Hans K. Reiter

Der Widerspenstigen Zähmung

Die Geschichte reicht weiter zurück, als Shakespeares Komödie, die, so wird angenommen, im Sommer 1592 vollendet gewesen sein soll. Inhaltlich hat sie ebenfalls nichts mit jenen bei Shakespeare geschilderten Vorkommnissen in Padua zu tun...

 

Selbstverständliche hätte dies jeder geneigte Leser, gleich welchen Geschlechts, sofort und ohne weiteres Nachdenken in jeder Sekunde des textlichen Erfassens erkannt.

Warum dann diese Überschrift?

Genau das haben sich die intellektuellen Damen und Herren der sogenannten oberen Gesellschaft in Dingharting auch gefragt. Was die Meinung des gemeinen Volks anbelangt, sind hierüber keinerlei Umfragen bekannt. Ja, es darf sogar angenommen werden, dass solche niemals durchgeführt wurden. Von wem auch? Die Vermutung, dass die zahlreichen Meinungsforschungsinstitute, von einem Ort namens Dingharting noch nicht einmal Kenntnis besitzen, dürfte den Kern der Sache ziemlich exakt treffen.

Eine der Miseren der unentwegt auf uns herniederprasselnden Meinungsumfragen ist damit benannt: mangelnde Kenntnis des zugrundeliegenden Sachverhaltes. Eine weitere Misere von Tragweite ergibt sich aus dem Umstand, dass wir, als Adressaten der Umfrageresultate, niemals oder kaum die gestellten Fragen im Wortlaut kennen. So werden wir mit Ergebnissen konfrontiert, die bei strengem Lichte besehen, oft nicht repräsentieren, was als repräsentativ vorgestellt wird.

 

Dem Artikel des Dinghartinger Anzeiger nach soll es am Abend vor Heilig Drei König, einem hohen katholischen Feiertag immerhin, zu merkwürdigen Spaziergängen einheimischer und nichteinheimischer Bevölkerungsteile gekommen sein. Kleidung und Mundart, so die Zeitung, der Nichteinheimischen war derart auffällig, dass sie jederzeit von den einheimischen Teilnehmern als solche zu erkennen gewesen wären. Das Unmögliche ist schnell benannt und hinreichend beschrieben.

 

Dem Vernehmen der Polizei nach sollen es sich um einige Dutzend Personen gehandelt haben, nach Einschätzung teilnehmender Spaziergänger wären es mehrere hundert gewesen. Unter diesem „Getümmel“ also solche und solche. Freilich war niemand auf den Gedanken gekommen, diese Begebenheit im Vorfeld der Ordnungsbehörde zu melden. Ersten gab es keinen Veranstalter, der es hätte tun können und zweitens, ist das reine Spaziergehen keine Veranstaltung nach keinem Gesetz oder einer Verordnung und demnach auch nicht meldepflichtig, wie ein Spaziergänger meinte. Wie er weiter ausführte, seien ja wohl auch zu keiner Zeit jene tausende von Besucher an einem sonnigen Sonntag im Nymphenburger Schlosspark in München vorab meldepflichtig gewesen, geschweige denn beispielsweise auf dem Münchner Oktoberfest. Und niemand hätte jemals auf die Teilnahme der unterschiedlichen Herkunft der Besucher und Spaziergänger Bezug genommen. Warum also ausgerechnet an diesem Abend in Dingharting?

 

Wie der Dinghartinger Anzeiger berichtet, soll es zu massiven Angriffen der sogenannten Spaziergänger auf die Polizei gekommen sein. Warum bei dieser geringen Anzahl von Menschen überhaupt Polizei vor Ort war, erfuhr der Anzeiger auf Nachfrage. Spezialeinheiten hatten einschlägige Nachrichten und Korrespondenzen im Netz festgestellt und analysiert, was schließlich die Vermutung bevorstehender Gewaltexzesse zuließ.

 

Ein Polizeisprecher: „Wer sich in diesem Zusammenhang auf die Straße begibt und de facto einer nicht genehmigten Demonstration beiwohnt, muss natürlich mit der Staatsgewalt rechnen, insbesondere dann, wenn er sich, wie geschildert, mit Nichteinheimischen vermischt, und somit nicht mehr von einem zufälligen Spazierengehen die Rede sein kann, sondern von teilweise massivem Landfriedensbruch, was durch die Weigerung belegt ist, der Aufforderung der Polizei nach Auflösung und Räumung, nachzukommen.“

 

In Dingharting ist es Dank mehrerer Hundertschaften von Polizei, außer anfänglich, zu keinen weiteren Gewaltausbrüchen gekommen, schließt der Artikel.

Jetzt wissen wir nichts über die Beweggründe der Spaziergänger, denn Corna, so eine Stimme, könne der Grund hierfür nicht gewesen sein. „Bei uns san alle scho lang geimpft und geboostert ano. Des macha mia sowieso, weil‘s sich‘s so gehört und der Hochwürden, der Herr Pfarrer, hat‘s a g‘sagt“, so die befragte Bürgerin.

„Aber vielleicht wegen der Maßnahmen...?“, fragen wir nach.

„Was denn für Maßnahmen?“

„Ja, wissen Sie denn nicht, dass in Bayern und in ganz Deutschland seit dem 28. Dezember besondere Regeln uns Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung gelten“?

„Wissen wir, aber des Meiste betrifft uns garnet.“

„Nämlich...?“

„Na, der ganze Schmarrn mit de Geimpften und Ungeimpften...“

„Aber grad bei euch, wo es so viele Heilpraktiker und Esoteriker gibt...“

„Heilpraktiker? Wo soin de denn sei und was ham de damit überhaupt z’doa? Und, was hams no g’sagt, Eso...was?“

„Esoteriker“

„I glab, so was ham mir net. Obwohl vielleicht von de zuagroastn, weil eana in der Stadt die Miete zu teuer is oder sie a Haisl woin, aber in da Stadt net dazoin kenna.“

„Aber der Ministerpräsident hat doch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Bevölkerung auf dem Lande...“

„Ja, des hab i a g’hört. Aber wiea g’sagt: Mia ham koane Heilpraktiker und des Esozeigl scho glei gar net. Mia ham unsa katholische Kirchn, den Herrn Pfarrer und des reicht scho. Vielleicht aber fragens a mal bei dene nach , die net von da san.“

„Also bei jenen, meinen Sie, mit denen sich die Einheimischen beim Spaziergang vermischt haben.“

„Ja, genau. Sie ham‘s verstanden. Weil streng g’nomma san ma ja alle, die da leben, irgendwie Einheimische. Zumindest dem Gesetz nach, net wahr? Sollt eigentlich für überoi guitn, moanans net a? Weil, so hob i des immer g’lernt und g’hört: Vor dem Gesetz sind alle gleich. Also, was soll des überhaupt mit dera Unterscheidung von Hiesigen und Nichthiesigen?“

„Sie meinen, auf die Spaziergänge bezogen, mache es gar keinen Unterschied, wer da mitgelaufen sei?“

„Ja, genau so ist’s! Und jetzt, pfiad eana Gott!"

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.01.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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