Helmut Wurm

Sokrates und die geplanten Demokratie-Übungen in einer Schule

Als vor einigen Wochen ein angehender Lehrer von einer Tagung über die Erziehung von Jugendlichen zu idealen Demokraten zurück kam, musste er erst einmal einiges, was er gehört hatte, verarbeiten, besser bewältigen. Das ging nicht so schnell. Jetzt haben sich für ihn zwei Erkenntnisse heraus kristallisiert, die er in zwei fiktionalen Gesprächen darzustellen versuchte.

1. Der Mensch ist für eine ideale Demokratie nicht geeignet. Das werden auch intensivste Erziehungs-Bemühungen schon ab dem Kindergarten im Kern nicht ändern. Die meisten Menschen sind so beeinflussbar und menschlich so unvollkommen und egoistisch orientiert, dass Gewinnstreben, Geltungsdrang und Machtstreben immer wieder nach Schwachstellen im demokratischen System suchen und diese ausnutzen werden. Reine Demokratien haben sich in der Geschichte nie über die Jahrhunderte erhalten und bewährt.

Das ist leider bedrückend und das hat der angehende Lehrer dann in einem fiktionalen Gespräch „Mephisto und der idealistische Junglehrer“ zu verarbeiten versucht.

2. Es gibt aber insofern einen Lichtblick, als die meisten Menschen lernfähig sind und man bei ihnen teilweise die kritische Beobachtung, Analyse und Beurteilung von politischen Zielen, Programmen, Ideen und von denjenigen Menschen, die nach politischen Ämtern streben, schärfen kann. Das war schon zu Beginn der demokratischen Installationsversuche im Alten Athen die Erkenntnis und das Bemühen des Sokrates und seiner Schule gewesen. Deren Wahlspruch war: „Alles kritisch nachprüfen“. Und dieses Ziel könnte man als pädagogisches Konzept schon im Jugendalter anstelle von idealistischen demokratischen Übungs-Mustern und demokratischen Schablonen-Spielchen verfolgen. Es würde zumindest die erwähnten Schwachstellen des idealistischen demokratischen Systems abdichten helfen. Ob das in der Geschichte allerdings langfristig genügt, um demokratische Strukturen zu erhalten, bleibt offen. Diese Erziehung zum Kritischen hat der angehende Lehrer versucht im fiktionalen Gespräch „Sokrates und der idealistische Junglehrer“ darzustellen.

Das erste Gespräch "Mephisto und die geplanten Demokratie-Übungen" ist schon eingestellt, das zweite Gespräche "Sokrates und die geplanten Demokratie-Übungen" wird als Anhänge angefügt..

Das zweite fiktionale Gespräch mit Sokrates

Wir haben den von Demokratie besessenen, unrealen Gutmensch-Junglehrer eine Weile sich selbst überlassen, nachdem Mephisto in seiner erfahrenen teuflischen Art und Weise ihm alle Ideale und Illusionen zerstört und ihn in völliger Verzweiflung zurück gelassen hat. Und im Grunde sind die Argumente des Mephisto meistens so realistisch und überzeugend, dass nur Menschen mit irrationalen Glauben-Denkmustern davon nicht überzeugt werden. Solche Menschen-Typen gibt es zwar häufiger, als viele annehmen, aber sie sind doch weniger als die Mehrheit. Sie lassen sich dadurch charakterisieren, dass man sagen kann „Die denken nicht selbst“. Solch ein Typ war der Gutmensch-Junglehrer nicht, er war nur voller guter Ideale, die jetzt aber in Scherben auf dem Boden seines Dachzimmers liegen. Zwar hat er immer wieder abends bei Mondlicht am Dachfenster gesessen, in der Hoffnung, dass ihm irgend eine Hilfe kommt, aber der Himmel blieb bisher leer – bis auf heute Abend.

Wie er nun wieder in seiner inneren Leere so dasitzt und verzweifelt nach einem inneren Halt sucht, erscheint auf einmal auf seinem Meta-Bildschirm wieder wie damals, als seine Welt der demokratischen Ideale in Scherben ging, eine Person. Diesmal ist es keine undefinierbare Person, sondern ein ziemlich alter Mann mit einem merkwürdigen, unmodischen Umhang, der aber einen verständnisvollen Ausdruck ausstrahlt. Und dieser alte Mann spricht zu ihm.

Der alte Mann (stellt sich vor): Hallo, lieber Gutmensch-Lehrer, sei nicht verwundert über mein Erscheinen, auch wenn Du mich nicht aufgerufen hast. Ich meine, wir sollten einmal ein Gespräch führen, du dauerst mich in deiner zerbrochenen Welt der Illusionen und in deiner Niedergeschlagenheit. Ich bin der Mann, der die Menschen, sei es Jung oder Alt, Professor oder Handwerker, in die Realität zurück führen will, damit er dort eine Heimat findet und nicht im Spinnennetz der Illusionen und Phantastereien hängen bleibt. Man nennt mich Sokrates.

Der Junglehrer (etwas verwirrt und ungläubig, ab in ihm keimt eine Hoffnung auf): Ich habe von dir schon gehört, zwar nur vage und wenig, denn in unserem neuen Schulsystem spielt Vergangenheit nur eine völlig untergeordnete Rolle. Aber Du hast etwas Richtiges gewollt, das aber kulturell und politisch führende andere Menschen nicht wollten. Und da hat man dich wohl umgebracht. Aber das ist ja schon lange her.

Sokrates: Das ist nach den reinen Zeitzahlen in der Tat schon lange her – über 2000 Jahre. Aber weil in der Geschichte zeitlos gültige Grundmuster ablaufen und sich in der Geschichte alles wiederholt, ist es eigentlich erst gestern gewesen. Das wollen zwar viele Menschen nicht wahr haben, aber in Wirklichkeit sind die Gegenwart und die Zukunft ohne das Wissen um die Vergangenheit nicht verstehbar sind. Ja, ich habe Richtiges gewollt, aber die damaligen Meinungsführer wollten das nicht und so hat man mich offiziell hingerichtet. Aber ich durfte nach meinem Tod gewissermaßen als intellektueller guter Geist weiter leben, darf von meiner Wolke aus das Menschenleben beobachten und gelegentlich auch eingreifen. Und da habe ich auch dich von meiner Wolke aus schon länger beobachtet, wie du voller Ideale in die Schule gehen wolltest und wie dich der Mephisto in die Mangel genommen und dir alle Gutmenschen-Träumereien „zerdeppert“ hat. Ich melde mich übrigens erst jetzt, weil es gerade bei Gutmenschen klug ist, zu warten, bis sie auf die Nase gefallen sind, bis sich Enttäuschung und Desillusion bei ihnen breit gemacht haben. Was dich betrifft, so meine ich, dass du modernen pädagogischen Meinungsführern zu viel auf den Leim gegangen bist.

Der Junglehrer (etwas verlegen): Ich kenne zwar fast alle neuen modernen Ausdrücke, aber was ist eigentlich genauer ein „Meinungsführer“? Hat das was mit dem NS-Führergedanken zu tun?

Sokrates: Etwas verwandt. Die NS-Ideologie wollte das aktuelle Handeln von Gruppen durch eine Person bestimmen, die Meinungsführer wollen das Denken und Handeln der Menschen über eine Lehre, über eine Ideologie beeinflussen. Das ist so eine Art innere geistige Diktatur. Und dagegen habe ich immer wieder gewettert. Ich habe die Menschen immer wieder dazu aufgerufen, nicht einfach alles zu glauben, sondern selbst zu kritisch denken und nur nach gründlichen Überprüfungen zu handeln. Und das wollten die Meinungsführer meiner Zeit nicht und das werden die Meinungsführer der Gegenwart auch verhindern wollen.

Der Junglehrer: Aber was hat das mit meinem Problem, dem ins Wanken geratenen Ziel zu tun, die Jugend zu Demokraten zu erziehen.

Sokrates: Demokratie ist nur eine Schablone, die voller Schwachstellen steckt, ähnlich einem Computer-Programm, in das böswillige Hacker eindringen können. Zu meiner Zeit in Athen hießen diese PC-Malwares „Sophisten“. Sie haben versucht, das Denken der Menschen zu formen, sie waren die Meinungsführer. Heutzutage gibt es sie immer noch, nur tragen sie jetzt andere Namen und arbeiten differenzierter und subtiler, nämlich als Politiker und Partei- Strategen, Leitartikelschreiber, Rhetorik-Kurse Gestalter, scheinheilige Wissenschaftler, Pädagogen, auch als idealistische Junglehrer…

Der Junglehrer: Und ich wollte die Gesellschaft von solchen Meinungsführern befreien. Wer da alles in Wirklichkeit dazu gehört…? Ist das nicht etwas übertrieben, meinst du nicht auch Dasselbe wie der Mephisto??

Sokrates: In gewisser Weise hat Mephisto leider recht. Du brauchst ja nur die Ereignisse und Entwicklungen der letzten Wochen zu verfolgen. Da hat ein führender angesehener Politiker eines Nachbarstaates lange Zeit perfekt vor seinen Wählern geschauspielert. Bei der gerade erfolgten Regierungsneubildung in Deutschland wurden (bis auf einen Fall) nicht Fachleute zu Ministern ernannt sondern der Proporz war wichtiger als die reale Qualifikation. Das lauthals verkündete Wahl- und Koalitionsprogramm wird schon aufgeweicht, nach dem Motto „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“, „Was so nicht geht, geht eben so nicht“. Bei Politikern, die in der Demokratie groß geworden sind, weißt du nie, ob sie das halten, was sie versprochen haben. Und wenn du sie nach etwas konkret fragst, antworten sie nicht immer konkret, sondern mit nichtssagenden wortreichen Erklärungen. Das alles ist keine echte Demokratie.

Der Junglehrer: Dann bist du also für die Abschaffung der Demokratie und für eine Diktatur.

Sokrates: Das könnte man aus Realismus leicht wollen. Cicero war durch die Schwächen und Spannungen der spätrömischen Republik so enttäuscht, dass er sich einen starken Mann wie Caesar an der Staatsspitze wünschte. Aber das geht meistens schief, das sah man auch am Beispiel Caesars und seiner Nachfolger. Ich bin zu einem anderen Ergebnis gekommen: Man soll nicht Partei-Programme wählen, sondern die Wähler sollten den Politikern bis ins Herz schauen können, sollten genau analysieren können, was für ein Charakter der oder jener Politiker ist und inwieweit man ihm Verantwortung übertragen kann. Aber das geht nur, wenn man die Wähler und die Menschen allgemein dazu erzieht, alles kritisch zu analysier, alles nachzuprüfen...

Das ist meine Pädagogik und das wäre ein ehrenwertes Ziel für einen jungen idealistischen Lehrer, nämlich die Jugend zu kritischen und politisch misstrauischen Menschen zu erziehen. Damit könntest du dem Missbrauch von Demokratie durch politische Ehrgeizlinge und Meinungsführer entgegenwirken.

Aber lass dich nicht verleiten zu glauben, Wahl-Schablonen-Übungen in den Kassen sei die richtige Vorbereitung zur Verhinderung von Diktaturen. Das wird nur die Ehrgeizlinge und Polit-Schauspieler unter den Jugendlichen früh aktivieren. Kritische Menschenkenntnis musst du lehren und üben lassen, immer wieder kritische Menschenanalyse. Werde also kein Demokratie-Fan, sondern ein Sokrates-Fan. Dadurch wirst du etwas sehr Nützliches in deine Pädagogik aufnehmen. Denke mal darüber nach!

Damit begann sich Dunst und dann eine Wolke am Meta-PC zu bilden, die Sokrates einhüllte, und als der Bildschirm wieder klar wurde, war Sokrates verschwunden. Davor saß jetzt kein depressiver, verzweifelter Junglehrer mehr, sondern ein Junglehrer, der intensiv nachdachte.

Der Junglehrer (murmelte): Das ist mein neuer Weg. Kein Demokratie-Geschwätz, keine utopischen Demokratie-Empfehlungen, keine Demokratie-Schablonen-Spielchen, sondern die Erziehung zum kritischen Menschen von Jugend an. Das wird mein neuer Weg sein. Das wird Diktaturen und den Missbrauch von Demokratie erschweren, vielleicht sogar verhindern. Das wird meine neue pädagogische Losung…

Damit klappt er den PC, die Meta-Welt, das gefällige formale Demokratie-Geschwätz und seine letzte Ratlosigkeit zu.




 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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