen Menschen zu attackieren? Die Kommissare verschaffen sich einen Überblick über die Lebensweise der Bienen und ermitteln in alle Richtung. Einerseits gibt es da eine Bürgerinitiative, die gegen den Genmais wettert. Andererseits existiert der Bruder des Opfers, der in Brasilien ausgerechnet Flora und Fauna erforscht und über ein nötiges biologisches Hintergrundwissen für die Tat verfügen könnte. Und nicht zuletzt gibt es auch noch die Imker in Bodenheim und Umgebung, die nur schwer Honig mit genverändertem Pollen verkaufen können.

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